{"numero_id": "bm-bmtnabi-1866-08-25-01", "volume": "bmtnabi_1866-08-25_01", "ocr_sha256": "a8f46705e959abb2f37f24d517ff7f98a3d61eb46972af691f9f391ee168a903", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1866/08/25_01/bmtnabi_1866-08-25_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660825-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1866-08-25-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1866-08-25_01#c001", "volume": "bmtnabi_1866-08-25_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "265", "page_fin": "265", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660825-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "265", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660825-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 481, "texte": "Inhalt.\nDis Kunst und die Kleinstaaterei. Der Text von J. S. Bach's Trauer-Ode auf das Ableben der Gemahlin August des\nStarken, der Königin Christiane Eberhardine. Franz Eduard Genast *j*. Tages- und Unterhaltungsbiatt (Köln, Musi-\ncalische Gesellschaft Bielefeld, Wohlthätigkeits-Concert Mainz, Berichtigung Darmstadt, Theater Berlin, Herr von Hülsen\nDresden, Verlobung, Einquartierung, Repertoire der Hofbühne Wien, Operette von Heinr. 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Ihr Ursprung beruht\nauf der hergebrachten Ansicht von der Gunst der Fürsten\nals notwendigem Lebensbalsam für die Kunst, und dann\nfreilich auch auf der Befürchtung einer Gefährdung ihrer\npersönlichen Stellung und der äusseren Verhältnisse der\nKünstler überhaupt.\nWas diese Verhältnisse betrifft, so dürfte wohl unter\nallen Vernünftigen Einstimmigkeit darüber herrschen,\ndass die enorme Steigerung der Ansprüche auf immer\nhöhere Besoldungen hauptsächlich durch die gegenseiti-\ngen Ueberbietungen der Anstellenden hervorgerufen wor-\nden ist, und dass es Zeit sei, den übertriebenen Forde-\nrungen Maass und Ziel zu setzen. Gewiss beneiden wir\nunsererseits dem Künstler am wenigsten eine glänzende\nÄussere Existenz und sind entschiedene Gegner derjenigen\nVolkswirthschafts-Lehrer, welche z. B. die hohen Gagen\nder Sänger desswegen für Verschwendung des Staats-\nVermögens halten, weil eine schöne Stimme eine Natur-\ngabe sei. Als wenn Poesie, Malerei und jegliche Kunst\nnicht ebenfalls auf Naturgabe, auf Genie beruhten! Ge-\nwiss, die Gabe einer schönen Stimme oder eines ausge-\nzeichneten musicalischen Talentes überhaupt hat eben so,\nwie alles Seltene in der Natur, ihren Preis; das Gold\nkann nichts dafür, dass es mehr gilt, als Silber und Kupfer.\nAllein eine bessere Ausgleichung der Remunerationen für\ndas Talent ist allerdings zu wünschen, eine nach Verhält-\nniss der Leistungen gerechtere Vertheilung des Preises\nfür dieselben ist durchweg nothwendig. Wenn daher das\njetzige ungeheure Missverhältniss zwischen dem Honorar\nz. B. des Opern-Componisten und der Sänger seines Wer-\nkes durch die neue Ordnung der Dinge auf gleichmässi-\ngere Grundlagen zurückgeführt würde, so dürfte man\ndies gewiss als einen Vortheil, nicht als einen Nachtheil\nfür die Kunst betrachten.\nUeber die Annahme, dass die Entwicklung der Kunst\nin Deutschland ganz besonders durch die Gunst der klei-\nneren Fürsten gefördert worden, spricht sich die Times,\nbekanntlich das angesehenste Blatt in England, welches\nNiemand des Demokratismus zeihen wird, in einer seiner\njüngsten Nummern unter Anderem also aus:\n„Wir wissen wohl, dass es herkömmlich ist, von dem\nEinflüsse der kleinen deutschen Höfe auf die Fortschritte\nvon Kunst und Literatur zu reden, Gewicht zu legen auf\ndas hochgebildete und doch anspruchslose, ja, gemüth-\nliche geistige Leben, welches sich in diesen abgeschlosse-\nnen und stillen, aber genialen Kreisen entwickelt bat.\nVersuche, das Talent zu unterstützen, es durch königliche\nHuld, durch höfische Gunst, durch sociale Auszeichnung\nzu heben, sind von einzelnen deutschen Fürsten in launen-\nhaften Anfällen gemacht worden; wir alle wissen, welch"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "266", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660825-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5368, "texte": "ein Flor von Genie eine Zeit lang am weimarischen Hofe\nblühte, aber es war die Klage eines der Weimarer Sterne,\noder, besser gesagt, es rühmte sich Schiller selbst, dass\n„„kein augustisch Alter blühte, keines Medicäers Güte\nlächelte der deutschen Kunst\"\", dass der deutsche Genius\nwild aufwachsen musste durch eigene Kraft, ohne fürst-\nlicher Gunst etwas schuldig zu werden. Alles Wohlwollen\nund alle Freundschaft eines königlichen Mäcens kann ein\nwirkliches Genie mit der unaussprechlichen Langenweile\ndieser deutschen Residenzen schwerlich versöhnen. Darm-\nstadt, Karlsruhe, Kassel, Hannover und andere sind nur\nvon Fürsten gemachte Städte, und doch gibt es kein Land\nin der Welt, wo vom Volke gemachte Städte, z. B. Frank-\nfurt oder Hamburg, Bremen, oder Nürnberg, oder Augs-\nburg und noch viele andere so aufgeblüht sind, wie in\nDeutschland. Der kölner und der strassburger Dom kön-\nnen es wohl aufnehmen mit den münchener Bauten; kost-\nbare Gemälde-Sammlungen sind in den baierischen und\nsächsischen Hauptstädten zusammengebracht, aber die\ndüsseldorfer Schule, welche ihre Blüthe keinem fürstlichen\nSchutze verdankt, wetteifert mit Erfolg mit denen von\nMünchen und Dresden\", und setzen wir hinzu—Musik-\nstädte wie Leipzig und Köln verdanken Nichts fürstlicher\nGunst, sondern Alles sich selbst.\nAn einer anderen Stelle desselben Aufsatzes heisst es:\n„In einem Orte, wo Jedermann Jedermann kennt, wo\nman jeden Abend im Theater dieselben Gesichter sieht,\ndenen man jeden Nachmittag begegnet, fühlt man sich,\nals wäre selbst die Luft, die man athmet, nicht die eigene.\nEine lauernde, lauschende, klatschende Aufsicht wird not-\nwendiger Weise ausgeübt über jedes Mitglied der Ge-\nmeinschaft. Jeder wird unwissentlich und unwillentlich,\nund wäre es nur, um die Zeit todtzuschlagen, mit seiner\nNachbarn Angelegenheiten beschäftigt und dilettirt als\nPolizei-Spion. Der Despotismus einer kleinen Regierung\nmag nicht hart sein, aber er ist allgegenwärtig, er drän-\ngelt und molestirt euch, wohin ihr nur gebt. Es ist nicht\nleicht, mit seinem Regenten en zu leben, ohne ihm\ngenaue Rechenschaft zu geben von jedem Schritte, jedem\nWorte, jeder Handlung und jedem Gedanken bei Tage\nund bei Nacht. Lange Gewohnheit kann den Menschen\nan Alles gewöhnen, aber der Mensch schwindet mit der\nbeschränkten Umgebung, die Entwicklung wird gehemmt,\ndie Gedanken werden gedrückt, die Aussichten beschränkt,\nund zu allem dem kommt ein überschwängliches Selbst-\nbewusstsein von der eigenen Wichtigkeit und der des\nkleinen Staates, eine Selbstzufriedenheit aus der Abwesen-\nheit einer Vergleichung im grossen Ganzen und des Wett-\neifers, welche alle individuelle Kraft verzwergt, um Eitel-\nkeit und Einbildung desto mehr auszubilden.\"\nWenn in der obigen Aeusserung, dass Versuche, das\nKunst-Talent zu unterstützen, von einzelnen deutschen\nFürsten „in launenhaften Anfällen\" gemacht worden\nseien, eine Härte gefunden werden kann, indem es keinem\nZweifel unterliegt, dass viele deutsche Fürsten von wirk-\nlicher Liebe zur Kunst durchdrungen waren und es noch\ndiesen Augenblick sind, so lässt sich doch nicht läugnen,\ndass der unhöfliche Engländer auch gute Gründe hatte,\neine solche Sprache zu führen. Oder war, um nur auf\nneueste Beispiele hinzuweisen, die Gunst, auf welche Liszt\nsich steifte, um aus Weimar einen, wie ehedem poeti-\nschen, so jetzt musicalischen Centraipunkt zu machen, und\ndie Unterstützung, mit welcher Richard Wagner sein Pro-\nject einer Musteroper und Tonkunstschule in München\ndurchzusetzen versuchte, waren die Begünstigungen dieser\nbeiden Tonkünstler etwas Anderes, als Ergebnisse fürst-\nlicher Laune?\nAls ein Beleg zu der Schilderung der engen Sphäre\ndes socialen Lebens in kleinen Residenzen, die keine un-\nbeschränkte Meinungsäusserung erlaubt, diene in Bezie-\nhung auf Tonkunst folgende Geschichte.\nUeber die Cultur- und Musik-Zustände in Darmstadt\nschrieb ein Musiker, der aus Gesundheits-Rücksichten\nseinen bisherigen Aufenthalt in einer grossen Stadt mit\neinem je nach Umständen bleibenden oder vorübergehenden\nin der grossherzoglich hessischen Residenz vertauscht hatte,\nim Jahre 1856 einen Bericht für unsere musicalische\nZeitung. Dieser Bericht war im Grunde nur eine Bestä-\ntigung und Ergänzung einer früheren Correspondenz aus\nDarmstadt in der wiener „Monatsschrift\" und sprach sich\nmit derselben Freimüthigkeit und Sachkenntniss über die\ntadelnswerthe Weise aus, in welcher die Musik im Thea-\nter und Concertsaale daselbst getrieben werde. Allein der\nCorrespondent in der wiener „Monatsschrift\", der den\ndarmstädter Boden kannte, war so vorsichtig gewesen,\nsich nicht zu nennen: der unserige hatte seinen Artikel\nunterzeichnet es war der vor zwei Jahren gestorbene\nAnton Schindler. Seine Kritik war scharf, aber mit Sach-\nkenntniss geschrieben, ohne irgendwie persönlich gegen\ndie dortigen fünf Capellmeister und alle anderen Künstler\nzu werden. Indess wurde auch unumwunden mitgetheilt,\ndass der Hauptgrund der herrschenden „Geschmacksver-\nwilderung\" (welche die Monatsschrift behauptete) „im\nästhetischen Geschmacke des höchsten Herrn zu suchen\nsei, der dann für Alle maassgebend würde\".\nAcht Wochen nach dem Abdrucke dieses Artikels\nward uns die Kunde, dass Anton Schindler Darmstadt\nwieder verlassen und sich in Bockenheim (vor den Thoren\nvon Frankfurt) niedergelassen habe. Bald darauf erhielten\nwir umständlichere Nachricht über die Umtriebe und An-"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "267", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660825-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5347, "texte": "feindungen, denen er wegen seiner freien Meinungsäusse-\nrung in Darmstadt ausgesetzt gewesen. In dortigen Blät-\ntern, namentlich der „Muse\", dem „Hessischen Haus-\nfreund\" und anderen, erschienen nicht nur Artikelchen\ngegen ihn in gemeinen und boshaften Ausdrücken, son-\ndern man versuchte sogar, ihn „ wegen Beleidigung des\nhessischen Regentenhauses\" der Polizei zu denunciren!\nJa, man las auch eine perfide Vertheidigung des „Mannes\nvon Charakter, der sich nicht gescheut habe, sogar den\nGrossherzog anzugreifen\" alles, um den Hof gegen den\ngefährlichen Kritiker einzunehmen. Auch die Mitglieder\nder Capelle wurden aufgehetzt, was leicht gelang, da die\nFerien von vier vollen Monaten als um so mehr ungehörig\nvon Schindler gerügt worden waren, als dieselben nicht\nzu Proben für die Winter-Concerte benutzt wurden, de-\nren Gründung damals Capellmeister Schindelmeisser ver-\nanlasst hatte, ohne weder bei dem Publicum, noch bei\ndem Orchester die gehoffte Theilnahme zu finden. Gegen\nSchindler war, wie uns vernünftige Musiker aus Darmstadt\nselbst versicherten, die auch in allen übrigen Dingen gel-\ntende Losung: „Wer dem Hofe widerspricht oder ihn gar\nbeleidigt, hat die ganze Residenz zum Feinde.\"\nSchindler wurde zwar nicht öffentlich belästigt, wie-\nwohl augenscheinlich alles Mögliche in Umtrieb gesetzt\nwurde, um seine Ausweisung durchzusetzen, allein Alles\nzog sich von ihm zurück, selbst Männer und Familien,\ndenen er ein unbefangenes Urtheil nicht nur zutraute,\nsondern die ein solches auch wirklich besassen, aber nicht\ndie Kraft hatten, dem Getratsche und den Ausstreuungen,\nwie sehr der Hof aufgebracht sei, zu widerstehen; ja, aus\neiner Familie von W., mit der Schindler von früher her\nschon befreundet war, wurde er durch eine Zuschrift der\nDame vom Hause verbannt, welche wir haben sie selbst\neingesehen nicht anders als pöbelhaft genannt werden\nkann.\nWie kann also ein kleiner Staat die Kunst wirklich\nfördern, wenn das Urtheil über die Kunst weder im gros-\nsen Publicum der Residenz, noch in der Kritik Sachver-\nständiger frei ist?\nWenn wir nun auch keineswegs mit Richard Wagner\nübereinstimmen, der in seinem „Kunstwerke der Zukunft\"\ndie wahre Blüthe der Kunst erst dann prophezeit, wenn\nalle Staaten untergegangen sind und das souveraine Volk\nmusicirt und Komödie spielt —, eine Ansicht, von der er\nvielleicht durch die Gunst, die ihm einige Fürsten, nament-\nlich der junge König von Baiern, in so reichem Maasse\ngespendet haben, zurückgekommen sein mag —, so lässt\nsich och erwarten, dass allerdings das Volk, das heisst\ndie städtischen Gemeinden und die künstlerischen Vereine,\nsich in dem Maasse mehr und mehr der Kunst annehmen\nwerden, als diese den Mangel an fürstlichen Unterstützun-\ngen wirklich fühlen sollte. Für den Augenblick würde es\nfreilich zu bedauern sein, wenn so gut organisirte Capel-\nlen, wie sie z. B. Hannover und Kassel besitzen, eingehen\nsollten. Allein erstens ist diese Furcht noch keineswegs\nbegründet; es lässt sich vielmehr erwarten, dass die Re-\ngierung von Preussen bei ihren vermehrten Einnahmen\ndie Ausgaben für die Kunst, und speciel für die dramati-\nsche und musicaliscbe, nicht bloss auf die königlichen\nSchauspiele, Oper und Ballet in Berlin beschränken wird.\nZweitens bat die Erfahrung bereits gezeigt, was der Un-\nternehmungs- und der Associationsgeist auch für die\nKunst zu leisten vermögen. Sind es nicht schon jetzt die ver-\nschiedenen Kunstvereine, welche für die Malerei die Rolle\nder fürstlichen Mäcene übernommen haben? Wetteifern\nnicht die Städte des Landes in Errichtung und Ausstattung\nvon Museen mit den Residenzen? Und bleiben denn am\nEnde den fürstlichen Familien bei ihren grossen Privat-\nReichthümern, wenn sie die Kunst um der Kunst willen\nbegünstigen wollen, nicht Mittel genug, diese edle Nei-\ngung in reichem Maasse zu befriedigen? Man denke z. B.\nan die Capelle des Fürsten Esterhazy und ihre Meister\nHaydn, Hummel u. s. w.\nVor Allem frage man sich aber, ob es die Kleinstaa-\nterei war, welche den Sinn für die höhere Tonkunst, für\ndie ernste Gattung der Vocalmusik in Oratorien, Kirchen-\nmusik und Cantaten, und der Instrumentalmusik in Sin-\nfonieen und anderen Orchesterstücken genährt und ge-\npflegt hat. Die Antwort darauf wird sein, dass die von\nden Höfen abhängigen Musik-Institute mit wenigen Aus-\nnahmen ausschliesslich für die Theater vorhanden wa-\nren und mit diesen so viel zu thun hatten, dass ihnen keine\nZeit übrig blieb, ihre Thätigkeit den Aufführungen von\nOratorien und Sinfonieen zu widmen. Dagegen waren\nund sind es die in allen grossen, mittleren und selbst in\nvielen kleinen Städten Deutschlands vorhandenen musica-\nlischen, auf freier Association begründeten Vereine, welche\nunserem Vaterlande bei den Fremden den Namen des\n„Landes der Musik\" erworben haben und welche that-\nsächlich den Sinn für die Kunst überall wach erhalten\nund was besonders schwer in die Wagschale fällt\ndie Masse der Gebildeten vor der „Verwilderung des Ge-\nschmacks\" geschützt haben.\nMan vergleiche nur die gewöhnlichen Programme\nvon Hofconcerten mit den Aufführungen, welche die deut-\nschen Städte, von den kleinsten Musik- und Gesang-Ge-\nsellschaften an bis zu den Vereinigungen kolossaler Kräfte\nbei den Musikfesten, alljährlich zu Stande bringen und als\neine wahrhaft künstlerische Aufgabe ihrer Thätigkeit be-\ntrachten, um einzusehen, dass in Deutschland die Ton-\n\n[*]"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "268", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660825-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3121, "texte": "Kunst dermaassen ins Volk gedrungen ist, dass ihre Biüihe\nnicht von der Protection einiger Höfe mehr oder weni-\nger im Lande abhangt. Gewiss bähen die deutschen Für-\nsten wie für vieles andere Gute, so auch für die Kunst\neine segensreiche Mission gehabt und erfüllt: allein sie\ngehört der Geschichte an; in der Gegenwart tbeilen sie\ndieselbe mit dem Volke, wobei ihnen ihre Einkünfte im-\nmerfort die Mittel geben, sich als Kunstfreunde vor der\nMenge auszuzeichnen, wie dies z. B. bei der hohen Aristo-\nkratie in England der Fall ist, wo der königliche Hof und\ndie Regierung bekanntlich gar nichts für die Tonkunst\nthun.\nDie Besorgnisse, mit denen die Künstlerzunft der\nneuen politischen Aera in Deutschland entgegen sieht,\nscheinen daher jedes nachhaltigen Grundes zu entbehren.\nDass indess auch in dieser Beziehung eine Uebergangs-\nPeriode eintreten könne, wollen wir nicht in Abrede stel-\nlen; allein sie wird für die Tonkunst im Vergleich mit\nanderen Einrichtungen nur in Einzeldingen, etwa für\neinige Theater-Institute, eintreten und ist im Ganzen schon\nim voraus durch die musicalischen Zustände im Volke\nüberwunden.\nDiese sichern uns denn auch in Deutschland vollstän-\ndig gegen die Furcht vor einer Centralisation der Kunst\nund einer Dictatur des Geschmacks, wie sie Paris über\nFrankreich ausübt. Das sonstige Erbübel der Deutschen,\nder Particularismus, ist für die Kunst keines, denn er\nwürde mit dem unvertilgbaren Local-Patriotismus sich\ngegen eine derartige Oberherrlichkeit schon an und für\nsich stemmen. In unseren Tagen aber vollends, wo die\nSing- und Orchester-Vereine und Concert-Institute in\nganz Norddeutschland von Aachen bis Königsberg in\nPreussen in voller Kraft mit stets wachsender Theilnahme\nbestehen, ist an eine musicalische Oberhoheit irgend einer\neinzelnen Stadt, und Berlins wohl am wenigsten, zu den-\nken. Selbst in äusserlichen und unwesentlichen, aber bei\nder Liebe der Deutschen zu Titeln und bei dem Respect\nder Menge vor diesen nicht zu verschmähenden Dingen\nwetteifern die Städte mit den Höfen, und warum sollen\nsie nicht eben so gut wie diese ihre Capellmeister, Musik-\nDirectoren und Concertmeister haben, da über die wahre\nBerechtigung zu dergleichen Ehrentiteln doch nur das\nTalent entscheiden kann, nicht der Vorschlag eines In-\ntendanten, den seine adelige Geburt und nebenbei einiger\nKunst-Dilettantismus zur Hofcharge und zum Kunstrichter-\nAmte in den Augen seines Fürsten befähigen?\nWenden wir schliesslich noch einen Blick auf ein\nstammverwandtes Nachbarland im Westen, auf Holland.\nWas thut in Holland der Hof für die Tonkunst? Antwort:\nGar nichts. Durch wen stehen die musicalischen Zustände\ndort in einer in Deutschland zu wenig gekannten Blüthe*)?\nEinzig und allein durch den Associationsgeist, der ausser\ndem allgemeinen „Vereine zur Beförderung der Tonkunst\"\nin jeder grossen und mittelgrossen Stadt, von denen wir\nnur Amsterdam, Rotterdam, Utrecht, ja, s'Gravenhage\nselbst, die Residenz des Königs, nennen, Musik-Gesell-\nschaften gegründet hat, welche regelmässige Winter-Con-\ncerle veranstalten, deren Programme denen der deutschen\nConcert-Anstalten nichts nachgeben."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1866-08-25-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1866-08-25_01#c003", "volume": "bmtnabi_1866-08-25_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "268", "page_fin": "270", "image_debut": 4, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660825-01.2.3", "titre_corps": "Der Text von J. S. Bach s Trauer-Ode", "titre_sommaire": "Der Text von J. S. Bach s Trauer-Ode", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "268", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660825-01.1.4", "debut_caractere": 3123, "fin_caractere_exclue": 4930, "texte": "Der Text von J. S. Bach s Trauer-Ode\nauf das Ableben der Gemahlin August des Starken, der Königin\nChristiane Eberhardine.\nDie „Trauer-Ode\", welche den Inhalt der dritten\nLieferung des XIII. Jahrgangs der leipziger Ausgabe von\nBach's Werken bildet, ist mit vollem Rechte von Ed. Krü-\nger in seiner kurzen Anzeige in Nr. 32 d. 81. „ein rei-\nches Tonbild\" genannt, „zu dessen bedeutenden Tönen\nder elende Text von Gottsched so sehr in Disharmonie\nsteht, dass der Herausgeber W. Rust sich entschlossen,\neinen angemessenen (Auf Allerseelentag) zu dichten, was\nihm recht gut und den Sängern zu Dank gelungen ist.\"\nAnderer Meinung ist C. H. Bitter, der in seinem\n„Joh. Seb. Bach\", I. B. S. 282 ff., den Text Gottsched's\nabdruckt und hinzufügt: „In der That hatte Bach in die-\nsen schönen, die wahren Empfindungen des Landes in so\nedler Weise darlegenden Worten Gottsched's endlich\neinmal einen Text gefunden, der, wenn auch nicht mu-\nsicalisch geformt, sich doch weit über die platten Alltäg-\nlichkeiten hinaus erhob, welche die Gelegenheitsdichter\nseiner Zeit ihm zu bieten pflegten.\"\nH. Bitter druckt den Text nicht so ab, wie er Bach\nbei Composition desselben vorgelegen hat, sondern so, wie\nihn eine Trauerschrift: „Das thränende Leipzig\", von Si-\ncul (1727) gibt. Obwohl nun in dieser Recension die\närgste Stelle des Urtextes:\n„Der Ewigkeit saphirnes Haus\nZieht, Fürstin, deine heitern Blicke\nVon unsrer Niedrigkeit zurücke\nUnd tilgt der Erden Dreckbild aus\"\ngeändert und „Dreckbild\" in „Denkbild\" verwandelt wor-\nden ist, so bedarf es doch keines besonderen ästhetischen\nScharfblickes, um mit Rust und Krüger den Text Gott-\nsched's für ungeniessbar zu halten. Wir überlassen Herrn\n\n*) Die Niederrh. Musik-Zeitung wird nächstens in einer Oleber-\nsieht der letzten Saison darauf zurückkommen. /•\nDie Redaction."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "269", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660825-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5192, "texte": "Bitter seine Ansichten über poetische Darstellung, die,\nbeiläufig gesagt, auch in seinem Buche über den Text des\nDon Juan von eigentümlicher Farbe sind, und wollen\nnur dem Allgemeinen bei der Sache, der Anpassung an-\nderer Texte an die Musik Bach'scher Cantaten, einige\nWorte widmen.\nDer Grund, der in dem vorliegenden Falle den Her-\nausgeber Rust nach seinem Vorworte vorzugsweise zu\neinem neuen Texte veranlasst hat, nämlich der Mangel,\nan Theilnahme des gegenwärtigen Geschlechtes für eine\nvor 140 Jahren gestorbene Fürstin, scheint uns nicht\ndurchgreifend zu sein; die historische Theilnahme für ein\nEreigniss, das eine Composition veranlasst hat, kann nur\neinen sehr geringen Theil an der Wirkung der Musik auf\ndas Gemüth der Zuhörer haben.. Nicht die Bedeutung\nder Begebenheit, welche eine Gelegenheits-Composition\nveranlasst hat, entscheidet über den Eindruck der Musik,\nsondern der musicalische Gehalt. Händel's Begräbniss-\nAnthem für die Königin Caroline, dessen Text ebenfalls\nein Trauer- und Preislied für eine verstorbene Fürstin ist,\nmacht durch seine musicalische Schönheit noch heute seine\nWirkung, obwohl kein Mensch bei Anhörung desselben\nan die Tugenden der Königin Caroline denkt; und um\neinen Beweis aus ähnlicher Sphäre anzuführen: Beetho-\nven's „Schlacht bei Vittoria\" und dessen Cantate „Der\nglorreiche Augenblick\" werden trotz der grossen histori-\nschen Erinnerungen bei den Zuhörern doch immer für\nuntergeordnete Erzeugnisse seines Genius gelten, während\nHändel's Dettinger Te Deurn seinen mächtigen Eindruck\nnicht verfehlt, obwohl Niemand dabei an das historische\nEreigniss denkt, welches die Composition feiert.\nNur in einer allgemeineren Hinsicht dürfte Rücksicht\nauf das Historische bei Umänderung eines Textes genom-\nmen werden müssen, in so fern der Text eine Individua-\nlität schildert und dadurch wenigstens in so weit einen\nEinfluss auf die Composition gehabt haben könnte, als die\nMusik überhaupt im Stande ist, im Lyrischen eine solche\nobjective Charakteristik wahr zu machen. Indess möchten\nwir bei der Trauer-Ode Bach's Herrn Rust es nicht ge-\nrade zum Vorwurf machen, dass sein Text aus der Can-\ntate einen Gesang zu einer allgemeinen Todtenfeier macht,\nda er den Gefühlen, die im Urtexte vorherrschen, Aus-\ndruck gibt und sich der Musik ganz gut anschmiegt.\nNäher dem ursprünglichen Gedichte kommt aber die Um-\narbeitung, welche die leipziger Musikalische Zeitung in\nihrer Nr. 21 bringt:\n„O Fürstin, blick' vom Himmelszelt\nHerab auf uns're letzte Gabe\" u. s. w.\nWarum aber diese vielen Worte über eine Sache,\ndie Manchem gleichgültig scheinen mag? Erstens weil\ndiese Trauer-Ode Bach's ein Werk voll bedeutender\nSchönheiten ist, welches in Bezug auf seinen Stil, in wel-\nchem die Polypbonie nicht in demselben Maasse wie in\nanderen vorherrschend ist, und ferner in Hinsicht auf\nForm und Umfang vorzüglich für Gesangvereine und Auf-\nführung in Concerten, wo nur ein Theil mit Gesang gefüllt\nwerden soll, passt und überhaupt geeignet ist, den Sinn\nauch für die kleineren Vocalwerke des grossen Meisters,\ndie so reich an Inhalt sind, zu wecken und zu nähren.\nDem allem steht aber der steife, ursprüngliche Text ent-\ngegen; folglich haben sich sowohl Rust, als der Anony-\nmus in der leipziger Zeitung ein Verdienst um das Werk\nerworben. Es besteht nur aus zehn Nummern (die Reci-\ntative mitgerechnet), darunter drei vierstimmige Chöre.\n1. Chor in H-moll, 4/4-Tact, S. 3 25 der Partitur. 2.\nRecitativ und Arie für Sopran, 4/4-Tact, S.\n26 3l. 3. Recitativ und Arie für Alt, 4/4-Tact, D-dur,\nS. 32 4O. 4. Kurzes Recitativ für Tenor, S. 41. 5.\nSchluss-Chor des ersten Theiles in, H-moll, 2/2-Tact, S.\n42 52, der einzige fugirte Chor. Hierauf folgt als zwei-\nter Theil Nr. 6, Arie für Tenor, E-moll, 3/4-Tact, S.\n55—60. 7. Recitativ und Arioso für Bass, S. 61—62,\nund nach einem Recitativ von sechs Tacten, ebenfalls für\nBass, Nr. 8. Schluss-Chor in H-moll, 12/s-Tact, S. 63 72.\nDie Sonderung in zwei Theile kommt für heutige Auf-\nführungen (in Concerten) nicht in Betracht, da sie nur\ndurch die dazwischen tretende Predigt bei der ersten\nFeier bedingt war.\nZweitens haben wir bei diesem Thema uns darüber\naussprechen wollen, dass die Texte der Bach'schen Can-\ntaten öfter unserem heutigen Geschmacke dermaassen zu-\nwider sind, dass sie der Verbreitung und dem Studium\nder Bach'schen Vocalmusik nachtheilig, oft geradezu hin-\nderlich werden. Eine Umgestaltung vieler von ihnen er-\nscheint uns demnach als geboten.\nEs fragt sich nur: Nach welchen Grundsätzen soll\ndiese geschehen?\nWo das Bibelwort dem Gesang zu Grunde gelegt ist,\nda soll man es lassen stehn oder „stahn\", und nichts\ndazu und nichts davon thun.\nEtwas Anderes ist es mit den Texten, welche die Zeit-\ngenossen Bach's, die damaligen Dichter und versemachen-\nden Gelehrten, dem Componisten geliefert haben. Bei die-\nsen ist eine Aenderung nöthig, von der wir auch zum\nTheil die alten Kirchenlieder nicht ausschliessen; denn\nwir können es nur für mitleidswerthe Beschränktheit oder\nfür pietistische Heuchelei erklären, wenn man Ausdrücke\nwie „Sündenlümmel\", „Dreckbild des Irdischen\" u.s.w.\nals aus innerer Zerknirschung entstanden rechtfertigen\nund jedem Christen zumuthen will, sie in Andacht hinun-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "270", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660825-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1736, "texte": "ter zu würgen. Es ist damit gerade so, als wenn man uns\nzur Pflicht macht, jede Predigt als ein Erbauungsmittel\nhinzunehmen, wenn sie auch nichts enthält, als eine Auf-\nzählung aller menschlichen Laster oder eine Nomenclatur\naller Märtyrer.\nDass mithin andere Texte der Verbreitung von man-\nchen Bach'schen Werken nur förderlich sein können, wird\nschwerlich zu läugnen sein.\nAllein die dazu nöthige Arbeit darf unserer Meinung\nnach nur in einer Umbildung, keineswegs aber in einer\ngänzlichen Neubildung dieser Texte bestehen. Setzen wir\nan deren Stelle moderne Gefühls- und Ausdrucksweise,\nso wird nothwendig auch der Charakter der Musik da-\ndurch verfälscht erscheinen und aus dem Ganzen ein Zwit-\ntergeschöpf werden, das der guten Absicht, für Bach's\nMusik in weiteren musicalischen Kreisen zu wirken, keines-\nwegs entsprechen würde. Wir halten dafür, dass jene\nUmbildung sich nicht auf die Gedanken, Stimmungen und\nGefühle, sondern einzig und allein auf den sprachlichen\nAusdruck derselben erstrecken müsse.\nDie Aufgabe ist nicht so leicht, wie sie scheint, da\nselbstverständlich die Schwierigkeit des Anschmiegens des\nWortausdrucks an den musicalischen eben so zu über-\nwinden bleibt, wie bei gänzlicher Neudichtung*); auch wird\ndie Zahl derer, welche durch Einführung der neuen Texte\ndie Arbeit, die aus Liebe zu Bach gethan worden, prak-\ntisch verwertben, bei der Theilnahmlosigkeit unserer Mu-\nsiker für dergleichen Dinge aus dem Reiche der Aesthe-\ntik nur gering sein. Wer sich der Aufgabe unterzieht,\nwird seinen Lohn in der Anerkennung der Wenigen fin-\nden müssen, die ohne Pedanterei Bach hochhalten und\ngern alles aus dem Wege räumen möchten, was die Er-\nkenntniss seines Genius auch in weiteren musicalischen\nKreisen hemmt."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1866-08-25-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1866-08-25_01#c004", "volume": "bmtnabi_1866-08-25_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "270", "page_fin": "271", "image_debut": 6, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660825-01.2.4", "titre_corps": "Franz Eduard Genast †.", "titre_sommaire": "Franz Eduard Genast †.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "270", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660825-01.1.6", "debut_caractere": 1738, "fin_caractere_exclue": 5229, "texte": "Franz Eduard Genast †.\nEiner der letzten Epigonen aus dem classischen Zeit-\nalter Weimars, einer von jenen, die Goethe persönlich\nnäher standen, Eduard Genast, ist am 3. August in\neinem Alter von 77 Jahren in Wiesbaden gestorben.\nDie Mitglieder des Weimarer Hoftheaters haben folgende\nAnzeige erlassen: „Vorstand und Mitglieder des grossher-\nzoglichen Hoftheaters widmen dem verehrlichen Publicum\ndie Trauer-Nachricht, dass Herr Eduard Genast, Ehren-\nMitglied des grossherzoglichen Hoftheaters, Inhaber des\nRitterkreuzes des grossherzoglich sächsischen und des\nherzoglich Sachsen-Ernestinischen Haus-Ordens, so wie\nder grossherzoglich sächsischen und grossherzoglich hessi-\nschen-Civil-Verdienst-Medaillen, Freitag den 3. d. Mts. zu\nWiesbaden eines schnellen, aber sanften Todes verschie-\nden ist. Fern der Heimath und doch im Kreise der Seini-\ngen, vollendete er ein langes, an Arbeit und Anerkennung\nin nächsten wie in fernsten Kreisen reiches Künstlerleben\nund ward Dinstag den 7. d. Mts. an der Seite seiner am\n15. April 1860 ihm vorangegangenen Kunst- und Le-\nbensgefährtin auf hiesigem Friedhofe bestattet. Sein An-\ndenken wird unter uns und in der Geschichte des deut-\nschen Theaters in Ehren bleiben.\"\nGenast war zu Weimar im Jahre 1789 geboren,\nwurde, nachdem er die akademischen Studien zurückge-\nlegt, durch die besten Meister, deren sich die weimar'-\nsche Bühne bekanntlich von lange her in edlem Stolze\nerfreute, gebildet. Die Geschichte seiner äusseren Lebens-\nbegebenheiten dürfte, wenn wir uns nicht bei seinen ein-\nzelnen Reisen besonders aufhalten wollen, nicht weiter zu\nverfolgen sein; nur seine künstlerischen Leistungen selbst\nziehen die Aufmerksamkeit auf sich. Denen zufolge ist er\ndenn zunächst immer eine höchst wichtige und auf der\nhistorischen Tafel aufzeicbnenswerthe Erscheinung in der\nOper. Seine Darstellungen des Don Juan z. B. und solcher\nPartieen, die sich in musicalischer Hinsicht dieser anreihen\nlassen, gehören zu den gelungensten, besten seiner Zeit,\nund nicht ohne Verdienst ward er desshalb auch, nebst\nseiner Gattin, einer geborenen Böhler, Schwester der\nMadame Devrient in Hamburg, durch welche er als ein\nkräftiger Zweig jener hochberühmten Künstlerfamilie an-\ngereiht wurde, der Liebling von Weimar, Leipzig, Ham-\nburg und wo er war, und wurde nicht selten selbst dem\nals stimmbegabteren Sänger unstreitig höher stehenden\nBlume in Berlin vorgezogen. Gleichwohl aber findet Genast\nweniger als Sänger, denn als Musiker überhaupt seine\nStelle, da seine Stimme, tiefer Bariton, zwar angenehm\nklingend, aber durchaus von keinem grossen Volumen war,\nund er hauptsächlich nur durch seinen Vortrag und treff-\nliche Mimik, die, wie andere Attribute, ihn auch später\nbeim Schwinden seiner Stimmmittel dem Schauspiele ganz\nzuführte, zu jenem Ansehen gelangte, dahingegen aber seit\nlange schon alle seine Nebenstunden mit solchem anhal-\ntenden Eifer vielfachen Tondichtungen widmete, dass diese\nschon aliein seinen Namen aufs ehrenvollste in das Ge-\ndächtniss eines jeden Musikers zurückrufen. Dahin gehö-\n\n*) Nicht bloss auf die Gesangstimmen, auch auf die Instrumen-\ntal-Begleitung muss Rücksicht genommen werden; wenn z. B. in\nder „Trauer-Odew die Anfangsworte der fünften Strophe so geändert\nwürden, dass von dem „bebenden Glockentone\" nicht mehr die Rede\nwäre, so würde die Nachahmung der kleinen Glocken durch die\nPizzicati der Violinen und Bratschen und der grossen durch den\nContrabass gegenstandlos sein, wiewohl das Ganze nur eine Spie-\nlerei ist."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "271", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660825-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1407, "texte": "Ren z. B. und vornehmlich alle Werke, die er ursprüng-\nlich für die Liedertafel zu Weimar schuf, und die sich\nzugleich, nicht gering an Zahl, auch in anderen nicht zu\nungeübten Männer-Gesangvereinen guten Eingang ver-\nschafften. Auch einige Opern wurden von dem strebsamen\nManne bekannt und hier und da nicht ohne Erfolg aufge-\nführt. Eine Composition: »Des Hauses letzte Stunde\",\nGedicht von Saphir, für eine Bass- oder Baritonstimme\nmit Orchester- und Pianoforte-Begleitung ist nicht ohne\nVerdienst. Die späteren Jahre seiner Thätigkeit gehören\nder Schauspielkunst allein an, er galt als einer der intelli-\ngentesten Regisseure. Seine musicalischen Bestrebungen\ntraten in den Hintergrund. Er glänzte noch in den fünf-\nziger Jahren als vorzüglicher Charakter-Darsteller. Auch\nWien kannte sein Talent aus einem Gastspiele, das im\nMai 1847 am Hof-Burgtheater Statt fand. Seit ungefähr\nsechs Jahren lebte er von der Bühne gänzlich zurückgezogen.\nDie Weimarer Bühne bereitete damals dem Jubilanten eine\nsolenne Abschiedsfeier. Die nunmehrige Zeit seiner Müsse\nwidmete er schriftstellerischen Arbeiten, von welchen na-\nmentlich seine Memoiren durch das reiche Material an\nErlebnissen in der Lesewelt Aufsehen zu machen nicht\nverfehlten. Weimar und gewiss alle, die ihn kannten, ver-\nehrten in ihm einen der liebenswürdigsten und auserlese-\nnen Geister, die durch Umgang und reiche Bildung be-\nfruchtend wirkten."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1866-08-25-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1866-08-25_01#c005", "volume": "bmtnabi_1866-08-25_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "271", "page_fin": "272", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660825-01.2.5", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "271", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660825-01.1.7", "debut_caractere": 1409, "fin_caractere_exclue": 6983, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nKöln. In der letzten Sitzung der musicalischen Gesellschaft\ntrug Herr Capellmeister Bernhard Scholz ein Concert in O-dur\nfür Pianoforte und Orchester mit Beifall vor. In dem ersten Allegro\nglaubten wir eine frühere Arbeit des talentvollen Componisten zu\nerkennen; nichts desto weniger sprach uns dieser erste Satz vor-\nzugsweise an. Allgemeine' Vorzüge der Composition sind Klarheit\nund gewandte Behandlung der Form und des Solo-Instruments nach\nArt der Mozart'schen und Beethoven'schen Concerte.\nBielefeld, 20. August*). Der Glanzpunkt des zweiten Con-\ncertes für die Verwundeten war die Baronin Vigier, geb. Crüvel,\nvon hier, welche unter dem Künstlernamen Sophie Cruvelli bekannt-\nlich ihre Laufbahn in Italien begann und in Paris auf das glän-\nzendste fortsetzte, bis sie auf den Wunsch ihres Gatten sich von\nder Bühne zurückzog. Wer sie in ihrer letzten Zeit des öffentlichen\nWirkens in Paris gesehen, der wird sich der schönen Erscheinung,\ndes stets mit einer gewissen Noblesse versehenen, zuweilen gemes-\nsenen Spiels und der schönen Stimmmittel, so wie der grossen tech-\nnischen Meisterschaft der Sängerin gern erinnern, und gespannt\n*) Es ist uns nicht möglich, die Berichte, die uns über die\nvielen Concerte zugehen, welche zum Besten der Verwundeten in\nden Städten von Rheinland und Westfalen gegeben werden, aufzu-\nnehmen. Mit dem obigen machen wir desshalb eine Ausnahme, weil\ner Notizen über eine berühmte deutsche Sängerin enthält, welche\nihre früheren Verehrer in Deutschland interessiren werden.\nDie Redaction.\nsein, zu erfahren, welchen Einfluss die Wandelung der äusseren\nVerhältnisse auf dieselbe ausgeübt. Die Wahl der Vortragsstücke\nwar nun auch dazu angethan, sie von mehreren Seiten kennen zu\nlernen. Eine Romanze von Robaudi, einem savoyischen Bersaglieri-\nOfficier, in ihrer dilettantischen Einfachheit zeigte, was eine über-\nlegte und dem Componisten wohlwollende Wiedergabe vermag. In\ntechnischer Beziehung interessanter war das zweite Duett der Semi-\nramis und des Arsace aus Rossini's Oper, welches sie mit ihrer\ndiesen Abend nicht vortheilhaft disponirten Schwester Marie Cru-\nvelli vortrug. Vollständige Sicherheit des Effectes, grosse Präcision\nin Anwendung der Dynamik und brillante Kehlfertigkeit kennzeich-\nneten ihren Part in auszeichnender Weise. Weniger gelang ihr,\nder unserem Vaterlande Entfremdeten, Schubert's Lied „Am Meer\",\ndas sie wahrscheinlich aus Liebhaberei für die tiefen Lagen nach\nEs-dur transponirt hatte und mit einer schwer zu rechtfertigenden Aen-\nderung der letzten vier Tacte nicht zu der Wirkung zu bringen\nwusste, die von einer Sängerin dieses Ranges zü beanspruchen ist.\nDie Liebhaberei für die tiefen Lagen der Stimme hat die Baronin\nVigier auch auf einen Gedanken gebracht, der kaum zu entschuldi-\ngen ist. Er ist, das Duett aus dem Troubadour von Verdi zwischen\nManrico und Leonore mit dem Miserere der Mönche nur mit Be-\ngleitung dieses Chors für sich allein im Concerte vorzutragen. Na-\ntürlich fällt die Tenor-Partie, wo sie mit der des Soprans zusam-\nmengeht, fort, einmal muss sogar die Schlussnote des Tenors aus-\nbleiben, statt deren ein prägnanter Einsatz des Soprans eintritt.\nAbgesehen hiervon werden die Intentionen des Componisten durch\neine solche Aufhebung des Wesentlichen im Duett, dass nämlich\nZwei singen und nicht Einer, geschädigt und der Zuhörer irre ge-\nleitet. Da die Concert-Veranstalterin aber in Turin und in Paris\nvor Kurzem in ähnlichen Wohlthätigkeits-Concerten dasselbe Kunst-\nstück ausgeführt, so war man zum Mindesten auf dessen Gelingen\nneugierig. Hier stellte sich nun der Uebelstand ein, den ein jeder\nStimmkundige schon vorher als sehr bedenklich bezeichnen musste.\nDer Sopran der Baronin Vigier blieb, trotz der Kunst, den tieferen\nTönen übrigens ging sie nicht unter das eingestrichene c eine\nandere Klangfarbe zu geben, immer eine Frauenstimme und nahm\nnur den Charakter eines forcirten Altregisters an, welcher in klang-\nlicher Beziehung beinahe der Gegensatz der gleichen (hohen) Lage\ndes männlichen Tenors genannt werden kann. Dieser mit seinem\ndas kälteste Herz hinschmelzenden süssen Zauber der hohen Töne\nkann nie durch weiblichen Kehlton ersetzt werden, der im Gegen-\ntheil etwas Dämonisches, Hartes und Erschreckendes hat. Bei der\nvorzüglichen Ausführung verfehlte sie auch mit diesem Stücke\nnicht den Beifall der Masse, doch schüttelten Viele den Kopf dazu.\nDen Schluss machte sie mit ihren beiden Schwestern und hatte\nhierzu das Terzett aus des „Heilands letzten Stunden\" von Spohr\ngewählt. Es wurde recht gut, auch was die Auffassung anbetrifft,\ngesungen und musste wiederholt werden. Im Ganzen war ein we-\nsentlicher Unterschied zwischen jetzt und früher bei der Sängerin\nnicht wahrzunehmen. Gleich ihrer äusseren Erscheinung ist ihre\nStimme von der Zeit bis jetzt vollständig unberührt geblieben. Die\nso vortheilhafte Veränderung der äusseren Lage scheint sie aber\nunserer deutschen Musik noch mehr entfremdet zu haben, und die\nFreiheit, welche sie jetzt bei der Wahl der Musikstücke sich neh-\nmen kann, da sie nur bei besonderer Gelegenheit aus Gefälligkeit\nauftritt, hat sie dieses Mal bei der Romanze, dem Duett aus dem\nTroubadour und den Aenderungen des Schubert'schen Liedes nicht\nzum Vortheil der Kunst ausgeübt. Dass das Concert einen enormen\nBesuch erfuhr es haben gegen 200 Personen zurückgewiesen\nwerden müssen —, wrar zu erwarten.\nMainz. Die aus anderen Journalen in unser Blatt überge-\ngangene Nachricht, dass das Theater in Frankfurt am Main ge-\nschlossen und die Mitglieder desselben auf halbe Gage gesetzt wor-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "272", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660825-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4338, "texte": "den seien, berichtigen wir hiermit dahin, dass das frankfurter Theater\ngar nicht geschlossen wurde und die Verwaltung desselben den\nMitgliedern gegenüber stets ihren Verbindlichkeiten in vollem, un-\ngeschmälertem Maasse gerecht wurde, was unter den obwaltenden\nUmständen gewiss alle Anerkennung verdient. (Südd. M.-Z.)\nSicheren Nachrichten aus Darmstadt zufolge soll das dortige\nTheater am 15. September wieder eröffnet werden.\nBerlin* Die Nachricht, dass Herr von Hülsen auch zum\nIntendanten der Theater zu Hannover und Kassel ernannt sei, be-\nstätigt sich nicht.\nDas diesjährige Musikfest der elsässischen Gesangvereine findet\nin Benfeld am Niederrheine Statt.\nDresden* Die Hof-Opernsängerin Fräulein Melita Alvs-\nleben hat sich mit Herrn Actuar Max Otto verlobt, wird aber\nauch nach ihrer Vermählung dem königlichen Hoftheater in Dres-\nden erhalten bleiben.\nBei der mannigfachen Einquartierung, welche Dresden in der\nletzten Zeit erhielt, ereignete es sich, dass ein preussischer Land-\nwehrmann durch Zufall in dasselbe Haus zu liegen kam, wo er vor\neinem Jahre als Sängergast gewohnt hatte.\nMan schreibt aus Dresden vom 12. August: Das Repertoire\nder königlichen Hofbühne bestand während der ersten acht Tage\nnach Wiedereröffnung derselben nur aus classischen Werken, denn\nder „Antigone\" folgten die Tragödien „Emilia Galotti\" und „Othello\",\ndie Opern „Fidelio\", „Jakob und seine Söhne\", „Freischütz\", „Fi-\ngaro's Hochzeit\". In Beethoven's „Fidelio\" sang Frau Blume als\nzweite Antritts-Partie die Leonore. Die Sängerin bewährte auch\ndiesmal ihr Talent, ihre tüchtige künstlerische Bildung und wusste\nihre schönen Stimmmittel bestens zur Geltung zu bringen. Dennoch\nsteht diese Leistung ihrer Donna Anna in „Don Juan\" in vieler\nBeziehung nach. Eine ganz besonders schöne Aufführung war die\nvon „Jakob und seine Söhne\". Mit der Partie des Joseph\nnahm Herr Tichatschek nach längerer Unterbrechung seine Thä-\ntigkeit an hiesiger Hofbühne wieder auf.\n\\\\ ieil, 7. August. Heinrich Stiehl, ein talentvoller Com-\nponist aus Petersburg, der sich durch seine Kammermusik-Werke,\nzumal seine Trio's, in den musicalischen Kreisen einen guten Na-\nmen erworben hat, befindet sich in Wien und steht mit hiesigen\nBühnen in Unterhandlung wegen Aufführung seiner in Petersburg\nmit grossem Beifalle gegebenen einactigen Operette: ~Jery und\nBätely\" (Text von Goethe). Wir hatten Gelegenheit, das Werk\nkennen zu lernen, und möchten ihm, wird es anders mit einigem\nGeschick von guten Kräften vorgetragen, einen Erfolg vorhersagen.\nObgleich sehr sorgfältig gearbeitet, sind die Musikstücke vorwiegend\nmelodisch und dabei von einer Feinheit der künstlerischen Empfin-\ndung, die wohlthuend absticht von der Frivolität und rafiinirten\nEffect- und Windmacherei des modernen Operetten-Genres. Obgleich\nstreng genommen bloss Liederspiel und vorwiegend lyrischer Natur,\nist die charakteristische Behandlung nichts desto weniger überall\nins Auge gefasst. Es ist auch in der That die höchste Zeit, dass in\nder Operette wieder ein anständiger, künstlerischer Ton angeschla-\ngen werde, und schon dieses Streben allein verdient, dass man von\nihm mit Genugthuung Notiz nimmt und diese Notiznahme auch\nSeitens der Theater-Institute entschieden und dringend befürworten\nmuss. (Zelln. 81. f. Th. u. M.)\nParis« Verdi's „Don Carlos\" mit französischem Texte für\ndie grosse Oper ist folgender Maassen besetzt: Elisabeth von Valois,\nMarie Sax; Eboli, Mad. Gueymard; Don Carlos, Mor&re (Tenor);\nMarquis Posa, Faure (Bariton); Philipp 11., Obin; der Gross-Inqui-\nsitior, Belval; ein Mönch, David.\nAm 15. August ist Gounod zum Officier, Alary zum Ritter\nder Ehrenlegion ernannt worden. Auch mehrere Journalisten von\nder musicalischen Presse sind decorirt worden.\nUllman wird nach der Tour durch Frankreich auch Italien be-\nreisen, dem Vernehmen nach mit Carlotta Patti, Alfred Jaell, Si-\nvori und Piatti.\nAm 2. August begannen im Palais-Royal-Theater die Proben\nzu Offenbach's neuer Operette „Za Visionu, Text von Meilhac\nund Halevy.\nOle Bull hat sich wieder seinem skandinavischen Vaterlande\nzugewandt. Er hat in Helsingfors zwei Concerte mit grossem Er-\nfolge gegeben.\nIn Kopenhagen wird ein Conservatorium der Musik unter\nLeitung der Herren Niels W. Gade, J. P. E. Hartmann und Paulli\ngegründet. Alle Zöglinge müssen an den Ciavier-, Theorie- und\nChorgesang-Stunden Theil nehmen."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "265", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660825-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nDis Kunst und die Kleinstaaterei. Der Text von J. S. Bach's Trauer-Ode auf das Ableben der Gemahlin August des\nStarken, der Königin Christiane Eberhardine. Franz Eduard Genast *j*. Tages- und Unterhaltungsbiatt (Köln, Musi-\ncalische Gesellschaft Bielefeld, Wohlthätigkeits-Concert Mainz, Berichtigung Darmstadt, Theater Berlin, Herr von Hülsen\nDresden, Verlobung, Einquartierung, Repertoire der Hofbühne Wien, Operette von Heinr. Stiehl Paris, Verdi's Don Carlos u. s. w*).\n\nDie Kunst und die Kleinstaaterei.\nEs ist ganz natürlich, dass bei der jetzigen Umge-\nstaltung von Deutschland neben der Begriissung eines\nauftauchenden kräftigern, politischen Lebens im Vaterlande\nund einer grösseren Machtstellung desselben unter Preus-\nsens Führung die Anhänger des Particularismus zur Recht-\nfertigung ihres Achselzuckens über die neue Ordnung der\nDinge unter Anderem auch den Verfall der Kunst pro-\nphezeien, weil sie eines grossen Theiles ihrer edelsten\nGönner durch die Verminderung der Zahl souverainer\nFürsten beraubt werde, Wiewohl diese Theilnahme für\ndas künftige Schicksal der Kunst vorzüglich von Kreisen\nausgeht, welche die Kunst meist nur als eine Zerstreuung\nfür ihren hohen Herrn betrachteten und als ein willkom-\nmenes Mittel, eine einflussreiche Rolle bei Hofe zu spielen\nnnd über die Künstler-Gesellschaft einer Residenz eine\nOberhoheit auszuüben, welche nie vergass, den Abstand\nzwischen Adel der Geburt und Adel des Talentes recht\nfühlbar zu machen, so hat sich doch eine ähnliche Be-\nsorgniss für die Zukunft der Kunst auch bei einem Theile\nder Kunstgenossen selbst eingenistet. Ihr Ursprung beruht\nauf der hergebrachten Ansicht von der Gunst der Fürsten\nals notwendigem Lebensbalsam für die Kunst, und dann\nfreilich auch auf der Befürchtung einer Gefährdung ihrer\npersönlichen Stellung und der äusseren Verhältnisse der\nKünstler überhaupt.\nWas diese Verhältnisse betrifft, so dürfte wohl unter\nallen Vernünftigen Einstimmigkeit darüber herrschen,\ndass die enorme Steigerung der Ansprüche auf immer\nhöhere Besoldungen hauptsächlich durch die gegenseiti-\ngen Ueberbietungen der Anstellenden hervorgerufen wor-\nden ist, und dass es Zeit sei, den übertriebenen Forde-\nrungen Maass und Ziel zu setzen. Gewiss beneiden wir\nunsererseits dem Künstler am wenigsten eine glänzende\nÄussere Existenz und sind entschiedene Gegner derjenigen\nVolkswirthschafts-Lehrer, welche z. B. die hohen Gagen\nder Sänger desswegen für Verschwendung des Staats-\nVermögens halten, weil eine schöne Stimme eine Natur-\ngabe sei. Als wenn Poesie, Malerei und jegliche Kunst\nnicht ebenfalls auf Naturgabe, auf Genie beruhten! Ge-\nwiss, die Gabe einer schönen Stimme oder eines ausge-\nzeichneten musicalischen Talentes überhaupt hat eben so,\nwie alles Seltene in der Natur, ihren Preis; das Gold\nkann nichts dafür, dass es mehr gilt, als Silber und Kupfer.\nAllein eine bessere Ausgleichung der Remunerationen für\ndas Talent ist allerdings zu wünschen, eine nach Verhält-\nniss der Leistungen gerechtere Vertheilung des Preises\nfür dieselben ist durchweg nothwendig. Wenn daher das\njetzige ungeheure Missverhältniss zwischen dem Honorar\nz. B. des Opern-Componisten und der Sänger seines Wer-\nkes durch die neue Ordnung der Dinge auf gleichmässi-\ngere Grundlagen zurückgeführt würde, so dürfte man\ndies gewiss als einen Vortheil, nicht als einen Nachtheil\nfür die Kunst betrachten.\nUeber die Annahme, dass die Entwicklung der Kunst\nin Deutschland ganz besonders durch die Gunst der klei-\nneren Fürsten gefördert worden, spricht sich die Times,\nbekanntlich das angesehenste Blatt in England, welches\nNiemand des Demokratismus zeihen wird, in einer seiner\njüngsten Nummern unter Anderem also aus:\n„Wir wissen wohl, dass es herkömmlich ist, von dem\nEinflüsse der kleinen deutschen Höfe auf die Fortschritte\nvon Kunst und Literatur zu reden, Gewicht zu legen auf\ndas hochgebildete und doch anspruchslose, ja, gemüth-\nliche geistige Leben, welches sich in diesen abgeschlosse-\nnen und stillen, aber genialen Kreisen entwickelt bat.\nVersuche, das Talent zu unterstützen, es durch königliche\nHuld, durch höfische Gunst, durch sociale Auszeichnung\nzu heben, sind von einzelnen deutschen Fürsten in launen-\nhaften Anfällen gemacht worden; wir alle wissen, welch"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "266", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660825-01.1.2", "texte": "ein Flor von Genie eine Zeit lang am weimarischen Hofe\nblühte, aber es war die Klage eines der Weimarer Sterne,\noder, besser gesagt, es rühmte sich Schiller selbst, dass\n„„kein augustisch Alter blühte, keines Medicäers Güte\nlächelte der deutschen Kunst\"\", dass der deutsche Genius\nwild aufwachsen musste durch eigene Kraft, ohne fürst-\nlicher Gunst etwas schuldig zu werden. Alles Wohlwollen\nund alle Freundschaft eines königlichen Mäcens kann ein\nwirkliches Genie mit der unaussprechlichen Langenweile\ndieser deutschen Residenzen schwerlich versöhnen. Darm-\nstadt, Karlsruhe, Kassel, Hannover und andere sind nur\nvon Fürsten gemachte Städte, und doch gibt es kein Land\nin der Welt, wo vom Volke gemachte Städte, z. B. Frank-\nfurt oder Hamburg, Bremen, oder Nürnberg, oder Augs-\nburg und noch viele andere so aufgeblüht sind, wie in\nDeutschland. Der kölner und der strassburger Dom kön-\nnen es wohl aufnehmen mit den münchener Bauten; kost-\nbare Gemälde-Sammlungen sind in den baierischen und\nsächsischen Hauptstädten zusammengebracht, aber die\ndüsseldorfer Schule, welche ihre Blüthe keinem fürstlichen\nSchutze verdankt, wetteifert mit Erfolg mit denen von\nMünchen und Dresden\", und setzen wir hinzu—Musik-\nstädte wie Leipzig und Köln verdanken Nichts fürstlicher\nGunst, sondern Alles sich selbst.\nAn einer anderen Stelle desselben Aufsatzes heisst es:\n„In einem Orte, wo Jedermann Jedermann kennt, wo\nman jeden Abend im Theater dieselben Gesichter sieht,\ndenen man jeden Nachmittag begegnet, fühlt man sich,\nals wäre selbst die Luft, die man athmet, nicht die eigene.\nEine lauernde, lauschende, klatschende Aufsicht wird not-\nwendiger Weise ausgeübt über jedes Mitglied der Ge-\nmeinschaft. Jeder wird unwissentlich und unwillentlich,\nund wäre es nur, um die Zeit todtzuschlagen, mit seiner\nNachbarn Angelegenheiten beschäftigt und dilettirt als\nPolizei-Spion. Der Despotismus einer kleinen Regierung\nmag nicht hart sein, aber er ist allgegenwärtig, er drän-\ngelt und molestirt euch, wohin ihr nur gebt. Es ist nicht\nleicht, mit seinem Regenten en zu leben, ohne ihm\ngenaue Rechenschaft zu geben von jedem Schritte, jedem\nWorte, jeder Handlung und jedem Gedanken bei Tage\nund bei Nacht. Lange Gewohnheit kann den Menschen\nan Alles gewöhnen, aber der Mensch schwindet mit der\nbeschränkten Umgebung, die Entwicklung wird gehemmt,\ndie Gedanken werden gedrückt, die Aussichten beschränkt,\nund zu allem dem kommt ein überschwängliches Selbst-\nbewusstsein von der eigenen Wichtigkeit und der des\nkleinen Staates, eine Selbstzufriedenheit aus der Abwesen-\nheit einer Vergleichung im grossen Ganzen und des Wett-\neifers, welche alle individuelle Kraft verzwergt, um Eitel-\nkeit und Einbildung desto mehr auszubilden.\"\nWenn in der obigen Aeusserung, dass Versuche, das\nKunst-Talent zu unterstützen, von einzelnen deutschen\nFürsten „in launenhaften Anfällen\" gemacht worden\nseien, eine Härte gefunden werden kann, indem es keinem\nZweifel unterliegt, dass viele deutsche Fürsten von wirk-\nlicher Liebe zur Kunst durchdrungen waren und es noch\ndiesen Augenblick sind, so lässt sich doch nicht läugnen,\ndass der unhöfliche Engländer auch gute Gründe hatte,\neine solche Sprache zu führen. Oder war, um nur auf\nneueste Beispiele hinzuweisen, die Gunst, auf welche Liszt\nsich steifte, um aus Weimar einen, wie ehedem poeti-\nschen, so jetzt musicalischen Centraipunkt zu machen, und\ndie Unterstützung, mit welcher Richard Wagner sein Pro-\nject einer Musteroper und Tonkunstschule in München\ndurchzusetzen versuchte, waren die Begünstigungen dieser\nbeiden Tonkünstler etwas Anderes, als Ergebnisse fürst-\nlicher Laune?\nAls ein Beleg zu der Schilderung der engen Sphäre\ndes socialen Lebens in kleinen Residenzen, die keine un-\nbeschränkte Meinungsäusserung erlaubt, diene in Bezie-\nhung auf Tonkunst folgende Geschichte.\nUeber die Cultur- und Musik-Zustände in Darmstadt\nschrieb ein Musiker, der aus Gesundheits-Rücksichten\nseinen bisherigen Aufenthalt in einer grossen Stadt mit\neinem je nach Umständen bleibenden oder vorübergehenden\nin der grossherzoglich hessischen Residenz vertauscht hatte,\nim Jahre 1856 einen Bericht für unsere musicalische\nZeitung. Dieser Bericht war im Grunde nur eine Bestä-\ntigung und Ergänzung einer früheren Correspondenz aus\nDarmstadt in der wiener „Monatsschrift\" und sprach sich\nmit derselben Freimüthigkeit und Sachkenntniss über die\ntadelnswerthe Weise aus, in welcher die Musik im Thea-\nter und Concertsaale daselbst getrieben werde. Allein der\nCorrespondent in der wiener „Monatsschrift\", der den\ndarmstädter Boden kannte, war so vorsichtig gewesen,\nsich nicht zu nennen: der unserige hatte seinen Artikel\nunterzeichnet es war der vor zwei Jahren gestorbene\nAnton Schindler. Seine Kritik war scharf, aber mit Sach-\nkenntniss geschrieben, ohne irgendwie persönlich gegen\ndie dortigen fünf Capellmeister und alle anderen Künstler\nzu werden. Indess wurde auch unumwunden mitgetheilt,\ndass der Hauptgrund der herrschenden „Geschmacksver-\nwilderung\" (welche die Monatsschrift behauptete) „im\nästhetischen Geschmacke des höchsten Herrn zu suchen\nsei, der dann für Alle maassgebend würde\".\nAcht Wochen nach dem Abdrucke dieses Artikels\nward uns die Kunde, dass Anton Schindler Darmstadt\nwieder verlassen und sich in Bockenheim (vor den Thoren\nvon Frankfurt) niedergelassen habe. Bald darauf erhielten\nwir umständlichere Nachricht über die Umtriebe und An-"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "267", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660825-01.1.3", "texte": "feindungen, denen er wegen seiner freien Meinungsäusse-\nrung in Darmstadt ausgesetzt gewesen. In dortigen Blät-\ntern, namentlich der „Muse\", dem „Hessischen Haus-\nfreund\" und anderen, erschienen nicht nur Artikelchen\ngegen ihn in gemeinen und boshaften Ausdrücken, son-\ndern man versuchte sogar, ihn „ wegen Beleidigung des\nhessischen Regentenhauses\" der Polizei zu denunciren!\nJa, man las auch eine perfide Vertheidigung des „Mannes\nvon Charakter, der sich nicht gescheut habe, sogar den\nGrossherzog anzugreifen\" alles, um den Hof gegen den\ngefährlichen Kritiker einzunehmen. Auch die Mitglieder\nder Capelle wurden aufgehetzt, was leicht gelang, da die\nFerien von vier vollen Monaten als um so mehr ungehörig\nvon Schindler gerügt worden waren, als dieselben nicht\nzu Proben für die Winter-Concerte benutzt wurden, de-\nren Gründung damals Capellmeister Schindelmeisser ver-\nanlasst hatte, ohne weder bei dem Publicum, noch bei\ndem Orchester die gehoffte Theilnahme zu finden. Gegen\nSchindler war, wie uns vernünftige Musiker aus Darmstadt\nselbst versicherten, die auch in allen übrigen Dingen gel-\ntende Losung: „Wer dem Hofe widerspricht oder ihn gar\nbeleidigt, hat die ganze Residenz zum Feinde.\"\nSchindler wurde zwar nicht öffentlich belästigt, wie-\nwohl augenscheinlich alles Mögliche in Umtrieb gesetzt\nwurde, um seine Ausweisung durchzusetzen, allein Alles\nzog sich von ihm zurück, selbst Männer und Familien,\ndenen er ein unbefangenes Urtheil nicht nur zutraute,\nsondern die ein solches auch wirklich besassen, aber nicht\ndie Kraft hatten, dem Getratsche und den Ausstreuungen,\nwie sehr der Hof aufgebracht sei, zu widerstehen; ja, aus\neiner Familie von W., mit der Schindler von früher her\nschon befreundet war, wurde er durch eine Zuschrift der\nDame vom Hause verbannt, welche wir haben sie selbst\neingesehen nicht anders als pöbelhaft genannt werden\nkann.\nWie kann also ein kleiner Staat die Kunst wirklich\nfördern, wenn das Urtheil über die Kunst weder im gros-\nsen Publicum der Residenz, noch in der Kritik Sachver-\nständiger frei ist?\nWenn wir nun auch keineswegs mit Richard Wagner\nübereinstimmen, der in seinem „Kunstwerke der Zukunft\"\ndie wahre Blüthe der Kunst erst dann prophezeit, wenn\nalle Staaten untergegangen sind und das souveraine Volk\nmusicirt und Komödie spielt —, eine Ansicht, von der er\nvielleicht durch die Gunst, die ihm einige Fürsten, nament-\nlich der junge König von Baiern, in so reichem Maasse\ngespendet haben, zurückgekommen sein mag —, so lässt\nsich och erwarten, dass allerdings das Volk, das heisst\ndie städtischen Gemeinden und die künstlerischen Vereine,\nsich in dem Maasse mehr und mehr der Kunst annehmen\nwerden, als diese den Mangel an fürstlichen Unterstützun-\ngen wirklich fühlen sollte. Für den Augenblick würde es\nfreilich zu bedauern sein, wenn so gut organisirte Capel-\nlen, wie sie z. B. Hannover und Kassel besitzen, eingehen\nsollten. Allein erstens ist diese Furcht noch keineswegs\nbegründet; es lässt sich vielmehr erwarten, dass die Re-\ngierung von Preussen bei ihren vermehrten Einnahmen\ndie Ausgaben für die Kunst, und speciel für die dramati-\nsche und musicaliscbe, nicht bloss auf die königlichen\nSchauspiele, Oper und Ballet in Berlin beschränken wird.\nZweitens bat die Erfahrung bereits gezeigt, was der Un-\nternehmungs- und der Associationsgeist auch für die\nKunst zu leisten vermögen. Sind es nicht schon jetzt die ver-\nschiedenen Kunstvereine, welche für die Malerei die Rolle\nder fürstlichen Mäcene übernommen haben? Wetteifern\nnicht die Städte des Landes in Errichtung und Ausstattung\nvon Museen mit den Residenzen? Und bleiben denn am\nEnde den fürstlichen Familien bei ihren grossen Privat-\nReichthümern, wenn sie die Kunst um der Kunst willen\nbegünstigen wollen, nicht Mittel genug, diese edle Nei-\ngung in reichem Maasse zu befriedigen? Man denke z. B.\nan die Capelle des Fürsten Esterhazy und ihre Meister\nHaydn, Hummel u. s. w.\nVor Allem frage man sich aber, ob es die Kleinstaa-\nterei war, welche den Sinn für die höhere Tonkunst, für\ndie ernste Gattung der Vocalmusik in Oratorien, Kirchen-\nmusik und Cantaten, und der Instrumentalmusik in Sin-\nfonieen und anderen Orchesterstücken genährt und ge-\npflegt hat. Die Antwort darauf wird sein, dass die von\nden Höfen abhängigen Musik-Institute mit wenigen Aus-\nnahmen ausschliesslich für die Theater vorhanden wa-\nren und mit diesen so viel zu thun hatten, dass ihnen keine\nZeit übrig blieb, ihre Thätigkeit den Aufführungen von\nOratorien und Sinfonieen zu widmen. Dagegen waren\nund sind es die in allen grossen, mittleren und selbst in\nvielen kleinen Städten Deutschlands vorhandenen musica-\nlischen, auf freier Association begründeten Vereine, welche\nunserem Vaterlande bei den Fremden den Namen des\n„Landes der Musik\" erworben haben und welche that-\nsächlich den Sinn für die Kunst überall wach erhalten\nund was besonders schwer in die Wagschale fällt\ndie Masse der Gebildeten vor der „Verwilderung des Ge-\nschmacks\" geschützt haben.\nMan vergleiche nur die gewöhnlichen Programme\nvon Hofconcerten mit den Aufführungen, welche die deut-\nschen Städte, von den kleinsten Musik- und Gesang-Ge-\nsellschaften an bis zu den Vereinigungen kolossaler Kräfte\nbei den Musikfesten, alljährlich zu Stande bringen und als\neine wahrhaft künstlerische Aufgabe ihrer Thätigkeit be-\ntrachten, um einzusehen, dass in Deutschland die Ton-\n\n[*]"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "268", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660825-01.1.4", "texte": "Kunst dermaassen ins Volk gedrungen ist, dass ihre Biüihe\nnicht von der Protection einiger Höfe mehr oder weni-\nger im Lande abhangt. Gewiss bähen die deutschen Für-\nsten wie für vieles andere Gute, so auch für die Kunst\neine segensreiche Mission gehabt und erfüllt: allein sie\ngehört der Geschichte an; in der Gegenwart tbeilen sie\ndieselbe mit dem Volke, wobei ihnen ihre Einkünfte im-\nmerfort die Mittel geben, sich als Kunstfreunde vor der\nMenge auszuzeichnen, wie dies z. B. bei der hohen Aristo-\nkratie in England der Fall ist, wo der königliche Hof und\ndie Regierung bekanntlich gar nichts für die Tonkunst\nthun.\nDie Besorgnisse, mit denen die Künstlerzunft der\nneuen politischen Aera in Deutschland entgegen sieht,\nscheinen daher jedes nachhaltigen Grundes zu entbehren.\nDass indess auch in dieser Beziehung eine Uebergangs-\nPeriode eintreten könne, wollen wir nicht in Abrede stel-\nlen; allein sie wird für die Tonkunst im Vergleich mit\nanderen Einrichtungen nur in Einzeldingen, etwa für\neinige Theater-Institute, eintreten und ist im Ganzen schon\nim voraus durch die musicalischen Zustände im Volke\nüberwunden.\nDiese sichern uns denn auch in Deutschland vollstän-\ndig gegen die Furcht vor einer Centralisation der Kunst\nund einer Dictatur des Geschmacks, wie sie Paris über\nFrankreich ausübt. Das sonstige Erbübel der Deutschen,\nder Particularismus, ist für die Kunst keines, denn er\nwürde mit dem unvertilgbaren Local-Patriotismus sich\ngegen eine derartige Oberherrlichkeit schon an und für\nsich stemmen. In unseren Tagen aber vollends, wo die\nSing- und Orchester-Vereine und Concert-Institute in\nganz Norddeutschland von Aachen bis Königsberg in\nPreussen in voller Kraft mit stets wachsender Theilnahme\nbestehen, ist an eine musicalische Oberhoheit irgend einer\neinzelnen Stadt, und Berlins wohl am wenigsten, zu den-\nken. Selbst in äusserlichen und unwesentlichen, aber bei\nder Liebe der Deutschen zu Titeln und bei dem Respect\nder Menge vor diesen nicht zu verschmähenden Dingen\nwetteifern die Städte mit den Höfen, und warum sollen\nsie nicht eben so gut wie diese ihre Capellmeister, Musik-\nDirectoren und Concertmeister haben, da über die wahre\nBerechtigung zu dergleichen Ehrentiteln doch nur das\nTalent entscheiden kann, nicht der Vorschlag eines In-\ntendanten, den seine adelige Geburt und nebenbei einiger\nKunst-Dilettantismus zur Hofcharge und zum Kunstrichter-\nAmte in den Augen seines Fürsten befähigen?\nWenden wir schliesslich noch einen Blick auf ein\nstammverwandtes Nachbarland im Westen, auf Holland.\nWas thut in Holland der Hof für die Tonkunst? Antwort:\nGar nichts. Durch wen stehen die musicalischen Zustände\ndort in einer in Deutschland zu wenig gekannten Blüthe*)?\nEinzig und allein durch den Associationsgeist, der ausser\ndem allgemeinen „Vereine zur Beförderung der Tonkunst\"\nin jeder grossen und mittelgrossen Stadt, von denen wir\nnur Amsterdam, Rotterdam, Utrecht, ja, s'Gravenhage\nselbst, die Residenz des Königs, nennen, Musik-Gesell-\nschaften gegründet hat, welche regelmässige Winter-Con-\ncerle veranstalten, deren Programme denen der deutschen\nConcert-Anstalten nichts nachgeben.\n\nDer Text von J. S. Bach s Trauer-Ode\nauf das Ableben der Gemahlin August des Starken, der Königin\nChristiane Eberhardine.\nDie „Trauer-Ode\", welche den Inhalt der dritten\nLieferung des XIII. Jahrgangs der leipziger Ausgabe von\nBach's Werken bildet, ist mit vollem Rechte von Ed. Krü-\nger in seiner kurzen Anzeige in Nr. 32 d. 81. „ein rei-\nches Tonbild\" genannt, „zu dessen bedeutenden Tönen\nder elende Text von Gottsched so sehr in Disharmonie\nsteht, dass der Herausgeber W. Rust sich entschlossen,\neinen angemessenen (Auf Allerseelentag) zu dichten, was\nihm recht gut und den Sängern zu Dank gelungen ist.\"\nAnderer Meinung ist C. H. Bitter, der in seinem\n„Joh. Seb. Bach\", I. B. S. 282 ff., den Text Gottsched's\nabdruckt und hinzufügt: „In der That hatte Bach in die-\nsen schönen, die wahren Empfindungen des Landes in so\nedler Weise darlegenden Worten Gottsched's endlich\neinmal einen Text gefunden, der, wenn auch nicht mu-\nsicalisch geformt, sich doch weit über die platten Alltäg-\nlichkeiten hinaus erhob, welche die Gelegenheitsdichter\nseiner Zeit ihm zu bieten pflegten.\"\nH. Bitter druckt den Text nicht so ab, wie er Bach\nbei Composition desselben vorgelegen hat, sondern so, wie\nihn eine Trauerschrift: „Das thränende Leipzig\", von Si-\ncul (1727) gibt. Obwohl nun in dieser Recension die\närgste Stelle des Urtextes:\n„Der Ewigkeit saphirnes Haus\nZieht, Fürstin, deine heitern Blicke\nVon unsrer Niedrigkeit zurücke\nUnd tilgt der Erden Dreckbild aus\"\ngeändert und „Dreckbild\" in „Denkbild\" verwandelt wor-\nden ist, so bedarf es doch keines besonderen ästhetischen\nScharfblickes, um mit Rust und Krüger den Text Gott-\nsched's für ungeniessbar zu halten. Wir überlassen Herrn\n\n*) Die Niederrh. Musik-Zeitung wird nächstens in einer Oleber-\nsieht der letzten Saison darauf zurückkommen. /•\nDie Redaction."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "269", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660825-01.1.5", "texte": "Bitter seine Ansichten über poetische Darstellung, die,\nbeiläufig gesagt, auch in seinem Buche über den Text des\nDon Juan von eigentümlicher Farbe sind, und wollen\nnur dem Allgemeinen bei der Sache, der Anpassung an-\nderer Texte an die Musik Bach'scher Cantaten, einige\nWorte widmen.\nDer Grund, der in dem vorliegenden Falle den Her-\nausgeber Rust nach seinem Vorworte vorzugsweise zu\neinem neuen Texte veranlasst hat, nämlich der Mangel,\nan Theilnahme des gegenwärtigen Geschlechtes für eine\nvor 140 Jahren gestorbene Fürstin, scheint uns nicht\ndurchgreifend zu sein; die historische Theilnahme für ein\nEreigniss, das eine Composition veranlasst hat, kann nur\neinen sehr geringen Theil an der Wirkung der Musik auf\ndas Gemüth der Zuhörer haben.. Nicht die Bedeutung\nder Begebenheit, welche eine Gelegenheits-Composition\nveranlasst hat, entscheidet über den Eindruck der Musik,\nsondern der musicalische Gehalt. Händel's Begräbniss-\nAnthem für die Königin Caroline, dessen Text ebenfalls\nein Trauer- und Preislied für eine verstorbene Fürstin ist,\nmacht durch seine musicalische Schönheit noch heute seine\nWirkung, obwohl kein Mensch bei Anhörung desselben\nan die Tugenden der Königin Caroline denkt; und um\neinen Beweis aus ähnlicher Sphäre anzuführen: Beetho-\nven's „Schlacht bei Vittoria\" und dessen Cantate „Der\nglorreiche Augenblick\" werden trotz der grossen histori-\nschen Erinnerungen bei den Zuhörern doch immer für\nuntergeordnete Erzeugnisse seines Genius gelten, während\nHändel's Dettinger Te Deurn seinen mächtigen Eindruck\nnicht verfehlt, obwohl Niemand dabei an das historische\nEreigniss denkt, welches die Composition feiert.\nNur in einer allgemeineren Hinsicht dürfte Rücksicht\nauf das Historische bei Umänderung eines Textes genom-\nmen werden müssen, in so fern der Text eine Individua-\nlität schildert und dadurch wenigstens in so weit einen\nEinfluss auf die Composition gehabt haben könnte, als die\nMusik überhaupt im Stande ist, im Lyrischen eine solche\nobjective Charakteristik wahr zu machen. Indess möchten\nwir bei der Trauer-Ode Bach's Herrn Rust es nicht ge-\nrade zum Vorwurf machen, dass sein Text aus der Can-\ntate einen Gesang zu einer allgemeinen Todtenfeier macht,\nda er den Gefühlen, die im Urtexte vorherrschen, Aus-\ndruck gibt und sich der Musik ganz gut anschmiegt.\nNäher dem ursprünglichen Gedichte kommt aber die Um-\narbeitung, welche die leipziger Musikalische Zeitung in\nihrer Nr. 21 bringt:\n„O Fürstin, blick' vom Himmelszelt\nHerab auf uns're letzte Gabe\" u. s. w.\nWarum aber diese vielen Worte über eine Sache,\ndie Manchem gleichgültig scheinen mag? Erstens weil\ndiese Trauer-Ode Bach's ein Werk voll bedeutender\nSchönheiten ist, welches in Bezug auf seinen Stil, in wel-\nchem die Polypbonie nicht in demselben Maasse wie in\nanderen vorherrschend ist, und ferner in Hinsicht auf\nForm und Umfang vorzüglich für Gesangvereine und Auf-\nführung in Concerten, wo nur ein Theil mit Gesang gefüllt\nwerden soll, passt und überhaupt geeignet ist, den Sinn\nauch für die kleineren Vocalwerke des grossen Meisters,\ndie so reich an Inhalt sind, zu wecken und zu nähren.\nDem allem steht aber der steife, ursprüngliche Text ent-\ngegen; folglich haben sich sowohl Rust, als der Anony-\nmus in der leipziger Zeitung ein Verdienst um das Werk\nerworben. Es besteht nur aus zehn Nummern (die Reci-\ntative mitgerechnet), darunter drei vierstimmige Chöre.\n1. Chor in H-moll, 4/4-Tact, S. 3 25 der Partitur. 2.\nRecitativ und Arie für Sopran, 4/4-Tact, S.\n26 3l. 3. Recitativ und Arie für Alt, 4/4-Tact, D-dur,\nS. 32 4O. 4. Kurzes Recitativ für Tenor, S. 41. 5.\nSchluss-Chor des ersten Theiles in, H-moll, 2/2-Tact, S.\n42 52, der einzige fugirte Chor. Hierauf folgt als zwei-\nter Theil Nr. 6, Arie für Tenor, E-moll, 3/4-Tact, S.\n55—60. 7. Recitativ und Arioso für Bass, S. 61—62,\nund nach einem Recitativ von sechs Tacten, ebenfalls für\nBass, Nr. 8. Schluss-Chor in H-moll, 12/s-Tact, S. 63 72.\nDie Sonderung in zwei Theile kommt für heutige Auf-\nführungen (in Concerten) nicht in Betracht, da sie nur\ndurch die dazwischen tretende Predigt bei der ersten\nFeier bedingt war.\nZweitens haben wir bei diesem Thema uns darüber\naussprechen wollen, dass die Texte der Bach'schen Can-\ntaten öfter unserem heutigen Geschmacke dermaassen zu-\nwider sind, dass sie der Verbreitung und dem Studium\nder Bach'schen Vocalmusik nachtheilig, oft geradezu hin-\nderlich werden. Eine Umgestaltung vieler von ihnen er-\nscheint uns demnach als geboten.\nEs fragt sich nur: Nach welchen Grundsätzen soll\ndiese geschehen?\nWo das Bibelwort dem Gesang zu Grunde gelegt ist,\nda soll man es lassen stehn oder „stahn\", und nichts\ndazu und nichts davon thun.\nEtwas Anderes ist es mit den Texten, welche die Zeit-\ngenossen Bach's, die damaligen Dichter und versemachen-\nden Gelehrten, dem Componisten geliefert haben. Bei die-\nsen ist eine Aenderung nöthig, von der wir auch zum\nTheil die alten Kirchenlieder nicht ausschliessen; denn\nwir können es nur für mitleidswerthe Beschränktheit oder\nfür pietistische Heuchelei erklären, wenn man Ausdrücke\nwie „Sündenlümmel\", „Dreckbild des Irdischen\" u.s.w.\nals aus innerer Zerknirschung entstanden rechtfertigen\nund jedem Christen zumuthen will, sie in Andacht hinun-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "270", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660825-01.1.6", "texte": "ter zu würgen. Es ist damit gerade so, als wenn man uns\nzur Pflicht macht, jede Predigt als ein Erbauungsmittel\nhinzunehmen, wenn sie auch nichts enthält, als eine Auf-\nzählung aller menschlichen Laster oder eine Nomenclatur\naller Märtyrer.\nDass mithin andere Texte der Verbreitung von man-\nchen Bach'schen Werken nur förderlich sein können, wird\nschwerlich zu läugnen sein.\nAllein die dazu nöthige Arbeit darf unserer Meinung\nnach nur in einer Umbildung, keineswegs aber in einer\ngänzlichen Neubildung dieser Texte bestehen. Setzen wir\nan deren Stelle moderne Gefühls- und Ausdrucksweise,\nso wird nothwendig auch der Charakter der Musik da-\ndurch verfälscht erscheinen und aus dem Ganzen ein Zwit-\ntergeschöpf werden, das der guten Absicht, für Bach's\nMusik in weiteren musicalischen Kreisen zu wirken, keines-\nwegs entsprechen würde. Wir halten dafür, dass jene\nUmbildung sich nicht auf die Gedanken, Stimmungen und\nGefühle, sondern einzig und allein auf den sprachlichen\nAusdruck derselben erstrecken müsse.\nDie Aufgabe ist nicht so leicht, wie sie scheint, da\nselbstverständlich die Schwierigkeit des Anschmiegens des\nWortausdrucks an den musicalischen eben so zu über-\nwinden bleibt, wie bei gänzlicher Neudichtung*); auch wird\ndie Zahl derer, welche durch Einführung der neuen Texte\ndie Arbeit, die aus Liebe zu Bach gethan worden, prak-\ntisch verwertben, bei der Theilnahmlosigkeit unserer Mu-\nsiker für dergleichen Dinge aus dem Reiche der Aesthe-\ntik nur gering sein. Wer sich der Aufgabe unterzieht,\nwird seinen Lohn in der Anerkennung der Wenigen fin-\nden müssen, die ohne Pedanterei Bach hochhalten und\ngern alles aus dem Wege räumen möchten, was die Er-\nkenntniss seines Genius auch in weiteren musicalischen\nKreisen hemmt.\n\nFranz Eduard Genast †.\nEiner der letzten Epigonen aus dem classischen Zeit-\nalter Weimars, einer von jenen, die Goethe persönlich\nnäher standen, Eduard Genast, ist am 3. August in\neinem Alter von 77 Jahren in Wiesbaden gestorben.\nDie Mitglieder des Weimarer Hoftheaters haben folgende\nAnzeige erlassen: „Vorstand und Mitglieder des grossher-\nzoglichen Hoftheaters widmen dem verehrlichen Publicum\ndie Trauer-Nachricht, dass Herr Eduard Genast, Ehren-\nMitglied des grossherzoglichen Hoftheaters, Inhaber des\nRitterkreuzes des grossherzoglich sächsischen und des\nherzoglich Sachsen-Ernestinischen Haus-Ordens, so wie\nder grossherzoglich sächsischen und grossherzoglich hessi-\nschen-Civil-Verdienst-Medaillen, Freitag den 3. d. Mts. zu\nWiesbaden eines schnellen, aber sanften Todes verschie-\nden ist. Fern der Heimath und doch im Kreise der Seini-\ngen, vollendete er ein langes, an Arbeit und Anerkennung\nin nächsten wie in fernsten Kreisen reiches Künstlerleben\nund ward Dinstag den 7. d. Mts. an der Seite seiner am\n15. April 1860 ihm vorangegangenen Kunst- und Le-\nbensgefährtin auf hiesigem Friedhofe bestattet. Sein An-\ndenken wird unter uns und in der Geschichte des deut-\nschen Theaters in Ehren bleiben.\"\nGenast war zu Weimar im Jahre 1789 geboren,\nwurde, nachdem er die akademischen Studien zurückge-\nlegt, durch die besten Meister, deren sich die weimar'-\nsche Bühne bekanntlich von lange her in edlem Stolze\nerfreute, gebildet. Die Geschichte seiner äusseren Lebens-\nbegebenheiten dürfte, wenn wir uns nicht bei seinen ein-\nzelnen Reisen besonders aufhalten wollen, nicht weiter zu\nverfolgen sein; nur seine künstlerischen Leistungen selbst\nziehen die Aufmerksamkeit auf sich. Denen zufolge ist er\ndenn zunächst immer eine höchst wichtige und auf der\nhistorischen Tafel aufzeicbnenswerthe Erscheinung in der\nOper. Seine Darstellungen des Don Juan z. B. und solcher\nPartieen, die sich in musicalischer Hinsicht dieser anreihen\nlassen, gehören zu den gelungensten, besten seiner Zeit,\nund nicht ohne Verdienst ward er desshalb auch, nebst\nseiner Gattin, einer geborenen Böhler, Schwester der\nMadame Devrient in Hamburg, durch welche er als ein\nkräftiger Zweig jener hochberühmten Künstlerfamilie an-\ngereiht wurde, der Liebling von Weimar, Leipzig, Ham-\nburg und wo er war, und wurde nicht selten selbst dem\nals stimmbegabteren Sänger unstreitig höher stehenden\nBlume in Berlin vorgezogen. Gleichwohl aber findet Genast\nweniger als Sänger, denn als Musiker überhaupt seine\nStelle, da seine Stimme, tiefer Bariton, zwar angenehm\nklingend, aber durchaus von keinem grossen Volumen war,\nund er hauptsächlich nur durch seinen Vortrag und treff-\nliche Mimik, die, wie andere Attribute, ihn auch später\nbeim Schwinden seiner Stimmmittel dem Schauspiele ganz\nzuführte, zu jenem Ansehen gelangte, dahingegen aber seit\nlange schon alle seine Nebenstunden mit solchem anhal-\ntenden Eifer vielfachen Tondichtungen widmete, dass diese\nschon aliein seinen Namen aufs ehrenvollste in das Ge-\ndächtniss eines jeden Musikers zurückrufen. Dahin gehö-\n\n*) Nicht bloss auf die Gesangstimmen, auch auf die Instrumen-\ntal-Begleitung muss Rücksicht genommen werden; wenn z. B. in\nder „Trauer-Odew die Anfangsworte der fünften Strophe so geändert\nwürden, dass von dem „bebenden Glockentone\" nicht mehr die Rede\nwäre, so würde die Nachahmung der kleinen Glocken durch die\nPizzicati der Violinen und Bratschen und der grossen durch den\nContrabass gegenstandlos sein, wiewohl das Ganze nur eine Spie-\nlerei ist."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "271", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660825-01.1.7", "texte": "Ren z. B. und vornehmlich alle Werke, die er ursprüng-\nlich für die Liedertafel zu Weimar schuf, und die sich\nzugleich, nicht gering an Zahl, auch in anderen nicht zu\nungeübten Männer-Gesangvereinen guten Eingang ver-\nschafften. Auch einige Opern wurden von dem strebsamen\nManne bekannt und hier und da nicht ohne Erfolg aufge-\nführt. Eine Composition: »Des Hauses letzte Stunde\",\nGedicht von Saphir, für eine Bass- oder Baritonstimme\nmit Orchester- und Pianoforte-Begleitung ist nicht ohne\nVerdienst. Die späteren Jahre seiner Thätigkeit gehören\nder Schauspielkunst allein an, er galt als einer der intelli-\ngentesten Regisseure. Seine musicalischen Bestrebungen\ntraten in den Hintergrund. Er glänzte noch in den fünf-\nziger Jahren als vorzüglicher Charakter-Darsteller. Auch\nWien kannte sein Talent aus einem Gastspiele, das im\nMai 1847 am Hof-Burgtheater Statt fand. Seit ungefähr\nsechs Jahren lebte er von der Bühne gänzlich zurückgezogen.\nDie Weimarer Bühne bereitete damals dem Jubilanten eine\nsolenne Abschiedsfeier. Die nunmehrige Zeit seiner Müsse\nwidmete er schriftstellerischen Arbeiten, von welchen na-\nmentlich seine Memoiren durch das reiche Material an\nErlebnissen in der Lesewelt Aufsehen zu machen nicht\nverfehlten. Weimar und gewiss alle, die ihn kannten, ver-\nehrten in ihm einen der liebenswürdigsten und auserlese-\nnen Geister, die durch Umgang und reiche Bildung be-\nfruchtend wirkten.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nKöln. In der letzten Sitzung der musicalischen Gesellschaft\ntrug Herr Capellmeister Bernhard Scholz ein Concert in O-dur\nfür Pianoforte und Orchester mit Beifall vor. In dem ersten Allegro\nglaubten wir eine frühere Arbeit des talentvollen Componisten zu\nerkennen; nichts desto weniger sprach uns dieser erste Satz vor-\nzugsweise an. Allgemeine' Vorzüge der Composition sind Klarheit\nund gewandte Behandlung der Form und des Solo-Instruments nach\nArt der Mozart'schen und Beethoven'schen Concerte.\nBielefeld, 20. August*). Der Glanzpunkt des zweiten Con-\ncertes für die Verwundeten war die Baronin Vigier, geb. Crüvel,\nvon hier, welche unter dem Künstlernamen Sophie Cruvelli bekannt-\nlich ihre Laufbahn in Italien begann und in Paris auf das glän-\nzendste fortsetzte, bis sie auf den Wunsch ihres Gatten sich von\nder Bühne zurückzog. Wer sie in ihrer letzten Zeit des öffentlichen\nWirkens in Paris gesehen, der wird sich der schönen Erscheinung,\ndes stets mit einer gewissen Noblesse versehenen, zuweilen gemes-\nsenen Spiels und der schönen Stimmmittel, so wie der grossen tech-\nnischen Meisterschaft der Sängerin gern erinnern, und gespannt\n*) Es ist uns nicht möglich, die Berichte, die uns über die\nvielen Concerte zugehen, welche zum Besten der Verwundeten in\nden Städten von Rheinland und Westfalen gegeben werden, aufzu-\nnehmen. Mit dem obigen machen wir desshalb eine Ausnahme, weil\ner Notizen über eine berühmte deutsche Sängerin enthält, welche\nihre früheren Verehrer in Deutschland interessiren werden.\nDie Redaction.\nsein, zu erfahren, welchen Einfluss die Wandelung der äusseren\nVerhältnisse auf dieselbe ausgeübt. Die Wahl der Vortragsstücke\nwar nun auch dazu angethan, sie von mehreren Seiten kennen zu\nlernen. Eine Romanze von Robaudi, einem savoyischen Bersaglieri-\nOfficier, in ihrer dilettantischen Einfachheit zeigte, was eine über-\nlegte und dem Componisten wohlwollende Wiedergabe vermag. In\ntechnischer Beziehung interessanter war das zweite Duett der Semi-\nramis und des Arsace aus Rossini's Oper, welches sie mit ihrer\ndiesen Abend nicht vortheilhaft disponirten Schwester Marie Cru-\nvelli vortrug. Vollständige Sicherheit des Effectes, grosse Präcision\nin Anwendung der Dynamik und brillante Kehlfertigkeit kennzeich-\nneten ihren Part in auszeichnender Weise. Weniger gelang ihr,\nder unserem Vaterlande Entfremdeten, Schubert's Lied „Am Meer\",\ndas sie wahrscheinlich aus Liebhaberei für die tiefen Lagen nach\nEs-dur transponirt hatte und mit einer schwer zu rechtfertigenden Aen-\nderung der letzten vier Tacte nicht zu der Wirkung zu bringen\nwusste, die von einer Sängerin dieses Ranges zü beanspruchen ist.\nDie Liebhaberei für die tiefen Lagen der Stimme hat die Baronin\nVigier auch auf einen Gedanken gebracht, der kaum zu entschuldi-\ngen ist. Er ist, das Duett aus dem Troubadour von Verdi zwischen\nManrico und Leonore mit dem Miserere der Mönche nur mit Be-\ngleitung dieses Chors für sich allein im Concerte vorzutragen. Na-\ntürlich fällt die Tenor-Partie, wo sie mit der des Soprans zusam-\nmengeht, fort, einmal muss sogar die Schlussnote des Tenors aus-\nbleiben, statt deren ein prägnanter Einsatz des Soprans eintritt.\nAbgesehen hiervon werden die Intentionen des Componisten durch\neine solche Aufhebung des Wesentlichen im Duett, dass nämlich\nZwei singen und nicht Einer, geschädigt und der Zuhörer irre ge-\nleitet. Da die Concert-Veranstalterin aber in Turin und in Paris\nvor Kurzem in ähnlichen Wohlthätigkeits-Concerten dasselbe Kunst-\nstück ausgeführt, so war man zum Mindesten auf dessen Gelingen\nneugierig. Hier stellte sich nun der Uebelstand ein, den ein jeder\nStimmkundige schon vorher als sehr bedenklich bezeichnen musste.\nDer Sopran der Baronin Vigier blieb, trotz der Kunst, den tieferen\nTönen übrigens ging sie nicht unter das eingestrichene c eine\nandere Klangfarbe zu geben, immer eine Frauenstimme und nahm\nnur den Charakter eines forcirten Altregisters an, welcher in klang-\nlicher Beziehung beinahe der Gegensatz der gleichen (hohen) Lage\ndes männlichen Tenors genannt werden kann. Dieser mit seinem\ndas kälteste Herz hinschmelzenden süssen Zauber der hohen Töne\nkann nie durch weiblichen Kehlton ersetzt werden, der im Gegen-\ntheil etwas Dämonisches, Hartes und Erschreckendes hat. Bei der\nvorzüglichen Ausführung verfehlte sie auch mit diesem Stücke\nnicht den Beifall der Masse, doch schüttelten Viele den Kopf dazu.\nDen Schluss machte sie mit ihren beiden Schwestern und hatte\nhierzu das Terzett aus des „Heilands letzten Stunden\" von Spohr\ngewählt. Es wurde recht gut, auch was die Auffassung anbetrifft,\ngesungen und musste wiederholt werden. Im Ganzen war ein we-\nsentlicher Unterschied zwischen jetzt und früher bei der Sängerin\nnicht wahrzunehmen. Gleich ihrer äusseren Erscheinung ist ihre\nStimme von der Zeit bis jetzt vollständig unberührt geblieben. Die\nso vortheilhafte Veränderung der äusseren Lage scheint sie aber\nunserer deutschen Musik noch mehr entfremdet zu haben, und die\nFreiheit, welche sie jetzt bei der Wahl der Musikstücke sich neh-\nmen kann, da sie nur bei besonderer Gelegenheit aus Gefälligkeit\nauftritt, hat sie dieses Mal bei der Romanze, dem Duett aus dem\nTroubadour und den Aenderungen des Schubert'schen Liedes nicht\nzum Vortheil der Kunst ausgeübt. Dass das Concert einen enormen\nBesuch erfuhr es haben gegen 200 Personen zurückgewiesen\nwerden müssen —, wrar zu erwarten.\nMainz. Die aus anderen Journalen in unser Blatt überge-\ngangene Nachricht, dass das Theater in Frankfurt am Main ge-\nschlossen und die Mitglieder desselben auf halbe Gage gesetzt wor-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "272", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660825-01.1.8", "texte": "den seien, berichtigen wir hiermit dahin, dass das frankfurter Theater\ngar nicht geschlossen wurde und die Verwaltung desselben den\nMitgliedern gegenüber stets ihren Verbindlichkeiten in vollem, un-\ngeschmälertem Maasse gerecht wurde, was unter den obwaltenden\nUmständen gewiss alle Anerkennung verdient. (Südd. M.-Z.)\nSicheren Nachrichten aus Darmstadt zufolge soll das dortige\nTheater am 15. September wieder eröffnet werden.\nBerlin* Die Nachricht, dass Herr von Hülsen auch zum\nIntendanten der Theater zu Hannover und Kassel ernannt sei, be-\nstätigt sich nicht.\nDas diesjährige Musikfest der elsässischen Gesangvereine findet\nin Benfeld am Niederrheine Statt.\nDresden* Die Hof-Opernsängerin Fräulein Melita Alvs-\nleben hat sich mit Herrn Actuar Max Otto verlobt, wird aber\nauch nach ihrer Vermählung dem königlichen Hoftheater in Dres-\nden erhalten bleiben.\nBei der mannigfachen Einquartierung, welche Dresden in der\nletzten Zeit erhielt, ereignete es sich, dass ein preussischer Land-\nwehrmann durch Zufall in dasselbe Haus zu liegen kam, wo er vor\neinem Jahre als Sängergast gewohnt hatte.\nMan schreibt aus Dresden vom 12. August: Das Repertoire\nder königlichen Hofbühne bestand während der ersten acht Tage\nnach Wiedereröffnung derselben nur aus classischen Werken, denn\nder „Antigone\" folgten die Tragödien „Emilia Galotti\" und „Othello\",\ndie Opern „Fidelio\", „Jakob und seine Söhne\", „Freischütz\", „Fi-\ngaro's Hochzeit\". In Beethoven's „Fidelio\" sang Frau Blume als\nzweite Antritts-Partie die Leonore. Die Sängerin bewährte auch\ndiesmal ihr Talent, ihre tüchtige künstlerische Bildung und wusste\nihre schönen Stimmmittel bestens zur Geltung zu bringen. Dennoch\nsteht diese Leistung ihrer Donna Anna in „Don Juan\" in vieler\nBeziehung nach. Eine ganz besonders schöne Aufführung war die\nvon „Jakob und seine Söhne\". Mit der Partie des Joseph\nnahm Herr Tichatschek nach längerer Unterbrechung seine Thä-\ntigkeit an hiesiger Hofbühne wieder auf.\n\\\\ ieil, 7. August. Heinrich Stiehl, ein talentvoller Com-\nponist aus Petersburg, der sich durch seine Kammermusik-Werke,\nzumal seine Trio's, in den musicalischen Kreisen einen guten Na-\nmen erworben hat, befindet sich in Wien und steht mit hiesigen\nBühnen in Unterhandlung wegen Aufführung seiner in Petersburg\nmit grossem Beifalle gegebenen einactigen Operette: ~Jery und\nBätely\" (Text von Goethe). Wir hatten Gelegenheit, das Werk\nkennen zu lernen, und möchten ihm, wird es anders mit einigem\nGeschick von guten Kräften vorgetragen, einen Erfolg vorhersagen.\nObgleich sehr sorgfältig gearbeitet, sind die Musikstücke vorwiegend\nmelodisch und dabei von einer Feinheit der künstlerischen Empfin-\ndung, die wohlthuend absticht von der Frivolität und rafiinirten\nEffect- und Windmacherei des modernen Operetten-Genres. Obgleich\nstreng genommen bloss Liederspiel und vorwiegend lyrischer Natur,\nist die charakteristische Behandlung nichts desto weniger überall\nins Auge gefasst. Es ist auch in der That die höchste Zeit, dass in\nder Operette wieder ein anständiger, künstlerischer Ton angeschla-\ngen werde, und schon dieses Streben allein verdient, dass man von\nihm mit Genugthuung Notiz nimmt und diese Notiznahme auch\nSeitens der Theater-Institute entschieden und dringend befürworten\nmuss. (Zelln. 81. f. Th. u. M.)\nParis« Verdi's „Don Carlos\" mit französischem Texte für\ndie grosse Oper ist folgender Maassen besetzt: Elisabeth von Valois,\nMarie Sax; Eboli, Mad. Gueymard; Don Carlos, Mor&re (Tenor);\nMarquis Posa, Faure (Bariton); Philipp 11., Obin; der Gross-Inqui-\nsitior, Belval; ein Mönch, David.\nAm 15. August ist Gounod zum Officier, Alary zum Ritter\nder Ehrenlegion ernannt worden. Auch mehrere Journalisten von\nder musicalischen Presse sind decorirt worden.\nUllman wird nach der Tour durch Frankreich auch Italien be-\nreisen, dem Vernehmen nach mit Carlotta Patti, Alfred Jaell, Si-\nvori und Piatti.\nAm 2. August begannen im Palais-Royal-Theater die Proben\nzu Offenbach's neuer Operette „Za Visionu, Text von Meilhac\nund Halevy.\nOle Bull hat sich wieder seinem skandinavischen Vaterlande\nzugewandt. Er hat in Helsingfors zwei Concerte mit grossem Er-\nfolge gegeben.\nIn Kopenhagen wird ein Conservatorium der Musik unter\nLeitung der Herren Niels W. Gade, J. P. E. Hartmann und Paulli\ngegründet. Alle Zöglinge müssen an den Ciavier-, Theorie- und\nChorgesang-Stunden Theil nehmen."}]}