{"numero_id": "bm-bmtnabi-1866-09-29-01", "volume": "bmtnabi_1866-09-29_01", "ocr_sha256": "b4f99e742d2463725e151394d1c38d7f1dd496f1976fbfe577cf0bcf6c5c54d5", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1866/09/29_01/bmtnabi_1866-09-29_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660929-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1866-09-29-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1866-09-29_01#c001", "volume": "bmtnabi_1866-09-29_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "305", "page_fin": "305", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660929-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "305", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660929-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 468, "texte": "Inhalt.\nO. Jahn's gesammelte Aufsätze über Musik. (Schluss.) Henri Reber (Biographie). Von L. B. Tages- und Un-\nterhaltungsblatt (Köln, die bevorstehenden Winter-Concerte im Gürzenich Bonn, neue Werke von Joh. Brahms Mannheim,\nStandbild des Frhrn. von Dalberg Leipzig, Wilhelm Christian Pögner f Sondershausen, Hof-Capellmeister Fr. Marpurg Wien,\nSchubert-Monument Basel, Hans von Bülow Paris, Theater, Ullman, Curiosum Dublin, Mapleson's Winter-Gesellschaft u. s. w.)"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1866-09-29-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1866-09-29_01#c002", "volume": "bmtnabi_1866-09-29_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "305", "page_fin": "308", "image_debut": 1, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660929-01.2.2", "titre_corps": "0. Jahn s gesammelte Aufsätze über Musik.", "titre_sommaire": "0. 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Jahn hatte auch über den „Tann-\nhäuser\" in den „Grenzboten\" (1853, I. 327) einen Auf-\nsatz geschrieben, der kurz nach unserem letzten (eilften)\nArtikel über diese Oper erschien, so dass für die Sache,\num die es sich bandelte, bemerkenswertb war, dass zwei\nPersonen, unabhängig von einander, in ihren Betrach-\ntungen und Untersuchungen zu gleicher Zeit auf dieselben\nResultate gekommen waren*).\nJahn's Aufsatz über „Tannhäuser\" ist auch in die\nvorliegende Sammlung aufgenommen. Was er darin über\nDichter und Componist in Einer Person sagt, trifft den\nNagel auf den Kopf:\n„Nicht selten hat schon das Talent des Componisten\ndie Schwächen seines Textes zu verdecken und durch die\nmusicalische Behandlung die Lücken desselben zu ergän-\nzen verstanden. Wo Dichter und Componist in Einer Per-\nson vereinigt sind, ist das nicht zu erwarten, sondern dass\ndie Schwächen der dichterischen Conception sich in der\nmusicalischen wiederfinden werden. Es ist überhaupt eine\nmissliche Sache, wenn der Componist sich seinen Text\nselbst macht. Denn es ist auf keine Weise zu läugnen,\nDass durch die poetische Gestaltung und detaillirte Durch-\nbildung des Stoffes die Productionskraft des Musikers be-\nreits im voTaus geschwächt werde. Er tritt nicht mehr\nfrisch einem ihm fremden Objecte gegenüber, das er aus\nsich heraus zu durchdringen und neu zu gestalten hat,\nsondern er hat einen guten, vielleicht den besten Theil\nseiner Kraft schon an dasselbe gesetzt; seine musicalische\nBegeisterung für den Stoff ist nur der zweite Aufguss\nseiner poetischen. Je mehr diese eine wahre und innige\ngewesen ist, um so mehr wird sie das musicalische Ele-\nment in den Hintergrund drängen, und es ist auch aus\ndiesem Grunde begreiflich, dass Wagner principiel der\nMusik eine secundäre Stellung anweist, wie z. B. Goethe\nsicherlich die Compositionen Zelter's allen übrigen haupt-\nsächlich desshalb vorzog, weil sie zu seinen Gedichten so\nwenig Musik als möglich hinzubrachten. Es hilft nichts,\nan den Künstler der Zukunft das Postulat einer Univer-\nsalität genialer Schöpfungskraft zu stellen, welche die Be-\nschränktheit der menschlichen Natur überhaupt nicht zu-\nlässt. Denn man verwechsle doch um Gottes willen die\nschaffende Kraft des Genie's, welche allein wahrhafte\nKunstwerke hervorzubringen im Stande ist, nicht mit\nBildung, die allerdings einer an Universalität gränzenden\nVielseitigkeit fähig ist. In einer Zeit, wie die unserige, de-\nren geistige Atmosphäre mit Bildungs-Elementen aller Art\ngesättigt ist, kann auch ein mässiges Talent, wenn es mit\neiniger Beweglichkeit und Geschicklichkeit verbunden ist,\nsich leicht so viel ästhetische Bildung erwerben, dass es\neinem Stoffe poetische Motive ansieht und ihn in der ge-\nbildeten Sprache, „ „die für ihn dichtet und denkt\"\", in\nleidlichen Versen behandelt. Auch die Musik ist durch die\nLeistungen der grossen Meister, welche sie mit staunens-\nwerter Energie und Fülle nach allen Seiten geistig und\ntechnisch ausgebildet haben, in einem Grade Eigenthum\nder gebildeten Welt geworden, dass die Fähigkeit, seiner\nEmpfindung einen musicalischen Ausdruck zu geben und\n\n*) Ueber „Lohengrin\" vergleiche man auch die „Zerstreuten\nAnmerkungen zu Wagner's Lohengrin\" von Dr. Ed. Krüger in\nder Niederrh. M.-Z., Jahrg. 1856, Nr. 1 und 2."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "306", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660929-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5422, "texte": "technische Effecte hervorzubringen, kaum viel weniger\nverbreitet ist, als die Neigung, Musik zu hören und zu kri-\ntisiren. Mit einigen der bildenden Künste ist es ziemlich\neben so weit gekommen, und man betrachte nur die ge-\nbildeten Einwohner grösserer Städte, worin setzen sie ihre\nBildung anders, als in die universelle Fähigkeit, Poesie,\nMusik und bildende Kunst zu geniessen, zu verstehen und\nwenigstens in einigen auch selbst zu produciren? Dieser\nDilettantismus, das Product der Bildung, ist in seinem\nGrunde und Wesen von der Kunst verschieden, die nur\naus dem schöpferischen Genie hervorgeht, und wie beach-\ntenswerth auch die quantitativen Unterschiede dilettanti-\nscher Werke unter sich sein mögen, die wesentliche Ver-\nschiedenheit vom wahren Kunstwerke bleibt unverrückt\ndieselbe.\n„Wagner mit seinem vielseitigen Talente für Poesie,\nMusik, bildende Kunst, so weit sie bei dem scenischen\nArrangement in Betracht kommt, und dialektisirende Kri-\ntik ist ein Repräsentant des auf unserer heutigen Bildung\nruhenden Dilettantismus, wenn man diesen Ausdruck in\ndem oben angedeuteten allgemeineren Sinne nimmt. Dass\ner in diese universelle Bildung das wahre Wesen der\nKunst setzt, ist die natürliche Folge seiner Meinung, dass\ner ein wahrer und grosser Künstler sei; da es durch nichts\ngeboten ist, dieses Postulat zuzugeben, so wird man vor-\nläufig auch nicht genöthigt sein, den Begriff der Kunst\nvon ihm zu abstrahiren.\"\nGanz unbekannt war uns der Aufsatz über Mendels-\nsohn's „Paulus\", S. 13—37,1842 in Kiel geschrieben.\nJahn bespricht darin den Inhalt und die Form dieses\nOratoriums in Bezug auf Text und musicalische Behand-\nlung, weist dessen Ausgang von den älteren Passions-Mu-\nsiken, namentlich J. S. Bach's, nach und betrachtet das-\nselbe als Frucht von Mendelssohn's Bestreben, mit neuen\nMitteln eine echt christliche, insbesondere protestantische\nKirchenmusik, auf der Grundlage der älteren Bach'schen,\ngewisser Maassen im Gegensatze zu den historisch-drama-\ntischen Oratorien von Händel, herzustellen. Nachdem er\ndas Wesen der Passionen aus einander gesetzt, fährt er\nfort:\n„Als die Sitte dieser Passions-Aufführungen immer\nmehr vernachlässigt wurde und also der Sinn für die Be-\ndeutung derselben zugleich abnahm, musste auch eine\nähnliche Auffassung geistlicher Musik sich verlieren, und\ndie Bach'schen Werke selbst geriethen in Vergessenheit,\nder sie ja vor nicht gar langer Zeit erst wieder entzogen\nsind. Dagegen wurde für geistliche Musik die Form,\nwelche Händel dem Oratorium gegeben hatte, so ziem-\nlich die allgemeine. Diese ist von der besprochenen we-\nsentlich verschieden, wie sie denn auch auf einer ganz an-\nderen Grundlage beruht. Händel wandte sich, nachdem\ner eine lange Reihe von Opern geschrieben hatte, da die\nVerhältnisse ihm die Bühne verschlossen, dem Oratorium\nzu. Er ging dabei von der Form des Oratoriums aus,\nwelche dasselbe in Italien als ein Nebenzweig der Oper\nazione Sacra, im Gegensatze der azione teatrale er-\nhalten hatte, zur Aufführung bei kirchlichen, wie jene bei\nweltlichen Festen bestimmt. Aber er durchdrang sie mit\nder gewaltigen Kraft seines männlichen Geistes und schuf\nein ihm ganz eigentbürolich Neues. Er erfasste die von\nihm gewählten ernsten Vorwürfe in ihrer für die Mensch-\nheit im höchsten Sinne geschichtlichen Bedeutung, und in-\ndem er den Chor zum Hauptträger der musicalischen Dar-\nstellung machte, gewann er nicht, allein für die höchsten\nKunstformen ein ergiebiges Feld, sondern für den Aus-\ndruck des Grossartigen und wahrhaft Volksmässigen die\nunerschöpflichen Mittel. Die Form, in welcher er meist\nalttestamentarische Stoffe bearbeitete, war in so weit dra-\nmatisch, als bei dem Mangel wirklicher Darstellung diese\ndurch breitere Exposition ersetzt werden kann. Hier hö-\nren wir keine Erzählung, alle Personen treten selbst re-\ndend auf; dem Zwecke gemäss ist allerdings von eigent-\nlicher Handlung nur so viel da, als nöthig ist, um Situa-\ntionen herbeizuführen, welche zur ausführlichen Darstel-\nlung verschiedener Empfindungen und Leidenschaften, wie\nes die Musik erfordert, Veranlassung geben. Man muss\ngestehen, dass die gewählten Gegenstände, wie Josua,\nSamson, Judas Maccabäus u. A.dazu höchst geeignet\nsind, um so mehr, da die leidenschaftlichen Aeusserungen\noft rasch wechselnder Empfindungen bei den Israeliten in\nLiebe und Hass, in enthusiastischem Gottvertrauen und\nmutbloser Niedergeschlagenheit, in Freude und Trauer\nsehr dankbar für den musicalischen Ausdruck sind. Die\nBearbeitung des Stoffes ist eine ganz freie, die sich nur\nin den äusseren Umrissen an die heiiige Schrift hält, wo\nes nöthig scheint, abkürzt, ausführt, auch wohl, um das\nInteresse zu erhöhen, wie z. B. im Josua, eine Liebes-\nEpisode einschaltet. Dem gemäss strebt auch die musica-\nlische Ausdrucksweise nach dramatischer Charakteristik;\nnur ist der Vortheil, welcher dadurch, dass keine Action\nda war, für den Componisten entstand, im Festhalten und\nbreiteren Ausdruck der Empfindung, worin das eigentliche\nWesen der Musik besteht, volle Freiheit zu haben, wie\nsich denken lässt, im vollen Maasse genutzt. In dieser Art\nist die Mehrzahl der Händel'schen Oratorien beschaffen;\nganz anders freilich der Messias. In diesem ist gar kein\ndramatisches Element, und eben so wenig kann man ihn\nepisch nennen, kaum dass hier und da ein Faden sich zeigt,\nder das Ganze äusserlich zusammenhält, das viel mehr auf\nder inhaltsschweren Kraft seines Grundgedankens basirt"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "307", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660929-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5535, "texte": "als in historischer Form entwickelt ist. Es ist dieses kolos-\nsale Werk am ehesten der Verherrlichung des Heilandes\ndurch einen Seher zu vergleichen, vor dessen ahnendem\nBlicke die Zeiten sich vermischen, und der in grossartigen,\nkühnen Bildern Geschehenes und Gedachtes zu Einem\nverknüpft. So steht dieses in Conception und Ausführung\ngleich bewundernswürdige Werk, das auch in seiner Form\nein ausserordentliches und isolirt stehendes ist, durchaus\nauf dem individuellen Standpunkte des grossen Mannes,\nnicht auf dem Boden des kirchlichen Gottesdienstes.\n„Jene dramatisirende Form der Oratorien aber wurde\nin späterer Zeit, wie gesagt, fast allgemein als Muster an-\ngesehen. So wie für Händel ausser dem ihm angeborenen\nErnste auch die Neigung der Engländer für biblische\nStoffe bestimmend gewesen sein mochte, so scheint auf\nder anderen Seite das Erkalten des kirchlichen Sinnes und\nein verflachender Rationalismus zu der allgemeinen Ver-\nbreitung derselben beigetragen zu haben. Denn losgelöst\nvon allen Elementen des kirchlichen Gottesdienstes, hatte\nsie einen allgemein humanen Standpunkt eingenommen,\nwobei die Wahl biblischer Stoffe etwas Zufälliges ist. [?]\nSo unterscheidet sich auch Händel's Auffassungs- und Be-\nhandlungsweise in diesen Oratorien von der ihm sonst\neigenthümlichen wesentlich nur in so fern, als die Natur\ndes Stoffes und der Musik der richtigen dramatischen Cha-\nrakteristik wegen grösseren Ernst und höhere Würde ver-\nlangte. Uebrigens ist es dem unbefangenen Hörer nicht\nschwer, zu erkennen, wie Manches in diesen Oratorien\ndurchaus weltlich ist und sein soll. Aber man ward durch\ndie Grösse und Erhabenheit des gewaltigen Mannes, durch\ndie gediegene Kraft, die Tiefe der Empfindung, durch\nseine Mässigung und echten Adel hingerissen, wenn man\nfür Kennzeichen des Kirchlichen hielt, was der Ausdruck\nseiner Individualität war. Das Missverständniss ging so weit,\ndass man sogar seine Technik als das Muster der kirchli-\nchen aufstellte, und da Vieles, was ihm oder seiner Zeit\neigen, später fremd und herbe erschien, es um desswillen\nauch für echt kirchlich hielt. So ist es begreiflich, dass\ntrotz des vielfachen Anbaues diese Gattung von Oratorien,\nso wie sie sich mit der Kirche nie vereinigen konnte (man\nmüsste denn die Aufführungen in der Kirche als Beweis\ngelten lassen wollen), auch die allgemeine Bedeutung nicht\nerlangt hat, welche ihr sonst nicht hätte entgehen können.\n„Es ist begreiflich, dass man die geistliche Musik wie-\nder auf den Boden der Kirche zurückzuführen suchte, dass\nman sie auf das Wesen des Gottesdienstes begründete,\nund indem man die Elemente desselben, so weit sie in das\nGebiet der Kunst fallen, ausbildete, ein dem religiösen Ge-\nfühle und Bewusstsein der Gemeinde entsprechendes Werk\nzu schaffen sich bemühte. Man musste also zu der heiligen\nSchrift und dem Choral, dem Ausdrucke der religiösen\nEmpfindung und Reflexion der Gemeinde, als wesentlichen\nGrundlagen, zurückkehren. Als ein eigentümlicher Ver-\nsuch,dieses herzustellen, ist das Oratorium Christus von\nG. Ch. Apel anzusehen, als ein durchaus selbständiges\nWerk, zu einer Zeit entstanden, wo die Bach'schen Pas-\nsionen noch vergessen lagen*).\n„Wie sehr verschieden von demselben auch Men-\ndelssohn' s Paulus in vieler Hinsicht sein mag, so ist\ndoch die zum Grunde liegende Ansicht vom Wesen und\nder Bedeutung der Kirchenmusik dieselbe.\"\nAusser der Darstellung dieser ohne Zweifel richtigen\nAnsicht über Mendelssohn's Intentionen mögen hier noch\nfolgende Steilen stehen, deren Beachtung auch heute noch\nnicht überflüssig sein dürfte.\n„Es wird\" —heisst es S. 27 „aus dieser Zusammen-\nstellung die Anordnung des Textes klar hervortreten, na-\nmentlich auch das Verhältniss der verschiedenartigen Ele-\nmente zu einander. Doch mag hier, weil in dieser Bezie-\nhung mehrfache Missverständnisse laut geworden sind, noch\neinmal darauf aufmerksam gemacht werden, wie das re-\nflectirende Element, wenn es gleich durch dieselben Mittel\nzur Darstellung gelangt, wie das dramatische, doch ein\nvon demselben wesentlich verschiedenes, rein ideelles ist.\nEs ist daher ganz verfehlt, die Aeusserungen desselben als\neinen Theil der Erzählung anzusehen, nach ihrer drama-\ntischen Rechtfertigung zu suchen, zu fragen (man hat aber\nso gefragt), wie und von wem man sich denn dies oder\njenes damals gesungen denken solle. Man hat hier, wie\nschon gesagt, nur den Ausdruck der allgemeinen Empfin-\ndung, des Gefühls und der Reflexion der Gemeinde zu\nsehen, deren ideeller Repräsentant der Sänger oder der\nChor ist, der hier alle Persönlichkeit abstreift und mit der\nHandlung in keinem anderen Zusammenhange als dem\ninneren des Gedankens steht. Dies tritt meistens so klar\nhervor, dass man sich wundern muss, wie es hat verkannt\nwerden können. So wenn nach der Steinigung des Ste-\nphanus der Choral einfällt: „ „Dir, Herr, Dir will ich mich\nergeben!\"\" unterschieden von dem Klaggesange der Chri-\nsten um Stephanus; oder wenn nach dem leidenschaftli-\nchen, Hass und Verfolgung athmenden Chor der Juden\n(Nr. 29): „„Ist das nicht, der zu Jerusalem verstörte?\"\"\nunmittelbar der Choral beginnt: „„Herr Jesu Christe,\nwahres Licht, erleuchte, die Dich kennen nicht, und bringe\nsie zu Deiner Heerd', dass ihre SeeP auch selig werd'.\"\"\nUnd hier zeigt es schon der Choral, dass die allgemeine\n\n*) Der erste Aufsatz der vorliegenden Sammlung ist der Erin-\nnerung an G. Ch. Apel, den wackeren Organisten und TJniversitäts-\nMusik-Director in Kiel (f 1841), gewidmet. Am Schlüsse desselben\nist von dem Oratorium „Christus\", aufgeführt 1824, die Rede.\n[*]"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "308", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660929-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4964, "texte": "christliche Empfindung ausgesprochen werden soll. Nicht\nminder klar ist es aber auch bei den übrigen Chören die-\nser Art, wie wenn, nachdem der Herr Paulus erschienen\nist, der Chor ausruft: „ „Mache Dich auf, werde Licht,\ndenn Dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des Herrn\ngehet auf über Dir! Denn siehe, Finsterniss bedecket das\nErdreich und Dunkel die Völker: aber über Dir geht auf\nder Herr und Seine Herrlichkeit erscheint über Dir!\"\"\nWas ist dies anders, als der Ausdruck der freudigen Ge-\nwissheit, dass der Ruf des Herrn ergangen ist und ergeht\nan alle, die ihm dienen sollen, und dass er ihnen sein\nLicht und seine Herrlichkeit offenbart. Oder, was die ein-\nfache Erzählung in sich einschliesst, ohne es näher auszu-\nsprechen, das drückt der Chor als die darin ruhende all-\ngemeine, als unsere Empfindung aus, wie in den Worten:\n„ „Sehet, welch eine Liebe hat uns der Vater erzeiget,\ndass wir sollen Gottes Kinder heissen!\"\" nachdem Paulus\nvon dannen geschieden. Ferner, wenn der Chor sich an-\nschliesst an das, was im Verlaufe der Erzählung ausge-\nsprochen ist, und dadurch, was als die Rede des Einzelnen\nsich kund that, zur allgemeinen, objectiven Wahrheit er-\nhebt und als solche in weiterer Ausführung bestätigt und\nbekräftigt. So, wenn Paulus und Barnabas erklären: „ „So\nsind wir nun Botschafter an Christi Statt, denn Gott ver-\nmahnet durch uns\"\", und der Chor dazu tritt: „„Wie\nlieblich sind die Boten, die den Frieden verkündigen; in\nalle Lande ist ausgegangen der Schall und in alle Welt\nihre Worte\"\"; oder wenn derselbe Paulus Worte auf-\nnimmt: „„Aber unser Gott ist im Himmel, Er schaffet\nalles, was Er will.\"\" Eben so, wenn Paulus singt: „ „Ich\ndanke Dir, Herr, mein Gott! Du hast meine Seele errettet\naus der tiefen Hölle!\"\" und der Chor dazu ausspricht:\n„ „Der Herr wird die Thränen abwischen von allen An-\ngesichtern; denn der Herr hat es gesagt!\"\" und dadurch\ndas subjective Gefühl des Redenden zum objectiven erhebt,\ndas historische als das in uns stets fortlebende bezeichnet.\nHier sind die verschiedenartigen Elemente am nächsten\nmit einander verbunden, ohne eine andere Berechtigung,\nals die innere der Idee. Und durchaus wahr ist diese Ver-\nknüpfung, weil in der That, wie schon gesagt, das Ver-\nhalten der christlichen Gemeinde zu dem durch die hei-\nlige Schrift Ueberlieferten ist, dass dieses nicht nur ein\näusserliches, einmal geschehenes, sondern in dem Gemüthe\nder Gläubigen fortlebendes, sich stets erneuerndes ist.\"\nEs ist dies eine richtige Anwendung der von Mose-\nwius über Bach's Matthäus-Passion gegebenen Erläute-\nrungen auf Mendelssohn's „Paulus\".\nIn Bezug auf die Stimme vom Himmel sagt Jahn: „Eine\nhimmlische Stimme spricht vernehmlich, und es musste also\nder Eindruck von etwas Aussergewöhnlichem, Uebernatür-\nlichem, durch die gewöhnlichen Mittel hervorgebracht wer-\nden. Eine, zumal männliche, Stimme durfte diese Worte\nnicht singen, damit nicht die Vorstellung aufkommen könne,\nes solle das die wirkliche, körperliche Stimme Christi sein,\nwelche sich vernehmen liesse. Der volle Chor konnte nicht\nwohl benutzt werden, weil sich dann diese Worte nicht vor\nallem Uebrigen ausgezeichnet, sich nicht als die Stimme von\noben dargestellt hätten. Der Componist hielt sich an den\nallgemeinen Eindruck der Stelle: „„Da umleucbtete ihn\nplötzlich ein Licht vom Himmel, und er hörete eine Stim-\nme\" \", und liess diese Worte von einem Chor von Frauen-\nstimmen singen*). Und in der That machen die Frauen-\nstimmen allein einen so ausserordentlichen Eindruck von\nKlarheit, haben eine so eigentümliche Kraft, in ihrem\nKlange liegt etwas so Leidenschaftsloses, Ueberirdisches,\ndass schwerlich eine geistvollere, wirksamere Auffassung\nmöglich wäre. Dieser Eindruck wird nun durch die eigen-\ntümliche Anwendung der Blas-Instrumente noch sehr\nerhöht, während die das Recitativ begleitenden Saiten-\nInstrumente das Entsetzen ausdrücken, das diese Erschei-\nnung hervorbringen musste. Der Chor aber ist an sich\ndurchaus ohne Persönlichkeit und Geschlecht, rein ideel,\nund ist eben desshalb für den Ausdruck der himmlischen\nStimme durchaus passend; dass wir mehrere Singende,\nund zwar Frauen sehen, kommt dabei gar nicht in Be-\ntracht, sondern nur, ob dies Mittel geeignet ist, den ange-\nmessenen Eindruck hervorzubringen, so weit dies im Be-\nreiche, der Kunst liegt. So liegt nichts Widersprechendes\ndarin, dass der Auftrag, welchen Ananias durch eine Er-\nscheinung erhält, nicht ebenfalls vom Frauenchor, sondern\nvon einer Sopranstimme gesungen wird, während die\nBlas-Instrumente in ähnlicher Weise behandelt hinzutre-\nten, um die Art und Weise des Auftrags näher zu be-\nzeichnen. Denn, wie gesagt, ob eine Stimme oder meh-\nrere, ist an sich ganz gleichbedeutend, und es fragt sich\nnur, ob es angemessen ist, den beabsichtigten Eindruck\nstärker oder schwächer hervorzubringen. Es ist aber leicht\neinzusehen, dass die Erscheinung, welche Paulus hatte,\nvor Allem in den Vordergrund treten und jene andere da-\ngegen zurückstehen muss.\""}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1866-09-29-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1866-09-29_01#c003", "volume": "bmtnabi_1866-09-29_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "308", "page_fin": "311", "image_debut": 4, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660929-01.2.3", "titre_corps": "Henri Reber.", "titre_sommaire": "Henri Reber.", "signature_source": "L. 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October 1807 geboren. Seine Erziehung war\nAnfangs auf wissenschaftliche Vorbildung zu industriellen\nZwecken berechnet, aber bald entsagte er diesen Studien,\num sich ganz und gar der Musik zu widmen, zu der ihn\nNeigung und Anlage, die sich praktisch in Flöten- und\nCiavierspiel bewährte, führten. Der ernste Wille, mit dem\ner in den neuen Beruf trat, bewahrte ihn vor Oberfläch-\nlichkeit und Dilettantismus und trieb ihn schon in seiner\nJugend an, sich in die Theorie der Kunst zu vertiefen, in\nso weit das, was von dabin einschlagenden Schriften in\nseine Hand kam, ihm Anleitung dazu geben konnte, deren\nUnzulänglichkeit er jedoch bald einsah. Er ging desshalb\nim Jahre 1828 nach Paris, wo er am 16. October in das\nConservatorium, zunächst in eine Nebenclasse Reicha's,\nwelche Reicha jedoch nicht selbst leitete, für Contrapunkt\nund Fuge eintrat, nach einem Jahre aber Lesueur's Schü-\nler, namentlich im dramatischen Stil, wurde.\nIm Jahre 1835 erschien seine erste grössere Compo-\nsition für Instrumentalmusik, ein Quintett für zwei Violi-\nnen, zwei Bratschen und Violoncell. Demselben folgten\nbald drei Violin-Quartette, Op. 4, 5 und 7, zwei Trio's\nfür Pianoforte, Violine und Violoncell, Op. 8, späterhin\nzwei andere, Nr. 3 (Op. 16) und Nr. 4, (Op.\n25), neuerdings IX Pieces pour Piano et Viobn, Op. 27.\nFür Orchester sind vier Sinfonieen von ihm in Paris\nbei Richault in Partitur und Stimmen und in vierhändigen\nClavier-Auszügen von Camille Saint-Saens erschienen: Nr.\nI in D-moll,Nr. II in C-dur,Nr. 111 in Nr. IV\nin G-dur.Die Angabe der Opuszahl fehlt auf allen Par-\ntituren; die vierte ist der Concert-Gesellschaft des Conser-\nvatoires gewidmet und durch dieselbe auch aufgeführt\nworden; die drei übrigen wurden zur Zeit in den Concer-\nten der Gesellschalt der heiligen Cäcilia unter Segher's\nDirection mit Beifall gegeben.\nReber hat auch für die Opernbühne geschrieben,\naber, wie die Reihe der eben angeführten Werke für\nOrchester und Kammermusik zeigt, den in Paris ganz un-\ngewöhnlichen Weg, durch die Instrumentalmusik zum\nTheater zu gelangen, betreten. Seinen Opern, deren erste\n1848 gegeben wurde, gingen einige Hefte von Liedern\nfür eine Singstimme mit Clavier-Begleitung voraus, von\ndenen viele beliebt, einige, wie La Captive und Le Voile\nde la Chätelaine,berühmt wurden.\nSeine erste Oper: La Nuit (Der Weihnachts-\nabend), in drei Acten wurde im Theater der Opera co-\nmique am 11. Februar 1848 gegeben. Ebendaselbst\nPere Gaillard,drei Acte, am 7. September 1852—\nPapillotes de Mr. Benoist,ein Act, ebendaselbst den 28.\nDecember 1853 Les Dames drei Acte, eben-\ndaselbst den 3. Juni 1857. Eine grosse Oper, Näim,\nist nicht zur Aufführung gekommen, nur die Ouvertüre\nist in Concerten gemacht worden. Mitglied des Instituts\nwurde Reber erst 1853 im November, nachdem er die\ngenannten drei ersten komischen Opern geschrieben hatte;\nunter seinen Mitbewerbern waren Berlioz, Clapisson und\nFei. David; die Stelle, zu welcher er gewählt wurde, war\ndurch George Onslow's Tod erledigt.\nUeber Reber's dramatische Musik schrieb uns bei Ge-\nlegenheit der Oper Les Dames unser pariser\nCorrespondent: „Das Buch reicht nicht an den Werth der\nfrüheren Arbeiten von es muthet dem Zuschauer\ngar zu viel zu, sich Unwahrscheinlichkeiten u. s. w. auf-\nbinden zu lassen, indessen das Detail ist komisch und\nwitzig, und das hält hier viele schlechte Texte über Was-\nser. Die Musik ist weit bedeutender, als das Buch. Reber\nhat mit dem Pere Gaillard und mit den Papillotes de Mr.\nBenoist Erfolg gehabt; dergleichen Sujets möchten aber\nauch wohl der Rahmen sein, in welchen seine musicali-\nschen Bilder passen. Er ist ein Genremaler, als solcher\nhat er Stil und hält ihn fest, so dass er darin Gelungenes\nliefert. Er hat sich durch seine anderen Compositionen mit\nRecht den Ruf eines Musicien erworben und gilt\nfür einen Archaisten, für einen Verehrer der alten Musik,\nfür einen Classiker quand meme. In seinen Arbeiten für\ndie komische Oper zeigt sich diese Vorliebe für die ältere\nSchule z. B. im Pere Gaillard durch das einfache Colorit\nder Melodie und die Klarheit des Orchesters nach dem\nVorbilde Grötry's. Seine letzte Oper ist aber in Bezug auf\nden Inhalt des Buches kein Genrebildchen, sondern ein\nGemälde, wenn auch kein vorzügliches; es forderte im-\nmerhin nach seinen Umrissen und seinem historischen\nHintergruude aus der Zeit der Fronde die „ „Feld-\nherrinnen\"B sind die Herzogin von Chatillon und die Prin-\nzessin von Conde—eine grossartigere Anlage in der Com-\nposition. Für eine solche scheint Reber's Talent nicht aus-\nzureichen; jedenfalls wird der Streit über dasselbe, der\nzwischen seinen Verehrern und ihren Gegnern hier\nherrscht, durch diese Partitur neue Nahrung bekommen.\nSie enthält indess sehr hübsche, einfach, aber fein erfun-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "310", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660929-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5296, "texte": "dene und gut gearbeitete Nummern, in denen eine gewisse\nEigentümlichkeit Reber's hervortritt. Allein zu einem\nprägnanten dramatischen Stile kommt es nicht; denn zwi-\nschen jenen stossen wir wieder auf andere, die in italiäni-\nscher Manier geschrieben sind und mehr an Rossini, als\nan Gr&ry und Haydn erinnern. Reber ist jedenfalls ein\nbedeutender Musiker und ist seiner Stellung im Institute\nund im Conservatoire vollkommen gewachsen: allein um\nin die Reihe grosser Componisten zu treten, scheint ihm\ndie Natur nicht schaffendes Genie genug verliehen zu\nhaben.\"\nIm Ganzen finden wir dieses Urtheil auch durch die\nEinsiebt in die Partituren seiner vier Sinfonieen bestätigt.\nDie vierte in G-durverdient den Beifall, den sie bei ihrer\nersten Aufführung in den Conservatoire-Concerten am 22.\nFebruar 1857 gefunden hat. Bekanntlich öffnen sich die\nPforten dieses stark ausschliesslich conservativen Instituts\nnur sehr selten dem Eintritte eines Zeitgenossen in seine\nHallen, und so war es schon eine Anerkennung Reber's,\ndass man seine Sinfonie auf das Repertoire brachte, und\nsie erhielt denn auch einen Beifall, der mehr als einen\nSucces d'estimebekundete. Sie zeichnet sich, wie alle In-\nstrumentalsachen Reber's, durch interessante, klare Arbeit\nund Formvollendung aus, und obwohl man Haydn als\nMuster darin erblickt, so lässt sich doch hier eine Eigen-\ntümlichkeit des Stils und eine consequente Durchführung\ndesselben nicht verkennen, die sich aber schwer charakte-\nrisiren lässt, da man positiv ihr keine hervorspringende\nOriginalität der Erfindung zusprechen kann, allein jeden\nVorwurf wirklicher Nachahmung und Reminiscenz negi-\nren, mithin die Selbständigkeit des Schaffens anerkennen\nmuss.\nDie Pianoforte-Trio's, namentlich das vierte (Serenade\nin D-dur),dann die Duette für Violine und Pianoforte\nzeichnen sich unter allen französischen Erzeugnissen ähn-\nlicher Gattung durch einen mehr künstlerischen Inhalt vor\nden sogenannt brillanten Salonstücken vortheilhaft aus.\nWir stimmen über dieselben im Ganzen dem Urtheile des\nmusicalischen Referenten der „Debats\" (vom 5. August),\nHerrn d'Ortigue, bei, welcher mit einigen Bemerkun-\ngen über das Dunkel, worin so manche musicalische Ta-\nlente verborgene Blüthen treiben, und über die Vergäng-\nlichkeit der öffentlichen Anerkennung also beginnt:\n„Ich habe einigen Kammermusik-Productionen, die\nwährend der Saison Statt gefunden, ein paar Artikel ge-\nwidmet; man hat aber Beides, sowohl die künstlerischen\nLeistungen als die Artikel, sehr bald wieder vergessen.\nJa, hätten beide Malerei oder Sculptur zum Gegenstande\ngehabt, so hätten sie freilich mehr Lärm in der pariser\nWelt gemacht! Erstens wären die Werke dieser Künste\nMonate lang in schönen Säien ausgestellt gewesen, eine\nalle Tage sich erneuernde Flut von Zuschauern hätte sie\nmit dem Kataloge in der Hand alle Tage betrachten kön-\nnen, und alle Zeitungen würden ihre Vorzüge ausposaunt\nhaben. Dieses beneidenswerthe Loos theilen die Künstler\nnicht, welche das Unglück haben, nur Musiker zu sein,\nbesonders wenn sie nicht für das Theater schreiben: im\nAllgemeinen ist Gleichgültigkeit des Publicums für ihre\nPerson und ihre Werke an der Tagesordnung.\n„So ist z. B. ein gelehrter Geistlicher, der eine bände-\nreiche „ „katholische Encyklopädie\"\" geschrieben hat, in\ndiesen Tagen gestorben. Er hat mitten in der gewaltigen\nArbeit zu jenem Werke von 25 Bänden doch Zeit gefun-\nden, die Briefe von Leopold Mozart und Wolfgang Ama-\ndeus Mozart zu sammeln und ins Französische zu über-\nsetzen und mit Erläuterungen und musicalischen Bemer-\nkungen zu versehen. So entstand das Büchlein:\nVie d'unartisie chretien au\n1857, welches in Frankreich mehr für die Beurtheilung\nMozart's als Mensch und Künstler und das Verständniss\nseiner Werke gewirkt hat, als alles, was man seit fünfzig\nJahren über ihn geschrieben hatte. Nun, dieselben Jour-\nnale, welche das Buch bei seiner Erscheinung rühmend\nangezeigt hatten, melden jetzt den Tod des Abbö Gösch -\nler, geben aber nicht an, dass er Verfasser jenes Buches\nwar, was sie längst vergessen haben.\n„So gehört auch einer unserer Zeitgenossen zu den\nKünstlern, die gern im Verborgenen schaffen und dabei\nweder das grosse Publicum, noch den Erfolg in den Sa-\nlons vor Augen haben, sondern nur die eigene Befriedi-\ngung der angeborenen Neigung und das Urtheil eines\nengen Kreises von Auserwählten. Ich meine Henri Re-\nber und seine Compositionen für Kammermusik, von de-\nnen mir die neuesten, eine Trio-Serenade und neun Stücke\nfür Violine und Pianoforte, vorliegen. Aus ihrer Durch-\nsicht habe ich die schöne Erinnerung an den Genuss des\nHörens, der mir früher zu Theil wurde, geschöpft. Ich\nhatte diesen Genuss an einigen Abenden in jenen vertrau-\nten Kreisen, in denen die Musik der wahre und alleinige\nZweck des Zusammenkommens ist, und die somit die\neigentliche Atmosphäre bilden, in welcher die Kammer-\nmusik gedeiht.\n„Henri Reber hat von den lebenden Kunstgenossen\ndas meiste Persönliche in seinen Compositionen. Er ver-\nsteht es, auf Gemüth und Herz durch die Musik zu wir-\nken, und erreicht dies ohne Anstrengungen und ohne Auf-\nwand von Mitteln zum Effect oder zu raffinirtem Glänze\ndurch Einfachheit und Aufrichtigkeit im Gegensatze der\nLüge erkünstelter Empfindsamkeit, so dass man seiner\nMusik den Charakter der Naivetät im besten Sinne des"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "311", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660929-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 962, "texte": "Wortes geben kann. So kann er Leiter und ernst, ver-\nständig und poetisch sein, und die Tiefe des deutschen\nGemüthes vereinigt sich bei ihm mit der französischen\nFeinheit und Munterkeit. Seine Originalität ist glücklicher\nWeise nicht jene, die sich durch Auffallendes jeder Art,\nlärmendes Verblüffen der Menge und Negation der Form\nkund zu thun strebt; sie liegt in der Einfachheit und Na-\ntürlichkeit der Erfindung und der Arbeit, deren Reinheit\nund Durchsichtigkeit das Wissen des Künstlers in höhe-\nrem Grade bekundet, als die verzweifelten harmonischen\nSprünge und grellen Modulationen Anderer.\"\nSchliesslich wollen wir nicht vergessen, das theoreti-\nsche Werk Reber's: Traite d'Harmonie. Paris, 1862 (ein\nBand in gr. 8.), zu erwähnen, welches wir noch nicht\ndurch eigene Prüfung kennen, das uns aber von urteils-\nfähigen Männern vom Fach als vorzüglich klar und prak-\ntisch geschildert worden ist, so dass es eine Uebersetzung\nins Deutsche verdiente.\n\nL. B."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1866-09-29-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1866-09-29_01#c004", "volume": "bmtnabi_1866-09-29_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "311", "page_fin": "312", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660929-01.2.4", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "311", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660929-01.1.7", "debut_caractere": 964, "fin_caractere_exclue": 6751, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nKöln. Die Concert-Gesellschaft kündigt zehn Winter-\nConcerte im Gürzenich unter der Leitung des städtischen Capell-\nmeisters Herrn Ferd. Hiller an. Die ersten fünf fallen auf die\nTage vom\n23. Oetober,\n6. und 20. November,\n4. und 18. December.\nAbonnementspreis für einen numerirten Platz 7 Thaler. Dem Ver-\nnehmen nach wird das erste Concert durch die Aufführung von\nBeethoven's Sinfonia eroica und Cherubin i's Requiem an die\nSiege und Opfer des glorreichen Feldzuges erinnern.\nVon Joh. Brahms sind neuerdings bei Simrock in Bonn er-\nschienen : Sextett für Streich-Instrumente in G-dur Op. 36 und eine\nSonate für Ciavier und Violoncell.\nMannheim. Am 1. September wurde hier das durch König\nLudwig I. von Baiern der Stadt Mannheim zum Geschenke gemachte\nStandbild des Frhrn. von Dalberg, ersten Intendanten des hiesi-\ngen Theaters, auf dem Schillerplatze, dem es nebst den beiden\nStandbildern von Schiller und Iffland nun als drittes zur Zierde ge-\nreicht, in Gegenwart des General-Lieutenants und Hofmarschalls\nHerrn von La Roche, als Bevollmächtigten des Königs Ludwig,\nso wie der sämmtlichen hiesigen Behörden, der Mitglieder des Thea-\nters und zahlreicher sonstiger Bewohner Mannheims unter musicali-\nscher Mitwirkung der Männer-Gesangvereine feierlichst enthüllt.\nDasselbe ist von der Composition von Widtmann, der Erzguss\nvon Miller in München. Bei dieser Gelegenheit ist hier in Form\nvon vier Tabellen ein „Rückblick auf die Verwaltung des\ngrossherzoglichen Hof- und Nationaltheaters in Mann-\nheim\" erschienen. Die erste jener Tabellen umfasst den Zeitraum\nvom I. October 1779 bis 1. October 1803, während dessen der „Reichs-\nfreiherr Wolfgang Heribert von Dalberg\", geb. 1739, gest. 1806, die\nIntendanz des hiesigen Theaters, als dessen eigentlicher Gründer im\nAuftrage des Kurfürsten Karl Theodor Freiherr von Hompesch\ngenannt wird, bekleidete. Nächst der genauen Angabe der Regie und\neines häufig damit in Verbindung stehenden Ausschusses von her-\nvorragenden Bühnen-Mitgliedern, des Budgets des jährlichen pecu-\nniären Erfolges, findet man auf dieser Tabelle die bedeutendsten\nPersönlichkeiten der Oper und des Schauspiels, wie der musicali-\nschen una theatralischen Direction, z. B. die Capellmeister Holz-\nbauer, Vogler (bis 1786), Danzi, Ign. Fränzl, Concertmeister\nP. Ritter u. s. w. Von besonderem Interesse ist die Rubrik, welche\ndie erstmalige Darstellung classischer Werke in Oper und Schau-\nspiel angibt. Die Rubrik „Bemerkungen\" enthält unter Anderem\nfolgende Notiz: „1791, 2. und 4. October: „„Richard Löwenherz\"\".\nDie Emigranten waren bei der Befreiung Richardis ganz ausser sich.\nMan hörte nichts als Vivat, und weisse Tücher hatten sie an Stöcke\ngebunden. Das Personal wurde gerufen. Iffland sagte auf französisch:\n»»Möge der König (Ludwig XVI.) einen Blondel finden, der sein Le-\nben rettet!\"\" Das Publicum stimmte jubelnd in den Wunsch ein.\"\nHier ist am 9. September Wilhelm Christian\nPögner nach einwöchentlichem Krankenlager gestorben. Schon\ndurch seine Herkunft stand der Verblichene den Leipzigern nahe:\ner wurde im benachbarten Altschönfeld im Jahre 1808 geboren. Bis\n1828 Student der Theologie, betrat er während des der Küstner'schen\nDirection folgenden Aufenthaltes der Bethmann'schen Gesellschaft\nzum ersten Male die hiesige Bühne und liess sich dann bei Errich-\ntung des „Hoftheaters\" fest engagiren. Nach einjähriger Abwesen-\nheit kehrte er später zu Ringelhardt zurück und blieb nun während\ndessen ganzer Leitung, so wie auch noch ein Jahr unter Dr. Schmidt\nthätig, bis er den Brettern entsagte und als Pensionär des leipziger\nTheaters, so wie als gesuchter Musik- und Gesanglehrer in Leipzig\nwohnen blieb. Mit seinen ausnehmend schönen, vorzüglich durch\nseltenen Umfang nach der Tiefe hin brillirenden Stimmmitteln, sei-\nnem gediegenen musicalischen Wissen und seiner ihn nie und nir-\ngends im Stiche lassenden universellen Bildung war er eine lang-\njährige hervorragende Zierde des hiesigen Opernpersonals, und seine\nkünstlerische Wirksamkeit ist auch ausserhalb der Bühne z. B.\nin den Gewandhaus- und Kirchen-Concerten während der Mendels-\nsohn'schen Glanz-Periode eine erhebliche gewesen. Von bedeuten-\nden Bass-Partieen, deren erster Vertreter Pögner in Leipzig war,\nnennen wir u. A. den Marcel in den „Hugenotten\", den Beaumanoir\nin „Templer und Jüdin\" und den Cardinal in der „Jüdin\". Dass er\nauch nach seinem Zurücktritte ins Privatleben fortfuhr, den Cultus\nder Kunst in unserer Stadt, wo immer es noch in seinen Kräften\nstand, zu fördern, zeigt noch im letzten Jahre seine werkthätige\nBeihülfe zur Gründung des wohlbekannten „Klapperkastens\".\nDer fürstliche Hof-Capellmeister Friedrich Marpurg ver-\nlässt seine bisherige Stellung in Sondershausen, um nach dem\nRheine zurückzukehren. Sein Abgang von dort wird sehr bedauert,\nda die Concerte im Loh unter seiner Leitung grossen Genuss ge-\nwährten. Das vorletzte (das 17. in der Reihe), welches den 23. Sep-\ntember Statt fand, brachte die Ouvertüren von Cherubini zu\nMedea und von Schumann zu Manfred, ferner Beethoven's\nC-moll-Sinfonie und aus der neuesten Schule Wagner's Vorspiel\nzu Lohengrin und Liszt's symphonische Dichtung Tasso.\n? 14. September. Dem Männer-Gesangvereine waren auf\ndessen Concurs-Ausschreiben zur Errichtung eines Schubert-Mo-\nnumentes drei Entwürfe eingesandt worden, von Pilz in Wien,\nvon Wiedemann in München und von Kundtmann in Rom.\nDie Entwürfe waren seiner Zeit im Kunstvereine ausgestellt und\nerregten sowohl in den nächstberührten, als auch in weiteren Krei-\nsen, namentlich in der wiener Publicistik, ziemlich lebhafte Contro-\nversen. Gestern hielt nun die zur Wahlentscheidung constituirte Jury\nihre Sitzung und beschloss mit Majorität, ja, fast einstimmig, keinen\nder Entwürfe dem Männer-Gesangvereine zur Annahme zu empfeh-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "312", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660929-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5264, "texte": "len. Der motivirte Beschluss wird in den nächsten Tagen dem Ple-\nnum des Mann er-Gesangvereins officiel mitgetheilt werden. Von den\nEntwürfen wird trotz der Ablehnung jeder einzelne mit 60 Ducaten\nhonorirt.\nBasel* Hans von Bülow gedenkt für den Winter seinen\nWohnsitz von Luzern, wo er den Sommer zubrachte, hieb er zu\nverlegen, mit den Herren Abel und Kahnt Trio-Soireen zu veran-\nstalten und auch Unterricht zu geben.\nParis* Flotow's Oper „Zilda\" ist, nachdem Madame Cabel\nvon ihrem Urlaub zurückgekehrt, am 18. d. Mts. wieder aufgenom-\nmen worden und hat in den beiden auf einander folgenden Vorstel-\nlungen bei vollem Hause grossen Beifall gefunden.\nIm Thäätre lyrique wird eine Oper von Victorien Jonci&res,\n„Sardanapal\" genannt, studirt, in welcher eine Schwedin, Fräulein\nHebbe, als Myrrha auftreten wird. Von Jules Beer kommt\nebendaselbst eine neue Oper zur Aufführung.\nUeber eine neue Speculation Ullman's enthält die Gazette mu-\nsicale Nr. 38 vom 23. d. Mts. folgende, wie sie sagt, zuverlässige\nNotizen. Ein Vertrag ist zwischen Ullman und Alexander Dumas\nabgeschlossen worden; Dumas verpflichtet sich, ein Opernbuch zu\nschreiben, dessen Stoff er aus seinem Roman Le Gomte de Brage-\nlonne nimmt, worin Fräulein von Lavalliere die Hauptrolle spielt.\nLouise von Lavalliere, die berühmte Geliebte Ludwig's XIV., war\nkeine blendende Schönheit, aber fesselte durch Anmuth und Liebens-\nwürdigkeit. Sie hinkte ein wenig, und dieser kleine Naturfehler\nverschafft ihr jetzt das Glück, die Heldin einer Oper zu werden,\nwelche für Carlotta Patti geschrieben wird. Herr von Flotow\nhat sich ebenfalls verpflichtet, die Musik dazu zu liefern; die Hand-\nlung wird nur vier Personen erfordern und keinen Chor. Nach sei-\nner Concert-Rundreise durch Frankreich, die er bereits begonnen,\nwird Ullman das nöthige Sänger-Personal engagiren und dann nach\nseiner Weise die Tour durch Frankreich von Neuem beginnen und\ndie genannte Oper in allen Städten von Bedeutung geben. [So viel\nuns bekannt ist, währt der Contract zwischen Fräulein Carlotta\nPatti und Herrn Ullman nur noch bis zum 1. Mai künftigen Jahres\nbis dahin müsste denn also Buch, Musik und Rundreise fertig\nund abgethan sein. Jedenfalls beweist die Sache wieder den uner-\nschöpflichen Speculationsgeist des berühmten Impresario.]\nDie Concerts populaires de Musique classique werden im Circus\nNapoleon am 21. October wieder beginnen.\nEin Curiosum, welches die Zeitungen „eine Ueberraschung\"\nnennen, fand bei der Wiedereröffnung der Concerts des Champs\nElysöes am 23, d. Mts. Statt: Jeder, der sein Billet im Bureau löst,\nerhält eine Anweisung auf die unentgeltliche Anfertigung seines\nPortraits durch einen der besten [?] Photographen von Paris. Trotz-\ndem beträgt der Eintrittspreis nur einen Franken. [Da sieht man,\nwap für Segen die Association der Künste bringt!]\nülllllill* Mapleson's Winter-Gesellschaft, welche die Damen\nTietjens, Sinico, Demeric-Lablache, Zandrina, die Herren Mario,\nMorini, Santley, Gassier, Foli, Bossi bilden, hat ihre Opern-Vorstel-\nlungen am 17. d. Mts. begonnen und wird binnen drei Wochen\nvierzehn Opern geben, um dann weiter zu ziehen! Und zu sol-\nchem handwerksmässigen Ausbeuten der Kunst geben sich Künst-\nlerinnen und Künstler von solchem Range, wie die meisten von\nihnen einnehmen, her !\nÄTew-Yorli,* Der Steinway'sehe Saal schreitet mit grosser\nSchnelligkeit seiner Vollendung entgegen und wird im December\neröffnet werden. Die Einrichtung desselben wird sowohl in Bezug\nauf Comfort als Eleganz nichts zu wünschen übrig lassen. Die Be-\nleuchtung wird eine eigentümliche und in den grössten Concert-\nSälen Londons benutzte sein, welche bisher hier noch nicht bekannt\ngewesen ist. Diese Beleuchtung wird von England importirt werden,\nund die Kosten für die Materialien dazu werden begreiflicher Weise\nsehr bedeutend sein. Die Sessel für die Zuhörer werden breiter und\nbequemer, zugleich aber auch kühler sein, als irgend welche bisher\nin New-York befindliche. Die Baukosten nebst der inneren Einrich-\ntung werden sich auf ungefähr 125,000 Dollars belaufen.\nHerr Eduard Härting hat am 3. September am Broadway\nein deutsches Theater unter dem Namen „Thalia-Theater44 eröffnet.\nEr sagt in seiner Anzeige: „Trotzdem mir nur eine verhältnissmäs-\nsig sehr kurze Zeit gegeben war, alle Arrangements zu treffen, ist\nes mir dennoch gelungen, ein Ensemble herzustellen, wie es in\nNew-York noch nicht gesehen worden ist; aber ausser dieser fest\nengagirten Gesellschaft hat mein reger Eifer es ermöglicht, die be-\nrühmtesten Grössen Deutschlands zu Gastspielen nach New-York zu\nbringen. Herr Bogumil Dawison, der grösste lebende Künstler (?),\nwird schon Ende August auf meine Einladung hier eintreffen. Frau\nAuguste von Bärndorf, welche man die deutsche Ristori nennt, hat\ngleichfalls meine Einladung angenommen und wird bestimmt im\nLaufe Septembers hier sein. Herr Friedrich Haase, der Weitbe-\nrühmte, unterhandelt ebenfalls mit mir über die Bedingungen, und\nist sein Kommen gleichfalls ausser allem Zweifel, da ich fest ent-\nschlossen bin, selbst die grössten Opfer zu bringen, um meine Pflicht\ndem Publicum gegenüber auf das prompteste zu erfüllen.\" (?)\nKarl Formes ist von Max Strakosch engagirt und wird mit\nihm reisen. Der unruhige Künstler wird hoffentlich die nöthige\nMüsse finden."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "305", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660929-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nO. Jahn's gesammelte Aufsätze über Musik. (Schluss.) Henri Reber (Biographie). Von L. B. Tages- und Un-\nterhaltungsblatt (Köln, die bevorstehenden Winter-Concerte im Gürzenich Bonn, neue Werke von Joh. Brahms Mannheim,\nStandbild des Frhrn. von Dalberg Leipzig, Wilhelm Christian Pögner f Sondershausen, Hof-Capellmeister Fr. Marpurg Wien,\nSchubert-Monument Basel, Hans von Bülow Paris, Theater, Ullman, Curiosum Dublin, Mapleson's Winter-Gesellschaft u. s. w.)\n\n0. Jahn s gesammelte Aufsätze über Musik.\n(Schluss. S. Nr. 38.)\nAuf diesen Aufsatz über Wagner's „Lohengrin\" ha-\nben wir übrigens schon bei seinem ersten Erscheinen in\nden „Grenzboten\" in Nr. 5 und 6 des Jahrgangs 1854\nder Niederrb. Musik-Zeitung aufmerksam gemacht und\ndabei auf die Uebereinstimmung der Ansichten über Wag-\nner's Musik, welche 0. Jahn ausspricht, mit denen, welche\nwir in unserer ausführlichen Analyse des „Tannhäuser\"\n(Niederrh. Musik-Zeitung, 111. Jahrg., 1852—53, Nr.\n23—40) dargelegt hatten, durch häufige Citate aus die-\nser Analyse hingewiesen. Jahn hatte auch über den „Tann-\nhäuser\" in den „Grenzboten\" (1853, I. 327) einen Auf-\nsatz geschrieben, der kurz nach unserem letzten (eilften)\nArtikel über diese Oper erschien, so dass für die Sache,\num die es sich bandelte, bemerkenswertb war, dass zwei\nPersonen, unabhängig von einander, in ihren Betrach-\ntungen und Untersuchungen zu gleicher Zeit auf dieselben\nResultate gekommen waren*).\nJahn's Aufsatz über „Tannhäuser\" ist auch in die\nvorliegende Sammlung aufgenommen. Was er darin über\nDichter und Componist in Einer Person sagt, trifft den\nNagel auf den Kopf:\n„Nicht selten hat schon das Talent des Componisten\ndie Schwächen seines Textes zu verdecken und durch die\nmusicalische Behandlung die Lücken desselben zu ergän-\nzen verstanden. Wo Dichter und Componist in Einer Per-\nson vereinigt sind, ist das nicht zu erwarten, sondern dass\ndie Schwächen der dichterischen Conception sich in der\nmusicalischen wiederfinden werden. Es ist überhaupt eine\nmissliche Sache, wenn der Componist sich seinen Text\nselbst macht. Denn es ist auf keine Weise zu läugnen,\nDass durch die poetische Gestaltung und detaillirte Durch-\nbildung des Stoffes die Productionskraft des Musikers be-\nreits im voTaus geschwächt werde. Er tritt nicht mehr\nfrisch einem ihm fremden Objecte gegenüber, das er aus\nsich heraus zu durchdringen und neu zu gestalten hat,\nsondern er hat einen guten, vielleicht den besten Theil\nseiner Kraft schon an dasselbe gesetzt; seine musicalische\nBegeisterung für den Stoff ist nur der zweite Aufguss\nseiner poetischen. Je mehr diese eine wahre und innige\ngewesen ist, um so mehr wird sie das musicalische Ele-\nment in den Hintergrund drängen, und es ist auch aus\ndiesem Grunde begreiflich, dass Wagner principiel der\nMusik eine secundäre Stellung anweist, wie z. B. Goethe\nsicherlich die Compositionen Zelter's allen übrigen haupt-\nsächlich desshalb vorzog, weil sie zu seinen Gedichten so\nwenig Musik als möglich hinzubrachten. Es hilft nichts,\nan den Künstler der Zukunft das Postulat einer Univer-\nsalität genialer Schöpfungskraft zu stellen, welche die Be-\nschränktheit der menschlichen Natur überhaupt nicht zu-\nlässt. Denn man verwechsle doch um Gottes willen die\nschaffende Kraft des Genie's, welche allein wahrhafte\nKunstwerke hervorzubringen im Stande ist, nicht mit\nBildung, die allerdings einer an Universalität gränzenden\nVielseitigkeit fähig ist. In einer Zeit, wie die unserige, de-\nren geistige Atmosphäre mit Bildungs-Elementen aller Art\ngesättigt ist, kann auch ein mässiges Talent, wenn es mit\neiniger Beweglichkeit und Geschicklichkeit verbunden ist,\nsich leicht so viel ästhetische Bildung erwerben, dass es\neinem Stoffe poetische Motive ansieht und ihn in der ge-\nbildeten Sprache, „ „die für ihn dichtet und denkt\"\", in\nleidlichen Versen behandelt. Auch die Musik ist durch die\nLeistungen der grossen Meister, welche sie mit staunens-\nwerter Energie und Fülle nach allen Seiten geistig und\ntechnisch ausgebildet haben, in einem Grade Eigenthum\nder gebildeten Welt geworden, dass die Fähigkeit, seiner\nEmpfindung einen musicalischen Ausdruck zu geben und\n\n*) Ueber „Lohengrin\" vergleiche man auch die „Zerstreuten\nAnmerkungen zu Wagner's Lohengrin\" von Dr. Ed. Krüger in\nder Niederrh. M.-Z., Jahrg. 1856, Nr. 1 und 2."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "306", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660929-01.1.2", "texte": "technische Effecte hervorzubringen, kaum viel weniger\nverbreitet ist, als die Neigung, Musik zu hören und zu kri-\ntisiren. Mit einigen der bildenden Künste ist es ziemlich\neben so weit gekommen, und man betrachte nur die ge-\nbildeten Einwohner grösserer Städte, worin setzen sie ihre\nBildung anders, als in die universelle Fähigkeit, Poesie,\nMusik und bildende Kunst zu geniessen, zu verstehen und\nwenigstens in einigen auch selbst zu produciren? Dieser\nDilettantismus, das Product der Bildung, ist in seinem\nGrunde und Wesen von der Kunst verschieden, die nur\naus dem schöpferischen Genie hervorgeht, und wie beach-\ntenswerth auch die quantitativen Unterschiede dilettanti-\nscher Werke unter sich sein mögen, die wesentliche Ver-\nschiedenheit vom wahren Kunstwerke bleibt unverrückt\ndieselbe.\n„Wagner mit seinem vielseitigen Talente für Poesie,\nMusik, bildende Kunst, so weit sie bei dem scenischen\nArrangement in Betracht kommt, und dialektisirende Kri-\ntik ist ein Repräsentant des auf unserer heutigen Bildung\nruhenden Dilettantismus, wenn man diesen Ausdruck in\ndem oben angedeuteten allgemeineren Sinne nimmt. Dass\ner in diese universelle Bildung das wahre Wesen der\nKunst setzt, ist die natürliche Folge seiner Meinung, dass\ner ein wahrer und grosser Künstler sei; da es durch nichts\ngeboten ist, dieses Postulat zuzugeben, so wird man vor-\nläufig auch nicht genöthigt sein, den Begriff der Kunst\nvon ihm zu abstrahiren.\"\nGanz unbekannt war uns der Aufsatz über Mendels-\nsohn's „Paulus\", S. 13—37,1842 in Kiel geschrieben.\nJahn bespricht darin den Inhalt und die Form dieses\nOratoriums in Bezug auf Text und musicalische Behand-\nlung, weist dessen Ausgang von den älteren Passions-Mu-\nsiken, namentlich J. S. Bach's, nach und betrachtet das-\nselbe als Frucht von Mendelssohn's Bestreben, mit neuen\nMitteln eine echt christliche, insbesondere protestantische\nKirchenmusik, auf der Grundlage der älteren Bach'schen,\ngewisser Maassen im Gegensatze zu den historisch-drama-\ntischen Oratorien von Händel, herzustellen. Nachdem er\ndas Wesen der Passionen aus einander gesetzt, fährt er\nfort:\n„Als die Sitte dieser Passions-Aufführungen immer\nmehr vernachlässigt wurde und also der Sinn für die Be-\ndeutung derselben zugleich abnahm, musste auch eine\nähnliche Auffassung geistlicher Musik sich verlieren, und\ndie Bach'schen Werke selbst geriethen in Vergessenheit,\nder sie ja vor nicht gar langer Zeit erst wieder entzogen\nsind. Dagegen wurde für geistliche Musik die Form,\nwelche Händel dem Oratorium gegeben hatte, so ziem-\nlich die allgemeine. Diese ist von der besprochenen we-\nsentlich verschieden, wie sie denn auch auf einer ganz an-\nderen Grundlage beruht. Händel wandte sich, nachdem\ner eine lange Reihe von Opern geschrieben hatte, da die\nVerhältnisse ihm die Bühne verschlossen, dem Oratorium\nzu. Er ging dabei von der Form des Oratoriums aus,\nwelche dasselbe in Italien als ein Nebenzweig der Oper\nazione Sacra, im Gegensatze der azione teatrale er-\nhalten hatte, zur Aufführung bei kirchlichen, wie jene bei\nweltlichen Festen bestimmt. Aber er durchdrang sie mit\nder gewaltigen Kraft seines männlichen Geistes und schuf\nein ihm ganz eigentbürolich Neues. Er erfasste die von\nihm gewählten ernsten Vorwürfe in ihrer für die Mensch-\nheit im höchsten Sinne geschichtlichen Bedeutung, und in-\ndem er den Chor zum Hauptträger der musicalischen Dar-\nstellung machte, gewann er nicht, allein für die höchsten\nKunstformen ein ergiebiges Feld, sondern für den Aus-\ndruck des Grossartigen und wahrhaft Volksmässigen die\nunerschöpflichen Mittel. Die Form, in welcher er meist\nalttestamentarische Stoffe bearbeitete, war in so weit dra-\nmatisch, als bei dem Mangel wirklicher Darstellung diese\ndurch breitere Exposition ersetzt werden kann. Hier hö-\nren wir keine Erzählung, alle Personen treten selbst re-\ndend auf; dem Zwecke gemäss ist allerdings von eigent-\nlicher Handlung nur so viel da, als nöthig ist, um Situa-\ntionen herbeizuführen, welche zur ausführlichen Darstel-\nlung verschiedener Empfindungen und Leidenschaften, wie\nes die Musik erfordert, Veranlassung geben. Man muss\ngestehen, dass die gewählten Gegenstände, wie Josua,\nSamson, Judas Maccabäus u. A.dazu höchst geeignet\nsind, um so mehr, da die leidenschaftlichen Aeusserungen\noft rasch wechselnder Empfindungen bei den Israeliten in\nLiebe und Hass, in enthusiastischem Gottvertrauen und\nmutbloser Niedergeschlagenheit, in Freude und Trauer\nsehr dankbar für den musicalischen Ausdruck sind. Die\nBearbeitung des Stoffes ist eine ganz freie, die sich nur\nin den äusseren Umrissen an die heiiige Schrift hält, wo\nes nöthig scheint, abkürzt, ausführt, auch wohl, um das\nInteresse zu erhöhen, wie z. B. im Josua, eine Liebes-\nEpisode einschaltet. Dem gemäss strebt auch die musica-\nlische Ausdrucksweise nach dramatischer Charakteristik;\nnur ist der Vortheil, welcher dadurch, dass keine Action\nda war, für den Componisten entstand, im Festhalten und\nbreiteren Ausdruck der Empfindung, worin das eigentliche\nWesen der Musik besteht, volle Freiheit zu haben, wie\nsich denken lässt, im vollen Maasse genutzt. In dieser Art\nist die Mehrzahl der Händel'schen Oratorien beschaffen;\nganz anders freilich der Messias. In diesem ist gar kein\ndramatisches Element, und eben so wenig kann man ihn\nepisch nennen, kaum dass hier und da ein Faden sich zeigt,\nder das Ganze äusserlich zusammenhält, das viel mehr auf\nder inhaltsschweren Kraft seines Grundgedankens basirt"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "307", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660929-01.1.3", "texte": "als in historischer Form entwickelt ist. Es ist dieses kolos-\nsale Werk am ehesten der Verherrlichung des Heilandes\ndurch einen Seher zu vergleichen, vor dessen ahnendem\nBlicke die Zeiten sich vermischen, und der in grossartigen,\nkühnen Bildern Geschehenes und Gedachtes zu Einem\nverknüpft. So steht dieses in Conception und Ausführung\ngleich bewundernswürdige Werk, das auch in seiner Form\nein ausserordentliches und isolirt stehendes ist, durchaus\nauf dem individuellen Standpunkte des grossen Mannes,\nnicht auf dem Boden des kirchlichen Gottesdienstes.\n„Jene dramatisirende Form der Oratorien aber wurde\nin späterer Zeit, wie gesagt, fast allgemein als Muster an-\ngesehen. So wie für Händel ausser dem ihm angeborenen\nErnste auch die Neigung der Engländer für biblische\nStoffe bestimmend gewesen sein mochte, so scheint auf\nder anderen Seite das Erkalten des kirchlichen Sinnes und\nein verflachender Rationalismus zu der allgemeinen Ver-\nbreitung derselben beigetragen zu haben. Denn losgelöst\nvon allen Elementen des kirchlichen Gottesdienstes, hatte\nsie einen allgemein humanen Standpunkt eingenommen,\nwobei die Wahl biblischer Stoffe etwas Zufälliges ist. [?]\nSo unterscheidet sich auch Händel's Auffassungs- und Be-\nhandlungsweise in diesen Oratorien von der ihm sonst\neigenthümlichen wesentlich nur in so fern, als die Natur\ndes Stoffes und der Musik der richtigen dramatischen Cha-\nrakteristik wegen grösseren Ernst und höhere Würde ver-\nlangte. Uebrigens ist es dem unbefangenen Hörer nicht\nschwer, zu erkennen, wie Manches in diesen Oratorien\ndurchaus weltlich ist und sein soll. Aber man ward durch\ndie Grösse und Erhabenheit des gewaltigen Mannes, durch\ndie gediegene Kraft, die Tiefe der Empfindung, durch\nseine Mässigung und echten Adel hingerissen, wenn man\nfür Kennzeichen des Kirchlichen hielt, was der Ausdruck\nseiner Individualität war. Das Missverständniss ging so weit,\ndass man sogar seine Technik als das Muster der kirchli-\nchen aufstellte, und da Vieles, was ihm oder seiner Zeit\neigen, später fremd und herbe erschien, es um desswillen\nauch für echt kirchlich hielt. So ist es begreiflich, dass\ntrotz des vielfachen Anbaues diese Gattung von Oratorien,\nso wie sie sich mit der Kirche nie vereinigen konnte (man\nmüsste denn die Aufführungen in der Kirche als Beweis\ngelten lassen wollen), auch die allgemeine Bedeutung nicht\nerlangt hat, welche ihr sonst nicht hätte entgehen können.\n„Es ist begreiflich, dass man die geistliche Musik wie-\nder auf den Boden der Kirche zurückzuführen suchte, dass\nman sie auf das Wesen des Gottesdienstes begründete,\nund indem man die Elemente desselben, so weit sie in das\nGebiet der Kunst fallen, ausbildete, ein dem religiösen Ge-\nfühle und Bewusstsein der Gemeinde entsprechendes Werk\nzu schaffen sich bemühte. Man musste also zu der heiligen\nSchrift und dem Choral, dem Ausdrucke der religiösen\nEmpfindung und Reflexion der Gemeinde, als wesentlichen\nGrundlagen, zurückkehren. Als ein eigentümlicher Ver-\nsuch,dieses herzustellen, ist das Oratorium Christus von\nG. Ch. Apel anzusehen, als ein durchaus selbständiges\nWerk, zu einer Zeit entstanden, wo die Bach'schen Pas-\nsionen noch vergessen lagen*).\n„Wie sehr verschieden von demselben auch Men-\ndelssohn' s Paulus in vieler Hinsicht sein mag, so ist\ndoch die zum Grunde liegende Ansicht vom Wesen und\nder Bedeutung der Kirchenmusik dieselbe.\"\nAusser der Darstellung dieser ohne Zweifel richtigen\nAnsicht über Mendelssohn's Intentionen mögen hier noch\nfolgende Steilen stehen, deren Beachtung auch heute noch\nnicht überflüssig sein dürfte.\n„Es wird\" —heisst es S. 27 „aus dieser Zusammen-\nstellung die Anordnung des Textes klar hervortreten, na-\nmentlich auch das Verhältniss der verschiedenartigen Ele-\nmente zu einander. Doch mag hier, weil in dieser Bezie-\nhung mehrfache Missverständnisse laut geworden sind, noch\neinmal darauf aufmerksam gemacht werden, wie das re-\nflectirende Element, wenn es gleich durch dieselben Mittel\nzur Darstellung gelangt, wie das dramatische, doch ein\nvon demselben wesentlich verschiedenes, rein ideelles ist.\nEs ist daher ganz verfehlt, die Aeusserungen desselben als\neinen Theil der Erzählung anzusehen, nach ihrer drama-\ntischen Rechtfertigung zu suchen, zu fragen (man hat aber\nso gefragt), wie und von wem man sich denn dies oder\njenes damals gesungen denken solle. Man hat hier, wie\nschon gesagt, nur den Ausdruck der allgemeinen Empfin-\ndung, des Gefühls und der Reflexion der Gemeinde zu\nsehen, deren ideeller Repräsentant der Sänger oder der\nChor ist, der hier alle Persönlichkeit abstreift und mit der\nHandlung in keinem anderen Zusammenhange als dem\ninneren des Gedankens steht. Dies tritt meistens so klar\nhervor, dass man sich wundern muss, wie es hat verkannt\nwerden können. So wenn nach der Steinigung des Ste-\nphanus der Choral einfällt: „ „Dir, Herr, Dir will ich mich\nergeben!\"\" unterschieden von dem Klaggesange der Chri-\nsten um Stephanus; oder wenn nach dem leidenschaftli-\nchen, Hass und Verfolgung athmenden Chor der Juden\n(Nr. 29): „„Ist das nicht, der zu Jerusalem verstörte?\"\"\nunmittelbar der Choral beginnt: „„Herr Jesu Christe,\nwahres Licht, erleuchte, die Dich kennen nicht, und bringe\nsie zu Deiner Heerd', dass ihre SeeP auch selig werd'.\"\"\nUnd hier zeigt es schon der Choral, dass die allgemeine\n\n*) Der erste Aufsatz der vorliegenden Sammlung ist der Erin-\nnerung an G. Ch. Apel, den wackeren Organisten und TJniversitäts-\nMusik-Director in Kiel (f 1841), gewidmet. Am Schlüsse desselben\nist von dem Oratorium „Christus\", aufgeführt 1824, die Rede.\n[*]"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "308", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660929-01.1.4", "texte": "christliche Empfindung ausgesprochen werden soll. Nicht\nminder klar ist es aber auch bei den übrigen Chören die-\nser Art, wie wenn, nachdem der Herr Paulus erschienen\nist, der Chor ausruft: „ „Mache Dich auf, werde Licht,\ndenn Dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des Herrn\ngehet auf über Dir! Denn siehe, Finsterniss bedecket das\nErdreich und Dunkel die Völker: aber über Dir geht auf\nder Herr und Seine Herrlichkeit erscheint über Dir!\"\"\nWas ist dies anders, als der Ausdruck der freudigen Ge-\nwissheit, dass der Ruf des Herrn ergangen ist und ergeht\nan alle, die ihm dienen sollen, und dass er ihnen sein\nLicht und seine Herrlichkeit offenbart. Oder, was die ein-\nfache Erzählung in sich einschliesst, ohne es näher auszu-\nsprechen, das drückt der Chor als die darin ruhende all-\ngemeine, als unsere Empfindung aus, wie in den Worten:\n„ „Sehet, welch eine Liebe hat uns der Vater erzeiget,\ndass wir sollen Gottes Kinder heissen!\"\" nachdem Paulus\nvon dannen geschieden. Ferner, wenn der Chor sich an-\nschliesst an das, was im Verlaufe der Erzählung ausge-\nsprochen ist, und dadurch, was als die Rede des Einzelnen\nsich kund that, zur allgemeinen, objectiven Wahrheit er-\nhebt und als solche in weiterer Ausführung bestätigt und\nbekräftigt. So, wenn Paulus und Barnabas erklären: „ „So\nsind wir nun Botschafter an Christi Statt, denn Gott ver-\nmahnet durch uns\"\", und der Chor dazu tritt: „„Wie\nlieblich sind die Boten, die den Frieden verkündigen; in\nalle Lande ist ausgegangen der Schall und in alle Welt\nihre Worte\"\"; oder wenn derselbe Paulus Worte auf-\nnimmt: „„Aber unser Gott ist im Himmel, Er schaffet\nalles, was Er will.\"\" Eben so, wenn Paulus singt: „ „Ich\ndanke Dir, Herr, mein Gott! Du hast meine Seele errettet\naus der tiefen Hölle!\"\" und der Chor dazu ausspricht:\n„ „Der Herr wird die Thränen abwischen von allen An-\ngesichtern; denn der Herr hat es gesagt!\"\" und dadurch\ndas subjective Gefühl des Redenden zum objectiven erhebt,\ndas historische als das in uns stets fortlebende bezeichnet.\nHier sind die verschiedenartigen Elemente am nächsten\nmit einander verbunden, ohne eine andere Berechtigung,\nals die innere der Idee. Und durchaus wahr ist diese Ver-\nknüpfung, weil in der That, wie schon gesagt, das Ver-\nhalten der christlichen Gemeinde zu dem durch die hei-\nlige Schrift Ueberlieferten ist, dass dieses nicht nur ein\näusserliches, einmal geschehenes, sondern in dem Gemüthe\nder Gläubigen fortlebendes, sich stets erneuerndes ist.\"\nEs ist dies eine richtige Anwendung der von Mose-\nwius über Bach's Matthäus-Passion gegebenen Erläute-\nrungen auf Mendelssohn's „Paulus\".\nIn Bezug auf die Stimme vom Himmel sagt Jahn: „Eine\nhimmlische Stimme spricht vernehmlich, und es musste also\nder Eindruck von etwas Aussergewöhnlichem, Uebernatür-\nlichem, durch die gewöhnlichen Mittel hervorgebracht wer-\nden. Eine, zumal männliche, Stimme durfte diese Worte\nnicht singen, damit nicht die Vorstellung aufkommen könne,\nes solle das die wirkliche, körperliche Stimme Christi sein,\nwelche sich vernehmen liesse. Der volle Chor konnte nicht\nwohl benutzt werden, weil sich dann diese Worte nicht vor\nallem Uebrigen ausgezeichnet, sich nicht als die Stimme von\noben dargestellt hätten. Der Componist hielt sich an den\nallgemeinen Eindruck der Stelle: „„Da umleucbtete ihn\nplötzlich ein Licht vom Himmel, und er hörete eine Stim-\nme\" \", und liess diese Worte von einem Chor von Frauen-\nstimmen singen*). Und in der That machen die Frauen-\nstimmen allein einen so ausserordentlichen Eindruck von\nKlarheit, haben eine so eigentümliche Kraft, in ihrem\nKlange liegt etwas so Leidenschaftsloses, Ueberirdisches,\ndass schwerlich eine geistvollere, wirksamere Auffassung\nmöglich wäre. Dieser Eindruck wird nun durch die eigen-\ntümliche Anwendung der Blas-Instrumente noch sehr\nerhöht, während die das Recitativ begleitenden Saiten-\nInstrumente das Entsetzen ausdrücken, das diese Erschei-\nnung hervorbringen musste. Der Chor aber ist an sich\ndurchaus ohne Persönlichkeit und Geschlecht, rein ideel,\nund ist eben desshalb für den Ausdruck der himmlischen\nStimme durchaus passend; dass wir mehrere Singende,\nund zwar Frauen sehen, kommt dabei gar nicht in Be-\ntracht, sondern nur, ob dies Mittel geeignet ist, den ange-\nmessenen Eindruck hervorzubringen, so weit dies im Be-\nreiche, der Kunst liegt. So liegt nichts Widersprechendes\ndarin, dass der Auftrag, welchen Ananias durch eine Er-\nscheinung erhält, nicht ebenfalls vom Frauenchor, sondern\nvon einer Sopranstimme gesungen wird, während die\nBlas-Instrumente in ähnlicher Weise behandelt hinzutre-\nten, um die Art und Weise des Auftrags näher zu be-\nzeichnen. Denn, wie gesagt, ob eine Stimme oder meh-\nrere, ist an sich ganz gleichbedeutend, und es fragt sich\nnur, ob es angemessen ist, den beabsichtigten Eindruck\nstärker oder schwächer hervorzubringen. Es ist aber leicht\neinzusehen, dass die Erscheinung, welche Paulus hatte,\nvor Allem in den Vordergrund treten und jene andere da-\ngegen zurückstehen muss.\"\n\nHenri Reber.\n\nZu den wenigen Componisten, die in Paris—und das\nheisst immer so viel, als in Frankreich nicht bloss für\ndie Oper aller Gattungen, oder von reiner Instrumental-\n\n*) Spohr theilte mir einmal im Gespräche mit, er würde es\nvorgezogen haben, die Worte der Erscheinung von einem starken\nMännerchor singen zu lassen, um das Gewaltige, Erschütternde\nauszudrücken."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "309", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660929-01.1.5", "texte": "musik bloss für das Pianoforte schreiben, sondern auch\nderjenigen gediegenen Richtung der Tonkunst huldigen,\ndie zum Schaffen von Instrumentalmusik für Orchester\nund Rammermusik führt, gehört Reber, welcher, obwohl\nMitglied des Instituts und Professor der Theorie am pari-\nser Conservatorium, in Deutschland wenig bekannt ist,\ntrotzdem dass ein deutsches Element eben so, wie bei\nGouvy, in seinen Compositionen durchblickt und die In-\nstrumentalwerke Beider sehr deutlich von den französi-\nschen ähnlicher Art unterscheidet.\nNapoleon Henri Reber ist zu Mühlhausen im Elsass\nam 21. October 1807 geboren. Seine Erziehung war\nAnfangs auf wissenschaftliche Vorbildung zu industriellen\nZwecken berechnet, aber bald entsagte er diesen Studien,\num sich ganz und gar der Musik zu widmen, zu der ihn\nNeigung und Anlage, die sich praktisch in Flöten- und\nCiavierspiel bewährte, führten. Der ernste Wille, mit dem\ner in den neuen Beruf trat, bewahrte ihn vor Oberfläch-\nlichkeit und Dilettantismus und trieb ihn schon in seiner\nJugend an, sich in die Theorie der Kunst zu vertiefen, in\nso weit das, was von dabin einschlagenden Schriften in\nseine Hand kam, ihm Anleitung dazu geben konnte, deren\nUnzulänglichkeit er jedoch bald einsah. Er ging desshalb\nim Jahre 1828 nach Paris, wo er am 16. October in das\nConservatorium, zunächst in eine Nebenclasse Reicha's,\nwelche Reicha jedoch nicht selbst leitete, für Contrapunkt\nund Fuge eintrat, nach einem Jahre aber Lesueur's Schü-\nler, namentlich im dramatischen Stil, wurde.\nIm Jahre 1835 erschien seine erste grössere Compo-\nsition für Instrumentalmusik, ein Quintett für zwei Violi-\nnen, zwei Bratschen und Violoncell. Demselben folgten\nbald drei Violin-Quartette, Op. 4, 5 und 7, zwei Trio's\nfür Pianoforte, Violine und Violoncell, Op. 8, späterhin\nzwei andere, Nr. 3 (Op. 16) und Nr. 4, (Op.\n25), neuerdings IX Pieces pour Piano et Viobn, Op. 27.\nFür Orchester sind vier Sinfonieen von ihm in Paris\nbei Richault in Partitur und Stimmen und in vierhändigen\nClavier-Auszügen von Camille Saint-Saens erschienen: Nr.\nI in D-moll,Nr. II in C-dur,Nr. 111 in Nr. IV\nin G-dur.Die Angabe der Opuszahl fehlt auf allen Par-\ntituren; die vierte ist der Concert-Gesellschaft des Conser-\nvatoires gewidmet und durch dieselbe auch aufgeführt\nworden; die drei übrigen wurden zur Zeit in den Concer-\nten der Gesellschalt der heiligen Cäcilia unter Segher's\nDirection mit Beifall gegeben.\nReber hat auch für die Opernbühne geschrieben,\naber, wie die Reihe der eben angeführten Werke für\nOrchester und Kammermusik zeigt, den in Paris ganz un-\ngewöhnlichen Weg, durch die Instrumentalmusik zum\nTheater zu gelangen, betreten. Seinen Opern, deren erste\n1848 gegeben wurde, gingen einige Hefte von Liedern\nfür eine Singstimme mit Clavier-Begleitung voraus, von\ndenen viele beliebt, einige, wie La Captive und Le Voile\nde la Chätelaine,berühmt wurden.\nSeine erste Oper: La Nuit (Der Weihnachts-\nabend), in drei Acten wurde im Theater der Opera co-\nmique am 11. Februar 1848 gegeben. Ebendaselbst\nPere Gaillard,drei Acte, am 7. September 1852—\nPapillotes de Mr. Benoist,ein Act, ebendaselbst den 28.\nDecember 1853 Les Dames drei Acte, eben-\ndaselbst den 3. Juni 1857. Eine grosse Oper, Näim,\nist nicht zur Aufführung gekommen, nur die Ouvertüre\nist in Concerten gemacht worden. Mitglied des Instituts\nwurde Reber erst 1853 im November, nachdem er die\ngenannten drei ersten komischen Opern geschrieben hatte;\nunter seinen Mitbewerbern waren Berlioz, Clapisson und\nFei. David; die Stelle, zu welcher er gewählt wurde, war\ndurch George Onslow's Tod erledigt.\nUeber Reber's dramatische Musik schrieb uns bei Ge-\nlegenheit der Oper Les Dames unser pariser\nCorrespondent: „Das Buch reicht nicht an den Werth der\nfrüheren Arbeiten von es muthet dem Zuschauer\ngar zu viel zu, sich Unwahrscheinlichkeiten u. s. w. auf-\nbinden zu lassen, indessen das Detail ist komisch und\nwitzig, und das hält hier viele schlechte Texte über Was-\nser. Die Musik ist weit bedeutender, als das Buch. Reber\nhat mit dem Pere Gaillard und mit den Papillotes de Mr.\nBenoist Erfolg gehabt; dergleichen Sujets möchten aber\nauch wohl der Rahmen sein, in welchen seine musicali-\nschen Bilder passen. Er ist ein Genremaler, als solcher\nhat er Stil und hält ihn fest, so dass er darin Gelungenes\nliefert. Er hat sich durch seine anderen Compositionen mit\nRecht den Ruf eines Musicien erworben und gilt\nfür einen Archaisten, für einen Verehrer der alten Musik,\nfür einen Classiker quand meme. In seinen Arbeiten für\ndie komische Oper zeigt sich diese Vorliebe für die ältere\nSchule z. B. im Pere Gaillard durch das einfache Colorit\nder Melodie und die Klarheit des Orchesters nach dem\nVorbilde Grötry's. Seine letzte Oper ist aber in Bezug auf\nden Inhalt des Buches kein Genrebildchen, sondern ein\nGemälde, wenn auch kein vorzügliches; es forderte im-\nmerhin nach seinen Umrissen und seinem historischen\nHintergruude aus der Zeit der Fronde die „ „Feld-\nherrinnen\"B sind die Herzogin von Chatillon und die Prin-\nzessin von Conde—eine grossartigere Anlage in der Com-\nposition. Für eine solche scheint Reber's Talent nicht aus-\nzureichen; jedenfalls wird der Streit über dasselbe, der\nzwischen seinen Verehrern und ihren Gegnern hier\nherrscht, durch diese Partitur neue Nahrung bekommen.\nSie enthält indess sehr hübsche, einfach, aber fein erfun-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "310", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660929-01.1.6", "texte": "dene und gut gearbeitete Nummern, in denen eine gewisse\nEigentümlichkeit Reber's hervortritt. Allein zu einem\nprägnanten dramatischen Stile kommt es nicht; denn zwi-\nschen jenen stossen wir wieder auf andere, die in italiäni-\nscher Manier geschrieben sind und mehr an Rossini, als\nan Gr&ry und Haydn erinnern. Reber ist jedenfalls ein\nbedeutender Musiker und ist seiner Stellung im Institute\nund im Conservatoire vollkommen gewachsen: allein um\nin die Reihe grosser Componisten zu treten, scheint ihm\ndie Natur nicht schaffendes Genie genug verliehen zu\nhaben.\"\nIm Ganzen finden wir dieses Urtheil auch durch die\nEinsiebt in die Partituren seiner vier Sinfonieen bestätigt.\nDie vierte in G-durverdient den Beifall, den sie bei ihrer\nersten Aufführung in den Conservatoire-Concerten am 22.\nFebruar 1857 gefunden hat. Bekanntlich öffnen sich die\nPforten dieses stark ausschliesslich conservativen Instituts\nnur sehr selten dem Eintritte eines Zeitgenossen in seine\nHallen, und so war es schon eine Anerkennung Reber's,\ndass man seine Sinfonie auf das Repertoire brachte, und\nsie erhielt denn auch einen Beifall, der mehr als einen\nSucces d'estimebekundete. Sie zeichnet sich, wie alle In-\nstrumentalsachen Reber's, durch interessante, klare Arbeit\nund Formvollendung aus, und obwohl man Haydn als\nMuster darin erblickt, so lässt sich doch hier eine Eigen-\ntümlichkeit des Stils und eine consequente Durchführung\ndesselben nicht verkennen, die sich aber schwer charakte-\nrisiren lässt, da man positiv ihr keine hervorspringende\nOriginalität der Erfindung zusprechen kann, allein jeden\nVorwurf wirklicher Nachahmung und Reminiscenz negi-\nren, mithin die Selbständigkeit des Schaffens anerkennen\nmuss.\nDie Pianoforte-Trio's, namentlich das vierte (Serenade\nin D-dur),dann die Duette für Violine und Pianoforte\nzeichnen sich unter allen französischen Erzeugnissen ähn-\nlicher Gattung durch einen mehr künstlerischen Inhalt vor\nden sogenannt brillanten Salonstücken vortheilhaft aus.\nWir stimmen über dieselben im Ganzen dem Urtheile des\nmusicalischen Referenten der „Debats\" (vom 5. August),\nHerrn d'Ortigue, bei, welcher mit einigen Bemerkun-\ngen über das Dunkel, worin so manche musicalische Ta-\nlente verborgene Blüthen treiben, und über die Vergäng-\nlichkeit der öffentlichen Anerkennung also beginnt:\n„Ich habe einigen Kammermusik-Productionen, die\nwährend der Saison Statt gefunden, ein paar Artikel ge-\nwidmet; man hat aber Beides, sowohl die künstlerischen\nLeistungen als die Artikel, sehr bald wieder vergessen.\nJa, hätten beide Malerei oder Sculptur zum Gegenstande\ngehabt, so hätten sie freilich mehr Lärm in der pariser\nWelt gemacht! Erstens wären die Werke dieser Künste\nMonate lang in schönen Säien ausgestellt gewesen, eine\nalle Tage sich erneuernde Flut von Zuschauern hätte sie\nmit dem Kataloge in der Hand alle Tage betrachten kön-\nnen, und alle Zeitungen würden ihre Vorzüge ausposaunt\nhaben. Dieses beneidenswerthe Loos theilen die Künstler\nnicht, welche das Unglück haben, nur Musiker zu sein,\nbesonders wenn sie nicht für das Theater schreiben: im\nAllgemeinen ist Gleichgültigkeit des Publicums für ihre\nPerson und ihre Werke an der Tagesordnung.\n„So ist z. B. ein gelehrter Geistlicher, der eine bände-\nreiche „ „katholische Encyklopädie\"\" geschrieben hat, in\ndiesen Tagen gestorben. Er hat mitten in der gewaltigen\nArbeit zu jenem Werke von 25 Bänden doch Zeit gefun-\nden, die Briefe von Leopold Mozart und Wolfgang Ama-\ndeus Mozart zu sammeln und ins Französische zu über-\nsetzen und mit Erläuterungen und musicalischen Bemer-\nkungen zu versehen. So entstand das Büchlein:\nVie d'unartisie chretien au\n1857, welches in Frankreich mehr für die Beurtheilung\nMozart's als Mensch und Künstler und das Verständniss\nseiner Werke gewirkt hat, als alles, was man seit fünfzig\nJahren über ihn geschrieben hatte. Nun, dieselben Jour-\nnale, welche das Buch bei seiner Erscheinung rühmend\nangezeigt hatten, melden jetzt den Tod des Abbö Gösch -\nler, geben aber nicht an, dass er Verfasser jenes Buches\nwar, was sie längst vergessen haben.\n„So gehört auch einer unserer Zeitgenossen zu den\nKünstlern, die gern im Verborgenen schaffen und dabei\nweder das grosse Publicum, noch den Erfolg in den Sa-\nlons vor Augen haben, sondern nur die eigene Befriedi-\ngung der angeborenen Neigung und das Urtheil eines\nengen Kreises von Auserwählten. Ich meine Henri Re-\nber und seine Compositionen für Kammermusik, von de-\nnen mir die neuesten, eine Trio-Serenade und neun Stücke\nfür Violine und Pianoforte, vorliegen. Aus ihrer Durch-\nsicht habe ich die schöne Erinnerung an den Genuss des\nHörens, der mir früher zu Theil wurde, geschöpft. Ich\nhatte diesen Genuss an einigen Abenden in jenen vertrau-\nten Kreisen, in denen die Musik der wahre und alleinige\nZweck des Zusammenkommens ist, und die somit die\neigentliche Atmosphäre bilden, in welcher die Kammer-\nmusik gedeiht.\n„Henri Reber hat von den lebenden Kunstgenossen\ndas meiste Persönliche in seinen Compositionen. Er ver-\nsteht es, auf Gemüth und Herz durch die Musik zu wir-\nken, und erreicht dies ohne Anstrengungen und ohne Auf-\nwand von Mitteln zum Effect oder zu raffinirtem Glänze\ndurch Einfachheit und Aufrichtigkeit im Gegensatze der\nLüge erkünstelter Empfindsamkeit, so dass man seiner\nMusik den Charakter der Naivetät im besten Sinne des"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "311", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660929-01.1.7", "texte": "Wortes geben kann. So kann er Leiter und ernst, ver-\nständig und poetisch sein, und die Tiefe des deutschen\nGemüthes vereinigt sich bei ihm mit der französischen\nFeinheit und Munterkeit. Seine Originalität ist glücklicher\nWeise nicht jene, die sich durch Auffallendes jeder Art,\nlärmendes Verblüffen der Menge und Negation der Form\nkund zu thun strebt; sie liegt in der Einfachheit und Na-\ntürlichkeit der Erfindung und der Arbeit, deren Reinheit\nund Durchsichtigkeit das Wissen des Künstlers in höhe-\nrem Grade bekundet, als die verzweifelten harmonischen\nSprünge und grellen Modulationen Anderer.\"\nSchliesslich wollen wir nicht vergessen, das theoreti-\nsche Werk Reber's: Traite d'Harmonie. Paris, 1862 (ein\nBand in gr. 8.), zu erwähnen, welches wir noch nicht\ndurch eigene Prüfung kennen, das uns aber von urteils-\nfähigen Männern vom Fach als vorzüglich klar und prak-\ntisch geschildert worden ist, so dass es eine Uebersetzung\nins Deutsche verdiente.\n\nL. B.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nKöln. Die Concert-Gesellschaft kündigt zehn Winter-\nConcerte im Gürzenich unter der Leitung des städtischen Capell-\nmeisters Herrn Ferd. Hiller an. Die ersten fünf fallen auf die\nTage vom\n23. Oetober,\n6. und 20. November,\n4. und 18. December.\nAbonnementspreis für einen numerirten Platz 7 Thaler. Dem Ver-\nnehmen nach wird das erste Concert durch die Aufführung von\nBeethoven's Sinfonia eroica und Cherubin i's Requiem an die\nSiege und Opfer des glorreichen Feldzuges erinnern.\nVon Joh. Brahms sind neuerdings bei Simrock in Bonn er-\nschienen : Sextett für Streich-Instrumente in G-dur Op. 36 und eine\nSonate für Ciavier und Violoncell.\nMannheim. Am 1. September wurde hier das durch König\nLudwig I. von Baiern der Stadt Mannheim zum Geschenke gemachte\nStandbild des Frhrn. von Dalberg, ersten Intendanten des hiesi-\ngen Theaters, auf dem Schillerplatze, dem es nebst den beiden\nStandbildern von Schiller und Iffland nun als drittes zur Zierde ge-\nreicht, in Gegenwart des General-Lieutenants und Hofmarschalls\nHerrn von La Roche, als Bevollmächtigten des Königs Ludwig,\nso wie der sämmtlichen hiesigen Behörden, der Mitglieder des Thea-\nters und zahlreicher sonstiger Bewohner Mannheims unter musicali-\nscher Mitwirkung der Männer-Gesangvereine feierlichst enthüllt.\nDasselbe ist von der Composition von Widtmann, der Erzguss\nvon Miller in München. Bei dieser Gelegenheit ist hier in Form\nvon vier Tabellen ein „Rückblick auf die Verwaltung des\ngrossherzoglichen Hof- und Nationaltheaters in Mann-\nheim\" erschienen. Die erste jener Tabellen umfasst den Zeitraum\nvom I. October 1779 bis 1. October 1803, während dessen der „Reichs-\nfreiherr Wolfgang Heribert von Dalberg\", geb. 1739, gest. 1806, die\nIntendanz des hiesigen Theaters, als dessen eigentlicher Gründer im\nAuftrage des Kurfürsten Karl Theodor Freiherr von Hompesch\ngenannt wird, bekleidete. Nächst der genauen Angabe der Regie und\neines häufig damit in Verbindung stehenden Ausschusses von her-\nvorragenden Bühnen-Mitgliedern, des Budgets des jährlichen pecu-\nniären Erfolges, findet man auf dieser Tabelle die bedeutendsten\nPersönlichkeiten der Oper und des Schauspiels, wie der musicali-\nschen una theatralischen Direction, z. B. die Capellmeister Holz-\nbauer, Vogler (bis 1786), Danzi, Ign. Fränzl, Concertmeister\nP. Ritter u. s. w. Von besonderem Interesse ist die Rubrik, welche\ndie erstmalige Darstellung classischer Werke in Oper und Schau-\nspiel angibt. Die Rubrik „Bemerkungen\" enthält unter Anderem\nfolgende Notiz: „1791, 2. und 4. October: „„Richard Löwenherz\"\".\nDie Emigranten waren bei der Befreiung Richardis ganz ausser sich.\nMan hörte nichts als Vivat, und weisse Tücher hatten sie an Stöcke\ngebunden. Das Personal wurde gerufen. Iffland sagte auf französisch:\n»»Möge der König (Ludwig XVI.) einen Blondel finden, der sein Le-\nben rettet!\"\" Das Publicum stimmte jubelnd in den Wunsch ein.\"\nHier ist am 9. September Wilhelm Christian\nPögner nach einwöchentlichem Krankenlager gestorben. Schon\ndurch seine Herkunft stand der Verblichene den Leipzigern nahe:\ner wurde im benachbarten Altschönfeld im Jahre 1808 geboren. Bis\n1828 Student der Theologie, betrat er während des der Küstner'schen\nDirection folgenden Aufenthaltes der Bethmann'schen Gesellschaft\nzum ersten Male die hiesige Bühne und liess sich dann bei Errich-\ntung des „Hoftheaters\" fest engagiren. Nach einjähriger Abwesen-\nheit kehrte er später zu Ringelhardt zurück und blieb nun während\ndessen ganzer Leitung, so wie auch noch ein Jahr unter Dr. Schmidt\nthätig, bis er den Brettern entsagte und als Pensionär des leipziger\nTheaters, so wie als gesuchter Musik- und Gesanglehrer in Leipzig\nwohnen blieb. Mit seinen ausnehmend schönen, vorzüglich durch\nseltenen Umfang nach der Tiefe hin brillirenden Stimmmitteln, sei-\nnem gediegenen musicalischen Wissen und seiner ihn nie und nir-\ngends im Stiche lassenden universellen Bildung war er eine lang-\njährige hervorragende Zierde des hiesigen Opernpersonals, und seine\nkünstlerische Wirksamkeit ist auch ausserhalb der Bühne z. B.\nin den Gewandhaus- und Kirchen-Concerten während der Mendels-\nsohn'schen Glanz-Periode eine erhebliche gewesen. Von bedeuten-\nden Bass-Partieen, deren erster Vertreter Pögner in Leipzig war,\nnennen wir u. A. den Marcel in den „Hugenotten\", den Beaumanoir\nin „Templer und Jüdin\" und den Cardinal in der „Jüdin\". Dass er\nauch nach seinem Zurücktritte ins Privatleben fortfuhr, den Cultus\nder Kunst in unserer Stadt, wo immer es noch in seinen Kräften\nstand, zu fördern, zeigt noch im letzten Jahre seine werkthätige\nBeihülfe zur Gründung des wohlbekannten „Klapperkastens\".\nDer fürstliche Hof-Capellmeister Friedrich Marpurg ver-\nlässt seine bisherige Stellung in Sondershausen, um nach dem\nRheine zurückzukehren. Sein Abgang von dort wird sehr bedauert,\nda die Concerte im Loh unter seiner Leitung grossen Genuss ge-\nwährten. Das vorletzte (das 17. in der Reihe), welches den 23. Sep-\ntember Statt fand, brachte die Ouvertüren von Cherubini zu\nMedea und von Schumann zu Manfred, ferner Beethoven's\nC-moll-Sinfonie und aus der neuesten Schule Wagner's Vorspiel\nzu Lohengrin und Liszt's symphonische Dichtung Tasso.\n? 14. September. Dem Männer-Gesangvereine waren auf\ndessen Concurs-Ausschreiben zur Errichtung eines Schubert-Mo-\nnumentes drei Entwürfe eingesandt worden, von Pilz in Wien,\nvon Wiedemann in München und von Kundtmann in Rom.\nDie Entwürfe waren seiner Zeit im Kunstvereine ausgestellt und\nerregten sowohl in den nächstberührten, als auch in weiteren Krei-\nsen, namentlich in der wiener Publicistik, ziemlich lebhafte Contro-\nversen. Gestern hielt nun die zur Wahlentscheidung constituirte Jury\nihre Sitzung und beschloss mit Majorität, ja, fast einstimmig, keinen\nder Entwürfe dem Männer-Gesangvereine zur Annahme zu empfeh-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "312", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18660929-01.1.8", "texte": "len. Der motivirte Beschluss wird in den nächsten Tagen dem Ple-\nnum des Mann er-Gesangvereins officiel mitgetheilt werden. Von den\nEntwürfen wird trotz der Ablehnung jeder einzelne mit 60 Ducaten\nhonorirt.\nBasel* Hans von Bülow gedenkt für den Winter seinen\nWohnsitz von Luzern, wo er den Sommer zubrachte, hieb er zu\nverlegen, mit den Herren Abel und Kahnt Trio-Soireen zu veran-\nstalten und auch Unterricht zu geben.\nParis* Flotow's Oper „Zilda\" ist, nachdem Madame Cabel\nvon ihrem Urlaub zurückgekehrt, am 18. d. Mts. wieder aufgenom-\nmen worden und hat in den beiden auf einander folgenden Vorstel-\nlungen bei vollem Hause grossen Beifall gefunden.\nIm Thäätre lyrique wird eine Oper von Victorien Jonci&res,\n„Sardanapal\" genannt, studirt, in welcher eine Schwedin, Fräulein\nHebbe, als Myrrha auftreten wird. Von Jules Beer kommt\nebendaselbst eine neue Oper zur Aufführung.\nUeber eine neue Speculation Ullman's enthält die Gazette mu-\nsicale Nr. 38 vom 23. d. Mts. folgende, wie sie sagt, zuverlässige\nNotizen. Ein Vertrag ist zwischen Ullman und Alexander Dumas\nabgeschlossen worden; Dumas verpflichtet sich, ein Opernbuch zu\nschreiben, dessen Stoff er aus seinem Roman Le Gomte de Brage-\nlonne nimmt, worin Fräulein von Lavalliere die Hauptrolle spielt.\nLouise von Lavalliere, die berühmte Geliebte Ludwig's XIV., war\nkeine blendende Schönheit, aber fesselte durch Anmuth und Liebens-\nwürdigkeit. Sie hinkte ein wenig, und dieser kleine Naturfehler\nverschafft ihr jetzt das Glück, die Heldin einer Oper zu werden,\nwelche für Carlotta Patti geschrieben wird. Herr von Flotow\nhat sich ebenfalls verpflichtet, die Musik dazu zu liefern; die Hand-\nlung wird nur vier Personen erfordern und keinen Chor. Nach sei-\nner Concert-Rundreise durch Frankreich, die er bereits begonnen,\nwird Ullman das nöthige Sänger-Personal engagiren und dann nach\nseiner Weise die Tour durch Frankreich von Neuem beginnen und\ndie genannte Oper in allen Städten von Bedeutung geben. [So viel\nuns bekannt ist, währt der Contract zwischen Fräulein Carlotta\nPatti und Herrn Ullman nur noch bis zum 1. Mai künftigen Jahres\nbis dahin müsste denn also Buch, Musik und Rundreise fertig\nund abgethan sein. Jedenfalls beweist die Sache wieder den uner-\nschöpflichen Speculationsgeist des berühmten Impresario.]\nDie Concerts populaires de Musique classique werden im Circus\nNapoleon am 21. October wieder beginnen.\nEin Curiosum, welches die Zeitungen „eine Ueberraschung\"\nnennen, fand bei der Wiedereröffnung der Concerts des Champs\nElysöes am 23, d. Mts. Statt: Jeder, der sein Billet im Bureau löst,\nerhält eine Anweisung auf die unentgeltliche Anfertigung seines\nPortraits durch einen der besten [?] Photographen von Paris. Trotz-\ndem beträgt der Eintrittspreis nur einen Franken. [Da sieht man,\nwap für Segen die Association der Künste bringt!]\nülllllill* Mapleson's Winter-Gesellschaft, welche die Damen\nTietjens, Sinico, Demeric-Lablache, Zandrina, die Herren Mario,\nMorini, Santley, Gassier, Foli, Bossi bilden, hat ihre Opern-Vorstel-\nlungen am 17. d. Mts. begonnen und wird binnen drei Wochen\nvierzehn Opern geben, um dann weiter zu ziehen! Und zu sol-\nchem handwerksmässigen Ausbeuten der Kunst geben sich Künst-\nlerinnen und Künstler von solchem Range, wie die meisten von\nihnen einnehmen, her !\nÄTew-Yorli,* Der Steinway'sehe Saal schreitet mit grosser\nSchnelligkeit seiner Vollendung entgegen und wird im December\neröffnet werden. Die Einrichtung desselben wird sowohl in Bezug\nauf Comfort als Eleganz nichts zu wünschen übrig lassen. Die Be-\nleuchtung wird eine eigentümliche und in den grössten Concert-\nSälen Londons benutzte sein, welche bisher hier noch nicht bekannt\ngewesen ist. Diese Beleuchtung wird von England importirt werden,\nund die Kosten für die Materialien dazu werden begreiflicher Weise\nsehr bedeutend sein. Die Sessel für die Zuhörer werden breiter und\nbequemer, zugleich aber auch kühler sein, als irgend welche bisher\nin New-York befindliche. Die Baukosten nebst der inneren Einrich-\ntung werden sich auf ungefähr 125,000 Dollars belaufen.\nHerr Eduard Härting hat am 3. September am Broadway\nein deutsches Theater unter dem Namen „Thalia-Theater44 eröffnet.\nEr sagt in seiner Anzeige: „Trotzdem mir nur eine verhältnissmäs-\nsig sehr kurze Zeit gegeben war, alle Arrangements zu treffen, ist\nes mir dennoch gelungen, ein Ensemble herzustellen, wie es in\nNew-York noch nicht gesehen worden ist; aber ausser dieser fest\nengagirten Gesellschaft hat mein reger Eifer es ermöglicht, die be-\nrühmtesten Grössen Deutschlands zu Gastspielen nach New-York zu\nbringen. Herr Bogumil Dawison, der grösste lebende Künstler (?),\nwird schon Ende August auf meine Einladung hier eintreffen. Frau\nAuguste von Bärndorf, welche man die deutsche Ristori nennt, hat\ngleichfalls meine Einladung angenommen und wird bestimmt im\nLaufe Septembers hier sein. Herr Friedrich Haase, der Weitbe-\nrühmte, unterhandelt ebenfalls mit mir über die Bedingungen, und\nist sein Kommen gleichfalls ausser allem Zweifel, da ich fest ent-\nschlossen bin, selbst die grössten Opfer zu bringen, um meine Pflicht\ndem Publicum gegenüber auf das prompteste zu erfüllen.\" (?)\nKarl Formes ist von Max Strakosch engagirt und wird mit\nihm reisen. Der unruhige Künstler wird hoffentlich die nöthige\nMüsse finden."}]}