{"numero_id": "bm-bmtnabi-1866-11-03-01", "volume": "bmtnabi_1866-11-03_01", "ocr_sha256": "66efe739adb36bb1b5bb8292c67096151cdcadcd5176fa3c46845d2435aa8602", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1866/11/03_01/bmtnabi_1866-11-03_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18661103-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1866-11-03-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1866-11-03_01#c001", "volume": "bmtnabi_1866-11-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "345", "page_fin": "345", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18661103-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "345", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18661103-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 288, "texte": "Inhalt.\nKünstler und Mönch. Humbug. Erstes Gesellschafts-Concert in Köln im Gürzenich (Schluss). Die Gebrüder\nThern. Tages- und Unterhaltungsblatt (Berlin, Herr Niemann, Fräulein Grün. Frankfurt, Karl Gollmick. Wien, Vor-\nstands-Wahlen für den Männer-Gesangverein, Statistik des Vereins)."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1866-11-03-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1866-11-03_01#c002", "volume": "bmtnabi_1866-11-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "345", "page_fin": "349", "image_debut": 1, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18661103-01.2.2", "titre_corps": "Künstler und Mönch.", "titre_sommaire": "Künstler und Mönch.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "345", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18661103-01.1.1", "debut_caractere": 290, "fin_caractere_exclue": 4285, "texte": "Künstler und Mönch.\nWenn vor zwanzig Jahren, als Franz Liszt auf dem\nGipfel seines Ruhmes stand, als das Publicum ihm über-\nall zujauchzte, als die gesammte Frauenwelt für ihn\nschwärmte, als Dichter und Recensenten ihn besangen\nund beschrieben, als seine Ankunft in manchen Städten\ngefeiert wurde wie die eines Helden, und bei seiner Ab-\nreise von Berlin ein festlicher Zug vor und hinter ihm\nherging, wie in den Römerzeiten vor und hinter den\nTriumphatoren, wenn da Einer aufgetreten wäre und ge-\nsagt hätte: Dieser berühmte, bewunderte Mann, dieser\nHeros des Concertsaales und der Salons, wird anno 1865\nnicht mehr der erste Virtuose aller Zeiten, sondern ein\ncomponirender römischer Abb6 sein wäre ein solcher\nProphet nicht in Gefahr gerathen, ins Narrenhaus gesperrt\nzu werden? Die Welt hätte vielleicht einer Prophezeiung\nGlauben geschenkt, dass Liszt eines Tages plötzlich Wider-\nwillen gegen das Getreibe der Welt fassen werde, gegen\nall die unkünstlerischen Mittel und Hebel, womit der\nRuhm des Künstlers so oft gehoben wird, dass er seine\nSecretäre, seine Anhänger und Anhängerinnen aufgeben,\ns;ch von der Oeffentlichkeit ganz zurückziehen und nur\ndem keuschen Cultus der reinen Kunst, der innern Weihe\nleben werde. Eine solche Prophezeiung hätte Gründe\ndes Wahrscheinlichen, den Hinweis auf eine gewisse folge-\nrichtige Entwicklung für sich geltend gemacht; es wäre\nihr, es wäre Allem geglaubt worden, nur nicht dem, was\njetzt zur Wahrheit geworden ist, dass Liszt den Virtuosen-\nFrack und den Rammerherren-Rock gegen das lange\nPriesterkleid vertauschte, aber derselbe Liszt geblieben\nist, den das Publicum im Concertsaale und im Salon be-\nwunderte und vergötterte.\nWerfen wir nun einen Rückblick auf die Laufbahn\ndieses sehr merkwürdigen Mannes: es ist eine culturge-\nschichtliche Aufgabe, den Gründen gewisser Wandlungen\nin ihm nachzuforschen, die Spreu vom Weizen zu\nsondern.\nIm Jahre 1811, als ein Komet seine Kreise am\nHimmel zog und bange Gemüther mit Angst erfüllte, aber\nin den Reben jenen Feuerwein zeugte, von dem alte Zecher\nschwärmen wie ein Dichter von entschwundenem Glücke,\nin jenem Jahre, am 21. October, wurde Liszt geboren\nin Raiding, einem kleinen ungarischen Dorfe. Sein Vater\nwar einer der vielen Güterverwalter des Fürsten Esterhäzy,\nein gebildeter Mann, mit Talent zur Musik begabt, in\nfreundlichem Verkehr erst mit Haydn, dann mit Hummel,\ndem Capellmeister seines Herrn.*) Er war der erste\nLehrer unseres Helden, und er entschied sich auch dahin,\nihn auf die musicalische Laufbahn zu führen, während die\nsorgsame, fromme Mutter den schwächlichen Knaben\nO 7\nzum Priester erziehen wollte.\nNeun Jahre zählte Franz Liszt, als er zum ersten\nI\nMale öffentlich in einer kleinen Stadt, Oedenburg, spielte,\nnach dem staunenswerten Vortrage schwieriger Concert-\n\n*) Es wird von manchen Biographen Liszt's versichert, seine\nFamilie sei ursprünglich eine adelige gewesen, habe aber nach al-\nlerlei Yermögensverlusten freiwillig auf ihre Adelsrechte verzichtet\nund eine untergeordnete Stellung gewählt. Wir wollen diese Ge-\nschichte nicht in Abrede stellen, dürfen aber nicht unerwähnt\nlassen, dass dieser Fall der einzige bisher bekannte wäre. Der un-\ngarische Adel jeden Ranges besass nicht bloss die grossen gesell-\nschaftlichen, sondern auch die grossen politischen Rechte in Europa:\nSteuerfreiheit, alleinige Wahlfähigkeit (elector et eligibilis). Noch im\nJahre 1848 gab es Hunderttausende von Wählern, die Bauern wa-\nren, aber als Edelleute (boczhoros nemes ember) dieselben Rechte\nausübten wie jeder Magnat und bei den Comitatswahlen den Aus-\nschlag gaben. Einen ungarischen Adeligen, der sich seines Adels-\ndiploms und seiner Rechte freiwillig entschlug, und zur ~misera\ncontribuens jplebsil herabstieg, hat man nie gekannt. Wir wollen\ndamit nicht behaupten, dass eine solche Wandlung in der Familie\nLiszt's nicht vorgekommen sei. Die Biographen vermögen jedoch\nkeinen Zeitpunkt anzugeben, noch auch, ob sich je ein Adelsdiplom\nbei einem Verwandten vorgefunden habe."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "346", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18661103-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5358, "texte": "stücke sich in freier Phantasie erging und die Zuhörer\nzum lauten Entzücken hinriss. Der Vater, durch diesen\nersten Erfolg ermuthigt, brachte den Knaben nach Press-\nburg, der alten Krönungsstadt der Magyaren; dort, wäh-\nrend des Landtags, waren die hoben Magnaten versam-\nmelt, unter ihnen manche warme Freunde der Tonkunst,\ndie in Oesterreich von jeher viele Gönner zählt. Der kleine\nFranz gab ein Concert. Auf den Grafen Thaddäus Amad£,\nder später als „Musikgraf\" am österreichischen Hofe fun-\ngirte, brachte das Spiel des Wunderknaben eine solche\nWirkung hervor, dass er mit einigen sinnesverwandten\nMagnaten dem Vater eine jährliche Unterstützung von\n600 Gulden (400 Thalern) für 6 Jahre zusagte, damit\ner für die Ausbildung des ihm von Gott gesandten Kindes\nsorgen könne:\nDa wir keine eigentliche musicalische Biographie,\nvielmehr eine psychologische Studie schreiben, so erwäh-\nnen wir hier nur in Kürze, dass der Knabe zuerst nach\nWien gebracht wurde, dort Czerny's Unterricht im Cia-\nvier und den Salieri's in der Composition genoss, dann\neine Reise durch Deutschland unternahm, überall als ein\nerstaunliches Genie gepriesen wurde und endlich nach\nParis ging, um dort seine Ausbildung zu erlangen. Das\nConservatorium stand damals in hohem Glänze unter Che-\nrubini's Oberleitung, diesen kannte der Vater Liszt's von\nseinem Aufenthalte in Wien her, und bei diesem hoffte\ner künstlerische Unterstützung und Aufmunterung zu fin-\nden. Sndess ward er bitter enttäuscht. Cherubini erklärte,\nder junge Knabe könne als Ausländer nicht ins Conserva-\ntorium aufgenommen werden. Die Schule blieb ihm ver-\nschlossen, aber die Welt öffnete ihm ihre Pforten. Er\nwar von Wien aus sehr warm an die Aristokratie und\nan die Gesandtschaften empfohlen; der Herzog von Or-\nleans, der nachmalige Bürgerkönig Louis Philippe, der zu\njener Zeit (1824), in Hinblick auf die Verwirklichung\ntief angelegter und noch versteckter Plane, den Ruf als\nMäcen der Künste und Wissenschaften anstrebte und auch\nverdienter Massen erwarb, empfing den Wunderknaben\nLiszt in seinem Salon und war selbst der lauteste Verkün-\ndiger von dessen Genie und grosser Zukunft.\nGanz Paris war damals erfüllt von den Erzählungen\nund Artikeln über den „neuen Mozart\", wie man ihn\nnannte, und nach einem Concert im März 1824 (also in\nseinem dreizehnten Jahre) stieg der Enthusiasmus aufs\nHöchste. Papa Liszt sah sich bald jeder materiellen Sorge\num die Zukunft seines Sohnes enthoben. Dass er die\naulwallenden Wogen des erwachenden Ehrgeizes in dem\nvon allen Seiten mit Lob und Geschenken überhäuften\nKnaben nicht immer zu dämmen vermochte, dass er\nnicht die Kraft, die Ueberlegenheit des Geistes besass, um\nihn den Verlockungen zu entrelssen, deren Folgen sich\nerst später zeigen sollten, wer mag ihn darob tadeln? Die\nEntwicklungsgeschichte solcher Geister wie Liszt kann\nnicht nach dem Maassstabe der gewöhnlichen Erziehungs-\nlehre beurtheilt werden [?] und die glücklichern Genies, die\nwie Goethe und Mendelssohn, im väterlichen Hause reifen\nkonnten, sind gar zu selten.\nAls der Vater Liszt's starb, zählte dieser sechzehn\nJahre, stand er also in dem Alter, das man bei andern Men-\nschen zu den „Flegeljahren\" zählt; er aber befand sich\ndamals schon in dem Stadium geistiger Gährung eines\nVierundzwanzigjährigen. Die französische, romantische\nSchule, die in jener Zeit ihr Banner erhoben hatte und\nauf der Bühne und im Roman durch V. Hugo und A.\nDumas, später durch George Sand, in der Lyrik durch\nAlfred de Musset, Vigny, in der Malerei durch Segaion\nund Delacroix Triumphe feierte, fand in Liszt den begeis-\ntertsten Anhänger; daneben hing er religiösen Schwärme-\nreien nach. Er hegte eine Zeit lang heftige Leidenschaft\nfür eine schöne junge Dame, mit der eine eheliche Ver-\nbindung zu schliessen ihm nicht vergönnt war, und be-\nschäftigte sich zu gleicher Zeit mit allen neuen Erschei-\nnungen auf dem Gebiete der Poesie und Philosophie.\nNach der Juli-Revolution warf er sich mit all der Gluth\nseines Wesens in die politische Bewegung; die Lehren\nSaint-Simon's und seiner Anhänger, die als die Läuterer\ndes Christenthums auftraten und die Eroancipation des\nWeibes predigten, erfüllten ihn mit einer Begeisterung,\ndie freilich später sehr abgekühlt wurde, als er gewahr\nwurde, welch ein Unterschied zwischen dem Stifter der\nLehre und dessen Schülern bestand, und welche Komö-\ndien die letzteren aufführten.\nWir müssen hier die Aufmerksamkeit des Lesers auf\ndie eigentliche Bedeutung dieser französischen romanti-\nschen Schule leiten, denn ihr Zögling, und vielleicht ibr\ngeschicktester Zögling, ist Liszt, wenn sich auch manche\nAnhänger garviele Mühe gegeben haben, ihn als einen deut-\nschen Künstler zu bezeichnen. Die französischen Roman-\ntiker haben nicht wie die deutschen im Versenken in die\nTiefen des Gemüths, im Zurückträumen in die Ritter- und\nMärchenzeit des Mittelalters ihre Aufgabe gesucht, sie\nhaben nur das, was unsern Deutschen Zweck war, als\nMittel verwandt aus dem Gemüthsleben nahmen sie\nso viel, als zur Beschreibung der Leidenschaft notwen-\ndig war, dem Mittelalter haben sie das Costume entlehnt,\nworin sie ihren Helden die modernsten Ideen declamiren\nHessen; ihre Führer waren Genies, die bei manchen Ab-\nsurditäten doch eine Kraft und Energie zeigten, welche\nzündend wirken musste. Worin sie alle unerreicht geblie-\nben, das ist das Coiorit; die Beschreibungen sind in Victor"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "347", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18661103-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5386, "texte": "Hugo's, Musset's und George Sand's Gedichten und Schriften\nwunderbar, selbst da, wo der beschriebene Gegenstand\nselbst unbedeutend ist. Wenn man ein Bild von Delacroix\nansah, so vergass man über der Farbenpracht die unrich-\ntige Zeichnung und manches Bedenkliche in der Perspec-\ntive. Die romantische Schule hat die Virtuosität auf eine\nStufe gebracht, welche blosses Talent und Fleiss nicht\nerreichen konnten; ohne Genie oder wenigstens ohne Ge-\nnialität konnten solche Leistungen nicht zu Tage gefördert\nwerden. Die romantische Schule hat aber nicht bloss\ndurch ihre Leistungen gewirkt, sondern auch durch die\nKunst, mit der sie diese Leistungen geltend zu machen\nverstand. Sie war die Schöpferin der Reclame, die da-\nmals noch im besten Sinne zu verstehen war. Es war\nwahrhafte Brüderlichkeit, wahrhafte Begeisterung für ge-\nmeinsames Bestreben und wahrhafter freudiger Antheil\nan den Erfolgen der Gleichgesinnten, welche damals die\nFührer der französischen Romantiker erfüllte. Freilich\nwarteten sie nicht immer das günstige Urtbeil der Ande-\nren ab; manche Vorreden V. Hugo's, Laraartine's. die\nherausfordernden Episoden in manchen Gedichten Alfred\nde Musset's sind doch vor Allem lobende Selbstkritiken,\nVerherrlichungen des Ichs. Hier muss auch hervorgeho-\nben werden, dass diese Führer der romantischen Schule\nnicht bloss durch ihre künstlerischen Leistungen, sondern\nauch durch ihre Persönlichkeit imponirten, dass sie geist-\nreich und liebenswürdig und in der äusseren Erscheinung\nim höchsten Grade „interessant\" waren, und dass keiner\ndiese glänzenden Eigenschaften in solchem Masse vereinigt\nbesass, als Liszt. Wer je das Portrait Liszt's in dessen vier-\nundzwanzigstem Jahre sah, dem ward klar, dass kein Weib\nihn gleichgültig betrachten konnte, dass jeder Mann in\ndiesen Zügen den Stempel einer hochbedeutenden geistigen\nPotenz erkennen musste. Liszt war als Musiker das, was\nV. Hugo, Lamartine und George Sand als Dichter und\nRomanschreiber waren; sein Vortrag war von jener Cha-\nrakteristik. von jener excentrischen Farbenpracht, durch\nwelche sich der Stil jener auszeichnete, und seine Persön-\nlichkeit war die hervorragendste.\nIm Anfange der dreissiger Jahre ging Liszt mit eini-\ngen Freunden, darunter die George Sand, nach der Schweiz.\nAls Grund dieser Reise geben die Einen die Absicht des\nKünstlers an, fern von dem Treiben der grossen Stadt\nneue Combinationen in seiner Kunst zu Tage zu fördern;\nAndere meinten, er wolle den Erinnerungen an seine\nGemeinschaft mit den Saint-Simonisten aus dem Wege\ngehen; einige Wenige, die mit den gesellschaftlichen Ver-\nhältnissen der aristokratischen und künstlerischen Kreise\nvon Paris vertraut waren, versicherten, Liszt sei mit einer\nhochstehenden Dame, der verheiratheten Gräfin D'A., in\nein Verhältniss getreten, welches ihn und sie zu einer\nzeitweiligen Verbannung von Paris bestimmte. Dreiund-\nzwanzig Jahre war er alt, als er dieses Bündniss schloss,\ndessen Sprösslinge eine gewisse Rolle in der Welt spiel-\nten und noch spielen.\nVon jenem Aufenthalte in der Schweiz datiren die\nersten Vorbereitungen zu den späteren Triumphzügen\ndurch die Welt. Liszt musicirte zwar nur einmal öffent-\nlich, und selbst im vertrautesten Freundeskreise nur bei\nbesonderen Gelegenheiten, aber jede seiner Leistungen\nwurde von George Sand in den\nvon Pictet in seinem „ Voyage als ein Er-\neigniss beschrieben. Er selbst trat als musicalischer\nSchriftsteller auf, und seine Artikel in der\ncale\"über die Stellung der Künstler\nartistes) haben ihrer Zeit fast so viel Aufsehen erregt, als\nWagner's Kunstwerk der Zukunft vor fünfzehn Jahren.\nSie waren, voll Geist und Kühnheit und in so elegantem\nFranzösisch geschrieben, wie man es bisher von einem\nAusländer nur höchst selten gelesen hatte. Doch waren\ndie Kundgebungen seines Genies nur einzelne Blitzstrahlen,\ndie er in die Welt schleuderte, im Ganzen lebte er sehr\nzurückgezogen und ohne einen bestimmten Plan. Da trat\nein eigentümlicher Zwischenfall ein, der Liszt bewog,\nhervorzutreten. Thalberg war nach Paris gekommen und\nhatte daselbst Furore gemacht. Er bot in seinem ganzen\nmusicalischen Wesen den entschiedensten Gegensatz zu\nLiszt dar. War bei diesem das geistige Element bis zur\nVernachlässigung der Form vorherrschend, so war bei je-\nnem die Zierlichkeit der Form bis zu einem Grade aus-\ngebildet, dass dem Walten des Geistigen wenig Raum\nüberlassen blieb. Tbalberg war ein Virtuose, dem gegen-\nüber das Publicum sich in behaglicher Bewunderung er-\ngehen konnte; er machte viel Vergnügen, ohne aufzure-\ngen; Liszt's Vorfrag war ein solcher, dass er die ganze\nAufmerksamkeit des Zuhörers in Anspruch nahm und\nmerklich eine erhöhte Nerventhätigkeit hervorrief. Auch\nim gesellschaftlichen Leben waren die Beiden sehr ver-\nschieden. Thalberg war ein sehr feiner Weltmann, dem\nder Tact, das comme il faut,das richtige Masshalten in\nder Conversation als höchster Zweck galt; Liszt hingegen\nzeigte zwar, dass er in den Kreisen der „feinsten\" Welt\naufgewachsen sei, er wollte aber auch durch seinen spru-\ndelnden Geist dominiren, selbst wenn er dabei das Mass\nüberschritt, und sich als Mittelpunkt der Unterhaltung\ngeltend machen. Endlich war Thalberg zwar durchaus\nkein classischer, aber ein sogenannter conservativer Mu-\nsiker, während Liszt gerade den Conservativen ein\nDorn im Auge war, und diese ergriffen die günstige Ge-\nlegenheit, sich an dem romantischen unbequemen Neuerer\n\n[*J"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "348", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18661103-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5352, "texte": "zu rächen, indem sie sich um jenen schaarten und ihm Lob\nund Preis sangen. Wenn wir noch hinzufügen, dass\nThalberg aus fürstlichem Blute stammte und dass die\naristokratischen Kreise den Mann protegirten, der,\nihnen so nahestehend, doch nur als bescheidener Künstler\nauftrat, während Liszt, der »nur\" ein Künstler war, sich\nihnen gegenüber als ein Gleichberechtigter benahm so\nwird der Leser begreifen, dass die Erfolge Thalberg's so\ngrossartig waren, dass die Leute es selbst nicht recht be-\ngriffen, und dass zuletzt die Musiker sie den Aristokraten,\ndiese sie wieder den Musikern zuschrieben. Genug, der\nRuf dieser Erfolge tönte weit über die Mauern von Paris\nund weckte Liszt aus seinen behaglichen Träumen, zer-\nstreute den Dunst des Weihrauchs, den seine Freunde\nund Verehrer um ihn verbreitet hatten. Unser Held eilt\nnach Paris, er hört Thalberg, prüft dessen Compositionen\nund veröffentlicht nun einige Artikel gegen den Gott des\nTages, worin er darlegt, dass dessen Hauptverdienst in\nmeisterlich angelegten und musterhaft ausgeführten Klang-\nEffecten, nicht aber in künstlerischen Leistungen bestehe.\nDer grosse Theil des Publicums, darunter viele Freunde\nLiszt'«, missbilligten diese Artikel, durch welche er in\neinen Federkrieg mit dem einflussreichen „Musikgelehr-\nten \" Fetis gerieth. Wir denken anders; eine begeisterte\nNatur wie die Liszt's musste das kühl Berechnete, das\nFormelle in den Thalberg'schen Leistungen tief verletzen,\nund wenn sich ihr Unmuth nicht immer in gedrechselten\nPhrasen ausspricht, so muss man vor Allem auf die Gesin-\nnung achten, aus welcher dieser Unmuth hervorging. Es\nwar nicht Neid gegen den glücklichen Rivalen, der Liszt's\nFeder führte, es war wohl auch in hohem Grade der\nEifer des Künstlers, der für die; idealistische Richtung\ngegen die Schule des blossen schönen Klingens in die\nSchranken trat.\nLiszt gab mehrere Concerte im Salon Erard, um\nseine Worte durch die That zu unterstützen; begeisterte\nAnhänger schaarten sich um ihn; doch mochte er wohl\nfühlen, dass sein Sieg nicht vollkommen sei; er musste\ndie Welt zum Schiedsrichter aufrufen zwischen ihm und\nden anderen Virtuosen; er that es, und die Welt hat ge-\nantwortet.\nIm Jahre 1838 kam Liszt, nach kurzem Aufenthalte in\nItalien, zum ersten Male nach Deutschland; er begann\nmit Wien. Welche Aufnahme er fand, wie er von seinem\nersten Auftreten an geradezu vergöttert wurde, ist be-\nkannt. Wir wollen hier nur einige Details anführen, die\nunseres Wissens von seinen Biographen noch nicht erzählt\nworden sind, und die eine Erklärung geben können, wie\ner Alle für sich gewann, d. h. wie er nicht bloss die Sa-\nlondamen und blasirte Concertbesucher in Taumel ver-\nsetzte, sondern auch Musikern und strengen Richtern Be-\nwunderung abzwang. Als er in Wien ankam, war ge-\nrade Clara Wieck, die spätere Gemahlin des edeln Schu-\nmann, der Stern des Tages; ihr herrlicher Vortrag, ihre\ngrossartige Technik und ihre wirklich herzgewinnende\nErscheinung hatten das Publicum im hohen Grade ein-\ngenommen, und ihre Erfolge überragten bei Weitem die\nglänzendsten, die Thalberg bisher in Wien errungen hatte.\nUnter ihren Leistungen wurden vorzüglich die von ihr\ncomponirten Variationen über ein Thema aus dem Pira-\nten von Bellini gepriesen, in welchen sie eine Masse\nder schwierigsten Passagen zusammengefasst hatte. Als\nLiszt angekommen war, besuchte er seinen alten Lehrer\nCzerny; dieser wohnte im Hause des Clavierfabricanten\nC. Graf, der damals als der beste bekannt war. Der alte\nMeister und sein grosser Schüler gingen in den Clavier-\nsaal; hier auf einem Pulte lagen die Variationen der\nClara Wieck, und Liszt spielte dieselben avista in rasche-\nrem Tempo, als die Componistin sie je zu spielen gewagt\nhatte, mit einer Leichtigkeit und Sicherheit, mit der ein\nsehr geübter Pianist einen leichten Walzer vom\nBlatte lesen würde. Einige Tage darauf versammelte der\nalte Clavierfabricant eine Gesellschaft zu Ehren des Neu-\nangekommenen in seinem Hause und lud auch Clara\nWieck, seinen Liebling, ein. Sie hörte Liszt zum ersten\nMale und Thränen des Entzückens und zugleich der De-\nmüthigung [??] entstürzten ihren Augen. Einige Tage\nnach diesem Vorfalle circulirtenin Wienzwei Zeichnungen,\nwenn wir nicht irren, vom geistreichen Componisten\nHofrath Vesque von Püttlingen skizzirt. Auf der einen\nwar Clara Wieck dargestellt, in einer Rosenlaube träume-\nrisch vor einem Ciavier sitzend, das von Blumen getragen\nwurde; hinter ihr lagerten Apollo und die Musen und\nlauschten, rings herum schwebten Elfen und Kobolde; in\neiner Ecke stand Pan und spielte den Gimpeln vor eine\nAnspielung auf den Professor Fischhof, der damals seinen\nEnthusiasmus in lächerlicher Weise zur Schau trug. Auf\ndem anderen Bilde erblickte man Liszt. In wild-roman-\ntischer Gegend auf einem Felsen sass er, die Hand wie\nein Beschwörer über den Tasten eines gigantischen In-\nstrumenteshaltend, das gefesselte Riesen auf dem Nacken\ntrugen, und in wilder Flucht schwirrten Genien und böse\nGeister, herrliche Gestalten und gräuliche Erscheinungen\nvorüber.\nDoch (und das ist wohl ins Auge zu fassen) nicht der\nConcertsaal allein war es, in welchem Liszt Alles mit sich\nriss, der Salon, ja, selbst die Strasse war seine Domaine.\nEr durfte sich nicht zeigen, ohne dass ihm sofort ein\nSchwärm von Verehrern folgte. Und was erzählte man sich\nnicht von ihm, wie ward er gepriesen als der unabhängige,"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "349", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18661103-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1571, "texte": "stolze Künstler, der mit den hochmüthigsten Aristokraten\numging wie mit Seinesgleichen! An dem Tische der\nFürstin M., die bekannt war wegen ihres unerträglichen\nStolzes, die es gewagt halte, dem Gesandten Louis Phi-\nlippe's auf dem Hofballe eine Beleidigung ins Gesicht zu\nschleudern*), sass der Musiker Liszt; er unterhielt sich\nlebhaft mit seiner Nachbarin. Da ward er plötzlich von\nder Hausfrau durch die Frage über seine Reise in Italien\nunterbrochen. „HabenSie auch in Venedig gute Geschäfte\ngemacht?\" (avez-vous fait de\nfragte die Fürstin, und: „Ich mache Musik und keine Ge-\nschäfte\" (je faisdelamusiqueet ant-\nwortete der Künstler. Die stolze Frau erblasste und schwieg.\nMit Blitzesschnelle verbreitete sich die Kunde dieses Vor-\nfalles in der Stadt, überall ward Liszt gepriesen, und in\nseinem nächsten Concerte tobten die jüngeren Musiker\nnoch mehr als in den vorhergehenden, denn sie sahen in\ndem grossen Manne nicht bloss den unvergleichlichen\nMusiker, sondern den siegreichen Kämpfer für die gesell-\nschaftliche Gleichberechtigung des Künstlers; sie wussten,\nwenn Thalberg mit der Aristokratie verkehrte, so geschah\nes, weil er der Abstammung nach zu ihr gehörte, aber\nLiszt war ein Staubgeborener (damals fiel es nämlich noch\nkeinem Menschen ein, von dem ehemaligen Adel seiner\nFamilie zu reden) und er behandelte, öffentlich im Con-\ncertsaale, die Hochgeborenen als Gäste, nicht wie ein zah-\nlendes Publicum; ebenso kühn trat er der allmächtigen\nFürstin entgegen, die es gewagt hatte, ihn an seinen un-\ntergeordneten Stand zu erinnern.\n(Fortsetzung folgt.)"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1866-11-03-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1866-11-03_01#c003", "volume": "bmtnabi_1866-11-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "349", "page_fin": "350", "image_debut": 5, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18661103-01.2.3", "titre_corps": "Humbug.", "titre_sommaire": "Humbug.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "349", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18661103-01.1.5", "debut_caractere": 1573, "fin_caractere_exclue": 5008, "texte": "Humbug.\nDie Neue New-Yorker Musik-Zeitung gibt in ihrer\nNr. 10 vom 10. October durch den Artikel „Schwindel\"\neinen neuen Beweis, dass es ihr um wirkliche Förderung\nder musicalischen Zustände in Nord-America zu thun ist,\nindem sie gegen den dort auch in musicalischen Dingen\nherrschenden Humbug schonungslos angeht. Wir sind\nin Europa gewohnt, auf das americanische Anzeige- und\nKritik-System mit Verachtung herabzublicken, und gewiss\nverdient es diese in vollem Maasse. Aber man prüfe ein-\nmal mit Gewissenhaftigkeit, ob denn auch im eigenen\nHause Alles in der Ordnung ist, was wir da drüben ver-\nurtheilen. Wir bieten Gelegenheit zu solch einer Prü-\nfung, indem wir aus dem genannten Aufsatz folgende\nStellen mittheilen, deren Anwendung auf Aehnliches in\nEuropa nicht eben fern liegt.\n„Jeder Mensch weiss, dass die marktschreierischen\nAnpreisungen der Wahrheit ins Gesicht schlagen; alle\nWelt lacht, aber scheint diesen Humbug als eine Art\nNothwendigkeit zu betrachten, der man sich ohne Murren\nzu unterwerfen habe. Namentlich scheint die Presse ihre\nAufgabe in dieser Beziehung gänzlich misszuverstehen.\nVon einem eigentlichen Princip der Kritik scheint bei ihr\nkaum die Rede zu sein. Sie misst mit dem Maassstabe der\nFreundschaft, des persönlichen Wohlwollens oder viel-\nleicht noch etwas Schlimmerem. Man scheint es als eine\nArt Nothwendigkeit, als ein stillschweigendes Ue-\nbereinkommen zu betrachten, gewisse Perso-\nnen zu loben, andere zu tadeln. Man glaube nicht\nimmer, dass eine Art von Bestechung zu Grunde liegt.\nWir kennen Künstler, die nicht zu diesem Mittel greifen\nUnd die dennoch sich ausschliesslich der Gunst der Presse\nzu erfreuen haben, trotzdem dass diese Gunst ihnen oft\nnicht ertheilt werden sollte. Auf der andern Seite wird\nes manchem strebsamen Künstler sehr schwer gemacht,\nfortzukommen, eben weil er nicht von vorn herein zu den\nBegünstigten gehört.\nDie Hauptursache liegt in dem Mangel selbsstän-\ndigen Urtheils, und in der recht americanischen An-\nsicht, dass Jemand, der viel Geld für seine professionelle\nLeistung fordert und auch bekömmt, auch eminente Ver-\ndienste haben müsse. Dieser Mangel lässt dem Humbug\nThor und Thür offen. So lange der Erfolg eines Künst-\nlers in diesem Lande von Aeusserlichkeiten abhängig ge-\nmacht werden kann, ist es mit der Kunst selbst schlecht\nbestellt; denn diese Thatsache führt einfach dazu, dass\nder Kunstjünger sich seine Sache sehr leicht macht und\nnach und nach den Schein für das Sein nimmt. „Viel\nToilette, ein Bisschen Stimme, eine tüchtige Portion Frech-\nheit und zwei, drei gute Freunde in der Presse das\nsind die Ingredientien des Erfolges einer Sängerin\", sagte\nuns einst eine Dame, die zu beobachten versteht. Sie hat\nim Wesentlicheu Recht, aber dass es so ist, ist die Schuld\nder Kritik, die theils aus den obengenannten, theils aus\nnoch verwerflicheren Gründen, zum grossen Theil aber\naus jenem, durch die americanischen Verhältnisse gebote-\nnen Umstände, dass man sich auf dem Gebiete der\nJournalistik keine Zeit lassen kann , tiefer ein-\nzugehen, ihre Aufgabe verkennt und es nicht wagt,\ndem eingerissenen Schlendrian einen Damm entgegen\nzu setzen.\nMan hält es hier in America und auch theilweise in\nEngland für eine so grosse Sache, dass z. B. die täg-\nlichen Blätter am nächsten Morgen nach dem Er-\n\n*) Er bewunderte ihren Kopfschmuck aus Brillanten, der einem\nDiademe glich. „Ouiantwortete die Fürstin, „il riest pas vole\"\n(es ist nicht gestohlen)."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "350", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18661103-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1500, "texte": "scheinen eines Künstlers am vorhergegangenen\nAbend schon die Besprechung liefern. Wir glauben im\nGegentheil, dass dieses System uns sehr oft zu jenem\nHumbug verhalf, den wir auf künstlerischem Gebiete hier\nzu beklagen haben. Die echt americanische Idee, das9\nman es überhaupt nur Jemandem vorausthun muss, un-\nbekümmert um das Wie, sperrt der Oberflächlichkeit\nThor und Thür offen und führt zu all den oft komischen\nExpectorationen, die uns in der Tageskritik begegnen. Kein\nMensch, auch der gebildetste Kritiker nicht, ist im Stande,\nz. B. über eine Symphonie nach einmaligem Hören ein\nnur einiger Massen gültiges Urtheil zu fällen, und den-\nnoch bringen, uns die americanischen Zeitungen dieses\nWunder mehrmals während der Saison. Freilich, es ist\ndann auch zum Verwundern. Dasselbe gilt auch in Be-\ntreff der ausübenden Künstler. Wie oft muss das so\nschnell ausgesprochene Urtheil umgestossen oder doch\nmodificirt werden, oder vielmehr, wie oft müsste es! Bei\neinem wahrhaft grossen Künstler ist erst die Nachwir-\nkung seiner Leistung von wirklicher Bedeutung. Geschwin-\ndigkeit ist bekanntlich keine Hexerei, sondern einfach das\nKunststück des Jongleurs. Die Geschwindigkeit, welche\nuns die meisten Herren der Kritik in diesem Lande auf-\ntischen und die Journal-Directoren verlangen,\nist auch nichts Anderes, und auf dem Gebiete der Kunst\nausgeführt, muss sie nothwendiger Weise zu den be-\ndauerlichsten Resultaten führen.\"\nWir haben die gesperrt gedruckten Stellen nicht ohne\nGrund angestrichen!"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1866-11-03-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1866-11-03_01#c004", "volume": "bmtnabi_1866-11-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "350", "page_fin": "351", "image_debut": 6, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18661103-01.2.4", "titre_corps": "Erstes Gesellschafts-Concert in Köln im Gürzenich, unter Leitung des städtischen Capellmeisters, Herrn Ferdinand Hiller, Dinstag, den 23. October 1866.", "titre_sommaire": "Erstes Gesellschafts-Concert in Köln im Gürzenich, unter Leitung des städtischen Capellmeisters, Herrn Ferdinand Hiller, Dinstag, den 23. October 1866.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "350", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18661103-01.1.6", "debut_caractere": 1502, "fin_caractere_exclue": 4906, "texte": "Erstes Gesellschafts-Concert in Köln im Gürzenich,\nunter Leitung des städtischen Capellmeisters, Herrn\nFerdinand Hiller,\nDinstag, den 23. October 1866.\n(Schluss. S. Nr. 43.)\nOb nun, wie Einige behaupten, die Zurücksetzung\nvonSeiten des Staats-Oberhauptes oder irgend eine andere\nUrsache ihn bewogen, kurz, Cherubini, der durch seine\nOpern „Lodoisca\" und „Der Wasserträger\" schon grosse\nTriumphe gefeiert hatte, hielt sich eine geraume Zeit ganz\nvon der Composition fern und trieb Botanik auf dem\nSchlosse des Fürsten von Chimay. Die Fürstin verstand\nes indess, ihn, obwohl erst nach langer Pause, zu seinem\nBerufe zurückzuführen, und hier in Chimay war es, wo\ner zur Feier des Cäcilienfestes zum ersten Male wieder\nnach den Uebungsjahren bei Sarti eine geistliche Musik\nschrieb, eine Messe, deren Kyr und am 22. Nov.\n1808 in der Kirche des Ortes aufgeführt wurde. Es war\ndies die Messe in F-dur, die er nachher in Paris in den\nersten Monaten von 1809 vollendete, wo sie dann im\nHotel des Fürsten von ausgewählten Musikern vor einem\nVereine aller Berühmtheiten von Paris ausgeführt und all-\ngemein bewundert wurde. Der Meister hatte sich nach\nden Verhältnissen richten müssen, daher die Messe nur\ndreistimmig (Sopran, Tenor, Bass) und mit kleinem Or-\nchester (Quartett, 1 Flöte, 1 Fagott, 2 Clarinetten und\n2 Hörner) besetzt ist; aber sie zeigt den Kirchenstyl, den\nCherubini nachher ins Grosse erweiterte, schon ganz in\nseiner Eigentümlichkeit, und Cherubini verdankt dem Er-\nfolge dieser Composition hauptsächlich seine nachherige\nAuszeichnung durch den königlichen Hof.\nAus der Restaurations-Periode rühren die herrlichsten\nWerke für die Kirche her, die seinen Ruhm steigerten\nund ihn verewigen werden, während seine dramatischen\nArbeiten aus derselben Periode nicht denselben Stempel\ndes Genius tragen, wie die Messen Nr. 2 in Nr.\n3 in A-dur und das Requiem in C-moll (welches wir\nam vergangenen Dinstag im Gürzenich gehört haben), dem\nspäter noch ein Requiem in für drei Männerstim-\nmen mit Orchester folgte.\nDas Requiem in C-moll war zur Jahresfeier des To-\ndestages Ludwjg's XVI. geschrieben und wurde am 21.\nJanuar 1816 in der Kirche von St. Denys zum ersten\nMale aufgeführt. Eine Wiederholung fand erst im Fe-\nbruar 1820 in derselben Kirche bei den Exequien für\nden am 13. Februar ermordeten Herzog von BerryStatt.\nAm 20. Mai 1825 ertönte in der Kathedrale zu Rheims\nbei der Feier der Krönung Karl s X. die grosse Messe in\nA-dur. Wiewohl dieses berühmte Werk durch die Gross-\nartigkeit der Auffassung und Ausführung, Pracht und\nGlanz der angewandten Mittel ebenfalls eines der herrlich-\nsten Monumente der Tonkunst des 19. Jahrhunderts ist,\nso dürfte die Meinung, dass trotzdem das Requiem in\nC-moll die meisterlichste Composition Cherubini's in dieser\nGattung sei, kaum Widerspruch zu erwarten haben.\nWenn die Krönungsmesse in Reichthum und Pracht der\nHarmonie und Instrumentirung und in einzelnen neuen\nerschütternden Formen (z. B. des Credo) das Requiem\nüberragt, so steht dieses letztere doch an Tiefe der Auf-\nfassung, Adel und wunderbar ergreifender Einfachheit des\nmelodischen Ausdrucks und unnachahmlich schöner An-\nwendung der Blas-Instrumente über derselben.\nDie Aufführung des Requiems, eine recht gelungene\nund ausdrucksvolle, war daher für alle Freunde und Ver-\nehrer der höheren Kirchenmusik eine wahre Feier, welcher\nauch die ganze Zuhörerschaft mit sichtbarer Theil-\nnahme folgte."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "351", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18661103-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1139, "texte": "Wie wünschenswerth wäre, statt der Controvers-\nSchriften über die Musik in der Kirche, eine Geschichte\nder Entwicklung der heiligen Tonkunst von den alten\nItaliänern und Niederländern an bis auf Johann Sebastian\nBach, und von ihm durch Haydn, Mozart, Hummel und\nGenossen hindurch bis auf Cherubini und Beethoven! Wie\nwunderbar auch hierbei der Geist, welcher, getragen von\nden grossen Ideen der Zeit, in dem letzten Jahrzehend des\nvorigen und den ersten üecennien des jetzigen Jahrhun-\nderts sich erzeugte, auch in der Tonkunst gewaltet und\ngeschaffen hat, beweisen die Kirchenmusikwerke Cheru-\nbini's und Beethoven's, welche, obwohl sie ganz unabhängig\nvon einander gleichzeitig entstanden, dennoch in Auffas-\nsung des Textes, Aufschwung der musicalischen Gedan-\nken und Gestaltung derselben durch breit entwickelte\nFormen und geniale Durchführung des Gewollten mit\nallen Mitteln der Kunst in Gesang und Orchester so viele\nBerührungspunkte mit einander haben.\nDie zweite Abtheilung des Concertes füllte eine schöne\nAusführung der Sinfonia eroica von Beethoven, deren\nWahl in Bezug auf eine Erinnerungsfeier ebenfalls sehr\nzu billigen war."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1866-11-03-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1866-11-03_01#c005", "volume": "bmtnabi_1866-11-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "351", "page_fin": "351", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18661103-01.2.5", "titre_corps": "Die Gebrüder Thern.", "titre_sommaire": "Die Gebrüder Thern.", "signature_source": "L. Bischoff", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "351", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18661103-01.1.7", "debut_caractere": 1141, "fin_caractere_exclue": 4453, "texte": "Die Gebrüder Thern.\nL. Bischoff.\nDie Gebrüder Willi und Louis Thern aus Pesth\nhaben hier in Köln am Dinstag den 30. v. Mts. ein Con-\ncert im Theater gegeben, nachdem sie am Samstag vorher\nin der Musicalischen Gesellschaft mit so grossem Beifall\ngespielt hatten, dass sie bei ihrem Auftreten im Theater\ngleich mit lebhaftem Applaus empfangen wurden. Das\nentschiedene Talent dieser beiden jungen Künstler zeigt\nsich sowohl in dem in hohem Grade technisch abgerun-\ndeten Spiel aus gediegener Schule, die sie ihrem Vater,\nHerrn C. Thern, Professor am Conservatorium zu Pesth,\nverdanken, als in dem musicalischen und echt künstleri-\nschen Vortrag. Dieser Vortrag erhält nun aber einen\nganz besonderen Reiz durch das Zusammenspiel der beiden\nBrüder auf zwei Flügeln: es ist unmöglich, durch\ndas Gehör zu unterscheiden, welcher von Beiden, oder\nwas der Eine und was der Andere spielt, von solcher\nGleichheit ist ihr Anschlag, von solcher Abrundung und\nCorrectheit ihre Tonleitern, sowohl einzeln als zusammen\nin Terzen und Sexten, von solcher Uebereinstimmung die\nNuancirung jeder Art, sowohl die dynamische von\nsimo bis zum leisesten piano,und als die rhythmische und\ndie durch richtigen Ausdruck modificirte Tempobewegung.\nEs ist, als wenn Ein Meister mit vier Händen spielte. Die\nOriginal-Compositionen für zwei Flügel, welche bekannt-\nlieh nicht in grosser Zahl vorhanden sind, bat Herr G»\nThern durch das Doppelconcert mit Orchester, mit\nwelchem seine Söhne das Concert im Theater eröffneten,\nauf sehr gelungene Weise vermehrt; wiewohl auch die\nzwei letzten Sätze desselben ansprechen, namentlich das\nFinale recht frisch auftritt und ebenso durchgeführt\nwird, so müssen wir doch in dem ersten Allegro vorzugs-\nweise eine sehr gediegene, melodisch fliessende und bei grosser\nKlarheit sehr gut gearbeitete und durch leichtes Colorit der\nInstrumentirung heutzutage eine wahre Seltenheit!\nanziehende Composition anerkennen, die an die Vorzüge\ndes Stiles eines Mozart und Hummel erinnert, was auch\nvom Publicum durch allgemeinen Beifall gewürdigt\nwurde. Einen eigentümlichen Gindruck machten dann\nferner einige für zwei Hände geschriebene, von Herrn\nThern auf geschickte Weise für zwei Claviere übertragene\nStücke, wie Schumann's Toccata und eine kleine liebliche\nEtüde von Chopin; der Vortrag dieser letztern war so\nüberraschend hübsch, dass eine ganz neue Wirkung der\nComposition daraus hervorging, deren Wahrnehmung sehr\ninteressant war. Wenn man bei den beiden Quartetten\nder Gebrüder Müller die vollkommene Einheit des Zu-\nsammenspiels und des ausdrucksvollen Vortrages auf die\ngleiche Familiennatur zurückzuführen pflegte, so kann\nman hier bei den beiden trefflichen Pianisten Willi und\nLouis Thern gewiss mit demselben und vielleicht mit noch\nmehr Recht des so zu sagen in Eins zusammengewachsenen\nSpiels durch die angeborene Uebereinstimmung des Ta-\nlentes, sich musicalisch auszudrücken, wie sie nur eine\nbrüderliche Natur geben kann, sich genügend erklären.\nWir zweifeln nicht darin, dass die liebenswürdigen\njugendlichen Pianisten sammt ihrem trefflichen Mentor\nauf ihrer Reise nach Aachen, Brüssel, Paris u. s. w, über-\nall die grosse Anerkennung finden werden, die sie sich\nam Rhein erworben haben und die ihre ausgezeichneten,\nin dieser Art wobl noch nicht dagewesenen Leistungen\nin hohem Grade verdienen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1866-11-03-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabi_1866-11-03_01#c006", "volume": "bmtnabi_1866-11-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "351", "page_fin": "352", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18661103-01.2.6", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "351", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18661103-01.1.7", "debut_caractere": 4455, "fin_caractere_exclue": 5056, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nNiemann hat mit der Rolle des „Tannhäusera als engagirtes\nMitglied an der Hofoper in Berlin debutirt, war aber leider schon\nim 2. Act nicht mehr gut bei Stimme. Frl. Grün glänzte als\nElisabeth.\nDer am 3. October in Frankfurt verstorbene Carl Gollmick\nwar der Sohn des ehemals geschätzten Tenoristen gleichen Namens\nund ist am 19. März 1796 in Dessau geboren. Er erhielt in Köln\nseine erste Erziehung und wuchs mit dem nachmals berühmt gewor-\ndenen Bernhard Klein auf. Nach mehrjährigen Reisen, die das un-\nstete Theaterleben seines Vaters veranlasste und die des Knaben"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "352", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18661103-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2623, "texte": "Unterricht häufig unterbrachen, kam er 1812 nach Strassburg, wo\ner Theologie studirte und durch Unterrichtgeben im Lateinischen\nund in der Musik schon früh selbständig sein lernte. Unter der\nLeitung des dortigen Kapellmeisters Spindler, Vater des berühmten\nRomanschriftstellers, studirte er die Composition und entwickelte\nseine musicalischen Talente weiter, nachdem er schon in seinem\n11. Jahre Lieder componirte, die später bei im Druck er-\nschienen. In Strassburg dirigirte er die sogenannten Kloster-Concerte\nund zeichnete sich als fertigen Clavierspieler aus; auch spielte er\neinige Zeit die Orgel in der dortigen Thomaskirche. Seit 1817 in\nFrankfurt, gab er Anfangs Unterricht in der französischen Sprache.\nCapellmeister Spohr engagirte ihn als Paukenschläger für das Theater-\nOrchester, und er bekleidete diese Stelle bis zum Jahre 1858, be-\nschäftigte sich nebenbei mit Musik-Unterricht, musicalischer Schrift-\nstellerei und Composition. Es sind an 50 grössere und kleinere\nCiavier- und Gesang-Compositionen von Grollmick im Druck er-\nschienen, die aber auf keine grosse künstlerische Bedeutsamkeit\nAnspruch machen können; sehr Vieles darunter ist auch für in-\nstruetive Zwecke berechnet. Als musikalischer Schriftsteller und\nKunstkritiker hat er sich durch Aufsätze in musicalischen und an-\nderen Blättern bekannt gemacht und mehrere Operntexte verfasst;\ndarunter ist eine bis auf Ouvertüre und Schlusschor vbllendete Oper\nvon Mozart, deren ursprüngliches Libretto von Schlachtner ist, das\nGollmick mit Beibehaltung des Planes umgearbeitet und mit dem\nTitel „Zaide\" versehen hat. *) Zu Anfang dieses Jahres gab der-\nselbe im Verlage seine „Autobiographie nebst einigen Momenten aus\nder Geschichte des frankfurter Theaters\" heraus, die manche inte-\nressante Einblicke in seinen eigenen Lebensgang und in das künst-\nlerische und schriftstellerische Leben und Treiben vieler bedeutender\nPersönlichkeiten der Vergangenheit gewährt. (S.-D. M.-Z.)\n\"Wieil. In der jüngst Statt gefundenen General-Versammlung\ndes wiener Männer-Gesangvereins wurde der bisherige Vorstand,\nHerr Dumba, und der Dirigent, Herr Wein wurm, wieder ge-\nwählt. Der Verein zählt 224 ausübende und 460 unterstützende\nMitglieder. Die Einnahmen des letzten Jahres betrugen 9026 Fl.,\ndie Ausgaben 5834 Fl.\n*) Die „Zaide\" gab A. im Ciavierauszug im Jahre 1838\nheraus. Mozart's Musik ist genau wiedergegeben. Gollmick hatte\neinen Dialog dazu gemacht, aber auch im Text der Musikstücke\nManches geändert, ohne dabei den Originaltext mit abdrucken zu\nlassen, so dass man an diesen Stellen die Musik nicht nach dem\nInhalt der Worte würdigen kann. (D. Redact.)"}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "345", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18661103-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nKünstler und Mönch. Humbug. Erstes Gesellschafts-Concert in Köln im Gürzenich (Schluss). Die Gebrüder\nThern. Tages- und Unterhaltungsblatt (Berlin, Herr Niemann, Fräulein Grün. Frankfurt, Karl Gollmick. Wien, Vor-\nstands-Wahlen für den Männer-Gesangverein, Statistik des Vereins).\n\nKünstler und Mönch.\nWenn vor zwanzig Jahren, als Franz Liszt auf dem\nGipfel seines Ruhmes stand, als das Publicum ihm über-\nall zujauchzte, als die gesammte Frauenwelt für ihn\nschwärmte, als Dichter und Recensenten ihn besangen\nund beschrieben, als seine Ankunft in manchen Städten\ngefeiert wurde wie die eines Helden, und bei seiner Ab-\nreise von Berlin ein festlicher Zug vor und hinter ihm\nherging, wie in den Römerzeiten vor und hinter den\nTriumphatoren, wenn da Einer aufgetreten wäre und ge-\nsagt hätte: Dieser berühmte, bewunderte Mann, dieser\nHeros des Concertsaales und der Salons, wird anno 1865\nnicht mehr der erste Virtuose aller Zeiten, sondern ein\ncomponirender römischer Abb6 sein wäre ein solcher\nProphet nicht in Gefahr gerathen, ins Narrenhaus gesperrt\nzu werden? Die Welt hätte vielleicht einer Prophezeiung\nGlauben geschenkt, dass Liszt eines Tages plötzlich Wider-\nwillen gegen das Getreibe der Welt fassen werde, gegen\nall die unkünstlerischen Mittel und Hebel, womit der\nRuhm des Künstlers so oft gehoben wird, dass er seine\nSecretäre, seine Anhänger und Anhängerinnen aufgeben,\ns;ch von der Oeffentlichkeit ganz zurückziehen und nur\ndem keuschen Cultus der reinen Kunst, der innern Weihe\nleben werde. Eine solche Prophezeiung hätte Gründe\ndes Wahrscheinlichen, den Hinweis auf eine gewisse folge-\nrichtige Entwicklung für sich geltend gemacht; es wäre\nihr, es wäre Allem geglaubt worden, nur nicht dem, was\njetzt zur Wahrheit geworden ist, dass Liszt den Virtuosen-\nFrack und den Rammerherren-Rock gegen das lange\nPriesterkleid vertauschte, aber derselbe Liszt geblieben\nist, den das Publicum im Concertsaale und im Salon be-\nwunderte und vergötterte.\nWerfen wir nun einen Rückblick auf die Laufbahn\ndieses sehr merkwürdigen Mannes: es ist eine culturge-\nschichtliche Aufgabe, den Gründen gewisser Wandlungen\nin ihm nachzuforschen, die Spreu vom Weizen zu\nsondern.\nIm Jahre 1811, als ein Komet seine Kreise am\nHimmel zog und bange Gemüther mit Angst erfüllte, aber\nin den Reben jenen Feuerwein zeugte, von dem alte Zecher\nschwärmen wie ein Dichter von entschwundenem Glücke,\nin jenem Jahre, am 21. October, wurde Liszt geboren\nin Raiding, einem kleinen ungarischen Dorfe. Sein Vater\nwar einer der vielen Güterverwalter des Fürsten Esterhäzy,\nein gebildeter Mann, mit Talent zur Musik begabt, in\nfreundlichem Verkehr erst mit Haydn, dann mit Hummel,\ndem Capellmeister seines Herrn.*) Er war der erste\nLehrer unseres Helden, und er entschied sich auch dahin,\nihn auf die musicalische Laufbahn zu führen, während die\nsorgsame, fromme Mutter den schwächlichen Knaben\nO 7\nzum Priester erziehen wollte.\nNeun Jahre zählte Franz Liszt, als er zum ersten\nI\nMale öffentlich in einer kleinen Stadt, Oedenburg, spielte,\nnach dem staunenswerten Vortrage schwieriger Concert-\n\n*) Es wird von manchen Biographen Liszt's versichert, seine\nFamilie sei ursprünglich eine adelige gewesen, habe aber nach al-\nlerlei Yermögensverlusten freiwillig auf ihre Adelsrechte verzichtet\nund eine untergeordnete Stellung gewählt. Wir wollen diese Ge-\nschichte nicht in Abrede stellen, dürfen aber nicht unerwähnt\nlassen, dass dieser Fall der einzige bisher bekannte wäre. Der un-\ngarische Adel jeden Ranges besass nicht bloss die grossen gesell-\nschaftlichen, sondern auch die grossen politischen Rechte in Europa:\nSteuerfreiheit, alleinige Wahlfähigkeit (elector et eligibilis). Noch im\nJahre 1848 gab es Hunderttausende von Wählern, die Bauern wa-\nren, aber als Edelleute (boczhoros nemes ember) dieselben Rechte\nausübten wie jeder Magnat und bei den Comitatswahlen den Aus-\nschlag gaben. Einen ungarischen Adeligen, der sich seines Adels-\ndiploms und seiner Rechte freiwillig entschlug, und zur ~misera\ncontribuens jplebsil herabstieg, hat man nie gekannt. Wir wollen\ndamit nicht behaupten, dass eine solche Wandlung in der Familie\nLiszt's nicht vorgekommen sei. Die Biographen vermögen jedoch\nkeinen Zeitpunkt anzugeben, noch auch, ob sich je ein Adelsdiplom\nbei einem Verwandten vorgefunden habe."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "346", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18661103-01.1.2", "texte": "stücke sich in freier Phantasie erging und die Zuhörer\nzum lauten Entzücken hinriss. Der Vater, durch diesen\nersten Erfolg ermuthigt, brachte den Knaben nach Press-\nburg, der alten Krönungsstadt der Magyaren; dort, wäh-\nrend des Landtags, waren die hoben Magnaten versam-\nmelt, unter ihnen manche warme Freunde der Tonkunst,\ndie in Oesterreich von jeher viele Gönner zählt. Der kleine\nFranz gab ein Concert. Auf den Grafen Thaddäus Amad£,\nder später als „Musikgraf\" am österreichischen Hofe fun-\ngirte, brachte das Spiel des Wunderknaben eine solche\nWirkung hervor, dass er mit einigen sinnesverwandten\nMagnaten dem Vater eine jährliche Unterstützung von\n600 Gulden (400 Thalern) für 6 Jahre zusagte, damit\ner für die Ausbildung des ihm von Gott gesandten Kindes\nsorgen könne:\nDa wir keine eigentliche musicalische Biographie,\nvielmehr eine psychologische Studie schreiben, so erwäh-\nnen wir hier nur in Kürze, dass der Knabe zuerst nach\nWien gebracht wurde, dort Czerny's Unterricht im Cia-\nvier und den Salieri's in der Composition genoss, dann\neine Reise durch Deutschland unternahm, überall als ein\nerstaunliches Genie gepriesen wurde und endlich nach\nParis ging, um dort seine Ausbildung zu erlangen. Das\nConservatorium stand damals in hohem Glänze unter Che-\nrubini's Oberleitung, diesen kannte der Vater Liszt's von\nseinem Aufenthalte in Wien her, und bei diesem hoffte\ner künstlerische Unterstützung und Aufmunterung zu fin-\nden. Sndess ward er bitter enttäuscht. Cherubini erklärte,\nder junge Knabe könne als Ausländer nicht ins Conserva-\ntorium aufgenommen werden. Die Schule blieb ihm ver-\nschlossen, aber die Welt öffnete ihm ihre Pforten. Er\nwar von Wien aus sehr warm an die Aristokratie und\nan die Gesandtschaften empfohlen; der Herzog von Or-\nleans, der nachmalige Bürgerkönig Louis Philippe, der zu\njener Zeit (1824), in Hinblick auf die Verwirklichung\ntief angelegter und noch versteckter Plane, den Ruf als\nMäcen der Künste und Wissenschaften anstrebte und auch\nverdienter Massen erwarb, empfing den Wunderknaben\nLiszt in seinem Salon und war selbst der lauteste Verkün-\ndiger von dessen Genie und grosser Zukunft.\nGanz Paris war damals erfüllt von den Erzählungen\nund Artikeln über den „neuen Mozart\", wie man ihn\nnannte, und nach einem Concert im März 1824 (also in\nseinem dreizehnten Jahre) stieg der Enthusiasmus aufs\nHöchste. Papa Liszt sah sich bald jeder materiellen Sorge\num die Zukunft seines Sohnes enthoben. Dass er die\naulwallenden Wogen des erwachenden Ehrgeizes in dem\nvon allen Seiten mit Lob und Geschenken überhäuften\nKnaben nicht immer zu dämmen vermochte, dass er\nnicht die Kraft, die Ueberlegenheit des Geistes besass, um\nihn den Verlockungen zu entrelssen, deren Folgen sich\nerst später zeigen sollten, wer mag ihn darob tadeln? Die\nEntwicklungsgeschichte solcher Geister wie Liszt kann\nnicht nach dem Maassstabe der gewöhnlichen Erziehungs-\nlehre beurtheilt werden [?] und die glücklichern Genies, die\nwie Goethe und Mendelssohn, im väterlichen Hause reifen\nkonnten, sind gar zu selten.\nAls der Vater Liszt's starb, zählte dieser sechzehn\nJahre, stand er also in dem Alter, das man bei andern Men-\nschen zu den „Flegeljahren\" zählt; er aber befand sich\ndamals schon in dem Stadium geistiger Gährung eines\nVierundzwanzigjährigen. Die französische, romantische\nSchule, die in jener Zeit ihr Banner erhoben hatte und\nauf der Bühne und im Roman durch V. Hugo und A.\nDumas, später durch George Sand, in der Lyrik durch\nAlfred de Musset, Vigny, in der Malerei durch Segaion\nund Delacroix Triumphe feierte, fand in Liszt den begeis-\ntertsten Anhänger; daneben hing er religiösen Schwärme-\nreien nach. Er hegte eine Zeit lang heftige Leidenschaft\nfür eine schöne junge Dame, mit der eine eheliche Ver-\nbindung zu schliessen ihm nicht vergönnt war, und be-\nschäftigte sich zu gleicher Zeit mit allen neuen Erschei-\nnungen auf dem Gebiete der Poesie und Philosophie.\nNach der Juli-Revolution warf er sich mit all der Gluth\nseines Wesens in die politische Bewegung; die Lehren\nSaint-Simon's und seiner Anhänger, die als die Läuterer\ndes Christenthums auftraten und die Eroancipation des\nWeibes predigten, erfüllten ihn mit einer Begeisterung,\ndie freilich später sehr abgekühlt wurde, als er gewahr\nwurde, welch ein Unterschied zwischen dem Stifter der\nLehre und dessen Schülern bestand, und welche Komö-\ndien die letzteren aufführten.\nWir müssen hier die Aufmerksamkeit des Lesers auf\ndie eigentliche Bedeutung dieser französischen romanti-\nschen Schule leiten, denn ihr Zögling, und vielleicht ibr\ngeschicktester Zögling, ist Liszt, wenn sich auch manche\nAnhänger garviele Mühe gegeben haben, ihn als einen deut-\nschen Künstler zu bezeichnen. Die französischen Roman-\ntiker haben nicht wie die deutschen im Versenken in die\nTiefen des Gemüths, im Zurückträumen in die Ritter- und\nMärchenzeit des Mittelalters ihre Aufgabe gesucht, sie\nhaben nur das, was unsern Deutschen Zweck war, als\nMittel verwandt aus dem Gemüthsleben nahmen sie\nso viel, als zur Beschreibung der Leidenschaft notwen-\ndig war, dem Mittelalter haben sie das Costume entlehnt,\nworin sie ihren Helden die modernsten Ideen declamiren\nHessen; ihre Führer waren Genies, die bei manchen Ab-\nsurditäten doch eine Kraft und Energie zeigten, welche\nzündend wirken musste. Worin sie alle unerreicht geblie-\nben, das ist das Coiorit; die Beschreibungen sind in Victor"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "347", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18661103-01.1.3", "texte": "Hugo's, Musset's und George Sand's Gedichten und Schriften\nwunderbar, selbst da, wo der beschriebene Gegenstand\nselbst unbedeutend ist. Wenn man ein Bild von Delacroix\nansah, so vergass man über der Farbenpracht die unrich-\ntige Zeichnung und manches Bedenkliche in der Perspec-\ntive. Die romantische Schule hat die Virtuosität auf eine\nStufe gebracht, welche blosses Talent und Fleiss nicht\nerreichen konnten; ohne Genie oder wenigstens ohne Ge-\nnialität konnten solche Leistungen nicht zu Tage gefördert\nwerden. Die romantische Schule hat aber nicht bloss\ndurch ihre Leistungen gewirkt, sondern auch durch die\nKunst, mit der sie diese Leistungen geltend zu machen\nverstand. Sie war die Schöpferin der Reclame, die da-\nmals noch im besten Sinne zu verstehen war. Es war\nwahrhafte Brüderlichkeit, wahrhafte Begeisterung für ge-\nmeinsames Bestreben und wahrhafter freudiger Antheil\nan den Erfolgen der Gleichgesinnten, welche damals die\nFührer der französischen Romantiker erfüllte. Freilich\nwarteten sie nicht immer das günstige Urtbeil der Ande-\nren ab; manche Vorreden V. Hugo's, Laraartine's. die\nherausfordernden Episoden in manchen Gedichten Alfred\nde Musset's sind doch vor Allem lobende Selbstkritiken,\nVerherrlichungen des Ichs. Hier muss auch hervorgeho-\nben werden, dass diese Führer der romantischen Schule\nnicht bloss durch ihre künstlerischen Leistungen, sondern\nauch durch ihre Persönlichkeit imponirten, dass sie geist-\nreich und liebenswürdig und in der äusseren Erscheinung\nim höchsten Grade „interessant\" waren, und dass keiner\ndiese glänzenden Eigenschaften in solchem Masse vereinigt\nbesass, als Liszt. Wer je das Portrait Liszt's in dessen vier-\nundzwanzigstem Jahre sah, dem ward klar, dass kein Weib\nihn gleichgültig betrachten konnte, dass jeder Mann in\ndiesen Zügen den Stempel einer hochbedeutenden geistigen\nPotenz erkennen musste. Liszt war als Musiker das, was\nV. Hugo, Lamartine und George Sand als Dichter und\nRomanschreiber waren; sein Vortrag war von jener Cha-\nrakteristik. von jener excentrischen Farbenpracht, durch\nwelche sich der Stil jener auszeichnete, und seine Persön-\nlichkeit war die hervorragendste.\nIm Anfange der dreissiger Jahre ging Liszt mit eini-\ngen Freunden, darunter die George Sand, nach der Schweiz.\nAls Grund dieser Reise geben die Einen die Absicht des\nKünstlers an, fern von dem Treiben der grossen Stadt\nneue Combinationen in seiner Kunst zu Tage zu fördern;\nAndere meinten, er wolle den Erinnerungen an seine\nGemeinschaft mit den Saint-Simonisten aus dem Wege\ngehen; einige Wenige, die mit den gesellschaftlichen Ver-\nhältnissen der aristokratischen und künstlerischen Kreise\nvon Paris vertraut waren, versicherten, Liszt sei mit einer\nhochstehenden Dame, der verheiratheten Gräfin D'A., in\nein Verhältniss getreten, welches ihn und sie zu einer\nzeitweiligen Verbannung von Paris bestimmte. Dreiund-\nzwanzig Jahre war er alt, als er dieses Bündniss schloss,\ndessen Sprösslinge eine gewisse Rolle in der Welt spiel-\nten und noch spielen.\nVon jenem Aufenthalte in der Schweiz datiren die\nersten Vorbereitungen zu den späteren Triumphzügen\ndurch die Welt. Liszt musicirte zwar nur einmal öffent-\nlich, und selbst im vertrautesten Freundeskreise nur bei\nbesonderen Gelegenheiten, aber jede seiner Leistungen\nwurde von George Sand in den\nvon Pictet in seinem „ Voyage als ein Er-\neigniss beschrieben. Er selbst trat als musicalischer\nSchriftsteller auf, und seine Artikel in der\ncale\"über die Stellung der Künstler\nartistes) haben ihrer Zeit fast so viel Aufsehen erregt, als\nWagner's Kunstwerk der Zukunft vor fünfzehn Jahren.\nSie waren, voll Geist und Kühnheit und in so elegantem\nFranzösisch geschrieben, wie man es bisher von einem\nAusländer nur höchst selten gelesen hatte. Doch waren\ndie Kundgebungen seines Genies nur einzelne Blitzstrahlen,\ndie er in die Welt schleuderte, im Ganzen lebte er sehr\nzurückgezogen und ohne einen bestimmten Plan. Da trat\nein eigentümlicher Zwischenfall ein, der Liszt bewog,\nhervorzutreten. Thalberg war nach Paris gekommen und\nhatte daselbst Furore gemacht. Er bot in seinem ganzen\nmusicalischen Wesen den entschiedensten Gegensatz zu\nLiszt dar. War bei diesem das geistige Element bis zur\nVernachlässigung der Form vorherrschend, so war bei je-\nnem die Zierlichkeit der Form bis zu einem Grade aus-\ngebildet, dass dem Walten des Geistigen wenig Raum\nüberlassen blieb. Tbalberg war ein Virtuose, dem gegen-\nüber das Publicum sich in behaglicher Bewunderung er-\ngehen konnte; er machte viel Vergnügen, ohne aufzure-\ngen; Liszt's Vorfrag war ein solcher, dass er die ganze\nAufmerksamkeit des Zuhörers in Anspruch nahm und\nmerklich eine erhöhte Nerventhätigkeit hervorrief. Auch\nim gesellschaftlichen Leben waren die Beiden sehr ver-\nschieden. Thalberg war ein sehr feiner Weltmann, dem\nder Tact, das comme il faut,das richtige Masshalten in\nder Conversation als höchster Zweck galt; Liszt hingegen\nzeigte zwar, dass er in den Kreisen der „feinsten\" Welt\naufgewachsen sei, er wollte aber auch durch seinen spru-\ndelnden Geist dominiren, selbst wenn er dabei das Mass\nüberschritt, und sich als Mittelpunkt der Unterhaltung\ngeltend machen. Endlich war Thalberg zwar durchaus\nkein classischer, aber ein sogenannter conservativer Mu-\nsiker, während Liszt gerade den Conservativen ein\nDorn im Auge war, und diese ergriffen die günstige Ge-\nlegenheit, sich an dem romantischen unbequemen Neuerer\n\n[*J"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "348", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18661103-01.1.4", "texte": "zu rächen, indem sie sich um jenen schaarten und ihm Lob\nund Preis sangen. Wenn wir noch hinzufügen, dass\nThalberg aus fürstlichem Blute stammte und dass die\naristokratischen Kreise den Mann protegirten, der,\nihnen so nahestehend, doch nur als bescheidener Künstler\nauftrat, während Liszt, der »nur\" ein Künstler war, sich\nihnen gegenüber als ein Gleichberechtigter benahm so\nwird der Leser begreifen, dass die Erfolge Thalberg's so\ngrossartig waren, dass die Leute es selbst nicht recht be-\ngriffen, und dass zuletzt die Musiker sie den Aristokraten,\ndiese sie wieder den Musikern zuschrieben. Genug, der\nRuf dieser Erfolge tönte weit über die Mauern von Paris\nund weckte Liszt aus seinen behaglichen Träumen, zer-\nstreute den Dunst des Weihrauchs, den seine Freunde\nund Verehrer um ihn verbreitet hatten. Unser Held eilt\nnach Paris, er hört Thalberg, prüft dessen Compositionen\nund veröffentlicht nun einige Artikel gegen den Gott des\nTages, worin er darlegt, dass dessen Hauptverdienst in\nmeisterlich angelegten und musterhaft ausgeführten Klang-\nEffecten, nicht aber in künstlerischen Leistungen bestehe.\nDer grosse Theil des Publicums, darunter viele Freunde\nLiszt'«, missbilligten diese Artikel, durch welche er in\neinen Federkrieg mit dem einflussreichen „Musikgelehr-\nten \" Fetis gerieth. Wir denken anders; eine begeisterte\nNatur wie die Liszt's musste das kühl Berechnete, das\nFormelle in den Thalberg'schen Leistungen tief verletzen,\nund wenn sich ihr Unmuth nicht immer in gedrechselten\nPhrasen ausspricht, so muss man vor Allem auf die Gesin-\nnung achten, aus welcher dieser Unmuth hervorging. Es\nwar nicht Neid gegen den glücklichen Rivalen, der Liszt's\nFeder führte, es war wohl auch in hohem Grade der\nEifer des Künstlers, der für die; idealistische Richtung\ngegen die Schule des blossen schönen Klingens in die\nSchranken trat.\nLiszt gab mehrere Concerte im Salon Erard, um\nseine Worte durch die That zu unterstützen; begeisterte\nAnhänger schaarten sich um ihn; doch mochte er wohl\nfühlen, dass sein Sieg nicht vollkommen sei; er musste\ndie Welt zum Schiedsrichter aufrufen zwischen ihm und\nden anderen Virtuosen; er that es, und die Welt hat ge-\nantwortet.\nIm Jahre 1838 kam Liszt, nach kurzem Aufenthalte in\nItalien, zum ersten Male nach Deutschland; er begann\nmit Wien. Welche Aufnahme er fand, wie er von seinem\nersten Auftreten an geradezu vergöttert wurde, ist be-\nkannt. Wir wollen hier nur einige Details anführen, die\nunseres Wissens von seinen Biographen noch nicht erzählt\nworden sind, und die eine Erklärung geben können, wie\ner Alle für sich gewann, d. h. wie er nicht bloss die Sa-\nlondamen und blasirte Concertbesucher in Taumel ver-\nsetzte, sondern auch Musikern und strengen Richtern Be-\nwunderung abzwang. Als er in Wien ankam, war ge-\nrade Clara Wieck, die spätere Gemahlin des edeln Schu-\nmann, der Stern des Tages; ihr herrlicher Vortrag, ihre\ngrossartige Technik und ihre wirklich herzgewinnende\nErscheinung hatten das Publicum im hohen Grade ein-\ngenommen, und ihre Erfolge überragten bei Weitem die\nglänzendsten, die Thalberg bisher in Wien errungen hatte.\nUnter ihren Leistungen wurden vorzüglich die von ihr\ncomponirten Variationen über ein Thema aus dem Pira-\nten von Bellini gepriesen, in welchen sie eine Masse\nder schwierigsten Passagen zusammengefasst hatte. Als\nLiszt angekommen war, besuchte er seinen alten Lehrer\nCzerny; dieser wohnte im Hause des Clavierfabricanten\nC. Graf, der damals als der beste bekannt war. Der alte\nMeister und sein grosser Schüler gingen in den Clavier-\nsaal; hier auf einem Pulte lagen die Variationen der\nClara Wieck, und Liszt spielte dieselben avista in rasche-\nrem Tempo, als die Componistin sie je zu spielen gewagt\nhatte, mit einer Leichtigkeit und Sicherheit, mit der ein\nsehr geübter Pianist einen leichten Walzer vom\nBlatte lesen würde. Einige Tage darauf versammelte der\nalte Clavierfabricant eine Gesellschaft zu Ehren des Neu-\nangekommenen in seinem Hause und lud auch Clara\nWieck, seinen Liebling, ein. Sie hörte Liszt zum ersten\nMale und Thränen des Entzückens und zugleich der De-\nmüthigung [??] entstürzten ihren Augen. Einige Tage\nnach diesem Vorfalle circulirtenin Wienzwei Zeichnungen,\nwenn wir nicht irren, vom geistreichen Componisten\nHofrath Vesque von Püttlingen skizzirt. Auf der einen\nwar Clara Wieck dargestellt, in einer Rosenlaube träume-\nrisch vor einem Ciavier sitzend, das von Blumen getragen\nwurde; hinter ihr lagerten Apollo und die Musen und\nlauschten, rings herum schwebten Elfen und Kobolde; in\neiner Ecke stand Pan und spielte den Gimpeln vor eine\nAnspielung auf den Professor Fischhof, der damals seinen\nEnthusiasmus in lächerlicher Weise zur Schau trug. Auf\ndem anderen Bilde erblickte man Liszt. In wild-roman-\ntischer Gegend auf einem Felsen sass er, die Hand wie\nein Beschwörer über den Tasten eines gigantischen In-\nstrumenteshaltend, das gefesselte Riesen auf dem Nacken\ntrugen, und in wilder Flucht schwirrten Genien und böse\nGeister, herrliche Gestalten und gräuliche Erscheinungen\nvorüber.\nDoch (und das ist wohl ins Auge zu fassen) nicht der\nConcertsaal allein war es, in welchem Liszt Alles mit sich\nriss, der Salon, ja, selbst die Strasse war seine Domaine.\nEr durfte sich nicht zeigen, ohne dass ihm sofort ein\nSchwärm von Verehrern folgte. Und was erzählte man sich\nnicht von ihm, wie ward er gepriesen als der unabhängige,"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "349", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18661103-01.1.5", "texte": "stolze Künstler, der mit den hochmüthigsten Aristokraten\numging wie mit Seinesgleichen! An dem Tische der\nFürstin M., die bekannt war wegen ihres unerträglichen\nStolzes, die es gewagt halte, dem Gesandten Louis Phi-\nlippe's auf dem Hofballe eine Beleidigung ins Gesicht zu\nschleudern*), sass der Musiker Liszt; er unterhielt sich\nlebhaft mit seiner Nachbarin. Da ward er plötzlich von\nder Hausfrau durch die Frage über seine Reise in Italien\nunterbrochen. „HabenSie auch in Venedig gute Geschäfte\ngemacht?\" (avez-vous fait de\nfragte die Fürstin, und: „Ich mache Musik und keine Ge-\nschäfte\" (je faisdelamusiqueet ant-\nwortete der Künstler. Die stolze Frau erblasste und schwieg.\nMit Blitzesschnelle verbreitete sich die Kunde dieses Vor-\nfalles in der Stadt, überall ward Liszt gepriesen, und in\nseinem nächsten Concerte tobten die jüngeren Musiker\nnoch mehr als in den vorhergehenden, denn sie sahen in\ndem grossen Manne nicht bloss den unvergleichlichen\nMusiker, sondern den siegreichen Kämpfer für die gesell-\nschaftliche Gleichberechtigung des Künstlers; sie wussten,\nwenn Thalberg mit der Aristokratie verkehrte, so geschah\nes, weil er der Abstammung nach zu ihr gehörte, aber\nLiszt war ein Staubgeborener (damals fiel es nämlich noch\nkeinem Menschen ein, von dem ehemaligen Adel seiner\nFamilie zu reden) und er behandelte, öffentlich im Con-\ncertsaale, die Hochgeborenen als Gäste, nicht wie ein zah-\nlendes Publicum; ebenso kühn trat er der allmächtigen\nFürstin entgegen, die es gewagt hatte, ihn an seinen un-\ntergeordneten Stand zu erinnern.\n(Fortsetzung folgt.)\n\nHumbug.\nDie Neue New-Yorker Musik-Zeitung gibt in ihrer\nNr. 10 vom 10. October durch den Artikel „Schwindel\"\neinen neuen Beweis, dass es ihr um wirkliche Förderung\nder musicalischen Zustände in Nord-America zu thun ist,\nindem sie gegen den dort auch in musicalischen Dingen\nherrschenden Humbug schonungslos angeht. Wir sind\nin Europa gewohnt, auf das americanische Anzeige- und\nKritik-System mit Verachtung herabzublicken, und gewiss\nverdient es diese in vollem Maasse. Aber man prüfe ein-\nmal mit Gewissenhaftigkeit, ob denn auch im eigenen\nHause Alles in der Ordnung ist, was wir da drüben ver-\nurtheilen. Wir bieten Gelegenheit zu solch einer Prü-\nfung, indem wir aus dem genannten Aufsatz folgende\nStellen mittheilen, deren Anwendung auf Aehnliches in\nEuropa nicht eben fern liegt.\n„Jeder Mensch weiss, dass die marktschreierischen\nAnpreisungen der Wahrheit ins Gesicht schlagen; alle\nWelt lacht, aber scheint diesen Humbug als eine Art\nNothwendigkeit zu betrachten, der man sich ohne Murren\nzu unterwerfen habe. Namentlich scheint die Presse ihre\nAufgabe in dieser Beziehung gänzlich misszuverstehen.\nVon einem eigentlichen Princip der Kritik scheint bei ihr\nkaum die Rede zu sein. Sie misst mit dem Maassstabe der\nFreundschaft, des persönlichen Wohlwollens oder viel-\nleicht noch etwas Schlimmerem. Man scheint es als eine\nArt Nothwendigkeit, als ein stillschweigendes Ue-\nbereinkommen zu betrachten, gewisse Perso-\nnen zu loben, andere zu tadeln. Man glaube nicht\nimmer, dass eine Art von Bestechung zu Grunde liegt.\nWir kennen Künstler, die nicht zu diesem Mittel greifen\nUnd die dennoch sich ausschliesslich der Gunst der Presse\nzu erfreuen haben, trotzdem dass diese Gunst ihnen oft\nnicht ertheilt werden sollte. Auf der andern Seite wird\nes manchem strebsamen Künstler sehr schwer gemacht,\nfortzukommen, eben weil er nicht von vorn herein zu den\nBegünstigten gehört.\nDie Hauptursache liegt in dem Mangel selbsstän-\ndigen Urtheils, und in der recht americanischen An-\nsicht, dass Jemand, der viel Geld für seine professionelle\nLeistung fordert und auch bekömmt, auch eminente Ver-\ndienste haben müsse. Dieser Mangel lässt dem Humbug\nThor und Thür offen. So lange der Erfolg eines Künst-\nlers in diesem Lande von Aeusserlichkeiten abhängig ge-\nmacht werden kann, ist es mit der Kunst selbst schlecht\nbestellt; denn diese Thatsache führt einfach dazu, dass\nder Kunstjünger sich seine Sache sehr leicht macht und\nnach und nach den Schein für das Sein nimmt. „Viel\nToilette, ein Bisschen Stimme, eine tüchtige Portion Frech-\nheit und zwei, drei gute Freunde in der Presse das\nsind die Ingredientien des Erfolges einer Sängerin\", sagte\nuns einst eine Dame, die zu beobachten versteht. Sie hat\nim Wesentlicheu Recht, aber dass es so ist, ist die Schuld\nder Kritik, die theils aus den obengenannten, theils aus\nnoch verwerflicheren Gründen, zum grossen Theil aber\naus jenem, durch die americanischen Verhältnisse gebote-\nnen Umstände, dass man sich auf dem Gebiete der\nJournalistik keine Zeit lassen kann , tiefer ein-\nzugehen, ihre Aufgabe verkennt und es nicht wagt,\ndem eingerissenen Schlendrian einen Damm entgegen\nzu setzen.\nMan hält es hier in America und auch theilweise in\nEngland für eine so grosse Sache, dass z. B. die täg-\nlichen Blätter am nächsten Morgen nach dem Er-\n\n*) Er bewunderte ihren Kopfschmuck aus Brillanten, der einem\nDiademe glich. „Ouiantwortete die Fürstin, „il riest pas vole\"\n(es ist nicht gestohlen)."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "350", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18661103-01.1.6", "texte": "scheinen eines Künstlers am vorhergegangenen\nAbend schon die Besprechung liefern. Wir glauben im\nGegentheil, dass dieses System uns sehr oft zu jenem\nHumbug verhalf, den wir auf künstlerischem Gebiete hier\nzu beklagen haben. Die echt americanische Idee, das9\nman es überhaupt nur Jemandem vorausthun muss, un-\nbekümmert um das Wie, sperrt der Oberflächlichkeit\nThor und Thür offen und führt zu all den oft komischen\nExpectorationen, die uns in der Tageskritik begegnen. Kein\nMensch, auch der gebildetste Kritiker nicht, ist im Stande,\nz. B. über eine Symphonie nach einmaligem Hören ein\nnur einiger Massen gültiges Urtheil zu fällen, und den-\nnoch bringen, uns die americanischen Zeitungen dieses\nWunder mehrmals während der Saison. Freilich, es ist\ndann auch zum Verwundern. Dasselbe gilt auch in Be-\ntreff der ausübenden Künstler. Wie oft muss das so\nschnell ausgesprochene Urtheil umgestossen oder doch\nmodificirt werden, oder vielmehr, wie oft müsste es! Bei\neinem wahrhaft grossen Künstler ist erst die Nachwir-\nkung seiner Leistung von wirklicher Bedeutung. Geschwin-\ndigkeit ist bekanntlich keine Hexerei, sondern einfach das\nKunststück des Jongleurs. Die Geschwindigkeit, welche\nuns die meisten Herren der Kritik in diesem Lande auf-\ntischen und die Journal-Directoren verlangen,\nist auch nichts Anderes, und auf dem Gebiete der Kunst\nausgeführt, muss sie nothwendiger Weise zu den be-\ndauerlichsten Resultaten führen.\"\nWir haben die gesperrt gedruckten Stellen nicht ohne\nGrund angestrichen!\n\nErstes Gesellschafts-Concert in Köln im Gürzenich,\nunter Leitung des städtischen Capellmeisters, Herrn\nFerdinand Hiller,\nDinstag, den 23. October 1866.\n(Schluss. S. Nr. 43.)\nOb nun, wie Einige behaupten, die Zurücksetzung\nvonSeiten des Staats-Oberhauptes oder irgend eine andere\nUrsache ihn bewogen, kurz, Cherubini, der durch seine\nOpern „Lodoisca\" und „Der Wasserträger\" schon grosse\nTriumphe gefeiert hatte, hielt sich eine geraume Zeit ganz\nvon der Composition fern und trieb Botanik auf dem\nSchlosse des Fürsten von Chimay. Die Fürstin verstand\nes indess, ihn, obwohl erst nach langer Pause, zu seinem\nBerufe zurückzuführen, und hier in Chimay war es, wo\ner zur Feier des Cäcilienfestes zum ersten Male wieder\nnach den Uebungsjahren bei Sarti eine geistliche Musik\nschrieb, eine Messe, deren Kyr und am 22. Nov.\n1808 in der Kirche des Ortes aufgeführt wurde. Es war\ndies die Messe in F-dur, die er nachher in Paris in den\nersten Monaten von 1809 vollendete, wo sie dann im\nHotel des Fürsten von ausgewählten Musikern vor einem\nVereine aller Berühmtheiten von Paris ausgeführt und all-\ngemein bewundert wurde. Der Meister hatte sich nach\nden Verhältnissen richten müssen, daher die Messe nur\ndreistimmig (Sopran, Tenor, Bass) und mit kleinem Or-\nchester (Quartett, 1 Flöte, 1 Fagott, 2 Clarinetten und\n2 Hörner) besetzt ist; aber sie zeigt den Kirchenstyl, den\nCherubini nachher ins Grosse erweiterte, schon ganz in\nseiner Eigentümlichkeit, und Cherubini verdankt dem Er-\nfolge dieser Composition hauptsächlich seine nachherige\nAuszeichnung durch den königlichen Hof.\nAus der Restaurations-Periode rühren die herrlichsten\nWerke für die Kirche her, die seinen Ruhm steigerten\nund ihn verewigen werden, während seine dramatischen\nArbeiten aus derselben Periode nicht denselben Stempel\ndes Genius tragen, wie die Messen Nr. 2 in Nr.\n3 in A-dur und das Requiem in C-moll (welches wir\nam vergangenen Dinstag im Gürzenich gehört haben), dem\nspäter noch ein Requiem in für drei Männerstim-\nmen mit Orchester folgte.\nDas Requiem in C-moll war zur Jahresfeier des To-\ndestages Ludwjg's XVI. geschrieben und wurde am 21.\nJanuar 1816 in der Kirche von St. Denys zum ersten\nMale aufgeführt. Eine Wiederholung fand erst im Fe-\nbruar 1820 in derselben Kirche bei den Exequien für\nden am 13. Februar ermordeten Herzog von BerryStatt.\nAm 20. Mai 1825 ertönte in der Kathedrale zu Rheims\nbei der Feier der Krönung Karl s X. die grosse Messe in\nA-dur. Wiewohl dieses berühmte Werk durch die Gross-\nartigkeit der Auffassung und Ausführung, Pracht und\nGlanz der angewandten Mittel ebenfalls eines der herrlich-\nsten Monumente der Tonkunst des 19. Jahrhunderts ist,\nso dürfte die Meinung, dass trotzdem das Requiem in\nC-moll die meisterlichste Composition Cherubini's in dieser\nGattung sei, kaum Widerspruch zu erwarten haben.\nWenn die Krönungsmesse in Reichthum und Pracht der\nHarmonie und Instrumentirung und in einzelnen neuen\nerschütternden Formen (z. B. des Credo) das Requiem\nüberragt, so steht dieses letztere doch an Tiefe der Auf-\nfassung, Adel und wunderbar ergreifender Einfachheit des\nmelodischen Ausdrucks und unnachahmlich schöner An-\nwendung der Blas-Instrumente über derselben.\nDie Aufführung des Requiems, eine recht gelungene\nund ausdrucksvolle, war daher für alle Freunde und Ver-\nehrer der höheren Kirchenmusik eine wahre Feier, welcher\nauch die ganze Zuhörerschaft mit sichtbarer Theil-\nnahme folgte."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "351", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18661103-01.1.7", "texte": "Wie wünschenswerth wäre, statt der Controvers-\nSchriften über die Musik in der Kirche, eine Geschichte\nder Entwicklung der heiligen Tonkunst von den alten\nItaliänern und Niederländern an bis auf Johann Sebastian\nBach, und von ihm durch Haydn, Mozart, Hummel und\nGenossen hindurch bis auf Cherubini und Beethoven! Wie\nwunderbar auch hierbei der Geist, welcher, getragen von\nden grossen Ideen der Zeit, in dem letzten Jahrzehend des\nvorigen und den ersten üecennien des jetzigen Jahrhun-\nderts sich erzeugte, auch in der Tonkunst gewaltet und\ngeschaffen hat, beweisen die Kirchenmusikwerke Cheru-\nbini's und Beethoven's, welche, obwohl sie ganz unabhängig\nvon einander gleichzeitig entstanden, dennoch in Auffas-\nsung des Textes, Aufschwung der musicalischen Gedan-\nken und Gestaltung derselben durch breit entwickelte\nFormen und geniale Durchführung des Gewollten mit\nallen Mitteln der Kunst in Gesang und Orchester so viele\nBerührungspunkte mit einander haben.\nDie zweite Abtheilung des Concertes füllte eine schöne\nAusführung der Sinfonia eroica von Beethoven, deren\nWahl in Bezug auf eine Erinnerungsfeier ebenfalls sehr\nzu billigen war.\n\nDie Gebrüder Thern.\nL. Bischoff.\nDie Gebrüder Willi und Louis Thern aus Pesth\nhaben hier in Köln am Dinstag den 30. v. Mts. ein Con-\ncert im Theater gegeben, nachdem sie am Samstag vorher\nin der Musicalischen Gesellschaft mit so grossem Beifall\ngespielt hatten, dass sie bei ihrem Auftreten im Theater\ngleich mit lebhaftem Applaus empfangen wurden. Das\nentschiedene Talent dieser beiden jungen Künstler zeigt\nsich sowohl in dem in hohem Grade technisch abgerun-\ndeten Spiel aus gediegener Schule, die sie ihrem Vater,\nHerrn C. Thern, Professor am Conservatorium zu Pesth,\nverdanken, als in dem musicalischen und echt künstleri-\nschen Vortrag. Dieser Vortrag erhält nun aber einen\nganz besonderen Reiz durch das Zusammenspiel der beiden\nBrüder auf zwei Flügeln: es ist unmöglich, durch\ndas Gehör zu unterscheiden, welcher von Beiden, oder\nwas der Eine und was der Andere spielt, von solcher\nGleichheit ist ihr Anschlag, von solcher Abrundung und\nCorrectheit ihre Tonleitern, sowohl einzeln als zusammen\nin Terzen und Sexten, von solcher Uebereinstimmung die\nNuancirung jeder Art, sowohl die dynamische von\nsimo bis zum leisesten piano,und als die rhythmische und\ndie durch richtigen Ausdruck modificirte Tempobewegung.\nEs ist, als wenn Ein Meister mit vier Händen spielte. Die\nOriginal-Compositionen für zwei Flügel, welche bekannt-\nlieh nicht in grosser Zahl vorhanden sind, bat Herr G»\nThern durch das Doppelconcert mit Orchester, mit\nwelchem seine Söhne das Concert im Theater eröffneten,\nauf sehr gelungene Weise vermehrt; wiewohl auch die\nzwei letzten Sätze desselben ansprechen, namentlich das\nFinale recht frisch auftritt und ebenso durchgeführt\nwird, so müssen wir doch in dem ersten Allegro vorzugs-\nweise eine sehr gediegene, melodisch fliessende und bei grosser\nKlarheit sehr gut gearbeitete und durch leichtes Colorit der\nInstrumentirung heutzutage eine wahre Seltenheit!\nanziehende Composition anerkennen, die an die Vorzüge\ndes Stiles eines Mozart und Hummel erinnert, was auch\nvom Publicum durch allgemeinen Beifall gewürdigt\nwurde. Einen eigentümlichen Gindruck machten dann\nferner einige für zwei Hände geschriebene, von Herrn\nThern auf geschickte Weise für zwei Claviere übertragene\nStücke, wie Schumann's Toccata und eine kleine liebliche\nEtüde von Chopin; der Vortrag dieser letztern war so\nüberraschend hübsch, dass eine ganz neue Wirkung der\nComposition daraus hervorging, deren Wahrnehmung sehr\ninteressant war. Wenn man bei den beiden Quartetten\nder Gebrüder Müller die vollkommene Einheit des Zu-\nsammenspiels und des ausdrucksvollen Vortrages auf die\ngleiche Familiennatur zurückzuführen pflegte, so kann\nman hier bei den beiden trefflichen Pianisten Willi und\nLouis Thern gewiss mit demselben und vielleicht mit noch\nmehr Recht des so zu sagen in Eins zusammengewachsenen\nSpiels durch die angeborene Uebereinstimmung des Ta-\nlentes, sich musicalisch auszudrücken, wie sie nur eine\nbrüderliche Natur geben kann, sich genügend erklären.\nWir zweifeln nicht darin, dass die liebenswürdigen\njugendlichen Pianisten sammt ihrem trefflichen Mentor\nauf ihrer Reise nach Aachen, Brüssel, Paris u. s. w, über-\nall die grosse Anerkennung finden werden, die sie sich\nam Rhein erworben haben und die ihre ausgezeichneten,\nin dieser Art wobl noch nicht dagewesenen Leistungen\nin hohem Grade verdienen.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nNiemann hat mit der Rolle des „Tannhäusera als engagirtes\nMitglied an der Hofoper in Berlin debutirt, war aber leider schon\nim 2. Act nicht mehr gut bei Stimme. Frl. Grün glänzte als\nElisabeth.\nDer am 3. October in Frankfurt verstorbene Carl Gollmick\nwar der Sohn des ehemals geschätzten Tenoristen gleichen Namens\nund ist am 19. März 1796 in Dessau geboren. Er erhielt in Köln\nseine erste Erziehung und wuchs mit dem nachmals berühmt gewor-\ndenen Bernhard Klein auf. Nach mehrjährigen Reisen, die das un-\nstete Theaterleben seines Vaters veranlasste und die des Knaben"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "352", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18661103-01.1.8", "texte": "Unterricht häufig unterbrachen, kam er 1812 nach Strassburg, wo\ner Theologie studirte und durch Unterrichtgeben im Lateinischen\nund in der Musik schon früh selbständig sein lernte. Unter der\nLeitung des dortigen Kapellmeisters Spindler, Vater des berühmten\nRomanschriftstellers, studirte er die Composition und entwickelte\nseine musicalischen Talente weiter, nachdem er schon in seinem\n11. Jahre Lieder componirte, die später bei im Druck er-\nschienen. In Strassburg dirigirte er die sogenannten Kloster-Concerte\nund zeichnete sich als fertigen Clavierspieler aus; auch spielte er\neinige Zeit die Orgel in der dortigen Thomaskirche. Seit 1817 in\nFrankfurt, gab er Anfangs Unterricht in der französischen Sprache.\nCapellmeister Spohr engagirte ihn als Paukenschläger für das Theater-\nOrchester, und er bekleidete diese Stelle bis zum Jahre 1858, be-\nschäftigte sich nebenbei mit Musik-Unterricht, musicalischer Schrift-\nstellerei und Composition. Es sind an 50 grössere und kleinere\nCiavier- und Gesang-Compositionen von Grollmick im Druck er-\nschienen, die aber auf keine grosse künstlerische Bedeutsamkeit\nAnspruch machen können; sehr Vieles darunter ist auch für in-\nstruetive Zwecke berechnet. Als musikalischer Schriftsteller und\nKunstkritiker hat er sich durch Aufsätze in musicalischen und an-\nderen Blättern bekannt gemacht und mehrere Operntexte verfasst;\ndarunter ist eine bis auf Ouvertüre und Schlusschor vbllendete Oper\nvon Mozart, deren ursprüngliches Libretto von Schlachtner ist, das\nGollmick mit Beibehaltung des Planes umgearbeitet und mit dem\nTitel „Zaide\" versehen hat. *) Zu Anfang dieses Jahres gab der-\nselbe im Verlage seine „Autobiographie nebst einigen Momenten aus\nder Geschichte des frankfurter Theaters\" heraus, die manche inte-\nressante Einblicke in seinen eigenen Lebensgang und in das künst-\nlerische und schriftstellerische Leben und Treiben vieler bedeutender\nPersönlichkeiten der Vergangenheit gewährt. (S.-D. M.-Z.)\n\"Wieil. In der jüngst Statt gefundenen General-Versammlung\ndes wiener Männer-Gesangvereins wurde der bisherige Vorstand,\nHerr Dumba, und der Dirigent, Herr Wein wurm, wieder ge-\nwählt. Der Verein zählt 224 ausübende und 460 unterstützende\nMitglieder. Die Einnahmen des letzten Jahres betrugen 9026 Fl.,\ndie Ausgaben 5834 Fl.\n*) Die „Zaide\" gab A. im Ciavierauszug im Jahre 1838\nheraus. Mozart's Musik ist genau wiedergegeben. Gollmick hatte\neinen Dialog dazu gemacht, aber auch im Text der Musikstücke\nManches geändert, ohne dabei den Originaltext mit abdrucken zu\nlassen, so dass man an diesen Stellen die Musik nicht nach dem\nInhalt der Worte würdigen kann. (D. Redact.)"}]}