{"numero_id": "bm-bmtnabi-1866-12-15-01", "volume": "bmtnabi_1866-12-15_01", "ocr_sha256": "05e1ad1e9930ea98f305499d3cacfa9a37dbd65403c828f61edb1e0c2fc6e5f2", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1866/12/15_01/bmtnabi_1866-12-15_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18661215-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1866-12-15-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1866-12-15_01#c001", "volume": "bmtnabi_1866-12-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "393", "page_fin": "393", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18661215-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "393", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18661215-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 445, "texte": "Inhalt.\nPariser Briefe. I. (Mignon, komische Oper in 3 Acten, Musik von Ambroise Thomas. Das Athenäum. Joachim).\nAus Bremen (Soireen, Concerte und Musik-Zustände). Aus Biber ach (Die Enthüllungsfeier der Büste Justin Heinrich Knecht's).\nTages- und Unterhaltungsblatt (Köln, erste Matinee des jüngeren Quartettvereins. Das nächste Gürzenich-Concert. Stadt-\nTheater. Strassburg, Abonnements-Concerte. Barmen, erstes und zweites Concert. u. s. w.)."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1866-12-15-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1866-12-15_01#c002", "volume": "bmtnabi_1866-12-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "393", "page_fin": "397", "image_debut": 1, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18661215-01.2.2", "titre_corps": "Pariser Briefe.", "titre_sommaire": "Pariser Briefe.", "signature_source": "B. P", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "393", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18661215-01.1.1", "debut_caractere": 447, "fin_caractere_exclue": 4011, "texte": "Pariser Briefe.\n\nI.\n(Mignon, k omiscbe Oper in 3Acten, Musik von Ambroise\nThomas. Das Athenäum. Joachim.)\nMignon? Goethe's Mignon und „komische Oper\"\nwie kommen die zusammen? Nun, erstens ist Opera\ncomique schon lange nicht mehr im eigentlichen Sinne zu\nnehmen, da allerlei romantische, melodramatisch-rührende,\nja, mit Tod und Verzweiflung endende Stücke in ihren\nRahmen gepresst werden, so dass überhaupt Opera co-\nmique auf dem Titel weiter nichts sagen will, als dass die\nneue Oper in dem Theater, das einst ausschliesslich jenem\nschönen, echt französischen Genre gewidmet war, gegeben\nwird, das heisst in dem zweiten kaiserlichen Operntheater.\nZweitens aber kommt es den französischen Librettisten\nauch gar nicht darauf an, einer ursprünglich nichts weni-\nger als heiteren Handlung durch die Erfüllung der ur-\nalten Bedingung, mit einer Heirath zu schliessen, einen\nPass für die Zulassung zur Opera comique mit zu geben,\nwovon die Herren Michel Carre und Jul. Barbier dieses\nMal einen mehr als komischen Beweis gegeben haben,\nindem sie zum Schluss Mignon und Wilhelm Meister\nverheirathen! Ausserdem tragen zwar alle übrigen Per-\nsonen des Stückes Goethe'sche Namen, sind aber dermas-\nsen französirt, dass das Ganze, in noch viel ärgerlicherer\nWeise als Faust, ein Zwitterwerk von deutscher und fran-\nzösischer Oper geworden ist, das einen widrigen Ein-\ndruck macht.\nGlauben Sie aber ja nicht, dass die Franzosen diese Miss-\nhandlung Goethe'scher Poesie übersehen oder gar gut ge-\nheissen haben: kaum ein einziges Blatt wagt einige Worte\nder Beschönigung zu Gunsten des Textes, alle übrigen\nverurtheilen ihn einstimmig, und mehrere mit sehr ein-\nsichtsvollen Anklagen, die eine tiefere Renntniss von Wil-\nhelm Meister's Lehrjahren verrathen, als man in Deutsch-\nland bei Franzosen erwartet.\nMan höre z. B. folgende Stellen von Paul Bernard in\nder pariser musicaliscben Zeitung:\n„Wenn ich an der Stelle der Verfasser gewesen wäre,\nso würde ich Bedenken, grosses Bedenken getragen ha-\nben, einen so charakteristisch ausgesprochenen Typus, wie\nGoethe's Mignon, auf die Scene zu versetzen, eine hoch\npoetische, reizende und rührende Schöpfung, die schöne,\nnoch halb kindliche körperliche Hülle einer Seele, welche,\nihrer selbst kaum bewusst, auf Erden keine Nahrung fin-\nden konnte. Eine so ideale Schöpfung konnte nur ein\nGenie wie Goethe hervorbringen. Die Gefahr, ein solches\nWesen, das nicht in der Empfindungs- und Gefühlsweise\nder anderen Menschen lebt, auf die Bühne hinzustellen,\nist ein gefahrvolles Unternehmen, und es scheint, als hätten\ndie Verfasser das selbst aber zu spät gefühlt, da\nsie in der ersten Hälfte ihres Buches versucht haben, ein\nBild der Goethe'schen Mignon zu geben, in der zweiten\nHälfte aber die poetische Gestalt auf das Maass eines ge-\nwöhnlichen, leidenschaftlichen, eifersüchtigen und verfolg-\nten Mädchens herabgedrückt haben.\n„Warum aber, wenn es hahin auslaufen sollte, sie über-\nhaupt vorführen? Warum die Personen eines Drama's\naus geheiligten, unantastbaren Werken herholen? Gebt\nihr ihnen ihren Namen, so gebt uns auch ihr Bild, nicht\naber einen Abklatsch davon; rührt nicht an ihrem Sein:\nwollt ihr etwas Aehnliches schaffen, nun, so vertieft euch in\nihr Wesen, das ist dem Dichter erlaubt; alsdann mag\nman eurer Heldin den Vorwurf machen, dass sie dieser\noder jener andern gleicht, aber man kann euch nicht des\nfrevelhaften Raubes an Geheiligtem beschuldigen.\n„Trotzdem ist von dem ganzen Personal immerhin\nMignon noch am ersten als eine, wenn auch blasse, Copie\ndes Originals zu erkennen, wozu die vortreffliche Auffas-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "394", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18661215-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5181, "texte": "sung der Rolle durch ihre Darstellerin, Frau Galli-Marie,\nsehr viel beiträgt: alles Uebrige bildet eine dermaassen ver-\nänderte Welt, dass Goethe davor erschrecken würde.\nPhiline, das gewiss nicht boshafte, leichtfertige Mädchen,\nist zu einer frechen, empörenden und grausamen Kokette\ngeworden, der Harfner hat sein Charakteristisches hinter\nden Coulissen an den Nagel gehängt, Laertes ist ein jam-\nmervoller Schmarotzer, Natalie kommt gar nicht zum Vor-\nschein und Mignon wird die Zielscheibe der Kränkungen\nund Misshandlungen einer Theaterkokette ohne Treu und\nGlauben. Allem diesem entspricht denn auch der gemein\nbürgerliche Schluss, wo das duftige, zauberhafte, poe-\ntische Wesen Mignon den unbegreiflichen Wilhelm Meis-\nter heirathet, der zu einem trivialen Don Juan gewor-\nden ist.\n„Der Hauptvorwurf, den man den Verfassern des\nBuches machen .muss, ist der, dass sie nicht das deutsche\nColorit festzuhalten verstanden haben, in welches eine so\neigenthümiiche Schöpfung wie Mignon gehüllt ist. Sie\nhaben eine komische Oper echter Gattung machen wol-\nlen und sind dadurch allzu französisch geworden. Sie\nhätten in Deutschland bleiben sollen, um jenen ätherischen\nDuft, jene Verklärung auch irdischer Dinge, welche von\nder überrheinischen Poesie unzertrennlich ist, sich be-\nwahren zu können. Kurz, was dem sonst mit Geschick\nund Kenntniss des Bühneneffects gemachten Buche gänz-\nlich fehlt, ist die Localfarbe, der Geschmack nach dem\nBoden, der deutsche Duft, der sehr geeignet gewesen\nwäre, einen Componisten wie Ambroise Thomas zu\nbegeistern.\"\nIch bemerke noch einmal, dass dies das Urtheil eines\nFranzosen ist, nicht das meinige, dass ich aber als Deut-\nscher nichts Besseres über die Verunstaltung des Goethe'-\nschen Romans zu einer französischen komischen Oper zu\nsagen wüsste. Ich glaube auch nicht, dass die Oper\nMignon, obwohl die Musik theilweise zu den bessern Er-\nzeugnissen der Gegenwart gehört, jemals in Deutschland\nFuss fassen wird. Mit Gounod's „Faust\" war das etwas\nganz Anderes: es ist keine Frage, dass gerade der Stoff\ndem Erfolge dieses Werkes in Deutschland günstig gewe-\nsen ist. Die Sage vom Faust und dem Teufel ist Ge-\nmeingut; wer sie nicht aus Goethe's Tragödie kennt, der\nkennt sie aus Klingemann, aus Spohr, aus den Volks-\nbüchern, endlich aus den Puppentheatern. Aber Mignon?\nWer wird über die Travestie einer solchen Schöpfung\nnicht empört sein?\nJene Stimme der Kritik steht übrigens keineswegs\nallein, wenngleich andere zwar im ähnlichen Sinne, aber\nnicht mit derselben Schärfe sich aussprechen.\nZur Ergötzlichkeit des Lesers will ich die Handlung\ndes Stückes kurz skizziren. Der erste Act führt uns die\nempörende Härte des Seiltänzers gegen Mignon vor; das\nKind wird vom Harfenspieler und nach ihm von Wilhelm\ngeschützt, der es von dem Zigeuner loskauft. Als einziges\nZeichen der Dankbarkeit, das sie besitzt, gibt Mignon\neinen Blumenstrauss, den sie in zwei Hälften theilt, an\nWilhelm und an den Harfenspieler. Philine und Laertes\nhaben dem Verlauf von einem Balcon aus zugesehen und\nPhiline beginnt alsbald ihre Angel nach Wilhelm auszu-\nwerfen, was ihr auch so gut gelingt, dass er ihr den so\neben von Mignon erhaltenen Blumenstrauss schenkt. Die\nSchauspieler-Gesellschaft wird auf das Schloss des Grafen\ngeladen: Wilhelm, in Philinens Netz, folgt ihnen.\nIm zweiten Act sind wir auf dem Schlosse und in\ndessen Umgebungen. Philine ist die Königin der glän-\nzenden Abend-Gesellschaft und verstrickt Wilhelm immer\nmehr durch widrige Lockungen, wozu Friedrich (hier\nein bramarbasirender Geck, der Wilhelm herausfordert)\ngar scheel sieht und Mignon sich ihrer Liebe zu Wilhelm\nund ihrer Eifersucht immer mehr bewusst wird, so dass\nsie sich aus Verzweiflung ins Wasser stürzt, woraus der\nHarfenspieler sie rettet. Aus Liebe zu seinem Kinde und\nRachsucht gegen Philine steckt er das Schloss in Brand:\nAlles stürzt heraus* um der Gefahr zu entgehen, Philine\nhat aber ihr Bouquet vergessen und befiehlt Mignon, es\nzu holen. Mignon eilt ins Schloss, die Flammen schlagen\nüberall heraus, doch Wilhelm rettet die halb ohnmäch-\ntige und fühlt zum ersten Male, dass er Mignon liebe.\nIm d ritten Act athmen wir die Luft des Landes, „wo\ndie Citronen biüh'n\". Wie die ganze Gesellschaft nach\nItalien kommt, darüber wird kein Vernünftiger sich den\nKopf zerbrechen. Sie sind eben Alle da, Wilhelm mit dem\nHarfenspieler und Mignon, und Philine mit Friedrich und\nLaertes. Die drei Ersten sind zufällig auf einem gräf-\nlichen Schloss am Gardasee, welches vor 15 Jahren von\ndem Besitzer verlassen worden ist. Der Harfenspieler er-\nkennt in einem lichten Moment in dem Palast und Garten\nseine Heimath und sein Eigenthum wieder, erklärt Mi-\ngnon für seine Tochter und die junge Comtesse heirathet\nWilhelm, nachdem Philine ihr die Hand „zur Versöhnung\"\n(ohne dass ihr das arme Kind je etwas zu Leide gethan\nhat!) geboten hat und sich mit Friedrich abfinden lässt.\nDarauf folgt ein allgemeines Hochzeitsfest, eine italiänische\nNacht, wobei Philine die unvermeidliche Tarantelle mit\nBrillantfeuer singt!\nMan muss dem Componisten das Zeugniss geben, dass\ner diePartieen der Mignon und des Harfenspielers auf eine\nedle Weise zu charakterisiren versucht hat und dass ihm"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "395", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18661215-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5261, "texte": "dies auch an vielen Stellen gelungen ist, abgesehen von\neinigen zu starken Ausbrüchen der leidenschaftlichen Ei-\nfersucht Mignon's. Dass die Darstellung und der Gesang\nder Madame Galli-Marie als Mignon allein auf der Höhe\ndes Charakters, wenigstens der französischen Mignon,\nstanden, habe ich schon erwähnt. Der Tenor Wilhelm\nspielt eine traurige Rolle, obschon Achard mit seiner hüb-\nschen Stimme einige Nummern recht gut, obwohl mehr\ncorrect als mit beseelendem Ausdruck singt. Um Bataille\n(Harfenspieler) und Madame Gabel (Philine) zu bewundern,\nmuss man Franzose sein, das heisst sich an das meckernde\nTremoliren des ersteren und an die spitze und mehr pfei-\nfende als flötende Stimme der letztern gewöhnt haben.\nFür Rouladen, Cadenzen, Raketen und geplatzte Leucht-\nkugeln in Tönen ist in der Partie der Cabel vom Compo-\nnisten reichlich gesorgt worden, wie denn überhaupt die\nMusik keinen einheitlichen Charakter hat, sondern eben\nso, wie das Buch, ein Zwitterwerk ist: man glaubt einen\nFranzosen zu hören, der ein deutsches Gedicht mit\nschlechter Aussprache declamirt, aber dazwischen stets\neine gewaltige Zungenfertigkeit in seiner Muttersprache\nzum Besten gibt. Das kann man nun Herrn Ambroise\nThomas eigentlich nicht zum Vorwurf machen, denn er\nschreibt für Franzosen: allein als ein lyrisch-dramatisches\nKunstwerk kann doch eine solche Partitur niemals aner-\nkannt werden.\nAmbroise Thomas, Sohn eines Musikers in Metz, wo\ner 1811 geboren wurde, ist einer von den wenigen Glück-\nlichen, die nach Erlangung des grossen akademischen\nPreises bei ihrer Rückkehr von Rom bald Beschäftigung,\ndass heisst ein Libretto zur Composition, fanden. Die ein-\nactige Operette la double Eche(August 1837) machte\nGlück, und bis 1846 brachte er schon sieben bis acht\nOpern auf die Scene, jedoch mit sehr verschiedenem Er-\nfolge. Erst im Jahre 1849 schlug sein Cadi (CdidJ\ndurch, ebenso 1850 sein Song darauf\nfolgten wieder bis heute sieben Opern, alle für das\nTheater der komischen Oper. Die meisten davon sind\nin meinen pariser Berichten in diesen Blättern besprochen\nworden. Freilich, wenn man an Spontini denkt, dessen\nSitz Thomas im Institut eingenommen hat, so wird Einem\netwas wunderlich zu Muthe. Seine äussere Stellung ge-\nhört zu den bedeutendsten; er ist, wie gesagt, Mitglied\ndes Instituts, Officier der Ehrenlegion, Professor für Con-\ntrapunkt und Fuge am Conservatorium, General-Inspector\nder Musikschulen in den Departements u. s. w. Man\nmuss die Thätigkeit dieser pariser Musiker anstaunen, die\nbei dem Zeitaufwand und den Anstrengungen ihres Be-\nrufes und der damit verbundenen Reisen, Präsidentschaf-\nten, Richterämtern, Prüfungs-Commissionen u. s. w. und\nden Anforderungen der Convenienz und gesellige»\nLebens in ihrer Stellung noch Zeit finden, alle Augen-\nblicke eine neueOpervom Stapel zu lassen und dazwischen\nnoch, wie Thomas, einige Messen, Gesänge für Männer-\nchor und Aehnliches zu schreiben! Da ist es denn frei-\nlich kein Wunder, dass viel gemacht, aber wenig geschaf-\nfen wird.\nVon den übrigen Opernbühnen ist nicht viel zu be-\nrichten. Das Wagniss, Gluck auf der Scene der grossen\nOper wieder einzubürgern, ist mit der „Alceste\" wieder\neben so gescheitert, als mit anderen musicalischen Dramen\ndes grossen Meisters in dem letzten Decennium, und ich\nmuss gestehen, das Gegentheil würde für Jeden, der das\njetzige Paris, seine Poesie, seine Malerei, seine Musik\nkennt, ein wahres Wunder sein. Die Zeit für solche\nOpernmusik.ist bei den Franzosen auf immer vorbei und\nim Volke war sie eigentlich wohl niemals da: an eine Po-\npularität Gluck's in Frankreich, wie z. B. Mozart's und\njetzt auch Beethoven's in Deutschland, war nie zu denken.\nDen damaligen Lärm um ihn machten der Hof und die\nKreise der höheren und höchsten Gesellschaft. Vollends\nverunglücken müssen die Versuche, die auch jetzt wieder\nnicht ganz ausgeblieben sind, Gluck zu modernisiren; sie\nwaren indess dieses Mal nicht so ganz abstossend, wie\nfrüher im Orpheus. Die Beherrschung der ersten Bühne\nder Welt, wie die Pariser noch immer zuweilen sprechen,\ndurch die Spektakel-Oper bat den Geschmack an einfach\ngrosser und erhabener Musik vollständig todt gemacht.\nDagegen muss man anerkennen, dass die Instrumen-\ntalmusik und mit ihr der Sinn dafür und die Tbeilnahme\nan ihren Aufführungen ganz ausserordentlich zunimmt\nund Erscheinungen hervorruft, die man noch vor zehn\nJahren für unmöglich gehalten haben würde. Man staunt\nund kann sich eines erhebenden Gefühls nicht erwehren,\nwenn man 3- bis 4000 Menschen auf allen Plätzen eines\nungeheuren Circus von dem Boden bis zur Decke hinauf\nwie angewurzelt sitzen und mit gespanntem Athem eine\nBeethoven'sche oder Haydn'sche Sinfonie anhören sieht!\nEs ist schon so weit gekommen, dass es Leute gibt, die\naus dieser Umkehrung des Geschmackes den Verfall der\nLiebe zum Gesang bei den Franzosen prophezeien! Nun,\nsie hätten sich leicht vom Gegentheil überzeugen können,\nwenn sie auf die Aufführungen von Haydn's „Jahres-\nzeiten\" indem neuen Saale des Athenäums geachtet hätten,\nwelche bereits zwei Mal alle Plätze füllten und mit wah-\nrem Enthusiasmus aufgenommen wurden. Danach scheint\nder echte Gesang, der bezaubernd melodische, nicht der\nnervenpackend-declamatorische, doch auch seine zahlrei-\nchen Anhänger im Volke zu finden.\n\nn"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "396", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18661215-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5125, "texte": "Das Athenäum, dessen prachtvollen Saal der Banquier\nBischoffsbeim an der Ecke der Scribe-Strasse neben dem\nneuen Opernhause auf seine Kosten hat erbauen lassen,\nist ein Institut von so eigener Art, wie wohl noch kaum\ndagewesen ist. Dem Namen nach existirt dafür eine\nActien-Gesellschaft ich sage dem Namen nach, weil\nHr. BiscbofFsheim selbst den bei Weitem grössten Theil\nder Actien genommen hat; diese Gesellschaft unterschei-\ndet sich aber von anderen dadurch, dass die Actionäre\nkeine Dividende erhalten, und zwar nicht je nach der\nRentabilität, was bekanntlich auch sonst oft genug der\nFall ist, sondern nach dem Princip; denn die Statuten\nstellen fest, dass der Betrag aller Dividenden nicht den\nActionären, sondern nur wohlthätigen und gemeinnützigen\nVereinen überwiesen werde, namentlich dem Verein für\nErrichtung von Gewerbschulen für Mädchen. Zu diesem\nZwecke hat Herr BiscbofFsheim seinen Saal bis zu Ende\ndes Jahrhunderts, auf 35 Jahre, an die Gesellschaft ver-\nmiethet wofür? für den freien Eintritt seiner Familie!\nEine so grossmüthige Begünstigung von künstlerischen und\nliterarischen Zwecken in Verbindung mit Volksbildung\nist in der That nicht genug anzuerkennen.\nZur Direction des Ganzen ist ein gebildet\nworden, das aus Männern der Wissenschaft und Kunst\nbesteht. Die sechs Wochentage sind so vertheilt, dass\nMontag, Mittwoch und Freitag Concerte Statt finden, aus-\ngeführt vom Orchester der Concerts populaires unter\nPasdeloup mit theilweiser Zuziehung eines Chors und aus-\ngezeichneter Virtuosen, an den drei anderen Tagen Con-\nferences*) Statt finden, in denen literarische Vorträge\njeder Art gehalten werden. Die Sitzungen finden des\nAbends von bis 103/4 Uhr Statt. Die Preise der\nPlätze, welche überall numerirt sind, steigen für einen\nConcert-Abend von 3 Fr. bis 6 Fr., für einen Conferenz-\nAbend von 1 Fr. 50 Ct. bis 4 Fr. Das Abonnement\nauf 8 Monate kann entweder für alle Sitzungen, oder für\nConcerte und Conferenzen gesondert, auch für eine oder\nzwei Sitzungen wöchentlich genommen werden. Die Preise\nsind hoch, so dass die Anstalt nicht als ein Volks-Institut\nbetrachtet werden kann: die niedrigsten Abonnements-\nPreise für ein Concert wöchentlich sind 100 Fr., für\nzwei Abende 150, für alle sechs Abende 400 Fr. die\nhöchsten, in den drei ersten Reihen (Loges, Galeries,\nFauteuils), 200, 320, 900 Fr.; fürs ganze Jahr (mit der\nBeschränkung auf nur 3 Concerte in den 4 Sommermo-\nnaten ohne Conferenzen) von 550 bis 1200 Fr. Auch\nfasst der Saal nur etwa 1400 Personen.\nDie Einweihung fand am 21. November Statt und\nsollte durch die Vereinigung von literarischen Vorträgen\nmit Concertmusik ein Bild der Einrichtung des Ganzen\ngeben. Eine gar zu lange Einleitungsrede ermüdete die\nGeduld der Anwesenden, da diese mehr auf die Musik\ngespannt waren; nach einigen Orchestersätzen las Le-\ngouv£ ein Gedicht: Souvenir vor. Das Beste\nwar Joachim's Vortrag eines Concertes von Spohr.\nDass Joachim der Held des Tages, der Löwe der\nSaison ist, haben die Zeitungen bereits verkündet, auch\nwird das in Deutschland keinen Menschen überraschen.\nFür die Kunst und die Künstler ist es aber interessant,\ndie Urtheile der französischen Kritik über ihn kennen\nzu lernen. Zum ersten Male haben die Journale, ihre\nstehende Phrase bei der Anwesenheit grosser Künstler\ndes Auslandes, dass sie gekommen, um von Paris ihren\nRuhm besiegeln zu lassen, nicht mehr vorgebracht, son-\ndern sie wünschen den Parisern Glück, dass sie Joachim\nhören können, der bei einer früheren kurzen Anwesen-\nheit nur einem engeren Kreise bekannt geworden war.\nJetzt hat er nun schon oft im Athenäum und in den\nConcerts populaires gespielt, und Alles beeilt sich, zu ver-\nsichern, dass seit langer Zeit Paris keinen Erfolg ge-\nsehen hat, der dem seinigen gleiche. „Die Königin der\nInstrumente hat ihre ganze Macht wieder gefunden, und\nwas wir am meisten an Joachim bewundern, das ist\ndie Einsicht, der Muth und die Kraft, womit er die\nKunst des Violinspiels wieder auf ihre Einfachheit, auf\nihre Grösse zurückgeführt hat. Bei ihm ist das Instru-\nment wieder die wahre Violine in ihrer Reinheit und\nKeuschheit, nicht verunstaltet durch geknipste Guitarren-\ntöne und Bogenhiebe, bei denen das Holz eine grössere\nRolle spielt, als das Haar. Joachim bat eingesehen,\ndass, so wenig als das Verkünstelte und Uebertriebene\nein wirklicher Fortschritt sei, es auch nicht mehr über-\nboten werden könne, und dass man mit Vernunft zur\nwahren Kunst zurückkehren müsse, zu den Gesetzen\ndes Kunstschönen. Das ist allerdings der richtige Weg,\nden der Künstler in den Zeiten des Verfalles der Kunst\neinschlagen muss; aber es gehört viel mehr Talent dazu,\njene Gesetze zu erfüllen, als sie zu durchbrechen, ja oft\ngenügt das Talent nicht, sondern es bedarf dazu des\nGenie's. Und das scheint uns Joachim zu besitzen, und\nzwar in höchsem Grade in Bezug auf die Kunst, alle\nStilarten in ihrer Eigentümlichkeit wiederzugeben,\nwelche er in Ausführung der Werke von Viotti, Spohr,\nMendelssohn, Beetthoven so wunderbar bewährt, dass es\n\n*) Der neue Ausdruck für „Vorlesungen\", welcher sogar die\nPersonenwörter Conferencier und Confirencibre geschaffen hat.\nDie Redaction."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "397", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18661215-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 197, "texte": "unmöglich ist, zu sagen, welches er am besten aufge-\nfasst und gespielt habe.\" (P. Smith. Gaz. mus.)\nUeber die Aufführung von Beethoven's\nlemnis in D(in Paris!) und des Freischütz nächstens.\n\nB. P."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1866-12-15-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1866-12-15_01#c003", "volume": "bmtnabi_1866-12-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "397", "page_fin": "398", "image_debut": 5, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18661215-01.2.3", "titre_corps": "Aus Bremen.", "titre_sommaire": "Aus Bremen.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "397", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18661215-01.1.5", "debut_caractere": 199, "fin_caractere_exclue": 5054, "texte": "Aus Bremen.\nDen 8. December 1866.\nDie Musik-Saison in Bremen hat einen lebhaften An-\nfang genommen. Schon im Herbst hatte sich der Dom\nmehrmals vollständig gefüllt bei Gelegenheit des Dom-\nchor-Concerts und eines Orgel-Concerts, in welchem Cbor-\nmusik a capeüa von Palestrina bis Mendelssohn und Grell\nzum Vortrag kam mit abwechselnden Orgel- und Solo-\nVorträgen (verschiedene Präludien und Fugen von Bach,\nRitter etc. durch den Domchor und Musik-Director Rein-\nthaler, Schierer-Cabysius, Vater und Sohn, Weingardt\nu. A.). Wir haben diesen Winter dreiCyklus für Kammer-\nmusik, das Quartett der Herren Concertmeister Lottger-\nArnold, Schierer-Cabysius mit vier Soireen, das der\nHerren Concertmeister Jacobsohn, Weber, Krollmann,\nWeingardt mit sechs Soireen; in beiden wechseln Quartette\nmit Trios und Duos ab zu diesen ist noch ein Cyklus\nfür Salon- und Kammer-Musik durch die Herren Graue\n(Pianist) und Schierer (Violinist) getreten. Alle drei\nUnternehmen, welche in ihren veröffentlichten Programmen\ndie classische und neuere Kammermusik in mannigfaltiger\nWeise vertreten, haben gute Abonnements, und in der\nThat, nicht nur was sie bieten, sondern auch wie es gebo-\nten wird, ist vortrefflich und echt künstlerisch, die Soireen\nsind daher vom besten Einfluss auf den musicalischen\nSinn des Publicums und die Schärfe des Urtheils für\ndas Schöne; sie befördern zugleich die persönlichen Lei-\nstungen unserer Künstler und wirken wohlthätig auf das\nEnsemble des Orchesters zurück. Von den eilf Abonne-\nments-Concerten unter Herrn Musik-Director Reinthaler's\nLeitung, die ihren alten Namen Privat-Concerte und den\nalten, aber akustischen Saal der Union noch behaupten,\nhaben bisher drei Statt gefunden. Das Orchester brachte\nan Sinfonieen die D-dur (Nr. 2 neue Ausgabe) von Haydn,\ndie F-dur von Beethoven und dieA-moll von Mendelssohn,\nan Ouvertüren Cherubini's Portugiesisches Gasthaus und\nOberon, Schumann's Genoveva und Beethoven 124, Eg-\nmont und Robert Volkmann's neue Fest-Ouverture, letztere\nmit gutem Erfolg. Dieselbe hat auch schöne Massenwir-\nkung, noble und doch populäre Motive, doch scheint das\nGanze nicht recht aus Einem Guss, nicht fein und fesselnd\ngenug, um einen dauerden Platz auf dem Concert-Re-\npertoire zu behaupten. Das Concert-Orchester (ein Institut\nvon 70 Mitwirkenden, auf dessen Besitz Bremen alle Ur-\nsache hat, stolz zu sein) spielt nicht nur mit Präcision und\nFrische in der Auffassung, sondern auch mit Feinheit und\nAbrundungin den Details, mit jener Schönheit des Klanges,\nwelche nur aus der glücklichen Verbindung vorzüglicher\nKräfte mit anhaltenden Studien unter ausgezeichneter Lei-\ntung hervorgehen. Von auswärtigen Solisten hörten wir\nFrl. Ulrich aus Hannover und Concertmeister Walther aus\nMünchen, letzterer bestätigte namentlich durch den Vortrag\ndes Spohr'schen Concertes (Nr. 11 G-dur) den Ruf eines\nclassischen Violinspielers, er besitzt einen edlen, weichen\nTon und verbindet mit Vollendung der Technik einen das\nGemüth ergreifenden und zugleich maassvollen Vortrag.\nIm zweiten Concert traten Frau Rudersdorf und neben\nihr Clara Schumann auf. Die sonst vortreffliche Sängerin\nstand begreiflicher Weise hinter der grossen Ciavierspie-\nlerin zurück. In der That erinnern wir uns nicht, Frau\nClara Schumann Robert Schumann's A-moll-Concert voll-\nendeter haben spielen hören, als an jenem allen Kunst-\nfreunden gewiss unvergesslichen Abend. Von den Nummern\ndes Piano-Solo: Variationenvon Brahms, Scherzo in As-dur\nvon Weber und Hiller's „zur Guitarre\" spielte sie letzte-\nres auf allgemeines Verlangen da Capo. Frau Rudersdorf\nsang eine mit Blech etwas überladene englische Arie von\nRandegger, ein wirksames Stück, doch im Krystallpalast\nwohl eher am Platze; sodann eine etwas zopfige Arie von\nChr. Bach und Lieder von Haydn. Im dritten Concert\ntrat Herr Woworsky aus Berlin auf, ein eleganter Sänger\nmit immerhin noch bedeutenden Stimmmitteln, der nament-\nlich im Vortrag der zweiten Euryanthen-Arie „Wehen\nmir Lüfte zu\" excellirte, auch die Wiedergabe zweier\nSchumann'scher Lieder fand grossen Beifall, während die\nSchöpfungs-Arie „Mit Würd' und Hoheit\" nicht recht\nerwärmen wollte. Neben ihm hörten wir Fräulein Friese\neine junge und anmuthige Violinspielerin, die durch ihr\ngraziöses Spiel, dem es weder an Bravour noch an Wärme\nmangelt, sich die allgemeinste Gunst der Hörer erwarb.\nSie ist übrigens im Besitz eines herrlichen Instrumentes\nvon Guarneri, das wir zu den best-klingendsten Geigen\nrechnen, die wir die letzten Jahre hörten. Sie spielte\nViotti 22, A-moll,und von Vieuxtemps' Concert in\nAdagio und Schlusssatz.\nZwischen diese Concerte fiel am 27. November eine\nAufführung von Reinthaler's „Jephtha\" durch die Sing-\nAkademie in der Domkirche.\nRheinthaler hat sich mit grosser Liebe und Ausdauer\nder Pflege des Chorgesanges gewidmet und wir verdan-\nken seiner Thätigkeit eine Anzahl der vorzüglichsten\n*"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "398", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18661215-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3050, "texte": "Oratorien-Aufführungen, bei denen es schwer war, der\neinen oder der anderen einen Vorzug einzuräumen. Wenn\nwir die letzte als besonders glänzend hervorheben, so\nmag dies daher kommen, dass uns die Wirkung der\ngrossen und wohllautenden Chorkräfte noch frisch in der\nErinnerung ist, oder dass alle Mitwirkenden von besonde-\nrem Eifer beseelt waren, das Werk des einheimischen\nMeisters zur Geltung zu bringen. Das Oratorium selbst\nist bei Ihnen ja bekannt*); hier war es seit acht Jahren\nnicht aufgeführt, und in dieser Zeit hat unser Publicum\nreiche Gelegenheit gehabt, auf diesem Gebiete auf eine\nHöhe des Urtheiis zu kommen.\nVon Händel hatten wir: drei MalMessias, JudasMac-\ncabäus, Jsrael in Aegypten, Samson, Salomon; Bach's Mat-\nthäus-Passion, Beethoven's Missa solemnis, beide Haydn'-\nschen und Beethoven'schen Oratorien zu verschiedenen\nMalen etc. In den Aufführungen des Engel'schen Gesang-\nvereins kamen Spohr's Fall Babylons, Hiller's beide Ora-\ntorien, Meinardus' Gideon u. A. hinzu.\nDer Eindruck des „Jephtha\" war ein allgemeiner\nund tief ergreifender; das Werk erwies sich aufs Neue\nals eine der bedeutendsten, jedenfalls frischesten und wir-\nkungsvollsten Tonschöpfungen der Neuzeit. Wir setzen\nseine Vorzüge nicht allein in die glänzenden Schlacht-\nund Siegeschöre, sondern in den poetisch wie musica-\nJisch fesselnden und bis zu Ende sich steigernden In-\nhalt, in das echte menschliche Gefühl, das in edlem me-\nlodischem Gewände und in mit feinem Tonsinn aufgebau-\nten Kunstgebilden uns entgegentritt. Grade der zweite\nTheil zeichnet sich biedurch vorteilhaft aus; es enthält\ndurch das Siegesfest, die erschütternde Scene des Vater-\nschmerzes, die Klagen der Jungfrau auf den Bergen, hier-\nauf die Scenen der Empörung und des Erdbebens eine\nmächtige und wechselvolle Steigerung bis zum Schlüsse.\nEinen wesentlichen Antheil am Gelingen hatten Herr\nHill und seine unübertreffliche Wiedergabe der Helden-\npartie des Jephtha, die darin dem Elias gleicht, dass die\nzweite Hälfte die lyrisch reichen Partieen enthält, wäh-\nrend der erste Theil das Bild des Helden in kräftigen Zü-\ngen schildert. Frau Veith-Rübsamen sang die Partie der\nMirjam —• eine der poesievollsten Schöpfungen Rein-\nthaler's mit Zartheit und Empfindung und echt musi-\ncalischem Ausdruck, ihre Stimme klang imDomesehrange-\nnehm. Der Vergleich des Elias mitJephtha wurdesehrnahe\ngelegt durch eine Aufführung des Elias Seitens des Ge-\nsangvereins des Herrn Engel im Unionssaale, die nament-\nlich in ihrem chorischen Theile ganz vortrefflich war. Herr\nHill konnte als Elias alle die schönen Eigenschaften seines\nGesanges zum zweiten Male entfalten. Die Tenorpartie\nsang in beiden Oratorien Herr Garso vom hiesigen\nTheater; im Elias sang Frl. Nanitz aus Hannover Alt;\ndie Sopranpartie hatte eine nur ungenügende Vertretung\ngefunden. Im Jephtha war die Zahl der Mitwirken-\nden im Chor nach unserer Schätzung an 230; im Elias\nmochte sie die Hälfte erreichen.\n*) Uns persönlich allerdings: bisher ist aber in Köln und\nAachen nur der erste Theil aufgeführt worden.\nDie Eedaction."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1866-12-15-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1866-12-15_01#c004", "volume": "bmtnabi_1866-12-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "398", "page_fin": "399", "image_debut": 6, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18661215-01.2.4", "titre_corps": "Aus Biberach.", "titre_sommaire": "Aus Biberach.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "398", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18661215-01.1.6", "debut_caractere": 3052, "fin_caractere_exclue": 5108, "texte": "Aus Biberach.\n*)\nDer hiesige Liederkranz feierte in der vorletzten\nWoche des Novembers das Enthüllungsfest der Büste\nvon J. H. Knecht, dem verdienstvollen Componisten\ngeistlicher Lieder, von denen viele (z. B. die Choräle:\n»Wie gross ist des Allmächt'gen Güte!\", „Herr, Dir ist\nNiemand zu vergleichen\", „Mein Glaub ist meines Lebens\nRuh\", „Ach, sieh ihn dulden\" etc.) zu den anerkannt\nschönsten Melodieen des Gesangbuchs der evangelischen\nKirche gehören. Knecht (geb. 1758, gest. 1817) war\nMusik-Director in Biberach und kurze Zeit (1806\n1808) k. würtembergischer Hof- und Theater-Musik-\nDirector in Stuttgart (mit 600 Fl. Gehalt!). Die letztere\nStellung, in welcher sich der schlichte Mann nicht wohl\nfühlte und von welcher er sich bald wieder zu seiner\nOrgel in Biberach zurücksehnte, bekam er durch die\nEmpfehlung Wieland's, welcher die Talente des beschei-\ndenen Knecht zu reicherer Entfaltung bringen wollte.\nWieland hatte als Leiter des reichsstädtischen Theaters\nin Biberach die Begabung des zwölfjährigen Knaben,\nwelcher schon in so frühem Alter ein kleines Singspiel\n(Kain und Abel) componirt hatte, richtig erkannt, ihn in\nden antiken und modernen Sprachen, insbesondere im\nItaliänischen, unterrichtet und ihn später in das Seminar\nnach Esslingen gesandt, wo er einen gründlichen theore-\ntischen und praktischen Unterricht in der Musik erhielt.\nIn seiner nachmaligen Stellung als Organist in Biberach\nwidmete sich Knecht mit ganzer Seele der Verbesserung\ndes Kirchengesanges, componirte viele Choräle, gab mit\n\n*) Vergl. Pastoral-Sinfonie von J. H. Knecht in Nr. 48\nvom 1. December d. J. Die obige Correspondenz ging uns vor\neinigen Tagen zu und liefert den erfreulichen Beweis, dass J. H.\nKnecht doch nicht so ganz vergessen war, wie wir vermutheten.\nDie Errichtung eines Denkmals desselben in seiner Vaterstadt durch\nden dortigen „Liederkranzu macht diesem Verein Ehre. Wir\ntheilen aus der Correspondenz im Schwab. Merkur vom 23. v. Mts.\nauch noch die Notizen mit, die zur Ergänzung unseres Artikels über\nKnecht in Nr. 48 dienen. Die Redaction."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "399", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18661215-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1018, "texte": "Nägeli ein Choralbuch heraus und schrieb noch im letzten\nJahre seines Lebens eine Studie „über Luther's Verdienste\nuro Musik und Poesie\". Das würtembergische Gesang-\nbuch enthält 14, das Biberacher Gesangbuch mehr als 80\nChoräle, welche von Knecht componirt sind. Um das\nBild d ieses Mannes wieder ins Gedächtniss zu rufen, hatte\nder Biberacher Liederkranz nach einem treuen Portrait\n(von der Hand des Genremalers Pflug, eines Zeitgenossen\nKnecht's) eine lebensgrosse Büste desselben durch den\nBildhauer Rau anfertigen lassen, welcher sich durch die\nVerfertigung der Uhland'schen Büste rühmlich bekannt\ngemacht hat und auf der Reise von Berlin nach Paris\neinige Wochen in seiner Vaterstadt verweilt hatte. Der\njunge Künstler verstand es, Geist und Charakter in seine\nComposition zu bringen, so dass diese Büste Knecht's ein\nwerthvolles Andenken für die Verehrer des Verstorbenen\nbleiben wird. Der Liederkranz beabsichtigt, für weitere\nKreise einen käuflichen Gypsabguss der Originalbüste in\nStuttgart machen zu lassen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1866-12-15-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1866-12-15_01#c005", "volume": "bmtnabi_1866-12-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "399", "page_fin": "400", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18661215-01.2.5", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "399", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18661215-01.1.7", "debut_caractere": 1020, "fin_caractere_exclue": 6923, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nMolll. Am Sonntag den 9. d. Mts. gab der jüngere Quar-\ntettverein der Herren M. S chr at t en h olz (Pianoforte), H. Krill\n(1. Violine), L. Müller (2. Violine), A. Kufferath (Bratsche), J.\nHoecke (Violoncell) seine erste Matinee im Isabellensaale des\nGürzenich. Der Verein ist erst im vorigen Jahre zusammengetre-\ntreten und hat, nach den Leistungen am Sonntag zu urtheilen, bereits\nerfreuliche Fortschritte im präcisen und ausdrucksvollen Zusammen-\nspiel gemacht, wovon die Vorträge eines Quartetts in Es-dur von\nHaydn und des C-moll-Quartetts von Beethoven Op. 18. Nr. 4\nZeugniss gaben: namentlich wurde von letzterem das erste Allegro\nund das Andante mit rauschendem Beifall aufgenommen, den die\nAusführung auch vollständig verdiente. Die Herren Schrattenholz\nund Krill, beide aus dem hiesigen Conservatorium hervorgegangen,\nspielten Beethoven's Sonate Op. 30 in G (nicht (7, wie irrthümlich\nauf dem Programm stand) nicht bloss recht fertig und correct,\nsondern auch mit demjenigen Feuer, ohne es zu übertreiben, welches\ndiese höchst originelle und anmuthige, in der Menuett überaus zarte\nund melodiöse Composition zu ihrer Ausführung verlangt. Wir\nhatten seit lange dieses von Geist sprudelnde Werk, das mit so\nvielem anderen Schönen das Loos hat, von den Pianisten, die nur\ndramatische und verwickelt-combinatorische Instrumental-Musik in\nihre hohe Gesellschaft zulassen, vernachlässigt zu werden, sehr\nlange nicht öffentlich spielen hören und freuten uns eben so sehr\nüber diese Wahl, wie neulich in der ersten Soiree des älteren\nQuartettvereins über den Vortrag des ersten Beethoven'schen Cla-\nviertrio's durch Herrn J. Seiss. Gewiss sind diejenigen jungen\nKünstler unserer Zeit auf dem richtigen Wege, welche den Grund-\nsatz, den die französische Kritik an Joachim rühmt: überall zu\ndem Einfach-Schönen zurückzukehren (vgl. oben den Brief aus\nParis), zur Richtschnur sowohl bei ihren Compositionen, als bei\nihren Vorträgen, zu nehmen trachten.\nIm nächsten Gürzenich-Concert, Dinstag den 18. d. M.,\nwerden wir zum Andenken an C. M. von Weber nur Composi-\ntionen von ihm hören, darunter das Concertstück in F-moll, die Cla-\nvierpartie vorgetragen von Frau Clara Schumann. Am Mittwoch\ndarauf (den 19. d. M.) wird dem Vernehmen nach im Isabellensaale\ndes Gürzenich eine Aufführung von Rob. Schumann's Musik zu\nByron's „Manfred\" unter Leitung des Herrn Rudorff, Professor\nam Conservatorium, Statt finden.\nIm Stadt-Theater ist Fräulein Bertha Freundt aus Ba-\nden-Baden, Schülerin des Gesang-Instituts von E. Koch hierselbst,\nzum ersten Mal in der Rolle der Azucena in Verdi's Trovatore auf-\ngetreten. Eine für heroische und tragische Rollen geeignete Er-\nscheinung, eine starke und in den verschiedenen Registern voll und\nrund tönende Stimme von seltenem Umfang, so wie im Verhält-\nniss eines Debüts sichtbares Talent zur Darstellung, erwarben ihr\nden Beifall des Publicums und berechtigen bei fortgesetzten Studien\nzu grossen Hoffnungen, die auch wir, nachdem wir sie auch im\nPrivatkreise gehört, theilen. Mögen ihr die Verhältnisse und die\neigene Ueberzeugung nur die nothwendige Zeit zur gründlichen\nAusbildung dieser seltenen Naturanlagen gewähren! Eine andere\nSchülerin desselben Instituts, Frl. Hermine Köchy aus Braun-\nschweig, Sopranistin, ist beim Theater in Hannover mit dreijähri-\ngem Contract angestellt worden.\n* Strasslllirg im Elsass wird in diesem Winter auch seine\nAbonnements - Concerte haben. Es hat sich daselbst eine\nSociöte des Concerts du Conservatoire de Strasbourg gebildet, ein\nUnternehmen, das gewiss für die' Hauptstadt des Elsass sehr wün-\nschenswerth ist und erspriesslich wirken möchte, wenn es richtig ge-\nleitet wird, wesshalb man den etwas pompösen Titel, unter welchem\nes ins Leben tritt, übersehen kann. Bis jetzt war ein ähnliches In-\nstitut dort unmöglich gewesen, und Strassburg hatte auch in der\nMusik, wie in der Sprache und Orthographie (Strasbourg statt\nStrassburg) seine ehrliche deutsche Abkunft verläugnet. Ist doch\nauch bei dieser Gelegenheit, wo es sich um deutsche Musik\nvorzugsweise handelt, die Einladung zum Unterzeichnen nur in\neinem französischen „Prospectus\" ausgegeben, und wiewohl auf dem\nbeigedruckten Repertoire, aus dem für die sechs Concerte Wahl ge-\ntroffen werden soll, die Namen von deutschen Tondichtern fünf-\nundzwanzig Mal glänzen, während von französischen nur 2 und\nvon italiänischen auch nur 2 erseheinen, so wird dennoch von der\ngleichen Nationalität kein Wort der Empfehlung hergenommen,\nwohl aber davon, dass die Concert-Gesellschaft des Conservatoire's\nin Paris schon seit Jahren dieses Repertoire ausführe! Anstatt\nstolz darauf zu sein, dass die classischen Meister ihrem Volksstamm\nangehören, rufen die Gründer lieber die Eitelkeit ihrer Mitbürger,\ndie sich im Nachäffen des Pariserthums gefällt, zur Unterstützung\nihres Unternehmens auf. Wie anders wahren die slawischen Völker\ntrotz der politischen Gränzen in allen geistigen Dingen ihr\nVolksthum!\nNun, abgesehen davon, begrüssen wir das neue Institut mit Be-\nfriedigung und wünschen ihm den besten Erfolg. Die Künstler am\nConservatorium und im städtischen Orchester sind unter der Di-\nrection des Herrn Hesselmans zu einer Gesellschaft zusammenge-\ntreten und werden sechs Concerte Sonntags von 2—4 Uhr im Foyer\ndes Theaters geben. Der Abonnementspreis für einen festen Platz\nbeträgt 18 Fr., 4 Fr., Galerie 2 Fr. Sobald 300 Abonnen-\nten gezeichnet sind, werden die Concerte beginnen.\nNachträglich kommt uns das Programm des ersten Concerts\nzu Gesicht: Erster Theil: Beethoven's heroische Sinfonie.\nZweiter Theil: Arie aus Mo zart's Titus mit obligater Clari-\nnette. (Madame Viardot, Herr Vuille); Mendelssohn's Ou-\nvertüre „die schöne Melusine\". Scene aus Gluck's Alceste (Mad.\nViardot Alceste, Hr. Klein Oberpriester); Türkischer Marsch\nvon Beethoven (aus den Ruinen von Athen) ein merkwürdiger\nSchluss auf Alceste's Arie: DiviniUs du Styx!"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "400", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18661215-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2915, "texte": "Barmen* Unsere Abonnements-Concerte im Saale der\nGesellschaft Concordia haben unter der Leitung des Herrn Musik-\nDirectors Anton Krause ihren Anfang und Fortgang auf gelungene\nWeise genommen. Das erste Concert am 27. October brachte\nvon Orchestersachen Weber's Ouvertüre zum Freischütz und Men-\ndelssohn's Musik zu Shakespeare's Sommernachtstraum mit Ge-\ndicht von Gisbert von Vincke. Frl. Anna Mehlig, Hof-Pianistin\nder Könige von Würtemberg und von Sachsen, spielte Chopin's\nE-moll-Concert, Schumann's „Traumeswirren\" und Liszt's Faust-\nWalzer; in der 3. Soiree für Kammermusik Mendelssohn's\nD-moll-Trio, Schumann's Schlummerlied und Chopin's Scherzo\nin B-moll.\nDas zweite Concert am 24. November hatte folgendes Pro-\ngramm: Erster Theil: Eich. Wagner, Ouvertüre zum Tannhäuser.\n2. Vorspiel und Schlussscene des 1. Actes von Lohengrin, Elsa Frau\nMilde aus Weimar; Ortrud Frl. Niethen aus Köln; Lohengrin Herr\nOtto aus Berlin; Telramund Hr. S. Steinhaus aus Elberfeld; König\nund Heerrufer Hr. Stägemann aus Hannover. Zweiter Theil:\nBeethoven, 9. Sinfonie.\nHerrn Hof-Capellmeister Franz Wiillner in München wurde\nfür seine vortreffliche Composition: der 98. Psalm für Männerchor,\niSoli und Orchester, von dem des Revaler Sängerfestes\nein Ehrenhonorar von 30 Ducaten bestimmt und nebst einem ehren-\nvollen Schreiben übersandt.\nBötzen« Wie wir vernehmen, hat der Musikverein in Inns-\nbruck in seiner gestrigen Sitzung Hrn. M. Nagiller zum Capell-\nmeister ernannt. Wenn wir gleich wiederholt unser Bedauern über\ndessen Scheiden aus seinem hiesigen Wirkungskreise aussprechen\nmüssen, so freut es uns andererseits, dass die Thätigkeit unseres\nallgemein verehrten Landsmannes seinem Vaterlande Tyrol erhalten\nbleibt. Hoffen wir, dass Hr. Nagiller für das Gedeihen des hiesigen\nMusikvereines, dem ev sich nun seit beinahe fünf Jahren gewidmet,\nauch in der Ferne thätig sein, und der Verein der erhaltenen edlen\nRichtung nicht untreu werde. (Botz. Ztg.)\nVieuxtemps, welcher die Concert-Gesellchaft des Hrn. Ull-\nman auf ihren Reisen durch die französischen Provinzen begleiten\nwird, hat zu diesem Zwecke sich ein neues Concertstüek, näm-\nlich ein äusserst brillantes Duo für Ciavier und Violine über Motive\naus der „Africanerin\", geschrieben.\nLiszt hat, wie man aus Rom schreibt, sein Oratorium: „Chris-\ntus\", vollendet. Pius IX., welchem allein der Componist einige\nStücke daraus vorspielte, hätte diesen geküsst und ausgerufen:\n„Mein Sohn, mein theurer Sohn, Du bist mein Palestrina!\"\nDie „Africanerin\" ist in Florenz mit grossem Erfolge in\nScene gegangen.\nBerichtigung« Die in der vorigen Nummer 49 vom 8.\nDecember aus Zellner's Blättern für Theater u. s. w. vom 4.\nDecember übergegangene Nachricht, betreffend das Ableben des\nCapellmeisters Jul. Eietz in Dresden ist von uns sogleich in der\nKöln. Zeitung Ni\\ 342 2. 81. vom 9. Dec. nach Dresdener\nBlättern als irrthümlicb bezeichnet worden, was hiermit wiederholt wird."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "393", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18661215-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nPariser Briefe. I. (Mignon, komische Oper in 3 Acten, Musik von Ambroise Thomas. Das Athenäum. Joachim).\nAus Bremen (Soireen, Concerte und Musik-Zustände). Aus Biber ach (Die Enthüllungsfeier der Büste Justin Heinrich Knecht's).\nTages- und Unterhaltungsblatt (Köln, erste Matinee des jüngeren Quartettvereins. Das nächste Gürzenich-Concert. Stadt-\nTheater. Strassburg, Abonnements-Concerte. Barmen, erstes und zweites Concert. u. s. w.).\n\nPariser Briefe.\n\nI.\n(Mignon, k omiscbe Oper in 3Acten, Musik von Ambroise\nThomas. Das Athenäum. Joachim.)\nMignon? Goethe's Mignon und „komische Oper\"\nwie kommen die zusammen? Nun, erstens ist Opera\ncomique schon lange nicht mehr im eigentlichen Sinne zu\nnehmen, da allerlei romantische, melodramatisch-rührende,\nja, mit Tod und Verzweiflung endende Stücke in ihren\nRahmen gepresst werden, so dass überhaupt Opera co-\nmique auf dem Titel weiter nichts sagen will, als dass die\nneue Oper in dem Theater, das einst ausschliesslich jenem\nschönen, echt französischen Genre gewidmet war, gegeben\nwird, das heisst in dem zweiten kaiserlichen Operntheater.\nZweitens aber kommt es den französischen Librettisten\nauch gar nicht darauf an, einer ursprünglich nichts weni-\nger als heiteren Handlung durch die Erfüllung der ur-\nalten Bedingung, mit einer Heirath zu schliessen, einen\nPass für die Zulassung zur Opera comique mit zu geben,\nwovon die Herren Michel Carre und Jul. Barbier dieses\nMal einen mehr als komischen Beweis gegeben haben,\nindem sie zum Schluss Mignon und Wilhelm Meister\nverheirathen! Ausserdem tragen zwar alle übrigen Per-\nsonen des Stückes Goethe'sche Namen, sind aber dermas-\nsen französirt, dass das Ganze, in noch viel ärgerlicherer\nWeise als Faust, ein Zwitterwerk von deutscher und fran-\nzösischer Oper geworden ist, das einen widrigen Ein-\ndruck macht.\nGlauben Sie aber ja nicht, dass die Franzosen diese Miss-\nhandlung Goethe'scher Poesie übersehen oder gar gut ge-\nheissen haben: kaum ein einziges Blatt wagt einige Worte\nder Beschönigung zu Gunsten des Textes, alle übrigen\nverurtheilen ihn einstimmig, und mehrere mit sehr ein-\nsichtsvollen Anklagen, die eine tiefere Renntniss von Wil-\nhelm Meister's Lehrjahren verrathen, als man in Deutsch-\nland bei Franzosen erwartet.\nMan höre z. B. folgende Stellen von Paul Bernard in\nder pariser musicaliscben Zeitung:\n„Wenn ich an der Stelle der Verfasser gewesen wäre,\nso würde ich Bedenken, grosses Bedenken getragen ha-\nben, einen so charakteristisch ausgesprochenen Typus, wie\nGoethe's Mignon, auf die Scene zu versetzen, eine hoch\npoetische, reizende und rührende Schöpfung, die schöne,\nnoch halb kindliche körperliche Hülle einer Seele, welche,\nihrer selbst kaum bewusst, auf Erden keine Nahrung fin-\nden konnte. Eine so ideale Schöpfung konnte nur ein\nGenie wie Goethe hervorbringen. Die Gefahr, ein solches\nWesen, das nicht in der Empfindungs- und Gefühlsweise\nder anderen Menschen lebt, auf die Bühne hinzustellen,\nist ein gefahrvolles Unternehmen, und es scheint, als hätten\ndie Verfasser das selbst aber zu spät gefühlt, da\nsie in der ersten Hälfte ihres Buches versucht haben, ein\nBild der Goethe'schen Mignon zu geben, in der zweiten\nHälfte aber die poetische Gestalt auf das Maass eines ge-\nwöhnlichen, leidenschaftlichen, eifersüchtigen und verfolg-\nten Mädchens herabgedrückt haben.\n„Warum aber, wenn es hahin auslaufen sollte, sie über-\nhaupt vorführen? Warum die Personen eines Drama's\naus geheiligten, unantastbaren Werken herholen? Gebt\nihr ihnen ihren Namen, so gebt uns auch ihr Bild, nicht\naber einen Abklatsch davon; rührt nicht an ihrem Sein:\nwollt ihr etwas Aehnliches schaffen, nun, so vertieft euch in\nihr Wesen, das ist dem Dichter erlaubt; alsdann mag\nman eurer Heldin den Vorwurf machen, dass sie dieser\noder jener andern gleicht, aber man kann euch nicht des\nfrevelhaften Raubes an Geheiligtem beschuldigen.\n„Trotzdem ist von dem ganzen Personal immerhin\nMignon noch am ersten als eine, wenn auch blasse, Copie\ndes Originals zu erkennen, wozu die vortreffliche Auffas-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "394", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18661215-01.1.2", "texte": "sung der Rolle durch ihre Darstellerin, Frau Galli-Marie,\nsehr viel beiträgt: alles Uebrige bildet eine dermaassen ver-\nänderte Welt, dass Goethe davor erschrecken würde.\nPhiline, das gewiss nicht boshafte, leichtfertige Mädchen,\nist zu einer frechen, empörenden und grausamen Kokette\ngeworden, der Harfner hat sein Charakteristisches hinter\nden Coulissen an den Nagel gehängt, Laertes ist ein jam-\nmervoller Schmarotzer, Natalie kommt gar nicht zum Vor-\nschein und Mignon wird die Zielscheibe der Kränkungen\nund Misshandlungen einer Theaterkokette ohne Treu und\nGlauben. Allem diesem entspricht denn auch der gemein\nbürgerliche Schluss, wo das duftige, zauberhafte, poe-\ntische Wesen Mignon den unbegreiflichen Wilhelm Meis-\nter heirathet, der zu einem trivialen Don Juan gewor-\nden ist.\n„Der Hauptvorwurf, den man den Verfassern des\nBuches machen .muss, ist der, dass sie nicht das deutsche\nColorit festzuhalten verstanden haben, in welches eine so\neigenthümiiche Schöpfung wie Mignon gehüllt ist. Sie\nhaben eine komische Oper echter Gattung machen wol-\nlen und sind dadurch allzu französisch geworden. Sie\nhätten in Deutschland bleiben sollen, um jenen ätherischen\nDuft, jene Verklärung auch irdischer Dinge, welche von\nder überrheinischen Poesie unzertrennlich ist, sich be-\nwahren zu können. Kurz, was dem sonst mit Geschick\nund Kenntniss des Bühneneffects gemachten Buche gänz-\nlich fehlt, ist die Localfarbe, der Geschmack nach dem\nBoden, der deutsche Duft, der sehr geeignet gewesen\nwäre, einen Componisten wie Ambroise Thomas zu\nbegeistern.\"\nIch bemerke noch einmal, dass dies das Urtheil eines\nFranzosen ist, nicht das meinige, dass ich aber als Deut-\nscher nichts Besseres über die Verunstaltung des Goethe'-\nschen Romans zu einer französischen komischen Oper zu\nsagen wüsste. Ich glaube auch nicht, dass die Oper\nMignon, obwohl die Musik theilweise zu den bessern Er-\nzeugnissen der Gegenwart gehört, jemals in Deutschland\nFuss fassen wird. Mit Gounod's „Faust\" war das etwas\nganz Anderes: es ist keine Frage, dass gerade der Stoff\ndem Erfolge dieses Werkes in Deutschland günstig gewe-\nsen ist. Die Sage vom Faust und dem Teufel ist Ge-\nmeingut; wer sie nicht aus Goethe's Tragödie kennt, der\nkennt sie aus Klingemann, aus Spohr, aus den Volks-\nbüchern, endlich aus den Puppentheatern. Aber Mignon?\nWer wird über die Travestie einer solchen Schöpfung\nnicht empört sein?\nJene Stimme der Kritik steht übrigens keineswegs\nallein, wenngleich andere zwar im ähnlichen Sinne, aber\nnicht mit derselben Schärfe sich aussprechen.\nZur Ergötzlichkeit des Lesers will ich die Handlung\ndes Stückes kurz skizziren. Der erste Act führt uns die\nempörende Härte des Seiltänzers gegen Mignon vor; das\nKind wird vom Harfenspieler und nach ihm von Wilhelm\ngeschützt, der es von dem Zigeuner loskauft. Als einziges\nZeichen der Dankbarkeit, das sie besitzt, gibt Mignon\neinen Blumenstrauss, den sie in zwei Hälften theilt, an\nWilhelm und an den Harfenspieler. Philine und Laertes\nhaben dem Verlauf von einem Balcon aus zugesehen und\nPhiline beginnt alsbald ihre Angel nach Wilhelm auszu-\nwerfen, was ihr auch so gut gelingt, dass er ihr den so\neben von Mignon erhaltenen Blumenstrauss schenkt. Die\nSchauspieler-Gesellschaft wird auf das Schloss des Grafen\ngeladen: Wilhelm, in Philinens Netz, folgt ihnen.\nIm zweiten Act sind wir auf dem Schlosse und in\ndessen Umgebungen. Philine ist die Königin der glän-\nzenden Abend-Gesellschaft und verstrickt Wilhelm immer\nmehr durch widrige Lockungen, wozu Friedrich (hier\nein bramarbasirender Geck, der Wilhelm herausfordert)\ngar scheel sieht und Mignon sich ihrer Liebe zu Wilhelm\nund ihrer Eifersucht immer mehr bewusst wird, so dass\nsie sich aus Verzweiflung ins Wasser stürzt, woraus der\nHarfenspieler sie rettet. Aus Liebe zu seinem Kinde und\nRachsucht gegen Philine steckt er das Schloss in Brand:\nAlles stürzt heraus* um der Gefahr zu entgehen, Philine\nhat aber ihr Bouquet vergessen und befiehlt Mignon, es\nzu holen. Mignon eilt ins Schloss, die Flammen schlagen\nüberall heraus, doch Wilhelm rettet die halb ohnmäch-\ntige und fühlt zum ersten Male, dass er Mignon liebe.\nIm d ritten Act athmen wir die Luft des Landes, „wo\ndie Citronen biüh'n\". Wie die ganze Gesellschaft nach\nItalien kommt, darüber wird kein Vernünftiger sich den\nKopf zerbrechen. Sie sind eben Alle da, Wilhelm mit dem\nHarfenspieler und Mignon, und Philine mit Friedrich und\nLaertes. Die drei Ersten sind zufällig auf einem gräf-\nlichen Schloss am Gardasee, welches vor 15 Jahren von\ndem Besitzer verlassen worden ist. Der Harfenspieler er-\nkennt in einem lichten Moment in dem Palast und Garten\nseine Heimath und sein Eigenthum wieder, erklärt Mi-\ngnon für seine Tochter und die junge Comtesse heirathet\nWilhelm, nachdem Philine ihr die Hand „zur Versöhnung\"\n(ohne dass ihr das arme Kind je etwas zu Leide gethan\nhat!) geboten hat und sich mit Friedrich abfinden lässt.\nDarauf folgt ein allgemeines Hochzeitsfest, eine italiänische\nNacht, wobei Philine die unvermeidliche Tarantelle mit\nBrillantfeuer singt!\nMan muss dem Componisten das Zeugniss geben, dass\ner diePartieen der Mignon und des Harfenspielers auf eine\nedle Weise zu charakterisiren versucht hat und dass ihm"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "395", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18661215-01.1.3", "texte": "dies auch an vielen Stellen gelungen ist, abgesehen von\neinigen zu starken Ausbrüchen der leidenschaftlichen Ei-\nfersucht Mignon's. Dass die Darstellung und der Gesang\nder Madame Galli-Marie als Mignon allein auf der Höhe\ndes Charakters, wenigstens der französischen Mignon,\nstanden, habe ich schon erwähnt. Der Tenor Wilhelm\nspielt eine traurige Rolle, obschon Achard mit seiner hüb-\nschen Stimme einige Nummern recht gut, obwohl mehr\ncorrect als mit beseelendem Ausdruck singt. Um Bataille\n(Harfenspieler) und Madame Gabel (Philine) zu bewundern,\nmuss man Franzose sein, das heisst sich an das meckernde\nTremoliren des ersteren und an die spitze und mehr pfei-\nfende als flötende Stimme der letztern gewöhnt haben.\nFür Rouladen, Cadenzen, Raketen und geplatzte Leucht-\nkugeln in Tönen ist in der Partie der Cabel vom Compo-\nnisten reichlich gesorgt worden, wie denn überhaupt die\nMusik keinen einheitlichen Charakter hat, sondern eben\nso, wie das Buch, ein Zwitterwerk ist: man glaubt einen\nFranzosen zu hören, der ein deutsches Gedicht mit\nschlechter Aussprache declamirt, aber dazwischen stets\neine gewaltige Zungenfertigkeit in seiner Muttersprache\nzum Besten gibt. Das kann man nun Herrn Ambroise\nThomas eigentlich nicht zum Vorwurf machen, denn er\nschreibt für Franzosen: allein als ein lyrisch-dramatisches\nKunstwerk kann doch eine solche Partitur niemals aner-\nkannt werden.\nAmbroise Thomas, Sohn eines Musikers in Metz, wo\ner 1811 geboren wurde, ist einer von den wenigen Glück-\nlichen, die nach Erlangung des grossen akademischen\nPreises bei ihrer Rückkehr von Rom bald Beschäftigung,\ndass heisst ein Libretto zur Composition, fanden. Die ein-\nactige Operette la double Eche(August 1837) machte\nGlück, und bis 1846 brachte er schon sieben bis acht\nOpern auf die Scene, jedoch mit sehr verschiedenem Er-\nfolge. Erst im Jahre 1849 schlug sein Cadi (CdidJ\ndurch, ebenso 1850 sein Song darauf\nfolgten wieder bis heute sieben Opern, alle für das\nTheater der komischen Oper. Die meisten davon sind\nin meinen pariser Berichten in diesen Blättern besprochen\nworden. Freilich, wenn man an Spontini denkt, dessen\nSitz Thomas im Institut eingenommen hat, so wird Einem\netwas wunderlich zu Muthe. Seine äussere Stellung ge-\nhört zu den bedeutendsten; er ist, wie gesagt, Mitglied\ndes Instituts, Officier der Ehrenlegion, Professor für Con-\ntrapunkt und Fuge am Conservatorium, General-Inspector\nder Musikschulen in den Departements u. s. w. Man\nmuss die Thätigkeit dieser pariser Musiker anstaunen, die\nbei dem Zeitaufwand und den Anstrengungen ihres Be-\nrufes und der damit verbundenen Reisen, Präsidentschaf-\nten, Richterämtern, Prüfungs-Commissionen u. s. w. und\nden Anforderungen der Convenienz und gesellige»\nLebens in ihrer Stellung noch Zeit finden, alle Augen-\nblicke eine neueOpervom Stapel zu lassen und dazwischen\nnoch, wie Thomas, einige Messen, Gesänge für Männer-\nchor und Aehnliches zu schreiben! Da ist es denn frei-\nlich kein Wunder, dass viel gemacht, aber wenig geschaf-\nfen wird.\nVon den übrigen Opernbühnen ist nicht viel zu be-\nrichten. Das Wagniss, Gluck auf der Scene der grossen\nOper wieder einzubürgern, ist mit der „Alceste\" wieder\neben so gescheitert, als mit anderen musicalischen Dramen\ndes grossen Meisters in dem letzten Decennium, und ich\nmuss gestehen, das Gegentheil würde für Jeden, der das\njetzige Paris, seine Poesie, seine Malerei, seine Musik\nkennt, ein wahres Wunder sein. Die Zeit für solche\nOpernmusik.ist bei den Franzosen auf immer vorbei und\nim Volke war sie eigentlich wohl niemals da: an eine Po-\npularität Gluck's in Frankreich, wie z. B. Mozart's und\njetzt auch Beethoven's in Deutschland, war nie zu denken.\nDen damaligen Lärm um ihn machten der Hof und die\nKreise der höheren und höchsten Gesellschaft. Vollends\nverunglücken müssen die Versuche, die auch jetzt wieder\nnicht ganz ausgeblieben sind, Gluck zu modernisiren; sie\nwaren indess dieses Mal nicht so ganz abstossend, wie\nfrüher im Orpheus. Die Beherrschung der ersten Bühne\nder Welt, wie die Pariser noch immer zuweilen sprechen,\ndurch die Spektakel-Oper bat den Geschmack an einfach\ngrosser und erhabener Musik vollständig todt gemacht.\nDagegen muss man anerkennen, dass die Instrumen-\ntalmusik und mit ihr der Sinn dafür und die Tbeilnahme\nan ihren Aufführungen ganz ausserordentlich zunimmt\nund Erscheinungen hervorruft, die man noch vor zehn\nJahren für unmöglich gehalten haben würde. Man staunt\nund kann sich eines erhebenden Gefühls nicht erwehren,\nwenn man 3- bis 4000 Menschen auf allen Plätzen eines\nungeheuren Circus von dem Boden bis zur Decke hinauf\nwie angewurzelt sitzen und mit gespanntem Athem eine\nBeethoven'sche oder Haydn'sche Sinfonie anhören sieht!\nEs ist schon so weit gekommen, dass es Leute gibt, die\naus dieser Umkehrung des Geschmackes den Verfall der\nLiebe zum Gesang bei den Franzosen prophezeien! Nun,\nsie hätten sich leicht vom Gegentheil überzeugen können,\nwenn sie auf die Aufführungen von Haydn's „Jahres-\nzeiten\" indem neuen Saale des Athenäums geachtet hätten,\nwelche bereits zwei Mal alle Plätze füllten und mit wah-\nrem Enthusiasmus aufgenommen wurden. Danach scheint\nder echte Gesang, der bezaubernd melodische, nicht der\nnervenpackend-declamatorische, doch auch seine zahlrei-\nchen Anhänger im Volke zu finden.\n\nn"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "396", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18661215-01.1.4", "texte": "Das Athenäum, dessen prachtvollen Saal der Banquier\nBischoffsbeim an der Ecke der Scribe-Strasse neben dem\nneuen Opernhause auf seine Kosten hat erbauen lassen,\nist ein Institut von so eigener Art, wie wohl noch kaum\ndagewesen ist. Dem Namen nach existirt dafür eine\nActien-Gesellschaft ich sage dem Namen nach, weil\nHr. BiscbofFsheim selbst den bei Weitem grössten Theil\nder Actien genommen hat; diese Gesellschaft unterschei-\ndet sich aber von anderen dadurch, dass die Actionäre\nkeine Dividende erhalten, und zwar nicht je nach der\nRentabilität, was bekanntlich auch sonst oft genug der\nFall ist, sondern nach dem Princip; denn die Statuten\nstellen fest, dass der Betrag aller Dividenden nicht den\nActionären, sondern nur wohlthätigen und gemeinnützigen\nVereinen überwiesen werde, namentlich dem Verein für\nErrichtung von Gewerbschulen für Mädchen. Zu diesem\nZwecke hat Herr BiscbofFsheim seinen Saal bis zu Ende\ndes Jahrhunderts, auf 35 Jahre, an die Gesellschaft ver-\nmiethet wofür? für den freien Eintritt seiner Familie!\nEine so grossmüthige Begünstigung von künstlerischen und\nliterarischen Zwecken in Verbindung mit Volksbildung\nist in der That nicht genug anzuerkennen.\nZur Direction des Ganzen ist ein gebildet\nworden, das aus Männern der Wissenschaft und Kunst\nbesteht. Die sechs Wochentage sind so vertheilt, dass\nMontag, Mittwoch und Freitag Concerte Statt finden, aus-\ngeführt vom Orchester der Concerts populaires unter\nPasdeloup mit theilweiser Zuziehung eines Chors und aus-\ngezeichneter Virtuosen, an den drei anderen Tagen Con-\nferences*) Statt finden, in denen literarische Vorträge\njeder Art gehalten werden. Die Sitzungen finden des\nAbends von bis 103/4 Uhr Statt. Die Preise der\nPlätze, welche überall numerirt sind, steigen für einen\nConcert-Abend von 3 Fr. bis 6 Fr., für einen Conferenz-\nAbend von 1 Fr. 50 Ct. bis 4 Fr. Das Abonnement\nauf 8 Monate kann entweder für alle Sitzungen, oder für\nConcerte und Conferenzen gesondert, auch für eine oder\nzwei Sitzungen wöchentlich genommen werden. Die Preise\nsind hoch, so dass die Anstalt nicht als ein Volks-Institut\nbetrachtet werden kann: die niedrigsten Abonnements-\nPreise für ein Concert wöchentlich sind 100 Fr., für\nzwei Abende 150, für alle sechs Abende 400 Fr. die\nhöchsten, in den drei ersten Reihen (Loges, Galeries,\nFauteuils), 200, 320, 900 Fr.; fürs ganze Jahr (mit der\nBeschränkung auf nur 3 Concerte in den 4 Sommermo-\nnaten ohne Conferenzen) von 550 bis 1200 Fr. Auch\nfasst der Saal nur etwa 1400 Personen.\nDie Einweihung fand am 21. November Statt und\nsollte durch die Vereinigung von literarischen Vorträgen\nmit Concertmusik ein Bild der Einrichtung des Ganzen\ngeben. Eine gar zu lange Einleitungsrede ermüdete die\nGeduld der Anwesenden, da diese mehr auf die Musik\ngespannt waren; nach einigen Orchestersätzen las Le-\ngouv£ ein Gedicht: Souvenir vor. Das Beste\nwar Joachim's Vortrag eines Concertes von Spohr.\nDass Joachim der Held des Tages, der Löwe der\nSaison ist, haben die Zeitungen bereits verkündet, auch\nwird das in Deutschland keinen Menschen überraschen.\nFür die Kunst und die Künstler ist es aber interessant,\ndie Urtheile der französischen Kritik über ihn kennen\nzu lernen. Zum ersten Male haben die Journale, ihre\nstehende Phrase bei der Anwesenheit grosser Künstler\ndes Auslandes, dass sie gekommen, um von Paris ihren\nRuhm besiegeln zu lassen, nicht mehr vorgebracht, son-\ndern sie wünschen den Parisern Glück, dass sie Joachim\nhören können, der bei einer früheren kurzen Anwesen-\nheit nur einem engeren Kreise bekannt geworden war.\nJetzt hat er nun schon oft im Athenäum und in den\nConcerts populaires gespielt, und Alles beeilt sich, zu ver-\nsichern, dass seit langer Zeit Paris keinen Erfolg ge-\nsehen hat, der dem seinigen gleiche. „Die Königin der\nInstrumente hat ihre ganze Macht wieder gefunden, und\nwas wir am meisten an Joachim bewundern, das ist\ndie Einsicht, der Muth und die Kraft, womit er die\nKunst des Violinspiels wieder auf ihre Einfachheit, auf\nihre Grösse zurückgeführt hat. Bei ihm ist das Instru-\nment wieder die wahre Violine in ihrer Reinheit und\nKeuschheit, nicht verunstaltet durch geknipste Guitarren-\ntöne und Bogenhiebe, bei denen das Holz eine grössere\nRolle spielt, als das Haar. Joachim bat eingesehen,\ndass, so wenig als das Verkünstelte und Uebertriebene\nein wirklicher Fortschritt sei, es auch nicht mehr über-\nboten werden könne, und dass man mit Vernunft zur\nwahren Kunst zurückkehren müsse, zu den Gesetzen\ndes Kunstschönen. Das ist allerdings der richtige Weg,\nden der Künstler in den Zeiten des Verfalles der Kunst\neinschlagen muss; aber es gehört viel mehr Talent dazu,\njene Gesetze zu erfüllen, als sie zu durchbrechen, ja oft\ngenügt das Talent nicht, sondern es bedarf dazu des\nGenie's. Und das scheint uns Joachim zu besitzen, und\nzwar in höchsem Grade in Bezug auf die Kunst, alle\nStilarten in ihrer Eigentümlichkeit wiederzugeben,\nwelche er in Ausführung der Werke von Viotti, Spohr,\nMendelssohn, Beetthoven so wunderbar bewährt, dass es\n\n*) Der neue Ausdruck für „Vorlesungen\", welcher sogar die\nPersonenwörter Conferencier und Confirencibre geschaffen hat.\nDie Redaction."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "397", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18661215-01.1.5", "texte": "unmöglich ist, zu sagen, welches er am besten aufge-\nfasst und gespielt habe.\" (P. Smith. Gaz. mus.)\nUeber die Aufführung von Beethoven's\nlemnis in D(in Paris!) und des Freischütz nächstens.\n\nB. P.\n\nAus Bremen.\nDen 8. December 1866.\nDie Musik-Saison in Bremen hat einen lebhaften An-\nfang genommen. Schon im Herbst hatte sich der Dom\nmehrmals vollständig gefüllt bei Gelegenheit des Dom-\nchor-Concerts und eines Orgel-Concerts, in welchem Cbor-\nmusik a capeüa von Palestrina bis Mendelssohn und Grell\nzum Vortrag kam mit abwechselnden Orgel- und Solo-\nVorträgen (verschiedene Präludien und Fugen von Bach,\nRitter etc. durch den Domchor und Musik-Director Rein-\nthaler, Schierer-Cabysius, Vater und Sohn, Weingardt\nu. A.). Wir haben diesen Winter dreiCyklus für Kammer-\nmusik, das Quartett der Herren Concertmeister Lottger-\nArnold, Schierer-Cabysius mit vier Soireen, das der\nHerren Concertmeister Jacobsohn, Weber, Krollmann,\nWeingardt mit sechs Soireen; in beiden wechseln Quartette\nmit Trios und Duos ab zu diesen ist noch ein Cyklus\nfür Salon- und Kammer-Musik durch die Herren Graue\n(Pianist) und Schierer (Violinist) getreten. Alle drei\nUnternehmen, welche in ihren veröffentlichten Programmen\ndie classische und neuere Kammermusik in mannigfaltiger\nWeise vertreten, haben gute Abonnements, und in der\nThat, nicht nur was sie bieten, sondern auch wie es gebo-\nten wird, ist vortrefflich und echt künstlerisch, die Soireen\nsind daher vom besten Einfluss auf den musicalischen\nSinn des Publicums und die Schärfe des Urtheils für\ndas Schöne; sie befördern zugleich die persönlichen Lei-\nstungen unserer Künstler und wirken wohlthätig auf das\nEnsemble des Orchesters zurück. Von den eilf Abonne-\nments-Concerten unter Herrn Musik-Director Reinthaler's\nLeitung, die ihren alten Namen Privat-Concerte und den\nalten, aber akustischen Saal der Union noch behaupten,\nhaben bisher drei Statt gefunden. Das Orchester brachte\nan Sinfonieen die D-dur (Nr. 2 neue Ausgabe) von Haydn,\ndie F-dur von Beethoven und dieA-moll von Mendelssohn,\nan Ouvertüren Cherubini's Portugiesisches Gasthaus und\nOberon, Schumann's Genoveva und Beethoven 124, Eg-\nmont und Robert Volkmann's neue Fest-Ouverture, letztere\nmit gutem Erfolg. Dieselbe hat auch schöne Massenwir-\nkung, noble und doch populäre Motive, doch scheint das\nGanze nicht recht aus Einem Guss, nicht fein und fesselnd\ngenug, um einen dauerden Platz auf dem Concert-Re-\npertoire zu behaupten. Das Concert-Orchester (ein Institut\nvon 70 Mitwirkenden, auf dessen Besitz Bremen alle Ur-\nsache hat, stolz zu sein) spielt nicht nur mit Präcision und\nFrische in der Auffassung, sondern auch mit Feinheit und\nAbrundungin den Details, mit jener Schönheit des Klanges,\nwelche nur aus der glücklichen Verbindung vorzüglicher\nKräfte mit anhaltenden Studien unter ausgezeichneter Lei-\ntung hervorgehen. Von auswärtigen Solisten hörten wir\nFrl. Ulrich aus Hannover und Concertmeister Walther aus\nMünchen, letzterer bestätigte namentlich durch den Vortrag\ndes Spohr'schen Concertes (Nr. 11 G-dur) den Ruf eines\nclassischen Violinspielers, er besitzt einen edlen, weichen\nTon und verbindet mit Vollendung der Technik einen das\nGemüth ergreifenden und zugleich maassvollen Vortrag.\nIm zweiten Concert traten Frau Rudersdorf und neben\nihr Clara Schumann auf. Die sonst vortreffliche Sängerin\nstand begreiflicher Weise hinter der grossen Ciavierspie-\nlerin zurück. In der That erinnern wir uns nicht, Frau\nClara Schumann Robert Schumann's A-moll-Concert voll-\nendeter haben spielen hören, als an jenem allen Kunst-\nfreunden gewiss unvergesslichen Abend. Von den Nummern\ndes Piano-Solo: Variationenvon Brahms, Scherzo in As-dur\nvon Weber und Hiller's „zur Guitarre\" spielte sie letzte-\nres auf allgemeines Verlangen da Capo. Frau Rudersdorf\nsang eine mit Blech etwas überladene englische Arie von\nRandegger, ein wirksames Stück, doch im Krystallpalast\nwohl eher am Platze; sodann eine etwas zopfige Arie von\nChr. Bach und Lieder von Haydn. Im dritten Concert\ntrat Herr Woworsky aus Berlin auf, ein eleganter Sänger\nmit immerhin noch bedeutenden Stimmmitteln, der nament-\nlich im Vortrag der zweiten Euryanthen-Arie „Wehen\nmir Lüfte zu\" excellirte, auch die Wiedergabe zweier\nSchumann'scher Lieder fand grossen Beifall, während die\nSchöpfungs-Arie „Mit Würd' und Hoheit\" nicht recht\nerwärmen wollte. Neben ihm hörten wir Fräulein Friese\neine junge und anmuthige Violinspielerin, die durch ihr\ngraziöses Spiel, dem es weder an Bravour noch an Wärme\nmangelt, sich die allgemeinste Gunst der Hörer erwarb.\nSie ist übrigens im Besitz eines herrlichen Instrumentes\nvon Guarneri, das wir zu den best-klingendsten Geigen\nrechnen, die wir die letzten Jahre hörten. Sie spielte\nViotti 22, A-moll,und von Vieuxtemps' Concert in\nAdagio und Schlusssatz.\nZwischen diese Concerte fiel am 27. November eine\nAufführung von Reinthaler's „Jephtha\" durch die Sing-\nAkademie in der Domkirche.\nRheinthaler hat sich mit grosser Liebe und Ausdauer\nder Pflege des Chorgesanges gewidmet und wir verdan-\nken seiner Thätigkeit eine Anzahl der vorzüglichsten\n*"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "398", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18661215-01.1.6", "texte": "Oratorien-Aufführungen, bei denen es schwer war, der\neinen oder der anderen einen Vorzug einzuräumen. Wenn\nwir die letzte als besonders glänzend hervorheben, so\nmag dies daher kommen, dass uns die Wirkung der\ngrossen und wohllautenden Chorkräfte noch frisch in der\nErinnerung ist, oder dass alle Mitwirkenden von besonde-\nrem Eifer beseelt waren, das Werk des einheimischen\nMeisters zur Geltung zu bringen. Das Oratorium selbst\nist bei Ihnen ja bekannt*); hier war es seit acht Jahren\nnicht aufgeführt, und in dieser Zeit hat unser Publicum\nreiche Gelegenheit gehabt, auf diesem Gebiete auf eine\nHöhe des Urtheiis zu kommen.\nVon Händel hatten wir: drei MalMessias, JudasMac-\ncabäus, Jsrael in Aegypten, Samson, Salomon; Bach's Mat-\nthäus-Passion, Beethoven's Missa solemnis, beide Haydn'-\nschen und Beethoven'schen Oratorien zu verschiedenen\nMalen etc. In den Aufführungen des Engel'schen Gesang-\nvereins kamen Spohr's Fall Babylons, Hiller's beide Ora-\ntorien, Meinardus' Gideon u. A. hinzu.\nDer Eindruck des „Jephtha\" war ein allgemeiner\nund tief ergreifender; das Werk erwies sich aufs Neue\nals eine der bedeutendsten, jedenfalls frischesten und wir-\nkungsvollsten Tonschöpfungen der Neuzeit. Wir setzen\nseine Vorzüge nicht allein in die glänzenden Schlacht-\nund Siegeschöre, sondern in den poetisch wie musica-\nJisch fesselnden und bis zu Ende sich steigernden In-\nhalt, in das echte menschliche Gefühl, das in edlem me-\nlodischem Gewände und in mit feinem Tonsinn aufgebau-\nten Kunstgebilden uns entgegentritt. Grade der zweite\nTheil zeichnet sich biedurch vorteilhaft aus; es enthält\ndurch das Siegesfest, die erschütternde Scene des Vater-\nschmerzes, die Klagen der Jungfrau auf den Bergen, hier-\nauf die Scenen der Empörung und des Erdbebens eine\nmächtige und wechselvolle Steigerung bis zum Schlüsse.\nEinen wesentlichen Antheil am Gelingen hatten Herr\nHill und seine unübertreffliche Wiedergabe der Helden-\npartie des Jephtha, die darin dem Elias gleicht, dass die\nzweite Hälfte die lyrisch reichen Partieen enthält, wäh-\nrend der erste Theil das Bild des Helden in kräftigen Zü-\ngen schildert. Frau Veith-Rübsamen sang die Partie der\nMirjam —• eine der poesievollsten Schöpfungen Rein-\nthaler's mit Zartheit und Empfindung und echt musi-\ncalischem Ausdruck, ihre Stimme klang imDomesehrange-\nnehm. Der Vergleich des Elias mitJephtha wurdesehrnahe\ngelegt durch eine Aufführung des Elias Seitens des Ge-\nsangvereins des Herrn Engel im Unionssaale, die nament-\nlich in ihrem chorischen Theile ganz vortrefflich war. Herr\nHill konnte als Elias alle die schönen Eigenschaften seines\nGesanges zum zweiten Male entfalten. Die Tenorpartie\nsang in beiden Oratorien Herr Garso vom hiesigen\nTheater; im Elias sang Frl. Nanitz aus Hannover Alt;\ndie Sopranpartie hatte eine nur ungenügende Vertretung\ngefunden. Im Jephtha war die Zahl der Mitwirken-\nden im Chor nach unserer Schätzung an 230; im Elias\nmochte sie die Hälfte erreichen.\n*) Uns persönlich allerdings: bisher ist aber in Köln und\nAachen nur der erste Theil aufgeführt worden.\nDie Eedaction.\n\nAus Biberach.\n*)\nDer hiesige Liederkranz feierte in der vorletzten\nWoche des Novembers das Enthüllungsfest der Büste\nvon J. H. Knecht, dem verdienstvollen Componisten\ngeistlicher Lieder, von denen viele (z. B. die Choräle:\n»Wie gross ist des Allmächt'gen Güte!\", „Herr, Dir ist\nNiemand zu vergleichen\", „Mein Glaub ist meines Lebens\nRuh\", „Ach, sieh ihn dulden\" etc.) zu den anerkannt\nschönsten Melodieen des Gesangbuchs der evangelischen\nKirche gehören. Knecht (geb. 1758, gest. 1817) war\nMusik-Director in Biberach und kurze Zeit (1806\n1808) k. würtembergischer Hof- und Theater-Musik-\nDirector in Stuttgart (mit 600 Fl. Gehalt!). Die letztere\nStellung, in welcher sich der schlichte Mann nicht wohl\nfühlte und von welcher er sich bald wieder zu seiner\nOrgel in Biberach zurücksehnte, bekam er durch die\nEmpfehlung Wieland's, welcher die Talente des beschei-\ndenen Knecht zu reicherer Entfaltung bringen wollte.\nWieland hatte als Leiter des reichsstädtischen Theaters\nin Biberach die Begabung des zwölfjährigen Knaben,\nwelcher schon in so frühem Alter ein kleines Singspiel\n(Kain und Abel) componirt hatte, richtig erkannt, ihn in\nden antiken und modernen Sprachen, insbesondere im\nItaliänischen, unterrichtet und ihn später in das Seminar\nnach Esslingen gesandt, wo er einen gründlichen theore-\ntischen und praktischen Unterricht in der Musik erhielt.\nIn seiner nachmaligen Stellung als Organist in Biberach\nwidmete sich Knecht mit ganzer Seele der Verbesserung\ndes Kirchengesanges, componirte viele Choräle, gab mit\n\n*) Vergl. Pastoral-Sinfonie von J. H. Knecht in Nr. 48\nvom 1. December d. J. Die obige Correspondenz ging uns vor\neinigen Tagen zu und liefert den erfreulichen Beweis, dass J. H.\nKnecht doch nicht so ganz vergessen war, wie wir vermutheten.\nDie Errichtung eines Denkmals desselben in seiner Vaterstadt durch\nden dortigen „Liederkranzu macht diesem Verein Ehre. Wir\ntheilen aus der Correspondenz im Schwab. Merkur vom 23. v. Mts.\nauch noch die Notizen mit, die zur Ergänzung unseres Artikels über\nKnecht in Nr. 48 dienen. Die Redaction."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "399", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18661215-01.1.7", "texte": "Nägeli ein Choralbuch heraus und schrieb noch im letzten\nJahre seines Lebens eine Studie „über Luther's Verdienste\nuro Musik und Poesie\". Das würtembergische Gesang-\nbuch enthält 14, das Biberacher Gesangbuch mehr als 80\nChoräle, welche von Knecht componirt sind. Um das\nBild d ieses Mannes wieder ins Gedächtniss zu rufen, hatte\nder Biberacher Liederkranz nach einem treuen Portrait\n(von der Hand des Genremalers Pflug, eines Zeitgenossen\nKnecht's) eine lebensgrosse Büste desselben durch den\nBildhauer Rau anfertigen lassen, welcher sich durch die\nVerfertigung der Uhland'schen Büste rühmlich bekannt\ngemacht hat und auf der Reise von Berlin nach Paris\neinige Wochen in seiner Vaterstadt verweilt hatte. Der\njunge Künstler verstand es, Geist und Charakter in seine\nComposition zu bringen, so dass diese Büste Knecht's ein\nwerthvolles Andenken für die Verehrer des Verstorbenen\nbleiben wird. Der Liederkranz beabsichtigt, für weitere\nKreise einen käuflichen Gypsabguss der Originalbüste in\nStuttgart machen zu lassen.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nMolll. Am Sonntag den 9. d. Mts. gab der jüngere Quar-\ntettverein der Herren M. S chr at t en h olz (Pianoforte), H. Krill\n(1. Violine), L. Müller (2. Violine), A. Kufferath (Bratsche), J.\nHoecke (Violoncell) seine erste Matinee im Isabellensaale des\nGürzenich. Der Verein ist erst im vorigen Jahre zusammengetre-\ntreten und hat, nach den Leistungen am Sonntag zu urtheilen, bereits\nerfreuliche Fortschritte im präcisen und ausdrucksvollen Zusammen-\nspiel gemacht, wovon die Vorträge eines Quartetts in Es-dur von\nHaydn und des C-moll-Quartetts von Beethoven Op. 18. Nr. 4\nZeugniss gaben: namentlich wurde von letzterem das erste Allegro\nund das Andante mit rauschendem Beifall aufgenommen, den die\nAusführung auch vollständig verdiente. Die Herren Schrattenholz\nund Krill, beide aus dem hiesigen Conservatorium hervorgegangen,\nspielten Beethoven's Sonate Op. 30 in G (nicht (7, wie irrthümlich\nauf dem Programm stand) nicht bloss recht fertig und correct,\nsondern auch mit demjenigen Feuer, ohne es zu übertreiben, welches\ndiese höchst originelle und anmuthige, in der Menuett überaus zarte\nund melodiöse Composition zu ihrer Ausführung verlangt. Wir\nhatten seit lange dieses von Geist sprudelnde Werk, das mit so\nvielem anderen Schönen das Loos hat, von den Pianisten, die nur\ndramatische und verwickelt-combinatorische Instrumental-Musik in\nihre hohe Gesellschaft zulassen, vernachlässigt zu werden, sehr\nlange nicht öffentlich spielen hören und freuten uns eben so sehr\nüber diese Wahl, wie neulich in der ersten Soiree des älteren\nQuartettvereins über den Vortrag des ersten Beethoven'schen Cla-\nviertrio's durch Herrn J. Seiss. Gewiss sind diejenigen jungen\nKünstler unserer Zeit auf dem richtigen Wege, welche den Grund-\nsatz, den die französische Kritik an Joachim rühmt: überall zu\ndem Einfach-Schönen zurückzukehren (vgl. oben den Brief aus\nParis), zur Richtschnur sowohl bei ihren Compositionen, als bei\nihren Vorträgen, zu nehmen trachten.\nIm nächsten Gürzenich-Concert, Dinstag den 18. d. M.,\nwerden wir zum Andenken an C. M. von Weber nur Composi-\ntionen von ihm hören, darunter das Concertstück in F-moll, die Cla-\nvierpartie vorgetragen von Frau Clara Schumann. Am Mittwoch\ndarauf (den 19. d. M.) wird dem Vernehmen nach im Isabellensaale\ndes Gürzenich eine Aufführung von Rob. Schumann's Musik zu\nByron's „Manfred\" unter Leitung des Herrn Rudorff, Professor\nam Conservatorium, Statt finden.\nIm Stadt-Theater ist Fräulein Bertha Freundt aus Ba-\nden-Baden, Schülerin des Gesang-Instituts von E. Koch hierselbst,\nzum ersten Mal in der Rolle der Azucena in Verdi's Trovatore auf-\ngetreten. Eine für heroische und tragische Rollen geeignete Er-\nscheinung, eine starke und in den verschiedenen Registern voll und\nrund tönende Stimme von seltenem Umfang, so wie im Verhält-\nniss eines Debüts sichtbares Talent zur Darstellung, erwarben ihr\nden Beifall des Publicums und berechtigen bei fortgesetzten Studien\nzu grossen Hoffnungen, die auch wir, nachdem wir sie auch im\nPrivatkreise gehört, theilen. Mögen ihr die Verhältnisse und die\neigene Ueberzeugung nur die nothwendige Zeit zur gründlichen\nAusbildung dieser seltenen Naturanlagen gewähren! Eine andere\nSchülerin desselben Instituts, Frl. Hermine Köchy aus Braun-\nschweig, Sopranistin, ist beim Theater in Hannover mit dreijähri-\ngem Contract angestellt worden.\n* Strasslllirg im Elsass wird in diesem Winter auch seine\nAbonnements - Concerte haben. Es hat sich daselbst eine\nSociöte des Concerts du Conservatoire de Strasbourg gebildet, ein\nUnternehmen, das gewiss für die' Hauptstadt des Elsass sehr wün-\nschenswerth ist und erspriesslich wirken möchte, wenn es richtig ge-\nleitet wird, wesshalb man den etwas pompösen Titel, unter welchem\nes ins Leben tritt, übersehen kann. Bis jetzt war ein ähnliches In-\nstitut dort unmöglich gewesen, und Strassburg hatte auch in der\nMusik, wie in der Sprache und Orthographie (Strasbourg statt\nStrassburg) seine ehrliche deutsche Abkunft verläugnet. Ist doch\nauch bei dieser Gelegenheit, wo es sich um deutsche Musik\nvorzugsweise handelt, die Einladung zum Unterzeichnen nur in\neinem französischen „Prospectus\" ausgegeben, und wiewohl auf dem\nbeigedruckten Repertoire, aus dem für die sechs Concerte Wahl ge-\ntroffen werden soll, die Namen von deutschen Tondichtern fünf-\nundzwanzig Mal glänzen, während von französischen nur 2 und\nvon italiänischen auch nur 2 erseheinen, so wird dennoch von der\ngleichen Nationalität kein Wort der Empfehlung hergenommen,\nwohl aber davon, dass die Concert-Gesellschaft des Conservatoire's\nin Paris schon seit Jahren dieses Repertoire ausführe! Anstatt\nstolz darauf zu sein, dass die classischen Meister ihrem Volksstamm\nangehören, rufen die Gründer lieber die Eitelkeit ihrer Mitbürger,\ndie sich im Nachäffen des Pariserthums gefällt, zur Unterstützung\nihres Unternehmens auf. Wie anders wahren die slawischen Völker\ntrotz der politischen Gränzen in allen geistigen Dingen ihr\nVolksthum!\nNun, abgesehen davon, begrüssen wir das neue Institut mit Be-\nfriedigung und wünschen ihm den besten Erfolg. Die Künstler am\nConservatorium und im städtischen Orchester sind unter der Di-\nrection des Herrn Hesselmans zu einer Gesellschaft zusammenge-\ntreten und werden sechs Concerte Sonntags von 2—4 Uhr im Foyer\ndes Theaters geben. Der Abonnementspreis für einen festen Platz\nbeträgt 18 Fr., 4 Fr., Galerie 2 Fr. Sobald 300 Abonnen-\nten gezeichnet sind, werden die Concerte beginnen.\nNachträglich kommt uns das Programm des ersten Concerts\nzu Gesicht: Erster Theil: Beethoven's heroische Sinfonie.\nZweiter Theil: Arie aus Mo zart's Titus mit obligater Clari-\nnette. (Madame Viardot, Herr Vuille); Mendelssohn's Ou-\nvertüre „die schöne Melusine\". Scene aus Gluck's Alceste (Mad.\nViardot Alceste, Hr. Klein Oberpriester); Türkischer Marsch\nvon Beethoven (aus den Ruinen von Athen) ein merkwürdiger\nSchluss auf Alceste's Arie: DiviniUs du Styx!"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "400", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18661215-01.1.8", "texte": "Barmen* Unsere Abonnements-Concerte im Saale der\nGesellschaft Concordia haben unter der Leitung des Herrn Musik-\nDirectors Anton Krause ihren Anfang und Fortgang auf gelungene\nWeise genommen. Das erste Concert am 27. October brachte\nvon Orchestersachen Weber's Ouvertüre zum Freischütz und Men-\ndelssohn's Musik zu Shakespeare's Sommernachtstraum mit Ge-\ndicht von Gisbert von Vincke. Frl. Anna Mehlig, Hof-Pianistin\nder Könige von Würtemberg und von Sachsen, spielte Chopin's\nE-moll-Concert, Schumann's „Traumeswirren\" und Liszt's Faust-\nWalzer; in der 3. Soiree für Kammermusik Mendelssohn's\nD-moll-Trio, Schumann's Schlummerlied und Chopin's Scherzo\nin B-moll.\nDas zweite Concert am 24. November hatte folgendes Pro-\ngramm: Erster Theil: Eich. Wagner, Ouvertüre zum Tannhäuser.\n2. Vorspiel und Schlussscene des 1. Actes von Lohengrin, Elsa Frau\nMilde aus Weimar; Ortrud Frl. Niethen aus Köln; Lohengrin Herr\nOtto aus Berlin; Telramund Hr. S. Steinhaus aus Elberfeld; König\nund Heerrufer Hr. Stägemann aus Hannover. Zweiter Theil:\nBeethoven, 9. Sinfonie.\nHerrn Hof-Capellmeister Franz Wiillner in München wurde\nfür seine vortreffliche Composition: der 98. Psalm für Männerchor,\niSoli und Orchester, von dem des Revaler Sängerfestes\nein Ehrenhonorar von 30 Ducaten bestimmt und nebst einem ehren-\nvollen Schreiben übersandt.\nBötzen« Wie wir vernehmen, hat der Musikverein in Inns-\nbruck in seiner gestrigen Sitzung Hrn. M. Nagiller zum Capell-\nmeister ernannt. Wenn wir gleich wiederholt unser Bedauern über\ndessen Scheiden aus seinem hiesigen Wirkungskreise aussprechen\nmüssen, so freut es uns andererseits, dass die Thätigkeit unseres\nallgemein verehrten Landsmannes seinem Vaterlande Tyrol erhalten\nbleibt. Hoffen wir, dass Hr. Nagiller für das Gedeihen des hiesigen\nMusikvereines, dem ev sich nun seit beinahe fünf Jahren gewidmet,\nauch in der Ferne thätig sein, und der Verein der erhaltenen edlen\nRichtung nicht untreu werde. (Botz. Ztg.)\nVieuxtemps, welcher die Concert-Gesellchaft des Hrn. Ull-\nman auf ihren Reisen durch die französischen Provinzen begleiten\nwird, hat zu diesem Zwecke sich ein neues Concertstüek, näm-\nlich ein äusserst brillantes Duo für Ciavier und Violine über Motive\naus der „Africanerin\", geschrieben.\nLiszt hat, wie man aus Rom schreibt, sein Oratorium: „Chris-\ntus\", vollendet. Pius IX., welchem allein der Componist einige\nStücke daraus vorspielte, hätte diesen geküsst und ausgerufen:\n„Mein Sohn, mein theurer Sohn, Du bist mein Palestrina!\"\nDie „Africanerin\" ist in Florenz mit grossem Erfolge in\nScene gegangen.\nBerichtigung« Die in der vorigen Nummer 49 vom 8.\nDecember aus Zellner's Blättern für Theater u. s. w. vom 4.\nDecember übergegangene Nachricht, betreffend das Ableben des\nCapellmeisters Jul. Eietz in Dresden ist von uns sogleich in der\nKöln. Zeitung Ni\\ 342 2. 81. vom 9. Dec. nach Dresdener\nBlättern als irrthümlicb bezeichnet worden, was hiermit wiederholt wird."}]}