{"numero_id": "pmb-b911", "volume": "bmtnabe_1897-04_01", "ocr_sha256": "55c51a103932bc25feadc9191778eef2be84d6a556940cebce7a4384b98ab146", "source_tei": "https://github.com/Princeton-CDH/bluemountain-transcriptions/blob/main/periodicals/bmtnabe/issues/1897/04_01/bmtnabe_1897-04_01.tei.xml", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabe/issues/1897/04_01/bmtnabe_1897-04_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01", "articles": [{"article_id": "pmb-b911-bmc051", "article_bluemountain": "bmtnabe_1897-04_01#c051", "volume": "bmtnabe_1897-04_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "292", "page_fin": "296", "image_debut": 40, "image_fin": 44, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.2.22", "titre_corps": "Rundschau", "titre_sommaire": "Rundschau", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 40, "page_imprimee": "292", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.40", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 9, "texte": "Rundschau"}, {"page_pdf": 40, "page_imprimee": "292", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.40", "debut_caractere": 31, "fin_caractere_exclue": 3338, "texte": "KARL FRIEDRICH VON RUMOHR\n1775 - 1865\n\nAdelsfamilie dieses Landes und bei aller Eigenart hat er seinen\nreichlichen Anteil von dem Charakter des holsteinischen\nMenschenschlages und besonders auch von den in den ritter-\nschaftlichen Familien ausgebildeten traditionellen Eigen-\nschaften.\nAuch war Holstein oder eigentlich Lübeck und ein in\nder Nähe gelegenes Familiengut Rumohrs eigentliches Heim,\nin dem er den gröfsten Teil seines Lebens verbrachte.\nDie Zeit seiner gröfsten Produktivität fällt in die 20 er\nund 30 er Jahre dieses Jahrhunderts und inmitten der im\nwesentlichen auf süd- und mitteldeutscher Volksart ruhenden\nKultur dieser Zeit tritt die Gestalt dieses echten Holsteiners\nsehr markant hervor. Ein besonnener, ruhiger, vorwiegend\nkritisch beanlagter Kopf, ist nichts süddeutsch Schwärmendes,\nEnthusiastisches, nichts schwäbisch Grübelndes, Träumendes\nan ihm. Seine ganze Weise hat, verglichen mit der übrigen\nlitterarischen Weit der Zeit, etwas Kühles, Verstandesmäfsiges;\nsein Urteil ist langsam und vorsichtig, aber sicher und be-\nstimmt. Er verläfst nie den festen Boden seiner scharfen und\nklaren Gedankenfolge, auch nicht in seinen philosophisch-\naesthetischen Untersuchungen, während damals gerade auf\nEUTSCHLAND verdankt seinem Nor-\nden wie den Begründer der antiken so\nauch den der modernen Kunstge-\nschichte ; Winckelmann und Rumohr.\nObwohl in Obersachsen geboren,\ngehört Rumohr seiner Abstammung\nwie seiner ganzen Eigenart durchaus\ndem Nord westen, durchaus Hol-\nstein an.\nEr entsprang einer autochthonen\ndiesem Gebiet die verflogensten Spekulationen nisteten und\n„die Begriffsromantik” ihre exotischsten Blüten trieb. Sein\nStil ist bedächtig, stets in gleichem Tempo, zuweilen etwas\nschwerflüssig, entbehrt aber nicht der Würze gelegentlicher\nscharfpointirter, glücklich gefundener Wendungen.\nWie Rumohr so durch den Volksschlag, dem er angehörte,\nbestimmt war, verdankte er dem Stande, aus dem er hervorging,\ndafs er ein Weltmann vielseitiger Bildung wurde, dafs er\nnichts professorenhaft Zünftiges hatte und stets lebendige\nAnschauung seine Forschungen begleitete. Sein weitreichender,\ndie verschiedenartigsten Gebiete umfassender Blick schützte\nihn vor Pedanterie und Kleinigkeitskrämerei und bei aller\nGründlichkeit findet sich bei ihm doch nichts von jenem\nGeiste des Spezialistentums, der jetzt immer mehr aus den\nNaturwissenschaften in die Kunstforschung ein dringt. Seine\nAnsichten und Anschauungen über Kunst sind ganz der\nNiederschlag eines reichen und angeregten Lebens , das ihm\neinen unerschöpflichen Beobachtungsstoff darbot, und haben\nnichts mit den grauen am Schreibtisch ersonnenen Theorien\nder damaligen Aesthetiker gemein.\nBei dem aufserordentlich grofsen Interessenkreis Rumohrs\nist auch seine schriftstellerische Thätigkeit sehr vielseitig. Er\nhat für seine Zeit sehr Hervorragendes als Agrarpolitiker\ngeleistet, hat über praktischen Landbau geschrieben, war\nDichter und Philosoph und verfasste ein Buch über Höf-\nlichkeit und den Umgang mit Menschen. Durch seinen\n„Geist der Kochkunst” ist er ein deutscher Brillat-Savarin\ngeworden. Nicht zu vergessen sind endlich seine kultur-\nhistorischen Studien. Trotz dieser Vielseitigkeit ist Rumohr\nnirgends Dilettant, alle seine wissenschaftlichen Arbeiten\nzeigen die gleiche Gründlichkeit und dasselbe ernste Studium,"}, {"page_pdf": 41, "page_imprimee": "293", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.41", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 6826, "texte": "am meisten aber seine kunsthistorischen Schriften, mit denen\ner sein Ansehen am dauerhaftesten begründet und sich die\nnachhaltigsten Verdienste erworben hat. Denn er war es,\nder zuerst der Kunstgeschichte eine wissenschaftliche Basis\ngab, indem er zeigte, dafs diese Disziplin wie alle Geschichte\nauf der Erforschung und Kritik der Urkunden beruhen mufs.\nDie stilistische Untersuchung der Kunstwerke selbst mufs\nstets durch die historischen Dokumente kontrollirt und er-\ngänzt werden. In der Anwendung dieser beiden Methoden\nbesafs Rumohr eine Meisterschaft, die in seiner Zeit einzig\ndastand. Die feine Bildung seines Auges war ebenso unge-\nwöhnlich wie der Scharfsinn und die Umsicht, mit der er\ndie Schätze der italienischen Archive durchforschte.\nDas Buch, in welchem er der Kunstgeschichte diese neuen\nBahnen wies und welches das Fundament geworden ist, auf\ndem die gesamte deutsche Kunstforschung weiterbaute, sind\ndie „italienischen Forschungen“ (1827).\nDer kritische Zug, der in seinem Wesen vorherrschte, tritt\nhier besonders stark hervor. Alles Traditionelle, Legendenhafte,\ndas bisher die Kunstgeschichte mehr als alle anderen Zweige\nder Historie zur fable convenue gemacht hatte, fällt vor seiner\nkühlen und eindringenden Untersuchung zusammen. Beson-\nders richtet er sich gegen Vasari, der, über die Anfänge der\nKunst in Italien nur unzureichend unterrichtet, die früheren\nKunstforscher oft irre geführt hatte. Zwar war seine Au-\ntorität schon stark erschüttert, aber Rumohr räumte gänzlich\nmit ihr auf.\nEr selbst bezeichnet sein Buch bescheiden als Versuch,\neine neue Methode anzubahnen, aber in der That ist es weit\nmehr, denn viele der von ihm gefundenen Resultate sind als\nWahrheiten für alle Zeiten gesichert; andrerseits ist es aber\nauch kein abschliefsendes und auch kein umfassendes Werk\nüber italienische Kunst, vielmehr nur die Geschichte einzelner\nSchulen und Zeiten. Es handelt sich darin fast ausschliefslich\num Florenz, Umbrien und Siena, Rumohrs eigentliche Domäne.\nMit einer in jener Zeit unerhörten Feinheit des Verständnisses\ncharakterisiert er die einzelnen Meister, ihre Wirksamkeit\nund den Zusammenhang der Schulen. Und alles, worüber\ner spricht, hat er gesehen, mit seinem feinen Auge gewogen\nund abgeschätzt und daher haben seine Urteile etwas Leben-\ndiges, Plastisches, Angeschautes. Am glänzendsten aber zeigt\ner die Fähigkeiten seines Kennerauges in dem abgerundetsten\ndritten Bande der italienischen Forschungen. Er beschäftigt sich\nhier lediglich mit Raphael. Die Raphaelforschung hat er in ganz\nneue Bahnen gelenkt, mit der alten traditionellen Manieren-\ntheorie gebrochen und in feinster und geistvollster Analyse,\nmit gelegentlich fast divinatorischem Scharfblick das allmäh-\nliche Werden des Künstlers, die verschiedenen Einflüsse gleich-\nzeitiger Meister auf ihn und seine eigene Rückwirkung auf\ndie gesamte italienische Kunst entwickelt.\nInteressant ist die Lektüre der italienischen Forschungen\nauch dadurch, dafs sie zeigt, wie seit Rumohr die Werte in\nder Kunstgeschichte sich geändert haben: für ihn ist der\nabsolute Höhepunkt aller modernen Kunst Raphael. Ra-\nphael hat nach ihm das Cinquecento erst begründet, er ist\ndas Zentrum, alle Kunst der Zeit geht von ihm aus. Sein\nEinflufs ist in allen italienischen Schulen fühlbar, in Rom so\ngut wie in Venedig. Durch Raphael ist selbst Tizian aus\nseinen Bahnen gelenkt und Michelangelo unwiderstehlich\nin die Kreise des Gewaltigen gezogen worden; sein Bestes,\nsein Grandiosestes dankt er Raphael, nicht umgekehrt. An\nLionardo, von dem man damals freilich wenig wufste, geht\nRumohr fast schweigend vorüber, dagegen stellt er Andrea del\nSarto mit seinen Werken in der Stma Annunziata mit Raphael\nauf eine Stufe.\nDas Höchste in der präraphaelischen Kunst sind ihm Fra\nAngelico und einzelne Giottisten. Giotto selbst setzt er ziem-\nlich niedrig an. Von einer sehr hohen Auffassung religiöser\nKunst überhaupt und von grofser Bewunderung für die prae-\ngiottesken Meister ausgehend, stellt er Giotto als einen Pro-\nfanirer der Kunst dar, der sich leichtfertig von den bisherigen\ntypischen Formen christlicher Kunst abwendete. Er nennt\nihn „klar, werkthätig und besonnen“ und erkennt in ihm\nden Anfang einer mehr naturalistischen Richtung, in die die\nspätere florentinische Kunst einlenkte. Was die Romantiker\nund Nazarener insbesondere über Giotto „mit Emphase und\nUebertreibung“ gesagt, nennt er einen „Fiebertraum“, womit\ner dokumentirt, wie frei er der herrschenden Zeitrichtung\ngegenüberstand, denn gerade damals, wo Giotto der grofse\nHeilige der deutschen Malerei war, war ein solches Wort\ndie ärgste Ketzerei.\nRumohr ist es, der die sienesische Schule, für die er eine\ngrofse Vorliebe hatte, für die Deutschen entdeckt und ihnen\nnäher gebracht hat. Er hat auf ihre selbständige Bedeutung\nin der italienischen Kunstentwicklung zuerst hingewiesen.\nSandro Botticelli, den Vielgepriesenen unsrer Tage, über-\ngeht er flüchtig, nur in der Capella Sistina findet er ein Wort\nder Bewunderung für ihn. Fra Filippo und Filippino stellt\ner weit über ihn und für Ghirlandajo hegt er eine besonders\ngrofse Bewunderung.\nEs könnte nach diesen Ausführungen scheinen, als ob\nRumohr als Kunsthistoriker veraltet wäre, da sich das Urteil\nin manchen Dingen seit seinen Tagen geändert hat. Aber der\nwissenschaftliche Wert seines Werkes wird dadurch nicht\nbeeinträchtigt, dafs Rumohrs Subjektivität, dafs sein indivi-\ndueller Geschmack in dem Buche zu Worte kommt und dafs\nwir hier zuweilen von ihm ab weichen. Was Rumohr als\ngewissenhafter und kühler Forscher an Thatsachen feststellt,\nbehält seinen bleibenden Wert, wenn auch seine Vorliebe für\ngewisse Künstler und seine Abneigung gegen gewisse andere\nnicht überall von uns geteilt wird.\nRumohr hat auch für die Erforschung der deutschen\nKunst die Grundlagen geschaffen. Seine vielen Reisen in ganz\nDeutschland und sein langjähriger Aufenthalt im Norden\nlenkten seinen Blick auf die deutschen Kunstaltertümer und\nin einer Anzahl kleinerer Arbeiten legte er seine Studien nieder.\nEr schrieb eine kompendiöse Geschichte der Baukunst im\nMittelalter, die die Kunstgeschichte um eine Menge wert-\nvoller Daten und Einzeluntersuchungen bereicherte. Ebenso\nwie ein Aufsatz über „die Altertümer des transalbingischen\nSachsens“, in dem er eine Anzahl lübscher und hamburgischer\nKunstaltertümer kritisch beleuchtete. Bemerkenswert ist vor\nallem auch eine sehr gründliche, viel neues bringende Ab-\nhandlung über Holbein und sein Verhältnis zum deutschen\nFormschnitt wesen. Der Wert dieser Arbeiten liegt nicht allein\nin ihren Ergebnissen, sondern auch in der Anregung, die sie\nenthielten und in dem Hinweis auf das ungeheure, noch fast\nvöllig unangebaute Gebiet der nordischen Kunstforschung.\nSein Hauptzweck dabei war, die Forscher daraufhinzuleiten,\n„das herrliche Gebäu der deutschen Vorzeit von dem Schutt,"}, {"page_pdf": 42, "page_imprimee": "294", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.42", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 6566, "texte": "mit dem es die Zeit bedeckt, zu reinigen und in alter eigen-\ntümlicher Pracht und Herrlichkeit wiederherzustellen.cc Er\nklagt, wie weit Deutschland in der Untersuchung einhei-\nmischer Altertümer zurück sei gegenüber andern Ländern.\nDie Altertumsforschung war zu seiner Zeit „ein ungebautes\nLand, von wenigen Liebhabern hier und da der nächste Acker\nbestellt, keine Uebersicht des vorhandenen, wenig Bilder-\nwerke von gründlichem Wert,“ und besonders beklagt er es,\ndafs „nach früher zu weit getriebener Geringschätzung es\nnun in der Bewunderung der mittleren Zeiten der Kunst so-\nweit gekommen, dafs von einem jüngeren Schriftsteller über\ndiesen Gegenstand kaum etwas anderes erwartet wird, als\nder Ausdruck schwärmerischer Empfindung, ohne umfassende\nSachkenntnis und ohne alle Reife der Prüfung.“\nSo stand es um die deutsche Kunstforschung vor sechzig\nJahren und, wenn man ihr jetziges Niveau mit dem dama-\nligen vergleicht und die Fülle des seitdem Errungenen über-\nsieht, wird man sich stets vergegenwärtigen müssen, dafs der\nPionier auf diesem Gebiete Rumohr war, der den ersten ent-\nscheidenden Spatenstich in das unangebaute Land that, der\ndie ersten Anordnungen und Anleitungen zu weiterer Arbeit\ngab, von denen im Prinzip seitdem nicht wieder abgewichen\nworden ist.\nRumohr hatte das intensivste Interesse für die Kunst-\nbestrebungen auch seiner eigenen Zeit und bewies es nicht nur\ndadurch, dafs er seinen Zeitgenossen die Kunst grofser ver-\ngangener Epoche wieder erschlofs, sondern er suchte auch\ndirekt erziehend, ziel weisend, mit Rat und Ermahnung auf\nKünstler und Publikum einzuwirken, da er erkannte, wo es\nder Kunst der Zeit fehlte und auf welche Wege sie zu\nweisen sei.\nRumohrs Ideen darüber finden sich überall in seinen\nSchriften, besonders aber in seinen „drei Reisen nach Italien“\nund in einer Art Aesthetik, die er seinen italienischen\nForschungen als Einleitung vorangehen liefs. Sie ist uns\nfreilich nicht überall mehr recht geniefsbar, da sie oft in die\nsehr philosophisch-abstrakte Ausdrucksweise der Zeit ver-\nfällt und sich mit der Analyse von Begriffen wie Styl, Typus,\nManier etc. nach alter Weise beschäftigt, aber ihre Grund-\ngedanken und zahlreiche einzelne Bemerkungen überraschen\nals durchaus „unzeitgemäfs“, oft geradezu von modernem\nGeiste durchweht.\nDeutschland schwamm damals mitten im romantischen\nIdealismus und produzirte eine Kunst, die alles, was bisher\ngegolten hatte, auf den Kopf stellte, die Kunst eines aus-\nschliefslich litterarisch gebildeten, künstlerisch völlig rohen\nVolkes, eine Kunst die im Grunde keine Kunst war, sondern\nLitteratur, deren Werke nur „Ideen“ verkörpern, nur durch\nihren stofflichen Inhalt, durch das was sie erzählten, wirken\nwollten, eine wahre biblia pauperum.\nGegen diese pseudo-ideale Kunst erhebt Rumohr seine\nStimme und sucht die Künstler auf andere, fruchtbringende\nWege zu weisen. Von welcher Bedeutung ist es schon in\njener Zeit, wo Cornelius, Veit, Overbek die führenden Künstler\nwaren, wenn Rumohr die Anlehnung an die Natur als\ndas alleinige Grundprinzip der Kunst aufstellt. Die Natur\nist ihm „nicht blofs die einzige Quelle darstellender Formen,\nvielmehr auch zugleich die ergiebigste, unerschöpflichste\nQuelle aller künstlerischen Begeisterung. Der Künstler kann\nseine Aufgabe nur durch die rückhaltloseste Versenkung in\ndas ihm nächst verwandte Naturleben lösen, er soll seine Vor-\nstellung bei Zeiten und vor aller Aussicht auf künftige Ver-\nwendung mit vielen und mannigfaltigen Formen erfüllen,\nwas ohne lustiges und freudiges Umherschauen\nnicht wohl zu erreichen steht,cC und er empfiehlt dem\nKünstler „nicht so sehr sonst empfehlenswerte Ausdauer und\nFleifs als vornehmlich die leidenschaftlichste Hingebung in\nden sinnlich-geistigen Genufs des Schauens.“ Wie erfrischend\ndetoniren solche Worte in einer Zeit theologischer Gedanken-\nkunst, die, ähnlich den ungeheuerlichen, metaphysischen\nLuftschlössern von damals, lediglich nur aus den Tiefen des\nGemüts als generatio aequivoca ohne die befruchtende Um-\narmung der Natur hervorgebracht wurde.\nDen eigentlichen Grund dieses Notstandes aber traf Rumohr\nwenn er „dem Zeitalter technische Ungeschicklichkeit“ vor-\nwärf und „eine ihm eigentümliche Lahmheit im Betreiben\nalles dessen, was dem Künstler nun einmal zu wissen und zu\nkönnen nöthig ist.“ Er spricht von den „Verwüstungen eines\nmifsverstandenen Idealismus, welcher Beobachtung und Er-\nfahrung durchaus verschmäht“. „Die leitenden Geister (und\nhier wendet er sich besonders gegen Goethe) haben es ver-\nsäumt, zu ernstlichem Naturstudium, lebendiger Beobachtung\ndes Umgebenden und zu technischer Rüstigkeit die Jugend\nzu ermuntern und anzuleiten und haben im Gegenteil den\nfalschen vom Studio ablenkenden Idealismus durch neue und\nglänzende Gründe ihren Lesern und Schülern empfohlen“.\nIn seinen memoirenartig verfafsten „drei Reisen nach\nItalien“ kommt er gelegentlich auf seinen alten Lehrer, den\ngöttinger Kunsthistoriker Fiorillo, zu sprechen und rühmt\nvon ihm, „dafs er dem rein Sinnlichen nicht nur sein grofses\nRecht gewährte, nein es selbst mit Grazie empfahl und heraus-\nzeichnete und ihn damit gegen die Lehren der neuen Kunst\nstärkte, denn“, fährt er fort, „in Dingen der neuern Kunst wird\nsehr viel, bisweilen alles in die Begriffe Gegenstand, Idee,\nSinn, Bedeutung und überhaupt in solches gelegt, was in der\nKunst nicht der Kunst selbst angehört, sondern nur als Stoff\nund Anregung in sie hinübergezogen wird.“\nAus der Epoche vor Carstens-Kornelius hatte Rumohrs\nZeit ein fragwürdiges Vermächtnis überkommen: die Idee\nvon der Unwürdigkeit der Naturformen, von der Not-\nwendigkeit, sie durch die Kunst zu läutern und zu verklären.\nDie Natur im Gegensatz zu der vom Künstler idealisirten\npflegte man „gemeine“ oder „Modellnatur“ zu nennen.\nDiese Richtung in der gleichzeitigen Kunst, die Rumohr\neinmal mit einem glücklichen Worte „eine gewisse ästhe-\ntisch ermässigte Naturverleugnung“ nennt, bekämpft er nach-\ndrücklichst: „die Ansicht, sagt er, .. . welche sich verspricht,\ndafs solche von Menschen ersonnenen Formen schöner und\nedler und bedeutender ausfallen, als die natürlichen, ist, durch\nwelche Gründe wir sie unterstützen oder beschönigen mögen,\ndoch durchhin unhaltbar. Wenn aber diese Ansicht in sich\nselbst falsch und, wie die Erfahrung bestätigt, in der An-\nwendung von höchstem Nachteil ist: so wird der Künstler\nwohl thun, von dem titanischen Vorhaben abzustehen, die\nNaturform zu verherrlichen, zu verklären oder mit welchen\nandern Namen solche Ueberhebungen des menschlichen Geistes\nin den Kunstschriften bezeichnet werden. Mufs doch der"}, {"page_pdf": 43, "page_imprimee": "295", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.43", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 6668, "texte": "Künstler auch bei dem schönsten Talente, dem treusten Na-\ntursinn immer darin sich ergeben, dafs er sogar in seinen\nbesten Leistungen, was deren Formenheit angeht, die Tiefe\nund Fülle, die Einheit und Wesenheit der Naturform nicht\nzur Hälfte erreicht, wie denn sollte er darüber hinausgehen\nkönnen?“\nUnerfreulich mussten solche den Ideenkünstlern\nder Zeit, paradox und unverständlich dem Publikum klingen.\nSie zeigen, wie sehr ihr Autor eine Stelle ganz für sich in\nseiner Zeit einnahm und von welch hohen Standpunkten aus\ner sie überschaute. So fernabliegend von dem geistigen Stu-\ndium seiner Zeit sind seine Gedankengänge, dafs sie oft an\nmoderne und modernste Anschauungen prophetisch anklingen.\nSo hält er den in schrankenloser Verehrung und zum Teil\nauch in Nachahmung der alten Meister befangenen zeit-\ngenössischen Künstlern rücksichtslos den Satz vor, dafs die\ngrofsen Vorbilder die Gefahr in sich tragen, die Kunst zu\nlähmen, und dafs die malerische Technik nicht durch Nach-\nahmung vortrefflicher Kunstwerke, sondern nur durch den\nWetteifer mit der Erscheinung wirklicher Dinge entwickelt\nwird. Hier ist implicite ausgesprochen, was wir erst heut-\nzutage wieder von der Kunst zu fordern gelernt haben, dafs\nsie ihre Zeit wiederspiegeln, dafs sie originell sein mufs,\ndafs sie als Kunst nur so weit gilt, als sie nicht frühere\nKunst wiederholt, mit einem Wort, dafs die Kunst stets\nmodern sein mufs.\nEin anderer Gedanke Rumohrs, der auch erst von uns ganz\ngewürdigt werden kann, ist, dafs alle echte Kunst lokal ist.\n„Alle wirklich wertvollen Schulen der alten wie der neuen\nWelt, sagt er, haben unleugbar ein eigenthümlich örtliches\nAnsehen. Zwiefach ist jede Leistung der Kunst von aussen\nbedingt. Einmal durch die geschichtliche Stellung des Künst-\nlers, dann durch die örtliche Gestaltentwicklung der Natur,\ndie ihn umgiebt“. Merkwürdige Worte in einer Zeit, die\neine so kosmopolitische Aesthetik hatte und für die ganze\nWelt gütige Kunstgesetze geben zu können meinte. Und\njene gelegentlich hingeworfene Idee, dafs die Kunst nicht nur\n„hohe“ oder „grofse“ Kunst sei „sondern sich über Alles\nverbreite, was nur den Aufdruck der Gestalt zuläfst und auch\ndas Handwerk beherrsche“, welch ein erfreuliches Sacrile-\ngium ist sie in jener Zeit, die den Begriff der Kunst über\nalle Wolken erhoben und in das äufserste Empyräum\nversetzt hatte. Aber geradezu revolutionär und als ob sie\nheute geschrieben wäre, klingt eine Bemerkung, die er in\nseinen „Erinnerungen“ gelegentlich eines Exkurses über „den\nschönen Gegenstand,“ ein Hauptinventarstück damaliger\nKunstlehre, macht. „Ich verspreche mir stets von den schönen\nGegenständen das allerbeste, doch vorausgesetzt, dafs sie der\nKunstart, in welcher die Arbeit vollbracht werden soll, wohl-\nangemessen seien oder ihre äufseren Grenzen, ihre Kraft nicht\nüberschreiten; vorausgesetzt ferner dafs für sie der Künstler,\nwelcher sie darstellen soll, sich herzhaft zu begeistern ver-\nund auch das nöthige Zeug besitze, sie gehörig darzu-\nstellen. Wenn diese Bedingungen aber auch erfüllt\nwerden können, gibt der schöne Gegenstand nun\neinmal unumgänglich ein garstiges Kunstwerk, wie\numgekehrt der garstige Gegenstand ein schönes,\nwenn der Künstler ihm eine begeisterte Ansicht\nabgewinnen kann und übrigens so viel Fähigkeit\nund Bildung besitzt, dafs es schon eine Freude ist.\nzu sehen, auf welche Weise er seine Kunst über-\nhaupt betrieben und angefasstcc.\nSchon nach diesen wenigen Zitaten wird es klar sein,\ndafs Rumohr ein sehr origineller, sehr unabhängiger, sehr freier\nGeist war, der sich in seiner eigenen Zeit in Dingen der\nKunst wenig heimisch fühlte und wenig verstanden war.\nRumohr war das künstlerische Gewissen der in den idea-\nlistischen Irrgarten geratenen Zeit. Aber wer achtete auf\ndiese Stimme eines Predigers in der Wüste, auf die man als\nauf die Stimme eines Erziehers der Deutschen zur Kunst\nhätte hören sollen.\nDas Gefühl in einer Periode tiefer Demütigung der Kunst\nzu leben war sehr stark in R., er wufste, dafs von vorn an-\ngefangen werden musste, wenn die deutsche Kunst wieder\nerstehen sollte, er war sich des geringen künstlerischen Be-\ndürfnisses des Publikums und der mangelhaften Schulung\nund Bildung der Künstler klar bewufst. An vielen Stellen\nseiner Schriften gibt er dem Ausdruck, ja sogar ist dies\nschmerzliche Bewufstsein so lebhaft, dafs es gelegentlich den\nsonst so kühlen, von aller Empfindsamkeit freien Mann,\nWorte tiefer Erregung entlockt.\nIn der Dresdner Gallerie, sagt er einmal in den „drei\nReisen nach Italien“, ist ein allerliebstes Bild zu sehen, die\nMalerschule des Frans Mieris. Er hat eben ein schon vor-\ngerücktes Bild in Arbeit, seinen Stuhl aber einem Liebhaber\neingeräumt, welcher das Gemälde mit Blicken ansieht, welche\nVerwunderung, Prüfung und ein unermefsliches Verlangen\nausdrücken, es zu besitzen. Dieses Stück erfüllt mich stets\nmit tiefer Rührung, es erinnert mich an den letzten jener\nZeitabschnitte, in welchen der Künstler noch ein wahres,\ninniges, herzliches Verlangen zu befriedigen hatte, wonach\ngilt mir an dieser Stelle gleich“.\nDafs Rumohr die Aufgabe und den Beruf hatte, auf sein\nVolk erziehend zu wirken, war ihm voll bewufst und war ein\nGedanke, der ihn bei all seinen die Kunst betreffenden Ar-\nbeiten beherrschte. Auch praktisch bethätigte er ihn vielfach,\nindem er z. B. den wirksamsten Anteil an der Neueinrich-\ntung des Berliner Museums nahm und den Versuch machte,\nden jungen Nerly, bei dem er Talente entdeckt hatte, zum\nKünstler nach seinen eigenen Ideen zu erziehen. Sie gipfelten\ndarin, dafs die technische Schulung zum grofsen Teil abge-\nschlossen sein müsse, wenn der Künstler in das Alter geistiger\nReife tritt und das Bedürfnis empfindet, aus sich selbst\nheraus Eigenes zu schaffen, dafs also nach dem Vorgang der\nAlten die Schule des Künstlers schon in früher Jugend be-\nginnen müsse; er betrachtete es als einen Grundfehler seiner\nZeit, dafs erst nach langer Schulbildung die Kunstschule be-\nginnt und die besten Jahre eigenen Schaffens im mühseligen\nRingen mit dem Technischen hingehen, ein Gedanke der\nheute ebenso aktuell wie zu Rumohrs Zeit ist.\nWie von seiner eigenen Zeit ist Rumohr auch späterhin\nnie hinreichend gewürdigt worden. Selbst noch Grimm hat\nwenig Verständnis für ihn gezeigt. Er nennt ihn einen Schüler\nGoethes, aber in allen Dingen der Kunst wenigstens mufs\ngegen diese Schülerschaft Protest erhoben werden. Hier über-\nsah Rumohr Goethe weit. Rumohr stand hoch über seiner\nZeit, Goethe trieb im Strom der herrschenden Richtungen und\nteilte die meisten Irrtümer der Epoche. Rumohr sagt von ihm,\n~seine historischen Kenntnisse und technischen Einsichten\nwaren weder sehr mannigfaltig, noch selbst zusammen-"}, {"page_pdf": 44, "page_imprimee": "296", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.44", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1305, "texte": "hängend, er gewann nie einen festen Standpunkt für die Kunst\nund gab sich oft den Einflüssen niedrig gestellter Kunst-\nfreunde hin. Und dieses Urteil hat die neuere Goethefor-\nschung über sein Verhältnis zur bildenden Kunst, wie sie in\nVolbehrs Buche niedergelegt ist, vollauf bestätigt.\nGrimm legt den Nachdruck des erziehenden Einflusses\nRumohrs einseitig auf seine kunsthistorischen Schriften.\n„Goethe und Rumohr, sagt er, empfanden, wie sehr den\nKünstlern und dem Publikum das Verhältnis zur Kunstge-\nschichte abgehe und suchten auszuhelfen“. Gewifs hat Rumohr\nseine kunstgeschichtlichen Studien nicht ohne erziehende\nNebenabsichten geschrieben, aber er wusste wohl, wie es um\ndie deutsche Kunst seiner Tage stand, dafs hier Alles von\nGrund aus neu zu machen war und dafs damit nicht viel\ngeschaffen war, wenn man mit „Kunstgeschichte aushalfcc.\nErst in unserer Zeit, wo die Kunst in Bahnen eingelenkt ist,\ndie Rumohrs Ideen entsprechen, kann er ganz verstanden und\ngewürdigt werden. Ein Erzieher seines Volkes zur Kunst,\neiner jener seltnen und grofsen Anreger auf vielen Gebieten, ein\nMann der ersten Gedanken, der Initiativen, eine treibende\nKraft, ein Pfadfinder gehört er durch diese Eigenschaften in die\nwertvollste und unentbehrlichste Kategorie Kulturschaffender\nGeister.\n\nMagnus von Wedderkop"}]}, {"article_id": "pmb-b911-bmc052", "article_bluemountain": "bmtnabe_1897-04_01#c052", "volume": "bmtnabe_1897-04_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "292", "page_fin": "292", "image_debut": 40, "image_fin": 40, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.2.22.1", "titre_corps": "Rundschau", "titre_sommaire": "Rundschau", "signature_source": "LUDWIG VON HOFMANN", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 40, "page_imprimee": "292", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.40", "debut_caractere": 11, "fin_caractere_exclue": 29, "texte": "LUDWIG VON HOFMANN"}]}, {"article_id": "pmb-b911-bmc096", "article_bluemountain": "bmtnabe_1897-04_01#c096", "volume": "bmtnabe_1897-04_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "312", "page_fin": "312", "image_debut": 64, "image_fin": 64, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.2.29.2", "titre_corps": "FACHWERKBAÜ", "titre_sommaire": "FACHWERKBAÜ", "signature_source": "E. 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Der Entwurf für die Restauration nimmt auch ge-\nbührend Rücksicht darauf. Aber er ist weit davon entfernt,\nden ursprünglichen Zustand herzustellen. Einmal langen für\nein solches Unternehmen die Abbildungen nicht, und dann\nüberträgt der Entwurf die alte Holzkonstruktion in Stein,\nwobei ihr Volumen erheblich verringert werden musste.\nMan wird an einen Dorfkirchturm hannoverscher Observanz\nerinnert. Es ist schwer, sich vorzustellen, wie das wirken\nwird. Gesetzt, es beleidige nicht: gegen die vornehme, groß-\nartige Silhouette der Haube kommt es sicherlich nicht auf.\nUnd ist sie im Grunde nicht auch gotisch? Denn diese Form\nist nicht mit dem Renaissanceornament aus Italien gekommen,\nsondern eine Weiterentwicklung heimischer Baugedanken.\nAus der Silhouette Lübecks würde mit ihr ein eigenartiger\nAccent verschwinden. Dafs sie nicht der im engeren Sinne\ngotischen Epoche angehürt, schadet ihr doch nur in den Augen\nder fanatischen Puristen, die schon genug Unheil in unsern\nalten Städten angerichtet haben. Der künstlerischen Empfin-\ndung erscheint das Burgthor mit der Haube als ein Werk aus\neinem Gufs, in sich abgewogen und meisterhaft für den Platz\nberechnet. Wir wissen, wie der heutige Zustand wirkt:\ndie Wirkung der beabsichtigten Restauration ist noch Problem.\nMöge ein guter Stern das edle Bauwerk schützen."}]}, {"article_id": "pmb-b911-bmc124", "article_bluemountain": "bmtnabe_1897-04_01#c124", "volume": "bmtnabe_1897-04_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "332", "page_fin": "332", "image_debut": 88, "image_fin": 88, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.2.35.3", "titre_corps": "WANDLUCHTER", "titre_sommaire": "WANDLUCHTER", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 88, "page_imprimee": "332", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.88", "debut_caractere": 4743, "fin_caractere_exclue": 4775, "texte": "WANDLUCHTER\nSchule in Birmingham"}]}, {"article_id": "pmb-b911-bmc126", "article_bluemountain": "bmtnabe_1897-04_01#c126", "volume": "bmtnabe_1897-04_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "332", "page_fin": "332", "image_debut": 88, "image_fin": 88, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; 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[n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.2.6", "titre_corps": "DAS GOETTLICHE SCHWEIGEN", "titre_sommaire": "DAS GOETTLICHE SCHWEIGEN", "signature_source": "Gustav Falke", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 14, "page_imprimee": "270", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.14", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1866, "texte": "DAS GOETTLICHE SCHWEIGEN\nGustav Falke\nWenn die letzte Nacht sich weitet,\nKommt ein Engel auf die Erde,\nWeifse Flügel ausgebreitet,\nParadiesische Geberde.\nStummes Winken. Und die Sterne\nTanzen um uns ihren Reigen,\nWie wir in die Sehnsuchtsferne\nHoch und höher aufwärtssteigen.\nUnd auf eines namenlosen\nSternes sanftem Uferhügel,\nUnd inmitten weifser Rosen,\nSchliefst er seine weifseren Flügel.\nUnd er führt mich in den Garten,\nWo die reinen Seelen gehen\nUnd auf ihren Bruder warten,\nIn die Augen ihm zu sehen.\nPaarweis wandeln sie im Hellen,\nHand in Hand, an stillen Flüssen,\nWo sich auf den weichen Wellen\nStille weifse Schwäne küssen.\nWandeln unter weifsen Bäumen,\nZwischen weifsen Blumengängen,\nDran, wie in verzückten Träumen,\nWeifse Schmetterlinge hängen.\nNur mit Blicken, nicht mit Worten,\nReden diese seligen Scharen,\nOeffnen ihre Herzenspforten,\nHeimlichstes zu offenbaren.\nReden nur mit einem weichen,\nLeisen Spiel der weifsen, schlanken\nHände, stumme, keusche Zeichen\nUnaussprechlicher Gedanken.\nWandle, spricht der stille, reine\nBlick des Engels, mit den Andern.\nEine Seele geht alleine,\nUnd zu zweien sollt ihr wandern.\nUnd schon kommt sie zwischen lichten\nLilien traumhaft hergegangen,\nSich mit einem stummen schlichten\nGrufs an meine Hand zu hangen.\nKein Erstaunen, kein Erfragen,\nNur ein wortloses Sichfinden\nZweier, die seit Anfangstagen\nUnlösbare Fäden binden.\nDu bist ich, und ich bin wieder\nDu. Ein sanftes Stirnenneigen,\nUnd sie hebt die blonden Lider,\nUnd wir sehn uns an und schweigen.\nUnd so wandeln wir zusammen,\nHand in Hand, im hohen Reigen,\nWie zwei reine weifse Flammen,\nDie sich ineinander zweigen.\nWandeln schwebend, ohne Schwere,\nReihen uns um Gottes Stufen,\nDer in seine Engelheere\nDie Geprüften heimgerufen.\nDen umstrahlten Scheitel neigend,\nSinnend, und mit unsagbaren\nGottgeberden, thront er schweigend\nUeber seinen weifsen Scharen."}]}, {"article_id": "pmb-16770", "article_bluemountain": "bmtnabe_1897-04_01#c010", "volume": "bmtnabe_1897-04_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "271", "page_fin": "271", "image_debut": 15, "image_fin": 15, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.2.7", "titre_corps": "ZWEI", "titre_sommaire": "ZWEI", "signature_source": "Gustav Falke", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 15, "page_imprimee": "271", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.15", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 530, "texte": "ZWEI\nGustav Falke\nDrüben du, mir deine weifse\nRose übers Wasser zeigend,\nHüben ich, dir meine dunkle\nSehnsüchtig entgegen neigend.\nIn dem breiten Strome, der uns\nScheidet, zittern unsre blassen\nSchatten, die vergebens suchen,\nSich zu finden, sich zu fassen.\nUnd so stehn wir, unser Stammeln\nStirbt im Wind, im Wellenrauschen,\nUnd wir können nichts als unsre\nStummen Sehnsuchtswinke tauschen.\nLeis, gespenstisch, zwischen unsern\nDunklen Ufern schwimmt ein wilder\nSchwarzer Schwan, und seltsam schwanken\nUnsre blassen Spiegelbilder."}]}, {"article_id": "leu-09852", "article_bluemountain": "bmtnabe_1897-04_01#c011", "volume": "bmtnabe_1897-04_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "271", "page_fin": "324", "image_debut": 15, "image_fin": 76, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.2.7.1", "titre_corps": "Rahmen ; DAS BURGTHOR IN LÜBECK", "titre_sommaire": "Rahmen ; DAS BURGTHOR IN LÜBECK", "signature_source": "E. 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EITNER"}]}, {"article_id": "pmb-16771", "article_bluemountain": "bmtnabe_1897-04_01#c013", "volume": "bmtnabe_1897-04_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "272", "page_fin": "272", "image_debut": 16, "image_fin": 16, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.2.8", "titre_corps": "MEERBILD ; Schlusstück", "titre_sommaire": "MEERBILD ; Schlusstück", "signature_source": "Hans Bethge ; ARTUR ILLIES", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 16, "page_imprimee": "272", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.16", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 957, "texte": "MEERBILD\nHans Bethge\nSturmnacht. Wild gährt das Meer. Die Wolken jagen\nWie Heeresmassen. Manchmal bricht ein Leuchten\nAus Himmelsfernen: fahles Blitzezucken.\nEin Frauenleib jung marmorweifs das Haar\nIn langen Strähnen grofs und weit die Augen\nTreibt durch den Schaum nun, phosphorleuchtend, oben\nAuf schwarzem Wellenberg und endlich fliegt er\nMit Knirschen auf den Strand.\nDa liegt er still. Der Regen prasselt nieder\nUnd wühlt durchs Haar und wenn die Blitze flammen,\nSo fallen sie in einen toten Blick,\nDen nichts mehr blendet.\n#\nDer Tag liegt auf dem veilchenblauen Meer,\nDie Sonne lacht und lachend sind die Fluten.\nVom Fischerdörfchen hinterm Dünensaum\nKommt Glockenläuten. Einen schmalen Sarg\nMit Haideblumenkränzen tragen sie\nDem stillen Platze zu, den man den Friedhof\nDer Heimatlosen nennt. Ein Kirchenlied,\nEin Priesterwort, ein Hügel, dann ein Kreuz,\nZierlos aus Fichtenholz gehauen, drauf\nZwei kalte Ziffern: Nummer achtundsechzig.\n\nARTUR ILLIES"}]}, {"article_id": "pmb-16772", "article_bluemountain": "bmtnabe_1897-04_01#c016", "volume": "bmtnabe_1897-04_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "273", "page_fin": "275", "image_debut": 17, "image_fin": 19, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.2.9", "titre_corps": "WAS DER TOD ERZAEHLT ; ORCHIDEE", "titre_sommaire": "WAS DER TOD ERZAEHLT ; ORCHIDEE", "signature_source": "HERMANN HEIBERG ; ARTUR ILLIES", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 17, "page_imprimee": "273", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.17", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2292, "texte": "WAS DER TOD ERZAEHLT\nVON\nHERMANN HEIBERG\n„Kein schlechteres Geschäft, als meines!“ sagte\nder Tod, der mit dem Schlaf bei einem Glase Wein\nin einer von Menschen verlassenen Leichenkapelle\nsafs und schwatzte.\n„Du meinst, kein besseres,'“ fiel der Schlaf ein.\n„Was ich halb mache, machst Du ganz. Ster-\nben ist doch für die Welt das Endziel, nach dem\n,Leben4 die Summe aller Hoffnungen gewesen.44\n„Gewifs, wenn meine Kraft stärker ist, als die\nder Menschen. Dann komme ich zu meinem Recht,\nund ich bin ein gröfserer Erlöser als Du. Aber\nwährend jeder Dich seinen besten Freund nennt,\ndankbar Deinen Namen preist, werde ich gehafst\nund selbst dann geflohen, wenn sich noch eben\ndie Hände sehnsüchtig nach mir ausgestreckt haben.\nDas, eben das macht mir mein Handwerk so zu-\nwider. Es giebt niemanden auf der Welt, den man\nso zum Narren hält wie mich.44\nUnd als der Tod der ungläubigen Miene des\nSchlafes begegnete, sprach er:\n„Ich will es Dir beweisen! Lafs Dir erzählen!\nIch schritt über eine Brücke, hinter der ein\nGebäude mit dicken Mauern und kleinen Fenstern lag.\nEin enger Korridor führte mich in einen hohen\nRaum ohne Ausgang.\nVor mir lag eine eiserne Treppe, die durch\neinen Mechanismus herabgelassen und wieder em-\nporgezogen wurde, als ich oben hinaufgestiegen\nwar. Achtundvierzig eiserne Thüren führten zu\nachtundvierzig Zellen, die ihr Licht durch ein\nhoch angebrachtes, vergittertes Fenster empfingen.\nIn einer dieser Zellen hockte ein Gefangener,\nbleich, elend, frierend; er faltete die Hände und\nweinte mit flehender Stimme:\n„Ach Tod, wenn Du mich doch erlösen wolltest I\nIch weifs, was auf meinem Verbrechen steht; zwanzig\nJahre Zuchthaus] Zwanzig Jahre Zuchthaus“\nwiederholte er in einem Ton des Grausens. „Dann\nlieber gleich sterben!“\nAls ich das hörte, ergriff* mich tiefes Mitleid;\nich schickte meine Schwester, die Krankheit, voraus;\nsie ergriff* und schüttelte ihn in Schmerzen.\nDa drückte der Mann auf den Knopf der Klingel,\ndie den Wärter herbeirief, und schrie ihm zu:\n„Eile, eile! Ein fürchterliches Fieber rast durch\nmeinen Körperl Angst erfüllt mein Inneres.\nUnerträgliche Schmerzen peinigen meine Brust.“\nIch aber stellte mich, nachdem der Wärter\nfortgegangen, an sein Lager und flüsterte: „Ich bin\nder Tod! Du riefest mich! Willst Du sterben?4\n\nORCHIDEE\nARTUR ILLIES"}, {"page_pdf": 18, "page_imprimee": "274", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.18", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3730, "texte": "Da wehrte er mir schaudernd mit den Händen\nund flehte inbrünstig um sein Leben.\n$\n„Ach, wär ich tot!“ rief in grenzenloser Ver-\nzweiflung eine Stunde später ein junges Mädchen,\nin einem schönen, vornehmen Hause, an dem ich\nzufällig vorüberschritt.\nRasch eilte ich hinein, betrat ihr Zimmer ein\nmit den kostbarsten Dingen und den gröfsten Be-\nquemlichkeiten versehenes Gemach und während\nsie, nach mir seufzend, das Haupt auf die aus-\ngestreckten iVrme herabgebeugt hielt, guckte ich in\nein Schreiben, das neben ihr lag, und dessen Inhalt\neine solche Stimmung in ihr wachgerufen hatte.\nEs war die alte Geschichte von der Liebe, bei\nder ,das Herz zerbricht4.\nAber während ich noch darüber meditierte,\nsprang sie empor, schritt mit bleichen Wangen auf\nund ab und wiederholte ihren Ruf nach mir. Da-\nbei stiefs sie an eine sehr kostbare Meifsner Vase,\ndafs sie niederfiel und in Stücke zerbrach.\n„Was ist ein totes Ding, eine Vase, wenn es\nsich um’s Sterben handelt,“ dachte ich.\nSie aber hatte plötzlich mich vergessen, beugte\nsich herab, las die Stücke auf und setzte sie mit\nangstvoller Miene so aneinander, wie sie ursprüng-\nlich zusammengefügt gewesen waren.\n„Komm!“ sagte ich, „lafs den Quark, und wenn\ner auch Tausende kostete! Du wolltest ja sterben.“\nSie aber schüttelte den Kopf.\n„Morgen, morgen! Heut . . . noch nicht!44\nBald darauf hörte ich, auf die Gasse zurückge-\nkehrt, ein entsetzliches Aechzen und Stöhnen aus\neinem anderen Hause dringen, und ein so herz-\nzerreifsendes Flehen nach mir schlug an mein Ohr,\ndafs ich wiederum weich wurde, rasch die Thür\naufstiefs und nähertrat.\nEin Mann von über siebzig Jahren lag im Bett\nin qualvollen Schmerzen. Das Angesicht war zer-\nfallen, die Augen waren hohl, die Lippen flogen,\nein Rasseln drang aus der Brust.\n„Endlich einer, der wirklich nach mir verlangt,44\nfrohlockte ich.\nIch fuhr ihm mit meiner eiskalten Hand über\nden Rücken und griff an sein zuckendes Herz.\nIn diesem Augenblick erschien ein Arzt.\n„Vater, Vater!“ drangs aus dem Munde eines\nMädchens. „Der Doktor ist da der Doktor,\nVater! Fasse Mut es wird noch alles gut\nwerden!“\nUnd der Doktor flöfste ihm einen Trank ein,\ndurch den Du, Bruder Schlaf, herbeigerufen wur-\ndest, und ich war der Betrogene!\nNoch einmal kam ich gegen Abend zurück.\nDa hörte ich ihn mit zitternder Stimme flüstern:\n„Ich danke Dir, barmherziger Gott, dafs Du\nmir noch einmal das Leben schenktest.“\n$\nIn derselben Stunde vernahm ich, als ich in der\nDunkelheit über die Strafse wanderte, einen Mann\nvor mir so tief seufzen und stöhnen, dafs ich un-\nwillkürlich aufhorchte.\nEr sprach mit sich selbst, und ich verstand die\nWorte:\n„Alles, alles dahin. Nun war’s das Letzte!\nEs bleibt nichts, als der Tod.“\nUnd er ging durch die Stadt, bis er an das\nUfer des Flusses kam, da wo die hohe Brücke zum\nanderen Ufer sich wölbt.\nEr stellte sich menschenleer war’s hier und\nringsum an das Geländer und rief mich an:\nIch möge es schnell machen, wenn er sich\nhinabstürze.\n„Gewifs! Dein Wunsch kann erfüllt werden!“\nsprach ich, mich neben ihm aufrichtend und ihn\nangrinsend mit meiner schwarzen Maske.\nAber was geschah!?\nJählings schüttelte er sich, trat grausend von\nmir zurück und ging nicht, sondern floh. In einem\nCafe sah ich ihn später sitzen. Er trank eine\nFlasche Wein mit zwei leichtfertigen Dirnen, die\nsich dort Eintritt verschafft hatten; sie lachten und\nscherzten und stiefsen mit ihm an und riefen:\n„Du sollst leben!“\nUnd er lachte auch und dankte.\nDer hatte mich also ebenfalls genarrt!\n*\nDann war ich am Frühmorgen in der Kirche.\nAuf der Kanzel stand ein würdiger Mann, und\nunten safsen viele Hunderte, die ihm andächtig\nzuhörten.\nEr sprach:\n„Darum glaubet nicht, dafs der Tod ein Schrecken\nsei, sondern wollet ihn gern empfahen als einen"}, {"page_pdf": 19, "page_imprimee": "275", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.19", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3097, "texte": "hohen Friedentürsten. Er vermählet uns mit Gott-\nChristus, und durch ihn gehen wir ein in die lachen-\nden, von det Sonne ewiger Glückseligkeitbeschienenen\nGefilde. Was kann es Herrlicheres geben, als ab-\nberufen zu werden in eine bessere in die himm-\nlische Welt?“\n„Aha!“ dachte ich. Und als der letzte Kirchen-\nstuhl geklappt hatte, als der Küster den Schlüssel\nzur Klingelbeutellade abgedreht, und der Geistliche\nnun auch aus der Sakristei trat und über den\nKirchhofweg die Schritte nach Hause lenkte\nSonne war ringsum, Leben und Auferstehung in\nder Welt packte ich ihn hinterrücks an, schüttelte\nihn in Fieber und bereitete so vor, was er selbst\nals höchstes Glück gepriesen hatte.\nAber da flogen seine Hände zusammen, und\nwährend er voll Not und Eile und Angst dem\nPfarrgebäude zustrebte, flüsterte er:\n„O, ewiger, einziger Gott, hilf mir! Nimm\nvon mir das fürchterliche Uebelbefinden. Was\nhast Du mit Deinem sündigen Knecht vor? Willst\nDu den Ernährer seiner Familie entreifsen, sie in\n$\nKümmernis und Verderben stürzen? Lafs mich\nleben! So grofse Aufgaben liegen mir noch ob!\nIch kniee vor Dir im Staube!“\n„Geh!“ dachte ich und entwich. „Aber lerne\ndaraus, wie sträflich es ist, mit dem Allerheiligsten\nzu spielen.“\n❖\n„Und noch ein letzter Fall von den tausenden\nund abertausenden!“ schlofs der Tod und schenkte\ndem bei seinen Berichten nachdenklich gewordenen\nSchlaf den Rest aus der Flasche ein:\n„Ich hörte eine Stunde später, als ich wiederum an\ndem Bette eines jungen Kranken stand, der so sehn-\nsuchtsvoll nach mir gerufen, dafs der Arzt sagte:\n„Ja, mein lieber Freund! Ich fühle mit Dir!\nIch weifs, welche furchtbare Qual Du leidest! Aber\nwas Du verlangst, darf ich nicht gewähren. Ich\nkann Dir kein Pulver und keine Pille reichen, die\nDich erlöst.“\n„Ich bitte, ich flehe Dich dennoch an!“ hauchte\nder Kranke. „Du thust ja das gröfste Gotteswerk,\neinen so furchtbar leidenden Menschen, wie mich,\nzu befreien! Kann’s ein Vergehen sein, da Du selbst\nsagst, dafs ich unrettbar dem Tode verfallen sei!?“\nAber der Arzt schüttelte den Kopf.\n„Ich kann nur eines, mein teurer Freund! Hier\nist ein Schlafmittel. Nimm davon drei Pillen, so\nwirst Du wenigstens vorübergehend der Schmerzen\nenthoben! Aber nicht mehr! Beachte wohl! Nimmst\nDu gar die dreifache Anzahl, so —“\nUnd er ging, und ich stellte mich an’s Fufsende\ndes Bettes und wartete, wie viele Pillen er nehmen\nwerde.\nUnd er griff auch nach der Schachtel und liefs\nneun Pillen in seine zitternde Hand gleiten; auch\nrückte er ein Glas mit Wasser näher, das er trinken\nwollte zum leichteren Verschlucken der Arznei.\n„So! Endlich einer, der mich liebt!“ flüsterte ich.\nDoch\nNach bebendem Besinnen schluckte er drei\nKügelchen hinunter das dritte gar schon zögernd,\nbedenklich lehnte sich zurück in die Kissen und\nwartete statt meiner Deiner, mein Bruder\nSchlaf.“\n„Und ich kam! Ja! Ich erinnere mich,“ fiel\nder Schlaf bestätigend ein.\n„Und jener Mann, ich weifs es, lebt heute noch\nunter tausend Qualen und —“\n„Und fürchtet nichts mehr, als mich! Ja, ja!“\nschlofs der Tod, den Satz beendend, und ein stilles\nLächeln flog über sein Angesicht."}]}, {"article_id": "leu-10083-2", "article_bluemountain": "bmtnabe_1897-04_01#c019", "volume": "bmtnabe_1897-04_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "275", "page_fin": "275", "image_debut": 19, "image_fin": 19, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.2.9.2", "titre_corps": "Schlusstück", "titre_sommaire": "Schlusstück", "signature_source": "LEO PROCHOWNIK", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 19, "page_imprimee": "275", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.19", "debut_caractere": 3099, "fin_caractere_exclue": 3113, "texte": "LEO PROCHOWNIK"}]}, {"article_id": "pmb-16773", "article_bluemountain": "bmtnabe_1897-04_01#c021", "volume": "bmtnabe_1897-04_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "276", "page_fin": "276", "image_debut": 20, "image_fin": 20, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.2.10", "titre_corps": "IM GARTEN", "titre_sommaire": "IM GARTEN", "signature_source": "OTTO ERNST", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 20, "page_imprimee": "276", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.20", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1010, "texte": "IM GARTEN\nVON\nOTTO ERNST\nJa, ich weifs, dafs hier um Aug’ und Wangen\nEine Flut von Duft und Schimmer drängt,\nWeifs, dafs eine Traube schwerer Knospen\nFast herab bis auf die Stirn mir hängt\nAber lafst mich doch die Sinne schliefsen\nVor dem Drang, mit dem der Frühling naht,\nUnd mich nur die Offenbarung fühlen:\nDafs mein Flerz noch Kraft zur Freude hat.\nDenn ich ging durch einen langen Winter,\nStand vor einer tief zerstörten Welt;\nSpöttisch hatt’ ich zwischen Furcht und Hoffen\nMeine Lebenswage festgestellt.\nAls mich heut’ nun diese Sonne weckte,\nSprang mein Herz, ach Freunde, sprang mein Herz!\nRifs mit einem Schrei sich aus der Tiefe,\nSchluchzen hört’ ich’s wie vor Lust und Schmerz.\nDas ist Glück für heut’ und viele Tage!\nAlt und schal war mir die grofse Welt\nUnd nun hat ein Flimmer sich, ein Stäubchen\nNeu und hell vor meinen Blick gestellt.\nLafst mich, lafst mich nur die Sinne\nDieser Fülle weifs ich sonst nicht Rat.\nEinen Tag lang will ich’s klingen hören:\nDafs mein Herz noch Kraft zur Freude hat."}]}, {"article_id": "leu-10099", "article_bluemountain": "bmtnabe_1897-04_01#c022", "volume": "bmtnabe_1897-04_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "276", "page_fin": "276", "image_debut": 20, "image_fin": 20, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.2.10.1", "titre_corps": "THAUWETTER", "titre_sommaire": "THAUWETTER", "signature_source": "VALENTIN RUTHS", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 20, "page_imprimee": "276", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.20", "debut_caractere": 1012, "fin_caractere_exclue": 1037, "texte": "THAUWETTER\nVALENTIN RUTHS"}]}, {"article_id": "pmb-16774", "article_bluemountain": "bmtnabe_1897-04_01#c024", "volume": "bmtnabe_1897-04_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "277", "page_fin": "277", "image_debut": 21, "image_fin": 21, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.2.11", "titre_corps": "ELEGIE", "titre_sommaire": "ELEGIE", "signature_source": "Otto Erich Hartleben", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 21, "page_imprimee": "277", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.21", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 909, "texte": "ELEGIE\nOtto Erich Hartleben\nDu meines Blutes Unruh, heimliche Liebste du,\ndie du verstohlen nur die dunklen Blicke schenkst,\no lafs aus deinen schweren Flechten braune Nacht\num meine Sinne strömen, lafs Vergessenheit\nhinfluten über niegestillte Lust und Qual\nIch seh uns wandeln unter kahlem Winterwald,\nins Morgenrot durch streifende Lüfte ging der Weg,\nwir frohen schritten Hand in Hand und beteten stumm\nund glaubten an den Frühling, als der Schnee noch lag.\nDu sollst nicht weinen gieb mir deine liebe Hand.\nDer Frühling kam, uns beide fand er nicht vereint;\nin Sommernächten duftete süfs der Lindenbaum,\nwir aber durften nicht in Liebe beisammen sein.\nNun ward es Winter wieder und es starrt der Schnee,\ndoch still aus Schmerzen spriefst uns wohl ein spätes Glück,\ndas leise webt und langsam um uns beide her.\nLafs uns umhüllt von deinen braunen Haaren sein,\ndu meines Blutes Unruh, heimliche Liebste du."}]}, {"article_id": "leu-10167", "article_bluemountain": "bmtnabe_1897-04_01#c025", "volume": "bmtnabe_1897-04_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "277", "page_fin": "277", "image_debut": 21, "image_fin": 21, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; 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SOMMER", "titre_sommaire": "PARABEL ; SOMMER", "signature_source": "Max Beyer ; ARTUR ILLIES", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 22, "page_imprimee": "278", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.22", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1535, "texte": "PARABEL\n\nAbend.\nDurch die blassen Lichtwellen segeln dämmergraue Wolkenschiffe.\nIn einem Gärtchen vor einem Landhause spielen zwei Kinder: ein Knabe mit\nbleichen Wangen und dunkelglühenden Augen, gebrechlich von Gestalt und von\nkränklichem Aussehen, und sein Schwesterchen, etwas älter, kräftiger, rotbäckiger. Sie\nschaufeln mit steinernen Scherben Sand empor und häufen ihn zu einem Berg.\nPlötzlich hält das blonde Mädchen inner\n„Ich mag nicht mehr!“\n„Ich auch nicht, Elsa!“\nDie Steinscherben fliegen fort.\n„Hans, wo hast du den Kasten mit den Bäumen zum Aufstellen? Lass’ uns\ndamit spielen!“\n„Weifs nicht!“ flüstert der Knabe wie abwesend und faltet die mageren, bläulichen\nFinger. Dabei blickt er starr auf die sdrwerduftenden Rosen und zuckt zusammen,\nwenn eine Luftwelle kommt und den süfsen Blumenodem über ihn ausgiefst.\nElsa läuft ins Haus und kommt mit einem Kasten unter dem Arm zurück.\nLächelnd reckt sich die gebückte Gestalt des Knaben empor und die Hände greifen\nbegierig nach dem Spielzeug. Bäume, hölzerne Bäume, und nachgemachtes Moos\nliegen in der Schachtel durcheinander. Emsig wühlen die kleinen Finger in den\nHolzflguren herum und stellen Baum um Baum in langer Doppelreihe auf.\n„Miss ab, miss ab!“ tönt es fast befehlend aus des Knaben Munde.\nEinen halben Schritt weit sollen die Bäume auseinanderstehen, so will es Hans.\nSie spielen oft so, und jedesmal mufs Elsa abmessen.\nJetzt ist der letzte Baum aufgestellt, das Moos ausgebreitet. Der Knabe richtet\nsich auf, leuchtend vor Befriedigung:\n\nSOMMER\nARTUR ILLIES"}, {"page_pdf": 23, "page_imprimee": "279", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.23", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2752, "texte": "„Ein Wald, ein wirklicher Wald!“\nEr stellt sich an diese, an jene Seite, unausgesetzt spähend, ob auch alle Ent-\nfernungen zwischen den hölzernen Bäumen gleich sind. Sie sind es und er lächelt,\nwenig, ganz wenig, aber er lächelt.\nSo steht er eine Weile, versunken im Anschauen seines Kunstwerkes, und\nwacht erst auf, als sich schmeichelnd ein Arm um seinen Hals schlingt: „Bruder\nHans ein grofser Wald ist aber anders!“\nEr wird blafs und fragt atemlos:\n„Wo hast du’s geseh’n?“\n„Da da!“ sie deutet nach dem drüben emporragenden, schwarzschattigen\nWald, auf dessen goldgrüne Wipfel sich mählich die glühende Sonnenfackel neigt.\nDer Knabe legt die Hand ans Auge und starrt hinüber. Dann nimmt er krampfhaft\nsein Schwesterchen bei der Hand und läuft mit ihm hinüber, hinüber nach dem Walde,\nwo die dunklen Buchen ihr Schlummerlied rauschen.\n„Wo?“ Der Knabe bleibt stehen, seine schmale Brust keucht. „Wo?“ fragt er\nheftig und drückt Elsas Hand, dafs das Mädchen aufschreit.\n„Sieh, Hans,“ antwortet sie, „diese Bäume stehen gar nicht so gleich weit\nvon einander; bei dir hab’ ich alles abgemessen, einen halben Schritt weit, hast du\ngesagt, aber hier “\n„Sie stehen gleich, sie müssen doch gleich stehen,“ murmelt der Bruder. Er sieht\nzwar deutlich, wie hier zwei, dort drei Bäume dicht gedrängt beieinanderstehen,\nwährend an anderer Stelle wieder eine Buche vereinzelt emporragt, trotzdem mifst er\ndie Entfernungen ab aber es stimmt nichts. In seine Augen schleichen sich zwei\ngrofse Thränen. —So Unregelmäfsiges hat er noch nicht gesehen. Zu Hause, in dem\nZimmer mit den grünen Gardinen hängen die goldumrahmten Gemälde an der Wand\ngleich weit von einander entfernt, die Achtecke auf den rotbraunen Tapeten begegnen\nsich in gleichen Zwischenräumen. Stundenlang hat er schon davor gestanden. Und\nes hat immer gestimmt, wie sorgfältig er auch geprüft hat. Allein hier\nDann blickt er trotzig empor und ruft siegesgewifs: „Elsa der Wald ist ja\nverkehrt, ist falsch, ganz falsch gemessen!“ Das blonde Schwesterchen aber küfst ihn und\nzieht ihn am Arm mit sich fort. Am Waldausgang steht der Knabe noch einmal still.\n„Alles . . . durcheinander.“\nAuf die auflodernden Buchenkronen sinkt langsam die Sonnentackel herab\nund verglüht knisternd zwischen dem dunklen Laubwerk.\nIn dem Gärtchen vor der Villa schmiegen sich die Rosen aneinander, über die\nweifsen Treppenstufen huschen in gelben Mondgewändern die Träume ins Haus. Vom\nsommerlichen Himmel blinkt ein funkelnder Stern durch das Villenfenster und streicht\nmit silbernem Finger einem schweratmenden, blassen Knaben sanft die Locken von\nder heifsen Stirn. Und wie die Brust des Schläfers heftiger wogt, da kommt es\nhervor zwischen den zusammengeprefsten Lippen: „Drüben der Wald ist\ndoch verkehrt!“\n\nMax Beyer"}]}, {"article_id": "pmb-16776", "article_bluemountain": "bmtnabe_1897-04_01#c030", "volume": "bmtnabe_1897-04_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "280", "page_fin": "280", "image_debut": 24, "image_fin": 24, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.2.13", "titre_corps": "DIE HOCHZEIT ZU KANA", "titre_sommaire": "DIE HOCHZEIT ZU KANA", "signature_source": "Hans Benzmann", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 24, "page_imprimee": "280", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.24", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1121, "texte": "DIE HOCHZEIT ZU KANA\nHans Benzmann\nUnd Rosenduft und süsser Duft von Wein\nVermählten sich im goldnen Abendschein.\nDas war ein Tag der Freude! Jubelnd klang\nzum Saal empor der Mägde Festgesang,\nund himmelsrein das Lied der Harfe scholl.\nDie Gäste lauschten süssen Weines voll.\nAuf seinem Purpurpfühl das selige Paar\nin sich und seinem Glück versunken war . . .\nSprach Thomas, einer von den Zwölfen, leise\nzu Petrus da: „Ich deut’ in meiner Weise\ndas heilige Wunder, das wir heut gesehn\nGott liess ein grössres hier vor uns geschehn!\nSieh diese beiden! Wasser ward zu Wein:\nZum Liebesrausch ihr ganzes Erdensein!“\nUnd jubelnd klang und schwamm auf Rosenduft\ndas Lied der Liebe durch die goldne Luft . . .\nIndess stieg fern im Ost der Mond empor.\nUnd leise ging das morsche Gartenthor:\nUnd Christus war allein. Er sah zurück:\nIn diesem Blick lag all sein reiches Glück . . .\nStill lächelnd ging er durch die duftige Pracht\ndes Kornes. Süss verworrn klang durch die Nacht\nder Vögel Ruf im mondbeglänzten Ried,\ndas Rauschen reifer Aehren, und das Lied\nder Sehnsucht, süss das Harfenlied der Liebe\nUnd Christus war allein . . ."}]}, {"article_id": "leu-09961", "article_bluemountain": "bmtnabe_1897-04_01#c031", "volume": "bmtnabe_1897-04_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "280", "page_fin": "287", "image_debut": 24, "image_fin": 33, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.2.13.1", "titre_corps": "DORFSTRASSE ; Dorfstrasse ; LANDSEE", "titre_sommaire": "DORFSTRASSE ; Dorfstrasse ; LANDSEE", "signature_source": "P. KAYSER ; P. Kayser ; P. 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Sie war blind geboren und hielt die\nLider stets geschlossen wie eine Schlafende. Ihr Körper war\nschlank und zart, Gesicht, Hände und Füfse gleichmäfsig\ngebräunt von italischer Sonne, schwarz das wellige Haar.\nSehr kleine Ohren horchten darunter hervor, und fein erhob\nsich die Nase, die zarten Flügel waren beständig in leichter\nBewegung: sie roch und hörte, so schien es, die Dinge, wie\nwir sie sehen, sie roch und hörte das Meer und den Sand,\nMorgen und Abend, Häuser, Bäume und Menschen, und\nwas ihr Geruch und Gehör nicht verrieten, das fühlten die\nSohlen der nie bekleideten Füfse. Selten nur sah ich sie\ntasten mit ihrem Stab, den sie meist frei in der Linken trug,\nohne den Boden damit zu berühren, die Arme hingen fast\nimmer ruhig herab. Wenn sie das Nahen von dichteren\nMenschengruppen bemerkte, hob sie die Rechte in Schulter-\nhöhe und streckte den Kommenden stumm die Innenfläche\nder Hand entgegen, stehen bleibend, ganz regungslos, bis\njene vorbei.\nDie andren Blinden, deren es viele hier gab, wurden ge-\nführt, Selene ging immer allein. Dennoch fiel mir dies\nerst nach öfteren Begegnungen auf: so gleichmäfsig fest war\nihr Schritt, so ruhig und sicher jede Bewegung. Erst als ich\nsie eines Nachmittags auf dem Molo des kleinen Hafens sah,\neinem Steindamm, der schmal und ohne Geländer weit in\ndas Meer hinausging, erschrak ich und fragte zwei eben\ndaherkommende Carabinieri, ob das erlaubt sei? Das blinde\nMädchen schwebe doch stets in Gefahr ohne Führung, ganz\nbesonders hier auf dem Molo.\nBeide zuckten die Achseln, der eine ging langsam voran,\nder andere gab mir die ersten Nachrichten über das Kind.\nUebrigens habe es keine Gefahr, sie sei noch nie zu Schaden\ngekommen: im Anfang des Sommers, bevor das Bad sich\ngefüllt und die Buden am Strande sämtlich eröffnet, mache\nsie wochenlang die tägliche Runde gemeinsam mit einem\ntaubstummen Knaben ihrer Verwandtschaft und lerne dadurch\nalle Veränderungen kennen; später gingen dann beide allein,\nda sich das besser rentiere.\nIch sagte, in meinem Vaterlande seien für solche unglück-\nliche Menschen Häuser, von Staats- oder Stadtwegen oder\ndurch Stiftung, in denen sie unterrichtet, ernährt und be-\nschäftigt würden.\n„Wir anderen Italiener“, gab er zur Antwort, „sind nicht\nso reich wie Ihr. Hundert Lire von uns sind weniger als\nhundert Lire Sterlini.“\n„Ich bin kein Engländer, sondern ein Deutscher.“\n„Sind Sie aus Petersburg, Herr?“\n„Das liegt in Russland. Ich bin bei Hamburg zu Haus.“\n„Aber das ist ganz nahe bei Petersburg, Herr.“\nWeiteres Gespräch mit diesem Hüter der Ordnung und\nSitten schien mir nicht nötig, daher dankte ich ihm für die\nAuskunft und wandte mich.\nMit der Blinden nahm ich mir vor, einmal selber zu\nsprechen und sie zu warnen. In ihrer Erscheinung lag etwas\nGrofses, Heroisches, trotz der geringen Mafse ihrer Gestalt.\nEs reizte mich immer wieder, sie zu beobachten, aber zu\neinem ungestörten Gespräch fand sich so bald keine Gelegen-\nheit, denn man sah sie natürlich fast nur, wo viele Menschen\nbeisammen waren. Sie wanderte dann durch die lange Reihe\nder buntbewimpelten Stabilimente, trat an die Hütten, an\njede Gruppe heran, ging über die Galerien, die sich in’s Meer\nhinaus schoben, und streckte stumm einen kleinen Teller von\nMessing aus. Am späteren Abend erschien sie in den Strand-\nrestaurants und schritt die besetzten Tische ab, an denen die\nlustigen Leute Eis und Kaffee, Vermouth und Bier genossen\nbei Feuerwerk und Musik. Selten nur gab das Tellerchcn\nmatten Klang von einem hinaufgeworfenen Soldo, seltener\nnoch begleitete ihn ein freundliches Wort, obwohl sie jedem\nGeber versprach, sie wolle ihn dem Himmel empfehlen. Daran\nlag den Fremden nicht viel, es schien sie im Gegenteil manch-\nmal zu ärgern, aber sie waren doch fast die einzigen, die\netwas gaben. Italiener sind grausam, sie haben für Tiere und\nunvollkommene Menschen kein Mitgefühl und machen da-\nzwischen keinen erheblichen Unterschied.\nEines Morgens safs ich allein auf der Galerie meiner\nBadeanstalt, draufsen weit in dem Pavillon, der das Ende der\nlangen Pfahlbrücke bildete. Graues Gewölk wob sanfte\nSchleier vor das Gebirge, ein weicher Regen fiel nieder, und\nwenn es zu regnen wagt mitten im Sommer, verkriechen die\nItaliener sich scheu und empört. So safs ich allein, was\nselten geschah, und schrieb ungestörter als sonst. Ein hier\nkaum fühlbarer Wind, der in der Ferne sehr heftig gewesen\nsein mufste, hatte das flache Meer über Nacht mächtig er-\nregt: krachende Wogen brachen sich unter dem Boden des\nPavillons und rüttelten wild an den Pfählen, weither kamen\nsie schäumend getanzt und rasten an mir vorbei zur Rechten\nund Linken, riesige Rosse mit weifsen, flatternden Mähnen.\nAls ich nachsinnend auf blickte, über die brodelnde Weite\nhinaus, sah ich Selene neben mir stehn.\n„Guten Morgen, ich hatte dich nicht bemerkt/4\nSie erwiderte nichts. Erst als ich etwas auf ihren Teller\ngelegt, erklang das gewohnte; „Ich will Sie dem Himmel\nempfehlen, Herr!“\n„Du wirst heute wenig bekommen. Die Meisten bleiben\nzu Hause.“\n„Ja Herr, die Luft ist nafs.“"}, {"page_pdf": 28, "page_imprimee": "282", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.28", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5766, "texte": "„Gehst du da in die Häuser ?cc\n„Nein Herr, an den Thüren geben sie nichts und\nschelten.“\n„Erkennst du mich wieder?“\n„Ja, Herr. Sie fragten mich doch, wie ich heifse, wie\nalt ich sei, und warum ich nicht falle.“\n~Ganz richtig, Selene. Nicht wahr, dein Vater ist tot?\nWas war er?“\n„Fischer, Herr, auf Francesconis Paranza. Es ist die\ngröfste Paranza von allen. Als sie das Netz in’s Meer gelegt\nhatten und den Mast für das Seitensegel hinausschoben, da\nglitt er aus, und der schwere Baum zerschlug ihm den Kopf.\nEr war der erste Edelmann Italiens, sagt meine Mutter.\nKennen Sie meine Mutter, Herr?“\n„Nein.“\n„Sie geht und ruft Fische aus. Wollen Sie von ihr\nkaufen?“\n„Gern, aber es sind viele, die mit Fischen gehen.“\n„Nur eine heifst Riciola, das ist die Mutter. O, ihre\nFische sind schön, Herr, es sind die besten, wahrhaftig.“\n„Efst ihr auch von den Fischen?“\n„Manchmal bleiben welche zurück, die nicht mehr frisch\ngenug sind für den andern Tag.“\n„Fleisch aber efst ihr wohl wenig?“\n„Fleisch essen die Reichen, Herr, und die Hunde. Wir\nandern Christen essen kein Fleisch.“\n„Was verdient deine Mutter sich täglich?“\n„Oft sagt sie, ich hätte es besser als sie.“\n„Aber ich glaube, du selber bekommst auch nicht viel.“\n„Doch, Herr. Manchmal habe ich zwanzig und mehr.\nZwanzig sind schon eine Lira.“\n„Und im Winter, bekommst du da auch was?“\n„Aber, Herr, dann sind keine Fremden hier.“\n„Das ist wahr. Was macht ihr im Winter?“\n„Wir sprechen viel mit den Nachbarn, oder wir sitzen\nallein.“\n„Und was arbeitet ihr dabei?“\n„Arbeiten, Herr?“\n„Hast du nicht etwas gelernt, eine Handarbeit oder\nMusik? Deine Hände sind fein.“\n„Aber, Herr, ich bin eine Blinde 1“\nEs klang beinah wie ein Vorwurf, und sie schien un-\ngeduldig zu werden. Ich mochte für heute das Kind nicht\nweiter mit Fragen quälen.\n„Höre eins noch, Selene. Ich wollte dich immer schon\nwarnen: geh nicht allein auf den Molo.“\n„Warum nicht, Herr? Der Molo ist fest.“\n„Aber nur eine Seite hat eine ganz niedrige Mauer, die\nandere nichts. Das Wasser ist da sehr tief, und das Gedränge\noft grofs.“\n„Dort sind am Nachmittag die meisten Fremden.“\n„Kannst du nicht warten am Eingang?“\n„Nein, Herr, das ist nicht gut. Wenn sie sitzen, geben\nsie besser, sonst gehn sie vorbei.“\n„Du mufst es wissen, Selene. Aber nimm dich in Acht.\nWillst du?“\n„Ja, Herr.“\nDa ich sie so lange aufgehalten, gab ich ihr noch etwas.\n„Ich will Sie dem Himmel empfehlen, Herr.“\nDamit ging sie. Ich sah ihr nach, wie immer von neuem\nerstaunt über die unbedenkliche Sicherheit, mit der sie die\nRichtung einhielt, Stufen und Schwellen nahm und im Wege\nBefindliches mied: Stangen und Seile, Tische und Stühle sogar,\ndie doch immerfort umgestellt wurden. Ohne zu tasten!\nWie eine Fledermaus. In ihrem bräunlich-grauen Gewand\nähnelte sie in der That einer Fledermaus.\nEigentlich war sie interessanter, wenn sie nicht sprach:\nnach dem Eindruck, den ihre Erscheinung mir immer\ngemacht, hatte ich ein ganz eigenartiges Wesen erwartet.\nEtwas Höheres, Prophetisches, Ueberirdisches.\nDies Gefühl überraschte mich, als ich schon wieder zur\nArbeit zurückgekehrt war. Ich war enttäuscht. Aber dann\nsagte ich mir, dafs ich diese Enttäuschung selber verschuldet.\nIch sollte mir für ein anderes Mal eine Reihe besserer Fragen\nüberlegen, um tieferen Einblick in ihre dunkle Seele und ihre\nVorsteilungswelt zu erlangen. Was zum Beispiel hiefs für\nsie Raum und Zeit? wie anders mufste besonders der Raum-\nbegriff sich in so einem blindgeborenen Menschen entwickeln!\nund was bedeutet für sie das Leben, die Welt? in wie weit\nist sie sich klar über das, was ihr mangelt? wie denkt sie\nsich wohl das Sehen? kann man das überhaupt? Und wie\nkommt man dahinter?\nNach einigen Tagen, an denen die Blinde mich stets,\naber niemals allein, auf dem gewohnten Platze fand, lockte\nmich ein besonders herrlicher Abend, in ein anderes Stabiliment\nzu gehen, dessen Galerie einen breiten hölzernen Turm trug.\nUeber dem dunklen, nur leicht gekräuselten Meer\nschwebte, dem Sinken schon nah, der tiefrot glühende\nSonnenball in leuchtendem Dunst, dessen warmes Feuer sich\naufwärts in kaltes, immer blässeres Grün verlor. Eine breite\nStrafse tanzenden Lichts dehnte sich zu mir heran über die\nFluten, zuckender Widerschein sprang auf der ganzen Fläche\nempor, und in rosigem Hauch schimmerten alle die kleinen\nKämme der Wellen herauf. Hart Umrissen zeichneten sich\ndie Zacken und Spitzen der Berge am Himmel ab : sie schauten\ndahin über das endlose Meer, weit, weit endloser noch für\nsie, als die Menschen es sehen mit ihren durstigen Augen.\nAber nein, sie geniefsen’s ja nicht, sie sind ja blind. Blind\nwie Selene. Was geschähe ihr wohl, wenn sie plötzlich, hier\nneben mir stehend, Sehkraft gewönne? wenn die Natur, mit-\nleidig gerührt durch ein so herbes Entbehren, ihr endlich ver-\nliehe, was sie doch selbst den Mücken nicht vorenthielt, die\nmich umsummten?\nEben näherte sich die Sonne der scharfen Linie des\nHorizonts. Es schien, als wolle sie sich mit dem Meer zer-\nfliefsend vermischen, als giefse sie ihre Glut ganz auf-\ngeschmolzen hinein; unten strömte das reine Gold in die\nFlut, oben erhielt sich die Kugelgestalt. Aber nur kurz\nwährte das Spiel. Denn schnell, als freue sie sich des er-\nfrischenden Bades, tauchte sie ein, weiter und weiter, und\njetzt jetzt war auch die äufserste Spitze verschwunden.\n„Herr Doctor, Sie hier?“\nIch erschrak. Auf die Menschen ringsum hatte ich nicht\ngeachtet, und die Begrüfsung war mir so unangenehm wie\nüberraschend. Es war ein deutscher Maler, den ich im\nWinter einmal, in Florenz, bei derselben Familie kennen\ngelernt, mit der er auch hier zusammensafs, einem Professor\nund seiner Tochter. Man war so liebenswürdig zu glauben,\ndafs mich das Wiedersehen freue, und machte mir Platz am\nTisch. Dem allerdings widersetzte ich mich, denn ich sollte"}, {"page_pdf": 29, "page_imprimee": "283", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.29", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 6522, "texte": "dem Abendhimmel den Rücken kehren, und nur mit Mühe\nbewog ich sie, an der Brüstung Platz zu nehmen, da wo ich\neben gestanden. Der Maler setzte sich neben die Tochter,\nfür die er sich, wie mir einfiel, schon früher interessierte.\nIn der That, sie war schön: prachtvoll safsen die tiefen,\nglühenden Augen in dem edelovalen Kopf, ich wufste, es\nwar nichts dahinter, aber auch dumme Augen können sehr\nschön sein, Kühe haben sogar ganz herrliche Augen. Der\nVater war ein kleiner ältlicher Mann, dessen Physiognomie\nnicht mehr verbarg, als sie versprach; alles schielte an ihm,\nAugen, Schultern und Beine.\nDie Gesellschaft war von dem Aufenthalt wenig erbaut,\nund obwohl sie erst zwei Tage hier war, hatte doch jeder schon\netwas Besonderes entdeckt, das ihm mifsfiel: der Professor\nfand es zu laut, dem Maler waren die Berge zu fern und die\nKüstenbildung zu uninteressant, das Fräulein ärgerte sich über\ndie vielen Bettler, die Lahmen und Blinden.\nLebhaft stimmte der Maler ihr bei: cs sei eine freche\nBande, und obendrein verderbe ihr Ekel erregender Anblick\nihm den Genufs der Natur.\nIch bemerkte, das treffe doch nicht auf alle zu, und er-\nwähnte des Mädchens. Er hatte Selene auch schon gesehen\nund begriff mich nicht. In Rücksicht auf die zwischen uns\nSitzenden sprachen wir italienisch.\n„Wäre ich Maler wie Sie,“ sagte ich, „so würde es mich\nunzweifelhaft reizen, dies arme Geschöpf in scharfem Contraste\nzu einer farbenglühenden Landschaft zu malen.\"\n„Machen Sie doch ein Gedicht daraus,\" entgegnete er,\n„ein gutes Bild wird das nie.\"\n„Ei gewifs, es ist sogar eins, darum vielleicht dürfte\nman es nicht noch einmal machen. Sie kennen doch Pigl-\nheins ,Blindec?\"\n„O ja. Aber ich mag’s nicht. Was Sie daran scheinbar\nentzückt, verdirbt es mir gerade. Denken Sie sich in das\nMädchen Augen hinein, dann ist es gut. Nichts ist schöner\nam Menschen als das Auge, nichts für den Maler bedeutender.\nWenn er es aber geschlossen malt, so bringt er uns um das\nBeste und drückt, einem genrehaften Gedanken zuliebe, das\nKunstwerk zur Illustration herab. Diese sogenannten Ideen\nsind überhaupt für die Kunst ein Verderb. Und gar eine\nBlinde! wie kann man nur so etwas malen? das ist ge-\nschmacklos.\"\nWährend das Fräulein aus ihren herrlichen Augen dem\nFreund einen Blick dankbaren Verständnisses zuwarf, rührte\nsich jetzt zu meiner Verwunderung der Professor und war\nmit einer Antwort schneller zur Hand als ich:\n„Ueber Geschmack sollten die Herren nicht streiten.\nHistorische Denkart schützt uns davor, das eigene Gefühl\nfür absolut richtig zu halten, und in nichts schwankten von\nje die Meinungen mehr als in ästhetischen Dingen. Die Alten\nsind uns in Vielem ein Mafs, und sie liefsen die Blindheit\ngelten auch in der Kunst. Oedipus selbst, der sich die Augen\ngrausam zerstörte, war ihrer Empfindung nicht widrig: sie\nkonnten ihn auf der Bühne stundenlang sehen, und ihre\nAusdrucksmittel waren recht derb.\"\n„Sehr richtig!\" fiel ich ihm bei. „Für die Alten lag in\nder Blindheit sogar etwas Hehres, Heiliges. Als Blinde\ndachten sie sich die Seher, so widersprechend das scheint,\nja Homer, Homer selbst war blind in ihrer Idee, und so\nauch stellte die Kunst ihn dar.\"\n„Verzeihen Sie,Cc sagte der Maler, „die Wissenschaft mag\ndergleichen Wandlangen des Geschmacks registrieren, soviel\nsie will, bekommt sie denn dadurch das Recht, uns\nLebende zu entmündigen, uns unentschieden und halb zu\nmachen? O, sie hat es darin schon weit gebracht! Mich\naber soll sie nicht hindern, zu fühlen und folglich zu sagen:\ndie Alten sind in diesem Punkte geschmacklos, geschmacklos\nund obendrein thöricht. Blinde Seher gebe ich zu: wer die\nZukunft schaut, bedarf nicht des Anblicks der Gegenwart.\nDas ist ein Gedanke und will nicht mehr sein. Aber ein\nblinder Dichter, ein blinder Homer gar, dieser Homer, der\nalle Natur so intim beobachtet hat, nein hören Sie, das\nist doch einfach Unsinn!\"\nDas schöne Fräulein lachte vergnügt: für so dumm habe\nsie doch die alten Griechen bisher nicht gehalten. Auch der\nProfessor lächelte vor sich hin: dafs darin etwas durchaus\nUnlogisches liege, müsse ich allerdings wohl auch zugeben.\n„Gewifs, Herr Professor, und wenn Sie der Logik\nauch in ästhetischen Fragen das letzte Wort zugestehen, ist\nall’ unser Streiten umsonst, wir werden uns niemals einigen.\nEins aber lassen die beiden Herren mich noch sagen: die\nVorstellung von der Blindheit Homers war einem anderen\nDichter sympathisch, der doch zugleich als Denker und als\nästhetischer Mensch auf unbestrittener Höhe steht, keinem\nschlechteren als Goethe. Er hat daran nicht logisch genörgelt,\ner hat sie nur rein als Künstler empfunden, es war ihm ein\nschönes, erhabenes Bild: ein blinder Sänger, welcher das\nMenschenherz und die Welt durchschaut vermöge der\n,inneren Sehkraft'. So nannte er diese der rohen Natur und\ndem kalten Verstände fremde, unfafsliche Kraft, und wer\nweifs? vielleicht ist das nicht nur eine poetische Schrulle.\"\nAlle Drei zuckten die Achseln, etwas verächtlich, wie\nmir schien, und der Maler entgegnete:\n„Was Sie von Goethe erzählen, beweist mir ebensowenig\nwie das von den Alten. Auch feine Geister haben wohl hier\nund da eine Scharte: vielleicht, je feiner sie sind, desto eher.\nUnd vor allem beweist es nichts für die Malerei. Davon\ngingen wir aber doch aus. Mir als Maler ist Blindheit zu-\nwider: sie ist häfslich, und weiter nichts. Ein gesundes, zu\nseinen Funktionen taugliches Tier steht tausendmal höher\nals ein Mensch, dem das Augenlicht fehlt. So etwas ist gar\nkein Mensch. In der Kunst ist kein Platz für dergleichen,\nund im Leben, seien wir doch ehrlich! im Leben auch nicht.\nWir verkommen in krankhafter Sentimentalität mit all’ dem\nhumanen Gefasel. Starke, gesunde Menschen allein verdienen\nzu leben, Menschen, die jeden Sinn kräftig besitzen. Ein\nGeschlecht zu bilden, das in der Vollkommenheit aller Sinne\ndas Ideal der Menschheit erblickt, das sollte die Aufgabe\nsein. Darum ist auch die Kunst im höchsten Sinne Erzieherin,\nzur seelenvollen Gouvernante steht sie zu hoch. Die Kunst\nist hart, hart wie das Leben. Und eher wird unser Leben\nnicht rein, als bis wir wieder Spartaner werden, bis wir das\nKranke, Halbe, Mifsratene von uns stofsen. Wir haben\nwahrhaftig vergessen, was ,häfslichc heifst: wir hassen das\nHäßliche garnicht mehr, wir verloren die Kraft dazu und\nmit ihr auch den Mut, uns von ihm zu befreien, es schonungs-\nlos zu vernichten!\"\nDer alte Professor war sichtlich verdutzt, und das Fräu-\nlein blickte mit scheuer Bewunderung auf den Sprecher, der\nsich zum Schlufs mit beiden Händen kräftig die Kniee schlug."}, {"page_pdf": 30, "page_imprimee": "284", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.30", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2031, "texte": "Dann setzte er sich zurück und kreuzte die Arme. Es war\nganz still, die kleinen Wellen nur rauschten herauf in kurzem,\ngleichmäfsigem Takt. Dazwischen war mir s auf einmal, als\nhörte ich hinter mir einen leisen Schritt.\nIch wandte mich um: Selene! Behutsam schlich sie\nsich fort, der Treppe schon nah, doch ohne Zweifel von\nuns her.\nEin Schrecken ergriff mich, ein jäher Gedanke: wie,\nwenn sie alles gehört?! Diese Brutalität mufste ihr ja den\nletzten dämmernden Rest von Lebensfreude zerstören! Wenn\ndas unglückliche Kind nun auf den Molo ging und dies\nlichtlose, häfsliche, weniger noch als tierische Leben von sich\nwarf ?\nIch erhob mich, verwirrt, nahm hastigen Abschied und\nsah nur noch, wie des Malers Lippen ein sieghaft spöttisches\nLächeln umspielte.\nAuf den untersten Stufen der Treppe holte ich schon die\nEilende ein und ergriff ihre Hand.\n„Erschrick nicht, Selene, ich bin’s.“\n„Ich weifs, Herr.“\n„Warst du lange dort oben?“\n„Lange wohl nicht. Ich war müde und ruhte mich aus,\nda es still war. Ich hörte Sie sprechen.“\n.„Hast du gehört, was wir sagten?“\n„Gewifs, Herr.“\n„Alles?“\n„Ich glaube.“\n„Und was hast du dabei gedacht?“\n„Gedacht, Herr?“\n„Hast du dich sehr gefürchtet?“\n„Aber Herr! die Madonna beschützt mich.“\n„Doch warum entferntest du dich? Sag’ die Wahrheit!“\n„Es ist Zeit, höchste Zeit, Herr! Die Fremden gehen jetzt\nschon in die Restaurants. Die Mutter sagt, es sind heute\nviel Neue gekommen. Die Neuen sind immer die Besten.\nSo lassen Sie mich!“\nMit heftiger Ungeduld löste sie ihre Hand aus der meinen,\nund schnell verschwand sie im Dunkel, sicher und leicht, wie\neine Fledermaus. War sie denn wirklich nicht mehr als ein\nTier, das nichts anderes kennt als Beute und Nahrung? und\nhatte der Maler doch Recht, von humanem Gefasel zu reden ?\nMein Gefühl war verwirrt: ich wollte mir’s nicht ge-\nstehen, dafs uns Mitleid oft mehr noch als Liebe verblendet.\nAm nächsten Morgen fand mich Selene auf dem ge-\nwohnten Platz, und als sie ihren Soldo erhalten hatte, sagte sie;\n„Ich will Sie dem Himmel empfehlen, Herr.“"}]}, {"article_id": "pmb-16778", "article_bluemountain": "bmtnabe_1897-04_01#c036", "volume": "bmtnabe_1897-04_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "285", "page_fin": "285", "image_debut": 31, "image_fin": 31, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.2.16", "titre_corps": "DAS ABENDMAHL", "titre_sommaire": "DAS ABENDMAHL", "signature_source": "Karl von der Heydt", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 31, "page_imprimee": "285", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.31", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2148, "texte": "DAS ABENDMAHL\nKarl von der Heydt\nEine Kirche weifs dämmernd\nSich leerende Bänke\nEine kleine Schar Schwarzgewandeter\numdrängt den jungen Pfarrer:\nMühseliges und beladenes Alltagsvolk,\nmit ungefügen Feiertagsgesichtern.\nWie traumverloren über sie hinweg,\nblickt er ins Leere.\nBetet er?\nDie Hände sind nicht gefaltet,\nund die Augen richten sich nicht gen Himmel.\nWas er schaut,\ngehört der Erde an.\nEin Mahl sieht er,\nDiesem hier nicht gleich:\nkein Opferfest,\nauch kein Erinnerungsmahl an Tod und Leiden...\nNein, in der Morgensonne goldnem Licht:\nein Stärkungsmahl zur Thatl\nUnd um die Tische\nein königlich Geschlecht:\nMänner mit Herrscherblicken,\nmit goldnem Haare Frauen,\nFrühlingswonne in den Augen,\nwie eines neuen Heilands Jünger,\nzusammengekommen\nvon den Enden der Welt.\nUnd von ihrem Mahle\ngeht es aus\nwie Sturmwind, der Fesseln zerbricht,\nwie Lenzhauch, der Leben gebiert,\nvoll flammender Allmacht\nund weihender Liebe.\nUnd Hand in Hand\ntreten sie hinaus\nin jubelndem Reigen\naus ihrem Gezelt,\nund ziehen dahin\nwie auf blühender Au.\nDie Wildnis ebnet sich zum Weg für sie,\nder reifsende Strom verengt sich zur Furt;\nsie erklimmen die Berge\nfurchtlos vorbei an toddrohenden Klüften,\nsie eilen mit dem Sturm,\nund lodern mit der Flamme,\nund machen unterthan die Erde,\nsich, den Uebermenschen!\nSie finden der Schönheit\nmarmornes Urbild\nim schweigenden Hain;\nentschleiern das Rätselantlitz der Wahrheit,\nlösen dem Sturm die eherne Zunge\nzu der Freiheit tönendem Lied,\nund in der verjüngten Erde\nschimmernde Gründe\nfolgt ihnen selig\ndie neue Menschheit,\nin Unschuld und Kraft,\nin Weisheit und Schöne\nWie eine fremde Stimme\nweckt ihn seine Rede.\nUnd seelenlos, schaurig hört er\nvon den eigenen Lippen,\nden unbewufsten,\ndie Einsetzungsworte:\nUnser Herr, Jesus Christus,\nin der Nacht, da er verraten ward,\nbrach er das Brot\nUnd so bricht er das Brot,\nund läfst den Kelch kreisen,\nund schliefst neu den Bund,\nzu Leiden und Knechtschaft . . .\nUnd mit den Abendschatten,\ndie die goldene Feiertagswelt verlöschen,\nsenkt sich sein Haupt,\nunter der Wucht der Erkenntnis:\ndafs er jetzt ihn verrät,\nden Uebermenschen,\nden Gottmenschen,\nin ihm selbst\nund in jenen."}]}, {"article_id": "pmb-16779", "article_bluemountain": "bmtnabe_1897-04_01#c037", "volume": "bmtnabe_1897-04_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "286", "page_fin": "286", "image_debut": 32, "image_fin": 32, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.2.17", "titre_corps": "FLAMMEN ; AM ELBDEICH", "titre_sommaire": "FLAMMEN ; AM ELBDEICH", "signature_source": "Wilhelm Holzamer ; A. SIEBELIST", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 32, "page_imprimee": "286", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.32", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 698, "texte": "FLAMMEN\nWilhelm Holzamer\nUnd vor meinen Augen wird es Tag.\nSachte will sichs in die Seele tasten\nWie ein Lächeln. Was im Dunkeln lag\nSeh ich nun in bunten Lichtern fröhlich glasten.\nMählich, wie der heisse Schmerz verkühlt,\nSeh ich einen milden Frieden strahlen\nDir im Antlitz, und die Seele fühlt\nSich befreit von ihrer Zweifel müden Qualen.\nDieses dank ich deiner Sorge, sieh!\nUnd dein Dichter zahlt die Schmerzensschulden\nZehnfach, dass ihm neue Kräfte lieh\nDeiner bangen Liebe treu verschwiegnes Dulden.\nTritt ans offne Fenster mit mir. Klar\nSoll das Morgenleuchten uns umfluten.\nWarm umschlungen. Was uns schmerzlich war,\nLoht als Weiheflamme aus den heiligen Gluten.\n\nAM ELBDEICH\nA. SIEBELIST"}]}, {"article_id": "pmb-16780", "article_bluemountain": "bmtnabe_1897-04_01#c040", "volume": "bmtnabe_1897-04_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "287", "page_fin": "289", "image_debut": 33, "image_fin": 35, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.2.18", "titre_corps": "EINE NOVEMBERERINNERUNG", "titre_sommaire": "EINE NOVEMBERERINNERUNG", "signature_source": "HANS MUELLER-BRAUEL", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 33, "page_imprimee": "287", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.33", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2729, "texte": "EINE NOVEMBERERINNERUNG\nVON\nHANS MUELLER-BRAUEL\nund was ich Dir noch schreiben wollte:\ndas Birkenbäumchen auf dem Grabe der armen\nAnna ist dieses Frühjahr so schön gewachsen, die\nKrone ist nun so dicht und grün, du wirst Deine\nFreude daran haben. Und wir fürchteten doch\nimmer, es würde nicht durchkommen. Mutter\nund ich haben neulich das Grab wieder zurecht\ngemacht “\nDas Grab der armen Anna!\nWie lebendig jener Novemberabend vor meiner\nSeele steht! . . . Jener Abend, dem ein so trauriger\nTag folgte —i\nNovembersturm!\nHei! wie es über die weite Haide raste. Wie\nein wettergepeitschtes Wellenmeer wogte sie hin\nund her, auf und nieder. Und die Birken am\nHaidewege! Wie angstvoll die sich beugten und\nneigten, zitternd, gehorchend und nachgebend,\num von dem rücksichtslosen Herrn nicht gebrochen\nzu werden. Denn der würde sie sonst brechen\nund lachend ihre Kronen über die Haide treiben.\nDafür ist er ja der Herr, der Stärkere; und\ndie Stärkeren haben immer Recht\nDa litt es mich nicht länger daheim! Ich mufste\nhinaus in den Sturm und auf meine Haide.\nDenn ich liebe den Sturm!\nUnd mein Ziel war dann immer der Krähenberg,\nder „Krainbarg“, wie er im Volke hiefs eine\nAnhöhe, die fast meilenweit das Land beherrschte.\nZu welcher Zeit es auch war: mochte der Frühling\nseinen ersten grünen Schleier über Busch und Bäume\nspinnen, mochten in heifser Sommersonne weit\nund breit die goldigen, wogenden Kornfelder reifen,\nmochte die scheidende Herbstsonne die nahen und\nfernen Wiesen, Felder und Wälder in vielfarbig\nbunte Gewänder hüllen oder die Wintersonne\nbläuliche und violette Schatten über die weite,\nmit blendendem Schnee bedeckte Landschaft werfen ;\nimmer war es dort schön.\nDen Krähenberg krönte ein Hain uralter, braun-\nästiger Föhren mit unzähligen Krähenhorsten. Die\nStämme knorrig und verwittert! Ich habe ähnliche\nnie und nirgends wiedergesehen.\nSie beschatteten ein halb versunkenes, granitenes,\nmoosbewachsenes Hünengrab. Ein Herzog läge da-\nrunter, erzählten die Leute, und eine Menge Sagen\nund Geschichten knüpften sich an dieses Grab!\nZwei Wege führten zu ihm. Der eine, be-\nquem, gut gebahnt, vom Dorfe her, eine Viertel-\nstunde von unserem, etwas alleinstehenden Hause\nentfernt, in allerlei Bogen, und über den Berg\nweiter zu den Wiesen in der Niederung, durch\ndie der tiefe, reifsend schnelle Haidebach flofs.\nDen anderen Weg suchte man sich selber,\nquer durch die hohe Haide. Den wählte ich heute.\nSo grausig schön war der Sturm auf der Haide\nnoch nie gewesen.\nAlle Fernen waren eingehüllt von grauen, zer-\nfetzten Nebelschleiern, die die Formen verwischten\nund Erde und Himmel mit einander verbanden.\nDie Machandelbäume die Cypressen der Haide,\ndie im Dämmerlicht so gespenstisch - unheimlich\n\nLANDSEE\nP. KAYSER"}, {"page_pdf": 34, "page_imprimee": "288", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.34", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4121, "texte": "aussehen wogten auf und nieder, bald sich fast\nzur Erde neigend, dann wieder hochaufgerichtet.\nWie Schiffer boote auf tosenden Wellen!\nNicht lange und ich stand unter den Föhren\ndes Krähenberges!\nWie schön unheimlich schön!\nIch wickle mich fest in meinen Mantel. An\neinen Stamm gelehnt horche ich hinaus auf die\nMelodieen, die der Sturm hier singt. Wie das\nknarrt und ächzt und stöhnt. Bald qualvoll jammernd,\nbald gell aufkreischend und dann wie unterdrücktes\nWimmern. Ueber all’ diesen Nebentönen aber die\nhelle gelle Sturmlustweise, die pfeifend um die\nStämme heult, die die Kronen schüttelt und hoch in\nden Lüften sich wirbelnd um sich selber dreht.\nUnd dazwischen wieder heiseres Krähengekrächz.\nAufgescheucht aus ihren Horsten flattern sie\nschreiend und lärmend umher, vom Sturm manch-\nmal, mitten im Auffluge, weit in die Haide gefegt.\nUnd dann wieder sekundenlanges Schweigen\nund tiefste Stille ....\nWas ist das??\nEs kam nicht aus den Kronen, es war wie eine\nMenschenstimme. Ein Aufstöhnen in qualvollem\nJammer. . .. Aber wer weint hier? Um diese Zeit\nund bei solchem Wetter?\nUnd ich horche hinaus in den Sturm, der mit\ndoppelter Stärke wieder eingesetzt hat....\nVergeblich. Sein Wüten übertönt alles.\nIch will die Rasenbank am Hünengrabe suchen.\nDa kniet ein Etwas ein Weib ein Mäd-\nchen ! . . . . Ersticktes Schluchzen. Ich fasse die Ge-\nstalt, schüttle sie und richte sie, gewaltsam fast, auf.\n„Wer bist du, unglückliches Menschenkind?tc\nUnd im Dämmerlichte sehe ich ein ent-\nsetztes, verstörtes Antlitz, wirr hängen dicke nasse\nSträhne gelösten Haares darüber ....\n„Anna!“\nIch schreie es fast.\nEine Flut von Gedanken schiefst mir durch\nden Kopf. Blitzartig wird mir klar, warum sie\nhier ist, heute, und so\nBegütigend fasse ich ihre Hand und rede ihr\nzu, mitzukommen, diese Stätte zu verlassen.\nSie sagt kein Wort, willenlos folgt sie meiner\nFührung.\nWir gehen zu unserem Hause. Den guten, ge-\nbahnten Weg. Plötzlich, an der Wegkreuzung\nreifst sie sich los und biegt seitab, den Wiesen zu . .\nAlso so liegt die Sache!\nNach wenigen Minuten hab ich sie eingeholt.\nGewaltsam versucht sie, sich loszureifsen. Ein\nkurzer Kampf eiitspinnt sich zwischen uns. Auf\neinmal aber bricht sie mir unter den Händen zu-\nsammen. Wie Fieberfrost läuft es durch ihren\nKörper. Die Erregung, Nässe und Kälte und zu-\nletzt das stumme, erbitterte Ringen zwischen uns\nSie liegen lassen und Hülfe holen?\nDas würde eine halbe Stunde dauern; und\nbis dahin wäre sie wieder zu sich gekommen und\nkönnte ihr entsetzliches Vorhaben ausgeführt\nhaben.\nEs gelingt mir, sie wieder aufzurichten. Ich\nwickle sie in meinen Mantel; doch nur taumelnd\nbewegt sie sich vorwärts, und nur mühsam kommen\nwir weiter.\nZu Haus übergab ich sie meiner Mutter und\nSchwester Tine. Bald ruhte sie warm gebettet, und\nMutter war sorgend um die Arme bemüht ....\nUnd am anderen Morgen?\nDa war sie verschwunden.\nSpurlos verschwunden. Keine Seele im Hause\nhatte es bemerkt. Und nicht einmal alle Kleider\nhatte sie angezogen. Die hatte Mutter so schön\ntrocknen lassen.\nUeber dem Toben des Sturmes war niemand\nbei dem Oeffnen der Hausthür erwacht.\n.... Um Mitternacht war sie fest eingeschlummert\ngewesen.... Vorher hatte sie Mutter ihre Geschichte\nerzählt. Hastig, verworren, wirr, dann ganz\nruhig, unnatürlich ruhig, starren Blickes ....\nEs war die alte ..... die oft passiert ist, die\noft noch passieren wird. Sie war arm, ganz arm,\nganz jung und schön, sehr schön. .. . Darum.\nEben. Und er war der einzige Sohn des reichen\nHofbauern. Vielleicht hatte er auch wirklich was\nvon ihr gehalten, sie aber hatte ihn über\nalles geliebt und ihm alles gegeben. Denn die\nLiebe ist die gröfste Geberin.\nIm Dorfe hatte man schon lange von den\nBeiden geredet.\nDas hatte sie Mutter erzählt. Zwischendurch\nwar sie aufgesprungen und hatte wieder fort wollen\nin Nacht und Sturm hinaus.\nEndlich hatte Mutter sie überredet, sie war\nganz still und ruhig geworden und eingeschlafen.\nUnd nun?\nWir schickten zum Hof bauern, ihrem Dienst-\nherrn —, und liefsen fragen, ob Anna wohl noch\neinmal zurückgekommen wäre.\nEs wäre ihm einerlei, wo die Dirne wäre,\nliefs der Hofbauer sagen, zurückkommen"}, {"page_pdf": 35, "page_imprimee": "289", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.35", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1637, "texte": "zu ihm würde sie schon nicht. Er würde sie auch\nmit Hunden vom Hofe hetzen. Was die sich\neinbilde, seinen Sohn, den einzigen Erben des\nHof bauern, zu freien! So ’ne Betteldirne!\nDes Hofbauern Sohn aber wäre gestern Abend\nnoch fortgebracht worden, setzte das Mädchen\nhinzu; er solle, weit von hier, ein paar\nJahre die Wirtschaft lernen ....\nWir suchten nach ihr.\nUnd um Mittag fanden wir sie dann im Haide-\nbache. Der stark angeschwollene Bach hatte sie mit\nfortgeschwemmt. Im bleichen Gesicht waren viele\nSchrammen und Wunden. Die mufsten die Baum-\nwurzeln der unterspülten Ufer ihr beigebracht haben.\nAuf dem Krähenberg haben wir sie begraben lassen.\nEr gehörte vorher dem Hofbauern. Doch als\ndie Tote in unser Haus getragen wurde, liefs er\nihn uns anbieten, obwohl er einen Verkauf sonst\nimmer streng abgelehnt hatte ....\nAber auf dem Krähenberge waren Anna und\nHofbauers Fritz immer zusammen gekommen. . . .\nNun liegt sie dort draufsen auf der luftigen\nHöhe, ganz allein und frei, von keinem Zwange\nund keinem Vorurteil mehr gehetzt.\nEs hatte niemand etwas dagegen, sie dort zu\nbeerdigen. Eltern und Verwandte hatte sie nicht.\nAuch die Kirche machte keine Einwendungen. An\neiner „Selbstmörderin“ war ihr nichts gelegen.\nWir haben ihr eine junge, schlanke Birke auf\ndas Grab gepflanzt. .. . Auch Blumen, und die\nblühen dort nun, rot und gelb und weifs ....\nVor zwei Jahren war ich zuletzt dort.\nDa sang der Sommerwind in den Kronen der\nFöhren und es war ein Wispern und Raunen, als\nwollten Wind und Bäume der einsamen Schläferin\nSchlummerlieder singen!\nUnd das Blättergeriesel der jungen Birke klang\nwie leises, feines Engelsingen ...."}]}, {"article_id": "leu-10028", "article_bluemountain": "bmtnabe_1897-04_01#c043", "volume": "bmtnabe_1897-04_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "289", "page_fin": "289", "image_debut": 35, "image_fin": 35, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.2.18.2", "titre_corps": "STUDIE", "titre_sommaire": "STUDIE", "signature_source": "FRITZ MACKENSEN", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 35, "page_imprimee": "289", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.35", "debut_caractere": 1639, "fin_caractere_exclue": 1661, "texte": "STUDIE\nFRITZ MACKENSEN"}]}, {"article_id": "pmb-16781", "article_bluemountain": "bmtnabe_1897-04_01#c045", "volume": "bmtnabe_1897-04_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "290", "page_fin": "290", "image_debut": 36, "image_fin": 36, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.2.19", "titre_corps": "KLEINE LEGENDE", "titre_sommaire": "KLEINE LEGENDE", "signature_source": "CARL BULCKE", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 36, "page_imprimee": "290", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.36", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 945, "texte": "KLEINE LEGENDE\nVON\nCARL BULCKE\n„Nur immer herein!“ hatte Petrus gesagt.\nNun stand der Kleine im Himmel verzagt;\nUm ihn ein grosser, goldener Schein,\nLustige Englein flogen darein.\nUnd als er da so mit offenem Mund\nGeblendet vom himmlischen Lichte stund,\nIm weissen Hemdchen, vornübergebückt,\nDen Hampelmann zärtlich ans Herz gedrückt,\nSieh, aus dem Kreise der Englein trat\nZu ihm sein früherer Spielkamerad:\n„Komm mit, wir tanzen heut Ringelreih,\nDer Hans vom Nachbar ist auch dabei,\nKomm mit, wir gehn auf die Himmelswiese,\nIch pflücke dir Blumen im Paradiese,\nKomm mit, du Kleiner, was zögerst du,\nWir spielen Pferdchen und Blindekuh —“ . .\nDer Kleine stand still und weinerlich da,\nSprach immer nur wieder: „Ich will zur Mama\nDas hörte der Heiland; sein Herz ward warm,\nEr nahm den Jungen auf seinen Arm\nUnd trug ihn zur Gottesmutter Marie\nUnd küsste ihn und küsste sie.\nUnd als der Knabe Maria sah,\nEr lachte glückselig: „Guten Morgen, MamaP"}]}, {"article_id": "leu-09746", "article_bluemountain": "bmtnabe_1897-04_01#c046", "volume": "bmtnabe_1897-04_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "n. p.", "page_fin": "296", "image_debut": 37, "image_fin": 44, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.2.20", "titre_corps": "BLÜHENDE HALLIG ; BESUCH AUF DER HALLIG", "titre_sommaire": "BLÜHENDE HALLIG ; BESUCH AUF DER HALLIG", "signature_source": "J. 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Sie grüfsten mich alle und sahen ehrfurchtsvoll\nzu mir auf warum, wufste ich nicht. Doch als der letzte vorbei\nwar, ritt auch ich auf einem Esel und schlofs mich den andern an,\naufblickend zu einem späteren Ich von mir. Auch dieses kam hurtig,\neselberitten, hinter mir her, und immer ein älteres Ich hielt oben\nMusterung, um von einem noch älteren abgelöst zu werden.\nAls wir unser siebzig waren, kam mein würdiges Siebziger-Ich,\netwas steif, aber immer noch kräftig, mit weifsen Haaren, funkelnden\nAugen und roter Langnase, auf einem mageren Eselchen von seinem\nMusterplatze und wurde der letzte in unserer Kette.\nPlötzlich ein Donnerkommando! wie geschah mir: jeden von\nuns Siebzig, mich selber auch, umwimmelte eine Schwadron von 365\nwinzigen Reitern auf Eselsfüllen, lauter kleine Ichs von mir; die\nweite Ebene war von diesem grauen, langnasigen Rattengewimmel\nüberraschelt. Und sie machten es uns Grofsen nach: dieselbe Parade\nspielten sie unter sich —, immer sah ein früherer erwartungsvoll zum\nspäteren auf, der ihn verächtlich, wie etwas Abgethanes, defilieren liefs\nund schliefslich denselben Weg wandeln mufste.\nAber weh! Unübersehbar füllte sich der Riesenexerzierplatz\nmit Zwergen: jeder von den 365 stampfte 24 Berittene aus dem\nBoden, hielt schleunigst Parade ab und gab einen Wink; da sammelte\nsich um jeden der 24 ein Fähnlein von 60 puppenähnlichen Reitern, die\nmir zwTar alle entsetzlich ähnlich sahen, doch unter sich ganz verschieden\nwaren und nach Rang und Alter einander weidlich verachteten.\nUnd jede von den Puppen wollte selbst befehlen und siehe da:\njede jagte wiederum mit einem Sechziger-Häuflein, diesmal so klein\nwie Bleisoldaten, über das Feld das waren meine Sekunden - Ichs\noder Ich-Sekunden; jede einzelne in selbstbewufster Gegenwart, anbetend\nden Nachfolger, verachtend den Vorgänger, eine sonderbare Armee!\nJetzt waren es 70 mal 365 mal 24 mal 60 mal 60 verschiedene\nIchs\nUnd ganz verwirrt dachte ich nach über die Kontinuität des\nSelbstbewufstseins.\n\nMONDSCHEIN\nJULIUS VON EHREN"}]}, {"article_id": "pmb-16783", "article_bluemountain": "bmtnabe_1897-04_01#c054", "volume": "bmtnabe_1897-04_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "292", "page_fin": "296", "image_debut": 40, "image_fin": 44, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.2.22.2", "titre_corps": "KARL FRIEDRICH VON RUMOHR", "titre_sommaire": "KARL FRIEDRICH VON RUMOHR", "signature_source": "Magnus von Wedderkop", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 40, "page_imprimee": "292", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.40", "debut_caractere": 31, "fin_caractere_exclue": 3338, "texte": "KARL FRIEDRICH VON RUMOHR\n1775 - 1865\n\nAdelsfamilie dieses Landes und bei aller Eigenart hat er seinen\nreichlichen Anteil von dem Charakter des holsteinischen\nMenschenschlages und besonders auch von den in den ritter-\nschaftlichen Familien ausgebildeten traditionellen Eigen-\nschaften.\nAuch war Holstein oder eigentlich Lübeck und ein in\nder Nähe gelegenes Familiengut Rumohrs eigentliches Heim,\nin dem er den gröfsten Teil seines Lebens verbrachte.\nDie Zeit seiner gröfsten Produktivität fällt in die 20 er\nund 30 er Jahre dieses Jahrhunderts und inmitten der im\nwesentlichen auf süd- und mitteldeutscher Volksart ruhenden\nKultur dieser Zeit tritt die Gestalt dieses echten Holsteiners\nsehr markant hervor. Ein besonnener, ruhiger, vorwiegend\nkritisch beanlagter Kopf, ist nichts süddeutsch Schwärmendes,\nEnthusiastisches, nichts schwäbisch Grübelndes, Träumendes\nan ihm. Seine ganze Weise hat, verglichen mit der übrigen\nlitterarischen Weit der Zeit, etwas Kühles, Verstandesmäfsiges;\nsein Urteil ist langsam und vorsichtig, aber sicher und be-\nstimmt. Er verläfst nie den festen Boden seiner scharfen und\nklaren Gedankenfolge, auch nicht in seinen philosophisch-\naesthetischen Untersuchungen, während damals gerade auf\nEUTSCHLAND verdankt seinem Nor-\nden wie den Begründer der antiken so\nauch den der modernen Kunstge-\nschichte ; Winckelmann und Rumohr.\nObwohl in Obersachsen geboren,\ngehört Rumohr seiner Abstammung\nwie seiner ganzen Eigenart durchaus\ndem Nord westen, durchaus Hol-\nstein an.\nEr entsprang einer autochthonen\ndiesem Gebiet die verflogensten Spekulationen nisteten und\n„die Begriffsromantik” ihre exotischsten Blüten trieb. Sein\nStil ist bedächtig, stets in gleichem Tempo, zuweilen etwas\nschwerflüssig, entbehrt aber nicht der Würze gelegentlicher\nscharfpointirter, glücklich gefundener Wendungen.\nWie Rumohr so durch den Volksschlag, dem er angehörte,\nbestimmt war, verdankte er dem Stande, aus dem er hervorging,\ndafs er ein Weltmann vielseitiger Bildung wurde, dafs er\nnichts professorenhaft Zünftiges hatte und stets lebendige\nAnschauung seine Forschungen begleitete. Sein weitreichender,\ndie verschiedenartigsten Gebiete umfassender Blick schützte\nihn vor Pedanterie und Kleinigkeitskrämerei und bei aller\nGründlichkeit findet sich bei ihm doch nichts von jenem\nGeiste des Spezialistentums, der jetzt immer mehr aus den\nNaturwissenschaften in die Kunstforschung ein dringt. Seine\nAnsichten und Anschauungen über Kunst sind ganz der\nNiederschlag eines reichen und angeregten Lebens , das ihm\neinen unerschöpflichen Beobachtungsstoff darbot, und haben\nnichts mit den grauen am Schreibtisch ersonnenen Theorien\nder damaligen Aesthetiker gemein.\nBei dem aufserordentlich grofsen Interessenkreis Rumohrs\nist auch seine schriftstellerische Thätigkeit sehr vielseitig. Er\nhat für seine Zeit sehr Hervorragendes als Agrarpolitiker\ngeleistet, hat über praktischen Landbau geschrieben, war\nDichter und Philosoph und verfasste ein Buch über Höf-\nlichkeit und den Umgang mit Menschen. Durch seinen\n„Geist der Kochkunst” ist er ein deutscher Brillat-Savarin\ngeworden. Nicht zu vergessen sind endlich seine kultur-\nhistorischen Studien. Trotz dieser Vielseitigkeit ist Rumohr\nnirgends Dilettant, alle seine wissenschaftlichen Arbeiten\nzeigen die gleiche Gründlichkeit und dasselbe ernste Studium,"}, {"page_pdf": 41, "page_imprimee": "293", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.41", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 6826, "texte": "am meisten aber seine kunsthistorischen Schriften, mit denen\ner sein Ansehen am dauerhaftesten begründet und sich die\nnachhaltigsten Verdienste erworben hat. Denn er war es,\nder zuerst der Kunstgeschichte eine wissenschaftliche Basis\ngab, indem er zeigte, dafs diese Disziplin wie alle Geschichte\nauf der Erforschung und Kritik der Urkunden beruhen mufs.\nDie stilistische Untersuchung der Kunstwerke selbst mufs\nstets durch die historischen Dokumente kontrollirt und er-\ngänzt werden. In der Anwendung dieser beiden Methoden\nbesafs Rumohr eine Meisterschaft, die in seiner Zeit einzig\ndastand. Die feine Bildung seines Auges war ebenso unge-\nwöhnlich wie der Scharfsinn und die Umsicht, mit der er\ndie Schätze der italienischen Archive durchforschte.\nDas Buch, in welchem er der Kunstgeschichte diese neuen\nBahnen wies und welches das Fundament geworden ist, auf\ndem die gesamte deutsche Kunstforschung weiterbaute, sind\ndie „italienischen Forschungen“ (1827).\nDer kritische Zug, der in seinem Wesen vorherrschte, tritt\nhier besonders stark hervor. Alles Traditionelle, Legendenhafte,\ndas bisher die Kunstgeschichte mehr als alle anderen Zweige\nder Historie zur fable convenue gemacht hatte, fällt vor seiner\nkühlen und eindringenden Untersuchung zusammen. Beson-\nders richtet er sich gegen Vasari, der, über die Anfänge der\nKunst in Italien nur unzureichend unterrichtet, die früheren\nKunstforscher oft irre geführt hatte. Zwar war seine Au-\ntorität schon stark erschüttert, aber Rumohr räumte gänzlich\nmit ihr auf.\nEr selbst bezeichnet sein Buch bescheiden als Versuch,\neine neue Methode anzubahnen, aber in der That ist es weit\nmehr, denn viele der von ihm gefundenen Resultate sind als\nWahrheiten für alle Zeiten gesichert; andrerseits ist es aber\nauch kein abschliefsendes und auch kein umfassendes Werk\nüber italienische Kunst, vielmehr nur die Geschichte einzelner\nSchulen und Zeiten. Es handelt sich darin fast ausschliefslich\num Florenz, Umbrien und Siena, Rumohrs eigentliche Domäne.\nMit einer in jener Zeit unerhörten Feinheit des Verständnisses\ncharakterisiert er die einzelnen Meister, ihre Wirksamkeit\nund den Zusammenhang der Schulen. Und alles, worüber\ner spricht, hat er gesehen, mit seinem feinen Auge gewogen\nund abgeschätzt und daher haben seine Urteile etwas Leben-\ndiges, Plastisches, Angeschautes. Am glänzendsten aber zeigt\ner die Fähigkeiten seines Kennerauges in dem abgerundetsten\ndritten Bande der italienischen Forschungen. Er beschäftigt sich\nhier lediglich mit Raphael. Die Raphaelforschung hat er in ganz\nneue Bahnen gelenkt, mit der alten traditionellen Manieren-\ntheorie gebrochen und in feinster und geistvollster Analyse,\nmit gelegentlich fast divinatorischem Scharfblick das allmäh-\nliche Werden des Künstlers, die verschiedenen Einflüsse gleich-\nzeitiger Meister auf ihn und seine eigene Rückwirkung auf\ndie gesamte italienische Kunst entwickelt.\nInteressant ist die Lektüre der italienischen Forschungen\nauch dadurch, dafs sie zeigt, wie seit Rumohr die Werte in\nder Kunstgeschichte sich geändert haben: für ihn ist der\nabsolute Höhepunkt aller modernen Kunst Raphael. Ra-\nphael hat nach ihm das Cinquecento erst begründet, er ist\ndas Zentrum, alle Kunst der Zeit geht von ihm aus. Sein\nEinflufs ist in allen italienischen Schulen fühlbar, in Rom so\ngut wie in Venedig. Durch Raphael ist selbst Tizian aus\nseinen Bahnen gelenkt und Michelangelo unwiderstehlich\nin die Kreise des Gewaltigen gezogen worden; sein Bestes,\nsein Grandiosestes dankt er Raphael, nicht umgekehrt. An\nLionardo, von dem man damals freilich wenig wufste, geht\nRumohr fast schweigend vorüber, dagegen stellt er Andrea del\nSarto mit seinen Werken in der Stma Annunziata mit Raphael\nauf eine Stufe.\nDas Höchste in der präraphaelischen Kunst sind ihm Fra\nAngelico und einzelne Giottisten. Giotto selbst setzt er ziem-\nlich niedrig an. Von einer sehr hohen Auffassung religiöser\nKunst überhaupt und von grofser Bewunderung für die prae-\ngiottesken Meister ausgehend, stellt er Giotto als einen Pro-\nfanirer der Kunst dar, der sich leichtfertig von den bisherigen\ntypischen Formen christlicher Kunst abwendete. Er nennt\nihn „klar, werkthätig und besonnen“ und erkennt in ihm\nden Anfang einer mehr naturalistischen Richtung, in die die\nspätere florentinische Kunst einlenkte. Was die Romantiker\nund Nazarener insbesondere über Giotto „mit Emphase und\nUebertreibung“ gesagt, nennt er einen „Fiebertraum“, womit\ner dokumentirt, wie frei er der herrschenden Zeitrichtung\ngegenüberstand, denn gerade damals, wo Giotto der grofse\nHeilige der deutschen Malerei war, war ein solches Wort\ndie ärgste Ketzerei.\nRumohr ist es, der die sienesische Schule, für die er eine\ngrofse Vorliebe hatte, für die Deutschen entdeckt und ihnen\nnäher gebracht hat. Er hat auf ihre selbständige Bedeutung\nin der italienischen Kunstentwicklung zuerst hingewiesen.\nSandro Botticelli, den Vielgepriesenen unsrer Tage, über-\ngeht er flüchtig, nur in der Capella Sistina findet er ein Wort\nder Bewunderung für ihn. Fra Filippo und Filippino stellt\ner weit über ihn und für Ghirlandajo hegt er eine besonders\ngrofse Bewunderung.\nEs könnte nach diesen Ausführungen scheinen, als ob\nRumohr als Kunsthistoriker veraltet wäre, da sich das Urteil\nin manchen Dingen seit seinen Tagen geändert hat. Aber der\nwissenschaftliche Wert seines Werkes wird dadurch nicht\nbeeinträchtigt, dafs Rumohrs Subjektivität, dafs sein indivi-\ndueller Geschmack in dem Buche zu Worte kommt und dafs\nwir hier zuweilen von ihm ab weichen. Was Rumohr als\ngewissenhafter und kühler Forscher an Thatsachen feststellt,\nbehält seinen bleibenden Wert, wenn auch seine Vorliebe für\ngewisse Künstler und seine Abneigung gegen gewisse andere\nnicht überall von uns geteilt wird.\nRumohr hat auch für die Erforschung der deutschen\nKunst die Grundlagen geschaffen. Seine vielen Reisen in ganz\nDeutschland und sein langjähriger Aufenthalt im Norden\nlenkten seinen Blick auf die deutschen Kunstaltertümer und\nin einer Anzahl kleinerer Arbeiten legte er seine Studien nieder.\nEr schrieb eine kompendiöse Geschichte der Baukunst im\nMittelalter, die die Kunstgeschichte um eine Menge wert-\nvoller Daten und Einzeluntersuchungen bereicherte. Ebenso\nwie ein Aufsatz über „die Altertümer des transalbingischen\nSachsens“, in dem er eine Anzahl lübscher und hamburgischer\nKunstaltertümer kritisch beleuchtete. Bemerkenswert ist vor\nallem auch eine sehr gründliche, viel neues bringende Ab-\nhandlung über Holbein und sein Verhältnis zum deutschen\nFormschnitt wesen. Der Wert dieser Arbeiten liegt nicht allein\nin ihren Ergebnissen, sondern auch in der Anregung, die sie\nenthielten und in dem Hinweis auf das ungeheure, noch fast\nvöllig unangebaute Gebiet der nordischen Kunstforschung.\nSein Hauptzweck dabei war, die Forscher daraufhinzuleiten,\n„das herrliche Gebäu der deutschen Vorzeit von dem Schutt,"}, {"page_pdf": 42, "page_imprimee": "294", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.42", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 6566, "texte": "mit dem es die Zeit bedeckt, zu reinigen und in alter eigen-\ntümlicher Pracht und Herrlichkeit wiederherzustellen.cc Er\nklagt, wie weit Deutschland in der Untersuchung einhei-\nmischer Altertümer zurück sei gegenüber andern Ländern.\nDie Altertumsforschung war zu seiner Zeit „ein ungebautes\nLand, von wenigen Liebhabern hier und da der nächste Acker\nbestellt, keine Uebersicht des vorhandenen, wenig Bilder-\nwerke von gründlichem Wert,“ und besonders beklagt er es,\ndafs „nach früher zu weit getriebener Geringschätzung es\nnun in der Bewunderung der mittleren Zeiten der Kunst so-\nweit gekommen, dafs von einem jüngeren Schriftsteller über\ndiesen Gegenstand kaum etwas anderes erwartet wird, als\nder Ausdruck schwärmerischer Empfindung, ohne umfassende\nSachkenntnis und ohne alle Reife der Prüfung.“\nSo stand es um die deutsche Kunstforschung vor sechzig\nJahren und, wenn man ihr jetziges Niveau mit dem dama-\nligen vergleicht und die Fülle des seitdem Errungenen über-\nsieht, wird man sich stets vergegenwärtigen müssen, dafs der\nPionier auf diesem Gebiete Rumohr war, der den ersten ent-\nscheidenden Spatenstich in das unangebaute Land that, der\ndie ersten Anordnungen und Anleitungen zu weiterer Arbeit\ngab, von denen im Prinzip seitdem nicht wieder abgewichen\nworden ist.\nRumohr hatte das intensivste Interesse für die Kunst-\nbestrebungen auch seiner eigenen Zeit und bewies es nicht nur\ndadurch, dafs er seinen Zeitgenossen die Kunst grofser ver-\ngangener Epoche wieder erschlofs, sondern er suchte auch\ndirekt erziehend, ziel weisend, mit Rat und Ermahnung auf\nKünstler und Publikum einzuwirken, da er erkannte, wo es\nder Kunst der Zeit fehlte und auf welche Wege sie zu\nweisen sei.\nRumohrs Ideen darüber finden sich überall in seinen\nSchriften, besonders aber in seinen „drei Reisen nach Italien“\nund in einer Art Aesthetik, die er seinen italienischen\nForschungen als Einleitung vorangehen liefs. Sie ist uns\nfreilich nicht überall mehr recht geniefsbar, da sie oft in die\nsehr philosophisch-abstrakte Ausdrucksweise der Zeit ver-\nfällt und sich mit der Analyse von Begriffen wie Styl, Typus,\nManier etc. nach alter Weise beschäftigt, aber ihre Grund-\ngedanken und zahlreiche einzelne Bemerkungen überraschen\nals durchaus „unzeitgemäfs“, oft geradezu von modernem\nGeiste durchweht.\nDeutschland schwamm damals mitten im romantischen\nIdealismus und produzirte eine Kunst, die alles, was bisher\ngegolten hatte, auf den Kopf stellte, die Kunst eines aus-\nschliefslich litterarisch gebildeten, künstlerisch völlig rohen\nVolkes, eine Kunst die im Grunde keine Kunst war, sondern\nLitteratur, deren Werke nur „Ideen“ verkörpern, nur durch\nihren stofflichen Inhalt, durch das was sie erzählten, wirken\nwollten, eine wahre biblia pauperum.\nGegen diese pseudo-ideale Kunst erhebt Rumohr seine\nStimme und sucht die Künstler auf andere, fruchtbringende\nWege zu weisen. Von welcher Bedeutung ist es schon in\njener Zeit, wo Cornelius, Veit, Overbek die führenden Künstler\nwaren, wenn Rumohr die Anlehnung an die Natur als\ndas alleinige Grundprinzip der Kunst aufstellt. Die Natur\nist ihm „nicht blofs die einzige Quelle darstellender Formen,\nvielmehr auch zugleich die ergiebigste, unerschöpflichste\nQuelle aller künstlerischen Begeisterung. Der Künstler kann\nseine Aufgabe nur durch die rückhaltloseste Versenkung in\ndas ihm nächst verwandte Naturleben lösen, er soll seine Vor-\nstellung bei Zeiten und vor aller Aussicht auf künftige Ver-\nwendung mit vielen und mannigfaltigen Formen erfüllen,\nwas ohne lustiges und freudiges Umherschauen\nnicht wohl zu erreichen steht,cC und er empfiehlt dem\nKünstler „nicht so sehr sonst empfehlenswerte Ausdauer und\nFleifs als vornehmlich die leidenschaftlichste Hingebung in\nden sinnlich-geistigen Genufs des Schauens.“ Wie erfrischend\ndetoniren solche Worte in einer Zeit theologischer Gedanken-\nkunst, die, ähnlich den ungeheuerlichen, metaphysischen\nLuftschlössern von damals, lediglich nur aus den Tiefen des\nGemüts als generatio aequivoca ohne die befruchtende Um-\narmung der Natur hervorgebracht wurde.\nDen eigentlichen Grund dieses Notstandes aber traf Rumohr\nwenn er „dem Zeitalter technische Ungeschicklichkeit“ vor-\nwärf und „eine ihm eigentümliche Lahmheit im Betreiben\nalles dessen, was dem Künstler nun einmal zu wissen und zu\nkönnen nöthig ist.“ Er spricht von den „Verwüstungen eines\nmifsverstandenen Idealismus, welcher Beobachtung und Er-\nfahrung durchaus verschmäht“. „Die leitenden Geister (und\nhier wendet er sich besonders gegen Goethe) haben es ver-\nsäumt, zu ernstlichem Naturstudium, lebendiger Beobachtung\ndes Umgebenden und zu technischer Rüstigkeit die Jugend\nzu ermuntern und anzuleiten und haben im Gegenteil den\nfalschen vom Studio ablenkenden Idealismus durch neue und\nglänzende Gründe ihren Lesern und Schülern empfohlen“.\nIn seinen memoirenartig verfafsten „drei Reisen nach\nItalien“ kommt er gelegentlich auf seinen alten Lehrer, den\ngöttinger Kunsthistoriker Fiorillo, zu sprechen und rühmt\nvon ihm, „dafs er dem rein Sinnlichen nicht nur sein grofses\nRecht gewährte, nein es selbst mit Grazie empfahl und heraus-\nzeichnete und ihn damit gegen die Lehren der neuen Kunst\nstärkte, denn“, fährt er fort, „in Dingen der neuern Kunst wird\nsehr viel, bisweilen alles in die Begriffe Gegenstand, Idee,\nSinn, Bedeutung und überhaupt in solches gelegt, was in der\nKunst nicht der Kunst selbst angehört, sondern nur als Stoff\nund Anregung in sie hinübergezogen wird.“\nAus der Epoche vor Carstens-Kornelius hatte Rumohrs\nZeit ein fragwürdiges Vermächtnis überkommen: die Idee\nvon der Unwürdigkeit der Naturformen, von der Not-\nwendigkeit, sie durch die Kunst zu läutern und zu verklären.\nDie Natur im Gegensatz zu der vom Künstler idealisirten\npflegte man „gemeine“ oder „Modellnatur“ zu nennen.\nDiese Richtung in der gleichzeitigen Kunst, die Rumohr\neinmal mit einem glücklichen Worte „eine gewisse ästhe-\ntisch ermässigte Naturverleugnung“ nennt, bekämpft er nach-\ndrücklichst: „die Ansicht, sagt er, .. . welche sich verspricht,\ndafs solche von Menschen ersonnenen Formen schöner und\nedler und bedeutender ausfallen, als die natürlichen, ist, durch\nwelche Gründe wir sie unterstützen oder beschönigen mögen,\ndoch durchhin unhaltbar. Wenn aber diese Ansicht in sich\nselbst falsch und, wie die Erfahrung bestätigt, in der An-\nwendung von höchstem Nachteil ist: so wird der Künstler\nwohl thun, von dem titanischen Vorhaben abzustehen, die\nNaturform zu verherrlichen, zu verklären oder mit welchen\nandern Namen solche Ueberhebungen des menschlichen Geistes\nin den Kunstschriften bezeichnet werden. Mufs doch der"}, {"page_pdf": 43, "page_imprimee": "295", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.43", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 6668, "texte": "Künstler auch bei dem schönsten Talente, dem treusten Na-\ntursinn immer darin sich ergeben, dafs er sogar in seinen\nbesten Leistungen, was deren Formenheit angeht, die Tiefe\nund Fülle, die Einheit und Wesenheit der Naturform nicht\nzur Hälfte erreicht, wie denn sollte er darüber hinausgehen\nkönnen?“\nUnerfreulich mussten solche den Ideenkünstlern\nder Zeit, paradox und unverständlich dem Publikum klingen.\nSie zeigen, wie sehr ihr Autor eine Stelle ganz für sich in\nseiner Zeit einnahm und von welch hohen Standpunkten aus\ner sie überschaute. So fernabliegend von dem geistigen Stu-\ndium seiner Zeit sind seine Gedankengänge, dafs sie oft an\nmoderne und modernste Anschauungen prophetisch anklingen.\nSo hält er den in schrankenloser Verehrung und zum Teil\nauch in Nachahmung der alten Meister befangenen zeit-\ngenössischen Künstlern rücksichtslos den Satz vor, dafs die\ngrofsen Vorbilder die Gefahr in sich tragen, die Kunst zu\nlähmen, und dafs die malerische Technik nicht durch Nach-\nahmung vortrefflicher Kunstwerke, sondern nur durch den\nWetteifer mit der Erscheinung wirklicher Dinge entwickelt\nwird. Hier ist implicite ausgesprochen, was wir erst heut-\nzutage wieder von der Kunst zu fordern gelernt haben, dafs\nsie ihre Zeit wiederspiegeln, dafs sie originell sein mufs,\ndafs sie als Kunst nur so weit gilt, als sie nicht frühere\nKunst wiederholt, mit einem Wort, dafs die Kunst stets\nmodern sein mufs.\nEin anderer Gedanke Rumohrs, der auch erst von uns ganz\ngewürdigt werden kann, ist, dafs alle echte Kunst lokal ist.\n„Alle wirklich wertvollen Schulen der alten wie der neuen\nWelt, sagt er, haben unleugbar ein eigenthümlich örtliches\nAnsehen. Zwiefach ist jede Leistung der Kunst von aussen\nbedingt. Einmal durch die geschichtliche Stellung des Künst-\nlers, dann durch die örtliche Gestaltentwicklung der Natur,\ndie ihn umgiebt“. Merkwürdige Worte in einer Zeit, die\neine so kosmopolitische Aesthetik hatte und für die ganze\nWelt gütige Kunstgesetze geben zu können meinte. Und\njene gelegentlich hingeworfene Idee, dafs die Kunst nicht nur\n„hohe“ oder „grofse“ Kunst sei „sondern sich über Alles\nverbreite, was nur den Aufdruck der Gestalt zuläfst und auch\ndas Handwerk beherrsche“, welch ein erfreuliches Sacrile-\ngium ist sie in jener Zeit, die den Begriff der Kunst über\nalle Wolken erhoben und in das äufserste Empyräum\nversetzt hatte. Aber geradezu revolutionär und als ob sie\nheute geschrieben wäre, klingt eine Bemerkung, die er in\nseinen „Erinnerungen“ gelegentlich eines Exkurses über „den\nschönen Gegenstand,“ ein Hauptinventarstück damaliger\nKunstlehre, macht. „Ich verspreche mir stets von den schönen\nGegenständen das allerbeste, doch vorausgesetzt, dafs sie der\nKunstart, in welcher die Arbeit vollbracht werden soll, wohl-\nangemessen seien oder ihre äufseren Grenzen, ihre Kraft nicht\nüberschreiten; vorausgesetzt ferner dafs für sie der Künstler,\nwelcher sie darstellen soll, sich herzhaft zu begeistern ver-\nund auch das nöthige Zeug besitze, sie gehörig darzu-\nstellen. Wenn diese Bedingungen aber auch erfüllt\nwerden können, gibt der schöne Gegenstand nun\neinmal unumgänglich ein garstiges Kunstwerk, wie\numgekehrt der garstige Gegenstand ein schönes,\nwenn der Künstler ihm eine begeisterte Ansicht\nabgewinnen kann und übrigens so viel Fähigkeit\nund Bildung besitzt, dafs es schon eine Freude ist.\nzu sehen, auf welche Weise er seine Kunst über-\nhaupt betrieben und angefasstcc.\nSchon nach diesen wenigen Zitaten wird es klar sein,\ndafs Rumohr ein sehr origineller, sehr unabhängiger, sehr freier\nGeist war, der sich in seiner eigenen Zeit in Dingen der\nKunst wenig heimisch fühlte und wenig verstanden war.\nRumohr war das künstlerische Gewissen der in den idea-\nlistischen Irrgarten geratenen Zeit. Aber wer achtete auf\ndiese Stimme eines Predigers in der Wüste, auf die man als\nauf die Stimme eines Erziehers der Deutschen zur Kunst\nhätte hören sollen.\nDas Gefühl in einer Periode tiefer Demütigung der Kunst\nzu leben war sehr stark in R., er wufste, dafs von vorn an-\ngefangen werden musste, wenn die deutsche Kunst wieder\nerstehen sollte, er war sich des geringen künstlerischen Be-\ndürfnisses des Publikums und der mangelhaften Schulung\nund Bildung der Künstler klar bewufst. An vielen Stellen\nseiner Schriften gibt er dem Ausdruck, ja sogar ist dies\nschmerzliche Bewufstsein so lebhaft, dafs es gelegentlich den\nsonst so kühlen, von aller Empfindsamkeit freien Mann,\nWorte tiefer Erregung entlockt.\nIn der Dresdner Gallerie, sagt er einmal in den „drei\nReisen nach Italien“, ist ein allerliebstes Bild zu sehen, die\nMalerschule des Frans Mieris. Er hat eben ein schon vor-\ngerücktes Bild in Arbeit, seinen Stuhl aber einem Liebhaber\neingeräumt, welcher das Gemälde mit Blicken ansieht, welche\nVerwunderung, Prüfung und ein unermefsliches Verlangen\nausdrücken, es zu besitzen. Dieses Stück erfüllt mich stets\nmit tiefer Rührung, es erinnert mich an den letzten jener\nZeitabschnitte, in welchen der Künstler noch ein wahres,\ninniges, herzliches Verlangen zu befriedigen hatte, wonach\ngilt mir an dieser Stelle gleich“.\nDafs Rumohr die Aufgabe und den Beruf hatte, auf sein\nVolk erziehend zu wirken, war ihm voll bewufst und war ein\nGedanke, der ihn bei all seinen die Kunst betreffenden Ar-\nbeiten beherrschte. Auch praktisch bethätigte er ihn vielfach,\nindem er z. B. den wirksamsten Anteil an der Neueinrich-\ntung des Berliner Museums nahm und den Versuch machte,\nden jungen Nerly, bei dem er Talente entdeckt hatte, zum\nKünstler nach seinen eigenen Ideen zu erziehen. Sie gipfelten\ndarin, dafs die technische Schulung zum grofsen Teil abge-\nschlossen sein müsse, wenn der Künstler in das Alter geistiger\nReife tritt und das Bedürfnis empfindet, aus sich selbst\nheraus Eigenes zu schaffen, dafs also nach dem Vorgang der\nAlten die Schule des Künstlers schon in früher Jugend be-\nginnen müsse; er betrachtete es als einen Grundfehler seiner\nZeit, dafs erst nach langer Schulbildung die Kunstschule be-\nginnt und die besten Jahre eigenen Schaffens im mühseligen\nRingen mit dem Technischen hingehen, ein Gedanke der\nheute ebenso aktuell wie zu Rumohrs Zeit ist.\nWie von seiner eigenen Zeit ist Rumohr auch späterhin\nnie hinreichend gewürdigt worden. Selbst noch Grimm hat\nwenig Verständnis für ihn gezeigt. Er nennt ihn einen Schüler\nGoethes, aber in allen Dingen der Kunst wenigstens mufs\ngegen diese Schülerschaft Protest erhoben werden. Hier über-\nsah Rumohr Goethe weit. Rumohr stand hoch über seiner\nZeit, Goethe trieb im Strom der herrschenden Richtungen und\nteilte die meisten Irrtümer der Epoche. Rumohr sagt von ihm,\n~seine historischen Kenntnisse und technischen Einsichten\nwaren weder sehr mannigfaltig, noch selbst zusammen-"}, {"page_pdf": 44, "page_imprimee": "296", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.44", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1305, "texte": "hängend, er gewann nie einen festen Standpunkt für die Kunst\nund gab sich oft den Einflüssen niedrig gestellter Kunst-\nfreunde hin. Und dieses Urteil hat die neuere Goethefor-\nschung über sein Verhältnis zur bildenden Kunst, wie sie in\nVolbehrs Buche niedergelegt ist, vollauf bestätigt.\nGrimm legt den Nachdruck des erziehenden Einflusses\nRumohrs einseitig auf seine kunsthistorischen Schriften.\n„Goethe und Rumohr, sagt er, empfanden, wie sehr den\nKünstlern und dem Publikum das Verhältnis zur Kunstge-\nschichte abgehe und suchten auszuhelfen“. Gewifs hat Rumohr\nseine kunstgeschichtlichen Studien nicht ohne erziehende\nNebenabsichten geschrieben, aber er wusste wohl, wie es um\ndie deutsche Kunst seiner Tage stand, dafs hier Alles von\nGrund aus neu zu machen war und dafs damit nicht viel\ngeschaffen war, wenn man mit „Kunstgeschichte aushalfcc.\nErst in unserer Zeit, wo die Kunst in Bahnen eingelenkt ist,\ndie Rumohrs Ideen entsprechen, kann er ganz verstanden und\ngewürdigt werden. Ein Erzieher seines Volkes zur Kunst,\neiner jener seltnen und grofsen Anreger auf vielen Gebieten, ein\nMann der ersten Gedanken, der Initiativen, eine treibende\nKraft, ein Pfadfinder gehört er durch diese Eigenschaften in die\nwertvollste und unentbehrlichste Kategorie Kulturschaffender\nGeister.\n\nMagnus von Wedderkop"}]}, {"article_id": "pmb-16784", "article_bluemountain": "bmtnabe_1897-04_01#c058", "volume": "bmtnabe_1897-04_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "297", "page_fin": "298", "image_debut": 45, "image_fin": 46, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.2.23", "titre_corps": "HAMBURGER PRIVATSAMMLUNGEN ; JAKOBIKIRCHHOF NACH EINER RADIERUNG", "titre_sommaire": "HAMBURGER PRIVATSAMMLUNGEN ; JAKOBIKIRCHHOF NACH EINER RADIERUNG", "signature_source": "W. v. Seidlitz ; ARTUR ILLIES", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 45, "page_imprimee": "297", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.45", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2864, "texte": "HAMBURGER\nPRIVATSAMMLUNGEN\n\nA MSINCK und Behrens, die Begründer der beiden gröfsten\nmodernen Gemäldesammlungen Hamburgs, sind tot.\nMit ihren Mitteln und mit ihrer Ausdauer sammelt nun nie-\nmand mehr.\nDie Behrens’sche Galerie ist durch die ihr gewidmete\nPrachtpublikation genügend bekannt geworden. Sie sei hier\nnur deshalb erwähnt, weil es bezeichnend ist, dafs\nihr Besitzer, der zu Anfang der sechziger Jahre mit dem\nSammeln der Meister von Fontainebleau sowie der deutschen\nGenremaler begann, 1870 seinen ersten Menzel, die wunder-\nbar schöne iUtneu-Synagoge, erwarb, 1 877 bis zu Corot vor-\ndrang, im Jahre 1894 sich auf durchaus neue Bahnen begab,\nindem er das erste Bild eines ganz Modernen, das Interieur\ndes Lübecker Kühl, erwarb, dazu Böcklins herrliche Diana\nvon Satyrn belauscht (aus dem Jahre 1877) und ein Bild des\nerst von der neueren Zeit wieder zu Ehren gebrachten Dela-\ncroix. Das Bild von Böcklin dürfte sich mit der Zeit immer\nmehr als das Hauptbild der Sammlung herausstellen.\nNoch gröfsere Kühnheit hat E. Amsinck bewiesen, der\nsich nicht gescheut hat, seiner gewählten Galerie, die wie\ndie Behrens’sche und die Konsul Weber’sche sich vornehm-\nlich aus Bildern von Meistern zusammensetzt, die um die\nMitte des Jahrhunderts blühten, eine Reihe ganz moderner\nErzeugnisse hinzuzufügen. So kann man dort von Degas ein\näufserst bezeichnendes kleines Pastell, eine Balletszene sehen.\nin der eine in Blau gekleidete Tänzerin ihre leichtbeschwingten\nPas ausführt, während vorn die Köpfe von zwei Bässen aus\ndem Orchester emporragen; von demselben Künstler ein fein\nempfundenes, weibliches Bildnis; von Whistler die Strafse\neiner kleinen englischen Stadt, abends bei dichtem Nebel,\ndurch den der Glanz der erleuchteten Fenster in äufserst reiz-\nvoller Weise durchschimmert; daneben eine kleine Marine in\nAquarell. Zwei bereits vor längerer Zeit verstorbene Künstler\nsind durchaus den Modernen beizuzählen, ja als die Väter\nder modernen Malerei zu bezeichnen: der Franzose Millet, von\ndem hier La balayeuse, eines jener grofsen Pastelle, die ihrer\nSchlichtheit und Frische wegen von Manchen noch den\nOelgemälden des Meisters vorgezogen werden, sowie ein\nunvollendetes Bildnis seiner Tochter zu sehen ist; und der\nEngländer Rossetti, der sowohl durch das in leuchtende\nFarben gemalte Brustbild einer blonden, üppigen jungen Frau,\nwie durch eine grofse Zeichnung in schwarzer und roter\nKreide von 1873 (eine Studie, wie es scheint, zu dem Engel\nrechts auf der Bestattung Beatrices) vorzüglich vertreten ist.\nDie Galerie Amsinck ist wohl jetzt die einzige Stelle in\nDeutschland, wo man einen Einblick in die Kunst dieser oft\ngenannten, doch fast von niemand aus persönlichem Augen-\nschein gekannten Meister erlangen kann. Zugleich kann dort\nmit Genugthuung festgestellt werden, dafs es jene beiden\ndeutschen Meister, die noch jüngst zur grofsen Verwunderung"}, {"page_pdf": 46, "page_imprimee": "298", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.46", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5040, "texte": "JAKOBIKIRCHHOF\nNACH EINER RADIERUNG\nARTUR ILLIES\n\ndes Publikums gegen einander ausgespielt worden sind: Böck-\nlin und Menzel, ruhig mit diesen fremden Künstlern auf-\nnehmen können. Böcklins im letzten Panheft wiedergegebene\nitalienische Landschaft gehört zu seinen am vollkommensten\nabgewogenen Schöpfungen; Menzels Bauerntheater von 1859\naber, das hier neben einer Reihe seiner feinsten Oelbilder und\nDeckfarbenmalereien hängt, ist durch die Lebendigkeit der\nCharakteristik und die Meisterschaft des Vortrags wohl über-\nhaupt die vollkommenste Schöpfung des Künstlers.\nVon anderen Gemäldesammlungen sei die des Freiherrn\nvon Westenholz (Böcklin, Meissonier u. s. w.), der Herren\nBerkefeld, Pini, Dr. Antoine-Feill, Dr. WolfFson, Wencke\n(auch Kunstgewerbliches), Jenisch u. a. erwähnt. Die alten\nVorbilder haben also anspornend eingewirkt. Die Art des\nSammelns aber hat sich während der letzten Jahrzehnte von\nGrund aus geändert. Früher handelte es sich dabei um eine\nModesache: wie man sich eine Bibliothek der besten Schrift-\nsteller anlegte, so legte man sich auch eine Galerie der besten\nMaler an, um zu zeigen, dafs man auf der Höhe des Ge-\nschmacks und der Bildung der Zeit stehe; nur musste es sich\ndabei um anerkannte Autoren und Künstler handeln, und der\nHauptreiz lag in dem Bestreben, nun auch innerhalb der\nGrenzen, die man sich gesteckt hatte wirklich das Beste\nzu erlangen. Die Meister, auf die man es absah, mufsten schon\neine Reihe ausgezeichneter Leistungen hervorgebracht haben,\ndamit man einen Ueberblick über ihre Thätigkeit gewinnen\nund danach seine Auswahl treffen könne. Andererseits galt\nes, nicht zu lange zu warten, damit sie nicht etwa in die\nunerschwinglichen Preise gerieten oder gar an Kraft verlören.\nEin mit solcher Umsicht ausgewähltes Werk war dann ein\nSchatz, an dem man sich voraussichtlich Zeit seines Lebens er-\nfreuen und den man seinen Nachkommen als einen an Gehalt\nund Wert unvergänglichen Besitz vermachen könnte, wenn\nman es nicht vorzöge, sich seiner zu günstiger Zeit wieder\nzu entäufsern, was jedoch in Hamburg nur als seltene\nAusnahme vorgekom-\nmen sein mag. Jeden-\nfalls pflegte man in\njener Zeit nicht damit\nzu rechnen, dafs sich\nin der nächsten Gene-\nration bereits die Be-\ngriffe von Grund aus\nändern könnten.\nJetzt dagegen ist das\nSammeln gewöhnlich\neine Thätigkeit, die\nin ausgesprochenem\nGegensatz zu dem herr-\nschenden Geschmack\nund zur Mode erfolgt,\nwobei der Sammler\ngar nicht danach fragt,\nob ein Meister bereits\ngeschätzt wird oder\nnicht, sondern nur\nerwägt, ob er wohl\nin Zukunft zur An-\nerkennung gelangen wird. Es handelt sich also dabei um\ndie Bethätigung eines ganz persönlichen Geschmacks; gerade\ndie verkannten Meister werden dem modernen Sammler die\nliebsten sein; nur so lange kauft er ihre Werke, als sie billig\nim Preise sind; fangen sie an, teuer zu werden, so wird er\nstutzig und frägt sich, ob am Ende die Kraft des Künstlers\nnachzulassen beginne, da die Gunst des Publikums sich ihm\nzu wende. Und nichts ärgert ihn so sehr, als wenn er den\nrichtigen Zeitpunkt verpafst hat und nun die Preise zahlen\nsoll, die ihm der Kunsthandel diktirt. Auch seine Bibliothek\nwird er nach dem gleichen Grundsatz des persönlichen Ge-\nschmacks zusammenstellen. Ueberantwortet sich aber einer\njetzt den Kunsthändlern denn auch die beginnen sich zu\nändern und fangen an, in „verkannten Meistern“ zu machen,\nda dabei immerhin etwas zu verdienen ist, wenn auch nicht\nso viel wie bei den „anerkannten“ so ist er einfach als\nein Sammler alten Schlages zu betrachten. Dafs das Sammeln\nin dieser neuen Art übrigens recht einträglich werden kann,\nhat kürzlich die Versteigerung der Sammlung Vever in Paris\ngezeigt, deren Erlös (in der Hauptsache für einige 130 Ge-\nmälde) fast eine Million Franken betragen hat, während die\neinzelnen Stücke ursprünglich nur wenig gekostet haben\nsollen. Eines freilich gehört unbedingt dazu, das früher\nallenfalls durch Klugheit ersetzt werden konnte: Geschmack,\nBlick und eine gewisse Kühnheit.\nEine Sammlung, die ganz nach diesem Grundsatz gebildet\nworden wäre, giebt es freilich in Hamburg eben so wenig\nwie sonst wo in Deutschland. Wohl aber berührt es äusserst\nsympathisch, wenn man sieht, wie ein jüngerer Hamburger\nKaufmann, der in seiner Bescheidenheit hier seinen Namen\nlieber wohl nicht genannt wissen möchte, sich bereits seit\neiniger Zeit mit dem besten Erfolge bemüht, die aufstrebenden\njungen Talente Hamburgs dadurch zu fördern, dafs er ge-\nlegentlich auch eins oder das andere von ihren Werken, so-\nbald es ihm wohl gelungen zu sein scheint, seiner gewählten\nkleinen Sammlung,\nderen Grundstock eine\nReihe der schönsten\nBilder von Herrmann\nKauffmann bilden, ein-\nzuverleiben trachtet.\nWer jetzt das Wirken\nvon Eitner, Illies,\nSiebelist, von Ehren\nund den Gleichstreben-\nden kennen lernen\nwill, mufs die behag-\nliche Behausung dieses\nHerrn aufsuchen. Eine\nsolche Sammlerthätig-\nkeit fällt freilich bereits\naus dem Gebiete der\nLiebhaberei heraus und\nist unter dem Gesichts-\npunkte der bewufsten,\nlokalen Kunstpflege zu\nbetrachten.\n\nW. v. Seidlitz"}]}, {"article_id": "leu-09418", "article_bluemountain": "bmtnabe_1897-04_01#c062", "volume": "bmtnabe_1897-04_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "299", "page_fin": "300", "image_debut": 47, "image_fin": 48, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.2.24", "titre_corps": "DIE WANDTEPPICHE DER WEBSCHULE ZU SCHERREBEK", "titre_sommaire": "DIE WANDTEPPICHE DER WEBSCHULE ZU SCHERREBEK", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 47, "page_imprimee": "299", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.47", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2194, "texte": "DIE WANDTEPPICHE DER WEBSCHULE\nZU SCHERREBEK\nIN den ländlichen Bezirken der schleswig’schen Westküste\nblühte in früherer Zeit mancherlei häusliche Kunstarbeit.\nDie Männer beschäftigten sich an den langen Winterabenden\nmit der Anfertigung von hölzernem Gerät, das mit Kerb-\nschnittornamenten verziert und oft auch in lustigen Farben\nbemalt wurde. Die Frauen verstanden sich auf feine Leinen-\nstickerei und Spitzenklöppelm Am Whbstuhl fertigten sie\nnicht nur Stoffe für Männer- und Frauenkleidung, sondern\nauch Arbeiten, die mit der praktischen Verwendung deko-\nrative Zwecke verbanden: glatte und plüschartige Bezüge für\nStuhl- Bank- und und vor allem zweifarbige\nBeiderwand-Vorhänge mit geometrischen Mustern, Blumen-\nmotiven und figürlichen Darstellungen biblischen und mytho-\nlogischen Inhaltes. Fleute sind diese Bethätigungen eines alten\nHausfleifses in Schleswig-Holstein so gut wie ganz aus-\ngestorben.cc\nDie Anregung zu dem Versuch, diese Hand Weberei der\nalten Hauskunst in Schleswig wieder einzuführen, ging von\nDr. F. Deneken aus, dem ehemaligen Assistenten am Ham-\nburger Kunst- und Gewerbemuseum und jetzigen Direktor am\nKaiser Wilhelms-Museum in Krefeld. Im Verein mit Pastor\nJacobsen, der in Scherrebek, einem drei Meilen, nördlich\nvon Tondern gelegenen Kirchdorf, seit einer Reihe von\nJahren in uneigennützigster Weise die deutsche Sache gegen\ndänische Umtriebe zu fördern suchte, gründete er unter der\nForm einer Genossenschaft mit beschränkter Haftpflicht eine\nSchule für Kunstweberei. Das Unternehmen hat überall im\nLande lebhafte Aufnahme gefunden, und bei dem Interesse,\ndas man diesem Versuch auch außerhalb Schleswig-Hol-\nsteins entgegengebracht hat, steht zu hoffen, dafs das ange-\nstrebte Ziel in absehbarer Zeit erreicht werden wird. Die\nScherrebeker Webschule fufst nicht auf heimischen Tradi-\ntionen; sie hat aus Norwegen und Schweden alle diejenigen\nTechniken der Handweberei übernommen, die zur Zeit mit\nso grofsem Erfolg als beliebteste Frauenkunst im skandina-\nvischen Norden geübt werden.\n„Die von ständigen, geschulten Weberinnen der Anstalt\nnach künstlerischen Entwürfen ausgeführten Wandteppiche,\nKissenbezüge etc. sind in der uralten, primitiven norwegischen"}, {"page_pdf": 48, "page_imprimee": "300", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.48", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2475, "texte": "Wirk-Technik auf senk-\nrechtem Webstuhl gearbeitet.\nDiese mühsame und lang-\nwierige Technik, bei der\ndie Schufsfaden mit den\nFingern einzeln durch die\nKette gezogen werden, hat\nden Vorteil, dafs man nicht\nauf gebundene Muster be-\nschränkt ist, sondern nach\nArt der Gobelin weberei freie,\nbildmäfsige Vorwürfe dar-\nstellen kann. Von einem\nAbschattieren und Model-\nlieren der Motive mufs\nallerdings abgesehen werden.\nWenn dies ein Mangel ist,\nso wird er reichlich aufge-\nwogen dadurch, dafs die\nVJ—— -\neinheitlichen Farbflächen um so breiter und mit der vollen\nTiefe ihrer Töne zur Geltung kommen. Als Material wird\nlediglich mit Pflanzenfasern gefärbte Wolle verwendet.“\nDie künstlerischen Vorlagen für die Gewebe rühren von\nOtto Eckmann und Alfred Mohrbutter her. Beide\nerkannten dabei wohl, dafs sie, ganz abgesehen von den be-\nsonderen Anforderungen, die diese Technik an den Muster-\nzeichner stellt, vor allem auch der Eigenart der Landschaft\nRechnung tragen mufsten, in der diese Webereien gefertigt\nwerden sollten. Ihre Motive sind durchweg schlicht und\nfast naiv empfunden. Beim ersten Blicke allerdings fällt\neine gewisse Eckigkeit und Härte in den Linien auf\nund eine Schwere in den Farben Übergängen je mehr\nman sich aber mit dieser Kunst befreundet, um so in-\ntimer wirkt der von ihr\nausgehende Reiz, was denn\nauch anläfslich einer ersten\nAusstellung in Hamburg all-\ngemein anerkannt wurde,\nauf Seiten der Kritik wie\nauf - Seiten des Publikums.\nUnd da auch die Schleswig-\nholsteinsche Landes-Regie-\nrung den grofsen erzieh-\nlichen Wert dieses neu er-\nschlossenen Industriezweiges\nanerkennt und ihm sowohl\nmaterielle als moralische\nUnterstützung zu teil werden\nläfst, so ist nicht zu zweifeln,\ndafs das junge Unternehmen\nsich immer reicher und viel-\nseitiger ausgestalten und\nwie in einem kleinen Geleitblatt, dem diese Notizen ent-\nnommen., bemerkt ist dazu beitragen wird, die Farben-\nscheu, die noch immer die Ausstattung unserer Wohnräume\nbeherrscht, zu überwinden.\nWas bisher gefertigt wurde sind Taneelfriese, Kissen-\nbezüge und Wandteppiche.\nVielleicht wäre es im Interesse einer weiteren Ent-\nwickelung des Unternehmens zweckmafsig, bei den Teppich-\nvorlagen das landschaftliche Motiv nicht allzusehr zu\nbevorzugen, sondern auch neue ornamentale Muster zur\nGeltung zu bringen umsomehr, als man eine schöne\nLandschaft nur ungern mit Füfsen tritt und bei einem Auf-\nhängen der Teppiche an der Wand die Einfassungsfranzen\ndes oberen Randes etwas störend wirken."}]}, {"article_id": "leu-10044", "article_bluemountain": "bmtnabe_1897-04_01#c063", "volume": "bmtnabe_1897-04_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "299", "page_fin": "300", "image_debut": 47, "image_fin": 48, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.2.24.1", "titre_corps": "MELANCHOLIE ; WINTER ; ABENDRÖTE", "titre_sommaire": "MELANCHOLIE ; WINTER ; ABENDRÖTE", "signature_source": "ALFRED MOHRBUTTER ; ALFRED MOHRBUTTER ; ALFRED MOHRBUTTER", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 47, "page_imprimee": "299", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.47", "debut_caractere": 2196, "fin_caractere_exclue": 2225, "texte": "MELANCHOLIE\nALFRED MOHRBUTTER"}, {"page_pdf": 48, "page_imprimee": "300", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.48", "debut_caractere": 2477, "fin_caractere_exclue": 2530, "texte": "WINTER\nALFRED MOHRBUTTER\n\nABENDRÖTE\nALFRED MOHRBUTTER"}]}, {"article_id": "leu-09916", "article_bluemountain": "bmtnabe_1897-04_01#c069", "volume": "bmtnabe_1897-04_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "n. p.", "page_fin": "301", "image_debut": 49, "image_fin": 51, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.2.25", "titre_corps": "AM FINKENWÄRDER-DEICH ; [Initial]", "titre_sommaire": "AM FINKENWÄRDER-DEICH ; [Initial]", "signature_source": "THOMAS HERBST", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 49, "page_imprimee": "n. p.", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.49", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 74, "texte": "AM FINKENWÄRDER-DEICH\nTHOMAS HERBST\nLICHTDRUCK NACH EINER STUDIE PAN II 4."}]}, {"article_id": "pmb-16786", "article_bluemountain": "bmtnabe_1897-04_01#c071", "volume": "bmtnabe_1897-04_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "301", "page_fin": "308", "image_debut": 51, "image_fin": 58, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.2.26", "titre_corps": "VOM DILETTANTISMUS : I. SELBSTERZIEHUNG ; Distel ; II. ZUR ORGANISATION DES DILETTANTISMUS ; BERBERITZEN ; PLAKAT DER DILETTANTENAUSSTELLUNG ; ALTE HAMBURGER DIELE ; HAUSTÜHR ; Distelkopf", "titre_sommaire": "VOM DILETTANTISMUS : I. SELBSTERZIEHUNG ; Distel ; II. ZUR ORGANISATION DES DILETTANTISMUS ; BERBERITZEN ; PLAKAT DER DILETTANTENAUSSTELLUNG ; ALTE HAMBURGER DIELE ; HAUSTÜHR ; Distelkopf", "signature_source": "L. Bohlen ; Alfred Lichtwark ; B. FERBER ; MARY HERTZ ; MARIE ZACHARIAS ; EBBA TESDORPF ; M. KORTMANN ; L. Bohlen", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 51, "page_imprimee": "301", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.51", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3032, "texte": "VOM DILETTANTISMUS\nI. SELBSTERZIEHUNG\nOR einem Jahrhundert bot die\nLitteratur den bevorzugten Stoff\nfür die Unterhaltung. Das hat auf-\ngehört. Heute spricht man über\nMusik 3 wenn auch nicht so aus-\nschliefslich wie früher, und es\nscheint die Reihe an die bildende\nKunst kommen zu sollen.\nAber noch ist es eigentlich nur\nein Vorgeplänkel. Die Unterhal-\ntung pflegt sich um Allgemeinheiten zu drehen, um Kunst\nan sich, um Richtung. Wer die meist im Brustton vor-\ngetragenen Aeufserungen vergleicht, wird mit Staunen wahr-\nnehmen, dafs fast Alle, ohne sich dessen bewufst zu sein,\nwörtlich dasselbe sagen. Wir sind nicht gewohnt, für un-\nsere Gedanken ein Ursprungszeugnis zu verlangen.\nWer es mit sich und der Welt ehrlich meint, sollte nie\nüber Kunst reden. Kunst gibt es in Wirklichkeit gar nicht.\nEs gibt nur Kunstwerke.\nFreilich ist es leicht, über Kunst zu reden, weil wir so viele\nfertige Phrasen darüber so oft gehört und gelesen haben, dafs\nsie in unserm Gedächtnis so fest haften wie Kletten im Haar\nund noch schwieriger daraus zu entfernen sind. Und so\nlange sie nicht herausgerissen sind, bleibt auch das Nach-\ndenken ein fruchtloses Kombiniren von Formeln.\nWenn einer von denen, die eben noch mit Emphase über\ndie Kunst, was sie soll, was sie mufs, was er von ihr ver-\nlangt, geeifert hat man wird in Deutschland leicht heftig,\nwenn man über Kunst redet: fragt die Franzosen, was dies\nSymptom bedeutet wenn einer von den Soll- und\nMussästhetikern, die über Kunst so weise reden können, vor\nein Kunstwerk geführt wird, dann pflegt er zu verstummen\noder Dinge zu sagen, die ihm die Schamröte in die Wangen\ntreiben würden, wenn er wüfste, was er sagte, denn er ist\nim Grunde nur ein Phonograph,\nlieber Kunst reden ist leicht, aber vor einem Kunstwerke\nvermag nur der ein nützliches Wort zu sagen, der die Leis-\ntung zu erkennen im Stande ist, und das ist sehr schwer, das\nkann nur der, der als Künstler nicht in der Routine, sondern\nim selbständigen Ringen mit der Erscheinung schafft, oder\nder als Kunstfreund durch langjähriges Studium der Kunst\nund der Natur sich in die Materie hineingefühlt hat. Denn\nalles kommt darauf an, ob der Beurteiler die Leistung, die\nQualität zu fühlen vermag. Was sich heute Kunstfreund\nnennt, sucht die Bethätigung des kritischen Vermögens bei\nsich und andern freilich meist ganz wo anders: im Fehler-\nsuchen, und er pflegt garnicht zu merken, dafs er sich damit\nim einzelnen Falle den Genufs verdirbt oder verderben läfst,\nin der Wiederholung die Genufsfähigkeit überhaupt unter-\nbindet. Geniefsen kann nur, wer sich mit ganzer Seele hin-\ngiebt.\nKeins der modernen Kulturvölker hat es so nötig wie\nwir Deutschen, dafs der einzelne an seine künstlerische Er-\nziehung Hand lege.\nDas Ziel dieser Erziehung ist die Fähigkeit, Kunst zu\ngeniefsen, oder, wie man früher sagte, Kunst zu verstehen.\nAls das schnellste und sicherste Mittel dürfen wir für\ndie bildende Kunst so gut wie für die Musik den ernsten\nDilettantismus betrachten.\nWohlverstanden den ernsten. Der oberflächliche, der\n\nL. Behlen."}, {"page_pdf": 52, "page_imprimee": "302", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.52", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2326, "texte": "sich bald zufrieden gibt, ist ein Hindernis und sollte er-\nbarmungslos ausgerottet werden.\nNeben dem Dilettantismus im engeren Sinne ist der\nsicherste Weg, Kunst fühlen zu lernen, die Thätigkeit des\nSammlers. Wir wollen darunter namentlich den verstehen,\nder sein Interesse dem Leben seiner eigenen Epoche zuwendet.\nWenn sich auch der Wert von Sammlungen alter Kunst im\nPrivatbesitz nicht hoch genug schätzen läfst, erst die innige\nBerührung mit der Produktion der Gegenwart schafft Sammler,\nwie wir sie zur Förderung unserer lebendigen Kunst augen-\nblicklich fast noch nötiger brauchen als Künstler.\nEine Scheidung zwischen Kunst und „Kunstgewerbe“\nerkennt unsere Generation nicht mehr an. Ein Bucheinband,\neine Stickerei kann ebensogut Kunst enthalten wie ein Bild.\nWer es mit seiner Selbsterziehung ernst nimmt, mag als\nausübender, als sammelnder, als bestellender Kunstliebhaber\nverfahren je nach Neigung und Vermögen: er wird sich und\nseinem Volk am besten dienen, wenn er sein Ziel hoch steckt\nund es mit unermüdlichem Bemühen zu erreichen sucht.\nDies ist die Stellung, die wir für den ernsten Dilettan-\ntismus in Anspruch nehmen.\nDie landläufigen Vorurteile werden uns nicht beirren.\nGewifs haben viele bedeutende Männer nicht ohne Recht sehr\nviel Herbes und Hartes über den Dilettantismus gesagt, und\nes läfst sich aus der Fülle der Schwächen und Thorheiten,\ndie ihm noch anhaften, ein Verdammungsurteil wohl be-\ngründen.\nAber den Bau dieser absprechenden Kritik wirft eine ein-\nzige Frage über den Haufen: glaubt irgend jemand, den\nDilettantismus aus der Welt schaffen zu können?\nUnd würde, wenn es möglich wäre, den starken Trieb\nzur Bethätigung durch das Raisonnement zu unterdrücken,\netwas damit gewonnen sein?\nIst dies nicht der Fall, so giebt es vernünftiger Weise\nnur die eine Möglichkeit, den Dilettantismus als vorhandene\nKraft anzuerkennen, ihn gesund und stark zu machen und\nden Platz zu suchen, wo er im wirtschaftlichen Leben der\nNation dem Gesammtwohle dient. *)\n*)\n*) Aus dem als Manuskript gedruckten Jahrbuch der Gesellschaft Hamburgischer Kunstfreunde. Die Illustrationen der\nAufsätze: „Vom Dilettantismus“, „Hamburg“, und „Die Kunst und die Massen“ rühren von Mitgliedern der Gesellschaft her, die\nBuchausstattung stammt aus dem Jahrbuch und ist ebenfalls von Dilettanten gezeichnet und geschnitten."}, {"page_pdf": 53, "page_imprimee": "303", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.53", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3441, "texte": "II. ZUR ORGANISATION DES DILETTANTISMUS\n\nN Hamburg hat sich vor drei Jahren der\nI Dilettantismus zu organisieren begonnen.\nObgleich seither nur eine kurze Spanne\nZeit verstrichen ist, läfst sich aus den Er-\ngebnissen der Arbeit des kleinen Kreises,\n' der die Führung übernommen hat, bereits\nerkennen, welchen Einflufs die Thätigkeit\ndes Dilettanten ausüben kann, wenn er seine Sache ernst\nnimmt und sich gemeinnützige Aufgaben stellt.\nVon zwei Gesellschaften geht die Arbeit aus, von der\nGesellschaft Hamburgischer Kunstfreunde, die die\nSammler, Kunstfreunde und die eigentlichen Dilettanten zu-\nsammenfafst, und von der Gesellschaft zur Förderung\nder Amateurphotographie. Der Begründung dieser Ge-\nsellschaften ging eine Zeit der Propaganda voraus, in der die\nneuen Ideen durch öffentliche Vorträge und mannigfache\nBesprechungen verbreitet wurden.\nIm Winter 1893—94 war die Bewegung soweit ge-\ndiehen, dafs die ersten grösseren Unternehmungen ausgeführt\nwerden konnten, eine internationale Ausstellung von Amateur-\nphotographien und eine lokale Ausstellung von Erzeugnissen\ndes Dilettantismus. In beiden Fällen stellte die Kommission\nfür die Verwaltung der Kunsthalle die Räume zur Verfügung,\neine Vergünstigung, die dem noch nicht näher eingeweihten\nPublikum ohne Weiteres klar zu machen geeignet war, dafs\nes sich um eine Angelegenheit von öffentlichem Interesse\nhandelte.\nBeide Ausstellungen waren nach denselben Grundsätzen\nangelegt. Es hätte nahe gelegen, nur eine Auswahl des\nAllerbesten vorzuführen. Aber damit wäre weder für das\nPublikum noch für die Dilettanten etwas Rechtes erreicht\nworden. Denn dafs einzelne Liebhaber es in der Photographie,\nim Zeichnen und in der Malerei zu tüchtigen Leistungen\ngebracht hatten, war ohnehin bekannt. Dagegen fehlte eine\nEinsicht in den Umfang und die Durchschnittsqualität der\ndilettantischen Produktion.\nSo sollten die Ausstellungen dazu dienen, an einem\nmöglichst umfangreichen Material den Thatsachenbestand\nklar zu legen. Wer beim Durchschreiten der übervollen\nRäume, in denen sich die Mittelmässigkeit breit und das Gute\nrar machte, nicht im Auge behielt, dafs es sich um eine\nvorläufige Heerschau handelte, durfte sich kopfschüttelnd\nfragen, was das Alles in den Räumen eines Museums zu\nthun habe.\nBeide Ausstellungen führten an einer überwältigenden\nFülle von Material den Beweis, dafs in der That der Dilet-\ntantismus in der jüngern Generation eine ganz ungeheure\nVerbreitung gefunden hatte. Und dafs eine Organisation der\nmeist resultatlos verpufften Kräfte vom volkswirtschaftlichen\nStandpunkt aus geboten sei, leuchtete nunmehr selbst denen\nein, die mit dem mitleidigen Lächeln des Zweiflers die\nAusstellungen betreten hatten.\nIm Anschlufs an die Kunsthalle haben die beiden Gesell-\nschaften sich auf Grund der gewonnenen Erfahrungen ihre\nAufgaben gesucht.\nHä\nDie Gesellschaft zur Förderung der Amateurphotographie\nstellte als ihr Ziel die Pflege des künstlerischen Elements in\nder Photographie hin. Unter der Zahl der Aussteller erwählte\nsie aus allen Kulturländern die hervorragendsten Vertreter des\nFaches zu korrespondierenden Mitgliedern und hat seither\nalljährlich in zwei Sälen der Kunsthalle kleine streng ge-\nwählte Ausstellungen des Allerbesten veranstaltet, was in der\nganzen Welt geleistet wird. Der Kongrefs, der während\nder ersten Ausstellung stattfand, beschlofs auf Vorschlag\nder Hamburger Gesellschaft die zweite internationale Aus-\n\nBERBERITZEN\nFRÄULEIN B. FERBER"}, {"page_pdf": 54, "page_imprimee": "304", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.54", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4798, "texte": "Stellung in Deutschland 1896 in Berlin abzuhalten. Die\nPhotographische Rundschau erwählte den Vorsitzenden der\nHamburger Gesellschaft zum Redakteur für den künst-\nlerischen Teil.\nEin Hauptaugenmerk wurde auf die künstlerische Ver-\ntiefung der Bildnisphotographie, auch der des Berufsphoto-\ngraphen gerichtet. Denn so lange Publikum und Photograph\nim Bildnis durch Pvetouche und gar durch den Photokorrektor\ndas Charakteristische umgehen oder unterdrücken, wird auch\nin der Bildnismalerei niemand die Wahrheit vertragen können.\nBei der Kinderphotographie hat der Amateur bereits Wandel\ngeschaffen. Das Kind wird von seiner Umgebung schärfer\nund besser, weil mit dem Herzen beobachtet, als der Er-\nwachsene. Der Amateur ist in der Lage, viele Versuche\nmachen zu können, um den Moment voller Unbefangenheit\nzu packen, und ist es ihm gelungen, so wird sein Erfolg bei\nden Angehörigen um so gröfser, je charakteristischer das\nBildnis ausgefallen, und Niemand denkt daran, Retouche\nvon ihm zu verlangen. Der Berufsphotograph befindet sich\ndem Kinde gegenüber in einer sehr viel schwierigeren Stellung.\nEs fühlt sich fremd in den sonderbaren, ungewohnten Räumen\ndes Ateliers, verliert seine lieblichste Eigenschaft, die Hingabe,\nund ein erfreuliches Ergebnis ist ein Glücksfall. Wenn die\nRetouche dann auch ein Engelsgesicht herstellt, das Herz der\nEltern ist doch nicht ganz zufrieden. Die Berufsphotographen,\nderen Kundschaft den höheren Ständen angehört, klagen\nbereits ganz ernsthaft, dafs das Kinderbildnis aus ihren Auf-\ngaben zu verschwinden beginnt.\nDass sich durch die Thätigkeit des Amateurs ein Um-\nschwung auch im Bildnis des Erwachsenen anbahnt, läfst\nsich ebenfalls beobachten. Es ist natürlich nicht daran zu\ndenken, dafs er etwa, wie beim Kinderbildnis, diesen Zweig\nan sich reifsen könnte. Aber in Hamburg haben die Aus-\nstellungen, die gerade von den hervorragendsten Berufs-\nphotographen eifrig besucht werden, allerlei neue Gedanken\nbereits angeregt. In Zukunft dürfte der Berufsphotograph\nzwei Kategorien machen, eine künstlerische, die auf die\nHerausarbeitung des Charakteristischen ausgeht und auf ver-\nschönernde und verallgemeinernde Retouche verzichtet, und\ndie herkömmliche, die damit in eine niedrigere Stellung ge-\ndrückt wird. Schon für das kommende Jahr hat die Gesell-\nschaft zur Förderung der Amateurphotographie eine Aus-\nstellung künstlerischer Bildnisaufnahmen von Berufsphoto-\ngraphen in Aussicht genommen.\nSomit sind in der kurzen Zeit ihrer Thätigkeit wichtige\nZiele erreicht. Die Hamburger Ausstellungen und die Aus-\nstellung in Berlin haben in der deutschen Amateurphoto-\ngraphie dem künstlerischen Prinzip zum Durchbruch ver-\nhelfen, sowol was die Anschauung anbetrifft wie in der\ntechnischen Behandlung. Vor 1894 herrschte in Deutschland\nfast unumschränkt das Albuminverfahren, seither sind die\nMittel der Platinotypie und seit kurzer Zeit die künstlerisch\nnoch unendlich ergiebigeren Pigmentdrucke allgemein auf-\ngenommen, die an Vornehmheit des Tons mit der Radierung\nwetteifern.\nBerufsphotographen haben formell anerkannt, dafs die\nZukunft auch in der Bildnisphotographie den künstlerischen\nGrundsätzen gehört, und die photographische Literatur hat\nauch in Deutschland seither sich bewufster als vor 1893 der\nPflege künstlerischer Anschauung zugewandt.\nAllgemein wird zugestanden, dafs die ganz unberechen-\nbaren Summen an Zeit und Geld, die in der Beschäftigung\nmit der Amateurphotographie aufgewandt werden, einen\nernsten wirtschaftlichen Verlust für unser Volk bedeuten,\nwenn sie nicht in den Dienst der künstlerischen Erziehung\ngestellt werden.\nWie für die Arbeit des Einzelnen oder der Vereine neue\nAufgaben gefunden sind, soll mit einem Hinweis auf die\nhistorische Wichtigkeit der Aufnahme alter Baudenkmäler\nder Hamburger Gesellschaft und des Braunschweiger Vereins\nund auf das mit eigenen Aufnahmen illustrierte Werk von\nDr. Linde über den Sachsenwald nur angedeutet werden.\nUmfassender noch waren die Absichten der Gesellschaft\nHamburgischer Kunstfreunde. Während die Amateur-\nphotographen sich auf den Standpunkt der Internationalität\nstellten und es sich angelegen sein liefsen, die Deutschen mit\nder hohen Entwicklung der Amateurphot:ographie in den\nübrigen Kulturländern vertraut zu machen, beschränkten sich\ndie Kunstfreunde mit voller Absicht im Princip auf Hamburg.\nZu ihren Ausstellungen werden nur Einheimische zugelassen,\nund alle ihre Bestrebungen gelten dem künstlerischen Leben\nder nächsten Heimat.\nAuch hier bildete die Veranstaltung von kleinen ge-\nwählten Jahresausstellungen das nächste Augenmerk. Diese\nAusstellungen umfassen alles, was der Liebhaber Artistisches\nhervorbringt auf dem Gebiet der Zeichnung, Malerei, Bild-\nhauerei und der dekorativen Künste. Ebenso, was er nach\n\nPLAKAT DER DILETTANTENAUSSTELLUNG\nFRÄULEIN MARY HERTZ"}, {"page_pdf": 55, "page_imprimee": "305", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.55", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3309, "texte": "eigenen Angaben vom Buchbinder, dem Goldschmied oder\nvon der Kunststickerin hersteilen läßt. Die Wirkung dieser\nAusstellungen macht sich bereits deutlich fühlbar, den\nDilettanten ist ein Ziel gesetzt, das Publikum bezeigt durch\neifrigen Besuch ein lebhaftes Interesse. Ueberraschend ist,\nwie sich auf allen Gebieten das Niveau gehoben hat.\nVon dem Einfluß der Ausstellungen auf die Arbeiten der\nmalenden und zeichnenden Dilettanten ist schwer eine Vor-\nstellung zu geben, er ist ganz außerordentlich grofs. Man hört\nin Deutschland vielfach die Behauptung, Dilettanten dürften\nnicht ausstellen. Warum nicht, hat mir niemand klar machen\nkönnen.\nIn den monatlichen Versammlungen werden die An-\ngelegenheiten der Gesellschaft, Fragen aus der künstlerischen\nBewegung und die Thätigkeit der Museen besprochen. Mit\nihren übrigen Unternehmungen hat die Gesellschaft einge-\nsetzt, wo sich für die Pflege der Kunst im Hause die besten\nAussichten boten.\nEine Vertiefung des Blumenkultus erschien als die nächst-\nliegende Aufgabe. Denn für die ästhetische Erziehung des\nAuges bildet die Blume den Ausgangspunkt.\nDie Verwendung der abgeschnittenen Blume in künst-\nlerischem Sinne ist gebunden an die Verfügung über prak-\ntische, einfache Vasen. Obgleich in der allerletzten Zeit\nunsere Industrie ein wenig mehr als früher dem Bedürfnis\nentgegenkommt, fehlt doch viel, dafs der Liebhaber die\nnötigen Blumengefäfse in der wünschenswerten Form,\nFarbe, Anzahl und Wohlfeilheit zur Hand hätte.\nEin Komitee von Damen suchte Abhilfe zu schaffen. Es\nwurde nach den an lebenden Pflanzen gewonnenen Mafsen\neine Anzahl von Typen gezeichnet für Veilchen, Rosen mit\nkurzen oder langen Stengeln, Narzissen, Iris, Dahlien, und\nbei gewöhnlichen Töpfern (zunächst mit einer Auswahl der\nvorhandenen Glasuren) in Auftrag gegeben.\nDas Ergebnis fiel so günstig aus, und der Bedarf der\nHamburger Familie erwies sich so bedeutend, dafs größere\nBestellungen gemacht werden mußten. Einigen hervorragen-\nden Blumenhändlern wurden die überaus brauchbaren Waren\ndann in Vertrieb gegeben. Der Preis wurde sehr niedrig ge-\nstellt, um allen Kreisen die Annehmlichkeit zu Gute kommen\nzu lassen; von dreißig Pfennig bis zu einer Mark durch-\nschnittlich.\nEin Versuch, den Handel mit wilden Blumen zu organi-\nsieren, ist auf den ersten Anhieb noch nicht gelungen, weil\nes an intelligenten Pflückern fehlte. Er soll jedoch wieder-\nholt werden. Bei den Gärtnern zeigt sich in letzter Zeit die\nNeigung, die alten Gartenblumen in Massen zu kultivieren\nund auf den Markt zu bringen. Es wird angestrebt, Monats-\nabonnements für diese Produkte einzurichten.\nErst wenn dem Bedürfnis nach einfachen, schönen prak-\ntischen und billigen Blumenvasen völlig genügt ist, soll der\nVersuch gemacht werden, die Herstellung einer kostbareren\naber immer praktischen Gebrauchsware anzuregen.\nDie Gesellschaft hat beschlossen, ihre Vasen den Schulen\nzu stiften, namentlich den Mädchenschulen.\nIm Anschluß an die Blumenvasen sollen in den nächsten\nJahren praktische, billige und schöne Hüllen für die irdenen\nBlumentöpfe hergestellt werden, nach denen ein Bedürfnis\noffenbar vorhanden ist. Es wird beabsichtigt, alle Materialien\nzu berücksichtigen, Steingut und Porzellan in einfachen Farben\n\nALTE HAMBURGER DIELE\nFRAU MARIE ZACHARIAS\n\nALTE HAMBURGER DIELE\nFRÄULEIN EBBA TESDORPF"}, {"page_pdf": 56, "page_imprimee": "306", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.56", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4655, "texte": "und Formen, Korbflechterei in Anlehnung an ältere heimische\nFormen und an die japanischen Vorbilder des Museums für\nKunst und Gewerbe, und hölzerne, in einfachen Farben an-\ngestrichene Gitterformen.\n❖\nEbenso glückliche Ergebnisse wurden mit der Pflege des\nBuches und des Bucheinbandes erzielt.\nWie bei den Vasen an die uralte Hamburger Vorliebe für\ndie Blume so wurde auch bei dem Buch von vorhandenen\nNeigungen und Gewohnheiten ausgegangen. Die Zahl der\naus Hamburg hervorgehenden Schriftsteller ist gering, trotz\ndes allgemeinen Interesses für die Litteratur aller modernen\nVölker. Wo bleiben die Talente, die doch jede Generation\ndes grofsen und eigenartigen Gemeinwesens als Rohmaterial\nhervorbringt? Ein Teil findet eine Beschäftigung seiner\nNeigungen und Kräfte in der Abfassung von Denkwürdig-\nkeiten für die engere Familie. Oft bleiben sie ungedruckt,\naber die Sitte, sie als Manuskript für die Mitglieder der meist\nsehr weit verzweigten Familien drucken zu lassen, ist all-\ngemein verbreitet. Es giebt Dutzende solcher Werke allein\naus diesem Jahrhundert, und in manchen Fällen erhebt sich\ndie Darstellung zu ernsthaft litterarischem Wert.\nBeim Druck dieser Familienlitteratur wurde bisher nur\nselten auf Typen, Anordnung und Papier Gewicht gelegt.\nUm für künftige Privatdrucke Vorbild und Anregung zu\ngeben, beschlofs die Gesellschaft, eine Reihe von Publikationen\nzu machen, die die Freude am Buch als Kunstwerk in der\nHamburger Familie wieder verbreiten sollten.\nDas Jahrbuch der Gesellschaft wuchs sich im zweiten\nJahrgange bereits zu einer Zeitschrift aus, die nach allen Rich-\ntungen den Boden zu untersuchen bestimmt ist, auf dem die\nBestrebungen eines ernsten Dilettantismus gedeihen können.\nDie gesamte Ausstattung an Kopfleisten, Vignetten und\nsonstigen Illustrationen wird von Dilettanten gezeichnet und\nin Holz geschnitten. Ebenso erscheint der Katalog der Aus-\nstellungen in reicher Buchornamentik, die von Mitgliedern\nder Gesellschaft hergestellt wird. Es wird dabei angestrebt,\ndie einheimische Flora, namentlich die kleinblütige, für die\nBuchausstattung zu benutzen. Auf die Verwendung des his-\ntorischen Buchornaments wurde von vornherein verzichtet.\nVon gröfserem Umfange ist die von der Gesellschaft\nherausgegebene Hamburgische Liebhaberbibliothek,\ndie jährlich in 4—6 Bänden erscheinen soll. Für den Inhalt\nsind die wichtigsten der Denkwürdigkeiten Hamburgischer\nFamilien, sowie die hervorragendsten Werke der eigentlich\nHamburgischen Litteratur in Aussicht genommen. Die Auf-\nlage ist nur klein, da die Bibliothek nicht in den Buchhandel\ngelangen und ihre Verbreitung sich auf Hamburg beschränken\nsoll. Erschienen oder in Vorbereitung sind u. A.; Paul Hertz,\nUnser Elternhaus; Berend Goos, Jugenderinnerungen; Ph. O.\nRunge, Pflanzenstudien; Lichtwark, Studien; Baron Merck,\nLondon und Paris 1851; O. Beneke, Die Familie Lorenz-\nMeyer; A. Köster, Hagedorns Gedichte; A. Metz, Brockes;\nEmma Dina Hertz geh. Beets, Urgrofseltern Beets, eine Aus-\nwahl Nachrichten von Reisenden über Hamburg. Ein Teil\nder Bände erscheint ohne weitere Ausstattung. Einige werden\nvon Mitgliedern der Gesellschaft mit Kopfleisten und Schlufs-\nstücken geschmückt, für andere ist die Beihilfe von Künstlern\nin Aussicht genommen. Den Druck besorgt die Senats-\ndruckerei, das Büttenpapier, das Anfangs aus Holland be-\nzogen werden mufste, wird jetzt ausschliefslich für die Publi-\nkationen der Gesellschaft in einer in Deutschland früher nicht\nproduzierten Qualität hergestellt.\nEs ist ein erfreuliches Ergebnis, dafs diese Liebhaber-\nbibliothek sich in kurzer Zeit eingebürgert hat. Der Einflufs,\nden auch der Inhalt mit der Zeit ausüben kann, braucht an\ndieser Stelle nicht betont zu werden.\nWichtig verspricht das Unternehmen auch für das Buch-\nbindergewerbe zu werden. Handelt es sich doch um einige\ntausend Bände jährlich, die auf einen guten Einband Anspruch\nmachen. Die Mitglieder der Gesellschaft gehen mit gutem\nBeispiel voran. Schon auf der letztjährigen Ausstellung er-\nschienen Einbände, deren Filete von den Besitzern entworfen\nwaren.\nDamit ist schon der erste Schritt auf ein Gebiet gethan,\ndas bei uns erst wenig angebaut ist, die Herstellung ganzer\nEinbände durch Dilettanten. Es giebt schon eine Anzahl von\nLiebhaber-Buchbindern. Aber im Allgemeinen haben sie sich\nkünstlerische Aufgaben noch nicht gestellt. Soll der deutsche\nBucheinband die fast ausschliesslich herrschende antiqua-\nrische Richtung verlassen, so ist dies der Weg.\nIm Anschlufs an diese Bemühungen, Buch und Bibliothek\nzu pflegen, hat die Gesellschaft das Exlibris und das Lese-\nzeichen in Holzschnitt und Lithographie von vornherein als\n\nHAUSTÜHR\nFRÄULEIN M. KORTMANN"}, {"page_pdf": 57, "page_imprimee": "307", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.57", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3748, "texte": "eins der Arbeitsgebiete ihrer Mitglieder in Angriff genommen.\nDas Jahrbruch enthält zahlreiche Beispiele.\nMit dem Holzschnitt haben sich einige Mitglieder sehr\nrasch vertraut gemacht. Es wurde dabei der sogenannte\nTonschnitt von vornherein ausgeschlossen, weil dessen Be-\nhandlung den Dilettanten zu weit führen, und weil dabei der\nsehr wichtige Zwang, die Zeichnung auf einfache Formen\nzu beschränken, Wegfällen würde.\n$\nMit Absicht sind für die gemeinsame Bethätigung der\nKräfte zunächst Unternehmungen in Angriff genommen, deren\nZiele allgemein verständlich waren und mit den verfügbaren\nMitteln erreichbar schienen.\nFinden die Bestrebungen ferner Anklang, so liegen noch\nviele andere Wege offen.\nMitgliedern der Gesellschaft, Frl. Ebba Tesdorpf und\nFrau Marie Zacharias, verdanken wir als Resultat jahrelanger\nMühen die genauesten Aufnahmen des untergegangenen alten\nHamburg. Fast jedes Haus könnte nach diesen Zeichnungen\nwieder aufgebaut werden. Es verdient hervorgehoben zu\nwerden, dafs die Hamburger Dilettanten sich weit eher und\nkonsequenter die Darstellung der malerischen Schönheit ihrer\nVaterstadt zur Aufgabe gemacht haben, als die Künstler.\nFür die lebende Kunst ist dies Material noch nicht aus-\ngenutzt. Der Hamburger Architekt hat seit einer Generation\nmünchnerisch, berlinisch, hannoverisch, englisch, italienisch\nund französisch gebaut, das Hamburgische aber mit Konse-\nquenz vermieden.\nDa sonst nirgend eine Möglichkeit vorhanden scheint,\nsoll im Jahrbuch der Gesellschaft auf Grund des unerschöpf-\nlichen Aufnahmematerials und weiterer Studien einmal die\nFrage aufgeworfen werden: welche besondern Züge trug die\nbürgerliche Architektur in Hamburg, und was wäre davon\nin unsern Tagen praktisch noch umbildungsfähig?\nGemeinsam haben beide Gesellschaften den Versuch ge-\nmacht, der Originalradierung und Lithographie in Hamburg\neine Stätte zu bereiten.\nDie ältere Generation der einheimischen Künstler hat seit\nJahrzehnten die Radierung und Lithographie aufgegeben. Es\nwurde nicht mehr gesammelt. Das lag in Hamburg nicht\nanders als überall.\nEs wäre kurzsichtig gewesen, die Künstler zur Wieder-\naufnahme der vergessenen Kunstformen zu ermuntern, wenn\nnicht zugleich daraufhingearbeitet wurde, die Sammelfreude,\ndie nie erlischt, der Kunst zuzuwenden, und der Produktion\ndadurch den Boden zu bereiten.\nDafs ein lebhaftes Bedürfnis auch heute zum Sammeln\ntreibt, beweist namentlich die Vorliebe für die sogenannten\nLiebigbilder, die aus einer Spielerei der Kinder eine Beschäftigung\nder Erwachsenen geworden ist. Man kennt die vom künst-\nlerischen Standpunkt meist schauderhaften Buntdrucke, die\nden Käufern von Liebigs Fleischextrakt seit einigen Jahr-\nzehnten als Prämie verabfolgt werden. Die bunten Bilderchen\nwerden jetzt mit grofsen Preisen bezahlt. Es gibt einen\nwohlorganisierten Handel in diesem Artikel, seltene Blätter\nerreichen die Preise von Originalradierungen, in Berlin gibt\nes zwei Vereine der Sammler von Liebigbildern und es er-\nscheinen illustrierte Fachblätter! Das Geld, das in diesen\nSpielereien angelegt wird, würde genügen, eine Blüte der\nOriginalradierung an allen Orten zu zeitigen. So befremdend\nes klingt, dafs einzelne Sammler tausende für diese Puschel\nausgeben, so erfreulich ist das Zeichen an sich: die Freude\nam Sammeln ist wieder da.\nSoll nun an einem Ort wie Hamburg zum Sammeln von\nKunstblättern angeregt werden, so müssen die ersten Blätter\nein sachliches Interesse haben. Bildnisse hamburgischer Per-\nsönlichkeiten, Motive aus dem heimischen Leben und der\nhamburger Landschaft, mit einem Wort künstlerische Ham-\nburgensien ergeben sich damit als Inhalt von selber. Auch\nhier wird an vorhandene Neigungen angeknüpft. Es gibt seit\nalter Zeit sehr viele leidenschaftliche Hamburgensiensammler."}, {"page_pdf": 58, "page_imprimee": "308", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.58", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2903, "texte": "Doch darf keinerlei Zwang ausgeübt werden. Nichts\nist für den Sammler unerträglicher als die Mappe der Radier-\nvereine. Schon ihr meist sehr grofses Format ist vom\nUebel. Sie schreckt den Liebhaber ab, der sie weder auf-\nbewahren kann, noch ihren Inhalt auseinanderreifsen mag,\nund sie verführt den Künstler, seine Kompositionen so grofs\nanzulegen, dafs sie nicht mehr aus der Hand besehen werden\nkönnen.\nEinzelblätter, unter deren Zahl man nach Belieben wählen\nkann und die der Künstler von selbst nur in wenig umfang-\nreichem Format halten wird, üben weit mehr Anziehungs-\nkraft und bahnen eine gesündere Art des Sammelns an. Für\nden Wandschmuck müssen Motive in gröfserem Format und\nin dekorativerer Technik besonders geschaffen werden.\nDann dürfen die Blätter auch nicht zu teuer werden.\nUnd dies ist der Punkt, an dem die fördernde Thätigkeit der\nGesellschaften mit Fug und Recht einsetzen kann. Sie wollen\ndie Platten erwerben und die Abdrücke ungefähr zum Selbst-\nkostenpreis abgeben, aber wie bei der Liebhaberbibliothek\nausschliefslich in Hamburg.\nDies waren die Grundsätze, nach denen die Gesellschaften\nzu verfahren beschlossen.\nDie Kommission für die Verwaltung der Kunsthalle ist\ndiesen Bestrebungen, nachdem die ersten Schritte gethan\nwaren, zu Hülfe gekommen, indem sie eine Kupferdr'uck-\npresse anschaffte und allen Künstlern zur freien Verfügung\nstellte.\nDer Erfolg ist überaus erfreulich. Eine gröfsere Anzahl\nvon Künstlern hat sich mit den aufgegebenen Reproduktions-\nmittein beschäftigt. Die Zahl der auf diesem Wege entstan-\ndenen Kunstblätter wächst von Monat zu Monat. Was dieses\nHeft von Hamburgischen Künstlern bringt, ist durch die neue\nAnregung entstanden. Besonders wichtig verspricht die Wie-\nderbelebung der Technik des künsterischen Buntdruckes zu\nwerden.\n❖\nMan ist im Inlande vielfach der Meinung, dafs diese Be-\nstrebungen der Hamburger Kunstfreunde als Nachahmung\nenglischer Vorbilder aufgenommen seien. Dies beruht jedoch\nauf einem Irrtum. Der englische Einflufs ist seit einer Ge-\nneration sehr zurückgegangen. Gegenwärtig dürfte er in Berlin\nweit kräftiger wirken als in Hamburg. —Wenn sich dennoch\nAehnlichkeiten zeigen, so geht dies aus der nahen Verwandt-\nschaft des Volksstammes und der Lebensbedingungen hervor.\nDie beiden Hamburger Gesellschaften sind nicht darauf\nausgegangen, in Nachahmung fremder Vorbilder künstlich\nneue Bedürfnisse zu wecken, sondern sie haben vorhandene\nKräfte zusammenzufassen und zu organisieren versucht. Darin\nfühlen sie die Berechtigung ihrer Existenz und ihres Wirkens.\nUnd wo immer sie neue Ziele aufgestellt haben, gehen sie\nvom Boden des Bestehenden aus. Das wird auch künftig so\nbleiben.\nIhr Augenmerk ist überall die Pflege der künstlerischen\nBildung durch Selbsterziehung.\nUm eine Vorstellung von ihren Bestrebungen und Lei-\nstungen zu geben, teilt der Pan eine Reihe ihrer Zeichnungen\nund Holzschnitte mit.\n\nAlfred Lichtwark"}]}, {"article_id": "pmb-16788", "article_bluemountain": "bmtnabe_1897-04_01#c075", "volume": "bmtnabe_1897-04_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "302", "page_fin": "323", "image_debut": 52, "image_fin": 75, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.2.26.3", "titre_corps": "AUS DEM ALTEN HAMBURG ; BUTENKAIEN IN HAMBURG ; HAMBURG ; FUHLENTWIETE ; Zierlieste ; HAFEN ; ALTE HAMBURGER DIELE", "titre_sommaire": "AUS DEM ALTEN HAMBURG ; BUTENKAIEN IN HAMBURG ; HAMBURG ; FUHLENTWIETE ; Zierlieste ; HAFEN ; ALTE HAMBURGER DIELE", "signature_source": "EBBA TESDORPF ; EBBA TESDORPF ; Alfred Lichtwark ; MARIE ZACHARIAS ; Mary Hertz ; A. 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Die meisten\nVorstellungen, die man sich im Reich von\nder Stadt und ihren Bewohnern macht, sind\nschief oder falsch.\nHamburg ist kein Reiseziel, man pflegt es nur flüchtig auf\neiner Rundreise zu berühren. Denn von dem, was der gebil-\ndete deutsche Durchschnittsreisende zu suchen gewohnt ist,\nalte malerische oder romantische Architektur, Sammlungen\nalter Kunst und ein leichtes, anheimelndes öffentliches Leben\nder Gesellschaft, besitzt Hamburg nicht viel, und der Genufs\ndessen, was es zu bieten hat, erfordert Zeit, Ruhe und den\nWillen, sich zu vertiefen, Dinge, die nicht mit auf die Reise\nzu nehmen pflegt, wer eine moderne Stadt besucht.\nNirgends auch fällt es dem Reisenden so schwer, sich zu\norientieren und den Eindruck von markanten Linien eines fest-\numrissenen Charakterbildes mitzunehmen. Nur einzelne auf-\nfallende Züge, die unter sich nicht recht in Verbindung zu\nbringen sind, pflegen haften zu bleiben. Wie in Berlin, Dres-\nden oder München der Einheimische lebt und denkt, davon\nkann auch der Reisende eine Vorstellung gewinnen; wie der\nHamburger sein Dasein einrichtet, erfährt erst, wer es eine\nZeit lang geteilt hat.\nUnd während die Malerei und die Litteratur der letzten\nGeneration in dem Münchner und Berliner Leben reichen\nStoff zu gestalten fand und Menschen und Milieu im Lichte\nder Kunst anzuschauen unser ganzes Volk gewöhnt hat,\nwährend Tageszeitungen, illustrierte Blätter, Witzblätter,\nWochen- und Monatsschriften dort über alle Ereignisse und\nVorgänge berichten, gibt es nur erst die Anfänge einer Ham-\nburgischen Litteratur, hat die bildende Kunst die unerschöpf-\nlich reichen und vielseitigen Stoffe, die das mannigfaltige\nLeben und die wundervolle Hamburger Landschaft ihr bieten\nkönnten, noch so gut wie unberührt gelassen, und keine illu-\nstrierten Blätter, Wochen- oder Monatsschriften erscheinen in\nHamburg, die das Reich mit dem, was dort vorgeht, be-\nkannt machen könnten.\nI.\nAuch für Hamburg, die am spätesten entwickelte unter\nden drei übrig gebliebenen Hansastädten, gilt die Erfahrung,\ndafs sich aus dem Stadtplan Charakter und Gang der Ent-\nwickelung ablesen läfst.\nAus seiner heutigen Gestalt allein ist die Geschichte der\nStadt allerdings nicht deutbar. Denn es gibt keine deutsche\nStadt, vielleicht überhaupt keine, deren Strafsennetz und\nderen Wasseradern im Lauf der letzten Jahrhunderte so un-\ngeheure Veränderungen erfahren hätten.\nWie Lübeck und Bremen war Hamburg ursprünglich ein\nBischofssitz gewesen, in welchem die Bürgerschaft sehr früh\ndie Macht des welt-geistlichen Fürsten bei Seite gedrängt hatte.\nWährend aber im Stadtplan der beiden Schwesterstädte\ndie Spur der Bischofsperiode noch deutlich erkennbar geblieben\n\nFUHLENTWIETE\nFRAU MARIE ZACHARIAS"}, {"page_pdf": 66, "page_imprimee": "314", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.66", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 6390, "texte": "ist, in Bremen mit Dom und Domplatz, in Lübeck mit der\nstillen bischöflichen Dominsel, die von den Wogen des bür-\ngerlichen Lebens noch heute nur von fern umspült wird, ist\nder ehrwürdige Dom in Hamburg dem Erdboden gleich ge-\nmacht, und nur die Domstrafse erinnert durch ihren Namen\nan die Bedeutung der Stätte, aus der ein kühner Traum ein-\nmal das Zentrum eines nordischen Rom hatte schaffen wollen.\nUnd während in Lübeck und Bremen Rathaus, Rathaus-\nmarkt und Bürgerkirche ihre ursprünglichen Plätze innehaben,\nwird die Regierung von Hamburg im eben vollendeten Rathaus\nan der vierten, wahrscheinlich sogar an der fünften Stelle tagen.\nWo sich das erste erhob, weifs Niemand zu sagen; auch die\nStätte des zweiten ist streitig; das dritte wurde vom Brand\nverwüstet, das vierte soll in diesem Jahre aufgegeben werden.\nNur die alte Bürgerkirche von St. Peter ragt wie einst auf\ndem höchsten Punkt der ältesten Stadt empor, aber als Neu-\nbau unseres Jahrhunderts. Von den mittelalterlichen Kirchen\nstehen nur noch zwei, alle Kapellen und Klöster sind ver-\nschwunden.\nUnübersehbar sind die Veränderungen der grofsen und\nkleinen Wasserläufe. Die Alster wurde zu einem Landsee\naufgestaut, der jetzt mitten in der Stadt liegt. Ein querdurch\ngelegter Damm trennte die Binnenalster ab, ein drittes Alster-\nbassin, das bis zum Brande von 1842 im Herzen der Stadt\nlag, die kleine Alster, ist auf ein Becken von geringem\nUmfang zusammengeschrumpft. Flufsschiffe ankerten, wo\njetzt die weite Fläche des Rathausmarktes sich dehnt; wo\nSenat und Bürgerschaft tagen, flössen Fleethe, die zahllosen\nKanäle, die als Abflüsse der Alster die Stadt durchziehen, hat\nmit zwei oder drei Ausnahmen die Hand des Menschen ge-\ngraben. Ebenso ist der Lauf des andern Nebenflusses der\nElbe, der durch Hamburg fliefst, der Bille, zu Wasserflächen\naufgestaut und in ein Netz von Kanälen verwandelt. Eine\nIndustriestadt hat sich dort gebildet, wo noch vor einer Gene-\nration an stillem Gewässer die Sommersitze aus dem\n18. Jahrhundert lagen.\nWie die Becken und Kanalsysteme der Alster und Bille\nkünstliche Gewässer sind, so ist auch der Arm des Elbstroms,\nder die Häfen bildet, von den Hamburgern durch kunstreiche\nWasserbauten an die Stadt herangeholt worden. Bis ins\nMittelalter lassen sich die Kämpfe des Ingenieurs, denen diplo-\nmatische und kriegerische Aktionen mit den Nachbarstaaten\nparallel gingen, zurückverfolgen.\nIm heutigen Hafengebiet sind die Umänderungen gewaltig\nund unübersehbar. Wo in meiner Jugend die stolzen Barock-\npaläste der Patrizier und die malerischen Wohnhäuser der\nArbeiter sich erhoben, strömt heute die Flut durch breite\nKanäle; elektrische Bahnen schiefsen dahin, wo damals noch\nSchiffe unter Bäumen am Quai lagen; Rinderherden grasten,\nwo jetzt in den seeartigen Becken der neuen Hafenanlagen die\nHandelsflotten liegen, und es kommt mehr als einmal vor,\ndafs sich seit einem Menschenalter an derselben Stelle die\ndritte Brücke über den Kanal spannt.\nMehr noch; der Elbstrom, über dessen unzulängliche Tiefe\nin früheren Jahrhunderten die Besitzer der Segelschiffe ge-\nringen Tiefgangs wiederholt Klage führten, trägt infolge un-\ngeheurer Regulierungsarbeiten heute die schwimmenden Städte\nder gröfsten transoceanischen Dampfer bis in die neuen Häfen,\neine Aufgabe, an deren Lösung unter den schwierigsten Be-\ndingungen Jahrhunderte gearbeitet haben, und weitere Ar-\nbeiten sind im Gange, die auf eine Vertiefung der Fahrrinne\nhinzielen und sie gegen die wechselvollen Einflüsse von Flut,\nStrom und Ostwind sichern sollen.\nSo ist der ursprüngliche Zustand des Erdbodens und der\nWasserläufe, so ist das Bild der historischen Entwickelung\ndes Stadtbildes verwischt. Es läfst sich nicht sagen, ob in\nHamburg das Wasser oder das »Land sich als das weniger\nstabile Element erwiesen hat.\n*\nDie alte Stadt innerhalb der Festungswälle des 17. Jahr-\nhunderts wurde in drei Etappen gebildet. Auf dem Hügel\nan der Alster, der den Uebergang der alten Heerstrafse von\nLauenburg nach Holstein beherrscht, lag, weit vom Elbstrom\nentfernt, die älteste Stadt. Im Alsterdelta zu ihren Füssen\nentstand selbständig im 13. Jahrhundert die Neustadt mit\neigenem Recht und eigener Verwaltung. Nach der Vereinigung\nder beiden Städte erhob sich das gemeinsame Rathaus vor der\nBrücke, die sie verband eine Anlage, die auch anderswo\nvorkommt, wenn zwei Stadtkerne verschmelzen. Die Be-\nfestigungen des dreifsigjährigen Krieges zogen den riesigen\nKomplex der Gärten vor dem Thor in das Weichbild, und\nnoch im 17. Jahrhundert wurden die Feldwege darin zu Strafsen.\nDas ist der Ursprung des Gängeviertels mit seinen schmalen\nGassen und seinen grofsen Gärten im Kern der unregel-\nmäfsigen Baublöcke.\nAus der Urzeit ist nur ein Strafsenzug in seinem alten\nVerlauf erhalten, die grofse Heerstrafse, die schon in vor-\ngeschichtlicher Zeit über die Furt der Alster führte. Man sieht\nihren Krümmungen heute noch an, wie sie einst sich der\nGestalt des Terrains anschmiegte.\nDie Natur des Bodens und die Bedürfnisse des Handels\nbestimmten schon im Mittelalter den Typus der städtischen\nBebauung. Es wurden nicht, wie in den holländischen Städten,\nKanäle von Strafsen eingefafst das Grachtensystem —,\nsondern es erhoben sich an den Ufern der „Fleethe“ die langen\nReihen der Speicher, deren Grundmauern tief unter das Wasser\nhinabreichen.\nMan wird in diesen Fleethen an Venedig erinnert. Aber\nes sind nicht die Paläste und Wohnhäuser, die ihre zierliche\noder grofsartige Architektur im Wasser spiegeln, sondern\ndie schlichten Nutzbauten der Speicher, deren einziger Reiz in\nden roten Ziegeldächern und den weifsgestrichenen Fenster-\nrahmen im roten Mauerwerk besteht.\nWer vom Fleeth durch den Speicher geht, gelangt nicht\ngleich auf die Strafse, sondern auf einen schmalen Hof und\nerreicht sie von dort erst durch das Wohnhaus. Dieser Komplex\nvon Wohnhaus und Speicher, die durch einen schmalen Flügel\nan der einen Seite des dazwischen liegenden Hofes verbunden\nsind und von der Fahrstrafse und dem Kanal begrenzt werden,\nbildet die typische Anlage eines alten Hamburgischen Kauf-\nmannshauses.\nErst im 17. Jahrhundert hat das holländische Vorbild der\nGrachtenanlage zu wirken begonnen, aber der Holländische\nBrook war fast das einzige Gebilde dieser Art.\nBei den grofsen Speicheranlagen im neuen Freihafengebiet\nist man zu dem praktischeren einheimischen Typus zurück-\ngekehrt, nur dafs jetzt bei dem Speicher das Wohnhaus fehlt."}, {"page_pdf": 67, "page_imprimee": "315", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.67", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5720, "texte": "Drei große Ereignisse haben seit fünfzig Jahren das Bild\nder alten Stadt vollständig umgestaltet: der große Brand von\n1842, der Zollanschluß und die neuen Hafenanlagen, die\ndas Seeschiff, den Flußkahn und die Eisenbahn am Quai zu-\nsammenführen.\nDer Brand vernichtete den Kern der Stadt. Beim Wieder-\naufbau wurde mit großem Raumgefühl ein neues Stadt-\nzentrum gebildet um die durch ein Wunder erhaltene Börse,\ndas neue Rathaus und die mit monumentalen Quais, wunder-\nvollen Wassertreppen den schönsten, die ich kenne und\nzierlichen Arkaden ausgestattete Kleine Alster.\nRathaus und Börse, durch Zwischenbauten verbunden,*\nbilden jetzt einen einzigen Baukomplex, das Herz der Stadt.\nDiese Vereinigung des Rathauses, das in Hamburg wesentlich\nnur den Sitz des Senats und der Bürgerschaft bildet, also der\nRegierungspalast ist, mit der Börse ist vielfach aufgefallen,\nauch wohl als unwürdig bemängelt worden, war aber Aus-\ndruck thatsächlicher Verhältnisse. Die Hamburgische Ver-\nfassung rechnet für die Verwaltung des Gemeinwesens mit\nder freiwilligen Teilnahme des Kaufmanns. Männer, die an\nder Börse jeden Mittag Zusammenkommen, um ihre Geschäfte\nzu verhandeln, gehören als Mitglieder der Bürgerschaft den\nsogenannten Deputationen an, die als Ministerien Finanz,\nBauwesen, Unterrichtswesen u. s. w. verwalten. Sollen sie\ndauernd in der Lage sein, den Sitzungen beizuwohnen, ge-\nbietet sich die möglichste Konzentration von Börse und Re-\ngierungspalast von selbst. Im Inlande darf man bei der Bc-\nurtheilung dieses eigenartigen Baukörpers nicht vergessen,\nwelche hohe und angesehene Stellung die Hamburger Börse\nseit Jahrhunderten im Gemeinwesen einnimmt.\nAuch äußerlich zwingt sich die Bedeutung dieses jüngsten\nStadtkerns, dessen eine Hälfte vor fünfzig Jahren eine Wasse-\nrfläche war, unmittelbar der Anschauung auf. Nahezu sämt-\nliche elektrische Strafsenbahnen führen überden Rathausmarkt,\neine Anlage, die keine andere Grofsstadt kennt.\nFür den Freihafen wurde der vornehmste und male-\nrischste Teil der alten Stadt niedergelegt, der bis vor dreifsig\nJahren im Winter von der Aristokratie bewohnt wurde. Was\nfür Veränderungen die ebenfalls im Freihafengebiet liegenden\nQuais und Bassins der neuen Hafenanlagen mit sich gebracht\nhaben, läfst sich am besten aus dem Vergleich der Pläne von\n1860 und 1896 ermessen.\nAus dieser Uebersicht ergibt sich, dafs bei der Anlage\nder Stadt Jahrhunderte hindurch ausschliefslich die For-\nderungen des praktischen Lebens mafsgebend gewesen sind.\nNirgend hat das künstlerische oder repräsentative Be-\ndürfnis des Fürsten einen öffentlichen Platz gestaltet, eine\nPerspektive durchgesetzt, einen Strafsenzug bestimmt. Und\nder Senat hat von je her vermieden, durch äußerliche Re-\npräsentation zu glänzen.\nDas Leben der Gesellschaft hat nur wenig Spuren im\nStadtbild hinterlassen, am ehesten noch in der Grofsen Allee\nin der Vorstadt St. Georg, die am Anfang des vergangenen\nJahrhunderts eine Art Korso war, und deren großräumige\nAnlage heute wie ein Rätsel erscheint.\nNach künstlerischen Erwägungen hat erst unser Jahr-\nhundert öffentliche Anlagen geschaffen. Zuerst in der langen\nReihe von später mannigfach dezimierten Parks, die\nauf den niedergelegten Festungswällen angelegt wurden,\ndann beim Aufbau des Stadtkerns nach dem großen Feuer von\n1842 und zuletzt bei der Umgestaltung der Ufer der Außen-\nalster und bei den Entwürfen für den neuen Bebauungsplan.\n11.\nEs mufs ein wertvoller Fleck Erde sein, auf dessen Um-\ngestaltung seit Jahrhunderten solch unberechenbare Summen\nvon Intelligenz, Arbeit und Geld, so viele diplomatische\nund kriegerische Kämpfe von den Bewohnern aufgewandt\nworden sind, und den sie im 17. Jahrhundert, als dergrofse\nKrieg ausgebrochen war, durch die stärksten damals denk-\nbaren und noch dazu auf ungünstigem Boden angelegten\nFestungswerke schützten, mit Wällen wie Hügelreihen, hinter\ndenen Türme verschwanden, und Stadtgräben gleich tiefen\nThälern.\nIm neuen Hafen liegt neben dem weiten Becken des\nSegelschiff hafens das Bassin für die langen Oberländer Kähne;\nHamburg ist der Ort, den die flachen Kähne aus Sachsen\nund Oesterreich vom Wellengang ungefährdet erreichen\nkönnen, und bis zu dem die Flutwelle die Seeschiffe herauf-\nträgt. Alle Anstrengung war seit Jahrhunderten darauf ge-\nrichtet, die Qualität des Hafens als Ort der Umladung vom\nSee- in’s Flufsschiff intakt zu erhalten und zu steigern. Dafs\nes bis heute trotz der wachsenden Ansprüche gelang, ist ein\nhalbes Wunder. Hätte eine einzige Generation die Kraft er-\nlahmen lassen, so wäre die Verbindung auf immer zerrissen.\nDies ist auch die wichtigste Ursache, dafs Konkurrenz-\nstädte am untern Elbstrom sich nicht entwickeln konnten\nund dafs Hamburg bisher noch nicht genötigt war, sich\nselbst eine Konkurrenzstadt zu gründen wie Bremen in Bremer-\nhafen. Hamburg ist einer der wenigen Häfen der kurzen\nozeanischen Küstenstrecke eines mächtigen Reiches, der zu-\ngleich als einer der Hafen Oesterreichs und sogar Russlands\nzu gelten hat.\nWenn man überblickt, was die Bürger im Lauf der Jahr-\nhunderte unternommen haben, um ihrer Stadt den Boden zu\nsichern, den sie zur Entwicklung nöthig hatte, so wäre man\nfast geneigt, einen Instinkt anzunehmen, der die Bedürfnisse\nder Zukunft voraus empfindet. Auf grofsen Gebietserwerb\nkonnte man nicht ausgehen, denn der Schutz hätte einen be-\ndeutenden Teil der Kraft absorbirt, und der Umfang die Be-\ngehrlichkeit der benachbarten Fürsten gereizt. Dafür wurde\num so energischer erkämpft und festgehalten, was für die\nAusdehnung und Sicherung des Handels nöthig erschien: das\nschon vor fünfhundert Jahren eroberte Kap der Elbe, wo\njetzt Cuxhaven zu einer neuen Hafenstadt ausgebaut wird,\ndie Elbinseln vor der Stadt, auf denen ein Teil des Freihafens"}, {"page_pdf": 68, "page_imprimee": "316", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.68", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 6167, "texte": "liegt, und lange Strecken Uferlandes die Elbe, Alster und.\nBille hinauf. An der Altonaer Seite, wo das hohe Elbufer\nsich unmittelbar aus dem Strom erhebt, verzichtete man auf\nGebietserweiterung: und hier konnte ein Konkurrenzhamburg\nentstehen, seinem Ursprünge nach bezeichnender Weise nicht\n•eine Rivalin der Handelsstadt das ist sie innerhalb der durch\ndie Natur gegebenen Grenzen erst seit einem Menschenalter\ngeworden sondern eine Karte, die gegen den Hamburger\nGewerbestand ausgespielt wurde. Die flachen Elbinseln Altona\ngegenüber gehören weit den Strom hinab zu Hamburg.\nDas Geheimnis der Zähigkeit, mit der durch die Jahrhun-\nderte hindurch dieselben politischen Grundsätze verfochten\nund dieselben Ziele angestrebt wurden, dürfte in der Stellung\nund Organisation des Senats liegen. Seine Mitglieder werden\ndurch ein sehr kompliziertes Wahlsystem auf Lebenszeit ge-\nwählt, wodurch sich innerhalb des Körpers, der die Souve-\nrenität des Staates vertritt, eine feste Tradition in der Auf-\nfassung und Behandlung der wichtigsten Fragen bilden kann,\nund wodurch die Stellung des Senats und seiner einzelnen\nMitglieder nach innen und aussen ihren Charakter erhält.\n❖\nVor hundert Jahren war Deutschlands direkter Anteil am\nüberseeischen Handel sehr gering. Die Hamburger hatten\neben begonnen, direkte Verbindungen mit Nordamerika an-\nzuknüpfen, wo ihnen die politische Konstellation während\ndes Unabhängigkeitskrieges und nachher günstig gewesen war.\nHeute ist die Dampferflotte der Hamburger Rhederei so\ngrofs wie die von ganz Frankreich, und es scheint, als ob sie\nnoch in diesem Jahre darüber hinauswachsen würde.\nDas hat auf dem kleinen von Menschenhand tausendfach\numgemodelten Fleck Erde die Arbeit dreier Generationen der\nBewohner eines kleinen auf sich selbst gestellten Staatswesens\nvollbracht, ohne Subventionen eines grofsen Reichs, wie sie\nden französischen Rhedereien so reichlich zur Verfügung\nstanden.\nDafs diese Leistung nicht ohne den Hintergrund und\ndie Beihülfe, die der Arbeit der letzten Generation das Reich\nbot, vollbracht werden konnte, sieht ein Kind. Aber sie kam\nnicht nur Hamburg zu Gute, sondern ebenso sehr dem Reich.\nVon den einzelnen Thaten, aus denen sich das mächtige\nFazit ergibt, erfährt die Welt kaum oder nur vage. Die\nNamen der Männer, deren Gedanken und Werke die grofsen\nFortschritte bestimmen, kennt und nennt im Reich selten\nJemand. Dafs Energie, Talent und sogar Genie auch hinter\ndieser nationalen Grofsthat stecken, wird oft übersehen. Nur\nwenn eine neue Staffel erstiegen ist, meldet es vielleicht eine\nNotiz unter den vermischten Nachrichten als eine schwer zu\nkontrolirende Thatsache, etwa dafs der „Hamburger Handel\nnunmehr auch den von Liverpool“ überflügelt habe.\n❖\nWie die politische und ökonomische Geschichte Ham-\nburgs, so ist auch der Ausbau des Stadtbildes von einer einzigen\nMacht beherrscht, den Bedürfnissen des Handels. Und wie er\nLand und Wasser umgeformt hat, so dient ihm das Leben der\nstaatlichen Gemeinschaft und des Individuums. Der Hafen\nist der Herr der Stadt. Alle Bildungen im Stadtplan, die\nnicht von den Erfordernissen des Handels und der Industrie\nvorgeschrieben 3 waren dem Zufall und der Willkür über-\nlassen, kein Fürstenschlofs, kein Schlofsgarten, kein Wild-\npark bildete den Kern einer grofsräumigen Stadtanlage, und\nheute erst werden Anstrengungen gemacht, einen allgemeinen\nBebauungsplan durchzusetzen.\nDa ist es fast ein Wunder, dafs die Stadt so schön ge-\nblieben ist.\nSie verdankt es dem Naturgefühl des niedersächsischen\nStammes, der ihn bewohnt. Hamburg erscheint, vom Luft-\nballon aus gesehen, immer noch wie ein grofser Park mit\nHäusern darin. Es ist mit seinen Wasserflächen, Wiesen,\nParks und Gärten mitten im Strafsennetz so weitläufig ge-\nbaut, dafs es vor einigen Jahren mehr Strafsenlaternen brauchte\nals Berlin.\nDie Sehnsucht jedes Einzelnen seit Jahrhunderten ist Haus\nund Garten. Der Garten ist immer noch der einzige Luxus\ngrofsen Stils, den sich im Allgemeinen der Hamburger gönnt.\nEr hat seine Gärten noch immer in der eigentlichen Wohn-\nstadt in Pöseldorf und Harvestehude, auf der Uhlenhorst, in\nBorgfelde und Hamm.\nDie oberste Schicht hat an der Gewohnheit des Winter-\nhauses in der Stadt und des Sommerhauses in der nächsten\nUmgebung bis heute festgehalten. Es gibt ein Winter-\nhamburg und ein Sommerhamburg. Dieses erstreckt sich im\nweiten Bogen um den alten Kern. Wer am einen Ende der\nPeripherie des grofsen Halbkreises wohnt, hat im Sommer\nunter Umständen Stunden zu fahren, wenn er auf der andern\nzum Diner geladen ist.\nDie Vorliebe der Gesellschaft für das Einzelhaus gibt\ndem öffentlichen Leben den Charakter, man möchte fast\nsagen; sie löscht es aus. Haus und Garten haben die Tendenz,\ndie Familie wie den Einzelnen der Oeffentlichkeit zu ent-\nziehen. Nach Promenaden, Stadtpark oder Korso besteht\nkein Bedürfnis. Hamburg hat mitten in der Stadt zahllose\nkleinere und gröfsere Parks und Wiesenflächen, aber es fehlt\nein Park, in dem sich Alle begegnen. Die Equipagen gehören,\nwie man in Hamburg übertreibend zu sagen pflegt, der\nKategorie der Lastfuhrwerke an. Wer Aufwand damit treiben\nwollte, der fände keine Gelegenheit, ihn zu zeigen. An ihre\nStelle tritt bis zu einem gewissen Grade der Luxus der Segel-\nyacht und eines eleganten Ruderboots. Es ist für Hamburg\ncharakteristisch, dafs abendliche Zusammenkünfte der Gesell-\nschaft im Freien nur zu Wasser stattfinden, beim Wasserkorso\nvor dem Fährhaus auf der Uhlenhorst. Jeden Abend kommen\ndort in den Sommermonaten die Damen der umliegenden\nVillengelände in ihren zierlichen Böten zusammen, oft liegen\ndort hunderte von Fahrzeugen während die männliche Jugend,\ndie sich für die Regatta trainiert, in langen Ruderböten vorüber-\nschiefst oder es sich unter den weifsen Segeln der langsam vor\nden Baummassen der Ufer dahingleitenden Kutter bequem ge-\nmacht hat. Der Zoologische Garten wird von der Gesellschaft\nnur wenig, die populäre Vergnügungsstadt St. Pauli nie\nbesucht.\nAlles Leben spielt sich in Haus und Garten ab. Es gibt\nkein Kneipen- und Klubleben. Eine Ausnahme macht das\nsehr alte, sehr entwickelte und sehr volkstümliche Sports-\nleben auf den Spielplätzen, in den Ruder-, Yachtklubs und"}, {"page_pdf": 69, "page_imprimee": "317", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.69", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 6133, "texte": "Rennklubs. Die Sportfeste bilden die Höhepunkte des sommer-\nlichen Lebens. Ein großartigeres Schauspiel von Volksleben\nin so unvergleichlichem Rahmen, wie die Regatten auf der\nAlster, dürfte der Kontinent kaum bieten.\nNur wenige Restaurants werden von der Gesellschaft und\nin Begleitung von Damen besucht. Selbst nach Schlufs der\nKonzerte und Theater pflegt Alles nach Haus zu streben. Im\nSommer und Winter sieht man nach neun auf dem Jungfern-\nstieg nur Fremde.\nDie weiten Entfernungen, die durch die weitläufige Bauart\nund die halbkreisförmige Gestalt des Stadtplans bedingt sind,\nund die unzulängliche Entwicklung der peripherischen Ver-\nbindungen bei ganz vorzüglichen radialen erschweren\njeden Verkehr.\nMit diesen Zuständen hängt es zusammen, dafs auf den\nStrafsen fast gar kein Luxus zu sehen ist. Nichts einfacheres\nals die Strafsentoilette der Damen. Die Hamburgerinnen\ntragen Uniform, heifst es in Berlin. Dafs kein Hof in Ham-\nburg die Leichtigkeit der Verkehrsformen entwickelt hat,\nspürt man im gesellschaftlichen Verkehr und in dem ab-\ngeschlossenen Wesen des Einzelnen, das von Fremden als Un-\nzugänglichkeit empfunden wird.\nDer Grofshandel beherrscht auch das Leben des Einzelnen\nund läfst ihn von dem Tage, wo er als halber Knabe den\nFufs in’s Komptor gesetzt hat, bis zu seinem Tode nicht los.\nEs ist nicht Sitte, sich vom Geschäft zurückzuziehen, so lange\ndie Kräfte reichen. Der Rentier ist ein unbekannter Begriff.\nAlles arbeitet. Nicht selten kommt es vor, dafs auf dem-\nselben Komptor drei Generationen derselben Familie thätig\nsind.\nAuch der Bildungsgang des Kaufmanns weicht durchaus\nab von dem, was man im übrigen Deutschland gewohnt ist.\nNicht Gymnasium und Realgymnasium, sondern in sehr\nvielen Fällen eine Privatschule giebt die Grundlagen. Der\n„Einjährige“ ist das auch im übrigen Deutschland verständ-\nliche Bildungsziel der Mehrheit. Die Schule wird früh ver-\nlassen, meist um das 16. Lebensjahr herum. Dann folgen\ndrei Jahre Lehrzeit jeder mufs von der Pike an dienen\ndas Dienstjahr und ein längerer Aufenthalt in England, Frank-\nreich und, je nach den Geschäftsverbindungen, in irgend einem\nüberseeischen Weltteil, meist mit einer Reise um die Welt\nverbunden.\nVon den umfassenden Kenntnissen eines Hanaseatischen\nGrofskaufmanns macht man sich im Inlande nur schwer\neinen Begriff. An Quantität des zu verarbeitenden und, was\nnicht zu vergessen, zu beurteilenden Stoffes, an Umfang und\nVielseitigkeit des Gebietes, das nicht nur gekannt, sondern\nbeherrscht sein muss, kommen ihm wenige Gelehrte gleich.\nDie Sitte, hinauszugehen, besteht nicht nur für die\nweniger bemittelte Klasse, die ihren Weg erst machen will,\nsondern sie ist ebenso verbindlich für die Söhne der wohl-\nhabenden und reichen Familien. Und man geht nicht nur\nauf eine kurze Orientierungsfahrt über den Ozean, sondern\nmeist auf Jahre. Das Lebensalter von 20—30 ist in einer\nHamburger Gesellschaft selten zu treffen. In vielen grofsen\nHäusern pflegt seit Generationen einer der Söhne durch ein\nJahrzehnt die Filiale an einem überseeischen Handelsplatz zu\nleiten. Der Hamburger Kaufmannsstand verdankt dieser Ge-\nwohnheit seine innige Vertrautheit mit den Bedürfnissen und\nZuständen aller überseeischen Länder der Welt. Dafs oft\nendlose Entbehrungen und sehr grofse Gefahren für Leib und\nLeben damit verknüpft sind, darf nicht übersehen werden.\nIn allen Familien lassen sich Opfer zählen, die das mörderische\nTropenklima gefordert hat, und wer zurückkehrt, hat oft\njahrelang mit den Leiden zu kämpfen, denen unsere Konstitu-\ntion in den heifsen Zonen ausgesetzt ist. Auf diesem Schlacht-\nfeld sind im letzten Jahrhundert zahllose Pioniere Deutschlands\naus Hamburger Familien gefallen, und dafs der kleine Frei-\nstaat an der Elbe den Handelsmächten des Auslands gegen-\nüber aus eigener Kraft sich hat behaupten können, das dankt\ner nicht in letzter Linie dieser sang- und klanglos dahin-\ngesunkenen Schar. Bestände die Sitte, die Namen der im\nökonomischen Kampfe Gebliebenen auf Gedächtnistafeln der\nNachwelt aufzubewahren, die Wände aller Kirchen der Stadt\nwürden nicht Platz genug bieten, sie unterzubringen.\nBis gegen das vierzigste Jahr pflegt das Geschäft den\nMann ausschliefslich in Anspruch zu nehmen. Wer dann\nnoch Lust und Kraft in sich fühlt, und das besondere Ver-\ntrauen seiner Mitbürger geniefst, tritt in die Staatsverwaltung\nund Regierung ein als Mann von gereifter Erfahrung. Auch\nhier dient er von unten auf. Wer das höchste Ziel anstrebt,\nden Sitz im Senat, lernt als Mitglied der Bürgerschaft und\neines der Ministerien (Baudeputation, Finanzdeputation) die\nVerwaltung des Staates praktisch kennen.\nDurch die Gemeinsamkeit der Interessen und die gemein-\nsame Tätigkeit in Verwaltung und Regierung ist der Juristen-\nstand mit dem des Kaufmanns enger als anderswo verbunden.\nUnd zwar sind es nicht die juristischen Beamten sondern die\nAnwälte, die den gröfsten Einfluss ausüben. Aus ihrer Mitte,\nnicht aus den Beamten, pflegen die juristischen Senatoren\nerwählt zu werden, und aus diesem Teil des Senats gehen\nfast ausnahmslos die regierenden Bürgermeister hervor.\nJuristen und Kaufleute haben auch in der Hamburger\nGesellschaft die Vorherrschaft. Seltener begegnet man darin\ndem Vertreter der Wissenschaft, noch seltener dem Künstler\nund fast nie dem Schriftsteller.\n&\nIn den letzten fünfzig Jahren hat sich das Leben des\nKaufmanns vollständig neu aufgebaut.\nBis gegen 1 840 war seine Thätigkeit intermittierend und\nliefs ihm viel Mufse zur Pflege geistiger Interessen. An den\nPosttagen steigerte sich die Thätigkeit. Im Uebrigen gab es\nRuhe. Der Kaufmann war Besitzer seiner Waren, er kaufte,\nlagerte und verkaufte.\nMit dem Aufkommen des Dampfschiffes, der Eisenbahn\nund des Telegraphen änderte sich die Lage von Grund aus.\nNeben dem Kaufherrn alten Stils erhob sich der neue Typus\ndes Spediteurs, der die Waren nicht mehr besizt. Nun\nwurde jeder Tag zum Posttag. Mit verhältnismäfsig ge-\nringen Mitteln mufste der Konkurrenz Englands und Frank-\nreichs begegnet werden, deren Kaufmannschaft unerschöpf-\nliche Hülfsquellen im Nationalvermögen zur Verfügung hatte.\nWas in Hamburg an Mitteln fehlte, mufste durch Mehrarbeit"}, {"page_pdf": 70, "page_imprimee": "318", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.70", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 6223, "texte": "eingebracht werden. Auf diesem Weg und durch die vor-\nübergehende Auswanderung der besten Elemente wurde u. a. der\nHandel der spanischen Kolonien in Amerika für Deutschland\ngewonnen. Und weil daheim der Tag vom frühen Morgen\nbis in die Nacht manche arbeiteten bis nach zehn Uhr\ndem Geschäft gehörte, und drüben die Möglichkeit der Pflege\nkünstlerischer Interessen gering war, ging die Kraft und In-\ntelligenz dieser Generation der deutschen Kulturarbeit schein-\nbar verloren.\nEin äufseres Zeichen für den Wandel der Zeiten: Bis\ngegen 1860 war fast der gesamte durch Generationen ge-\npflegte und vermehrte Hamburgische Kunstbesitz an Bildern\nalter Meister unter den Hammer gekommen und in alle Winde\nverweht. Nach hunderten zählten die Auktionen.\nMan hat den Hamburgern dieser Generation vom Inlande\naus oft den Vorwurf materieller Gesinnung gemacht. Wie\nso vieles, das über Hamburg gesagt wurde, beruht auch dieses\nUrteil auf Unkenntnis oder Verkennen der Sachlage. Die\nbürgerliche Gesellschaft des Inlandes war und ist noch\num kein Haar idealistischer gesonnen, nur dafs ihr Materia-\nlismus andere Formen hat. Und wenn man überschaut, was\ndas Bürgertum Hamburgs im letzten Jahrhundert aus sich\nheraus für die Förderung des öffentlichen Wohls geleistet\nhat, so fragt sich sehr, ob es irgend eine deutsche Stadt gibt,\ndie auf den Vortritt Anspruch machen könnte.\n«\nWas in den übrigen deutschen Staaten für Kunst und\nWissenschaft geschehen ist, ging vom Fürsten aus, war ein\nAusbau von Grundlagen, die er gelegt hatte, oder geschah\nunter der Aegide der Organe des Staates, der die Erbschaft\ndes absoluten Fürstentums angetreten hatte.\nIn Hamburg hatten bis vor ganz kurzer Zeit die Organe\ndes Staates in Kulturdingen keine Initiative.\nFür den Staat trat der Bürger ein. Auf allen Gebieten\nwar der Hergang derselbe. Stellte sich irgendwo ein Be-\ndürfnis heraus oder liefs es sich voraussehen, so trat ein ein-\nflufsreicher Mann mit seinen Freunden zu einem festgefügten\nVerein oder zu einem loser verbundenen Komite zusammen,\nwarb um Mittel, gründete das Institut, organisierte die Ver-\nwaltung, führte sie so lange weiter, wie es mit Privatmitteln\nmöglich war, und übergab es dann dem Staat.\nDieser Weg mag seine Schattenseiten haben, aber man\nwird ihn nicht geringachtend behandeln dürfen. Wo könnten\nBeamte des Staates so frei und unakademisch die Form für\ndas Neue finden wie die unabhängigen, durch keine Rück-\nsichten gehinderten Bürger! Was verfehlt oder nicht recht\nlebensfähig war, ging spurlos zu Grunde und brauchte nicht,\nwie eine Gründung des Staates, Generationen hindurch künst-\nlich erhalten zu werden.\nDiese Form der Neubildung ist so typisch für Hamburg,\ndafs die wichtigste der vielen Gesellschaften, die sich ge-\nmeinnützige Aufgaben gestellt hatten, mehr als ein Jahrhun-\ndert lang Hamburg geradezu regiert hat. Es gab Zeiten, in\ndenen ihr Einfiufs thatsächlich weiter reichte als irgend ein\nOrgan des Staates.\nFreilich lebte sie im Grunde nur in einer umgewechselten\nDekoration: in ihrem Vorstande safsen dieselben Männer, die\nim Senat und in der Bürgerschaft durch die starren Formen\ndes Verfassungslebens am freieren Wirken behindert wurden.\nVon 1765, ihrem Gründungsjahre, bis gegen 1870 war\ndie Gesellschaft zur Forderung der Künste und\nnützlichen Gewerbe etwas wie ein freiwilliges Kultus-\nministerium, das zugleich die Funktionen eines Parlaments\nausübte. Bis 1859 boten ihre Versammlungen die einzige\nMöglichkeit, Hamburgische Angelegenheiten öffentlich zu\nbesprechen. Die Sitzungen der Erbgesessenen Bürgerschaft\nfanden unter dem Siegel des Amtsgeheimnisses statt, und es\nwurden nur ihre Beschlüsse veröffentlicht. Beim Wieder-\naufbau der Stadt überliefs der Staat der Gesellschaft den\nPlatz, an dem das Rathaus gestanden hatte, zur Errichtung\nihres Klubhauses, und bis zur Vollendung des neuen Rat-\nhauses tagt die Bürgerschaft in den Räumen des „Patriotischen\nHausescc.\nDies zeugt von dem unbegrenzten Ansehen und Vertrauen,\ndessen die Gesellschaft sich erfreute.\nVon den Behörden, denen in andern Staaten ihreThätig-\nkeit obliegt, unterscheidet sie sich durch ihre Organisation,\ndie nicht auf die Verwaltung, sondern auf die Initiative ge-\nstellt ist.\nWas die „Patriotische Gesellschaft“, wie der Volksmund\nsie in ehrender Kürze nennt, geleistet hat, läfst sich nicht\nleicht überblicken. Von ihr sind beinahe alle Unternehmungen\nzur Förderung der kulturellen und ökonomischen Wohlfahrt\nausgegangen. Sie gründete die gewerblichen Lehranstalten\nund leitete sie ein Jahrhundert hindurch, bis der Staat sie\nin die Gewerbeschule umwandelte, deren Organisation für\ndie Berliner Anstalten das Vorbild abgab; zu einer Zeit, wo\ndie neuen Gedanken sich langsamer verbreiteten und die\nmoderne Konkurrenz noch nicht erwacht war, machte sie\nalle Verbesserungen im Landbau, Gartenbau, in der Schifffahrt\nund Industrie bekannt, und wo immer sich ein Bedürfnis zeigte,\nerliefs sie Preisausschreiben für Lösungsvorschläge; sie hat\ndas Armenwesen reorganisiert, gründete die ersten Rettungs-\nanstalten für Schiffbrüchige, die allgemeine Versorgungs-\nanstalt, die Kreditkasse für den Grundbesitz, sorgte für die\nVerbesserung des Adrefsbuches, richtete öffentliche Bade-\nanstalten ein die ersten in Deutschland gründete das\nerste Seebad, die erste Korndampfmühle, entwarf die Pläne\nfür die Navigationsschule und die Sternwarte, erliefs am\nAnfang unseres Jahrhunderts ein Preisausschreiben für die\nKanalverbindung zwischen Elbe und Weser, gründete eine\nBibliothek, ein Leseinstitut, den Bildungsverein für Arbeiter\nund ist bei der Gründung des botanischen Gartens, der Kunst-\nhalle, des Museums für Kunst und Gewerbe beteiligt, wie\nsie auch das Ausstellungswesen in Hamburg begründet hat.\nGegen 1870 hatte der Staat fast alle ihre Institute über-\nnommen.\nDie lebende Generation kann sich nur schwer ein Bild\nvon ihrer umfassenden Thätigkeit machen und von dem an-\ngeregten Leben, das sie zur Zeit ihrer Blüte entfaltete. Wer\nheute den Organismus einer solchen Gesellschaft am leben-\ndigen Körper studieren will, mufs nach Lübeck gehen, wo\ndie Gemeinnützige Gesellschaft aus Privatmitteln noch fast\nalle von ihr ins Leben gerufenen Anstalten verwaltet, Neu-\ngründungen unternimmt, und zugleich den Mittelpunkt eines"}, {"page_pdf": 71, "page_imprimee": "319", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.71", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3679, "texte": "überaus regen geistigen Lebens bildet. Es wäre eine nützliche\nAufgabe für einen Nationalökonomen, die Wirksamkeit\ndieser Gesellschaften einmal in einer lebendigen Schilderung\ndarzustellen.\n❖\nDie Patriotische Gesellschaft stellt in Hamburg den\nhöchstentwickelten Typus der Vereinigung privater Kräfte für\ndie Förderung des öffentlichen Wohles dar. Neben ihr wirken\nzahlreiche Vereine und Gesellschaften für besondere Zwecke,\nund darüber hinaus bemüht sich der Gemeinsinn des Ein-\nzelnen, erkannten Bedürfnissen abzuhelfen. Zahllos ist die\nReihe der milden Stiftungen, die allen denkbaren Zwecken\ndienen und zum Teil in ferne Epochen zurückreichen. Es ist\nbezeichnend, dafs die Paläste der milden Stiftungen aller Art,\ndie hie und da ganzen Stadtvierteln den Charakter aufdrücken,\neins der Hauptgebiete der monumentalen Baukunst in Ham-\nburg ausmachen.\n111.\nWas in Hamburg für die Pflege der bildenden Kunst ge-\nschehen ist, geht in letzter Linie ebenfalls auf die Initiative\nvon Privatleuten zurück.\nFast ein Jahrhundert solcher Bestrebungen liegt nun hinter\nuns, von Generation zu Generation wurde das Begonnene\n'weitergeführt und Neues geschaffen, denn stetig thaten sich\nneue Ziele auf, deren logische Reihenfolge freilich erst heute\ndem rückschauenden Blick sinnfällig wird.\nIm ersten Jahrzehnt erschien dem Genius des Ph. O.\nRunge der Boden günstig für die Entwicklung der neuen\nKunst, die er Voraussagen konnte, weil er sie in sich trug.\nEr wollte keine Akademie gründen, sondern eine grofse\nWerkstatt, in der alle künstlerischen Aufgaben bis zu Tapeten\nund Nadelarbeiten ausgeführt werden sollten. Die Kriegs-\nzeiten und sein früher Tod\nAusführung.\nIm Jahre 1818 hatte sich die Stadt soweit erholt, dafs\nKunstfreunde zu gegenseitiger Anregung und Belehrung unter\nHarzens Aegide den ersten Kunstverein begründeten.\nVon 1822 an trat dieser Kunstverein in eine öffentliche\nWirksamkeit ein. Ausstellungen, Verlosungen und die Her-\nstellung von Vereinsblättern bildeten seine ersten Ziele.\nGegen 1840 wurde das Kupferstichkabinet, gegen 1850\ndie Gemäldegalerie gegründet. Kaum zehn Jahre später ge-\nschahen die ersten Schritte zum Bau eines öffentlichen Mu-\nseums, das die gesammelten Schätze aufnehmen sollte, und\nwieder zehn Jahre später, 186 p, wurde die Kunsthalle er-\nöffnet, zu deren Erbauung nun schon der Staat einen Beitrag\ngewährt hatte und deren Verwaltung er übernahm.\nDas war ein Ziel, dessen Erreichung den Begründern des\nKunstvereins, die doch zu alledem den Grund gelegt hatten,\nwie ein Märchen erschienen wäre.\nAls das neue Gebäude bezogen wurde, gründeten patrio-\ntische Männer den Verein von Kunstfreunden von 1870, eine\nFortsetzung des seit mehr als einem Jahrzehnt vorher thätigen\nPrivatvereins von Kunstfreunden, der es sich zur Aufgabe ge-\nstellt hat, die Mittel für die Stiftung hervorragender Gemälde\nund Skulpturen zum Geschenk an das Museum zu sammeln.\nErst fünfundzwanzig Jahre später wurde in Berlin ein ähn-\nlicher Verein zur Förderung der Ziele des Museums alter Kunst\ngegründet, und es gehörte dort die Autorität eines Mannes\nwie Bode dazu, dies Resultat zu erreichen.\nSo war in Flamburg von weitsichtigen Privatleuten das\nMuseum der Stadt begründet und entwickelt. Wie immer,\nwenn ein Ziel erreicht ist, trat eine Verlangsamung des Fort-\nschrittes ein. Aber diesmal nur für kurze Zeit. Was nach den\nzehnjährigen Etappen um 1870 zu erwarten gewesen wäre,\ntrat x 88 6 ein, die Reorganisation des neuen Instituts.\nEs wurde von der Verwaltung eng an den heimischen\nBoden angeschlossen. Eine Sammlung älterer FFamburgischer\nMeister wurde begründet und zu ansehnlicher Bedeutung\nentwickelt, eine Sammlung Flamburgischer Meister des\n\nHAFEN\nA. SIEBELIST"}, {"page_pdf": 72, "page_imprimee": "320", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.72", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 6375, "texte": "19, Jahrhunderts, die jetzt mehr als 150 Bilder umfafst,\nerschlofs einen Blick in eine von der Kunstgeschichte bisher\ngänzlich vernachlässigte Provinz der deutschen Kunst; eine\ndritte Galerie, die Sammlung von Bildern aus Hamburg, eben-\nfalls zu stattlichem Umfang herangewachsen, umfafst die\nWerke hervorragender Künstler, die nach Hamburg eingeladen\nwaren, um Land und Leben zu malen.\nDiese Sammlung wurde 1889 von einem Komitee von\nKunstfreunden begründet, das nacheinander Max Liebermann,\nGotthard Kühl, Skarbina, Hans Herrmann, Leopold Graf\nv. Kalckreuth d. j., Hans Olde, Ludwig Dettmann, Momme\nNissen, Schönleber, Zügel u. a. sowie die Hamburgischen\nKünstler Thomas Herbst, Ascan Lutteroth, Carl Rodeck,\nValentin Ruths zum Studium Hamburgs und seiner Umgebung\neingeladen hat. Als höchstes Ziel hat sich dieses Komitee die\nPflege des monumentalen Bildnisses gestellt.\nDie Sammlung hat bereits in der kurzen Zeit ihrer Exi-\nstenz unverkennbare Wirkungen auf die ältere und die heran-\nwachsende Künstlergeneration Hamburgs ausgeübt und fängt\nauch an, in der Stimmung des Publikums, das bis dahin den\nMotiven aus der Heimat nicht denselben Geschmack abge-\nwinnen konnte wie der Romantik der deutschen Berge und\nder Sonne Italiens, einen Umschwung zu Gunsten der Heimat\nhervorgerufen.\nWas zuerst mit ungläubigem Lächeln angehört wurde,\nist die Ueberzeugung der Jugend geworden; dafs das Leben\ndes Volks und der Gesellschaft, dafs der Reichtum und die\nMannigfaltigkeit der Landschaft in Hamburg und seiner\nnächsten Umgebung, die Eigenart und malerische Kraft der\nLuft- und Lichtstimmungen, die abwechselnd den tonigen\nCharakter der Nordsee- und den koloristischen der Ostsee-\natmosphäre tragen, der Malerei das köstlichste Studienfeld\nbieten.\nSeit die Sammlung von Bildern aus Hamburg besteht,\nhat sich im Anschlufs daran eine Schule junger Künstler ent-\nwickelt, die entschlossen ist, den heimischen Boden nicht zu\nverlassen und ihre Kraft der Darstellung Hamburgs zu wid-\nmen. Damit ist ein Programm aufgenommen, das in den\ndreifsiger Jahren der neugegründete Kunstverein zuerst auf-\ngestellt hat: Hamburgs Wesen durch die Kunst auszudrücken.\nEs will scheinen, als ob sie für ihre Bestrebungen ein tieferes\nVerständnis finden als ihre Vorfahren. Die Oberschulbehörde\nhat ihnen eine Aktklasse eingerichtet, die Kunsthalle hat eine\nKupferdruckpresse für sie aufgestellt, um ihnen das Drucken\nihrer Radierungen zu ermöglichen, die Gesellschaft Hambur-\ngischer Kunstfreunde erwirbt ihre Platten und gibt die Ab-\ndrucke an Hamburgische Sammler ab, und es hat sich bereits\neine Gruppe von Sammlern gebildet, die ihre Bilder kauft.\nOhne diese Teilnahme würden ihre Bestrebungen in der Luft\nstehen. Dafs sie auch Opposition finden, ist natürlich. Aber\nder Widerstand macht gesund. Er wird sie eher zum Einsetzen\nihrer ganzen Kraft zwingen, als wenn alles auf Königs-\nwegen ginge, und wird sie vor Ueberhebung bewahren.\nAuch die Sammlung von modernen, namentlich franzö-\nsischen Plaketten und Medaillen, die von Freunden des Insti-\ntuts ausdrücklich als Anregung zur Reform des Hamburgischen\nMedaillenwesens gestiftet wurde, hat ähnliche Wirkung ge-\nhabt, denn der Staat hat beschlossen, seine Medaillen auf Grund-\nlage der neuen Ideen umzugestalten, und es sind in diesem\nSinne bereits eine Anzahl Medaillen hergestellt, die in ihrer\nArt zu den besten in Deutschland gehören, und für den\nneuen Zentralfriedhof scheint sich die Bronzeplaquette als\nneuer Typus des Gräberschmuckes einzubürgern.\nAehnliche Anregung dürfte die von Kunstfreunden be-\ngründete Sammlung von Bildwerken in Marmor und Bronze\nausüben.\nSoweit sind die modernen Kunstsammlungen durch die\nTheilnahme vieler einzelner Kunstfreunde, Vereine und Stif-\ntungen entwickelt. Die Sammlungen moderner Meister nimmt\nunter den deutschen Galerien eine der ersten und eine ganz\neigenartige Stellung ein. Die Aufgabe des Staates wird es\nnun sein, durch Erwerbung von Kunstwerken höchsten\nRanges dem Werk die Weihe zu geben.\nAuch das Museum für Kunst und Gewerbe ist aus der\nInitiative opferwilliger Bürger hervorgegangen.\nNachdem schon von den dreifsiger Jahren ab Mitglieder\ndes Kunstvereins, dem ja auch was nicht vergessen wer-\nden darf— Semper angehört hatte, in öffentlichen Vorträgen\nund dann nach dem grofsen Brande durch die künstlerische\nThat eine Wiederbelebung der dekorativen Künste auf der\nBasis des Studiums der heimischen Produktion älterer Epochen\nangestrebt hatten, waren um 1860 von der Patriotischen Ge-\nsellschaft verschiedene Anläufe gemacht, ein historisch-tech-\ntechnologisches Museum für das Gewerbe zu gründen. Aber\nerst als zu Ende der sechziger Jahre Justus Brinckmann auf-\ntrat, fanden die auseinandergehenden Wünsche die einigende\nHand. Das Museum für Kunst und Gewerbe wurde begründet\nzunächst als Privatunternehmen, wie in Hamburg her-\nkömmlich, und dann als Staatsinstitut, aber unter stetig sich\nsteigerndem Interesse opferwilliger Beihülfe der ganzen Be-\nvölkerung zu dem großartigen Institut ausgebildet, das in\nmehr als einer Beziehung vorbildlich geworden ist, und dessen\nAnsehen weit über Deutschlands Grenzen hinausgeht.\nVon allen Hamburgischen Museen ist dies das bekann-\nteste. Es läfst sich nicht abschätzen, was die Stadt ihm dankt.\nFür die japanische Kunst ist es das bedeutendste Museum des\nFestlandes, und in allen seinen zahlreichen Abtheilungen trägt\nes den Charakter einer sehr gewählten Privatsammlung. Das\nist das höchste Lob, das einem öffentlichen Museum gespendet\nwerden kann. - sein Name sagt hat es in allem das\nkünstlerische Element vorangestellt. Es konnte deshalb als\nerstes unter den deutschen Gewerbemuseum den Schritt zur\nErwerbung von Erzeugnissen der dekorativen Kunst unserer\nZeit machen, sowie sie begann, die Nachahmung des Alten\naufzugeben und neu zu schaffen im Anschlufs an die lebende\nhohe Kunst. Es war z.B. das erste Museum, das der neu ent-\nstandenen Plakatkunst Aufnahme gewährte.\nIm Zusammenhänge dieser Betrachtungen mufs hervor-\ngehoben werden, dafs es von der ersten Stunde an bedacht war,\ndie Reste heimischer Kunst zu sammeln, und dafs vergessene\nZweige der einheimischen, zeitweis hochentwickelten deko-\nrativen Künste durch das Museum für Kunst und Gewerbe\nerst wieder zu Ehren gebracht sind.\nSeit 1890 ist im künstlerischen Leben der Hamburger\nGesellschaft eine neue Wendung eingetreten.\nDie vorhergehenden Generationen hatten begründet und"}, {"page_pdf": 73, "page_imprimee": "321", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.73", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5918, "texte": "ausgebildet, was zur öffentlichen Kunstpflege gehört, und im\nPrivatbesitz hatten sich grofse Sammlungen von Gemälden\ngebildet, die zum Teil, wie die von Amsinck, Behrens und\nEd. Weber, zu den hervorragendsten in Deutschland gehören.\nVon etwa 1880 ab läfst sich in Hamburg wie überall\nein mächtiges Anwachsen des Dilettantismus beobachten. Als\nder Kunstverein in den zwanziger Jahren seine ersten Schritte\nthat, war der Dilettantismus noch eine anerkannte Macht.\nHarzen und Rumohr konnten der jüngeren Künstlergeneration\nin der Ausübung der Kunst noch die Wege weisen. Dilettanten\nstellten aut den ersten Kunstausstellungen neben den Künst-\nlern aus. E)ann trat, nachdem der Künstlerstand als solcher\nsich entwickelt hatte, eine schroffe Scheidung ein, die mit\ndem Zurückweichen des Dilettantismus endigte. Dafs es immer\nnoch einzelne Dilettanten gab, dafs Zeichnen und wohl auch\nMalen in der Erziehung einen Platz hatten, war mehr ein\nbelangloses Beiwerk.\nAm Anrang der neunziger Jahre begann sich der neu auf-\ngelebte Dilettantismus, der das Studium ernst nahm, zu orga-\nrasieren. Nachdem der Kunstverein und der Verein von Kunst-\nreunden den öffentlichen Betrieb der Kunstpflege begründet\nhatten, suchte der Dilettantismus nunmehr das künstlerische Be-\ndürfms des Individuums und des Hauses zu verfeinern. Welche\nMalsnahmen die beiden neuen Gesellschaften ergriffen, ist in\ndiesen Blättern an eigener Stelle dargelegt. Ihre Bestrebungen\nsind eine folgerichtige Weiterentwicklung der Absichten der\nvorhergehenden Geschlechter.\nNeben der Gesellschaft Hamburgischer Kunstfreunde und\nder Gesellschaft zur Förderung der Amateurphotographie wirkt\nsodann seit ißp6 die Vereinigung zur Pflege der künstle-\nrischen Bildung in der Schule. Es ist ein Kreis von Lehrern\nund Lehrerinnen, der sich ebenfalls im Anschlufs an die\nKunsthalle praktisch erreichbare Zwecke gesteckt hat.\nBildende Kunst, Literatur, Musik und das künstlerische Eie-\nment in der Gymnastik werden von den einzelnen Sektionen\nbearbeitet. Die Oberschulbehörde gewährt ihnen innerhalb\nder sachlich gebotenen Grenzen freien Spielraum,\nAuf dem Gebiet der bildenden Kunst wird eine Weiter-\nbildung des Zeichenunterrichts in künstlerischem Sinne an-\ngestrebt. Die zu Hamburg erscheinende Jugendschriftenwarte\nversucht dem Unwesen der künstlerisch und literarisch gleich-\ngültigen Spekulation auf dem Gebiet der Jugendschrift kri-\ntisch gegenüber zu treten. Eine grofse Ausstellung in der\nKunsthalle, von den Lehrern für den Deutschen Lehrertag\ni 8514 veranstaltet, führte an einem aufserordentlich umfang-\nreichen Material die historische Entwicklung der Jugendschrift\nund die gegenwärtigen Leistungen der Kulturvölker vor Augen,\nVerzeichnisse empfehlenswerter Jugendschriften werden zu\nWeihnachten den Eltern zugestellt. Die hervorragendsten\nKunstwerke in den öffentlichen Sammlungen werden mit den\nKindern betrachtet.\nIn den Volksschulen soll der Versuch gemacht werden.\nauf der Basis der Kunst etwas wie eine Schulgemeinde zu\ngründen. Die Kinder der obern Klassen und ihre Eltern wer-\nden zu Unterhaltungsabenden eingeladen, an denen Vorlesungen\naus den Werken älterer und neuerer Schriftsteller mit Quar-\ntettmusik und Chorgesang wechseln. Es wird Nachdruck\ndarauf gelegt, dafs bei sorgfältigster Auswahl des zum Vor-\ntrag Gelangenden der lehrhafte Anstrich vermieden wird,\nNach den ersten Versuchen zu urteilen, erscheint diese Ein-\nrichtung in hohem Grade entwickelungsfähig,\nDie Seele dieser Bestrebungen bilden die Lehrer an den\nVolksschulen, die überhaupt im geistigen Leben Hamburgs\neine Rolle spielen. Die Gründung der Literarischen Gesell-\nschaff ist von ihnen ausgegangen, einige der namhaftesten\nHamburgischen Schriftsteller gehören ihnen an oder stehen\nihrem Kreis nahe. Es wirft ein scharfes Licht auf die Isoli-\nrung der Hamburger Gesellschaft, dafs die Volksschullehrer\nden direkten Verkehr mit den hervorragenden Schriftstellern\ndes Inlandes vermitteln.\nIV.\nFafst man alle die günstigen Bedingungen zusammen, die\nin Hamburg für die Entwicklung einer einheimischen Kunst\nund Literatur vorhanden sind, die Wohlhabenheit, die nicht\nim Vorhandensein vieler grofser Vermögen im internationalen\nSinne, sondern in den auskömmlichen Verhältnissen breiter\nSchichten ausgesprochen ist, das tiefe Interesse an allem, was\nHamburgisch ist, die Fähigkeit der Initiative und der leiden-\nschaftlichen wenn auch äufserlich ruhigen Hingabe an gemein-\nnützige Unternehmungen dann nimmt es Wunder, dafs\ndieser Boden sich in unserm Jahrhundert für Kunst und\nWissenschaft scheinbar so wenig ergiebig gezeigt hat.\nEine Hamburgische Architektur gab es im i 8. Jahrhundert,\nals die Grofse Michaeliskirche gebaut wurde, das originelle\nBauwerk, dessen grofsartiger Innenraum heute mit Notwendig-\nkeit zur Festkirche des Staates geworden ist; gab es im Grunde\nnoch bis zum Anfang der vierziger Jahre, als Chateauneuf\nein Hamburger französischer Abkunft die palastartigen\nStadthäuser, die wundervollen Treppen der kleinen Alster,\nund in bewufster Anknüpfung an einheimische Baugedanken\nnicht Bauformen des iB. Jahrhunderts das Postgebäude\nerrichtet, als Bülau in demselben Sinne das Haus der Patrio-\ntischen Gesellschaft baute und für einzelne Privathäuser in freier\nBenutzung auf die Backsteinfassaden und Treppengiebel der\nalten Hansastädte zurückgrilf. Dann wurden diese Bestreb-\nungen unterdrückt. Da Hamburg keine Bauschule besafs,\nmufsten seine architektonischen Begabungen in Berlin, Han-\nnover, München, Stuttgart, Karlsruhe und Paris studieren, um\nin der Heimat anzuwenden, was sie gelernt hatten, und jede\nKraft schuf isoliert. So entstand die Buntscheckigkeit des\nArchitekturbildes der neuen Stadt, in dem sich alle Stile\nEuropas mischen, die englische Landhausgothik eingeschlossen.\nMan sieht es heute auf einen Blick, ob München, Hannover,\nParis oder Berlin die Parole ausgegeben hat. Es ist auch leicht,\nzu erkennen, dafs diese neue Architektur in Hamburg von"}, {"page_pdf": 74, "page_imprimee": "322", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.74", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 6453, "texte": "Architekten stammt, die von keiner lebenskräftigen, selb-\nständigen einheimischen Skulptur und Malerei irgendwie\nbefruchtet worden sind.\nDenn auch der Malerei und Skulptur in Hamburg fehlten\nnicht die Talente, sondern der Boden der Heimat. Die Stadt\nbot den aufstrebenden Talenten keine Möglichkeit, zu Hause\nzu lernen, was an der Kunst lernbar ist. Auch sie waren\ngezwungen, sich auf die Akademien zu begeben.\nViele gingen dadurch der Vaterstadt für immer verloren.\nWer zurückkehrte, hatte mit widrigen äufseren Verhältnissen\nzu kämpfen, und nur sehr wenige fanden sich selbst wieder und\nentwickelten in der Stille ihre Begabung. Was sie im An-\nschlufs an den heimischen Boden geschaffen haben, überrascht\njetzt, wo die Kunsthalle es zu sammeln und zu Ehren zu\nbringen versucht, durch einen Grad von Gesundheit und\nSelbständigkeit, der der akademischen Kunst Deutschlands\nin unserm Jahrhundert nur ausnahmsweise eigen war. Am\nAnfang unseres Jahrhunderts entwickelte Ph. O. Runge ein\nProgramm der Kunst der neuen Zeit, dessen Grenzen noch\nimmer nicht ganz erfüllt sind. In den zwanziger Jahren\nentstand im Anschlufs an die Panoramenmalerei unabhängig\nvon jedem äufsern Einflufs eine moderne deutsche Landschafts-\nmalerei, deren weitere Entwicklung gestört wurde, als man\ndie jungen Träger der neuen Ideen mit Stipendien auf die\nAkademien sandte. Um die Mitte der dreifsiger Jahre malte\nErwin Speckter, von der Lehre unter Cornelius und dem\nStudienaufenthalt in Italien zurückgekehrt, das Interieur mit\ndem Mädchen von Fanoe, das auf lange Zeit hinaus das vor-\naussetzungsloseste deutsche Oelbild geblieben ist. Um die\nMitte der vierziger Jahre hatte Hermann Kauffmann, dem\nmifsliche Verhältnisse zu seinem Glück die Rückkehr zur\nAkademie unmöglich gemacht hatten, eine schlichte Gröfse\nund Einfachheit erreicht, die ihn zu einer ganz einzigen Er-\nscheinung in unserer Kunst machen, um dieselbe Zeit malte\nValentin Ruths als Autodidakt seine ersten köstlichen\nBilder aus dem Hafen, deren malerische Qualitäten sein\nspäterer Lehrer Schirmer nie gekannt hat, und im folgenden\nJahrzehnt entwickelte sich Steinfurth, von Düsseldorf zurück-\nkehrend, einsam schaffend, zu einem der besten deutschen\nBildnismaler.\nDafs auch die Kunstindustrie mit Ausnahme weniger\nZweige sich nicht zu selbständiger Blüte erheben konnte, wo\neine eigenartige Architektur, Malerei und Skulptur fehlten,\nbedarf keiner Ausführung.\n❖\nImmer weitere Kreise werden von dem Wunsche durch-\ndrungen, dafs die Hamburgische Architektur die Nachahmung\nfremder Vorbilder aufgeben und im Anschlufs an heimische\nGedanken für die eigenartigen Bedürfnisse den eigenen künst-\nlerischen Ausdruck finden möge; dafs die in den kommenden\nGenerationen heranreifenden künstlerischen Talente nicht\ngezwungen werden, den Boden der Heimat zu verlassen, son-\ndern dafs ihre Ausbildung unter dem Einflufs der heimatlichen\nLandschaft und des eigenen Volksstammes stattfinden möge,\ndamit sie im Stande seien, getragen von einer Bevölkerung,\ndie das Glück Kunst mitzuerheben fühlen lernt, eine kräftige\nLokalkunst zu schaffen, die einer eigenartigen dekorativen\nKunst zum Ausgangspunkt dient.\nHamburg ist absolut in der Lage, eine ansehnliche lokale\nProduktion tragen zu können.\nAehnliche Wünsche bewegen die Gemüter in Bezug auf\ndie literarischen Verhältnisse. In den Kreisen derer, die die\nEntwicklung in Hamburg beobachten, wird seit Jahren die\nGründung einer Wochen- oder Monatsschrift ventilirt, die\nvom Hamburgischen Standpunkt aus den Lauf der Welt-\nbegebenheiten verfolgt und der lokalen Produktion als Ge-\nfäß dient. Versuche sind bisher noch nicht gelungen, ob-\ngleich es an literarischen Kräften nicht fehlt und auf eine\ngrofse Anzahl von Abonnenten sicher zu rechnen ist.\nHamburg drückt sich noch nicht aus.\nDie Institute und Gesellschaften, die die Bewohner Ham-\nburgs als Organe ihrer kulturellen Bedürfnisse geschaffen haben,\ndie immer erneuten Bemühungen einzelner Kunstfreunde legen\nvon der grofsen Kraft des Bodens, Kultur zu tragen, entschei-\ndendes Zeugnis ab. Wir verstehen diese Zeichen als Glieder\neiner weit zurückreichenden Kette, wenn wir uns erinnern,\ndafs die Patriotische Gesellschaft um die Mitte des vergan-\ngenen Jahrhunderts gegründet wurde, dafs fast hundert Jahre\nvorher Bürger Hamburgs sich zusammengethan hatten, um\ndas erste Opernhaus modernen Stils in Europa zu bauen, das\nder deutschen Oper die erste Möglichkeit der freien Ent-\nfaltung bot und in der That die erste Blütenepoche dieser\nKunstgattung unter Reinhold Kaiser herbeiführte, und wenn\nwir uns vergegenwärtigen, welche Rolle das Hamburger Thea-\nter in der Entwicklung der deutschen Litteratur gespielt hat.\nAber es fehlte im geistigen Leben Hamburgs bis in die neu-\neste Zeit ein Faktor, den ein Geschlecht, das Neues gestalten\nmöchte, gering zu schätzen pflegt, der aber allein die Konti-\nnuität eines gesicherten Besitzstandes verbürgt, die Tradition.\nDie Geschichte der Kultur in Hamburg bietet dasselbe\nBild unendlicher Umgestaltungen und Neubildungen wie die\ndes Erdbodens und der Familien. Grofse Vermögen werden\nschnell aufgebaut und sinken, wenn die Kraft des Begründers\nzurückgetreten ist, ebenso schnell in Trümmer. Jeder Einzelne,\njede Generation hatte von vorn zu beginnen, war auf\nsich selber gestellt, und sorgte wesentlich nur für die un-\nmittelbar fühlbaren Bedürfnisse.\nDies notwendige Element der Tradition kann in der be-\nweglichen Masse der Individuen, die vorübergehen, nicht\nWurzel fassen, sie ist auf das dauernde Prinzip, den Staat,\nangewiesen, wenn die Kultur über eine ungünstige Epoche\nhinweggerettet werden soll.\nMan ist in Hamburg so sehr gewöhnt, die Pflege der\nKultur als eine Angelegenheit individueller Initiative anzu-\nsehen, dafs wohlmeinende Politiker ernstlich zweifeln, ob der\nStaat überhaupt die Aufgabe hat, pflegend und fördernd ein-\nzugreifen.\nAber so überraschend diese Auffassung in den Staaten mit\nehemals absoluter Fürstenherrschaft sein mag, wo nach alter\nGewohnheit vom Staat alles erwartet wird, so gesund ist sie\nim Grunde, und es wäre sehr bedauerlich, wenn das Gegenteil\neinmal in Hamburg Platz greifen würde.\nNur läfst sich der Standpunkt, dafs der Staat die Sorge\nfür die Kultur und die Initiative auf diesem Gebiet dem Pri-\nvatmann gänzlich überlassen sollte, auf die Dauer nicht be-\nhaupten, und seit der Mitte dieses Jahrhunderts hat sich in\nHamburg allmählich ein Umschwung vollzogen, der von\nFall zu Fall fortschreitend, dem Staat zunächst die Pflege der"}, {"page_pdf": 75, "page_imprimee": "323", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.75", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4382, "texte": "über die Möglichkeit der Unterhaltung aus Privatmitteln\nhinaus entwickelten Institute überantwortet und ihm schliefs-\nlich sogar die Initiative zur Weiterführung und Neugründung\nzur Pflicht gemacht hat.\nVor fünfzig Jahren pflegte der Staat nur eine höhere\nSchule, das Johanneum, Die waren auf das\nPrivatschulwesen angewiesen, die niedrigeren Schichten auf\neinige Stifts- und Volksschulen. Heute hat das Schulwesen\nein Uebergangsstadium beinahe überwunden. Das gesamte\nVolksschulwesen wurde in wenigen Jahrzehnten reorgani-\nsiert, eine gröfsere Anzahl\nhöherer Staatsschulen hat das\nPrivatschulwesen zurückge-\ndrängt, das nur noch in\nden höheren Mädchenschulen\nseine alte Stellung behauptet.\nZur selben Zeit hat der\nStaat die von ihm übernom-\nmenen wissenschaftlichen In-\nstitute umgestaltet, erweitert\nund durch Neugründungen\nvervollständigt, so dafs ihr\nSystem heute dem Apparat\neiner mittleren Universität\ngleichkommt, nur dafs es in\ndem musealen Teil und mit\nder Ausdehnung und Einrich-\ntung der Krankenhäuser weit\ndarüber hinausgreift.\nSeit einigen Jahren hat\ndie Oberschulbehörde ein\nöffentliches Vorlesungswesen\neingerichtet, dem das Publi-\nkum aller Stände das leb-\nhafteste Interesse entgegen-\nbringt. Das Verzeichnis der\nVorlesungen umfafst bereits\nalle Gebiete der Wissenschaft.\nDozenten sind die Direktoren\nder wissenschaftlichen In-\nstitute, Geistliche, Lehrer der\nhöheren Schulen und für\neinzelne Fächer Professoren\ndeutscher Hochschulen, Die\nTeilnahme, mit der gerade die\ngebildeten Klassen diese Ein-\nrichtung verfolgen, liefert den\nBeweis, dafs ein Bedürfnis, Anregung zu empfangen, lebhaft\ngefühlt wird.\nWie weit sich dies Institut entwickeln wird, steht noch\ndahin. Es hat bereits eine lebhafte Bewegung in Szene gesetzt,\nund die schon in früheren Zeiten wiederholt diskutierte Idee\neiner Hamburgischen Universität beschäftigt viele Köpfe.\nWenn darüber debattiert wird, pflegen die kulturellen und\npolitischen Gesichtspunkte, die dafür sprechen, in den Vorder-\ngrund gestellt zu werden, und man erinnert sich daran, dafs\nHamburg in dem jetzt in eine Reihe wissenschaftlicher Insti-\ntute aufgelösten Akademischen Gymnasium eine Anstalt be-\nsessen hat, die im 17. Jahrhundert Rang und Funktionen einer\nUniversität besafs.\nAlles deutet darauf hin, dafs die Thätigkeit des Staates\nauf allen diesen Gebieten in Zukunft noch weitere Aus-\ndehnung erfahren wird.\nNeubildungen fallen allerdings den Organen des Staates,\ndie nicht experimentieren dürfen, in Hamburg so schwer wie\nanderswo, aber es steht zu hoffen, dafs hier die alte Gewohn-\nheit der selbständigen Schöpferthätigkeit des Bürgers durch\nden prinzipiellen Umschwung in der Beteiligung des Staates\nnicht leiden wird,\n❖\nWie überall und jederzeit\nstehen auch in Hamburg zwei\nGenerationen einander mit\nauseinandergehenden An-\nschauungen und Wünschen\ngegenüber.\nDie ältere, die den Wohl-\nstand der Stadt heraufgeführt\nhat, sieht nicht ohne Be-\ndenken, dafs die jüngere diese\nmaterielle Grundlage zum\nAusgangspunkt der Entwick-\nlung einer eigenartigen natio-\nnalen Kultur Hamburgischer\nFärbung wählen will. Man\nhatte sich, nachdem die\ninternationale Konkurrenz die\nAnspannung aller Kräfte in\nAnspruch genommen hatte,\nan die Auffassung gewöhnt,\nHamburg ausschließlich als\nein Handelsorgan des Reiches\naufzufassen und zu übersehen,\nwas frühere Epochen in Ham-\nburg für die deutsche Kultur\ngeleistet haben.\nDie jüngere Generation\nwill sich damit nicht be-\ngnügen. Sie sieht in einer\nselbständigen Blüte der ein-\nheimischen Kunst und Wisse-\nnschaft nicht nur ein Moment\nvermehrten Wohlbehagens,\ndas sich auch zur Not ent-\nbehren liefse, sondern eine\npolitische Angelegenheit, von\nder das Ansehen des Staates und die Sympathie, die ihm von\nden andern Gliedern des Reiches entgegengebracht wird,\nwesentlich mit abhängt. Und in den Imponderabilien der\nWertschätzung und Sympathie im Reich hat sie hervorragende\npolitische Faktoren erkannt, auf deren Einflufs sie nicht zu\nverzichten gewillt ist.\nHamburg wird im Verzeichnis der deutschen Staaten an\nallerletzter Stelle aufgeführt, als wirtschaftliche Macht hat es\nseinen Platz gleich nach den Königreichen. Dafs es auch als\nPflegerin deutscher Bildung, Kunst und Wissenschaft den-\nselben Rang erlangen möge, den es in der Oekonomie der\nNation innehält, das ist der Wunsch und das Streben der\n,Jungencc in Hamburg.\n\nAlfred Lichtwark\n\nALTE HAMBURGER DIELE\nFRAU MARIE ZACHARIAS"}]}, {"article_id": "leu-10098", "article_bluemountain": "bmtnabe_1897-04_01#c092", "volume": "bmtnabe_1897-04_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "n. p.", "page_fin": "309", "image_debut": 59, "image_fin": 61, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.2.28", "titre_corps": "PFLANZENSTUDIEN MIT SCHEERE UND PAPIER (UM 1805) ; [Initial]", "titre_sommaire": "PFLANZENSTUDIEN MIT SCHEERE UND PAPIER (UM 1805) ; [Initial]", "signature_source": "PH. O. 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Es wird auch, nach zuverlässigen An-\nzeichen, noch ein Weilchen dauern, bis die Menschheit\nden Schwerpunkt ihrer Vernunft völlig in ihre Gewalt be-\nkommt und ruhigen Ganges dahinschreitet. Oder sind Aktion\nund Reaktion eben die abwechselnde Bewegung zweier Füfse?\nWenn man diesen Vergleich besser findet und der Meinung\nist, dafs beide Füfse uns vorwärts- und zurückbewegen\nkönnen, so will ich nichts dagegen haben.\nWährend in den grofsen Massen das demokratische\nPrinzip noch fortwährend neue Anhänger gewinnt, ist in den\nherrschenden Klassen und in den Kreisen der akademischen\nBildung, die ihre Macht zu verlieren fürchten, die autoritäre\nWeltanschauung beträchtlich erstarkt resp. auf’s neue lebendig\ngeworden. Es liegt auf der Hand, dafs in diesen Kreisen\ngleichzeitig der Eifer für die Popularisierung der Künste und\nWissenschaften, für Verbreitung von Volksbildung, für Volks-\naufklärung, oder wie man diese Bestrebungen sonst benennen\nmag, ebenso beträchtlich erkalten mufste5 wenn er nicht gar\nin Abneigung gegen dergleichen „kindsköpfische Illusionen“\numschlug. Wenn man gewisse dieser Versuche betrachtet,\nkann man sich allerdings nicht wundern, dafs sie scheitern\nund dafs der anfangs hochgemute Pionier sämtliche Volks-\naufklärungsrequisiten mit einer aristokratischen Verwünschung\nan die Wand schleudert. Wer einer soeben aus Kontor\nund Werkstatt, Fabrik und Wechselstube, Küche und Wasch-\nraum zusammengetrommelten Versammlung ohne weiteres\nmit Bildern von Eduard Munch, Dramen von Maeterlinck\nund Kompositionen von Richard Straufs vor die Brust springt,\ndarf sich für den Mifserfolg bei sich selbst bedanken. Aha,\nhöre ich rufen, er will, die Kunst soll Konzessionen an den\ngrofsen Haufen machen. Bitte, ich will genau das Gegenteil.\nWenn ein Künstler Konzessionen macht, hört er für mich\nauf, ein Künstler zu sein. Man hat mir oft genug vor-\ngeworfen, dafs ich leider zu wenig Kompromisse schlösse;\nich hoffe diesen Vorwurf auch in Zukunft zu verdienen.\nAber man soll doch bedenken, dafs es zweierlei ist, eine\nKunst zu üben und die Kunst, richtiger den Kunstgenufs, zu\npropagieren. Für ein Genie, mag es noch so naiv sein, liegt\ndoch eigentlich der Gedanke sehr nahe, dafs der Spiefsbürger\nnicht aus sich auch ein Genie machen kann, dafs er sich\nauch nicht von heute auf morgen umkrempen und mit\neinem Male den „Eulenspiegel“ von Rieh. Straufs gewaltig\nfinden kann, wenn er bis dahin sein gröfstes Vergnügen auf\ndem „Markt zu Richmond“ oder bei einer „Holzauktion“\ngefunden hat. Die psychologischen Dinge sind doch ebenso\nwenig Zauberkunststücke wie die physiologischen; es gibt\ndoch eine psychologische Entwickelung, und es gibt doch\nGesetze, nach denen sie verläuft. Sich über halsstarrige.\nwiderspenstige, dünkelhafte und anspruchsvolle Philister zu\nerbosen, hat man ja sicherlich ein gutes Recht, und man\nmag sie durch möglichst kraftvolle Injurien aufrütteln, wenn\nsie durchaus nicht aufwachen wollen. Aber ein Künstlergeist,\nscheint mir, zum mindesten ein Dichter, sollte ziemlich tief\nin andere Seelen sich hineinversetzen können; je genialer ein\nMensch, dünkt mich, desto lebhafter erkennt er auch, was\nihn von anderen Menschen ewig trennt, und dafs er in seinen\ngröfsten Augenblicken mehr oder weniger einsam dasteht.\nUnd zur Vornehmheit gehört es, dafs man auch in geistigen\nDingen gerecht ist und mit den Seelenkräften so wenig\nklimpert, wie mit den Dukaten. „Genieprotz“ ich kann\nmir nicht helfen aber das Wort kam mir von selbst auf\ndie Lippen, wenn ich Leute sah, die keinen Feder- oder\nPinselstrich thaten, ohne auf das Philisterpack zu schimpfen.\nIn der Regel haben diese Art Leute noch am wenigsten Ur-\nsache, sich zu entrüsten.\nDie Kunst sollte nur unter der Führung von wirklichen\nKünstlern oder doch von absolut unverdächtigen Kunst-\nkennern und -Freunden popularisiert werden, sonst ist man\nmit zwei, drei Schritten bei gewöhnlicher Unterhaltungs-\nsimpelei, Liedertafelei, Guckkasten und ernsthaft aufge-\nzogenem Tingeltangel angelangt. Der Grundsatz mufs un-\nerschütterlich festgehalten werden, dafs nur durch Kunst für\ndie Kunst erzogen wird und dafs man nicht, „um das Publi-\nkum erst einmal anzulocken“, ein bischen Julius WolfF und\nHeimburg treiben darf. Der Verlauf solcher Popularisations-\nversuche war bis jetzt in den meisten Fällen der, dafs man\nnach ein paar bitter-ernsten Anläufen verzweiflungsvoll zu\ndem „Rangdewuh inn Watergraben“ oder zu „Bräsig in’n\nKirschboom“ überging. Reuter ist ein recht wertvoller künst-\nlerischer Erziehungsfaktor, aber natürlich nur, wenn man\nihn in seiner dichterischen Ganzheit, mit allem Ernst seiner\nStimmung und Charakteristik gibt, nicht, wenn man ein\npaar „komische Stellen“ herauspfiückt für den lachtollen\nPöbel. Es gehört ein fester und kompletter Kunstmensch\ndazu, um solche Versuche unter Wahrung aller künstlerischen\nWürde durchzusetzen. Aber dieser Kunstmensch mufs\nnoch eines sein. Er mufs —es thut mir leid, aber ich kann\ndas fatale Wort hier nicht umgehen —er mufs ein Schul-\nmeister sein, ein Erzieher. Nicht ein Schulmeister, der die\nMenschen meistert, sondern der das Werk der Schule meistert,\nnicht einer, der pufft und stöfst, sondern der weckt, lockt\nund leitet, nicht einer, der allein der Wissende sein will,\nsondern der die anderen zu freien, selbständigen Wissenden\nmachen möchte. Ich habe manchen Redner gehört, der Geist,\nWissen und Empfindung nutzlos verschwendete, weil er\nkeine Ahnung von der Methode einer zweckmäfsigen Ge-\ndankenmitteilung hatte. Unser deutsches Publikum liebt ja\nsehr die Vorträge „über“ eine Sache. Es hört lieber einen\nVortrag „über“ den ganzen Hebbel, als dafs es selbst ein\nStück oder ein paar Gedichte von ihm liest. Nach einem\nsolchen Referat kann es in Zukunft ohne grofse Kosten in\nHaus und Gesellschaft theoretisieren, und das thut der\nDeutsche ja doch für sein Leben gern. Die Vereine zur\nPopularisierung der Kunst sollten natürlich im allgemeinen"}, {"page_pdf": 62, "page_imprimee": "310", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.62", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 6774, "texte": "ihre Leute so oft wie möglich unmittelbar an die Quelle,\nan das Kunstwerk selbst, heranführen. Aber andererseits\nverdienen theoretische Vorträge an sich durchaus nicht die\nVerachtung, der sie gegenwärtig in Künstlerkreisen oft be-\ngegnen. Einen vollkommenen Kunstneuling vor ein Uhde-\nsches oder Klinger’sches oder auch Rafael’sches Bild stellen\nund ihn ganz sich selbst überlassen, ist eine keineswegs im-\nponierende Praxis. Wir kürzen ja auch auf anderen Kultur-\ngebieten unseren Bildungsgang dadurch ab, dafs wir uns die\nArbeit unserer Vorfahren und die Arbeit unserer Lehrer zu\nnutze machen. Man hat uns ja auch nicht in Wald und\nFeld oder in botanische und zoologische Gärten hinaus-\ngeschickt mit der grausamen Weisung: erwirb dir deine\nNaturgeschichte auf eigene Faust. Auch in der Kunst darf\nman sich das Erbe der Väter zu nutze machen, aber natürlich\nnur, indem man es erwirbt. Eine Stunde lang theoretische\nBemerkungen „über“ einen Dichter, „übercc einen Maler zum\nbesten geben und wären diese Urteile an sich noch so\ntreffend und feinsinnig ist das thörichste, was man be-\nginnen kann. Ein Popularisator soll wenigstens soweit Schul-\nmeister sein, dafs er das Erfordernis der Apperception i. e.\ndie unendlich einfache Thatsache kennt, dafs ein Mensch\nnur dann etwas Neues aufnehmen kann, wenn dieses Neue\nan Bekanntes anknüpft. Und ferner mufs ein Redner wissen,\ndafs alle wirkliche Aufklärung von der Anschauung ausgeht.\nWenn er also nicht bestimmt voraussetzen darf, dafs seine\nHörer den Dichter, den Komponisten, den Maler, den Bild-\nhauer wenigstens in einem beträchtlichen Bruchteil seiner\nWerke kennen, so mufs er in seinem Vortrage diese Voraus-\nsetzungen erst schaffen. Zuweilen kann man das durch recht\ngeschicktes Zitieren bewerkstelligen. Auch das Zitieren ist\neine Kunst. Aber Dramen, Romane, Bilder, Oratorien kann\nman nicht wenigstens nicht immer zitieren. Dann\ntritt an den Redner seine gröfste und schönste Aufgabe her-\nan: er mufs solche Werke nachschaffen. Er wird nicht ein\nsolcher Narr sein, dafs er meint, ein Kunstwerk auf diese\nWeise ersetzen zu können nichts wird er ausdrücklich\nweiter von sich weisen als das aber er wird ein Drama,\neine Tondichtung, ein Bildwerk bei prägnantester Kürze so\ncharakteristisch nach seiner künstlerischen Bedeutung rekapitu-\nlieren, nachkonstruieren, dafs der Hörer vom Geiste des\nKünstlers einen möglichst kräftigen Hauch verspürt. Ich\nhabe das anderswo so ausgedrückt, man müsse nicht über\nLenau, sondern man müsse Lenau sprechen. Je mehr künst-\nlerisches Empfinden und je mehr Sprachgewalt der Redner\nhat, desto besser wird es ihm gelingen. Nur Leute von ent-\nsprechenden Fähigkeiten sollten solche Vorträge halten; ein\nderartiger Vortrag macht aber auch zehn von der landläufigen\nSorte überflüssig. Was gegenwärtig alles als Redner und\nVorleser umherzieht, das ist ja leider mit artikulierten Lauten\nnicht auszusprechen.\nVon einer Grundlage der erwähnten Art aus wird dann\nein richtiger Popularisator die Hörer mehr zu den entsprechen-\nden Urteilen und Schlüssen hinleiten, als er sie ihnen fertig\nhingibt. Er wird namentlich auch das ausgezeichnet in-\nstruktive Mittel des Vergleichs an wenden. Wenn man ge-\neignete Kapitel aus Th. Fontane und aus Nataly v. Eschstruth,\nentsprechende Gedichte von Gustav Falke und von Johanna\nAmbrosius einander gegenüberstellt: dann geht unter Um-\nständen auch einer grofsherzoglichen Gouvernante ein Licht\nauf. Ein Redner, der solche Vorträge hält, wird die Genug-\nthuung haben, dafs die Leute nachher zu ihm kommen und\nsagen: „Morgen geh’ ich hin und hole mir das Buch“ oder\n„von morgen an lese ich meinen Heine noch einmalcc; solch\neiner wird die Hörer nicht überreden, sondern überzeugen,\ner wird sie nicht satt, sondern hungrig machen.\nAuch das gehört zu den Kunstgriffen einer geschickten\nästhetischen Erziehung, dafs man sorgfältig Bedacht nimmt\nauf eine stufenmäfsige Anordnung der gebotenen Kunst-\ngenüsse. Ein ganzes grofses Unternehmen kann darüber in\nseinen Anfängen zu Grunde gehen, dafs ich mit Gedichten\nvon Friedrich Nietzsche statt etwa mit solchen von Th.\nFontane, mit einem schwierigen Lied von Brahms statt mit\neiner leicht ansprechenden Ballade von Loewe beginne. Und\nmit Loewe und Th. Fontane anfangen, heifst doch wohl\nnicht unwürdige Konzessionen machen, heifst wohl nicht,\nein Opfer an künstlerischer Gesinnung bringen. Denselben\nBrahms, den ein unkultiviertes Publikum heute ablehnt, wird\nes nach vier, fünf Jahren vernünftiger künstlerischer Führung\nschon mit ganz anderen Ohren anhören. Es kommt nur\ndarauf an, dafs ein guter praeceptor artium die richtigen\nZwischenstufen zwischen einer Symphonie von Haydn und\neiner solchen von Brahms auffinde. Auch der Wunsch nach\nAbwechselung und das Verlangen, nicht durch gehäufte\nDarbietungen übermäfsig angespannt zu werden, haben ihre\ndurchaus normalen seelischen Voraussetzungen und damit\neine natürliche Berechtigung; wenn ein musikalischer Neu-\nling nicht den ganzen Tristan oder die ganze Hmoll- Messe\nvon Bach an einem Abend hören kann und mag, so läfst das\nnoch keineswegs mit Sicherheit auf unheilbares „Kafferntumcc\nschliefsen. Ich weifs wohl: es setzt ein paar grofse, hoch-\nwogende Gefühle, wenn man einem nichtsahnenden Publi-\nkum sogleich drei Stunden lang das Aeufserste in der Kunst\nVormacht und dem „blöden Haufen“ alsdann nach kon-\nstatiertem Mifserfolg mit genialem Zorn das ganze Porzellan\nvor die Füfse wirft; ich habe auch dergleichen gemacht.\nAber erstens erfordert das viel weniger Mühe und viel weniger\n„Genialität“ als eine stetige, still begeisterte, intelligente\nArbeit, und zweitens hat es nicht den geringsten Wert. Im\nGegenteil, das Publikum geht nach Hause und sagt: „Da\nlob’ ich mir den Trompeter von Säkkingen.“ Aufserdem:\nwenn man auch als Kunstkenner noch ein ehrlicher Mensch\nist, dann kann man sich mit Aufwendung von etwas Ge-\ndächtnis noch ganz wohl der Zeit erinnern, da man selbst\nnoch nicht ganz goethereif war.\nUnd wenn man all’ jene Bedingungen einer vernünftigen\nKunstpropaganda erfüllt hat, dann darf man sich natürlich\ntrotzdem nicht entfernt einbilden, nun aus jedem Holze einen\nMerkur schnitzen zu können. Bei solchen neuen Unter-\nnehmungen kommen sie ja zunächst in hellen Haufen ge-\nrannt; aber die Unberufenen kommen bald dahinter, dafs\nkeine Pfefferkuchen verteilt werden, und bleiben fort. Wo\nkeine Keime sind, da kann man natürlich nichts entwickeln,\naber es sind viel mehr Keime da, als man glaubt. Eigentlich\nsollte man sich ja nicht darüber wundern, dafs, wenn während\nder ganzen langen Kindheit und Jugend für die ästhetische\nErziehung nichts gethan wurde und ungefähr so viel\nwird in unseren Schulen gethan dafs es dann für die\nEntwickelung eines künstlerischen Sinnes zu spät ist. In\nHamburg haben wir jetzt begonnen, an eine ästhetische"}, {"page_pdf": 63, "page_imprimee": "311", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.63", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 6956, "texte": "Erziehung nicht nur zu denken, sondern sie zu verwirklichen.\nSobald von einer Hamburger Propaganda für die Kunst\ndie Rede ist, stellt sich sofort der Name Lichtwark ein,\nein Name, der mit dem am Ende dieses Jahrhunderts erfolgten\nWiedererwachen des Kunstsinnes in Hamburg unlöslich ver-\nknüpft bleiben wird. Vor ihm gab es in Hamburg wohl ein\npaar Kunstkenner und ein paar ausgezeichnete Privatsamm-\nlungen; aber es gab kein Kunst leben bei uns: das hat er\ngeweckt. Er hat es sogar dahin gebracht, dafs unter den best-\nsituierten Bürgern Hamburgs man denke! ein heftiger\nStreit für und wider die neue Kunst entbrannte. Und obwohl\ndie Angreifer es zweifellos in erster Linie auf ihn abgesehen\nhatten, freute sich dessen glaub’ ich sicher zu sein niemand\nmehr als er, dafs endlich Bewegung in die Massen kam.\nDenn es liegt ihm wohl wie allen überlegenen Köpfen weit\nmehr daran, dafs die Geister in selbständige Bewegung ge-\nraten, als dafs sie seine Meinungen auf Treu und Glauben\nannehmen. Ich teile keineswegs immer seinen Standpunkt,\naber ich bewundere seine solide, stille Begeisterung, seine\nAusdauer und seine erzieherische, anregende Kraft.* Jetzt\nspricht man jede Woche einmal von der Kunsthalle und von\ndem Neuesten, das sie bietet; früher erinnerte man sich alle\npaar Jahre gelegentlich einmal, dafs Hamburg ja auch eine\nKunsthalle habe. Lichtwarks Vorträge sind bis auf den letz-\nten Platz besucht, und sie sind immer interessant und fördernd.\nDenn er geht immer von der Anschauung aus, spricht immer\nkonkret, verliert sich nicht in Allgemeinheiten, d. h. also, er\nspricht, wie nur Leute von reicher Bildung sprechen können.\nWie die Kunsthalle solchermafsen ein Sammelpunkt für\ndie Freunde der bildenden Kunst geworden ist, so ist es die\n18 91 gegründete „Litterarische Gesellschaft zu Hamburg“\nfür das litterarische Publikum geworden. Da ich der erste\nVorsitzende dieser Gesellschaft war, so könnte ich über\nGründung und Entwickelung mehr Interessantes erzählen,\nals der Raum mir gestattet. Natürlich hatten wir junge\nLeute sind ja darin so leichtfertig eine Reihe litterarischer\n„Autoritäten“ vor der Gründung gebührend zu befragen und\neinzuladen vergessen. Diese „Autoritäten“ hatten jahrzehnte-\nlang geschlafen und nichts für das litterarische Leben Ham-\nburgs gethan; nun fanden sie es natürlich respektwidrig, dafs\nandere, und noch dazu junge Leute, etwas gethan hatten.\nEiner machte mich darauf aufmerksam, dafs ja in Hamburg\nschon ein Schriftstellerverein bestehe, der eine Sterbekasse\nhabe und jährlich einmal zum Essen zusammenkomme; ein\nblaustrümpfelnder Gernegrofs war entsetzt, dafs es sich nicht\num ein Konventikelchen zur Beräucherung ihres rühm- und\nanregungsbedürftigen Persönchens, sondern um einen Verein\nfür „Crethi und Plethi“ handelte, und ein „Gelehrter“, der sich\nrecht und schlecht von Shakespeare nährte, um genau unter-\nsuchen zu können, ob Goethe oder Schiller der Gröfsere von\nbeiden sei, nannte uns in seinen Vorlesungen „moderne Flach-\nköpfe“, obwohl wir uns garnicht um ihn bekümmert hatten.\nDie Presse, mit einer einzigen, rühmlichen Ausnahme, schwieg\nuns nach Kräften tot; wir wollten ja das Neue, das Lebende\nzur Geltung bringen, und das kann man doch nicht zu Worte\nkommen lassen, wenn man so viel Platz für die Berichte der\nKegelbrüderschaften und für die Waschzettel der Theater\nund der Verleger braucht! Von den 7- oder 800, die uns\nbeim ersten Trommelschlag zuliefen, fielen nach einigen Tagen\noder Wochen nur 2- oder 300 wieder ab; die einen hatten\nsich die Sache viel „idealer“, die anderen viel „moderner“,\nnoch andere hatten sie sich amüsanter und wieder andere\nhatten natürlich garnichts gedacht und waren besonders ent-\ntäuscht. Wir hatten Draufgänger unter uns, die das „Phi-\nlisterpack“ sofort durch die verwegensten und überzeugtesten\nSexualitäten brüskieren wollten auch ein grofser Skandal\nkann ja gute Früchte zeitigen, ich leugne das nicht und\nwir hatten traute Menschenblümelein unter uns, die im\nNamen der Sitte und des Ideals protestierten gegen Vorträge\nüber Sudermann, über den Atheisten Vischer und dergleichen\nfinstere Dämonen. In den Anfängen solcher Vereinsbildungen\nmufs man die Kunst verstehen, an seinem Plane festzuhalten\nund sich durch Tratsch und Krittelei nicht beängstigen und\nnicht beirren zu lassen. Dank darf man selbstverständlich\nnicht erwarten, höchstens ab und zu eine kleine Verschwörung\nUnzufriedener, die den jeweiligen „Tyrannen“ oder die „herr-\nschende Clique“ ein bischen angeifert. All dergleichen hat\nuns nichts geschadet. Unser Plan aber war: Keine Korn-\npromisselei, keine unkünstlerische Schwächlichkeit gegen das\nBanausentum, aber Führung und Heranbildung des Publikums\nnach vernünftigen psychologischen Prinzipien. Keine akade-\nmische Langweiligkeit und keine blind rasende Richtungs-\nmeierei. Ob ein Dichter „alt“ oder „jung“, tot oder lebendig\nwar, galt uns ganz gleich: können mufste er etwas. An\nsolchen Toten wie Hebbel, Storni, Keller, Anzengruber, Otto\nLudwig u. a. konnten wir gerade besonders gut zeigen, was\nan einer Kunst lebendig ist und was tot. Den Grundsatz,\nnur Manuscripte und zwar von ihren Verfassern lesen zu\nlassen, hielten und halten wir für grundfalsch. Soviel be-\ndeutende Manuscripte werden nicht produziert, dafs man\nimmer genug hätte; aufserdem ist ein echtes Kunstwerk\nimmer „Manuscript“. Eine Versuchs- und Ermutigungsanstalt\nfür Anfänger und kleine Talente wollten wir nicht sein.\nDergleichen ist etwas für einen Litteratenzirkel von 10 oder\n20 Personen, aber nicht geeignet, das grofse Publikum mit\nkräftigen Armen heranzuziehen. Und das Lesen der Autoren ?\nMindestens 90 Proz. von ihnen lesen haarsträubend schlecht.\n„Der Autor mufs doch sein bester Interpret sein“, meint\nman. Das scheint ja sehr richtig; denn was er wollte,\nwird er gewöhnlich am besten wissen. Aber meint man\ndenn, dafs zum Interpretieren das Wollen genügt? Ja, wenn\nbei allen Leuten das ganze Ohr und alle Sprachwerkzeuge\ndem Nervenzentrum dienstbar wären. Hat man’s noch nicht\nerlebt, dafs Leute recht gut zu singen meinen, die keinen\nTon richtig nachzusingen vermögen? Und wenn nun gar\nder Autor keine Stimme hat, und kein Hochdeutsch spricht,\nund keine Ahnung hat, wie ein grofses Auditorium zu be-\nhandeln ist, wie viel oder wie wenig man in einer Stunde\nlesen kann etc. etc. Kurz: mit der konsequenten Befolgung\njenes Prinzips setzt man sich „Reinfällen“ aus, die garnicht\nwieder gut zu machen sind. Es gibt nichts Deprimierenderes\nfür Publikum und Autor als eine verunglückte Vorlesung.\nAnfangs versuchten wir es öfters mit Schauspielern. Herr\nHofrat Pollini verbot „seinen“ Künstlern die Mitwirkung\n(nicht einmal einen Toast wagten sie zu sprechen); Chery\nMaurice gab den Künstlern seiner Bühne ohne weiteres volle\nFreiheit dazu. Aber erstens können Schauspieler sehr schlecht\nüber sich bestimmen; in letzter Stunde sagten sie in den\nmeisten Fällen ab. Und dann sind die guten Vorleser und\nRezitatoren unter den Schauspielern noch seltener als die"}, {"page_pdf": 64, "page_imprimee": "312", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.64", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5606, "texte": "guten Konzertsänger unter den Opernsängern. Die meisten\nmachen aus einem lyrischen Gedicht von Meyer oder Storm\nein ganzes Drama, und das ist mehr als man verlangt. Man\nkann ein sehr guter Schauspieler und doch ein mittelmäfsiger\nRezitator sein. Die Kunst der Rezitation ist bis jetzt wenig\ngepflegt: doch scheint ihr Ansehen und ihre Verbreitung zu\nwachsen. Die Schulen stehen, wie allem Künstlerischen, so\nauch einer natürlich-schönen Rezitation noch trostlos fern.\nFür das Programm des einzelnen Abends war es uns\nGrundsatz, ein spielerisches, verwirrendes und ergebnisloses\nVielerlei zu vermeiden und nach möglichster Einheitlichkeit\nund Vertiefung des Eindrucks zu streben. Was ein Abend\nbrachte, das mufste in einem organischen Zusammenhänge\nstehen und etwas Abgerundetes, wenn auch keineswegs Ab-\ngeschlossenes sein. So arrangierten wir Dichterabende, einen\nFontane-Abend, einen Falke-Abend, einen Storm-Abend, einen\nHauptmann-Abend etc. etc., an denen über die Dichter und\nvon den Dichtern gehört wurde; der theoretische Vortrag\nund die Vorlesung griffen ineinander, so dass die Vorstellung\n„Fontane“ für die Hörer, wenn sie nach Hause gingen, einen\npositiven, charakteristischen Inhalt bekommen hatte. Die\nLeute mussten sich sagen: der Fontane, das ist ein anderer\nKerl als der Hauptmann, und der Hauptmann, das ist wieder\nein anderer als der Liliencron etc. etc. Auch wenn über\nallgemeine, besonders dringliche und fruchtbare Themata\ngesprochen wird, wie über Banausentum oder Familienblatt-\npoesie, wird durch reichliche Illustration ein möglichst\nganzer Eindruck angestrebt.\nUnd über aller ernsten Arbeit ja, das dürfen wir sagen,\ndafs wir gearbeitet haben! vernachlässigten wir das not-\nwendige Komplement nicht, das mit der ernsten Arbeit zu-\nsammen ein lebenswertes Leben ausmacht: die ungebundene\nFreude. Ja, lustig, litterarisch und unlitterarisch lustig sind\nwir auch gewesen, so herzlich und innerlich lustig, wie uns\nHamburger der Fremde gar nicht kennt, wie uns nur der\nkennt, der bei uns warm geworden ist.\nIch weifs nicht, ob ich alle Prinzipien unserer „Gesell-\nschaft“ aufgezählt habe; gern möglich, dafs mir einige sehr\nwichtige, aber verborgene, entgangen sind. Mir fällt noch\nein, dafs wir es den Leuten\nso billig wie möglich gemacht\nhaben, da dergleichen Institute,\nwenigstens in Hamburg, von\nden Beiträgen der mittelmässig\noder wenig, ja garnicht Be-\ngüterten bestehen müssen.\nUnd halt! noch eins\nwar uns Vorsatz. Wir wollten\nund wollen an unserm be-\nscheidenen Teile der tödlichen\nZentralisation der Kunst\nwehren. Wir sind nicht so ein-\nfältig, mit Berlin konkurrieren\nzu wollen; dafs eine halbe\nMillionenstadt etwas anderes\nist als eine Zweimillionenstadt,\ndie noch dazu Hauptstadt eines\ngrofsen Reiches ist, das ist uns\nohne Weiteres klar. Das ist ein\nUnterschied zum Schlimmen\nund zum Guten für beide Teile. Berlin hat der neuen Dichtung\nLuft geschaffen, hat Bresche für sie gelegt, hat ihr vermöge\nihrer Millionen zuerst ein Publikum gegeben. Der Ruhm\nwird unserer Reichshauptstadt bleiben müssen. Aber „die\nProvinz“ hat Deutschland Dichter gegeben, die Berlin ihm nicht\ngeben konnte noch kann. Ein Liliencron z. B. konnte so wenig\nauf Pariser wie auf Berliner Pflaster grofs werden. Wir\nwollen uns im Verein mit anderen Nicht-Berlinern freund-\nschaftlichst verwahren gegen die mit Hilfe der Presse von\nBerliner Kliquen und Verlagsfirmen betriebene Talent-, Genie-,\nRuhm- und Geldfabrikation. Als wir noch jung und un-\nschuldig waren, bissen wir gläubig auf alles an, was von\nBerlin aus als Talent und Genie propagiert wurde. Nach\ndiversen „Enttäuschungen“ ist man, glaub’ ich, anderswo\nso gut wie in Hamburg vorsichtig geworden. Wer meine\nstarken kosmopolitischen Neigungen einigermafsen kennt,\nder weifs zugleich, dafs Börsenspekulation, Polizeispionage\nund Massenmord mir annähernd so fern liegen wie Lokal-\npatriotismus. Ich weifs, wie wenig wir uns in mancher\nBeziehung auf unser Hamburg einbilden können. Nach\nbereits Gesagtem ist es z. B. begreiflich, dafs unser „besseres“\nTheaterpublikum auf einem tiefen, sehr tiefen Niveau steht\nund die moderne Dichtung selbst des erfolgreichen Haupt-\nmann auf unserer Bühne keine Stätte hat. Das und vieles\nandere, wie gesagt, wissen wir. Aber in unserm Verlangen\nnach eigener Prüfung wird uns das nicht wanken machen,\nund dieses Verlangen wird durch aufdringliche Reklame und\nsüffisante Bevormundung nur energischer werden. Das, denk’\nich, ist die schönste Hoffnung unseres deutschen Landes, dafs\newig in jedem seiner Gaue jene selbstbewufste Kraft zu finden\nsein wird, die sich willig dem Ganzen hingibt.\nNoch eines Unternehmens will ich zum Schlüsse gedenken:\ndes neugebildeten „Vereins hamburgischer Musikfreunde“.\nDieser vom Staate jährlich mit 25000 M. subventionierte\nVerein veranstaltet Symphoniekonzerte für ein Entree von\nfünfzig Pfennigen. Für diesen Preis kann man noch seine\nGarderobe ablegen und erhält man noch ein Programm. Die\nLeistungen des Orchesters und der Solisten sind ausgezeichnet;\nnur scheint dem Verein, wie ein Hamburger Musikreferent\nsehr richtig bemerkt, noch\nnicht ganz der pädagogische\nCharakter seiner Aufgabe klar\ngeworden zu sein. Im dritten\nKonzert dieser Art schon mit der\nWagnefschen Faustouverture,\nmit der Eroica und mit Rubin-\nstein sehen Liedern zu kommen,\nist entschieden verkehrt Aber\nder Andrang des Publikums ist\nganz enorm und sein Dank\nenthusiastisch. Wer es noch\nnicht glaubt, der kommt viel-\nleicht durch dergleichen Kon-\nzerte zu der Ueberzeugung,\ndass die Kunst, die souveräne,\nvom Kapitalismus und vom\nAkademismus befreite Kunst\ndie Erzieherin der Zukunft ist.\n\nOtto Ernst"}]}, {"article_id": "leu-10100", "article_bluemountain": "bmtnabe_1897-04_01#c111", "volume": "bmtnabe_1897-04_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "n. p.", "page_fin": "325", "image_debut": 77, "image_fin": 79, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.2.32", "titre_corps": "MAIREGEN ; [Illustration sans titre]", "titre_sommaire": "MAIREGEN ; [Illustration sans titre]", "signature_source": "VALENTIN RUTHS", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 77, "page_imprimee": "n. p.", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.77", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 44, "texte": "MAIREGEN\nVALENTIN RUTHS\nLICHTDRUCK PAN II 4."}]}, {"article_id": "pmb-16789", "article_bluemountain": "bmtnabe_1897-04_01#c113", "volume": "bmtnabe_1897-04_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "325", "page_fin": "328", "image_debut": 79, "image_fin": 82, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.2.33", "titre_corps": "DIE BERLINER AKADEMIE ; Initial", "titre_sommaire": "DIE BERLINER AKADEMIE ; Initial", "signature_source": "W. Bode ; Otto Eckmann", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 79, "page_imprimee": "325", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.79", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3264, "texte": "DIE BERLINER AKADEMIE\n\nM Maiheft des „Pan“ (11. Jahrgang,\nS* 45 48) hat der Unterzeichnete\neinen kurzen Aufsatz veröffentlicht unter\ndem Titel: ~Die Berliner Akademie,\nGedanken bei der Feier ihres 2C»ojäh-\nrigen Bestehens“. Darin kommt fol-\ngender Abschnitt vor:\n„Die Art, wie die Reorganisation (der Akademie)\n„nach Friedrichs Kabinetsschreiben vom 21.\n„Januar 1786, durch welches Heinitz zugleich zum\n„Kurator der Akademie ernannt wurde, und nach\n„verschiedenen rasch sich folgenden weiteren\n„Bestimmungen vorgesehen war, atmet recht\n„eigentlich den Geist des grofsen Königs: nicht für\n„ausschliefsliche Vorbildung von Malern und Bild-\nhauern bis zur Ausbildung derselben zu fertigen\n„Künstlern in ihrem Fach sollte die Akademie sorgen,\n„sondern als grofse allgemeine Schule im\n„Zeichnen und Modellieren sollte sie dienen, um\n„so vor Allem auch den Kunsthandwerkern zu Gute\n„zu kommen. Dagegen solle man ja nicht zu viel\n„Maler und Bildhauer erziehen, die dem Staat\n„schliefslich nichts nützen könnten. Bei der\n„Ausbildung sollte das Zeichnen nach dem Leben\n„und die Bekanntmachung mit allen nötigen\n„Hülfs mitteln in Obacht genommen werden, damit\n„jeder Einzelne vor Allem die Technik seines Faches\n„gründlich erlerne. Die regelmäfsigen Ausstellungen,\n„die gleichfalls schon vorgesehen waren, sollten neben\n„Gemälden und Skulpturen auch den Erzeugnissen des\n„Kunstgewerbes Platz bieten.“\nDer Direktor der akademischen Hochschule, Herr\nProfessor Anton von Werner, hat in einem Aufsatze\nüber „Aufgabe und Bedeutung der Kunstakademien“\nim Januarheft der „Deutschen Revue“ diese Sätze,\ndie er wörtlich wiederholt, wie die ganze „Reorgani-\nsation“ Friedrichs 11. als „Gebilde meiner lebhaften\nPhantasie“ bezeichnet; „eine Kabinetsordre Fried-\nrichs des Grofsen, sei es vom 21. Januar 1786 oder\nirgend einem anderen Datum, welche so schöne Sachen\nenthielte, wie sie Herr Geh. Rat Bode, wenn auch in\netwas freier Umschreibung zitiert, existiere überhaupt\ngar nicht.“\nEine Kabinetsordre Friedrichs 11. in Sachen der\nKunstakademie vom 21. Januar 1786 existiert in der\nThat. Nur habe ich darin geirrt, dafs ich diese\nOrdre, die an Direktor Rode gerichtet ist und die,\nwie ich behauptet, die Einleitung zu einer Reihe\nreorganisatorischer Mafsregeln der Akademie bildet,\nmit der vier Tage jüngeren Ordre vom 25. Januar,\nin der dem Staatsminister Frh. von Heinitz die Ober-\naufsicht über die Akademie erteilt und die Reorgani-\nsation damit wirklich in Angriff genommen wird, in\neine Ordre zusammengezogen habe* Dieses Ver-\nsehen gestehe ich zu; es ändert aber in den That-\nsachen nicht das Geringste, und ich halte daher\nsonst das oben Gesagte voll aufrecht. Zur Ab-\nwehr gegen die schwere Beschuldigung, Urkunden er-\nfunden und „meine eigenen Gedanken dem grofsen\nKönig untergeschoben“ zu haben, sehe ich mich\ngezwungen, für jeden der vorstehend von mir her-\nvorgehobenen und von Herrn A. von Werner als\nPhantasiegebilde bezeichneten Punkte die Belegstellen\n\n*\n* Veranlassung zu diesem Versehen war die Art, wie der\nAufsatz entstand; er wurde, wie Herr A. von Werner schon aus\neinem Briefe von mir mitgeteilt hat, auf der Reise in ein italienisches\nBad geschrieben und musste, um das Erscheinen des Heftes nicht\nüber Gebühr zu verzögern, in der Redaktion korrigiert werden."}, {"page_pdf": 80, "page_imprimee": "326", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.80", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4620, "texte": "aus der „Kabinetsordre vom 21. Januar 1786 und den\nverschiedenen rasch sich folgenden weiteren\nBestimmungen“ (diesen ganz entscheidenden Zusatz\nmeiner Angabe läfst Herr A. von Werner bei seiner\nErwiderung beständig aufser Acht!) hier namhaft zu\nmachen.\nHerr A. von Werner verlangt den Urtext des\nKabinetsschreibens vom 21. Januar 1786. Er findet\nsich unter den „Acta verschiedener Königl. Kabinets-\nordres in Angelegenheit der Akademie der Kunst“\n(Staatsarchiv. 111. Abth. No. 49). In dieser ganz aus\neigenstem Antrieb erlassenen Kabinetsordre an den\nAkademiedirektor Rode erinnert diesen der König,\ndafs er schon am 9. September des vergangenen\nJahres ihm. habe zu erkennen geben lassen, sich nach\neinem guten Maler an Stelle des verstorbenen\nMalers Dubuisson umzusehen, „und zwar nicht einen\nsolchen, der in Farbe gut mahlet, sondern vielmehr\neinen, der gut dessiniret. Da nun gegenwärtig annoch\nzwei Mahler-Tractamentes vacant sind, als das des\n(kurz vorher verstorbenen) Calow und des Dubuisson,\nso thun Höchstdieselben in Gefolge obgedachter Ordre\n(vom 9. Sept. 1785) dem Director Rode hiermit den\nAuftrag, sich danach zu bemühen, einen dergleichen\ngeschickten Mahler und Zeichner ausfindig zu machen,\nder recht habile ist, und bei dem die jungen Leute\nwas Rechts lernen können, und sodann davon An-\nzeige zu machen.“\nAls Rode darauf am folgenden Tage unbestimmt\nantwortet, ergeht an ihn schon Tags darauf, am\n23. Januar 1786, ein kürzeres, in den Hauptpunkten\nmit dem vom 21. Januar 1786 aber fast gleichlautendes\nKabinetsschreiben. Auf dieses suppliziert der Aka-\ndemiedirektor am 24. ausweichend und den Intentionen\nFriedrichs selbst entgegen, indem er vorschlägt, die\nfreigewordenen Pensionen zur Vermehrung des Ge-\nhalts der alten Lehrer zu verwenden. „Den König\nverdrofs dieses Zögern und Verschleppen“ so heifst\nes in Herrn A. von Werners Prachtwerk „Zur\nJubelfeier“ (1896) S. 33: „er liefs in einem Kabinets-\nschreiben vom 25. Januar 1786 den Direktor Rode\nwissen, dafs er den Minister von Heinitz beauftragt\nhabe, ,sich der Sache ein wenig anzunehmen und\nwegen Anstellung eines geschickten Mannes Vor-\nschläge zu machen4. Dieser 25. Januar 1786 ist\neiner der Haupt Wendepunkte in der Ge-\nschichte der Akademie; ca. neunzig Jahre\nvorher und nachher sind solche von gleicher\nBedeutung.“ Hier stellt also Herr A. von Werner\nselbst die Übertragung der Oberaufsicht über die\nAkademie an den Staatsminister Frh. von Heinitz\nmit der Begründung der Akademie durch König\nFriedrich I. und mit der Ernennung des Herrn A. von\nWerner zum Direktor der akademischen Hochschule\nauf eine Stufe. Diese „ereignisvolle Zeit,“ in der\ndurch die verschiedenen Kabinetsschreiben des grofsen\nKönigs an seinen Staatsminister, durch dessen Ver-\nhandlungen mit den Akademikern und Erlasse in\nwenigen Wochen eine „Reorganisation der Akademie\nvorgesehen“ war (wie ich mich ausdrückte), bezeichnet\ndie Jubiläumsschrift des Herrn A. von Werner an\nderselben Stelle sogar als „die Wiederherstellung\nder Akademie überhaupt.“ Und jetzt ist dem-\nselben Herrn diese Reorganisation ein „Phantasie-\ngebilde“!\nSo viel über die Reorganisation im Allgemeinen.\nSehen wir, mit welchem Recht Herr Anton von\nWerner die einzelnen von mir hervorgehobenen Ge-\nsichtspunkte der geplanten Reorganisation bestreitet.\nZunächst eine nebensächliche Frage. Ich hatte\ndie Ernennung des Staatsministers von Heinitz zum\n„Kurator“ der Akademie schon auf den 21. (richtiger\n25.) Januar 1786 gesetzt. Herr A. von Werner sagt\ndarauf, indem er auf eine Auskunft aus dem Staats-\narchiv sich bezieht, dafs Heinitz erst 4 Jahre später,\nmit dem Statut vom 26. Januar 1790, zum Kurator\n„ernannt“ worden sei. Da in diesem Schreiben des\nStaatsarchivs aber zum Nutzen des Herrn A. von\nWerner mitgeteilt wird, was jedem einigermafsen mit\nder Geschichte der Akademie Vertrauten aus der\nVeröffentlichung der „Berlinischen Nachrichten“ be-\nkannt ist, dafs nämlich Heinitz mit der Ordre vom\n25. Januar 1786 die Oberaufsicht über die Aka-\ndemie übertragen wurde, so ist zweifellos, dass ihm\ndamit eben die Befugnisse eines Kurators er-\nteilt wurden. Es ist daher nur ein Streit um Worte,\nwenn sich Herr A. von Werner an den äufseren Titel\nklammert. Aber auch darin, in der Angabe über die\nZeit der Verleihung des Titels, ist er im Unrecht;\ndenn da Minister von Heinitz sich selbst 1788 Kurator\nnennt und schon 1787 von seinen Beamten so genannt\nund 1788 im Tableau vom Personal „der Akademie“\nso bezeichnet wird, so kann er unmöglich erst 1790\nmit diesem Titel bedacht worden sein. In der That\nwird er denn auch in allen Publikationen über die\nAkademie, ganz wie in dem Prachtwerk „Zur"}, {"page_pdf": 81, "page_imprimee": "327", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.81", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4752, "texte": "Jubelfeier“ von A. von Werner selbst, schon vom\n25- Januar oder von Anfang Februar 1786 an\n„Kurator“ genannt.\nHerr A. von Werner nimmt ferner Anstofs daran,\ndafs ich in jenen Kabinetsschreiben, Denkschriften etc.\nzur Reform der Akademie „so schöne Sachen, wie die\nBestimmungen überzeichnen nach dem Leben\nund die Bekanntmachung mit allen Hilfsmitteln“\nentdeckt haben will. Nun, schon durch die Kabinets-\nordre an Heinitz vom 5. Februar 1786 bewilligt König\nFriedrich Geld für Modelle, „namentlich lebende\nModelle“. In der ersten Akademiesitzung unter\nHeinitz Leitung am 11. Februar wird auch über „die\nEinrichtung des Zeichnens nach dem Leben“, worüber\nnoch weitere Vorschläge „nach dem bei der Pariser\nAkademie zu ihrer Zeit eingeführten Modum“ mit-\ngeteilt werden sollen, beraten. In seinen Aufzeich-\nnungen für die Kommission zur Vorbereitung des\nneuen Statuts stellt der Freiherr von Heinitz voran,\n„dass den Künstlern durchs Leben - Zeichnen\nund durch die Lehrstunden alle Hilfsmittel zu ver-\nschaffen seien“; und sein Adlatus Mölter nennt in\nder Festrede am 5. Oktober 1787, in welcher dieser\ndie Erfolge der bisherigen Bemühungen des „thätigen\nKurators“ aufzählt, das Zeichnen nach dem Leben,\ndas jetzt an der Akademie frei gelehrt werde, „das\nganz unentbehrliche Hauptstudium.“\nHerr A. von Werner behauptet weiter, dass in\nden Kabinetsordres und anderen Bestimmungen Fried-\nrichs und seines Ministers von einer grofsen (von mir\nbehaupteten) allgemeinen Schule im Zeichnen\nund Modellieren an der Akademie, die vor allem\nauch den Kunsthandwerkern zugute kommen\nsolle, nicht das Geringste gesagt sei, dass auch\ndie Warnung vor Überproduktion mit Künst-\nlern darin gar nicht ausgesprochen sei, und\nleugnet, dafs die neu eingeführten Ausstellungen\nauch für Erzeugnisse des Kunstgewerbes\nPlatz bieten sollten. Ich lasse wieder die Urkunden\nsprechen.\nGleich die Kabinetsordre vom 21. Januar 1786\nhandelt über die Frage eines tüchtigen Lehrers\nim Zeichnen für die Akademie, und die weiteren\nVerhandlungen darüber führten, wie wir sahen, zu der\nUnterstellung der Akademie unter die Oberaufsicht\ndes Staatsministers von Heinitz. Friedrich erklärt un-\nwillig, dafs ein tüchtiger Dessinateur an der Akademie\nnicht zu finden sei, und als ihm Anfang Februar seitens\nder Akademie Proben der besten Schüler im Zeichnen\nvorgelegt wurden, verlangt er unzufrieden mit diesen\nLeistungen —, dafs nur junge Leute „von aufser-\nordentlichen Fähigkeiten und aufserordent-\nlicher Neigung“ zum Unterricht an der Aka-\ndemie angenommen werden sollten.*\nWas die Nutzbarmachung der Akademie für\ndas Kunsthandwerk anlangt, so legt der Minister\nvon Heinitz auf Grund der Ordre vom 25. Januar\nzweifellos nach eingehender Rücksprache mit dem\nKönig schon am 1. Februar 1786 eine längere Denk-\nschrift vor, worin er u. a. ausführt, „dafs die Akademie\nsehr nützlich werden könne, wenn man darauf sähe,\nnicht blofs Maler, Bildhauer und Kupferstecher anszu-\nbilden, sondern aufserdem auf bessern Unterricht\nsolcher Handwerker Bedacht zu nehmen, die bei\nihren Arbeiten Ordnung, Geschmack und Belehrung\nnötig hätten, dafs man ihnen gute Modelle von\nausländischer Erfindung gebe, alljährlich eine\nAusstellung von ihren Kunstsachen veran-\nstalte“ u. s. f. Schon am folgenden Tage bestätigt\nFriedrich der Grosse durch Kabinetsschreiben diese\nVorschläge seines Ministers. Die Frage der Aufnahme\nvon kunstgewerblichen Arbeiten in die Akademieaus-\nstellungen wird auch in Heinitz „Gedanken“ zur Re-\norganisation des Statuts betont, „um das Publikum\nauch mit anderen (als Gemälde etc.) guten und ge-\nschmackvollen Artefactis bekandt zu machen“.\nEin Blick in die Kataloge der ersten Ausstellungen\nder Akademie genügt, um zu sehen, dafs diese auch\nin der That mit ausgestellt wurden. Die Heran-\nziehung von Kunsthandwerkern zur Akademie wird\ndurch ihre Aufnahme als „akademische Künstler“ zur\nThatsache, und die Begründung der Zeichenschule für\ndie jungen Kunsthandwerker innerhalb der Akademie\nwird so oft und ausführlich in den Kabinetsordres\nund Akten der Akademie von 1786 und 1787\n\n*\n* Welches Gewicht König Friedrich auf gute Zeichnung\nlegt, spricht eine nicht veröffentlichte Resolution vom 8. Mai 1780\nan einen jungen Maler Taubert in so prägnanter Weise aus, dass\nich sie hier folgen lasse: Le dessin du jeune Taubert annonce\ndans sa requete du 5 parait trop precoce au Roi. Pour se\nperfectionner dans la peinture, il est d’une necessitee absolue\nde savoir bien dessin£r. la premiere et principale\nqualite d’un habile peintre, sans laquelle Ton ne saurait jamais\nse flatter de faire des progres dans cet art; et c’est pourquoi\nSa Majeste veut aussi encourager le jeune Taubert de redoubler\nses efforts pour acquerir cette perfection ä Berlin, avant que de\npenser ä son voyage en Italic."}, {"page_pdf": 82, "page_imprimee": "328", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.82", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3153, "texte": "erwähnt, dafs Herr A. von Werner wohl nur im Eifer\ndes Gefechts auch dies mit abgeleugnet hat.\nWie sehr das Handwerk bei der Reform\nder Akademie betont wurde, dies ist in der be-\nkannten Rede des Kurators bei der Aufnahme des\nMinisters Herzberg 1788 so bestimmt ausgesprochen,\ndafs ich füglich dafür auf die Publikationen über die\nAkademie verweisen kann. Weniger bekannt sind die\noben schon erwähnten „Eigenen Gedanken“ Heinitz,\ndie zur Norm für die Kommission bei der Aus-\narbeitung des neuen Statuts (publiciert erst am\n26. Januar 1790) aufgesetzt wurden. Hier heifst es: „die\nAbsicht der Akademie mufs sein, 1) den Künstlern durchs\nLeben-Zeichnen und durch die Lehrstunden alle Hilfs-\nmittel, soviel möglich ohnentgeltlich zu schaffen, nicht\naber zu viel Maler oder Bildhauer anzuziehen,\ndie dem Staate zuletzt nichts nützen können;\nwohl aber Kupferstecher, Mahler und Modelleure bei\nden PorzellanFabriquen sowie auchDessinateure\nfür Fabriquen zu bilden“, hauptsächlich aber\ndie Handwerksschule so einzuleiten, „damit ein jeder\nin seinem Fach mit dem Regelmäfsigen und\nEinfachen darin bekannt werde“.\nIch habe also in jenen vom Direktor der Aka-\ndemie als „Gebilde meiner lebhaften Phantasie“ be-\nzeichneten Sätzen nur nachgeschrieben, was Friedrich\nder Grofse angeordnet, und was der Staatsminister\nFrhr. v. Heinitz auf die Ordres und nach den In-\ntentionen seines Königs hier und an andern Stellen\nausgeführt hat. Mit Herrn Anton von Werner brauche\nich daher nicht weiter mehr abzurechnen. Um aber\ndieser mir aufgezwungenen Polemik einen lebendigen\nAbschlufs zu geben, mögen hier zum Schlufs die denk-\nwürdigen, in den Akten verlorenen Worte des Frh.\nvon Heinitz einen Platz finden, die, vor hundert\nJahren niedergeschrieben, noch heute ihre volle Giltig-\nkeit haben. In einem Denkschreiben an König\nFriedrich Wilhelm 11. vom 20. Dez. 1797 spricht sich\nder grofse, in der Schule Friedrichs gebildete Staats-\nmann, als dessen Schüler sich Freiherr vom Stein\ndankbar bekennt, über seine bisherige Thätigkeit\nals Kurator der Akademie in folgender Weise aus.\nSein Absehen bei seiner Thätigkeit sei im allgemeinen\ngewesen, „nicht sowohl lauter eigentliche\nKünstler (als Mahler etc.) durch die Aka-\ndemie anzuziehen (weil deren zu grofse\nZahl dem Staat, der sie nicht alle beschäftigen\nund ernähren kann, im Grunde mehr schäd-\nlich als nützlich ist), sondern die Akademie\nhauptsächlich zur Pflegemutter und Beförderin\ndes guten Geschmackes in allen Branchen\nder Nationalindustrie, die in ihren Fabricatis\ndurch Anwendung regelmässiger Zeichnungen einer\nVerschönung und Vervollkommnung fähig ist, zu\nmachen, um dadurch der Nationalindustrie eine neue\nSchwungkraft zu geben: damit ihre Produkte und\ngeschmackvollen Arbeiten jeder Art, den auswärtigen\nnicht ferner nachstehen, und solchergestalt das\nInteresse der Kunst mit dem ungleich wich-\ntigem des Staatsinteresses zu verbinden.“\nIn seinen einzelnen Vorschlägen wünscht der Minister\n„die nähere Verbindung der an die Kunst sich\nanschliefsenden Handwerker, um sie zu unter-\nstützen, theils aber auch um sie von dem\nschädlichen, die Industrie darniederdrücken-\nden Handwerkszwang zu befreien.“\n\nW. 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E. von Bodenhausen ; J. H. CHAMBERLAIN ; Harrison Townsend", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 85, "page_imprimee": "329", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.85", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2516, "texte": "ENGLISCHE KUNST IM HAUSE\n\nZwei tief im englischen Charakter wurzelnde Eigen-\nschaften haben die neue Bewegung in der Kunst hervor-\ngerufen: die Liebe zum Hause und die Liebe zur Natur.\n❖\nDer Franzose3 der zum erstenmal nach England\nkommt, bewundert als etwas Fremdes die intime Ent-\nwicklung des englischen homelife, die Liebe des Eng-\nländers zu Haus und Herd und Familie. Wir Deutschen\nsehen darin ein Zeichen der Verwandtschaft, eine\nWiederholung dessen, was wir im eigenen Volks-\ncharakter kennen und lieben; und doch müssen auch\nwir einen Unterschied wahrnehmen. Der Drang nach\nSelbständigkeit, nach Unabhängigkeit, der den Eng-\nländern als Volk und als Individuen innewohnt, findet\nin dem Verlangen nach dem eignen Hause einen Aus-\ndruck. Lieber klein, aber eigen; lieber nur zwei Fenster\nFront, aber ein Stückchen Erde, wo Niemand sonst\nmitzureden hat, wo man eigner Herr ist. Das kleine\nHaus ist infolgedessen vorherrschend, im Gegensatz zu\nunseren Mietshäusern, die nicht nur in unseren Arbeiter-\nvierteln stehen, sondern mit geringen Ausnahmen die\nRegel in allen, auch den kleineren Städten bilden.\nMan darf sich nicht von dem ersten Eindruck, den die\ngrofsen Englischen Industriecentren bieten, täuschen\nlassen, von den gewaltigen Gebäuden der City und der\nGeschäftsgegenden. Das englische Leben spielt sich in\nden Vorstädten ab, in den kleinen Landstädten, auf\ndem Lande. Ueber ganz England hin sind diese ein-\nfachen Landhäuser und cottages zu Tausenden zerstreut,\numgeben von kleinen Gärten; wieder in Reih und Glied\naufgestellt, je mehr sie sich den Verkehrs- und Industrie-\ncentren nähern, schliefslich eng an einander geprefst,\nwo der teure Boden den Luxus eines Gartens nicht\nmehr gestattet; aber immer ein Ding für sich, selbständig\nund bestimmt, nur einem Willen zu dienen. Wo der\nWille, sein eigenes Stück Erde, sein eigenes Heim un-\nabhängig und für sich allein zu haben, so lebendig ist,\nda mufs auch der Wille, dieses Heim wohnlich zu\ngestalten, besonders energisch ausgeprägt sein.\n❖\nEs ist ein oft wiederholtes Wort, dals England\ndas Land der Industrie und der Kohlen ist; es ist auch\ndas Land der intimen Landschaft. Aus dem Dunst und\nQualm seiner fürchterlichen Industriecentren ist der\nEngländer hinausgeflohen auf das Land mit seinen\ngrünen Wiesen und grünen Hügeln. Dort hat er seine\nLandhäuser hingesetzt, neben eine alte Eichengruppe,\nan das.fließende Wasser, an den Abhang eines buschigen\nHügels. Und er hat alles gethan, um die Natur,\ndie in dem feuchten warmen Klima so mühelos an"}, {"page_pdf": 86, "page_imprimee": "330", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.86", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 6535, "texte": "ihrem eigenen Schmuck arbeitet, in ihrer ganzen Frische zu\nerhalten und mit ihr seine Menschenwerke in eine möglichst\ninnige Verbindung zu bringen. Man mufs diese kleinen\nLandhäuser sehen, bis an das Dach berankt, von Bäumen\nüberschattet, wie sie verwachsen sind mit der Natur; diese\nkleinen, einfachen Landkirchen in ihrem dichten Epheu-\nschmuck, wie sie heimisch und vertraut wirken, wie\nFreunde, mit denen man täglich Verkehr pflegt. Diese Liebe\nzur Natur hat in England die ersten Landschaftsmaler ent-\nstehen lassen, die seit den Tagen der Holländer selbständig,\nmit eigenen Augen in die Welt gesehen haben. Turner, Con-\nstable, Cox, de Wint haben der Nation das, was sie von ihr\nempfangen, hundertfältig wiedergegeben, indem sie un-\nverstanden zuerst den Blick, das Verständnis und damit\ndie Liebe zur umgebenden Natur erweiterten und vertieften.\n$\nDer Weg, den eine neue Bewegung in der Kunst in Eng-\nland gehen mufste, war vorgezeichnet. In der Liebe zur\nNatur mufste sie wurzeln. Die Liebe zum eigenen Heim\nwürde sie nutzbar machen. Dafs diese Bewegung eine Be-\ndeutung gewonnen hat, die England auf dem Gebiet der\nkünstlerischen Ausgestaltung des Hauses die Führerrolle unter\nden Kulturstaaten zugewiesen hat, war der Begabung und\nder Energie einiger weniger Männer zu danken.\n$\nRuskin mufs hier zuerst genannt werden, als der grofse\nLehrmeister der Nation, der mit hinreifsender Beredsamkeit,\nmit meisterhafter Sprache, wie sie die Begeisterung eingiebt,\nsein Glaubensbekenntnis verkündete, dafs die Natur und nur\ndie Natur Lehrmeisterin sein dürfe der Kunst. Man mufs die\nempfindungstiefen Worte lesen, die ein Sonnenuntergang,\neine Morgenbeleuchtung, das einfache Blatt eines Baumes ihm\neingeben, um zu fühlen, in welch innigem Verhältnis er zur\nNatur stand und wie er es verstand auch anderen die Augen\nzu öffnen und ihnen immer neue Schätze und Schönheiten\nin ihrer Umgebung zu enthüllen. Nicht nach anderen Zeiten\nund Kulturen soll die Kunst hinschauen; aus der Natur soll\nsie sich entwickeln als lebendiger Ausdruck eigener An-\nschauung; ein neues Leben neben dem Leben. Wo er einen\nKünstler fand, der sich losgemacht hatte von Schablone und\nUeberlieferung, den er frei eintreten sah für das, was er eigen\ngesehen und erlebt, da ist er mit der ganzen Wucht seiner\nPersönlichkeit für ihn eingetreten und hat ihn gegen eine\nWelt von Vorurteilen verteidigt. So hat er den Boden be-\nreitet für neue Werte und ist nicht müde geworden, zu sagen,\ndafs die Kunst nicht stehen bleibt vor einem Bilde, vor einer\nSkulptur, vor einem Gebäude; dafs wahre Kunst etwas Or-\nganisches ist, das ganze Leben umfafst und ihm in allen seinen\nBeziehungen ein künstlerisches Gepräge giebt.\nWilliam Morris war sein gröfster Schüler. Er war einer\njener seltenen Männer, denen die Bestimmtheit und Wucht\nihrer eigenen Ueberzeugung die Macht giebt, Führer und\nWegweiser zu sein. Durch die suggestive Gewalt seiner\ngeschlossenen Persönlichkeit übte er einen bestimmenden Ein-\nflufs auf seine Umgebung. Er war der geborene Organisator,\nder seinen Willen dem Willen seiner Mitmenschen auf-\nstempelte und diesen in die gegebene Richtung warf. Die\nArbeit, die dieser Mann geleistet hat, ist erstaunlich. Er\nerscheint als ein wiedererstandener Mensch der Renais-\nsance, dem alles, was er mit starker Hand anfafste, wie ein\nSpiel von Händen ging. Die Bedeutung, die er als Dichter\nerlangt hat, die enorme Thätigkeit, die er als sozialistischer\nRedner und Schriftsteller entfaltet hat, kann hier nur bei-\nläufig erwähnt werden. Immerhin ist seine sozialistische\nDenkweise auch für die Würdigung seiner künstlerischen\nPersönlichkeit von Wichtigkeit. Sein Sozialismus entsprang\nnicht dem Neid und Hafs; er war rein idealer Art, aus\nseiner Liebe zum Nächsten geboren und aus dem brennenden\nVerlangen, dafs jedem seiner Mitmenschen ein würdiges Da-\nsein ermöglicht werde. Hier liegt der bestimmende Zug seines\nCharakters. Die Unzufriedenheit, die er in den Arbeiterkreisen\num sich greifen sah, führte er nicht allein auf die materielle\nLage der armen Bevölkerung zurück. Die unglückliche Um-\ngebung, in der diese Tausende aufwachsen und leben, erschien\nihm als das gröfsere Uebel: die engen, dunklen Strafsen, die\nkahlen Wohnungen, der Qualm und Dunst jahraus jahrein;\nnichts Heiteres, keine wirkliche Erholung, keine frohe, gesunde\nNatur. Und die Erniedrigung des Mannes zur Maschine\nempörte ihn. Ein Mann, der ein Leben lang nichts anderes\nzu thun hat, als einen Flaschenzug in Bewegung zu setzen,\nder Jahr für Jahr denselben Maschinenteil anfertigt, ohne je\nein greifbares Resultat seiner Arbeit vor Augen zu haben,\nkann nicht anders, als zuletzt Ekel empfinden gegen die Arbeit,\ner mufs sich auf bäumen gegen diese Verneinung des Menschen\nin ihm. Die Aufgabe der Kunst sah er darin, jedem einzelnen\nunter den Menschen die Daseinsbedingungen zu verschönern;\nden ersten Schritt zur Verwirklichung dieser Aufgabe fand\ner in der Wiederbelebung des Handwerks und im Kampf\ngegen die Industrie, Die Kunst sollte nicht blofs Luxus für\ndie bevorzugten Klassen sein, sondern das ganze Leben durch-\ndringen der Künstler sollte ein Führer der Nation werden.\nIn den dekorativen Künsten erblickte er das Band, durch das\ndie verschiedenen Formen der Kunst zusammengehalten wer-\nden. Ist dieses Band zu schwach, so ist der Verfall der\ngesamten Kunst die notwendige Folge. Die Einzelkünste,\ndenen das organische Leben fehlt, werden zum Spielzeug der\nReichen. Einfachheit der Formen und des Ornaments mufs\nerster Grundsatz sein, um die künstlerischen Gedanken wirk-\nlich zum Gemeingut Aller zu machen. Dabei sollte alles,\nwas zum Leben unentbehrlich ist, die Necessaries of life, in\nerster Linie berücksichtigt werden; jeder Gegenstand in sich\nvollendet, selbstverständlich, wie ein Baum, wie ein Gras;\neine Freude für den, der daran arbeitet und eine Freude für\nden, der ihn besitzt. Seine Künstlernatur hat ihn verleitet,\nden klaren und nüchternen Blick in die menschliche Natur\nzuweilen zu verlieren und seine Ziele so hoch zu stecken,\ndafs sie für immer unerreichbar bleiben werden. Die Ver-\nneinung der Industrie und die Durchdringung eines Volkes\nin allen seinen Teilen mit künstlerischem Wollen und Em-\npfinden sind Träume eines Dichters. Er teilt diesen Idealismus\nmit allen Aposteln einer neuen Lehre, deren Herz so voll ist\nvon dem, was sie zu verkünden haben, dafs sie keine Hinder-\nnisse mehr vor sich sehen. Das ist ihre Schwäche und ihre\nStärke. Morris konnte sein Ziel nicht erreichen; er ist sogar\nselbst seiner Lehre nicht immer treu geblieben. An seiner"}, {"page_pdf": 87, "page_imprimee": "331", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.87", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4491, "texte": "Gröfse aber kann das nichts ändern. Seinem Einfiufs, seiner\nstarken Persönlichkeit ist die mächtige Kunstbewegung, die\nEngland in den letzten 40 Jahren erlebt hat, vornehmlich zu\ndanken, und in der Kulturgeschichte wird ihm stets eine der\nersten Stellen eingeräumt werden müssen.\n❖\nSchon im Jahre i 848 hatten\nsich jene jungen Künstler zu-\nsammengefunden, die ihren ge-\nmeinsamen Boden fanden in\ndem Wunsche, aller tagesüb-\nlichen Schablone zum Trotz nur\ndie ehrliche eigene Empfindung\nund Anschauung wiederzugeben,\ndie auf diesem Boden sich ver-\nwandt fühlten mit jenen em-\npfindungsreinen Florentinischen\nKünstlern der Frührenaissance\nund die zum Zeichen dessen sich\nden leider nicht glücklichen\nNamen Praeraphaeliten bei-\nlegten, unter dem sie weltbe-\nkannt geworden sind. Die kleine\nGemeinde zählte auch William\nMorris und Edward Burne Jones\nzu ihren nächsten Freunden;\nhier fand Morris die Männer,\ndie er brauchte. Unter seiner\nFührung vereinigten sich die\nMaler Ford Madox Brown,\nDante Gabriel Rossetti, Edward\nBurne Jones und der Architekt\nPhilipp Webb mit einigen an-\nderen Gesinnungsgenossen zu\ndem Zweck: ihre freie Zeit der\nZeichnung und Anfertigung von\nGebrauchsgegenständen zu wid-\nmen, die, bei künstlerischer Voll-\nendung, zugleich Jedermann zu-\ngänglich sein sollten. Man mufs\nsich zurückversetzen in die da-\nmalige Zeit, mit ihrer Kluft\nzwischen Künstler und Fland-\nwerker, wo nahezu jeder Maler\ndie Zumutung, einen Stuhl zu\nzeichnen, mit Entrüstung von\nsich gewiesen hätte, um ein Bild\nzu gewinnen von der Bedeutung\ndieses Schrittes. Seitdem haben diese Männer, neben denen\nbald als emer der bedeutendsten Walter Grane in den Vorder-\ngrund trat, unausgesetzt an der Erreichung ihres Zieles\ngearbeitet; jeder nach seinen Kräften und seiner besonderen\nBegabung. Die Thätigkeit von Rossetti und Brown trat auf\ndiesem Gebiete mehr in den Hintergrund. Burne Jones hat\nsich im besonderen um die Wiederbelebung der Glasmalerei\nver ient gemacht. Seine besten Fenster von Edinburgh,\nOxford, Salisbury können getrost neben die Schätze der\nKirchen in Nürnbeig und Chartres gestellt werden. Grane\nhat der Entwicklung der Tapete, des Stoffes und der Buch-\nIllustration seine besondere Aufmerksamkeit zugewandt. Der\nLöwenanteil der Arbeit fiel Morris zu. Das B!nd aber, das\ndiese Künstler verbindet und das ihre Werke aus dem gleichen\nGeiste geboren erschdnen läfstj ist ihre urspriingiidieggesunde\nNaturanschauung. Sie alle waren von einer glühenden Be-\ngeisterung erfüllt für die Meisterwerke, die ihnen in der\nNatUr auf Schritt und Tritt begegnetcn. Unmittelbar haben\nsie aus den Vorbildern, die sich\nihnen boten, geschöpft; nie\nhaben sie ein neues Ornament,\neine neue Form gezeichnet, ohne\nsich vorher Rat geholt zu haben\nvon dem Aufbau einer Pflanze,\nvon der Struktur eines Baumes,\nvon dem organischen Leben, das\nsie umgab. Mehr vielleicht, als\nin irgend einer anderen vorauf-\ngegangenen Kunstepoche läfst\nsich in ihrem gesamten Werk\ndie strenge Anlehnung an die in\nder Natur gegebenen Motive er-\nkennen; die Natur wird in ihren\nHänden zum Ornament, aber\nohne dafs die Stilisierung den\norganischen Aufbau je vermissen\nliefse. So vermeidet ihre Kunst\ndie Formel, die Schablone, und\nerscheint immer wieder frisch\nund ursprünglich. Der Zweck\ndes Gegenstandes bildete selbst-\nredend den ersten Ausgangs-\npunkt; daneben wandten sie dem\nMaterial ihre besondere Auf-\nmerksamkeit zu. Sie studierten\ndie Struktur des Holzes, die ver-\nschiedenen Zusammensetzungen\nder Metalle. Sie wufsten, dafs\njeder Stoff seine eigene Sprache\nspreche, und sie sahen ihre Auf-\ngabe darin, dieser Sprache den\ngeeignetsten Ausdruck zu geben.\nIn Merton Abbey, der von Morris\nerrichteten Werkstätte, fanden\ndiese Gedanken ihre Verwirk-\nlichung. Hier, fern von dem\nGetriebe der Grofsstadt, an den\nUfern der Wandle, inmitten\neiner lieblichen Landschaft, fand\ner auch Gelegenheit, die Be-\ndmgungen zu verwirklichen, die er für den Arbeiter herbei-\nsehnte. Er wufste Jeden an die richtige Stelle zu stellen,\nseiner Neigung und Begabung entsprechend, und er hielt\ndamit die Liebe zur Arbeit wach, die ihm als eines der ersten\nZiele jeder Arbeiter-Politik erschien.\nDie Resultate der gemeinsamen Arbeit wurden dann aus-\ngestellt; diese Ausstellungen gewannen unter Morris’ Leitung\neine immer gröfsere Ausdehnung und öffneten späterhin ihre\nThüren Jedem, der etwas Neues und Selbständiges auf dem\nGebiete des home art zu sagen hatte. Die letzte Ausstellung\n\nSIGURD UND BRÜNHILDE\nJ. H. CHAMBERLAIN\nKARTON FÜR THÜRVORHANG"}, {"page_pdf": 88, "page_imprimee": "332", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.88", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4741, "texte": "vom Herbst 18 9 6 gab ein\ngutes Bild des gegenwärtigen\nStandes der Entwickelung.\nBei vollster Anerkennung\nihres Werkes und des be-\nstimmenden Einflusses, den\ndiese Männer auf die Kunstent-\nwicklung ihres Lands gehabt\nhaben, darf man nicht über-\nsehen, dafs ihr Einflufs eine\nsolche durchgreifende Bedeu-\ntung nicht hätte erlangen\nkönnen, hätten sie nicht den\nBoden so vortrefflich vorbereitet\ngefunden. Das Verdienst dafür\ngebührt den Kunstschulen.\nDer leitende Gedanke für\ndie Errichtung von Kunstschulen war zunächst rein wirt-\nschaftlicher Natur. Die im Jahre 1836 eingesetzte Parla-\nmentskommission, die den Plan zur Errichtung einer Kunst-\nschule zu beraten hatte, stellte in ihrem Bericht fest, dafs,\ninfolge des tiefen Stands des Zeichen-Unterrichts in England,\nbei dem gänzlichen Mangel geeigneter Schulen, in allen\nenglischen Fabriken französische uud deutsche Zeichner be-\nschäftigt würden; dafs zudem jährlich ungeheure Summen\nnach Frankreich, nach Bayern und Preufsen gingen, zum\nAnkauf neuer Muster und Vorlagen. Die Engländer waren\nwirtschaftlich genug, um zu sehen, welche Einbufse das\nNationalvermögen dadurch erlitt; und schon im folgenden.\nJahre wurde eine Zeichenschule in Somerset House in\nLondon errichtet mit dem ausgesprochenen Zweck, der\nIndustrie zu Hülfe zu kommen und den Fabrikanten und\nihren Beamten Gelegenheit zu geben, sich mit dem für ihr\nGewerbe so notwendigen Zeichnen nach künstlerischen Grund-\nsätzen vertraut zu machen. Nach weiteren zwei Jahren wurden\nähnliche Schulen in Birmingham, Manchester, Glasgow und\nYork errichtet. Obwohl von Anfang an betont wurde, dafs\nnicht das Kopieren überlieferter Kunstformeln, sondern die\nselbständige Anordnung das zu erreichende Ziel sei, wobei\nNatur als Lehrmeisterin dienen solle, blieben anfänglich die\nErfolge doch hinter den Erwartungen zurück, bis im Jahre\n1857 die Heberführung der Londoner Schule nach dem neuen\nGebäude in South Kensington erfolgte. Hier wurde sie der\nLeitung des genialen Begründers und Direktors des South\nKensington Museum unterstellt. Der Einflufs des Sir Henry\nCole machte sich schon in wenigen Jahren geltend; nicht\nnur in London, auch auf allen Schulen über ganz England\nhin, die mit der Londoner Centrale in Verbindung stehen.\nSchon im Jahre 1860 war die Zahl der in englischen Fabriken\nbeschäftigten französischen Zeichner auf die Hälfte gesunken;\nwenige Jahre weiter und Frankreich war vollkommen aus\ndem Felde geschlagen. Bemerkenswert ist die Stimme eines\nFranzosen. Ein Bericht des Ministers Rouher an Napoleon 111.\nüber den Stand der englischen Industrie und den ungeheuren\nFortschritt, den die Ausstellung von 1862 gegen das Jahr\n1851 zeigte, führt diesen schnellen Aufschwung allein auf\nden Einflufs der Zeichenschulen zurück.\nAus der inneren Einrichtung dieser Schulen ist hervor-\nzuheben, dafs das Bestreben vorherrscht, die Schüler sobald\nund so viel als möglich nach dem Leben zeichnen zu lassen.\nDaneben ist von gröfster Bedeutung, dafs laufende Aufgaben\ngestellt werden zur Anfertigung von Zeichnungen für Ge-\nbrauchsgegenstände. Ein Stuhl, eine Bank, ein Leuchter\nbilden den Gegenstand der Aufgabe; jede strenge Anlehnung\nan überlieferte Ornamente wird zurückgewiesen; die Preise,\ndie für die besten Entwürfe ausgesetzt sind, werden aus-\nschliefslich den selbständigen Arbeiten zuerkannt; wobei\nleitender Grundsatz bleibt, dafs in erster Linie der Gebrauchs-\nwert, in zweiter Linie die Ornamentierung entscheidet. Auf\ndiesem Wege gewöhnen sich die Schüler an selbständiges\nDenken, und das, was sie gelernt, erscheint ihnen nicht im\nLicht einer toten Wissenschaft, sondern als in lebendiger\nBeziehung stehend zum täglichen Leben und seinen Bedürf-\nnissen. Die zur Zeit umfangreichste dieser Schulen in\nBirmingham hat neuerdings begonnen, den Zeichnungen\nauch die Ausführung folgen zu lassen. Besonders auf dem\nGebiete des gehämmerten Metalls, in der Anfertigung von\nLeuchtern, Becken, Terrinen, auch in der Email-Arbeit sind\ndabei sehr günstige Erfolge erzielt worden.\nMehr als der vierte Teil der Lernenden sind Dilettanten,\ndie diese Schulen nicht besuchen als Vorbereitung zum Lebens-\nberuf, sondern als Gelegenheit, sich in der Schärfung des\nAuges, in der Entwicklung des künstlerischen Geschmackes\nfortzubilden. Die Vorzüge dieser, übrigens auf wirtschaftlichen\nGründen beruhenden, Einrichtung sind einleuchtend. Neben\nden schaffenden Kräften werden die geniefsenden erzogen.\nDiese, beinahe ausnahmslos Damen, tragen den verfeinerten,\nkünstlerischen Geschmack, den sie diesen Schulen danken,\nin ihr Heim und wissen damit in weiteren Kreisen das Ver-\nständnis für das künstlerische Schaffen zu erweitern.\nDie Zahl der Schulen ist heute nahezu 200. Man kann\nsich aus dieser Zahl ein Bild machen, welchen Einflufs die"}, {"page_pdf": 91, "page_imprimee": "333", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.91", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3903, "texte": "Tausende, die daraus hervorgegangen sind, über ganz England\nhin gehabt haben. Was sie gelernt, haben sie in das prak-\ntische Leben hineingetragen; durch sie ist der Boden bereitet\nworden, als die grofsen Träger der neuen Ideen auftraten und\ndem Fortgang der Kunstentwicklung die Richtung gaben.\nDaneben haben sich in den letzten Jahren in den bedeuten-\nderen Städten, voran wieder in Birmingham und London,\nKunst-Handwerker-Gilden gebildet, die sich unmittelbar\nmit den von Morris angestrebten Zielen begegnen und das\nverwirklichen, was in diesen Zielen gesund und erreichbar\nwar. Die fortschreitende technische Vervollkommnung der\nMaschine bringt die Gefahr mit sich, dafs die Handarbeit\nschliefslich nahezu vollkommen verdrängt wird; und dafs der\nArbeiter zum Diener der Maschine herabsinkt. Diese Massen-\narbeit, so notwendig und unentbehrlich sie auf vielen Gebieten\nist, wirkt vom künstlerischen Gesichtspunkte aus verflachend.\nDer Reiz, den jeder Handarbeit die Liebe und Sorgfalt des\nSchöpfers verleiht, ist durch keine mechanische Arbeit zu er-\nsetzen. Morris hatte die Gefahr, die der Kunst durch den\nVerfall des Handwerks droht, richtig erkannt. Durch diese\nGilden, deren Entstehung grofsenteils auf seinen Einflufs\nzurückzuführen ist, wird der drohenden Gefahr ein wirksamer\nRiegel vorgeschoben. Die Leiter der Gilden in Birmingham\nund London, Clavering und Ashbee haben dafür gesorgt, dafs\ndie in ihren Werkstätten gefertigten Gegenstände heute eine\nder ersten Stellen einnehmen. Man darf hoffen, dafs die ernste\nund gewissenhafte Arbeit, die hier geleistet wird, einer Ver-\nflachung Vorbeugen wird, wie sie besonders heute seitens der\nIndustrie droht, die durch die massenhafte Ausnutzung und\nNachahmung der gegebenen neuen künstlerischen Gedanken\nsonst leicht einen schnellen Verfall der Bewegung herbeiführen\nkönnte.\nUeberblickt man den heutigen Stand des englischen Kunst-\nhand werks, so fällt zunächst auf die ungleichmäfsige Ent-\nwicklung auf den verschiedenen Gebieten. Dem Ornament ist\nneuerdings wieder die meiste Sorgfalt zugewandt worden; der\neigentliche Gebrauchsgegenstand, insbesondere das Möbel, ist\ndagegen etwas mehr in den Hintergrund geschoben worden,\nentgegen den ursprünglichen Absichten der Führer. Dabei\nmufs indessen zugegeben werden, dafs nach der Beseitigung\ndes überlieferten Ornaments und nach der Vereinfachung und\nAnpassung des Möbels zu seinem Zweck, viel Neues auf\ndiesem Gebiete nicht zu sagen ist. Der hier abgebildete Stuhl,\ndessen Lehne in der Zeichnung unbequem für den Rücken\nerscheinen mag, ist in Wahrheit in der sanften Biegung seiner\nRippen dem Körper vollkommen angepafst und bietet einen\ndenkbar angenehmen Sitz.Für die einfachen Gebrauchsmöbel,für\nden Schreibtisch, den Wandschrank ist das Streben nach guten\nVerhältnissen und nach möglichst sachgemäfser, vorteilhafter\nVerwendung des Materials vorherrschend. Die gröfste Auf-\nmerksamkeit wird der Tapete und dem Möbelstoff zugewendet.\nNeben Morris ist hier, wie erwähnt, besonders Grane führend\ngewesen. Beim Anblick seiner ornamentalen Zeichnungen\nhat man das Gefühl, als könne sich dieser Mann nie veraus-\ngaben. Die Fülle von Anregungen, die er täglich von neuem\naus der Natur nimmt, ist erstaunlich und es zeigt sich, dafs\nseine Ideenwelt reich genug ist, um auch Anderen wieder als\nAnregung und Ausgangspunkt zu dienen. Dabei läfst sich\nindessen nicht ver-\nkennen, dafs er beson-\nders in neuester Zeit\nder Hauptbedingung\nnicht gerecht wird,\nseinen Werken eine all-\ngemeine Verwendbar-\nkeit zu sichern. Diese\nTapeten und Stoffe\nsind viel zu reich, um\nanders, als in Prunk-\ns'älen möglich zu sein.\nEine seiner Pfauenta-\npeten z. B. wäre weder\nmit den Verhältnissen,\nnoch mit der Ein-\nrichtung eines Wohn-\nzimmers in Einklang\nzu bringen. Im wirk-\nsamen Gegensatz dazu\ngiebt Vo ys ey der ein-\nfarbigen oder nur dis-\nkret ornamentierten\nTapete den Vorzug.\nDen Hauptnachdruck\nlegt er auf die Aus-"}, {"page_pdf": 92, "page_imprimee": "334", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.92", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4404, "texte": "bildung eines den Abschlufs nach der Decke zu bildenden\nFrieses. Er findet so Gelegenheit, seiner reichen ornamen-\ntalen Begabung vollen Ausdruck zu geben, ohne doch durch\nzu starke Betonung des Ornaments in der Tapete selbst dem\neigentlichen Wandschmuck, dem Bilde, Eintrag zu thun.\nEr undHarrisonTownsend habender p6er Artsand Grafts\nExhibition den Stempel aufgedrückt. Ohne das Organische\nin ihren der Natur entnommenen Vorbildern zu verlassen,\nhaben sie in ihrem Werk dem Stil eine strengere Betonung,\neine weitergehende Ausbildung gegeben; sie sind darin über\nMorris und Grane hinausgegangen. Das zu diesem Aufsatz\ngezeichnete Titelblatt von Townsend giebt in etwas ver-\nänderter Form eine seiner Tapeten für eine Halle in Düssel-\ndorf wieder. Das Ornament hebt sich in leichtem Relief von\nder Grundlage ab. Das einfarbige lichte Grün giebt einen\nwirksamen Gegensatz zu dem in amerikanischem Nufsbaum-\nholz geschnitzten Kaminüberbau, der eine der bedeutenden\nSehenswürdigkeiten der Ausstellung bildete und der dem\ndeutschen Besucher besonders nahe gerückt war durch seine\nBestimmung für Deutschland und den auf dem oberen Fries\ngeschnitzten Spruch: Eignes Heim und eignen Herd, halte\nüber alles wert.\nIn den Säulenkapitälen tritt zum erstenmal eine unmittel-\nbare Verwertung der neuen Ideen für die Architektur zu Tage,\nund es ist zu hoffen, dafs die Entwicklung der Aufsenarchi-\ntektur, die bisher noch wenig berührt worden ist von der\nneuen Bewegung, durch Townsend ebenfalls einen wirksamen\nAnstofs erhalten wird. Es ist merkwürdig genug, dafs die\nEntwicklung des englischen Hauses von innen nach aufsen\ngegangen ist, dafs sie bei der Lampe und bei der Tapete an-\nfing und erst in letzter Linie die Aufsenseite des Hauses um-\nfafste. In der Gestaltung der Innenräume allerdings ist das\nBestmögliche erreicht worden, die Anordnung ist überall\nzweckmäfsig und behaglich. Die Aufsenarchitektur dagegen\nhat sich meist mit der Negation überlieferter Stile begnügt.\nNur durch ihre vollkommene Anspruchslosigkeit und Einfach-\nheit liefs sie erkennen, dafs hier der Raum geschaffen wurde\nfür neue Ideen. Dabei wurde der Wiederbelebung der Farbe\nwieder mehr Aufmerksamkeit zugewandt. Man erinnerte\nsich der Wirkung des einfachen grünen Ladens im hollän-\ndischen und niederdeutschen Hause, der mit der weifsen Wand\nund dem roten Dach ein so freundliches und einladendes\nBild gewährt. Ein Holzvorbau in grün, oder braun gab der\nThür, als dem wichtigsten Teil der Wand, eine stärkere Be-\ntonung. Ein Fries von grünen Kacheln wurde als Uebergang\nvon der Wand zum Dach angebracht; so in dem gefälligen\nThurm des abgebildeten Landhauses. Im Allgemeinen aber\nbeschränkten sich diese Versuche auf das kleine Landhaus.\nIn den Monumentalbauten können die Architekten ihr reiches\nWissen ebensowenig vergessen, als bei uns. Der erste be-\ndeutende Versuch, auch auf diesem Wege selbständig vor-\nzugehen, ist ebenfalls von Harrison Townsend unternommen\nworden in seinem Entwurf zu einer Bildergalerie in White-\nchapel. Die beiden starken Seitentürme dienen zur Aufnahme\nder Aufzüge; die Säle für die Bilder finden in dem Mittelbau\nPlatz. Die Anordnung ist zweckentsprechend und die Front-\nentwicklung zeigt ein selbständiges Vorgehen. Einen wirk-\nsamen Schmuck wird der unter dem Dach sich hinziehende\nMosaikfries bilden, dessen Ausführung Grane übernommen\nhat. Es bleibt zu hoffen, dafs der Plan zur Ausführung kommt.\nDas hier von Townsend gezeichnete Kapitäl ist dem er-\nwähnten Herdüberbau entnommen; es ist bezeichnend für das\nZusammenarbeiten der Künstler, dafs die gesamte Schnitz-\narbeit von einem Mitglied der Royal Academy, dem Bild-\nhauer Frampton, ausgeführt worden ist.\nWie billig, bilden die Beleuchtungskörper, besonders unter\nden für das elektrische Licht veränderten Bedingungen, einen\nGegenstand besonderer Beachtung; und wenn auch in dieser\nBeziehung Amerika führend ist, so sind doch die Lampen\nund Wandleuchter, die aus der Werkstätte der Gilde in\nBirmingham und aus der Fabrik von Benson hervorgegangen\nsind, durchaus selbständig und zweckentsprechend. Der\nsorgfältigen Bearbeitung des Materials wird dabei besondere\nAufmerksamkeit zugewendet und die Vorzüge der Hand-\narbeit gegen die Maschinenarbeit springen hier besonders in\ndie Augen. Vornehmlich die Londoner Gilde hat die Be-\narbeitung der Gebrauchsgegenstände in Metall, der Terrine,\nder Bowle, der Kanne, zu ihrer Aufgabe gemacht. Die ver-"}, {"page_pdf": 93, "page_imprimee": "335", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.93", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3489, "texte": "schiedenen Legierungen, die einfache Silhouette und der\nS tempel liebevoller Handarbeit geben jedem dieser Gegenstände\neinen individuellen Reiz.\nHand in Hand damit geht der Versuch, dem Schmuck\nder Fassung von Edelsteinen und von Emaillen neue und\nindividuelle Formen zu geben. Das Gebiet der Gebrauchs-\ngegenstände wird damit verlassen, aber nirgends scheint eine\ngründliche Reform mehr geboten. Eine massenhafte Zu-\nsammenhäufung von Steinen und Perlen hat die Sorge für\ndie Fassung fast vollkommen beiseite geschoben. Die Berliner\nGewerbeausstellung von 1896, die einen Begriff geben konnte\nvon der Bedeutung und Ausdehnung des Berliner Juwelen-\nhandels, hat eine ungeheure Menge und einen grofsen Wert\nvon Schmuck aufgehäuft, der beinahe zu leugnen schien,\ndafs es eine Kunst auf diesem Gebiete je gegeben. In mehr\noder weniger konventionellen Zeichnungen wird Stein neben\nStein gesetzt; die Fassung spielt keine Rolle; sie ist zum Diener\ndes Steins erniedrigt; sie hat neben ihm keine Bedeutung\nmehr. Diese Steine schreien ihren Geldwert in die Welt hin-\naus und es ist nicht ungewöhnlich geworden, das Einkommen\neines Mannes nach dem Schmuck seiner Frau zu bewerten.\nDie englischen Juwelierläden bieten denselben Anblick. Nach-\ngerade aber hat man angefangen sich zu sagen, dafs die Bedeu-\ntung des Schmuckes doch wohl tiefer liege, als nur von\ndem Reichtum seines Trägers Kunde zu geben. Man hat der\nFassung wieder zu ihrem Recht verholfen und hat die farbige\nWirkung des Metalls zum Metall und zum Stein untersucht.\nEine einfache runde Platte aus handgehämmertem, matten\nSilber als Träger einer Perle giebt durch die Anspruchs-\nlosigkeit und durch den intimen Reiz der Farbe eine bessere\nBrosche, als die meisten Juwelierläden zeigen können. Eine\nlein stilisierte, sich wiederholende Ranke in Platindraht als\nTräger einzel gestellter Opale würde ein reizvolles Halsband\ngeben; mattes Gold wird am Besten als Gegensatz zu dem\ntiefen Blau des Saphirs gewählt werden. Noch ist der Schritt,\nden die englische Goldschmiedekunst gemacht hat, kein\ngrofser; ein Fehler wiederholt sich oft: die Steine sind meist\nzu hoch gefafst, stehen zu weit von der Grundfläche ab und\nwerden notwendig unwillkommne Haken für Tücher und\nMäntel bilden. Aber ein Anfang ist da und er wird gewifs\nweiter führen.\nEine besondere Erwähnung verdienen die Fitzroy-Bilder.\nDer Name ist zufällig und hat mit der Natur der Sache nichts\nzu thun. Den Ausgangspunkt bildete der Wunsch, den kahlen\nWänden der Hospitäler und Schulen einen freundlichen An-\nblick zu geben und auch dem kleinen Manne die Anschaffung\neines künstlerischen Wandschmuckes zu ermöglichen; eine\nder besten Früchte der von Morris ausgegangenen Ideen.\nWalter Grane und Heywood Summer thaten sich mit einigen\nGesinnungsgenossen zusammen und lieferten die Zeichnungen,\ndie möglichst gemeinverständliche Gegenstände in einfachster\nForm behandeln, Scenen aus dem Leben des Landmanns,\ndes Arbeiters, bekannte Vorgänge aus der Bibel gaben den\nStoff. Die Einfachheit der Farben erlaubt ein billiges Ver-\nvielfältigungsverfahren. Die Verbreitung der Bilder über die\nenglischen Schulen hin ist bedeutend; in Berlin sind sie durch\ngelegentliche Ausstellungen bei Amsler und Ruthardt bekannt\ngeworden. Einer jungen Künstlerin hat das allen unseren\nKindern so geläufige Lied: Die Hussiten zogen vor Naumburg\neinen dankbaren Stoff geliefert, den sich die deutsche Kunst\n\nHARRISON TOWNSEND AUS DEM ENTWURF ZUR BILDERGALERIE IN WHITECHAPEL FÜR DEN PAN GEZEICHNET"}, {"page_pdf": 94, "page_imprimee": "336", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.94", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1510, "texte": "für unsere Kinder nicht entgehen lassen sollte. Man ver-\ngegenwärtige sich den kahlen., abstofsenden Eindruck, den\ndie nackten Wände der Schulzimmer auf uns alle gemacht\nhaben, wie wir uns da fremd und fern vom Elternhause ge-\nfühlt haben; und man denke sich an die Stelle der kalten\nWände eine Reihe einfacher Bilder, die in gemeinverständ-\nlicher Sprache dem Kinde das, was es draufsen täglich sieht,\nnäher rücken, die ihm die einfachen Lieder, die es zu Hause\nlernt, lebendig machen, oder die Erzählungen der Mutter aus\nder biblischen Geschichte wieder ins Gedächtnis rufen. Es\nwird sich nicht mehr fremd fühlen; es wird einen Teil seines\nElternhauses in der Schulstube wiederfinden. Unser reiches\nVolkslied bietet so viele Anregungen. Künstler wie Thoma\nund Steinhausen sollten unseren Kindern ähnliche Geschenke\nmachen.\nEine Aufzählung der Einzelheiten und Erschöpfung der\nverschiedenen Gebiete, die für die Kunst nutzbar gemacht\nworden sind, würde ohne die lebendige Anschauung ermüdend\nwirken. Es kam hier nur darauf an, den Geist zu zeichnen,\naus dem eine solche Bewegung geboren werden kann. Wir\nwollen England gut Glück wünschen auf den Weg und zu\ndem Wettlauf, zu dem es durch das mit elementarer Kraft\nvorgehende Amerika gezwungen wird. Und wir unsererseits\nwollen suchen, unsere eigenen, neuen Wege zu finden.\nEckmann, Hofmann, Köpping, Obrist haben die\nFührung übernommen. Möchte sich auch die starke Hand\nfinden, die die verstreuten Kräfte vereint und zur Macht\nerhebt.\n\nFrhr. E. von Bodenhausen"}]}, {"article_id": "leu-09813", "article_bluemountain": "bmtnabe_1897-04_01#c120", "volume": "bmtnabe_1897-04_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "329", "page_fin": "329", "image_debut": 85, "image_fin": 85, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.2.35.1", "titre_corps": "TAPETE", "titre_sommaire": "TAPETE", "signature_source": "HARRISON TOWNSEND", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 85, "page_imprimee": "329", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.85", "debut_caractere": 2518, "fin_caractere_exclue": 2565, "texte": "TOWNSEND\nHARRISON\nTAPETE\nfür den pan gezeichnet"}]}, {"article_id": "leu-10175", "article_bluemountain": "bmtnabe_1897-04_01#c128", "volume": "bmtnabe_1897-04_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "333", "page_fin": "337", "image_debut": 91, "image_fin": 97, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.2.35.5", "titre_corps": "PAMENSCHREIBTISCH ; FRIES", "titre_sommaire": "PAMENSCHREIBTISCH ; FRIES", "signature_source": "C. 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E. von Bodenhausen ; WALTER CRANE", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 97, "page_imprimee": "337", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.97", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2643, "texte": "DAS ENGLISCHE BUCH\n\nINE sachgemäfse, künstlerische Aus-\nstattung des Buches ist im Allgemeinen\nin Deutschland so wenig ausgebildet, dafs\nes gut sein wird, sich zunächst zu fragen,\nwas man vom Buch verlangen soll.\nDas Papier weich und fest; nicht zu\nfweich, um nicht auf der Rückseite den\nEindruck der Type zu zeigen. Eine\nglänzende, glatte Oberfläche ist unangenehm für Auge und\nHand; der Druck erscheint kalt und frostig; die Glanzlichter\nstören beim Lesen. Ein mattes, am besten etwas rauhes Papier\nvon gelblichem Weifs ist für das Auge am wohlthuendsten.\nFür die Type gilt als erster Grundsatz, dafs sie gut leserlich,\nist und dem Ange auf die Dauer nicht weh thut. Die latei-\nnische Type, die auch im deutschen Druck immer weitere\nVerbreitung findet, verdient aus diesem Grunde wegen ihrer\ngrösseren Einfachheit den Vorzug. Sache des individuellen\nGeschmackes wird es sein, dem einzelnen Buchstaben mehr\noder weniger Abwechslung zu geben, was angesichts der\ngleichgültigen und charakterlosen Type, die vorherrscht, be-\nsonders wünschenswert erscheint. Der Drucker sollte\nvor allem neben sorgfältiger Liniierung auf einen regelmäfsi-\ngen Abstand zwischen den einzelnen Buchstaben und den ein-\nzelnen Wörtern sehen. Besonders in letzterer Beziehung wird\nviel gefehlt. Dabei sollten diese Abstände nicht zu grofs\nsein, um die Seite nicht fleckig erscheinen zu lassen. Beson-\ndere Aufmerksamkeit ist darauf zu verwenden, dafs der\nSatzspiegel stets in gleicher Höhe beginnt und auf beiden\nSeiten des aufgeschlagencn Buches gleichmäfsig breite Innen-\nund Aufsenränder freiläfst. Ein Zusammenrücken des Satz-\nspiegels nach der Mitte, so dafs der äufsere Rand etwas breiter\nwird, giebt der Doppelseite ein geschlosseneres Aussehen.\nDer Einband hat den Zweck, die Blätter des Buches zu-\nsammenzuhalten und vor Schmutz und Beschädigung zu be-\nwahren. Er wird daher aus festem Rücken und Deckel\nbestehen müssen. Da von dem Rücken, als von dem Träger\ndes Buches, besondere Haltbarkeit verlangt wird, so läfst sich\nauch bei einfacherem Deckel ein Lederrücken rechtfertigen.\nImmerhin erinnert diese Zwiegestalt, die wir mit Halbfranz\nzu bezeichnen pflegen, recht stark an die Häuser mit prunk-\nvoller Front und ärmlichem Hof. Jedenfalls sollte man die\nVerbindung von Leder und Papier vermeiden. Am besten\nwird es immer sein, nur ein Material in Anwendung zu\nbringen; also entweder Leder oder Leinwand; die Füllung\ndes Deckels natürlich aus steifer Pappe. Den steifen Deckel\nsollte man nur aufgeben für den Pergamentband; und man\nsollte andererseits Pergament nur verwenden ohne Einlage; der\nReiz des Materials liegt in der elastischen Nachgiebigkeit bei"}, {"page_pdf": 98, "page_imprimee": "338", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.98", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5059, "texte": "aller Festigkeit. Für die Beschriftung des Bandes gilt vor\nallen Dingen wieder die Regel, dafs die Schrift klar leserlich\nist. Golddruck in einer einfachen, lateinischen Type wird\nmeist die besten Dienste thun. In England sieht man neuer-\ndings zuweilen eine Beschriftung des Rückens, die folgender-\nmafsen aussieht:\nSP E N\nSERS\nFAIR\nI E QJLI\nEENE\nDas mag originell sein; sicherlich ist es sinnlos. Ist der Rücken\nzu schmal, so nehme man eine kleinere Type. Eine Beschrif-\ntung des Deckels, die nicht einen wesentlichen Bestandteil\ndes Ornaments bildet, ist nur für solche Bücher angezeigt, die\nihrer Natur nach bestimmt sind, auf dem Tisch zu liegen.\nFür die Ornamentierung des Bandes lassen sich naturgemäfs\nkeine Regeln aufstellen; hier mufs der Künstler sprechen.\nNur wird darauf hingewiesen werden können, dafs der\nDeckel nicht die Bestimmung hat, eine bildliche Darstellung\ndes Buch-Inhalts zu geben. Und man wird es ferner gern sehen,\nwenn das Ornament in einer fühlbaren Beziehung zum Inhalt\nsteht; wenn z. B. Gottfried Kellers Novellen nicht denselben\nSchmuck tragen, wie ein Kochbuch. Der Binder hat\ndarauf zu achten, dafs seine Bücher gut aufschlagen, dafs es\nnicht wiederholter Kraftanstrengungen bedarf, um ein frisch\ngebundenes Buch zu lesen. Wie man ein Buch aufschlägt,\nso soll es liegen bleiben; wer ein Buch erst vor dem Gebrauch\nauf krachen mufs, sollte es zunächst seinem Buchbinder\nzurücksenden.\nDie praktischen Engländer lieben es nicht, ihre Bücher\nin zerfetztem Zustand zu sehen; und da sie viel lesen, besonders\nwenn sie unterwegs, in der Bahn, im Omnibus sind, daher\nihre Bücher sehr anstrengen, so haben sie nach einem dauer-\nhaften und billigen Einband suchen müssen. So ist der\nLeinenband entstanden, ohne den kein englisches Buch heute\nin die OefFentlichkeit kommt und der dem englischen Buch-\nladen sein charakteristisches Gepräge giebt. Die Vorzüge\ndieses Einbandes sind einleuchtend. Für die meisten Bücher,\ndie ein-, zweimal gelesen werden, um dann auf dem Bücher-\nregal ihren Platz zu finden, genügt der leichte Leinenband\nvollkommen; und er bewahrt das Buch vor dem zerzausten\nAnblick, den die in Deutschland und Frankreich veröffent-\nlichten Bücher nach wenigen Tagen des Gebrauchs gewähren.\nAndrerseits fällt der Preis des billigen Deckels so wenig\nins Gewicht, dafs der Bücherliebhaber, der seine eigenen\nindividuellen Einbände vorzieht, kein Bedenken tragen wird,\nden einfachen Band durch einen kostbareren zu ersetzen. Der\nUmstand, dafs die Bücher nicht aufgeschnitten in den Flandel\nkommen, weist schon auf den beabsichtigten provisorischen\nCharakter des Leinenbandes hin.\nMan sollte glauben, dafs eine Bewegung zu Gunsten einer\nkünstlerischen Ausgestaltung des Buches diesen so verbreite-\nten Leinenband zum Ausgangspunkt habe nehmen müssen;\nthatsächlich hat die Entwicklung einen anderen Weg ein-\ngeschlagen und ist erst auf Umwegen wieder beim Leinenband\nangelangt. Wieder war William Morris die treibende Kraft.\nMorris hielt eine Reform der Buchausstattung von Grund\naus für notwendig; und er ging auf die Anfangsgründe der\nBuchdruckerkunst zurück. In den frühesten Drucken, deren\nTypen sich unmittelbar an den in den Manuscripten ange-\nwandten Schrift-Charakter anschliefsen, sah er seine Vorbilder.\nDie Gutenbergsche Bibel gab ihm die Anregung zu seinen\ngotischen Buchstaben; eine andere Type entwickelte er aus\nden gegen Ende des 15. Jahrhunderts von Nicolas Jenson in\nVenedig hergestellten Drucken, die ihm stets als vollendete\nBeispiele des Buchdrucks vorgeschwebt haben. Die heutigen\nTypen erklärte er ausnahmslos für zu lang; wodurch ihre\nLeserlichkeit leide. Er zeichnete seine Buchstaben in ein\nQuadrat, um ihre Klarheit damit zu erhöhen. Die Anfertigung\neines weichen, dabei widerstandsfähigen Papiers aus unge-\nbleichten Leinenlumpen überwachte er selbst. Der Einband\nist stets gleichmäfsig aus Pergament mit seidenen Bändern;\noder aus blauer Pappe mit lichterem Leinenrücken. Bei dem\nDruck verwandte er die peinlichste Sorgfalt auf den gleich-\nmäfsigen Abstand der Buchstaben und Wörter; und er er-\nreichte damit soweit er seine lateinische Type anwandte\ndafs bei gröfster Deutlichkeit des Druckes der Satzspiegel\nnie fleckig wirkt, vielmehr als einheitliche graue Fläche er-\nscheint. Die reichen Initialen und ornamentalen Rahmen zu\nden Titel- und Anfangsseiten hat er sämtlich selbst gezeichnet,\nzum Teil selbst in Holz geschnitten. Diese Anfangsseiten\numfassen meistens auf der linken Seite des aufgeschlagenen\nBuches in reichem Rahmen den Titel; auf der rechten in ent-\nsprechendem Rahmen den Beginn des Druckes in Kapital-\nBuchstaben. Trotz der künstlerischen Wirkung des Ganzen\nsind diese Anfangsseiten als gänzlich verfehlt zu bezeichnen;\ndie Schrift ist so stark ornamentiert, dafs sie kaum zu ent-\nziffern ist. Und das ist nicht der einzige Einwand gegen seine\nBücher. Seine gotische Type, die er allerdings nur selten\nanwendet, ist schlechterdings unleserlich; man versuche es\nmit einer halben Seite seiner Chaucer-Ausgabe; nach ganz\nkurzer Zeit tanzen und schwirren die Buchstaben, dafs man"}, {"page_pdf": 99, "page_imprimee": "339", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.99", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4853, "texte": "die Zeile nicht Festhalten kann. Die Besitzer betrachten sie\ndenn auch als ein Bilderbuch; als ein prachtvolles Bilderbuch\nallerdings, da die von Burne Jones dazu gefertigten Holz-\nschnitte zu seinen besten Werken gehören. Morris ist ferner\nin der Ausstattung des Buchs seinem Princip: dem Volk, der\nMehrzahl, die Kunst wiederzugeben, vollkommen untreu ge-\nworden. Die Ausstattung der Bücher, die peinliche, mühe-\nvolle Arbeit, die darauf verwendet ist, rechtfertigen gewifs\nden hohen Preis. Aber wie klein ist die Zahl derer, die 50 M.\nfür einen Band anlegen können. Nur in Park Lane wird man\ndie Männer finden, die mit treuherzigen Mienen die relative\nBilligkeit der Chaucer-Ausgabe rühmen, deren Preis sich auf\n400 M. beläuft.\nTrotzdem wird ihm die Geschichte der künstlerischen\nEntwicklung des Englischen Buchs eine erste Stelle einräumen\nmüssen. Weil er es war, der die Ausstattung des Buches\nwieder zu einer Wissenschaft und einer Kunst erhoben hat;\nweil er selbst, bei manchen Verstöfsen gegen den praktischen\nGebrauch, Bücher von hoher künstlerischer Vollendung; ee-\n\\ rc i 00\nscharren und weil er damit eine wirksame und erfolgreiche\nAnregung gegeben.\n❖\nNeben ihm ist Cobden Sanderson zu nennen, der sich be-\nsonders um den Einband verdient gemacht hat. Neben einer\nernsten und gründlichen Förderung des technischen Bindens\nhat er besonders auf die Entwickelung des Ornaments für\nden Einband seine Aufmerksamkeit gerichtet. Seine Bände\nsind ausnahmslos in Leder gearbeitet; zur Ornamentierung\nverwendet er nur eine kleine Anzahl gerader und ge-\nschwungener Linien von verschiedener Länge, durch deren\nveränderte Zusammensetzung er sehr reizvolle Erfolge erzielt.\nAuch seine Bände sind indessen nur Liebhabern zugäng-\nlich, Sein Einwand, dafs Niemand mehr als zwei oder\ndrei Bücher zu besitzen brauche, diese demgemäfs kostbar\nausstatten könne, ist für das praktische Leben nicht zu\nbrauchen.\nUnter den Künstlern, die sich mit der Bild-Ausstattung\ndes Buches beschäftigen, gebührt Walter Grane die erste Stelle,\nIn seinen zahlreichen Holzschnitten zu den sechs Bänden von\nSpensers Fairie Queene hat er einen neuen Beweis seiner un-\nerschöpflichen Phantasie gegeben. Ihm dankt auch die Aus-\nstattung des Kinderbuches seine heutige Höhe. Die zahl-\nreichen Zeichnungen und Rahmen, die er dafür geschaffen,\nsind dem Verständnis und der Ideenwelt der Kinder angepafst\nund zeigen dabei eine so hohe künstlerische Vollendung, dafs\nsie gewifs sind, das Kind durch sein Leben zu geleiten und\ndem Mann, bei verfeinertem Verständnis für den künstlerischen\nWert, denselben Genufs zu verschaffen, den sie dem Kind\ngaben. Von Aubrey Beardsley rühren einige Bucheinbände\nund Illustrationen her, die zu den besten neuen Erzeugnissen\ngehören. Meist aber verleitet ihn seine abenteuerliche Phan-\ntasie zu solchen Schrullenhaftigkeiten, daß man versucht ist,\nihn nicht mehr ganz ernst zu nehmen. Diese Schrullen werden\nunerträglich, wenn sie nachgeahmt werden und zur Manier\nausarten; Jung-England huldigt diesem abenteuerlichen Ein-\ntagsgeschmack in bedenklicher Weise.\n❖\nDie gegebenen Anregungen haben immer weitere Kreise\ngezogen, und Verleger, Drucker und Binder gehen auf dem\neinmal betretenen Wege schnell voran. Schon sind die\nDruckereien, die sich mit der Herstellung typographisch\nvollendeter Drucke abgeben, so zahlreich geworden, dafs eine\nAufzählung der Namen ermüden würde. Erwähnung verdient\nnur, dafs die Gilden von London und Birmingham unter\nihren Leitern Ashbee und Clavering auch hierin bemerkens-\nwerte Erfolge erzielt haben. Eine kleine Quart - Monatszeit-\nschrift, die zwei Jahre lang von Clavering herausgegeben\nwurde, „Questcc, kann als Muster typographischer Aus-\nstattung bezeichnet werden.\nUnter den Verlegern nehmen William Heinemann und\nJohn Lane die erste Stelle ein. Bei guter Auswahl des Papiers\nund sorgfältigem Druck der klaren Type haben sie insbe-\nsondere der künstlerischen Ausgestaltung des Leinenbandes\nihre Aufmerksamkeit zugewandt. Das war der entscheidende\nSchritt, der die Kunst im Buche auf die notwendige breite\nBasis stellt. John Lane hat Aubrey Beardsley zu diesem Zweck\nheranzuziehen gewußt; in neuerer Zeit wird er von Patten\nWilson unterstützt. Heinemann ist es gelungen, Whistler\nfür dieses Gebiet zu interessieren und der Deckel, den dieser\nfür die Neu-Ausgabe von Byrons Werken gezeichnet hat,\ngehört zu den einfachsten und zugleich vollendetsten, die\ngeschaffen worden sind. Durch den niedrigen Preis der Bücher,\nder zwischen zwei und sieben Schilling sich bewegt, haben\nsie diesen eine weite Verbreitung gesichert; sie sind als die\neigentlichen Arbeiter im Morris’schen Sinne anzusehen.\n$\nDie von Bing in Paris im Sommer 1896 veranstaltete\nBuch-Ausstellung hat gezeigt, daß Deutschland eines der\nwenigen Länder ist, in dem von einer Kunst in der Buch-\nAusstattung noch keine Rede ist. Einige Einbanddecken von"}, {"page_pdf": 100, "page_imprimee": "340", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.100", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 872, "texte": "Eckmann und Heine machten eine rühmliche Ausnahme.\nAn dem Vorhandensein der geeigneten künstlerischen Kräfte\nist nicht zu zweifeln. Es fehlt also wieder nur an denen,\ndie diese Kräfte nutzbar zu machen wissen. Die Bedingungen\nsind durchaus günstig in Deutschland. Die Technik des\nDrucks, wie er in den führenden, grofsen Druckereien gehand-\nhabt wird, ist vollendet. Die Cliches werden in Deutschland\nnahezu für die ganze Welt gearbeitet. Ein einziger Verleger\nmit abgeklärtem künstlerischen Geschmacke, der die vorhan-\ndenen Faktoren zu nutzen und den künstlerischen Kräften die\ngeeignete Bethätigung zu verschaffen wüfste, könnte in\nwenigen Jahren den Geschmack auf diesem Gebiet reformieren\nund uns den so fehlenden Charakter des deutschen Buches\ngeben. Es bleibt zu hoffen, dafs sich dieser Mann findet.\n\nFrhr. E. von Bodenhausen\n\nZEICHNUNG\nFÜR KINDERBUCH\nWALTER CRANE"}]}, {"article_id": "leu-09764", "article_bluemountain": "bmtnabe_1897-04_01#c146", "volume": "bmtnabe_1897-04_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "338", "page_fin": "338", "image_debut": 98, "image_fin": 98, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.2.39.3", "titre_corps": "BUCHDECKEL", "titre_sommaire": "BUCHDECKEL", "signature_source": "AUBREY BEARDSLEY", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 98, "page_imprimee": "338", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.98", "debut_caractere": 5061, "fin_caractere_exclue": 5088, "texte": "AUBREY\nBEARDSLEY\nBUCHDECKEL"}]}, {"article_id": "leu-09945", "article_bluemountain": "bmtnabe_1897-04_01#c147", "volume": "bmtnabe_1897-04_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "339", "page_fin": "339", "image_debut": 99, "image_fin": 99, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.2.39.4", "titre_corps": "BUCHDECKEL", "titre_sommaire": "BUCHDECKEL", "signature_source": "LAURENCE HOUSMAN", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 99, "page_imprimee": "339", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.99", "debut_caractere": 4855, "fin_caractere_exclue": 4882, "texte": "LAURENCE HOUSMAN BUCHDECKEL"}]}, {"article_id": "leu-10075", "article_bluemountain": "bmtnabe_1897-04_01#c150", "volume": "bmtnabe_1897-04_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "n. p.", "page_fin": "341", "image_debut": 101, "image_fin": 103, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.2.40", "titre_corps": "KÜSTENLANDSCHAFT ; [Initial]", "titre_sommaire": "KÜSTENLANDSCHAFT ; [Initial]", "signature_source": "PENNELL", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 101, "page_imprimee": "n. p.", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.101", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 55, "texte": "KÜSTENLANDSCHAFT\nPENNELL\nORIGINALLITHOGRAPHIE PAN II 4."}]}, {"article_id": "pmb-16792", "article_bluemountain": "bmtnabe_1897-04_01#c152", "volume": "bmtnabe_1897-04_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "341", "page_fin": "344", "image_debut": 103, "image_fin": 106, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.2.41", "titre_corps": "ZEITGENOESSISCHE ENGLISCHE NOVELLISTEN", "titre_sommaire": "ZEITGENOESSISCHE ENGLISCHE NOVELLISTEN", "signature_source": "Archibald Charteris", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 103, "page_imprimee": "341", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.103", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3793, "texte": "ZEITGENOESSISCHE ENGLISCHE NOVELLISTEN\n\nEI jedem Volke ist es eine oft beobachtete\n1 Thatsache, dafs auf eine Zeit ungewöhn-\nj lieber poetischer Gröfse eine Zeit der\nReaktion folgt, die wie ein Ausruhen\nerscheint und in der nur Werke ge-\n| schaffen werden, die sich kaum mit\ndenen der vorausgegangenen Epoche\n•/vergleichen lassen.\nDas Zeitalter Pope’s, welches auf\ndas Shakespeares, Spencers und Miltons folgte, ist ein Be-\nweis dafür, und es könnte mitunter scheinen, als ob sich\ndie englische Litteratur selbst heute noch nicht ganz von dem\nRückschlag erholt hätte, der auf den Tod von Keats im\nJahr 1821 folgte.\nWohl sind in Tennyson und Browning Poeten erstanden,\ndie es verdienen, ihren berühmten Vorgängern an die Seite\ngestellt zu werden; aber es waren Stimmen in der Wüste,\nund sie haben nur dazu beigetragen, die sonstige Stille noch\nfühlbarer zu machen. Allerdings hat auch der allgemeine\nGeschmack in Bezug auf Litteratur seit Beginn dieses Jahr-\nhunderts eine grofse Wandlung erlitten. Man wendet sich\nan die Dichtkunst nicht mehr als an eine Vermittlerin von\nLebensanschauungen und der Dichter selbst spricht nicht\nmehr in hohen Liedern und Gesängen sondern bedient\nsich der novellistischen Erzählung. Unsere Zeit ist eine Zeit\ndes Ueberganges mit halb vergessenem Ausgangspunkt und\nvöllig dunklem Endziel. Geistige Rastlosigkeit, soziale Un-\nzufriedenheit, politische Wirrnisse sind die hauptsächlichsten\nWorte, mit denen die Welt von heute sich selbst zu\ncharakterisieren pflegt. Und man sollte meinen, dafs in einer\nderart mit Ideen gesättigten Zeit auch die Poesie gedeihen\nund Dichter in Fülle vorhanden sein müfsten. In Wirklich-\nkeit aber verhält es sich anders. Die Felder stehen wohl in\nFrucht, der Schnitter aber sind nur wenige. Der letzte grofse\nDichter starb in Tennyson, und sein Nachfolger ist noch nicht\nerstanden. Und so kommt es, dafs wir uns zu den Novellisten\nwenden müssen, um die „Kritik des Lebens“ zu finden, die nach\nMatthew Arnold’s Dictum den Hauptinhalt der Dichtung\nabgibt, und die Auffassung des Lebens, welche der heute\ndenkende Mensch von seinen litterarischen Zeitgenossen zu\nerwarten scheint. Aber auf die Frage, ob die Erzählung heut-\nzutage diese Aufgabe in der That erfüllt, mufs eine vor-\nsichtige Antwort gegeben werden.\nVon den fünf bedeutendsten englischen Novellisten:\nMeredith, Hardy, Stevenson, Kipling und Barrie bejaht sie\nder eine, während die anderen den Roman nicht als Dich-\ngelten lassen, falls er nicht philosophisch ausgereift\nist. Diese Ausnahme bildet Meredith, und doch geben die\nanderen, wenn auch unbewufst und nur halb angedeutet,\ndie gleichen Gefühle und Stimmungen, so dass dies gewisser-\nmafsen als eine ungewollte Kritik gegen sie gelten kann.\nVon den fünf erwähnten Novellisten vertritt jeder eine\nbestimmte Richtung: Meredith die des psychologisch-ana-\nlytischen Romans, Stevenson die des romantischen, während\nHardy hauptsächlich Schilderer des englischen Landlebens ist,\nKipling und Barrie dagegen die anerkannt besten Meister der\nkurzen Erzählung. Der erstere nimmt seine Stoffe aus dem\nLeben der verschiedensten Klassen der verschiedensten Länder,\nder letztere aus dem Volksleben ganz bestimmter Distrikte\nSchottlands.\nStevenson ist der grösste in Bezug auf künstlerische Ge-\nstaltungskraft, Meredith der bedeutendste nach der Seite des\nIntellekts; ihm also gebührt der Ehrenplatz unter den zeit-\ngenössischen Novellisten Englands. Er steht jedoch der ganzen\nmodernen litterarischen Bewegung so fern, dafs er wie in\nolympischer Höhe über seinen Zeitgenossen zu thronen scheint.\nMan weifs verhältnismäfsig wenig von Meredith’s Leben,\nals ob er nicht liebe, es in die Oeffentlichkeit gezerrt zu sehen.\n1828 geboren, wurde er einige Zeit in der Knabenanstalt\nder Brüdergemeinde zu Neuwied a. Rh. erzogen und später"}, {"page_pdf": 104, "page_imprimee": "342", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.104", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 6530, "texte": "für das Studium der Rechte bestimmt. Gar bald aber flüchtete\ner voll Widerwillen gegen den Aktenstaub nach Italien, wo\ner sich der Litteratur widmete. Die erste Frucht seiner Ar-\nbeiten war ein Band Gedichte (1851), der die allgemeine\nAufmerksamkeit auf ihn zog, und seitdem liefs er mit ziem-\nlicher Regelmäfsigkeit immer neue Werke folgen.\nIm Jahre 1856 erschien cThe shaving of Shapgat’, eine\ngrofsartige Parodie auf die cArabian Nights Entertainment’,\nund im nächsten Jahre cFarina, a Legend of Cologne’, zwei\nJahre später die beste Novelle seiner Jugendjahre cThe Ordeal\nof Richard Feverel’, heute noch eines seiner beliebtesten Werke.\nEr schildert darin in vortrefflichster Weise die mifsglückte\nErziehung, mit der ein excentrischer Baronet seinen einzigen\nSohn zu einem Muster vollkommenster Männlichkeit heran-\nzubilden versucht. Das Buch enthält eine Fülle an Witz und\nSchönheit und einige der besten Charakterzeichnungen, die\ndem Autor jemals gelangen. Es verdankt seine Beliebtheit\nnicht nur dem allgemein menschlichen Moment, sondern\nauch dem Umstand, dafs sein Stil dem Leser weniger Schwierig-\nkeiten bietet, als irgend ein anderes Werk Merediths. Von\nseinen späteren Werken seien erwähnt: cThe Egoist’ (sein\nMeisterwerk, 1879), The Tragic Comedians, a study in a\nwell known Story (Lassalle und Helene von Donniges, 1880)\nund cPoems and Lyrics of the Joy of Life’ (1883), cßallads\nand Poems of Tragic Life’ (1887) und c A Reading of Life’\n(1888).\nMeredith’s Leben ist nichts weniger als leicht gewesen.\nEr wandte sich der Litteratur zu in vollem Glauben, dazu\nberufen zu sein; aber er hatte lange unter der Mifsachtung\nund Verkennung des Publikums zu leiden, bis es ihm gelang,\nInteresse und Verständnis an seinem Schaffen zu erwecken.\nJetzt erst in seinem Alter findet er die verdiente Anerkennung,\nund die langen Jahre seines Harrens tragen endlich Frucht.\nDie Kritik ist auf seiner Seite und begrüfst jedes seiner Werke\nmit Hochachtung, und obgleich diese wohl niemals für die\ngrofse Masse sein werden, so steht doch fest, dafs die Zahl\ndenkender Männer und Frauen, die an ihnen Geschmack\nfindet, von Jahr zu Jahr wächst, und dafs sein Stil und seine\nKunstprinzipien einen unleugbaren Einflufs auf die Jüngeren\nseiner Zeitgenossen aus üben.\nSeine Theorieen sind sehr streng. Der Roman hat ein\nhöheres Ziel, als den geneigten Leser nach einer Mahlzeit\nin Schlummer zu wiegen, und mufs einen Gedankeninhalt\nhaben, um auch zum Denken anzuregen. Vor allem soll der\nNovellist von jeder Künstelei lassen, der Welt voll ins Gesicht\nsehen und Menschen von Fleisch und Blut geben, keine Holz-\npuppen, die nur nach seiner Pfeife tanzen. Er verlangt, dass\neine bestimmte Lebensauffassung zum Ausdruck komme,\nHand in Hand mit philosophischer Durchbildung. Alles\nForderungen, die uns zu Ausgang des Jahrhunderts längst\nschon als völlig selbstverständlich erscheinen.\nIn seinen Werken fällt vor allen Dingen der Humor auf.\nEr selbst sagt darüber:\n“ Comedy is a game played to throw reflections upon\nsocial life and it deais with human nature in the drawing-\nroom of civilized men and women where we have no\ndust of the struggling outer world, no mire, no violent\ncrashes to make the correctness of the representation\nconvincing.’’\n“ Comedy it is who proposes the correcting of pre-\ntentiousness, of Inflation, of dulness and of the vestiges\nof rawness and grossness tobe found among us.”\nFerner:\n“In Comedy is the singulär scene of charity issuing\nof disdain under the stroke of honourable laughter, an\nAriel released by Prosperos wand from the fetters of the\ndamned witch Sycorax.” Laughter, then, is the medicine\nwherewith he would purge mankind of its sickly or evil\nhumours, of which Sentimentality is the least and Egoism\nthe greatest. cPersecute affectation that honest emotion\nmay thrive’.\nDer Autor selbst bleibt bei ihm ganz im Hintergrund.\nEr bringt seine Personen in gewisse Beziehungen zu einander\nund läfst sie sich ihr Schicksal daraus schaffen. Das Wie\naber ist so fein, dafs der Leser seine ganze Intelligenz auf-\nbieten mufs, um es zu fassen. Seine Darstellung von Heuchelei\nund Egoismus weckt jenes stille innere Lachen, das der beste\nLohn an die komische Muse bleibt. Die seelische Entwickelung\nzu zeigen ist Meredith’s vornehmstes Bestreben, um die äufsere\nWelt kümmert er sich nur insofern, als sie diese Entwicke-\nlung verzögert oder beschleunigt. Er wertet viele alte Worte\nzu neuen Bedeutungen um. Er folgt den feinsten Schwingungen\nder Seele und des Gefühls, und ein sicherer Instinkt lässt\nihn immer den richtigen Ausdruck finden. Plötzlich aber\nbeginnt er derart in Metaphern zu schwelgen dafs der\nUnbefangene völlig verwirrt wird. Sein ganzes Denken ist\nübervoll an Ideen, Phantasieen und Bildern, die er nieder-\nschreibt, mitunter ohne ihre Beziehungen nnd Zusammen-\nhänge klar zu legen. Hieraus erwuchs ihm der Vorwurf, dafs\nsein Stil dunkel sei. Dieser Vorwurf ist in mancher Hin-\nsicht wohl berechtigt ; dennoch aber entzückt das Studium\nseiner Werke immer aufs Neue.\nEs ist sehr schwer, Meredith’s Steilung innerhalb der\nheutigen litterarischen Bewegung zu bestimmen. Er beein-\nflufst seine Zeitgenossen, steht ihnen dabei jedoch, wie schon\nerwähnt, so fern, dafs er seinerseits nicht das Geringste von\nihnen zurückerhält.\nAuf seinem eigensten Gebiet, auf dem der menschlichen\nSeele, ist er ein unerbittlicher Realist, dem sich keine Falte\nverschliefst und der stets die Wahrheit sagt. Aber gerade\ninfolge dieser seiner psychologisierenden Neigung kümmert\ner sich um die Aeufserlichkeiten des Lebens wenig und um\ndie Alltäglichkeiten des Daseins überhaupt nicht und damit\nhängt auch die Vorliebe zusammen, seine Personen einen\nhohen Rang bekleiden zu lassen, so dafs sie stets Zeit\nund Mufse haben. Nichts liegt ihm dabei aber ferner,\nals die problematische Novelle, und er hat weit weniger\nInteresse für die Ansichten und Meinungen der Menschen,\nals für ihre Empfindungen und für ihr Verhalten anderen\ngegenüber. Zwei Momente jedoch sind in seinen Werken\nbesonders deutlich ausgeprägt; ein unzerstörbarer Optimis-\nmus und ein ritterliches Eintreten für die Frau wider die\nTyrannei des Mannes.\nEr besitzt um das Gesagte kurz zusammenzufassen\nwie alle grofsen Novellisten eine naive Freude am Leben, die\nMacht zum Lachen zu reizen und zu Thränen zu rühren,\nWitz und Phantasie, überzeugende Darstellungskraft, aufser-\ndem aber eine geklärte Lebensauffassung sowie Glauben an\nden reinigenden Wert der Satire, und weifs, dafs die Kunst\ndes Novellenschreibens die ganze Kraft eines Autors erfordert."}, {"page_pdf": 105, "page_imprimee": "343", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.105", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 6779, "texte": "11.\nEin Blick auf die andern zu Eingang erwähnten Schrift-\nsteller zeigt die zwei an Umfang bedeutendsten Richtungen der\nzeitgenössischen englischen Dichtung: die der Rückkehr zum\nRoman und die des Emporblühens der sogenannten 'Literature\nof Locality. Während jene auf den verstorbenen Robert\nLouis Stevenson zurückgeht, beginnt diese gleichfalls mit\neinem Schotten: J. M, Barrie. Der erstere sei hier zunächst\nerwähnt, nicht nur wegen der wesentlichen Verdienste seiner\nWerke, sondern auch wegen des grofsen Einflusses, den er\nauf seine Zeitgenossen ausübte.\nStevenson wurde in Edinburg im Jahre 1854 als Sohn\nwohlhabender Eltern geboren und absolvierte in üblicher\nWeise die Universität seiner Vaterstadt. Er sollte wie sein\nVater Ingenieur werden, erzwang sich aber schliefslich die\nErlaubnis, für das Scots Bar Vorträge zu halten. Jedoch blieb es\num seine Römische-Rechts-Wissenschaft allezeit zweifelhaft\nbestellt. Er trat in sein Mannesalter zu einer Epoche, da das Ge-\nbiet der romantischen Novelle so gut wie brach lag. Die grofsen\nNovellisten der mittleren Victorianischen Zeit waren auf der\nHöhe ihrer Popularität, und niemand hatte Interesse an\nRomantik, bis Stevenson sie einführte. Er war schon acht\nJahre literarisch thätig gewesen, als er nach einigen sehr an-\nziehenden Essays das köstliche Buch 'Travels with a Donkey in\nthe Cevennes’ schrieb, das ihm warme Anerkennung erwarb,\nwenn auch vielleicht mehr von Seiten der Kritik als von\nSeiten des grofsen Publikums. Seine Zeit kam, als er infolge\neines Auftrags seine Erzählung 'Treasure Island’ in einer\nJugendzeitschrift veröffentlichte. Aber erst ihr Erscheinen in\nBuchform rief bei Kritik und Publikum allgemeinen En-\nthusiasmus hervor. Er verlieh darin durch seinen eigenartigen\nStil der romantischen Novelle eine für seine Zeit völlig neue\nund bedeutende Prägung. Noch berühmter jedoch wurde\nsein Name durch einen zwölf Jahre später folgenden psycho-\nlogisch-analytischen Roman: cDr. Jekyll & Mr. Hyde.’ Er\nbehandelt die Geschichte eines Mannes, der sich in ein Wesen\nanderer Natur zu verwandeln versteht. Im gewöhnlichen\nLeben ein geachteter Arzt, ist er nach seiner Umwandlung\nVerbrecher und Mörder, während gleichzeitig jedoch seine\nIndividualität und sein Erinnerungsvermögen unbeeinflufst\nbleiben. Die Darstellung dieses Gemütszustandes ist ganz\nausgezeichnet. In seinen späteren Büchern kehrt Stevenson\nzum eigentlichen Roman zurück, und die hochbedeutsamen\nNovellen 'Kidnapped’ und cThe Master of Ballantrae’ be-\nweisen aufs neue sein grofses Können.\nEs scheint vor allem die unmittelbare Naturfrische zu\nsein, sein naives Entzücken an der äufseren Form der Dinge,\nwas an seinen Dichtungen fesselt. Ihm endlich ging einmal\nHandlung über Reflexion, ihm endlich war einmal das Leben\na pageant not a pilgrimage und adventure the salt of existence.\nFür die Jugend war dies, da es ihrem eigenen Empfinden ent-\nsprach, ohne weiteres das Richtige; die Erwachsenen aber\nentzückte er damit, da er ihnen die eigene Jugendzeit zurück-\nzauberte und sie die politischen Aergernisse und die schlechten\nZeiten vergessen liefs. Den kritischen Leser dagegen zwang\nseine Erzählungskunst, die Charakterschilderung und die un-\nvergleichliche Feinheit des Stiles zu einer ebenso unwillkür-\nlichen wie einmütigen Bewunderung. Und diesem seinem\nStile verdankt Stevenson in der That seine Stellung in der eng-\nlischen Litteratur, so sonderbar gemischt er auch ist, wie\nz. B. in: cThe sundry contemplation of his travels.’\nIn einem reizenden Kapitel erzählt er darin, wie er, während\ndie Eltern ihn seiner unverbesserlichen Faulheit wegen schalten,\nsich im Geheimen bemühte, es allen berühmten Prosadichtern\nseiner Zeit nachzuthun. Zuerst versuchte er Bunyan zu\nkopieren, später dann wieder die Schreibweise de Quincy’s\noder Scott’s oder Sir Thomas Browne’s, und obwohl er sich\nendlich von diesen Nachahmungen frei gemacht und einen\neigenen Stil bildete, verrät dieser doch deutlich überall seinen\nUrsprung. Er meidet die konventionellen Phrasen wie die\nPest, und mag ein Gedanke noch so alltäglich sein, der Aus-\ndruck, den er dafür findet, bewahrt ihn davor, banal zu\nwerden. Aber nicht nur sein dichterisches Können ist hier\nam vollendetsten, auch sein liebenswürdiger Charakter ge-\nlangt hier zum reinsten Ausdruck, so dafs der Litteratur-\nfreund immer wieder auf diese Essays als auf seine besten\nWerke zurückgreift, zumal auch die romantische Erzählung\neigentlich kaum seines Talentes würdig war und obgleich\ner in seinem posthumen Fragment cWeir of Hermiston’ eine\ngrofsartige tragische Kraft entfaltet. Sie enthalten nicht nur\nseine liebenswürdige und gütige Lebensauffassung, seine An-\nschauungen über Kunst, seine bewunderungswürdigen kriti-\nschen Bemerkungen, sondern zeugen auch von seiner un-\nauslöschlichen Liebe für Schottland und schottische Dinge.\nMan lernt aus jeder seiner Sympathien und Antipathien, man\nhört ihn mit überlegener Milde über Leben und Menschheit\nmoralisieren, teilt seinen Enthusiasmus und glaubt den Plaude-\nreien eines Freundes im Zwielicht zu lauschen. In der ge-\nwöhnlichen Sprechweise dürfte diese Plauderei trivial genug\nklingen, aber in seine goldenen Worte gekleidet erfreut sie\ndas Herz wie Sonnenschein.\nTrotz dem Allem findet aber auch der historische Roman\nzur Zeit grofsen Anklang, und eine Anzahl beliebter Schrift-\nsteller wie Conan-Doyle, Stanley-Weyman oder S. R.\nCrockett, obgleich ihre Werke nicht von grofser literarischer\nWichtigkeit sind, verdanken ihm ihre Popularität.\nDie Richtung, dießarrie vertritt, verliert immer mehr an\nEinflufs, obgleich sie zur Zeit noch die meisten Anhänger\nzählt. Barrie selbst, der mit jedem neuen Werk mehr an Be-\ndeutung gewinnt, hat sich, obwohl er mit ihr grofs wurde,\nbereits von ihr getrennt.\nSeine erste litterarische Arbeit war eine Sammlung von\nSkizzen über das Leben der schottischen Geistlichen, die er\nfür cThe British Weekly’, eine religiöse Zeitung, geschrieben\nhatte und die sofort die Aufmerksamkeit auf ihn lenkte. Im\nJahre 1888 folgte dann cAuld Licht-Idylls’, ein Band be-\nwunderungswürdiger, kurzer Erzählungen des schlichten\nschottischen Lebens, und wiederum war es ein grofser Erfolg,\ndenn es gelang ihm, damit einen neuen typischen Charakter\nzu schaffen, und zwar den des schottischen Arbeiters der\nniedersten Klasse, mit dem Dialekt eines bestimmten schotti-\nschen Distrikts, und zugleich auch eine neue Erzählungs-\nart, originell durch ihre Kleinmalerei. Die Geschichten\nsind mit aufserordentlichem Geschick geschrieben, teils\nhumoristisch, teils pathetisch, doch immer von unverkenn-\nbarer Genialität. 1889 folgte c The Window in Thrums’,\ndas in derselben Gegend spielt, dieselben Charaktere schildert,\nund einen ähnlichen Erfolg errang. Nun begann die übliche\nHochflut der Nachahmungen und einige Zeit regnete es"}, {"page_pdf": 106, "page_imprimee": "344", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.106", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4654, "texte": "förmlich kurze Dialekt-Erzählungen und besonders schotti-\nschen Inhalts. Diese Bewegung verpflanzte sich nach England,\nund Quiller Couch wurde (unter dem Pseudonym für\nCornwall, was Barric für Forfarshire war. Und nun\nplötzlich erinnerte man sich auch, dafs ein anderer Schrift-\nsteller, Hardy, schon seit Jahren sich dem Studium einer ein-\nzelnen Grafschaft gewidmet hatte. Gegenwärtig freilich ist\nder Sinn für Idyllen schon wieder im Schwinden begriffen, wie\nauch Barrie selbst schon wieder auf anderem Gebiete thätig\nist. Seine zweite umfangreichere Novelle (the little Mi-\nnister, vom Jahre ißpi, errang keinen Erfolg) erscheint\naugenblicklich in einer amerikanischen Zeitschrift und zeigt\ndie merkwürdigsten Spuren von Meredith’s Einfluss. Der\nStil, die Art der Charakterschilderung, die dramatische\nSpannung, die ganze Stimmung erinnert deutlich an den\nälteren Schriftsteller. Das unterscheidende Merkmal besteht\nnur im schottischen Dialekt und in der Schilderung schlichter\nMenschen.\nHardy hat in stofflicher Hinsicht viel Aehnlichkeit mit\nBarrie, hat aber die herkömmliche Form des Romans bei-\nbehalten. Es sind bäuerliche Typen, die er zeichnet, mit\nunverfälschtem Dialekt, aber von Kleinmalerei keine Spur.\nEr ist so überreich an Handlung, dafs er sich nicht darum\nkümmert, seine Charaktere künstlerisch zu vertiefen.\nTrotz diesen Gegensätzen muss er doch in Bezug auf\nintellektuelles Können Meredith gleichgestellt werden. Beide\nhaben ihre Lebensauffassung, aber während Meredith Opti-\nmist, ist Hardy Pessimist. Der eine hat ein Auge für geistige,\nder andere für sinnliche Schönheit, und während Hardy für\nHumor kaum ein Verständnis hat, überrascht Meredith durch\nsprühende Redewendungen und\ngeistvoll hingeworfene Para-\ndoxa. Hardy ist der Objek-\ntivere und der Realist, der die\nTragödie des Lebens tief em-\npfindet und sich namentlich in\nseinen letzten Werken gegen\ndie widerliche Ungerechtigkeit\ndes Daseins auflehnt, am deut-\nlichsten in ‘Tess of the d’Uber-\nvilles’, welcher iBpi erschien.\nWer die blofse Stimmung\neines Buches und seine Milieu-\nschilderung, vom Inhalt völlig\nabgesehen, überhaupt gelten\nläfst, mufs dies für ein Meister-\nwerk erklären. Die Heldin\nist ein Landmädchen, das in\nseiner Jugend verführt und\nspäter an einen Mann verheiratet\nwird, der ihre Vergangenheit\nnicht kennt. Er verlässt sie,\nals er die Wahrheit erfährt.\nSie trifft dann ihren Verführer\nwieder und unterliegt ihm auf’s\nNeue, während ihr Gatte,\nseine Härte bereuend, zurück-\nkehrt. Als sie sieht, dafs dieser\nsie noch immer liebt, erfafst\nsie ein solcher Hafs gegen ihren\nVerführer, dafs sie zur Mörderin wird. Das Buch hat Fehler,\ndie selbst der begeistertste Bewunderer zugeben mufs, aber\nseine Schönheiten entschädigen für alle Schattenseiten. Die\nSinnlichkeit, die darin zum Ausdruck kommt, die Kraft der\nNaturschilderungen, die leise Unterströmung einer Trauer\nüber die Trübseligkeit des Lebens und über die Hilflosigkeit\ndes Menschen seinem Geschick gegenüber, sind die Momente,\ndie seinen Erfolg begründet haben.\n$\nRudyard Kipling, den wir noch nennen müssen, ist der\nerwähnenswerteste der jüngeren englischen Schriftsteller. Er\nlebte viele Jahre in Indien, ist da weit und mit offenen Augen\numhergereist und kann wiedergeben, was er sieht. Obwohl\nkaum erst dreifsig Jahre, hat er doch schon eine reiche An-\nzahl von Werken geschaffen, wie namentlich: Mulvany,\nOrtheris und Learoyd, die Helden von Soldiers Three.\nEr ist Meister in der Kunst kurzer Erzählungen aus dem\nanglo-indischen Leben und erweist sich in cßarrack-Room\nBallads’, in dem das Soldatenleben behandelt wird, auch als\nwirklicher Dichter.\nAls Novellist ist er am bedeutendsten in cThe Drums of\nthe Fore and Aft’, cThe man who would be king’ und cThe\nDisturber of Traffic’. Das erste schildert mit beinahe drama-\ntischer Spannung, wie die Trommler, alle fast noch Knaben,\ndas vor den Afghanen fliehende Regiment mit dem Lied der\n„Britischen Grenadierecc zu Kampf und Sieg zurücktrommeln,\ndas eigene Leben in die Schanze schlagend. Die zweite Ge-\nschichte handelt von einem\nMann., der in einem unbekann-\nten Gebirgsgebiet Indiens von\nden Eingeborenen als gött-\nliches Wesen verehrt und zum\nKönig gemacht wird. cThe\nDisturber of Traffic’ schildert\neinen Leuchtturmwärter, der\ndurch den steten Anblick der\num den Leuchtturm rauschen-\nden Wasserwirbel dem Wahn-\nsinn verfällt.\n$\nAus dem Gesagten ergibt\nsich, dafs die Zahl hervor-\nragender Dichter früher wohl\neine gröfsere war, dafs aber\nauch das gegenwärtige Eng-\nland namentlich in Meredith,\nHardy und Stevenson literar-\nische Gröfsen besitzt, die wohl\nverdienen, ihren Vorgängern\nebenbürtig genannt zu werden.\n\nArchibald Charteris"}]}, {"article_id": "leu-10082", "article_bluemountain": "bmtnabe_1897-04_01#c154", "volume": "bmtnabe_1897-04_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "341", "page_fin": "341", "image_debut": 103, "image_fin": 103, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.2.41.2", "titre_corps": "FLÖTENDER FAUN", "titre_sommaire": "FLÖTENDER FAUN", "signature_source": "BRUCE PORTER", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 103, "page_imprimee": "341", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.103", "debut_caractere": 3795, "fin_caractere_exclue": 3822, "texte": "FLÖTENDER FAUN\nBRUCE PORTER"}]}, {"article_id": "pmb-16793", "article_bluemountain": "bmtnabe_1897-04_01#c159", "volume": "bmtnabe_1897-04_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "345", "page_fin": "348", "image_debut": 109, "image_fin": 112, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.2.43", "titre_corps": "AMERIKANISCHE CHAPBOOKS ; Chap-Book", "titre_sommaire": "AMERIKANISCHE CHAPBOOKS ; Chap-Book", "signature_source": "A. Warburg", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 109, "page_imprimee": "345", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.109", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3480, "texte": "AMERIKA NISCHE CHAPBOOKS\n\nSeit etwa drei Jahren erscheinen in den gröfseren Städten\nNord-Amerikas billige Halbmonatsschriften kleinen Formates,\nin denen junge Schriftsteller und Künstler einen neuen Ton\nanzuschlagen sich bemühen. Von dieser Bewegung Kenntnis\nzu nehmen verlohnt sich schon deshalb, weil die amerikanische\nSpielart der Modernität zur allgemeinen Naturgeschichte\n„Neuester“ und „Jüngster“ eine eigenartige Ergänzung bildet.\nMan könnte diese Taschen-Magazine ihrer Tendenz nach\nals cperiodicals of protest’ bezeichnen wie sich das eine\nvon ihnen cThe Philistine’ selbst benennt denn die besten\nunter ihnen werden von dem ernsthaften Wunsche geleitet,\nder gedankenlosen vulgären Sensationslust durch Kritik und\nselbständige künstlerische Beiträge entgegenzuwirken.\nDas cChap-Book’ eröffnete den Reigen der „Kobold-\nLitteratur“ im Mai 1894. Zwei junge Harvard-graduates\nHerbert S. Stone und H. J. Kimball waren die Herausgeber,\ndenen sich Bliss Carman, ein moderner amerikanischer Ro-\nmantiker, als Redakteur zugesellte, bis Stone und Kimball im\nAugust 1894 von Boston nach Chicago übersiedelten. Seit\nApril 1896 ist Mr. Stone, welcher der Zeitschrift eine etwas\nveränderte Richtung gegeben hat und deren Umfang und den\nPreis auf das Doppelte erhöhte (10 Cents die Nummer oder\n2 Dollar jährlich), der alleinige Leiter.\nDas e Chap-Book’ markierte bei seinem Erscheinen äufser-\nlich das billige Volksbuch der guten alten Zeit, wie es der\nfahrende englische Kaufmann den biederen Leuten auf dem\nLande als neueste Lektüre mitbrachte*). Indessen will diese\nNaivität des Auftretens nicht recht zu dem Inhalt des Chap-\nBook von Chicago passen; von derber Hausmannskost ist wenig\nzu finden: man rechnet im Gegenteil auf Feinschmecker, die\ndie besten Küchen von Paris und London gewohnt sind, und\nso lange Kaviar noch nicht als selbstverständlicher Bestand-\nteil amerikanischer Volksernährung gilt, wird man den Inhalt\ndes Chap-Book nur zum geringsten Teil als volkstümlich be-\nzeichnen können. Das Chap-Book will sogar nur in be-\ngrenztem Sinne amerikanisch sein, da sein Hauptaugenmerk\ndarauf gerichtet ist, seinen Leserkreis mit dem Modernsten\nin Kosmopolis in Berührung zu bringen.\nEine Reihe bekannter englischer und französischer Schrift-\nsteller von neuer deutscher Kunst weifs das Chap-Book noch\nnicht viel geben feinsinnige Analysen oder dichterische\nBeiträge. Anatole France z. B. referiert über Paul Verlaine,\nund neben den poetischen Schöpfungen der Jungen Amerikas\nKenneth Grahame, Gilbert Parker, Bliss Carman finden wir\nDichtungen von R. L. Stevenson, Henry James und W. Sharp,\nder auch gelegentlich die Schriftsteller der ccßelgischen Re-\nnaissance” bespricht.\nDas ganze Pantheon fin de siede wird kritisch durch-\nleuchtet: Trilby, die buntschillernde Eintagsfliege, Beardsley,\nWilde neben Maeterlinck, R. L. Stevenson und Ibsen.\nWährend die typographische Ausstattung sehr geschmack-\nvoll ist, sind die künstlerischen Beiträge, soweit sie von\nAmerikanern herrühren, abgesehen von den Anzeigeplakaten\nBradley’s, der schwächste Teil; von ausländischen Künstlern\nträgt Valloton Porträts von Zola und Mallarme bei.\nDie Gefahr, ein weichlich anempfindendes Taschenmagazin\nder literarischen Mode zu werden, vermeidet das Chap-Book\ndadurch, dass es gelegentlich den Modernen das Wort zu scharfer\nSelbstkritik gibt: so eifern Hamilton W. Mable (one word\nmore) und Norman Hapgood (the intellectual Parvenü)\n\n*)•\n*) Vgl. John Ashton’s Essai über Chap-Books im Ch. B. 111."}, {"page_pdf": 110, "page_imprimee": "346", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.110", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4990, "texte": "schonungslos und treffend gegen decadenten Manierismus.\nEin anderes starkes Gegengewicht gegen gesuchte Mo-\ndernität gibt das echt amerikanische Kunstwerk der cshort\nstory’, von denen eine Reihe von Frauen geschrieben ist.\nMan gewinnt dabei den Eindruck, dafs die amerikanische\nFrau, welche durch das scharfe Tempo des Milieus davor\nbewahrt wird, seelische Feinfühligkeit in breite Sentimen-\ntalität ausfliessen zu lassen, für die Erfassung und Wieder-\ngabe des psychologischen Augenblicksbildes besondere Be-\ngabung besitzt.\nSo zum Beispiel geben Katherine Bates, Alice Brown,\nund Maria Louise Pool solche Bilder aus dem Kleinleben\nin der Stadt und auf dem Lande, die dem europäischen\nLeser durch, die künstlerisch abgewogene Mischung von\nErnst und Heiterkeit, verbunden mit scharfem Blick für das\nEinzelne und Wirkliche, eine besonders anziehende Gattung\nder Erzählungslitteratur erschliefsen.\nDas cChap-Book’ führt jetzt den Untertitel: c A miscellany\nand Review of Beiles Lettres’; es hat die leichtsinnigen\nManieren des Bohemien abgestreift und ersetzt, was es dabei\nan anspruchsloser Grazie verloren hat, durch ernsthafte Be-\ndeutsamkeit als nervöses kritisches Organ, das die Sensationen\ndes Augenblicks einerseits lebhaft empfindet und andrerseits\ndie Fähigkeit zur Analyse und Kritik derselben von sich und\nseinen Lesern verlangt.\nNachdem das Chap-Book Mode geworden war, schossen\ndie kleinen Zeitschriften wie Pilze aus dem Boden, meistens,\nwie diese, sehr bunt, aber ungeniefsbar. Sie sind, wenn man\nvon einzelnen, wie z. B. cThe Philistine’, absieht, nur affektierte\nNachahmung des Chap-Books*).\nNur eines dieser Magazine kann auf selbständige Bedeu-\ntung Anspruch erheben, cThe Lark’ (Die Lerche). Sie erschien\ngerade ein Jahr später als das Chap-Book (Mai 1895) im\nVerlage von W. Doxey in San Francisco.\nDie Begründer und Leiter sind zwei junge kalifornische\nKünstler, Gelett Burgess und Bruce Porter, die sich beide als\nechte Humoristen in dem Gefühl zusammenfanden , dafs die\nkleinlichen Interessen des Augenblicks selbst im goldsuchenden\nKalifornien nicht das Recht haben, die menschliche Seele in\ndumpfem Bann zu halten.\nGelett Burgess birgt unter der Maske des pointierten\nSpötters und Karikaturisten die natürliche Empfänglichkeit\neines Studenten auf Ferien, der bald „ Stumpfsinnsliedercc zum\nBesten gibt, oder mit „Vivette“, seiner zierlichen Muse aus\ndem Quartier latin, im amüsanten Zwiegespräche künstlerische\nThaten plant, bald auch, wenn der Himmel bewölkt ist, für\ndie kleinen Freuden und Leiden des Menschenherzens zärt-\nlichen poetischen Ausdruck findet.\nVon Gelett Burgess’ originellen Karikaturen, die uns zu-\nnächst freilich seltsam berühren, geben die c Elliptical Wheels’\neine Probe; von ihm stammt auch das Titelblatt zur ersten\nNummer und die kleine Vignette, in der sich Schnellzug,\nTelegraphenstangen und Rauchwolken zu einem launigen\nOrnament zusammenfügen.\nVon der ernsten Seite gibt er sich in den Gedichten\ncWhy not, my soul’ und ‘Christmas in Town’.\nWhy not, my soul.\nWhy not, my Soull—why not fare forth and fly\nFree as thy dreams were free !—with them to vie:\nThere thou wert hold—thou knew'st not doubt nor fear,\nThy will was there thy deed—ah, why not here ?\nThou need'st hut faith to carry thee on high!\nA thousand things that others dare not try,\nA thousand hopes thy heart doth prophesy,\nThou knowest the Master Word, Oh speak it clear!\nWhy not, my soul?\nLei not this world of little things deny;\nBreak thy frail bonds and in those dreams rely.\nTrust to the counsels of that other sphere;\nLet that night1s vision in the day appear.\nWalk forth upon the water,—wing the sky!\nWhy not, my soul?\nChristmas in Town.\nThis is the magic month of all the year\nHolding the children’s golden prescious Day\nOf which, with eager eyes, we hear them say\n(fln three weeks,—two weeks,—one week ’t will be here!”\nThe sparkling Windows of the shops appear\nIn fascinating wonder-bright array;\nWith holly and with greens the streets are gay;\nThe bustling town begins its Christmas cheer,\nNow secret plots are whispered in the hall,\nMysterious parcels to the door are hrought,\nAnd busy hands are half-done gifts concealing\nThe Eve is here; with lighted tree and all!\nAnd Santa Claus, with merry marvels fraught,\nBefore the dawn, across the roofs comes stealing.\nEin vorzügliches Stück seines echten und amerikanischen\nHumors ist die Eisenbahnhumoreske:\ncThe Pitfalls of Mysticism.’\nMonotony, C. P. R. R.,—a Station and two small\nwooden buildingsj a blank waste of prairie, a line of\ntrack, straight to the level horizon, a cloudless sky. The\nOgden Express, (East-bound) is waiting upon a siding. A\ndistant whistle, a faint hum, a vibrant roar,—a pounding.\n\n*)\n) deskriptiven Teil der Flora nicht zu vernach-\nlässigen, führe ich einige Titel an;\nBoston: Miss Blue Stocking; Paragraphs; The Truth in Boston;\nThe Black Cat; The Shadow.\nCincinnati: The New Bohemian; The Blue Book.\nNew-York: Chips; The Philistine; Whims.\nKansas: The Lotus. Fast alle in Octavformat."}, {"page_pdf": 111, "page_imprimee": "347", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.111", "debut_caractere": 61, "fin_caractere_exclue": 2801, "texte": "rattling rush of noises, and the West-bound Chicago\nLimited throws itself alongside the Station, panting and\nthrobbing. The air-brakes settle back with a long hiss, the\nescape-valve roars hoarsely, a cloud of vapour rising like\nthe Genie emerging from the Bottle, while the locomotive\ndrinks eagerly from the tank. Dusty travellers crawl from\nthe coaches, and pace stifHy up and down the board walk,\nin the sunshine.\nA young man with golf cap and cigarette, walks\nleisurely down the alley between the trains, and seats\nhimself upon the steps of a Vestibüle of the Ogden Express.\nDirectly opposite him is the platform of the last Pullman\nof the Chicago Limited. Through the door of this coach,\nenters to him, a young woman,—a lady, by every proof\nof face, dress and bearing. She holds in one hand a note-\nbook and Stands by the iron rail of the platform after\nglancing frankly at the young man. After a mimite she\nspeaks,—always in a low, dreamy, almost impersonal tone\nand manner. He is keenly sensitive, yet obviously restrained,\nas if uncertain of the niceties of his replies.\nShe: Are you,—what is called conventional ?\nHe: I beg your pardon,—are you speaking to me?\nShe: To you—yes, in a way. To the individual You,\nnot to the personal You, though. Do you know what\nI mean?\nHe: Why, yes, I think so;—yet if I do know what\nyou mean, there is no need of asking such a question,\nis there?\nShe: That ’s very true. Still, it was such an effort to\nspeak at all. You might so easily have misunderstood me.\nHe: You can trust me,—we are of the same caste, I\nassure you,—and there are some things that even a man\nknows by Intuition.\nShe: You think so? Then you think we can say what\nwe really think, without disguise, in these three minutes?\nThe porter said we were to stay here only three minutes.\nHe: But why for only three minutes?\nShe: Ah, that ’s the mystery of it all! Why is it? Yet\nif it were for longer, I would never dare speak to you at\nall. But it has seemed so stränge to me,—these flying\nglimpses of people;—like images seen in a flash-light\npicture, and then fading away into nothing. I could nt\nstand it. It seemed as if I must speak to some one, and\nsay something real, and then be swept apart. What does\nit all mean? Do you think we have ever met before?\nHe: Why, yes,—l know it.\nShe: You feel it too? Oh, I wonder when! Perhaps\nthousands of years ago;—who knows?\nHe: But we shall meet again, shan’t we?\nShe: Ah, yes,—perhaps;—thousands of years hence,\nmay be. I wish I could feel sure of it!\nHe: I feel sure of it.\nShe: Do you? I wonder how we shall know each\nother! If I could only give you some word to know me\nby! Some message for you to keep! I feel as if you were\non some passing star, and I trying to speak to you, before"}, {"page_pdf": 112, "page_imprimee": "348", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.112", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3352, "texte": "you were swept into space again. It ’s all like a dream!\nI wonder if you understand why I am talking to you\nlike this!\nHe: I think I understand you better than you under-\nstand me.\nShe: Why? But there is the bell, and I shall never\nknow—tili the next time. Good-bye! See, your train is\nmoving, you must hurry! Good-bye! Oh, oh! get on\nyour train, please! Oh, you will be left! Why don’t you\ngo? You must go!—There, the train has gone! What\ndo you mean? You must n’t follow me, you will spoil\neverything. Oh, why did I begin this! What are you\ngoing to do?\nHe: lam going to Ogden. I hope you will for-\ngive me!\nShe: But you were on the other train!\nHe: For three minutes only.\nI have been in this car, four\nseats behind you, ever since we\nleft Chicago!\nBruce Porter, als europäisch\ngeschulter trefflicher Maler in\ngrossem dekorativen Stil bekannt,\noffenbart auch in seiner ethischen\nund dichterischen Anschauung\neine grossangelegte idealistische\nNatur, die gegen das gemeine und\nunwahre Banausentum eine tief\nironische Abneigung hat.\nBesser, als eine Umschreibung es\nvermag, charakterisieren ihn seine\nSachen selbst, wie z. B. nach-\nfolgender Prolog zur Lark:\nccHark! hark! The Lark at\nheaven’s gate sings!”\nA new note—some of the\njoy of the morning —set here\nfor the refreshment of our souls\nin the heat of mid-day.\nWith no more serious in-\ntention than tobe gay—to\nsing a song, to teil a story;—\nand when this is no longer to\nour liking, when the spring\ncalls, or the road invites,—\nthen this little house of pleasure\nwill dose its doors; and if you have cared for our singing,\nand would have more of it, thenyou must follow us a-field.\nFor, after all, there ’s your place and ours—there you\nmay hear the birds callin g, and see trees blowing, and\nknow the great content of the earth. Meantime, shut in\nthe town, we shall blow our nickel pipe, to make you\nbelieve it is a reed, and that you dance, garlanded, to its\npiping.“\nVon seinen Zeichnungen ist der (erheblich verkleinerte)\n~ flötende Fauncc reproduziert.\nAls illustrierende Gehilfen geben der Lark Willis Polk,\nErnest Peixotto und Florence Lundborg Beiträge. Peixotto\nvariierte in sinnreicher Weise das Thema der Lerche, die auf\ndem Titelblatt der Zeitschrift nach verschiedenen Citaten be-\nkannter Dichter dargestellt wird, und von ihm stammt auch\nder witzige Einfall des cßetour de l’impressioniste’.\nDie äufsere Ausstattung der\nLark ist gesucht einfach; das\nPapier ist gelb und so dünn, dafs\nes nur einseitig bedruckt werden\nkann. Aber trotz dieser scheinbar\ngesuchten Naivität und auch trotz\nder grofsen litterarischen Vorbil-\ndung, die die Lark voraussetzt,\nist eine echte künstlerische Unbe-\nfangenheit vorhanden. Mögen uns\nBurgess’ Späfse auch manchmal\nzugespitzt und fremdartig Vor-\nkommen, ein starker Humor, der\ndem Leben wirklich überlegen ist,\nkämpft einen frischen, fröhlichen\nKampf gegen die fin de siede Pose\nselbstgefälliger Müdigkeit; wir\nschulden, denke ich, den tapfern\nStreitern im fernen Westen für\nihren altmodischen Idealismus\neinen freundlichen Zuruf.\nWenn es der eigentliche Sinn\nund die beinahe ethisch zu\nnennende Aufgabe eines ameri-\nkanischen Chap-Books ist, die un-\nbefangene künstlerische Auffassung\ndes Lebens dem humorlosen, has-\ntigen Tagesgetriebe entgegenzu-\nstellen, dann ist die cLark’ unter\nden vorhandenen Zeitschriften\ndieser Art die beste.\n\nA. Warburg"}]}, {"article_id": "leu-09752", "article_bluemountain": "bmtnabe_1897-04_01#c163", "volume": "bmtnabe_1897-04_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "347", "page_fin": "347", "image_debut": 111, "image_fin": 111, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.2.43.4", "titre_corps": "TITELBLATT", "titre_sommaire": "TITELBLATT", "signature_source": "GELETT BURGESS", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 111, "page_imprimee": "347", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.111", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 25, "texte": "TITELBLATT\nGELETT BURGESS"}]}, {"article_id": "leu-09796", "article_bluemountain": "bmtnabe_1897-04_01#c165", "volume": "bmtnabe_1897-04_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "347", "page_fin": "347", "image_debut": 111, "image_fin": 111, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.2.43.5", "titre_corps": "ELLIPTICAL WHEELS", "titre_sommaire": "ELLIPTICAL WHEELS", "signature_source": "GELETT BURGESS", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 111, "page_imprimee": "347", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.111", "debut_caractere": 27, "fin_caractere_exclue": 59, "texte": "ELLIPTICAL WHEELS\nGELETT BURGESS"}]}, {"article_id": "leu-10133", "article_bluemountain": "bmtnabe_1897-04_01#c168", "volume": "bmtnabe_1897-04_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "n. p.", "page_fin": "n. p.", "image_debut": 113, "image_fin": 113, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.2.44", "titre_corps": "SELBSTPORTRÄT", "titre_sommaire": "SELBSTPORTRÄT", "signature_source": "W. 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E. von Bodmhaufm\nEnglifche Kunß im Haufe 329\nSeite\nFrhr. E. von Bodenhaufm\nDas mglifche Budo 337\nArchibald Charteris\nZeitgenöfßfche mglifche Novelliftm .... 341\nA. Warhurg\nAmerikanifche Chap-Books 345\nKunßbdlagen\nvor Seite\nHcms Olde\nKlaus Groth (Originalradierung) .... 269\nArtur lUies\nMondaufgcmg ( . . 281\nJ. Alberis\nBlühmde Hallig (Netzätzung) 291\nThomas Herbß\nAm Finkmwärder-Deich (Lidotdruck) . . 301\nPh. O. Runge\nFßanzmfludien mit Scheere und Papier\n(Holzfchnitte) 309\nVälmtin Ruths\nMairegm (Lidotdruck) 325\nEngland - Amerika.\nWilliam Roihmftdn\nWalter Creme (Origmallithographie) ... 329\nWalter Creme\nThe Peacock-Gardm, Tapete (Netzätzung) . 333\nWilliam Morris\nTitelfeitm-Zeichnungen (Strichätzung) . . . 337\nPmnell\nKüftmlemdfdoaft (Originallithographie) . . 341\nW Bradley\nTitelfeitm- Zeichnung (Strichätzung) . . . 345\nW Strang\nSelbftportrait (Originalradierung) .... 349\nAbbüdmgm im Text\nbeite\nJ. Alberts\nBefudo auf der Hallig 296\nOtto Eckmann\nWebereivorlage 350\nInitialm 292, 325\nE. Eitner\nRahmm 271\nDas Burgthor in Lübedi 324\nJulius von Ehrm\nMondfdoein 291"}, {"page_pdf": 116, "page_imprimee": "350", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.116", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1885, "texte": "Seite\nArtur lüies\nBootfteüe 269\nSchlußftück 272\nOrchidee 273\nSommer 278\nJakobikirchhof (nach einer Radierung) . . 298\nP. Kayf er\nDorfftraße 280\nLandfee 284\nGotthard Kühl\nAlte Straße in Lübeck 287\nFrit\\ Mackenfen-Worpswede\nStudie 289\nAlfred Mohrbuiter\nWebereivorlagen: Melancholie 299\nWinter 300\nAbendröte 300\nLeo Prochownik\nSchlußftück 275\nValentin Ruths\nThauwetter 276\nA. Siebelift\nAm Elbdeich 286\nSchifferboote 297\nHafen 319\nH. Vogeler-Worpswede\nDornröschen 277\nJ. Wohlers\nBär 328\nMitglieder der Gefellfchaft Hamhurgifcher Kunftfreunde\n(Dilettanten).\nFrau L. Bohlen\nDiftel 301\nDiftelkopf 308\nFrau Dr. Engel-Reimers\nZierleifte 321\nTafel (Runge)\nFräulein E. Ferber\nBerberitzen 303\nFräulein Mary Hertz\nPlakat der Düettantenausftellung .... 304\nZierleifte 315\nFräulein M. Kortmann\nHausthür 306\nHerr Lorenz F Mayer\nFachwerkbau in Bergedorf 312\nSeite\nFräulein Ebba Tesdorpf\nAus dem alten Hamburg 302\nAlte Hamburger Diele 305\nButenkaien in Hamburg 307\nFrau Marie Zacharias\nAlte Hamburger Diele 305, 323\nFuhlentwiete 313\nTafel (Runge)\nEngland.\nAubrey Beardsley\nBuchdeckel ~.338\nJ. H. Chamberlain\nSigurd und Brünbüd, Thürvorhang . . . 331\nWalter Creme\nZeichnung für Kinderbuch 340\nLaurence Housmcm\nBuchdeckel 339\nWickham Jarvis\nLehnftuhl 333\nHarrifon Townfend\nTapete 329\nKapital 334\nAus dem Entwurf zur Bildergalerie in\nWhitechapel 335\nLandhaus 336\nC. J. Vbyfey\nDamenfchreibtifch 333\nFries 337\nSehlde von Birmingham: Wandleuchter und ge-\ntriebenes Becken . . • 334\nBeleuchtungskörper 334\nAmerika.\nBruce Portei'\nFlötender Faun 341\nPhiliftine, the\nTitelblatt 344\nChap-Book\nTitelblätter 345\nGeleit Burgeß\nTitelblatt %u The Lark 347\nEUiptical Wheels 347\nVignette 346\nP&ix-Otto\nLe retour de ITmpreffionifte 348\nDiefem Heft liegt hei eine Anzeige der Neuen Bremer Sonntagshefte, her am ge geben von Müller-Brauel,\nfowie das Ausfielhmgsprogramm der Königl. Hof- Kmifihcmdlung Ernß Arnold im Dresden."}]}, {"article_id": "leu-09844-2", "article_bluemountain": "bmtnabe_1897-04_01#c171", "volume": "bmtnabe_1897-04_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "350", "page_fin": "350", "image_debut": 116, "image_fin": 116, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.2.45.1", "titre_corps": "WEBEREIVORLAGE", "titre_sommaire": "WEBEREIVORLAGE", "signature_source": "OTTO ECKMANN", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 116, "page_imprimee": "350", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.116", "debut_caractere": 1887, "fin_caractere_exclue": 1914, "texte": "WEBEREIVORLAGE\nOTTO ECKMANN"}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "n. p.", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.5", "texte": "PAN\nZWEITE HAELFTE DES ZWEITEN JAHR-\nGANGS DRITTES UND VIERTES HEFT\nNOVEMBER 1896 BIS APRIL 1897\nBEI F- FONTANE & CO-IN BERLIN\nVERLEGT UND HERAUSGEGEBEN\nVON DER GENOSSENSCHAFT PAN"}, {"page_pdf": 9, "page_imprimee": "n. p.", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.9", "texte": "1896. ZWEITER JAHRGANG. HERAUSGEGEBEN VON DER\nGENOSSENSCHAFT PAN. REDIGIERT VON : WILHELME\nBODE, EBERHARD FREIHERR VON BODENHAUSEN, föfc\nCAESAR FLAISCHLEN, RICHARD GRAUL, OTTO ERICH\nHARTLEBEN. HARRY GRAF KESSLER, KARL KOEPPING,\nALFRED LICHTWARK, WOLDEMAR VON SEID LI TZ.\nERSCHEINT VIERTELJÄHRLICH IM JUNI.\nNOVEMBER UND FEBRUAR BEI F. FONTANE & CO. IN BERLlN.^^Sgy^WS^^Sö^\nHEFT IV"}, {"page_pdf": 10, "page_imprimee": "n. p.", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.10", "texte": "ALLGEMEINE AUSGABE\nEINTAUSEND DREIHUNDERT EXEMPLARE ®ia®®®®«KSBK&aKSSJSS«!®<äi«SSJsasäSSBS®\nAUF KUPFERDRUCK"}, {"page_pdf": 12, "page_imprimee": "[268]", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.12", "texte": "KLAUS GROTH\nHANS OLDE\nORIGINALRADIERUNG PAN II 4."}, {"page_pdf": 13, "page_imprimee": "269", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.13", "texte": "KLAUS GROTH\nAm besten is dat ut de Feern\nMit König un Dichter,\nNeeg hi könnt se Een arg verfeern\nMit ehr Gesichter.\nMan dacht, he seeg na Wunder ut,\nRecht as ton Wünschen,\nUn endlich säht uft Bild herut\nEn stackeis Minschen.\n\nBOOTSTELLE\nARTUR ILLIES"}, {"page_pdf": 14, "page_imprimee": "270", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.14", "texte": "DAS GOETTLICHE SCHWEIGEN\nGustav Falke\nWenn die letzte Nacht sich weitet,\nKommt ein Engel auf die Erde,\nWeifse Flügel ausgebreitet,\nParadiesische Geberde.\nStummes Winken. Und die Sterne\nTanzen um uns ihren Reigen,\nWie wir in die Sehnsuchtsferne\nHoch und höher aufwärtssteigen.\nUnd auf eines namenlosen\nSternes sanftem Uferhügel,\nUnd inmitten weifser Rosen,\nSchliefst er seine weifseren Flügel.\nUnd er führt mich in den Garten,\nWo die reinen Seelen gehen\nUnd auf ihren Bruder warten,\nIn die Augen ihm zu sehen.\nPaarweis wandeln sie im Hellen,\nHand in Hand, an stillen Flüssen,\nWo sich auf den weichen Wellen\nStille weifse Schwäne küssen.\nWandeln unter weifsen Bäumen,\nZwischen weifsen Blumengängen,\nDran, wie in verzückten Träumen,\nWeifse Schmetterlinge hängen.\nNur mit Blicken, nicht mit Worten,\nReden diese seligen Scharen,\nOeffnen ihre Herzenspforten,\nHeimlichstes zu offenbaren.\nReden nur mit einem weichen,\nLeisen Spiel der weifsen, schlanken\nHände, stumme, keusche Zeichen\nUnaussprechlicher Gedanken.\nWandle, spricht der stille, reine\nBlick des Engels, mit den Andern.\nEine Seele geht alleine,\nUnd zu zweien sollt ihr wandern.\nUnd schon kommt sie zwischen lichten\nLilien traumhaft hergegangen,\nSich mit einem stummen schlichten\nGrufs an meine Hand zu hangen.\nKein Erstaunen, kein Erfragen,\nNur ein wortloses Sichfinden\nZweier, die seit Anfangstagen\nUnlösbare Fäden binden.\nDu bist ich, und ich bin wieder\nDu. Ein sanftes Stirnenneigen,\nUnd sie hebt die blonden Lider,\nUnd wir sehn uns an und schweigen.\nUnd so wandeln wir zusammen,\nHand in Hand, im hohen Reigen,\nWie zwei reine weifse Flammen,\nDie sich ineinander zweigen.\nWandeln schwebend, ohne Schwere,\nReihen uns um Gottes Stufen,\nDer in seine Engelheere\nDie Geprüften heimgerufen.\nDen umstrahlten Scheitel neigend,\nSinnend, und mit unsagbaren\nGottgeberden, thront er schweigend\nUeber seinen weifsen Scharen."}, {"page_pdf": 15, "page_imprimee": "271", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.15", "texte": "ZWEI\nGustav Falke\nDrüben du, mir deine weifse\nRose übers Wasser zeigend,\nHüben ich, dir meine dunkle\nSehnsüchtig entgegen neigend.\nIn dem breiten Strome, der uns\nScheidet, zittern unsre blassen\nSchatten, die vergebens suchen,\nSich zu finden, sich zu fassen.\nUnd so stehn wir, unser Stammeln\nStirbt im Wind, im Wellenrauschen,\nUnd wir können nichts als unsre\nStummen Sehnsuchtswinke tauschen.\nLeis, gespenstisch, zwischen unsern\nDunklen Ufern schwimmt ein wilder\nSchwarzer Schwan, und seltsam schwanken\nUnsre blassen Spiegelbilder.\n\nE.Eitner."}, {"page_pdf": 16, "page_imprimee": "272", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.16", "texte": "MEERBILD\nHans Bethge\nSturmnacht. Wild gährt das Meer. Die Wolken jagen\nWie Heeresmassen. Manchmal bricht ein Leuchten\nAus Himmelsfernen: fahles Blitzezucken.\nEin Frauenleib jung marmorweifs das Haar\nIn langen Strähnen grofs und weit die Augen\nTreibt durch den Schaum nun, phosphorleuchtend, oben\nAuf schwarzem Wellenberg und endlich fliegt er\nMit Knirschen auf den Strand.\nDa liegt er still. Der Regen prasselt nieder\nUnd wühlt durchs Haar und wenn die Blitze flammen,\nSo fallen sie in einen toten Blick,\nDen nichts mehr blendet.\n#\nDer Tag liegt auf dem veilchenblauen Meer,\nDie Sonne lacht und lachend sind die Fluten.\nVom Fischerdörfchen hinterm Dünensaum\nKommt Glockenläuten. Einen schmalen Sarg\nMit Haideblumenkränzen tragen sie\nDem stillen Platze zu, den man den Friedhof\nDer Heimatlosen nennt. Ein Kirchenlied,\nEin Priesterwort, ein Hügel, dann ein Kreuz,\nZierlos aus Fichtenholz gehauen, drauf\nZwei kalte Ziffern: Nummer achtundsechzig.\n\nARTUR ILLIES"}, {"page_pdf": 17, "page_imprimee": "273", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.17", "texte": "WAS DER TOD ERZAEHLT\nVON\nHERMANN HEIBERG\n„Kein schlechteres Geschäft, als meines!“ sagte\nder Tod, der mit dem Schlaf bei einem Glase Wein\nin einer von Menschen verlassenen Leichenkapelle\nsafs und schwatzte.\n„Du meinst, kein besseres,'“ fiel der Schlaf ein.\n„Was ich halb mache, machst Du ganz. Ster-\nben ist doch für die Welt das Endziel, nach dem\n,Leben4 die Summe aller Hoffnungen gewesen.44\n„Gewifs, wenn meine Kraft stärker ist, als die\nder Menschen. Dann komme ich zu meinem Recht,\nund ich bin ein gröfserer Erlöser als Du. Aber\nwährend jeder Dich seinen besten Freund nennt,\ndankbar Deinen Namen preist, werde ich gehafst\nund selbst dann geflohen, wenn sich noch eben\ndie Hände sehnsüchtig nach mir ausgestreckt haben.\nDas, eben das macht mir mein Handwerk so zu-\nwider. Es giebt niemanden auf der Welt, den man\nso zum Narren hält wie mich.44\nUnd als der Tod der ungläubigen Miene des\nSchlafes begegnete, sprach er:\n„Ich will es Dir beweisen! Lafs Dir erzählen!\nIch schritt über eine Brücke, hinter der ein\nGebäude mit dicken Mauern und kleinen Fenstern lag.\nEin enger Korridor führte mich in einen hohen\nRaum ohne Ausgang.\nVor mir lag eine eiserne Treppe, die durch\neinen Mechanismus herabgelassen und wieder em-\nporgezogen wurde, als ich oben hinaufgestiegen\nwar. Achtundvierzig eiserne Thüren führten zu\nachtundvierzig Zellen, die ihr Licht durch ein\nhoch angebrachtes, vergittertes Fenster empfingen.\nIn einer dieser Zellen hockte ein Gefangener,\nbleich, elend, frierend; er faltete die Hände und\nweinte mit flehender Stimme:\n„Ach Tod, wenn Du mich doch erlösen wolltest I\nIch weifs, was auf meinem Verbrechen steht; zwanzig\nJahre Zuchthaus] Zwanzig Jahre Zuchthaus“\nwiederholte er in einem Ton des Grausens. „Dann\nlieber gleich sterben!“\nAls ich das hörte, ergriff* mich tiefes Mitleid;\nich schickte meine Schwester, die Krankheit, voraus;\nsie ergriff* und schüttelte ihn in Schmerzen.\nDa drückte der Mann auf den Knopf der Klingel,\ndie den Wärter herbeirief, und schrie ihm zu:\n„Eile, eile! Ein fürchterliches Fieber rast durch\nmeinen Körperl Angst erfüllt mein Inneres.\nUnerträgliche Schmerzen peinigen meine Brust.“\nIch aber stellte mich, nachdem der Wärter\nfortgegangen, an sein Lager und flüsterte: „Ich bin\nder Tod! Du riefest mich! Willst Du sterben?4\n\nORCHIDEE\nARTUR ILLIES"}, {"page_pdf": 18, "page_imprimee": "274", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.18", "texte": "Da wehrte er mir schaudernd mit den Händen\nund flehte inbrünstig um sein Leben.\n$\n„Ach, wär ich tot!“ rief in grenzenloser Ver-\nzweiflung eine Stunde später ein junges Mädchen,\nin einem schönen, vornehmen Hause, an dem ich\nzufällig vorüberschritt.\nRasch eilte ich hinein, betrat ihr Zimmer ein\nmit den kostbarsten Dingen und den gröfsten Be-\nquemlichkeiten versehenes Gemach und während\nsie, nach mir seufzend, das Haupt auf die aus-\ngestreckten iVrme herabgebeugt hielt, guckte ich in\nein Schreiben, das neben ihr lag, und dessen Inhalt\neine solche Stimmung in ihr wachgerufen hatte.\nEs war die alte Geschichte von der Liebe, bei\nder ,das Herz zerbricht4.\nAber während ich noch darüber meditierte,\nsprang sie empor, schritt mit bleichen Wangen auf\nund ab und wiederholte ihren Ruf nach mir. Da-\nbei stiefs sie an eine sehr kostbare Meifsner Vase,\ndafs sie niederfiel und in Stücke zerbrach.\n„Was ist ein totes Ding, eine Vase, wenn es\nsich um’s Sterben handelt,“ dachte ich.\nSie aber hatte plötzlich mich vergessen, beugte\nsich herab, las die Stücke auf und setzte sie mit\nangstvoller Miene so aneinander, wie sie ursprüng-\nlich zusammengefügt gewesen waren.\n„Komm!“ sagte ich, „lafs den Quark, und wenn\ner auch Tausende kostete! Du wolltest ja sterben.“\nSie aber schüttelte den Kopf.\n„Morgen, morgen! Heut . . . noch nicht!44\nBald darauf hörte ich, auf die Gasse zurückge-\nkehrt, ein entsetzliches Aechzen und Stöhnen aus\neinem anderen Hause dringen, und ein so herz-\nzerreifsendes Flehen nach mir schlug an mein Ohr,\ndafs ich wiederum weich wurde, rasch die Thür\naufstiefs und nähertrat.\nEin Mann von über siebzig Jahren lag im Bett\nin qualvollen Schmerzen. Das Angesicht war zer-\nfallen, die Augen waren hohl, die Lippen flogen,\nein Rasseln drang aus der Brust.\n„Endlich einer, der wirklich nach mir verlangt,44\nfrohlockte ich.\nIch fuhr ihm mit meiner eiskalten Hand über\nden Rücken und griff an sein zuckendes Herz.\nIn diesem Augenblick erschien ein Arzt.\n„Vater, Vater!“ drangs aus dem Munde eines\nMädchens. „Der Doktor ist da der Doktor,\nVater! Fasse Mut es wird noch alles gut\nwerden!“\nUnd der Doktor flöfste ihm einen Trank ein,\ndurch den Du, Bruder Schlaf, herbeigerufen wur-\ndest, und ich war der Betrogene!\nNoch einmal kam ich gegen Abend zurück.\nDa hörte ich ihn mit zitternder Stimme flüstern:\n„Ich danke Dir, barmherziger Gott, dafs Du\nmir noch einmal das Leben schenktest.“\n$\nIn derselben Stunde vernahm ich, als ich in der\nDunkelheit über die Strafse wanderte, einen Mann\nvor mir so tief seufzen und stöhnen, dafs ich un-\nwillkürlich aufhorchte.\nEr sprach mit sich selbst, und ich verstand die\nWorte:\n„Alles, alles dahin. Nun war’s das Letzte!\nEs bleibt nichts, als der Tod.“\nUnd er ging durch die Stadt, bis er an das\nUfer des Flusses kam, da wo die hohe Brücke zum\nanderen Ufer sich wölbt.\nEr stellte sich menschenleer war’s hier und\nringsum an das Geländer und rief mich an:\nIch möge es schnell machen, wenn er sich\nhinabstürze.\n„Gewifs! Dein Wunsch kann erfüllt werden!“\nsprach ich, mich neben ihm aufrichtend und ihn\nangrinsend mit meiner schwarzen Maske.\nAber was geschah!?\nJählings schüttelte er sich, trat grausend von\nmir zurück und ging nicht, sondern floh. In einem\nCafe sah ich ihn später sitzen. Er trank eine\nFlasche Wein mit zwei leichtfertigen Dirnen, die\nsich dort Eintritt verschafft hatten; sie lachten und\nscherzten und stiefsen mit ihm an und riefen:\n„Du sollst leben!“\nUnd er lachte auch und dankte.\nDer hatte mich also ebenfalls genarrt!\n*\nDann war ich am Frühmorgen in der Kirche.\nAuf der Kanzel stand ein würdiger Mann, und\nunten safsen viele Hunderte, die ihm andächtig\nzuhörten.\nEr sprach:\n„Darum glaubet nicht, dafs der Tod ein Schrecken\nsei, sondern wollet ihn gern empfahen als einen"}, {"page_pdf": 19, "page_imprimee": "275", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.19", "texte": "hohen Friedentürsten. Er vermählet uns mit Gott-\nChristus, und durch ihn gehen wir ein in die lachen-\nden, von det Sonne ewiger Glückseligkeitbeschienenen\nGefilde. Was kann es Herrlicheres geben, als ab-\nberufen zu werden in eine bessere in die himm-\nlische Welt?“\n„Aha!“ dachte ich. Und als der letzte Kirchen-\nstuhl geklappt hatte, als der Küster den Schlüssel\nzur Klingelbeutellade abgedreht, und der Geistliche\nnun auch aus der Sakristei trat und über den\nKirchhofweg die Schritte nach Hause lenkte\nSonne war ringsum, Leben und Auferstehung in\nder Welt packte ich ihn hinterrücks an, schüttelte\nihn in Fieber und bereitete so vor, was er selbst\nals höchstes Glück gepriesen hatte.\nAber da flogen seine Hände zusammen, und\nwährend er voll Not und Eile und Angst dem\nPfarrgebäude zustrebte, flüsterte er:\n„O, ewiger, einziger Gott, hilf mir! Nimm\nvon mir das fürchterliche Uebelbefinden. Was\nhast Du mit Deinem sündigen Knecht vor? Willst\nDu den Ernährer seiner Familie entreifsen, sie in\n$\nKümmernis und Verderben stürzen? Lafs mich\nleben! So grofse Aufgaben liegen mir noch ob!\nIch kniee vor Dir im Staube!“\n„Geh!“ dachte ich und entwich. „Aber lerne\ndaraus, wie sträflich es ist, mit dem Allerheiligsten\nzu spielen.“\n❖\n„Und noch ein letzter Fall von den tausenden\nund abertausenden!“ schlofs der Tod und schenkte\ndem bei seinen Berichten nachdenklich gewordenen\nSchlaf den Rest aus der Flasche ein:\n„Ich hörte eine Stunde später, als ich wiederum an\ndem Bette eines jungen Kranken stand, der so sehn-\nsuchtsvoll nach mir gerufen, dafs der Arzt sagte:\n„Ja, mein lieber Freund! Ich fühle mit Dir!\nIch weifs, welche furchtbare Qual Du leidest! Aber\nwas Du verlangst, darf ich nicht gewähren. Ich\nkann Dir kein Pulver und keine Pille reichen, die\nDich erlöst.“\n„Ich bitte, ich flehe Dich dennoch an!“ hauchte\nder Kranke. „Du thust ja das gröfste Gotteswerk,\neinen so furchtbar leidenden Menschen, wie mich,\nzu befreien! Kann’s ein Vergehen sein, da Du selbst\nsagst, dafs ich unrettbar dem Tode verfallen sei!?“\nAber der Arzt schüttelte den Kopf.\n„Ich kann nur eines, mein teurer Freund! Hier\nist ein Schlafmittel. Nimm davon drei Pillen, so\nwirst Du wenigstens vorübergehend der Schmerzen\nenthoben! Aber nicht mehr! Beachte wohl! Nimmst\nDu gar die dreifache Anzahl, so —“\nUnd er ging, und ich stellte mich an’s Fufsende\ndes Bettes und wartete, wie viele Pillen er nehmen\nwerde.\nUnd er griff auch nach der Schachtel und liefs\nneun Pillen in seine zitternde Hand gleiten; auch\nrückte er ein Glas mit Wasser näher, das er trinken\nwollte zum leichteren Verschlucken der Arznei.\n„So! Endlich einer, der mich liebt!“ flüsterte ich.\nDoch\nNach bebendem Besinnen schluckte er drei\nKügelchen hinunter das dritte gar schon zögernd,\nbedenklich lehnte sich zurück in die Kissen und\nwartete statt meiner Deiner, mein Bruder\nSchlaf.“\n„Und ich kam! Ja! Ich erinnere mich,“ fiel\nder Schlaf bestätigend ein.\n„Und jener Mann, ich weifs es, lebt heute noch\nunter tausend Qualen und —“\n„Und fürchtet nichts mehr, als mich! Ja, ja!“\nschlofs der Tod, den Satz beendend, und ein stilles\nLächeln flog über sein Angesicht.\n\nLEO PROCHOWNIK"}, {"page_pdf": 20, "page_imprimee": "276", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.20", "texte": "IM GARTEN\nVON\nOTTO ERNST\nJa, ich weifs, dafs hier um Aug’ und Wangen\nEine Flut von Duft und Schimmer drängt,\nWeifs, dafs eine Traube schwerer Knospen\nFast herab bis auf die Stirn mir hängt\nAber lafst mich doch die Sinne schliefsen\nVor dem Drang, mit dem der Frühling naht,\nUnd mich nur die Offenbarung fühlen:\nDafs mein Flerz noch Kraft zur Freude hat.\nDenn ich ging durch einen langen Winter,\nStand vor einer tief zerstörten Welt;\nSpöttisch hatt’ ich zwischen Furcht und Hoffen\nMeine Lebenswage festgestellt.\nAls mich heut’ nun diese Sonne weckte,\nSprang mein Herz, ach Freunde, sprang mein Herz!\nRifs mit einem Schrei sich aus der Tiefe,\nSchluchzen hört’ ich’s wie vor Lust und Schmerz.\nDas ist Glück für heut’ und viele Tage!\nAlt und schal war mir die grofse Welt\nUnd nun hat ein Flimmer sich, ein Stäubchen\nNeu und hell vor meinen Blick gestellt.\nLafst mich, lafst mich nur die Sinne\nDieser Fülle weifs ich sonst nicht Rat.\nEinen Tag lang will ich’s klingen hören:\nDafs mein Herz noch Kraft zur Freude hat.\n\nTHAUWETTER\nVALENTIN RUTHS"}, {"page_pdf": 21, "page_imprimee": "277", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.21", "texte": "ELEGIE\nOtto Erich Hartleben\nDu meines Blutes Unruh, heimliche Liebste du,\ndie du verstohlen nur die dunklen Blicke schenkst,\no lafs aus deinen schweren Flechten braune Nacht\num meine Sinne strömen, lafs Vergessenheit\nhinfluten über niegestillte Lust und Qual\nIch seh uns wandeln unter kahlem Winterwald,\nins Morgenrot durch streifende Lüfte ging der Weg,\nwir frohen schritten Hand in Hand und beteten stumm\nund glaubten an den Frühling, als der Schnee noch lag.\nDu sollst nicht weinen gieb mir deine liebe Hand.\nDer Frühling kam, uns beide fand er nicht vereint;\nin Sommernächten duftete süfs der Lindenbaum,\nwir aber durften nicht in Liebe beisammen sein.\nNun ward es Winter wieder und es starrt der Schnee,\ndoch still aus Schmerzen spriefst uns wohl ein spätes Glück,\ndas leise webt und langsam um uns beide her.\nLafs uns umhüllt von deinen braunen Haaren sein,\ndu meines Blutes Unruh, heimliche Liebste du.\n\nDORNROESCHEN"}, {"page_pdf": 22, "page_imprimee": "278", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.22", "texte": "PARABEL\n\nAbend.\nDurch die blassen Lichtwellen segeln dämmergraue Wolkenschiffe.\nIn einem Gärtchen vor einem Landhause spielen zwei Kinder: ein Knabe mit\nbleichen Wangen und dunkelglühenden Augen, gebrechlich von Gestalt und von\nkränklichem Aussehen, und sein Schwesterchen, etwas älter, kräftiger, rotbäckiger. Sie\nschaufeln mit steinernen Scherben Sand empor und häufen ihn zu einem Berg.\nPlötzlich hält das blonde Mädchen inner\n„Ich mag nicht mehr!“\n„Ich auch nicht, Elsa!“\nDie Steinscherben fliegen fort.\n„Hans, wo hast du den Kasten mit den Bäumen zum Aufstellen? Lass’ uns\ndamit spielen!“\n„Weifs nicht!“ flüstert der Knabe wie abwesend und faltet die mageren, bläulichen\nFinger. Dabei blickt er starr auf die sdrwerduftenden Rosen und zuckt zusammen,\nwenn eine Luftwelle kommt und den süfsen Blumenodem über ihn ausgiefst.\nElsa läuft ins Haus und kommt mit einem Kasten unter dem Arm zurück.\nLächelnd reckt sich die gebückte Gestalt des Knaben empor und die Hände greifen\nbegierig nach dem Spielzeug. Bäume, hölzerne Bäume, und nachgemachtes Moos\nliegen in der Schachtel durcheinander. Emsig wühlen die kleinen Finger in den\nHolzflguren herum und stellen Baum um Baum in langer Doppelreihe auf.\n„Miss ab, miss ab!“ tönt es fast befehlend aus des Knaben Munde.\nEinen halben Schritt weit sollen die Bäume auseinanderstehen, so will es Hans.\nSie spielen oft so, und jedesmal mufs Elsa abmessen.\nJetzt ist der letzte Baum aufgestellt, das Moos ausgebreitet. Der Knabe richtet\nsich auf, leuchtend vor Befriedigung:\n\nSOMMER\nARTUR ILLIES"}, {"page_pdf": 23, "page_imprimee": "279", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.23", "texte": "„Ein Wald, ein wirklicher Wald!“\nEr stellt sich an diese, an jene Seite, unausgesetzt spähend, ob auch alle Ent-\nfernungen zwischen den hölzernen Bäumen gleich sind. Sie sind es und er lächelt,\nwenig, ganz wenig, aber er lächelt.\nSo steht er eine Weile, versunken im Anschauen seines Kunstwerkes, und\nwacht erst auf, als sich schmeichelnd ein Arm um seinen Hals schlingt: „Bruder\nHans ein grofser Wald ist aber anders!“\nEr wird blafs und fragt atemlos:\n„Wo hast du’s geseh’n?“\n„Da da!“ sie deutet nach dem drüben emporragenden, schwarzschattigen\nWald, auf dessen goldgrüne Wipfel sich mählich die glühende Sonnenfackel neigt.\nDer Knabe legt die Hand ans Auge und starrt hinüber. Dann nimmt er krampfhaft\nsein Schwesterchen bei der Hand und läuft mit ihm hinüber, hinüber nach dem Walde,\nwo die dunklen Buchen ihr Schlummerlied rauschen.\n„Wo?“ Der Knabe bleibt stehen, seine schmale Brust keucht. „Wo?“ fragt er\nheftig und drückt Elsas Hand, dafs das Mädchen aufschreit.\n„Sieh, Hans,“ antwortet sie, „diese Bäume stehen gar nicht so gleich weit\nvon einander; bei dir hab’ ich alles abgemessen, einen halben Schritt weit, hast du\ngesagt, aber hier “\n„Sie stehen gleich, sie müssen doch gleich stehen,“ murmelt der Bruder. Er sieht\nzwar deutlich, wie hier zwei, dort drei Bäume dicht gedrängt beieinanderstehen,\nwährend an anderer Stelle wieder eine Buche vereinzelt emporragt, trotzdem mifst er\ndie Entfernungen ab aber es stimmt nichts. In seine Augen schleichen sich zwei\ngrofse Thränen. —So Unregelmäfsiges hat er noch nicht gesehen. Zu Hause, in dem\nZimmer mit den grünen Gardinen hängen die goldumrahmten Gemälde an der Wand\ngleich weit von einander entfernt, die Achtecke auf den rotbraunen Tapeten begegnen\nsich in gleichen Zwischenräumen. Stundenlang hat er schon davor gestanden. Und\nes hat immer gestimmt, wie sorgfältig er auch geprüft hat. Allein hier\nDann blickt er trotzig empor und ruft siegesgewifs: „Elsa der Wald ist ja\nverkehrt, ist falsch, ganz falsch gemessen!“ Das blonde Schwesterchen aber küfst ihn und\nzieht ihn am Arm mit sich fort. Am Waldausgang steht der Knabe noch einmal still.\n„Alles . . . durcheinander.“\nAuf die auflodernden Buchenkronen sinkt langsam die Sonnentackel herab\nund verglüht knisternd zwischen dem dunklen Laubwerk.\nIn dem Gärtchen vor der Villa schmiegen sich die Rosen aneinander, über die\nweifsen Treppenstufen huschen in gelben Mondgewändern die Träume ins Haus. Vom\nsommerlichen Himmel blinkt ein funkelnder Stern durch das Villenfenster und streicht\nmit silbernem Finger einem schweratmenden, blassen Knaben sanft die Locken von\nder heifsen Stirn. Und wie die Brust des Schläfers heftiger wogt, da kommt es\nhervor zwischen den zusammengeprefsten Lippen: „Drüben der Wald ist\ndoch verkehrt!“\n\nMax Beyer"}, {"page_pdf": 24, "page_imprimee": "280", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.24", "texte": "DIE HOCHZEIT ZU KANA\nHans Benzmann\nUnd Rosenduft und süsser Duft von Wein\nVermählten sich im goldnen Abendschein.\nDas war ein Tag der Freude! Jubelnd klang\nzum Saal empor der Mägde Festgesang,\nund himmelsrein das Lied der Harfe scholl.\nDie Gäste lauschten süssen Weines voll.\nAuf seinem Purpurpfühl das selige Paar\nin sich und seinem Glück versunken war . . .\nSprach Thomas, einer von den Zwölfen, leise\nzu Petrus da: „Ich deut’ in meiner Weise\ndas heilige Wunder, das wir heut gesehn\nGott liess ein grössres hier vor uns geschehn!\nSieh diese beiden! Wasser ward zu Wein:\nZum Liebesrausch ihr ganzes Erdensein!“\nUnd jubelnd klang und schwamm auf Rosenduft\ndas Lied der Liebe durch die goldne Luft . . .\nIndess stieg fern im Ost der Mond empor.\nUnd leise ging das morsche Gartenthor:\nUnd Christus war allein. Er sah zurück:\nIn diesem Blick lag all sein reiches Glück . . .\nStill lächelnd ging er durch die duftige Pracht\ndes Kornes. Süss verworrn klang durch die Nacht\nder Vögel Ruf im mondbeglänzten Ried,\ndas Rauschen reifer Aehren, und das Lied\nder Sehnsucht, süss das Harfenlied der Liebe\nUnd Christus war allein . . .\n\nDORFSTRASSE\nP. KAYSER"}, {"page_pdf": 27, "page_imprimee": "281", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.27", "texte": "SELENE\nVON\nEDUARD VON DER HELLEN\nSELENE war vierzehn Jahre alt und hatte noch nichts von\nder Welt gesehen. Sie war blind geboren und hielt die\nLider stets geschlossen wie eine Schlafende. Ihr Körper war\nschlank und zart, Gesicht, Hände und Füfse gleichmäfsig\ngebräunt von italischer Sonne, schwarz das wellige Haar.\nSehr kleine Ohren horchten darunter hervor, und fein erhob\nsich die Nase, die zarten Flügel waren beständig in leichter\nBewegung: sie roch und hörte, so schien es, die Dinge, wie\nwir sie sehen, sie roch und hörte das Meer und den Sand,\nMorgen und Abend, Häuser, Bäume und Menschen, und\nwas ihr Geruch und Gehör nicht verrieten, das fühlten die\nSohlen der nie bekleideten Füfse. Selten nur sah ich sie\ntasten mit ihrem Stab, den sie meist frei in der Linken trug,\nohne den Boden damit zu berühren, die Arme hingen fast\nimmer ruhig herab. Wenn sie das Nahen von dichteren\nMenschengruppen bemerkte, hob sie die Rechte in Schulter-\nhöhe und streckte den Kommenden stumm die Innenfläche\nder Hand entgegen, stehen bleibend, ganz regungslos, bis\njene vorbei.\nDie andren Blinden, deren es viele hier gab, wurden ge-\nführt, Selene ging immer allein. Dennoch fiel mir dies\nerst nach öfteren Begegnungen auf: so gleichmäfsig fest war\nihr Schritt, so ruhig und sicher jede Bewegung. Erst als ich\nsie eines Nachmittags auf dem Molo des kleinen Hafens sah,\neinem Steindamm, der schmal und ohne Geländer weit in\ndas Meer hinausging, erschrak ich und fragte zwei eben\ndaherkommende Carabinieri, ob das erlaubt sei? Das blinde\nMädchen schwebe doch stets in Gefahr ohne Führung, ganz\nbesonders hier auf dem Molo.\nBeide zuckten die Achseln, der eine ging langsam voran,\nder andere gab mir die ersten Nachrichten über das Kind.\nUebrigens habe es keine Gefahr, sie sei noch nie zu Schaden\ngekommen: im Anfang des Sommers, bevor das Bad sich\ngefüllt und die Buden am Strande sämtlich eröffnet, mache\nsie wochenlang die tägliche Runde gemeinsam mit einem\ntaubstummen Knaben ihrer Verwandtschaft und lerne dadurch\nalle Veränderungen kennen; später gingen dann beide allein,\nda sich das besser rentiere.\nIch sagte, in meinem Vaterlande seien für solche unglück-\nliche Menschen Häuser, von Staats- oder Stadtwegen oder\ndurch Stiftung, in denen sie unterrichtet, ernährt und be-\nschäftigt würden.\n„Wir anderen Italiener“, gab er zur Antwort, „sind nicht\nso reich wie Ihr. Hundert Lire von uns sind weniger als\nhundert Lire Sterlini.“\n„Ich bin kein Engländer, sondern ein Deutscher.“\n„Sind Sie aus Petersburg, Herr?“\n„Das liegt in Russland. Ich bin bei Hamburg zu Haus.“\n„Aber das ist ganz nahe bei Petersburg, Herr.“\nWeiteres Gespräch mit diesem Hüter der Ordnung und\nSitten schien mir nicht nötig, daher dankte ich ihm für die\nAuskunft und wandte mich.\nMit der Blinden nahm ich mir vor, einmal selber zu\nsprechen und sie zu warnen. In ihrer Erscheinung lag etwas\nGrofses, Heroisches, trotz der geringen Mafse ihrer Gestalt.\nEs reizte mich immer wieder, sie zu beobachten, aber zu\neinem ungestörten Gespräch fand sich so bald keine Gelegen-\nheit, denn man sah sie natürlich fast nur, wo viele Menschen\nbeisammen waren. Sie wanderte dann durch die lange Reihe\nder buntbewimpelten Stabilimente, trat an die Hütten, an\njede Gruppe heran, ging über die Galerien, die sich in’s Meer\nhinaus schoben, und streckte stumm einen kleinen Teller von\nMessing aus. Am späteren Abend erschien sie in den Strand-\nrestaurants und schritt die besetzten Tische ab, an denen die\nlustigen Leute Eis und Kaffee, Vermouth und Bier genossen\nbei Feuerwerk und Musik. Selten nur gab das Tellerchcn\nmatten Klang von einem hinaufgeworfenen Soldo, seltener\nnoch begleitete ihn ein freundliches Wort, obwohl sie jedem\nGeber versprach, sie wolle ihn dem Himmel empfehlen. Daran\nlag den Fremden nicht viel, es schien sie im Gegenteil manch-\nmal zu ärgern, aber sie waren doch fast die einzigen, die\netwas gaben. Italiener sind grausam, sie haben für Tiere und\nunvollkommene Menschen kein Mitgefühl und machen da-\nzwischen keinen erheblichen Unterschied.\nEines Morgens safs ich allein auf der Galerie meiner\nBadeanstalt, draufsen weit in dem Pavillon, der das Ende der\nlangen Pfahlbrücke bildete. Graues Gewölk wob sanfte\nSchleier vor das Gebirge, ein weicher Regen fiel nieder, und\nwenn es zu regnen wagt mitten im Sommer, verkriechen die\nItaliener sich scheu und empört. So safs ich allein, was\nselten geschah, und schrieb ungestörter als sonst. Ein hier\nkaum fühlbarer Wind, der in der Ferne sehr heftig gewesen\nsein mufste, hatte das flache Meer über Nacht mächtig er-\nregt: krachende Wogen brachen sich unter dem Boden des\nPavillons und rüttelten wild an den Pfählen, weither kamen\nsie schäumend getanzt und rasten an mir vorbei zur Rechten\nund Linken, riesige Rosse mit weifsen, flatternden Mähnen.\nAls ich nachsinnend auf blickte, über die brodelnde Weite\nhinaus, sah ich Selene neben mir stehn.\n„Guten Morgen, ich hatte dich nicht bemerkt/4\nSie erwiderte nichts. Erst als ich etwas auf ihren Teller\ngelegt, erklang das gewohnte; „Ich will Sie dem Himmel\nempfehlen, Herr!“\n„Du wirst heute wenig bekommen. Die Meisten bleiben\nzu Hause.“\n„Ja Herr, die Luft ist nafs.“"}, {"page_pdf": 28, "page_imprimee": "282", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.28", "texte": "„Gehst du da in die Häuser ?cc\n„Nein Herr, an den Thüren geben sie nichts und\nschelten.“\n„Erkennst du mich wieder?“\n„Ja, Herr. Sie fragten mich doch, wie ich heifse, wie\nalt ich sei, und warum ich nicht falle.“\n~Ganz richtig, Selene. Nicht wahr, dein Vater ist tot?\nWas war er?“\n„Fischer, Herr, auf Francesconis Paranza. Es ist die\ngröfste Paranza von allen. Als sie das Netz in’s Meer gelegt\nhatten und den Mast für das Seitensegel hinausschoben, da\nglitt er aus, und der schwere Baum zerschlug ihm den Kopf.\nEr war der erste Edelmann Italiens, sagt meine Mutter.\nKennen Sie meine Mutter, Herr?“\n„Nein.“\n„Sie geht und ruft Fische aus. Wollen Sie von ihr\nkaufen?“\n„Gern, aber es sind viele, die mit Fischen gehen.“\n„Nur eine heifst Riciola, das ist die Mutter. O, ihre\nFische sind schön, Herr, es sind die besten, wahrhaftig.“\n„Efst ihr auch von den Fischen?“\n„Manchmal bleiben welche zurück, die nicht mehr frisch\ngenug sind für den andern Tag.“\n„Fleisch aber efst ihr wohl wenig?“\n„Fleisch essen die Reichen, Herr, und die Hunde. Wir\nandern Christen essen kein Fleisch.“\n„Was verdient deine Mutter sich täglich?“\n„Oft sagt sie, ich hätte es besser als sie.“\n„Aber ich glaube, du selber bekommst auch nicht viel.“\n„Doch, Herr. Manchmal habe ich zwanzig und mehr.\nZwanzig sind schon eine Lira.“\n„Und im Winter, bekommst du da auch was?“\n„Aber, Herr, dann sind keine Fremden hier.“\n„Das ist wahr. Was macht ihr im Winter?“\n„Wir sprechen viel mit den Nachbarn, oder wir sitzen\nallein.“\n„Und was arbeitet ihr dabei?“\n„Arbeiten, Herr?“\n„Hast du nicht etwas gelernt, eine Handarbeit oder\nMusik? Deine Hände sind fein.“\n„Aber, Herr, ich bin eine Blinde 1“\nEs klang beinah wie ein Vorwurf, und sie schien un-\ngeduldig zu werden. Ich mochte für heute das Kind nicht\nweiter mit Fragen quälen.\n„Höre eins noch, Selene. Ich wollte dich immer schon\nwarnen: geh nicht allein auf den Molo.“\n„Warum nicht, Herr? Der Molo ist fest.“\n„Aber nur eine Seite hat eine ganz niedrige Mauer, die\nandere nichts. Das Wasser ist da sehr tief, und das Gedränge\noft grofs.“\n„Dort sind am Nachmittag die meisten Fremden.“\n„Kannst du nicht warten am Eingang?“\n„Nein, Herr, das ist nicht gut. Wenn sie sitzen, geben\nsie besser, sonst gehn sie vorbei.“\n„Du mufst es wissen, Selene. Aber nimm dich in Acht.\nWillst du?“\n„Ja, Herr.“\nDa ich sie so lange aufgehalten, gab ich ihr noch etwas.\n„Ich will Sie dem Himmel empfehlen, Herr.“\nDamit ging sie. Ich sah ihr nach, wie immer von neuem\nerstaunt über die unbedenkliche Sicherheit, mit der sie die\nRichtung einhielt, Stufen und Schwellen nahm und im Wege\nBefindliches mied: Stangen und Seile, Tische und Stühle sogar,\ndie doch immerfort umgestellt wurden. Ohne zu tasten!\nWie eine Fledermaus. In ihrem bräunlich-grauen Gewand\nähnelte sie in der That einer Fledermaus.\nEigentlich war sie interessanter, wenn sie nicht sprach:\nnach dem Eindruck, den ihre Erscheinung mir immer\ngemacht, hatte ich ein ganz eigenartiges Wesen erwartet.\nEtwas Höheres, Prophetisches, Ueberirdisches.\nDies Gefühl überraschte mich, als ich schon wieder zur\nArbeit zurückgekehrt war. Ich war enttäuscht. Aber dann\nsagte ich mir, dafs ich diese Enttäuschung selber verschuldet.\nIch sollte mir für ein anderes Mal eine Reihe besserer Fragen\nüberlegen, um tieferen Einblick in ihre dunkle Seele und ihre\nVorsteilungswelt zu erlangen. Was zum Beispiel hiefs für\nsie Raum und Zeit? wie anders mufste besonders der Raum-\nbegriff sich in so einem blindgeborenen Menschen entwickeln!\nund was bedeutet für sie das Leben, die Welt? in wie weit\nist sie sich klar über das, was ihr mangelt? wie denkt sie\nsich wohl das Sehen? kann man das überhaupt? Und wie\nkommt man dahinter?\nNach einigen Tagen, an denen die Blinde mich stets,\naber niemals allein, auf dem gewohnten Platze fand, lockte\nmich ein besonders herrlicher Abend, in ein anderes Stabiliment\nzu gehen, dessen Galerie einen breiten hölzernen Turm trug.\nUeber dem dunklen, nur leicht gekräuselten Meer\nschwebte, dem Sinken schon nah, der tiefrot glühende\nSonnenball in leuchtendem Dunst, dessen warmes Feuer sich\naufwärts in kaltes, immer blässeres Grün verlor. Eine breite\nStrafse tanzenden Lichts dehnte sich zu mir heran über die\nFluten, zuckender Widerschein sprang auf der ganzen Fläche\nempor, und in rosigem Hauch schimmerten alle die kleinen\nKämme der Wellen herauf. Hart Umrissen zeichneten sich\ndie Zacken und Spitzen der Berge am Himmel ab : sie schauten\ndahin über das endlose Meer, weit, weit endloser noch für\nsie, als die Menschen es sehen mit ihren durstigen Augen.\nAber nein, sie geniefsen’s ja nicht, sie sind ja blind. Blind\nwie Selene. Was geschähe ihr wohl, wenn sie plötzlich, hier\nneben mir stehend, Sehkraft gewönne? wenn die Natur, mit-\nleidig gerührt durch ein so herbes Entbehren, ihr endlich ver-\nliehe, was sie doch selbst den Mücken nicht vorenthielt, die\nmich umsummten?\nEben näherte sich die Sonne der scharfen Linie des\nHorizonts. Es schien, als wolle sie sich mit dem Meer zer-\nfliefsend vermischen, als giefse sie ihre Glut ganz auf-\ngeschmolzen hinein; unten strömte das reine Gold in die\nFlut, oben erhielt sich die Kugelgestalt. Aber nur kurz\nwährte das Spiel. Denn schnell, als freue sie sich des er-\nfrischenden Bades, tauchte sie ein, weiter und weiter, und\njetzt jetzt war auch die äufserste Spitze verschwunden.\n„Herr Doctor, Sie hier?“\nIch erschrak. Auf die Menschen ringsum hatte ich nicht\ngeachtet, und die Begrüfsung war mir so unangenehm wie\nüberraschend. Es war ein deutscher Maler, den ich im\nWinter einmal, in Florenz, bei derselben Familie kennen\ngelernt, mit der er auch hier zusammensafs, einem Professor\nund seiner Tochter. Man war so liebenswürdig zu glauben,\ndafs mich das Wiedersehen freue, und machte mir Platz am\nTisch. Dem allerdings widersetzte ich mich, denn ich sollte"}, {"page_pdf": 29, "page_imprimee": "283", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.29", "texte": "dem Abendhimmel den Rücken kehren, und nur mit Mühe\nbewog ich sie, an der Brüstung Platz zu nehmen, da wo ich\neben gestanden. Der Maler setzte sich neben die Tochter,\nfür die er sich, wie mir einfiel, schon früher interessierte.\nIn der That, sie war schön: prachtvoll safsen die tiefen,\nglühenden Augen in dem edelovalen Kopf, ich wufste, es\nwar nichts dahinter, aber auch dumme Augen können sehr\nschön sein, Kühe haben sogar ganz herrliche Augen. Der\nVater war ein kleiner ältlicher Mann, dessen Physiognomie\nnicht mehr verbarg, als sie versprach; alles schielte an ihm,\nAugen, Schultern und Beine.\nDie Gesellschaft war von dem Aufenthalt wenig erbaut,\nund obwohl sie erst zwei Tage hier war, hatte doch jeder schon\netwas Besonderes entdeckt, das ihm mifsfiel: der Professor\nfand es zu laut, dem Maler waren die Berge zu fern und die\nKüstenbildung zu uninteressant, das Fräulein ärgerte sich über\ndie vielen Bettler, die Lahmen und Blinden.\nLebhaft stimmte der Maler ihr bei: cs sei eine freche\nBande, und obendrein verderbe ihr Ekel erregender Anblick\nihm den Genufs der Natur.\nIch bemerkte, das treffe doch nicht auf alle zu, und er-\nwähnte des Mädchens. Er hatte Selene auch schon gesehen\nund begriff mich nicht. In Rücksicht auf die zwischen uns\nSitzenden sprachen wir italienisch.\n„Wäre ich Maler wie Sie,“ sagte ich, „so würde es mich\nunzweifelhaft reizen, dies arme Geschöpf in scharfem Contraste\nzu einer farbenglühenden Landschaft zu malen.\"\n„Machen Sie doch ein Gedicht daraus,\" entgegnete er,\n„ein gutes Bild wird das nie.\"\n„Ei gewifs, es ist sogar eins, darum vielleicht dürfte\nman es nicht noch einmal machen. Sie kennen doch Pigl-\nheins ,Blindec?\"\n„O ja. Aber ich mag’s nicht. Was Sie daran scheinbar\nentzückt, verdirbt es mir gerade. Denken Sie sich in das\nMädchen Augen hinein, dann ist es gut. Nichts ist schöner\nam Menschen als das Auge, nichts für den Maler bedeutender.\nWenn er es aber geschlossen malt, so bringt er uns um das\nBeste und drückt, einem genrehaften Gedanken zuliebe, das\nKunstwerk zur Illustration herab. Diese sogenannten Ideen\nsind überhaupt für die Kunst ein Verderb. Und gar eine\nBlinde! wie kann man nur so etwas malen? das ist ge-\nschmacklos.\"\nWährend das Fräulein aus ihren herrlichen Augen dem\nFreund einen Blick dankbaren Verständnisses zuwarf, rührte\nsich jetzt zu meiner Verwunderung der Professor und war\nmit einer Antwort schneller zur Hand als ich:\n„Ueber Geschmack sollten die Herren nicht streiten.\nHistorische Denkart schützt uns davor, das eigene Gefühl\nfür absolut richtig zu halten, und in nichts schwankten von\nje die Meinungen mehr als in ästhetischen Dingen. Die Alten\nsind uns in Vielem ein Mafs, und sie liefsen die Blindheit\ngelten auch in der Kunst. Oedipus selbst, der sich die Augen\ngrausam zerstörte, war ihrer Empfindung nicht widrig: sie\nkonnten ihn auf der Bühne stundenlang sehen, und ihre\nAusdrucksmittel waren recht derb.\"\n„Sehr richtig!\" fiel ich ihm bei. „Für die Alten lag in\nder Blindheit sogar etwas Hehres, Heiliges. Als Blinde\ndachten sie sich die Seher, so widersprechend das scheint,\nja Homer, Homer selbst war blind in ihrer Idee, und so\nauch stellte die Kunst ihn dar.\"\n„Verzeihen Sie,Cc sagte der Maler, „die Wissenschaft mag\ndergleichen Wandlangen des Geschmacks registrieren, soviel\nsie will, bekommt sie denn dadurch das Recht, uns\nLebende zu entmündigen, uns unentschieden und halb zu\nmachen? O, sie hat es darin schon weit gebracht! Mich\naber soll sie nicht hindern, zu fühlen und folglich zu sagen:\ndie Alten sind in diesem Punkte geschmacklos, geschmacklos\nund obendrein thöricht. Blinde Seher gebe ich zu: wer die\nZukunft schaut, bedarf nicht des Anblicks der Gegenwart.\nDas ist ein Gedanke und will nicht mehr sein. Aber ein\nblinder Dichter, ein blinder Homer gar, dieser Homer, der\nalle Natur so intim beobachtet hat, nein hören Sie, das\nist doch einfach Unsinn!\"\nDas schöne Fräulein lachte vergnügt: für so dumm habe\nsie doch die alten Griechen bisher nicht gehalten. Auch der\nProfessor lächelte vor sich hin: dafs darin etwas durchaus\nUnlogisches liege, müsse ich allerdings wohl auch zugeben.\n„Gewifs, Herr Professor, und wenn Sie der Logik\nauch in ästhetischen Fragen das letzte Wort zugestehen, ist\nall’ unser Streiten umsonst, wir werden uns niemals einigen.\nEins aber lassen die beiden Herren mich noch sagen: die\nVorstellung von der Blindheit Homers war einem anderen\nDichter sympathisch, der doch zugleich als Denker und als\nästhetischer Mensch auf unbestrittener Höhe steht, keinem\nschlechteren als Goethe. Er hat daran nicht logisch genörgelt,\ner hat sie nur rein als Künstler empfunden, es war ihm ein\nschönes, erhabenes Bild: ein blinder Sänger, welcher das\nMenschenherz und die Welt durchschaut vermöge der\n,inneren Sehkraft'. So nannte er diese der rohen Natur und\ndem kalten Verstände fremde, unfafsliche Kraft, und wer\nweifs? vielleicht ist das nicht nur eine poetische Schrulle.\"\nAlle Drei zuckten die Achseln, etwas verächtlich, wie\nmir schien, und der Maler entgegnete:\n„Was Sie von Goethe erzählen, beweist mir ebensowenig\nwie das von den Alten. Auch feine Geister haben wohl hier\nund da eine Scharte: vielleicht, je feiner sie sind, desto eher.\nUnd vor allem beweist es nichts für die Malerei. Davon\ngingen wir aber doch aus. Mir als Maler ist Blindheit zu-\nwider: sie ist häfslich, und weiter nichts. Ein gesundes, zu\nseinen Funktionen taugliches Tier steht tausendmal höher\nals ein Mensch, dem das Augenlicht fehlt. So etwas ist gar\nkein Mensch. In der Kunst ist kein Platz für dergleichen,\nund im Leben, seien wir doch ehrlich! im Leben auch nicht.\nWir verkommen in krankhafter Sentimentalität mit all’ dem\nhumanen Gefasel. Starke, gesunde Menschen allein verdienen\nzu leben, Menschen, die jeden Sinn kräftig besitzen. Ein\nGeschlecht zu bilden, das in der Vollkommenheit aller Sinne\ndas Ideal der Menschheit erblickt, das sollte die Aufgabe\nsein. Darum ist auch die Kunst im höchsten Sinne Erzieherin,\nzur seelenvollen Gouvernante steht sie zu hoch. Die Kunst\nist hart, hart wie das Leben. Und eher wird unser Leben\nnicht rein, als bis wir wieder Spartaner werden, bis wir das\nKranke, Halbe, Mifsratene von uns stofsen. Wir haben\nwahrhaftig vergessen, was ,häfslichc heifst: wir hassen das\nHäßliche garnicht mehr, wir verloren die Kraft dazu und\nmit ihr auch den Mut, uns von ihm zu befreien, es schonungs-\nlos zu vernichten!\"\nDer alte Professor war sichtlich verdutzt, und das Fräu-\nlein blickte mit scheuer Bewunderung auf den Sprecher, der\nsich zum Schlufs mit beiden Händen kräftig die Kniee schlug."}, {"page_pdf": 30, "page_imprimee": "284", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.30", "texte": "Dann setzte er sich zurück und kreuzte die Arme. Es war\nganz still, die kleinen Wellen nur rauschten herauf in kurzem,\ngleichmäfsigem Takt. Dazwischen war mir s auf einmal, als\nhörte ich hinter mir einen leisen Schritt.\nIch wandte mich um: Selene! Behutsam schlich sie\nsich fort, der Treppe schon nah, doch ohne Zweifel von\nuns her.\nEin Schrecken ergriff mich, ein jäher Gedanke: wie,\nwenn sie alles gehört?! Diese Brutalität mufste ihr ja den\nletzten dämmernden Rest von Lebensfreude zerstören! Wenn\ndas unglückliche Kind nun auf den Molo ging und dies\nlichtlose, häfsliche, weniger noch als tierische Leben von sich\nwarf ?\nIch erhob mich, verwirrt, nahm hastigen Abschied und\nsah nur noch, wie des Malers Lippen ein sieghaft spöttisches\nLächeln umspielte.\nAuf den untersten Stufen der Treppe holte ich schon die\nEilende ein und ergriff ihre Hand.\n„Erschrick nicht, Selene, ich bin’s.“\n„Ich weifs, Herr.“\n„Warst du lange dort oben?“\n„Lange wohl nicht. Ich war müde und ruhte mich aus,\nda es still war. Ich hörte Sie sprechen.“\n.„Hast du gehört, was wir sagten?“\n„Gewifs, Herr.“\n„Alles?“\n„Ich glaube.“\n„Und was hast du dabei gedacht?“\n„Gedacht, Herr?“\n„Hast du dich sehr gefürchtet?“\n„Aber Herr! die Madonna beschützt mich.“\n„Doch warum entferntest du dich? Sag’ die Wahrheit!“\n„Es ist Zeit, höchste Zeit, Herr! Die Fremden gehen jetzt\nschon in die Restaurants. Die Mutter sagt, es sind heute\nviel Neue gekommen. Die Neuen sind immer die Besten.\nSo lassen Sie mich!“\nMit heftiger Ungeduld löste sie ihre Hand aus der meinen,\nund schnell verschwand sie im Dunkel, sicher und leicht, wie\neine Fledermaus. War sie denn wirklich nicht mehr als ein\nTier, das nichts anderes kennt als Beute und Nahrung? und\nhatte der Maler doch Recht, von humanem Gefasel zu reden ?\nMein Gefühl war verwirrt: ich wollte mir’s nicht ge-\nstehen, dafs uns Mitleid oft mehr noch als Liebe verblendet.\nAm nächsten Morgen fand mich Selene auf dem ge-\nwohnten Platz, und als sie ihren Soldo erhalten hatte, sagte sie;\n„Ich will Sie dem Himmel empfehlen, Herr.“"}, {"page_pdf": 31, "page_imprimee": "285", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.31", "texte": "DAS ABENDMAHL\nKarl von der Heydt\nEine Kirche weifs dämmernd\nSich leerende Bänke\nEine kleine Schar Schwarzgewandeter\numdrängt den jungen Pfarrer:\nMühseliges und beladenes Alltagsvolk,\nmit ungefügen Feiertagsgesichtern.\nWie traumverloren über sie hinweg,\nblickt er ins Leere.\nBetet er?\nDie Hände sind nicht gefaltet,\nund die Augen richten sich nicht gen Himmel.\nWas er schaut,\ngehört der Erde an.\nEin Mahl sieht er,\nDiesem hier nicht gleich:\nkein Opferfest,\nauch kein Erinnerungsmahl an Tod und Leiden...\nNein, in der Morgensonne goldnem Licht:\nein Stärkungsmahl zur Thatl\nUnd um die Tische\nein königlich Geschlecht:\nMänner mit Herrscherblicken,\nmit goldnem Haare Frauen,\nFrühlingswonne in den Augen,\nwie eines neuen Heilands Jünger,\nzusammengekommen\nvon den Enden der Welt.\nUnd von ihrem Mahle\ngeht es aus\nwie Sturmwind, der Fesseln zerbricht,\nwie Lenzhauch, der Leben gebiert,\nvoll flammender Allmacht\nund weihender Liebe.\nUnd Hand in Hand\ntreten sie hinaus\nin jubelndem Reigen\naus ihrem Gezelt,\nund ziehen dahin\nwie auf blühender Au.\nDie Wildnis ebnet sich zum Weg für sie,\nder reifsende Strom verengt sich zur Furt;\nsie erklimmen die Berge\nfurchtlos vorbei an toddrohenden Klüften,\nsie eilen mit dem Sturm,\nund lodern mit der Flamme,\nund machen unterthan die Erde,\nsich, den Uebermenschen!\nSie finden der Schönheit\nmarmornes Urbild\nim schweigenden Hain;\nentschleiern das Rätselantlitz der Wahrheit,\nlösen dem Sturm die eherne Zunge\nzu der Freiheit tönendem Lied,\nund in der verjüngten Erde\nschimmernde Gründe\nfolgt ihnen selig\ndie neue Menschheit,\nin Unschuld und Kraft,\nin Weisheit und Schöne\nWie eine fremde Stimme\nweckt ihn seine Rede.\nUnd seelenlos, schaurig hört er\nvon den eigenen Lippen,\nden unbewufsten,\ndie Einsetzungsworte:\nUnser Herr, Jesus Christus,\nin der Nacht, da er verraten ward,\nbrach er das Brot\nUnd so bricht er das Brot,\nund läfst den Kelch kreisen,\nund schliefst neu den Bund,\nzu Leiden und Knechtschaft . . .\nUnd mit den Abendschatten,\ndie die goldene Feiertagswelt verlöschen,\nsenkt sich sein Haupt,\nunter der Wucht der Erkenntnis:\ndafs er jetzt ihn verrät,\nden Uebermenschen,\nden Gottmenschen,\nin ihm selbst\nund in jenen."}, {"page_pdf": 32, "page_imprimee": "286", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.32", "texte": "FLAMMEN\nWilhelm Holzamer\nUnd vor meinen Augen wird es Tag.\nSachte will sichs in die Seele tasten\nWie ein Lächeln. Was im Dunkeln lag\nSeh ich nun in bunten Lichtern fröhlich glasten.\nMählich, wie der heisse Schmerz verkühlt,\nSeh ich einen milden Frieden strahlen\nDir im Antlitz, und die Seele fühlt\nSich befreit von ihrer Zweifel müden Qualen.\nDieses dank ich deiner Sorge, sieh!\nUnd dein Dichter zahlt die Schmerzensschulden\nZehnfach, dass ihm neue Kräfte lieh\nDeiner bangen Liebe treu verschwiegnes Dulden.\nTritt ans offne Fenster mit mir. Klar\nSoll das Morgenleuchten uns umfluten.\nWarm umschlungen. Was uns schmerzlich war,\nLoht als Weiheflamme aus den heiligen Gluten.\n\nAM ELBDEICH\nA. SIEBELIST"}, {"page_pdf": 33, "page_imprimee": "287", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.33", "texte": "EINE NOVEMBERERINNERUNG\nVON\nHANS MUELLER-BRAUEL\nund was ich Dir noch schreiben wollte:\ndas Birkenbäumchen auf dem Grabe der armen\nAnna ist dieses Frühjahr so schön gewachsen, die\nKrone ist nun so dicht und grün, du wirst Deine\nFreude daran haben. Und wir fürchteten doch\nimmer, es würde nicht durchkommen. Mutter\nund ich haben neulich das Grab wieder zurecht\ngemacht “\nDas Grab der armen Anna!\nWie lebendig jener Novemberabend vor meiner\nSeele steht! . . . Jener Abend, dem ein so trauriger\nTag folgte —i\nNovembersturm!\nHei! wie es über die weite Haide raste. Wie\nein wettergepeitschtes Wellenmeer wogte sie hin\nund her, auf und nieder. Und die Birken am\nHaidewege! Wie angstvoll die sich beugten und\nneigten, zitternd, gehorchend und nachgebend,\num von dem rücksichtslosen Herrn nicht gebrochen\nzu werden. Denn der würde sie sonst brechen\nund lachend ihre Kronen über die Haide treiben.\nDafür ist er ja der Herr, der Stärkere; und\ndie Stärkeren haben immer Recht\nDa litt es mich nicht länger daheim! Ich mufste\nhinaus in den Sturm und auf meine Haide.\nDenn ich liebe den Sturm!\nUnd mein Ziel war dann immer der Krähenberg,\nder „Krainbarg“, wie er im Volke hiefs eine\nAnhöhe, die fast meilenweit das Land beherrschte.\nZu welcher Zeit es auch war: mochte der Frühling\nseinen ersten grünen Schleier über Busch und Bäume\nspinnen, mochten in heifser Sommersonne weit\nund breit die goldigen, wogenden Kornfelder reifen,\nmochte die scheidende Herbstsonne die nahen und\nfernen Wiesen, Felder und Wälder in vielfarbig\nbunte Gewänder hüllen oder die Wintersonne\nbläuliche und violette Schatten über die weite,\nmit blendendem Schnee bedeckte Landschaft werfen ;\nimmer war es dort schön.\nDen Krähenberg krönte ein Hain uralter, braun-\nästiger Föhren mit unzähligen Krähenhorsten. Die\nStämme knorrig und verwittert! Ich habe ähnliche\nnie und nirgends wiedergesehen.\nSie beschatteten ein halb versunkenes, granitenes,\nmoosbewachsenes Hünengrab. Ein Herzog läge da-\nrunter, erzählten die Leute, und eine Menge Sagen\nund Geschichten knüpften sich an dieses Grab!\nZwei Wege führten zu ihm. Der eine, be-\nquem, gut gebahnt, vom Dorfe her, eine Viertel-\nstunde von unserem, etwas alleinstehenden Hause\nentfernt, in allerlei Bogen, und über den Berg\nweiter zu den Wiesen in der Niederung, durch\ndie der tiefe, reifsend schnelle Haidebach flofs.\nDen anderen Weg suchte man sich selber,\nquer durch die hohe Haide. Den wählte ich heute.\nSo grausig schön war der Sturm auf der Haide\nnoch nie gewesen.\nAlle Fernen waren eingehüllt von grauen, zer-\nfetzten Nebelschleiern, die die Formen verwischten\nund Erde und Himmel mit einander verbanden.\nDie Machandelbäume die Cypressen der Haide,\ndie im Dämmerlicht so gespenstisch - unheimlich\n\nLANDSEE\nP. KAYSER"}, {"page_pdf": 34, "page_imprimee": "288", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.34", "texte": "aussehen wogten auf und nieder, bald sich fast\nzur Erde neigend, dann wieder hochaufgerichtet.\nWie Schiffer boote auf tosenden Wellen!\nNicht lange und ich stand unter den Föhren\ndes Krähenberges!\nWie schön unheimlich schön!\nIch wickle mich fest in meinen Mantel. An\neinen Stamm gelehnt horche ich hinaus auf die\nMelodieen, die der Sturm hier singt. Wie das\nknarrt und ächzt und stöhnt. Bald qualvoll jammernd,\nbald gell aufkreischend und dann wie unterdrücktes\nWimmern. Ueber all’ diesen Nebentönen aber die\nhelle gelle Sturmlustweise, die pfeifend um die\nStämme heult, die die Kronen schüttelt und hoch in\nden Lüften sich wirbelnd um sich selber dreht.\nUnd dazwischen wieder heiseres Krähengekrächz.\nAufgescheucht aus ihren Horsten flattern sie\nschreiend und lärmend umher, vom Sturm manch-\nmal, mitten im Auffluge, weit in die Haide gefegt.\nUnd dann wieder sekundenlanges Schweigen\nund tiefste Stille ....\nWas ist das??\nEs kam nicht aus den Kronen, es war wie eine\nMenschenstimme. Ein Aufstöhnen in qualvollem\nJammer. . .. Aber wer weint hier? Um diese Zeit\nund bei solchem Wetter?\nUnd ich horche hinaus in den Sturm, der mit\ndoppelter Stärke wieder eingesetzt hat....\nVergeblich. Sein Wüten übertönt alles.\nIch will die Rasenbank am Hünengrabe suchen.\nDa kniet ein Etwas ein Weib ein Mäd-\nchen ! . . . . Ersticktes Schluchzen. Ich fasse die Ge-\nstalt, schüttle sie und richte sie, gewaltsam fast, auf.\n„Wer bist du, unglückliches Menschenkind?tc\nUnd im Dämmerlichte sehe ich ein ent-\nsetztes, verstörtes Antlitz, wirr hängen dicke nasse\nSträhne gelösten Haares darüber ....\n„Anna!“\nIch schreie es fast.\nEine Flut von Gedanken schiefst mir durch\nden Kopf. Blitzartig wird mir klar, warum sie\nhier ist, heute, und so\nBegütigend fasse ich ihre Hand und rede ihr\nzu, mitzukommen, diese Stätte zu verlassen.\nSie sagt kein Wort, willenlos folgt sie meiner\nFührung.\nWir gehen zu unserem Hause. Den guten, ge-\nbahnten Weg. Plötzlich, an der Wegkreuzung\nreifst sie sich los und biegt seitab, den Wiesen zu . .\nAlso so liegt die Sache!\nNach wenigen Minuten hab ich sie eingeholt.\nGewaltsam versucht sie, sich loszureifsen. Ein\nkurzer Kampf eiitspinnt sich zwischen uns. Auf\neinmal aber bricht sie mir unter den Händen zu-\nsammen. Wie Fieberfrost läuft es durch ihren\nKörper. Die Erregung, Nässe und Kälte und zu-\nletzt das stumme, erbitterte Ringen zwischen uns\nSie liegen lassen und Hülfe holen?\nDas würde eine halbe Stunde dauern; und\nbis dahin wäre sie wieder zu sich gekommen und\nkönnte ihr entsetzliches Vorhaben ausgeführt\nhaben.\nEs gelingt mir, sie wieder aufzurichten. Ich\nwickle sie in meinen Mantel; doch nur taumelnd\nbewegt sie sich vorwärts, und nur mühsam kommen\nwir weiter.\nZu Haus übergab ich sie meiner Mutter und\nSchwester Tine. Bald ruhte sie warm gebettet, und\nMutter war sorgend um die Arme bemüht ....\nUnd am anderen Morgen?\nDa war sie verschwunden.\nSpurlos verschwunden. Keine Seele im Hause\nhatte es bemerkt. Und nicht einmal alle Kleider\nhatte sie angezogen. Die hatte Mutter so schön\ntrocknen lassen.\nUeber dem Toben des Sturmes war niemand\nbei dem Oeffnen der Hausthür erwacht.\n.... Um Mitternacht war sie fest eingeschlummert\ngewesen.... Vorher hatte sie Mutter ihre Geschichte\nerzählt. Hastig, verworren, wirr, dann ganz\nruhig, unnatürlich ruhig, starren Blickes ....\nEs war die alte ..... die oft passiert ist, die\noft noch passieren wird. Sie war arm, ganz arm,\nganz jung und schön, sehr schön. .. . Darum.\nEben. Und er war der einzige Sohn des reichen\nHofbauern. Vielleicht hatte er auch wirklich was\nvon ihr gehalten, sie aber hatte ihn über\nalles geliebt und ihm alles gegeben. Denn die\nLiebe ist die gröfste Geberin.\nIm Dorfe hatte man schon lange von den\nBeiden geredet.\nDas hatte sie Mutter erzählt. Zwischendurch\nwar sie aufgesprungen und hatte wieder fort wollen\nin Nacht und Sturm hinaus.\nEndlich hatte Mutter sie überredet, sie war\nganz still und ruhig geworden und eingeschlafen.\nUnd nun?\nWir schickten zum Hof bauern, ihrem Dienst-\nherrn —, und liefsen fragen, ob Anna wohl noch\neinmal zurückgekommen wäre.\nEs wäre ihm einerlei, wo die Dirne wäre,\nliefs der Hofbauer sagen, zurückkommen"}, {"page_pdf": 35, "page_imprimee": "289", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.35", "texte": "zu ihm würde sie schon nicht. Er würde sie auch\nmit Hunden vom Hofe hetzen. Was die sich\neinbilde, seinen Sohn, den einzigen Erben des\nHof bauern, zu freien! So ’ne Betteldirne!\nDes Hofbauern Sohn aber wäre gestern Abend\nnoch fortgebracht worden, setzte das Mädchen\nhinzu; er solle, weit von hier, ein paar\nJahre die Wirtschaft lernen ....\nWir suchten nach ihr.\nUnd um Mittag fanden wir sie dann im Haide-\nbache. Der stark angeschwollene Bach hatte sie mit\nfortgeschwemmt. Im bleichen Gesicht waren viele\nSchrammen und Wunden. Die mufsten die Baum-\nwurzeln der unterspülten Ufer ihr beigebracht haben.\nAuf dem Krähenberg haben wir sie begraben lassen.\nEr gehörte vorher dem Hofbauern. Doch als\ndie Tote in unser Haus getragen wurde, liefs er\nihn uns anbieten, obwohl er einen Verkauf sonst\nimmer streng abgelehnt hatte ....\nAber auf dem Krähenberge waren Anna und\nHofbauers Fritz immer zusammen gekommen. . . .\nNun liegt sie dort draufsen auf der luftigen\nHöhe, ganz allein und frei, von keinem Zwange\nund keinem Vorurteil mehr gehetzt.\nEs hatte niemand etwas dagegen, sie dort zu\nbeerdigen. Eltern und Verwandte hatte sie nicht.\nAuch die Kirche machte keine Einwendungen. An\neiner „Selbstmörderin“ war ihr nichts gelegen.\nWir haben ihr eine junge, schlanke Birke auf\ndas Grab gepflanzt. .. . Auch Blumen, und die\nblühen dort nun, rot und gelb und weifs ....\nVor zwei Jahren war ich zuletzt dort.\nDa sang der Sommerwind in den Kronen der\nFöhren und es war ein Wispern und Raunen, als\nwollten Wind und Bäume der einsamen Schläferin\nSchlummerlieder singen!\nUnd das Blättergeriesel der jungen Birke klang\nwie leises, feines Engelsingen ....\n\nSTUDIE\nFRITZ MACKENSEN"}, {"page_pdf": 36, "page_imprimee": "290", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.36", "texte": "KLEINE LEGENDE\nVON\nCARL BULCKE\n„Nur immer herein!“ hatte Petrus gesagt.\nNun stand der Kleine im Himmel verzagt;\nUm ihn ein grosser, goldener Schein,\nLustige Englein flogen darein.\nUnd als er da so mit offenem Mund\nGeblendet vom himmlischen Lichte stund,\nIm weissen Hemdchen, vornübergebückt,\nDen Hampelmann zärtlich ans Herz gedrückt,\nSieh, aus dem Kreise der Englein trat\nZu ihm sein früherer Spielkamerad:\n„Komm mit, wir tanzen heut Ringelreih,\nDer Hans vom Nachbar ist auch dabei,\nKomm mit, wir gehn auf die Himmelswiese,\nIch pflücke dir Blumen im Paradiese,\nKomm mit, du Kleiner, was zögerst du,\nWir spielen Pferdchen und Blindekuh —“ . .\nDer Kleine stand still und weinerlich da,\nSprach immer nur wieder: „Ich will zur Mama\nDas hörte der Heiland; sein Herz ward warm,\nEr nahm den Jungen auf seinen Arm\nUnd trug ihn zur Gottesmutter Marie\nUnd küsste ihn und küsste sie.\nUnd als der Knabe Maria sah,\nEr lachte glückselig: „Guten Morgen, MamaP"}, {"page_pdf": 37, "page_imprimee": "n. p.", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.37", "texte": "BLÜHENDE HALLIG\nJ. ALBERTS\nNETZÄTZUNG NACH EINEM BILDE PAN II 4."}, {"page_pdf": 39, "page_imprimee": "291", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.39", "texte": "SCHERZO\nCarl Mönckeberg\nIch träumte, all meine vergangenen Jahre trabten als graue\nEselchen in grofser Parade an meinem musternden Blicke vorbei.\nUnd auf jedem Esel, grad im Sattel, den Kopf frisch und froh in\ndie Luft hinaus, die treibenden Schenkel stramm angelegt, safs ein\nanderes Ich von mir. Sie grüfsten mich alle und sahen ehrfurchtsvoll\nzu mir auf warum, wufste ich nicht. Doch als der letzte vorbei\nwar, ritt auch ich auf einem Esel und schlofs mich den andern an,\naufblickend zu einem späteren Ich von mir. Auch dieses kam hurtig,\neselberitten, hinter mir her, und immer ein älteres Ich hielt oben\nMusterung, um von einem noch älteren abgelöst zu werden.\nAls wir unser siebzig waren, kam mein würdiges Siebziger-Ich,\netwas steif, aber immer noch kräftig, mit weifsen Haaren, funkelnden\nAugen und roter Langnase, auf einem mageren Eselchen von seinem\nMusterplatze und wurde der letzte in unserer Kette.\nPlötzlich ein Donnerkommando! wie geschah mir: jeden von\nuns Siebzig, mich selber auch, umwimmelte eine Schwadron von 365\nwinzigen Reitern auf Eselsfüllen, lauter kleine Ichs von mir; die\nweite Ebene war von diesem grauen, langnasigen Rattengewimmel\nüberraschelt. Und sie machten es uns Grofsen nach: dieselbe Parade\nspielten sie unter sich —, immer sah ein früherer erwartungsvoll zum\nspäteren auf, der ihn verächtlich, wie etwas Abgethanes, defilieren liefs\nund schliefslich denselben Weg wandeln mufste.\nAber weh! Unübersehbar füllte sich der Riesenexerzierplatz\nmit Zwergen: jeder von den 365 stampfte 24 Berittene aus dem\nBoden, hielt schleunigst Parade ab und gab einen Wink; da sammelte\nsich um jeden der 24 ein Fähnlein von 60 puppenähnlichen Reitern, die\nmir zwTar alle entsetzlich ähnlich sahen, doch unter sich ganz verschieden\nwaren und nach Rang und Alter einander weidlich verachteten.\nUnd jede von den Puppen wollte selbst befehlen und siehe da:\njede jagte wiederum mit einem Sechziger-Häuflein, diesmal so klein\nwie Bleisoldaten, über das Feld das waren meine Sekunden - Ichs\noder Ich-Sekunden; jede einzelne in selbstbewufster Gegenwart, anbetend\nden Nachfolger, verachtend den Vorgänger, eine sonderbare Armee!\nJetzt waren es 70 mal 365 mal 24 mal 60 mal 60 verschiedene\nIchs\nUnd ganz verwirrt dachte ich nach über die Kontinuität des\nSelbstbewufstseins.\n\nMONDSCHEIN\nJULIUS VON EHREN"}, {"page_pdf": 40, "page_imprimee": "292", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.40", "texte": "Rundschau\n\nLUDWIG VON HOFMANN\n\nKARL FRIEDRICH VON RUMOHR\n1775 - 1865\n\nAdelsfamilie dieses Landes und bei aller Eigenart hat er seinen\nreichlichen Anteil von dem Charakter des holsteinischen\nMenschenschlages und besonders auch von den in den ritter-\nschaftlichen Familien ausgebildeten traditionellen Eigen-\nschaften.\nAuch war Holstein oder eigentlich Lübeck und ein in\nder Nähe gelegenes Familiengut Rumohrs eigentliches Heim,\nin dem er den gröfsten Teil seines Lebens verbrachte.\nDie Zeit seiner gröfsten Produktivität fällt in die 20 er\nund 30 er Jahre dieses Jahrhunderts und inmitten der im\nwesentlichen auf süd- und mitteldeutscher Volksart ruhenden\nKultur dieser Zeit tritt die Gestalt dieses echten Holsteiners\nsehr markant hervor. Ein besonnener, ruhiger, vorwiegend\nkritisch beanlagter Kopf, ist nichts süddeutsch Schwärmendes,\nEnthusiastisches, nichts schwäbisch Grübelndes, Träumendes\nan ihm. Seine ganze Weise hat, verglichen mit der übrigen\nlitterarischen Weit der Zeit, etwas Kühles, Verstandesmäfsiges;\nsein Urteil ist langsam und vorsichtig, aber sicher und be-\nstimmt. Er verläfst nie den festen Boden seiner scharfen und\nklaren Gedankenfolge, auch nicht in seinen philosophisch-\naesthetischen Untersuchungen, während damals gerade auf\nEUTSCHLAND verdankt seinem Nor-\nden wie den Begründer der antiken so\nauch den der modernen Kunstge-\nschichte ; Winckelmann und Rumohr.\nObwohl in Obersachsen geboren,\ngehört Rumohr seiner Abstammung\nwie seiner ganzen Eigenart durchaus\ndem Nord westen, durchaus Hol-\nstein an.\nEr entsprang einer autochthonen\ndiesem Gebiet die verflogensten Spekulationen nisteten und\n„die Begriffsromantik” ihre exotischsten Blüten trieb. Sein\nStil ist bedächtig, stets in gleichem Tempo, zuweilen etwas\nschwerflüssig, entbehrt aber nicht der Würze gelegentlicher\nscharfpointirter, glücklich gefundener Wendungen.\nWie Rumohr so durch den Volksschlag, dem er angehörte,\nbestimmt war, verdankte er dem Stande, aus dem er hervorging,\ndafs er ein Weltmann vielseitiger Bildung wurde, dafs er\nnichts professorenhaft Zünftiges hatte und stets lebendige\nAnschauung seine Forschungen begleitete. Sein weitreichender,\ndie verschiedenartigsten Gebiete umfassender Blick schützte\nihn vor Pedanterie und Kleinigkeitskrämerei und bei aller\nGründlichkeit findet sich bei ihm doch nichts von jenem\nGeiste des Spezialistentums, der jetzt immer mehr aus den\nNaturwissenschaften in die Kunstforschung ein dringt. Seine\nAnsichten und Anschauungen über Kunst sind ganz der\nNiederschlag eines reichen und angeregten Lebens , das ihm\neinen unerschöpflichen Beobachtungsstoff darbot, und haben\nnichts mit den grauen am Schreibtisch ersonnenen Theorien\nder damaligen Aesthetiker gemein.\nBei dem aufserordentlich grofsen Interessenkreis Rumohrs\nist auch seine schriftstellerische Thätigkeit sehr vielseitig. Er\nhat für seine Zeit sehr Hervorragendes als Agrarpolitiker\ngeleistet, hat über praktischen Landbau geschrieben, war\nDichter und Philosoph und verfasste ein Buch über Höf-\nlichkeit und den Umgang mit Menschen. Durch seinen\n„Geist der Kochkunst” ist er ein deutscher Brillat-Savarin\ngeworden. Nicht zu vergessen sind endlich seine kultur-\nhistorischen Studien. Trotz dieser Vielseitigkeit ist Rumohr\nnirgends Dilettant, alle seine wissenschaftlichen Arbeiten\nzeigen die gleiche Gründlichkeit und dasselbe ernste Studium,"}, {"page_pdf": 41, "page_imprimee": "293", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.41", "texte": "am meisten aber seine kunsthistorischen Schriften, mit denen\ner sein Ansehen am dauerhaftesten begründet und sich die\nnachhaltigsten Verdienste erworben hat. Denn er war es,\nder zuerst der Kunstgeschichte eine wissenschaftliche Basis\ngab, indem er zeigte, dafs diese Disziplin wie alle Geschichte\nauf der Erforschung und Kritik der Urkunden beruhen mufs.\nDie stilistische Untersuchung der Kunstwerke selbst mufs\nstets durch die historischen Dokumente kontrollirt und er-\ngänzt werden. In der Anwendung dieser beiden Methoden\nbesafs Rumohr eine Meisterschaft, die in seiner Zeit einzig\ndastand. Die feine Bildung seines Auges war ebenso unge-\nwöhnlich wie der Scharfsinn und die Umsicht, mit der er\ndie Schätze der italienischen Archive durchforschte.\nDas Buch, in welchem er der Kunstgeschichte diese neuen\nBahnen wies und welches das Fundament geworden ist, auf\ndem die gesamte deutsche Kunstforschung weiterbaute, sind\ndie „italienischen Forschungen“ (1827).\nDer kritische Zug, der in seinem Wesen vorherrschte, tritt\nhier besonders stark hervor. Alles Traditionelle, Legendenhafte,\ndas bisher die Kunstgeschichte mehr als alle anderen Zweige\nder Historie zur fable convenue gemacht hatte, fällt vor seiner\nkühlen und eindringenden Untersuchung zusammen. Beson-\nders richtet er sich gegen Vasari, der, über die Anfänge der\nKunst in Italien nur unzureichend unterrichtet, die früheren\nKunstforscher oft irre geführt hatte. Zwar war seine Au-\ntorität schon stark erschüttert, aber Rumohr räumte gänzlich\nmit ihr auf.\nEr selbst bezeichnet sein Buch bescheiden als Versuch,\neine neue Methode anzubahnen, aber in der That ist es weit\nmehr, denn viele der von ihm gefundenen Resultate sind als\nWahrheiten für alle Zeiten gesichert; andrerseits ist es aber\nauch kein abschliefsendes und auch kein umfassendes Werk\nüber italienische Kunst, vielmehr nur die Geschichte einzelner\nSchulen und Zeiten. Es handelt sich darin fast ausschliefslich\num Florenz, Umbrien und Siena, Rumohrs eigentliche Domäne.\nMit einer in jener Zeit unerhörten Feinheit des Verständnisses\ncharakterisiert er die einzelnen Meister, ihre Wirksamkeit\nund den Zusammenhang der Schulen. Und alles, worüber\ner spricht, hat er gesehen, mit seinem feinen Auge gewogen\nund abgeschätzt und daher haben seine Urteile etwas Leben-\ndiges, Plastisches, Angeschautes. Am glänzendsten aber zeigt\ner die Fähigkeiten seines Kennerauges in dem abgerundetsten\ndritten Bande der italienischen Forschungen. Er beschäftigt sich\nhier lediglich mit Raphael. Die Raphaelforschung hat er in ganz\nneue Bahnen gelenkt, mit der alten traditionellen Manieren-\ntheorie gebrochen und in feinster und geistvollster Analyse,\nmit gelegentlich fast divinatorischem Scharfblick das allmäh-\nliche Werden des Künstlers, die verschiedenen Einflüsse gleich-\nzeitiger Meister auf ihn und seine eigene Rückwirkung auf\ndie gesamte italienische Kunst entwickelt.\nInteressant ist die Lektüre der italienischen Forschungen\nauch dadurch, dafs sie zeigt, wie seit Rumohr die Werte in\nder Kunstgeschichte sich geändert haben: für ihn ist der\nabsolute Höhepunkt aller modernen Kunst Raphael. Ra-\nphael hat nach ihm das Cinquecento erst begründet, er ist\ndas Zentrum, alle Kunst der Zeit geht von ihm aus. Sein\nEinflufs ist in allen italienischen Schulen fühlbar, in Rom so\ngut wie in Venedig. Durch Raphael ist selbst Tizian aus\nseinen Bahnen gelenkt und Michelangelo unwiderstehlich\nin die Kreise des Gewaltigen gezogen worden; sein Bestes,\nsein Grandiosestes dankt er Raphael, nicht umgekehrt. An\nLionardo, von dem man damals freilich wenig wufste, geht\nRumohr fast schweigend vorüber, dagegen stellt er Andrea del\nSarto mit seinen Werken in der Stma Annunziata mit Raphael\nauf eine Stufe.\nDas Höchste in der präraphaelischen Kunst sind ihm Fra\nAngelico und einzelne Giottisten. Giotto selbst setzt er ziem-\nlich niedrig an. Von einer sehr hohen Auffassung religiöser\nKunst überhaupt und von grofser Bewunderung für die prae-\ngiottesken Meister ausgehend, stellt er Giotto als einen Pro-\nfanirer der Kunst dar, der sich leichtfertig von den bisherigen\ntypischen Formen christlicher Kunst abwendete. Er nennt\nihn „klar, werkthätig und besonnen“ und erkennt in ihm\nden Anfang einer mehr naturalistischen Richtung, in die die\nspätere florentinische Kunst einlenkte. Was die Romantiker\nund Nazarener insbesondere über Giotto „mit Emphase und\nUebertreibung“ gesagt, nennt er einen „Fiebertraum“, womit\ner dokumentirt, wie frei er der herrschenden Zeitrichtung\ngegenüberstand, denn gerade damals, wo Giotto der grofse\nHeilige der deutschen Malerei war, war ein solches Wort\ndie ärgste Ketzerei.\nRumohr ist es, der die sienesische Schule, für die er eine\ngrofse Vorliebe hatte, für die Deutschen entdeckt und ihnen\nnäher gebracht hat. Er hat auf ihre selbständige Bedeutung\nin der italienischen Kunstentwicklung zuerst hingewiesen.\nSandro Botticelli, den Vielgepriesenen unsrer Tage, über-\ngeht er flüchtig, nur in der Capella Sistina findet er ein Wort\nder Bewunderung für ihn. Fra Filippo und Filippino stellt\ner weit über ihn und für Ghirlandajo hegt er eine besonders\ngrofse Bewunderung.\nEs könnte nach diesen Ausführungen scheinen, als ob\nRumohr als Kunsthistoriker veraltet wäre, da sich das Urteil\nin manchen Dingen seit seinen Tagen geändert hat. Aber der\nwissenschaftliche Wert seines Werkes wird dadurch nicht\nbeeinträchtigt, dafs Rumohrs Subjektivität, dafs sein indivi-\ndueller Geschmack in dem Buche zu Worte kommt und dafs\nwir hier zuweilen von ihm ab weichen. Was Rumohr als\ngewissenhafter und kühler Forscher an Thatsachen feststellt,\nbehält seinen bleibenden Wert, wenn auch seine Vorliebe für\ngewisse Künstler und seine Abneigung gegen gewisse andere\nnicht überall von uns geteilt wird.\nRumohr hat auch für die Erforschung der deutschen\nKunst die Grundlagen geschaffen. Seine vielen Reisen in ganz\nDeutschland und sein langjähriger Aufenthalt im Norden\nlenkten seinen Blick auf die deutschen Kunstaltertümer und\nin einer Anzahl kleinerer Arbeiten legte er seine Studien nieder.\nEr schrieb eine kompendiöse Geschichte der Baukunst im\nMittelalter, die die Kunstgeschichte um eine Menge wert-\nvoller Daten und Einzeluntersuchungen bereicherte. Ebenso\nwie ein Aufsatz über „die Altertümer des transalbingischen\nSachsens“, in dem er eine Anzahl lübscher und hamburgischer\nKunstaltertümer kritisch beleuchtete. Bemerkenswert ist vor\nallem auch eine sehr gründliche, viel neues bringende Ab-\nhandlung über Holbein und sein Verhältnis zum deutschen\nFormschnitt wesen. Der Wert dieser Arbeiten liegt nicht allein\nin ihren Ergebnissen, sondern auch in der Anregung, die sie\nenthielten und in dem Hinweis auf das ungeheure, noch fast\nvöllig unangebaute Gebiet der nordischen Kunstforschung.\nSein Hauptzweck dabei war, die Forscher daraufhinzuleiten,\n„das herrliche Gebäu der deutschen Vorzeit von dem Schutt,"}, {"page_pdf": 42, "page_imprimee": "294", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.42", "texte": "mit dem es die Zeit bedeckt, zu reinigen und in alter eigen-\ntümlicher Pracht und Herrlichkeit wiederherzustellen.cc Er\nklagt, wie weit Deutschland in der Untersuchung einhei-\nmischer Altertümer zurück sei gegenüber andern Ländern.\nDie Altertumsforschung war zu seiner Zeit „ein ungebautes\nLand, von wenigen Liebhabern hier und da der nächste Acker\nbestellt, keine Uebersicht des vorhandenen, wenig Bilder-\nwerke von gründlichem Wert,“ und besonders beklagt er es,\ndafs „nach früher zu weit getriebener Geringschätzung es\nnun in der Bewunderung der mittleren Zeiten der Kunst so-\nweit gekommen, dafs von einem jüngeren Schriftsteller über\ndiesen Gegenstand kaum etwas anderes erwartet wird, als\nder Ausdruck schwärmerischer Empfindung, ohne umfassende\nSachkenntnis und ohne alle Reife der Prüfung.“\nSo stand es um die deutsche Kunstforschung vor sechzig\nJahren und, wenn man ihr jetziges Niveau mit dem dama-\nligen vergleicht und die Fülle des seitdem Errungenen über-\nsieht, wird man sich stets vergegenwärtigen müssen, dafs der\nPionier auf diesem Gebiete Rumohr war, der den ersten ent-\nscheidenden Spatenstich in das unangebaute Land that, der\ndie ersten Anordnungen und Anleitungen zu weiterer Arbeit\ngab, von denen im Prinzip seitdem nicht wieder abgewichen\nworden ist.\nRumohr hatte das intensivste Interesse für die Kunst-\nbestrebungen auch seiner eigenen Zeit und bewies es nicht nur\ndadurch, dafs er seinen Zeitgenossen die Kunst grofser ver-\ngangener Epoche wieder erschlofs, sondern er suchte auch\ndirekt erziehend, ziel weisend, mit Rat und Ermahnung auf\nKünstler und Publikum einzuwirken, da er erkannte, wo es\nder Kunst der Zeit fehlte und auf welche Wege sie zu\nweisen sei.\nRumohrs Ideen darüber finden sich überall in seinen\nSchriften, besonders aber in seinen „drei Reisen nach Italien“\nund in einer Art Aesthetik, die er seinen italienischen\nForschungen als Einleitung vorangehen liefs. Sie ist uns\nfreilich nicht überall mehr recht geniefsbar, da sie oft in die\nsehr philosophisch-abstrakte Ausdrucksweise der Zeit ver-\nfällt und sich mit der Analyse von Begriffen wie Styl, Typus,\nManier etc. nach alter Weise beschäftigt, aber ihre Grund-\ngedanken und zahlreiche einzelne Bemerkungen überraschen\nals durchaus „unzeitgemäfs“, oft geradezu von modernem\nGeiste durchweht.\nDeutschland schwamm damals mitten im romantischen\nIdealismus und produzirte eine Kunst, die alles, was bisher\ngegolten hatte, auf den Kopf stellte, die Kunst eines aus-\nschliefslich litterarisch gebildeten, künstlerisch völlig rohen\nVolkes, eine Kunst die im Grunde keine Kunst war, sondern\nLitteratur, deren Werke nur „Ideen“ verkörpern, nur durch\nihren stofflichen Inhalt, durch das was sie erzählten, wirken\nwollten, eine wahre biblia pauperum.\nGegen diese pseudo-ideale Kunst erhebt Rumohr seine\nStimme und sucht die Künstler auf andere, fruchtbringende\nWege zu weisen. Von welcher Bedeutung ist es schon in\njener Zeit, wo Cornelius, Veit, Overbek die führenden Künstler\nwaren, wenn Rumohr die Anlehnung an die Natur als\ndas alleinige Grundprinzip der Kunst aufstellt. Die Natur\nist ihm „nicht blofs die einzige Quelle darstellender Formen,\nvielmehr auch zugleich die ergiebigste, unerschöpflichste\nQuelle aller künstlerischen Begeisterung. Der Künstler kann\nseine Aufgabe nur durch die rückhaltloseste Versenkung in\ndas ihm nächst verwandte Naturleben lösen, er soll seine Vor-\nstellung bei Zeiten und vor aller Aussicht auf künftige Ver-\nwendung mit vielen und mannigfaltigen Formen erfüllen,\nwas ohne lustiges und freudiges Umherschauen\nnicht wohl zu erreichen steht,cC und er empfiehlt dem\nKünstler „nicht so sehr sonst empfehlenswerte Ausdauer und\nFleifs als vornehmlich die leidenschaftlichste Hingebung in\nden sinnlich-geistigen Genufs des Schauens.“ Wie erfrischend\ndetoniren solche Worte in einer Zeit theologischer Gedanken-\nkunst, die, ähnlich den ungeheuerlichen, metaphysischen\nLuftschlössern von damals, lediglich nur aus den Tiefen des\nGemüts als generatio aequivoca ohne die befruchtende Um-\narmung der Natur hervorgebracht wurde.\nDen eigentlichen Grund dieses Notstandes aber traf Rumohr\nwenn er „dem Zeitalter technische Ungeschicklichkeit“ vor-\nwärf und „eine ihm eigentümliche Lahmheit im Betreiben\nalles dessen, was dem Künstler nun einmal zu wissen und zu\nkönnen nöthig ist.“ Er spricht von den „Verwüstungen eines\nmifsverstandenen Idealismus, welcher Beobachtung und Er-\nfahrung durchaus verschmäht“. „Die leitenden Geister (und\nhier wendet er sich besonders gegen Goethe) haben es ver-\nsäumt, zu ernstlichem Naturstudium, lebendiger Beobachtung\ndes Umgebenden und zu technischer Rüstigkeit die Jugend\nzu ermuntern und anzuleiten und haben im Gegenteil den\nfalschen vom Studio ablenkenden Idealismus durch neue und\nglänzende Gründe ihren Lesern und Schülern empfohlen“.\nIn seinen memoirenartig verfafsten „drei Reisen nach\nItalien“ kommt er gelegentlich auf seinen alten Lehrer, den\ngöttinger Kunsthistoriker Fiorillo, zu sprechen und rühmt\nvon ihm, „dafs er dem rein Sinnlichen nicht nur sein grofses\nRecht gewährte, nein es selbst mit Grazie empfahl und heraus-\nzeichnete und ihn damit gegen die Lehren der neuen Kunst\nstärkte, denn“, fährt er fort, „in Dingen der neuern Kunst wird\nsehr viel, bisweilen alles in die Begriffe Gegenstand, Idee,\nSinn, Bedeutung und überhaupt in solches gelegt, was in der\nKunst nicht der Kunst selbst angehört, sondern nur als Stoff\nund Anregung in sie hinübergezogen wird.“\nAus der Epoche vor Carstens-Kornelius hatte Rumohrs\nZeit ein fragwürdiges Vermächtnis überkommen: die Idee\nvon der Unwürdigkeit der Naturformen, von der Not-\nwendigkeit, sie durch die Kunst zu läutern und zu verklären.\nDie Natur im Gegensatz zu der vom Künstler idealisirten\npflegte man „gemeine“ oder „Modellnatur“ zu nennen.\nDiese Richtung in der gleichzeitigen Kunst, die Rumohr\neinmal mit einem glücklichen Worte „eine gewisse ästhe-\ntisch ermässigte Naturverleugnung“ nennt, bekämpft er nach-\ndrücklichst: „die Ansicht, sagt er, .. . welche sich verspricht,\ndafs solche von Menschen ersonnenen Formen schöner und\nedler und bedeutender ausfallen, als die natürlichen, ist, durch\nwelche Gründe wir sie unterstützen oder beschönigen mögen,\ndoch durchhin unhaltbar. Wenn aber diese Ansicht in sich\nselbst falsch und, wie die Erfahrung bestätigt, in der An-\nwendung von höchstem Nachteil ist: so wird der Künstler\nwohl thun, von dem titanischen Vorhaben abzustehen, die\nNaturform zu verherrlichen, zu verklären oder mit welchen\nandern Namen solche Ueberhebungen des menschlichen Geistes\nin den Kunstschriften bezeichnet werden. Mufs doch der"}, {"page_pdf": 43, "page_imprimee": "295", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.43", "texte": "Künstler auch bei dem schönsten Talente, dem treusten Na-\ntursinn immer darin sich ergeben, dafs er sogar in seinen\nbesten Leistungen, was deren Formenheit angeht, die Tiefe\nund Fülle, die Einheit und Wesenheit der Naturform nicht\nzur Hälfte erreicht, wie denn sollte er darüber hinausgehen\nkönnen?“\nUnerfreulich mussten solche den Ideenkünstlern\nder Zeit, paradox und unverständlich dem Publikum klingen.\nSie zeigen, wie sehr ihr Autor eine Stelle ganz für sich in\nseiner Zeit einnahm und von welch hohen Standpunkten aus\ner sie überschaute. So fernabliegend von dem geistigen Stu-\ndium seiner Zeit sind seine Gedankengänge, dafs sie oft an\nmoderne und modernste Anschauungen prophetisch anklingen.\nSo hält er den in schrankenloser Verehrung und zum Teil\nauch in Nachahmung der alten Meister befangenen zeit-\ngenössischen Künstlern rücksichtslos den Satz vor, dafs die\ngrofsen Vorbilder die Gefahr in sich tragen, die Kunst zu\nlähmen, und dafs die malerische Technik nicht durch Nach-\nahmung vortrefflicher Kunstwerke, sondern nur durch den\nWetteifer mit der Erscheinung wirklicher Dinge entwickelt\nwird. Hier ist implicite ausgesprochen, was wir erst heut-\nzutage wieder von der Kunst zu fordern gelernt haben, dafs\nsie ihre Zeit wiederspiegeln, dafs sie originell sein mufs,\ndafs sie als Kunst nur so weit gilt, als sie nicht frühere\nKunst wiederholt, mit einem Wort, dafs die Kunst stets\nmodern sein mufs.\nEin anderer Gedanke Rumohrs, der auch erst von uns ganz\ngewürdigt werden kann, ist, dafs alle echte Kunst lokal ist.\n„Alle wirklich wertvollen Schulen der alten wie der neuen\nWelt, sagt er, haben unleugbar ein eigenthümlich örtliches\nAnsehen. Zwiefach ist jede Leistung der Kunst von aussen\nbedingt. Einmal durch die geschichtliche Stellung des Künst-\nlers, dann durch die örtliche Gestaltentwicklung der Natur,\ndie ihn umgiebt“. Merkwürdige Worte in einer Zeit, die\neine so kosmopolitische Aesthetik hatte und für die ganze\nWelt gütige Kunstgesetze geben zu können meinte. Und\njene gelegentlich hingeworfene Idee, dafs die Kunst nicht nur\n„hohe“ oder „grofse“ Kunst sei „sondern sich über Alles\nverbreite, was nur den Aufdruck der Gestalt zuläfst und auch\ndas Handwerk beherrsche“, welch ein erfreuliches Sacrile-\ngium ist sie in jener Zeit, die den Begriff der Kunst über\nalle Wolken erhoben und in das äufserste Empyräum\nversetzt hatte. Aber geradezu revolutionär und als ob sie\nheute geschrieben wäre, klingt eine Bemerkung, die er in\nseinen „Erinnerungen“ gelegentlich eines Exkurses über „den\nschönen Gegenstand,“ ein Hauptinventarstück damaliger\nKunstlehre, macht. „Ich verspreche mir stets von den schönen\nGegenständen das allerbeste, doch vorausgesetzt, dafs sie der\nKunstart, in welcher die Arbeit vollbracht werden soll, wohl-\nangemessen seien oder ihre äufseren Grenzen, ihre Kraft nicht\nüberschreiten; vorausgesetzt ferner dafs für sie der Künstler,\nwelcher sie darstellen soll, sich herzhaft zu begeistern ver-\nund auch das nöthige Zeug besitze, sie gehörig darzu-\nstellen. Wenn diese Bedingungen aber auch erfüllt\nwerden können, gibt der schöne Gegenstand nun\neinmal unumgänglich ein garstiges Kunstwerk, wie\numgekehrt der garstige Gegenstand ein schönes,\nwenn der Künstler ihm eine begeisterte Ansicht\nabgewinnen kann und übrigens so viel Fähigkeit\nund Bildung besitzt, dafs es schon eine Freude ist.\nzu sehen, auf welche Weise er seine Kunst über-\nhaupt betrieben und angefasstcc.\nSchon nach diesen wenigen Zitaten wird es klar sein,\ndafs Rumohr ein sehr origineller, sehr unabhängiger, sehr freier\nGeist war, der sich in seiner eigenen Zeit in Dingen der\nKunst wenig heimisch fühlte und wenig verstanden war.\nRumohr war das künstlerische Gewissen der in den idea-\nlistischen Irrgarten geratenen Zeit. Aber wer achtete auf\ndiese Stimme eines Predigers in der Wüste, auf die man als\nauf die Stimme eines Erziehers der Deutschen zur Kunst\nhätte hören sollen.\nDas Gefühl in einer Periode tiefer Demütigung der Kunst\nzu leben war sehr stark in R., er wufste, dafs von vorn an-\ngefangen werden musste, wenn die deutsche Kunst wieder\nerstehen sollte, er war sich des geringen künstlerischen Be-\ndürfnisses des Publikums und der mangelhaften Schulung\nund Bildung der Künstler klar bewufst. An vielen Stellen\nseiner Schriften gibt er dem Ausdruck, ja sogar ist dies\nschmerzliche Bewufstsein so lebhaft, dafs es gelegentlich den\nsonst so kühlen, von aller Empfindsamkeit freien Mann,\nWorte tiefer Erregung entlockt.\nIn der Dresdner Gallerie, sagt er einmal in den „drei\nReisen nach Italien“, ist ein allerliebstes Bild zu sehen, die\nMalerschule des Frans Mieris. Er hat eben ein schon vor-\ngerücktes Bild in Arbeit, seinen Stuhl aber einem Liebhaber\neingeräumt, welcher das Gemälde mit Blicken ansieht, welche\nVerwunderung, Prüfung und ein unermefsliches Verlangen\nausdrücken, es zu besitzen. Dieses Stück erfüllt mich stets\nmit tiefer Rührung, es erinnert mich an den letzten jener\nZeitabschnitte, in welchen der Künstler noch ein wahres,\ninniges, herzliches Verlangen zu befriedigen hatte, wonach\ngilt mir an dieser Stelle gleich“.\nDafs Rumohr die Aufgabe und den Beruf hatte, auf sein\nVolk erziehend zu wirken, war ihm voll bewufst und war ein\nGedanke, der ihn bei all seinen die Kunst betreffenden Ar-\nbeiten beherrschte. Auch praktisch bethätigte er ihn vielfach,\nindem er z. B. den wirksamsten Anteil an der Neueinrich-\ntung des Berliner Museums nahm und den Versuch machte,\nden jungen Nerly, bei dem er Talente entdeckt hatte, zum\nKünstler nach seinen eigenen Ideen zu erziehen. Sie gipfelten\ndarin, dafs die technische Schulung zum grofsen Teil abge-\nschlossen sein müsse, wenn der Künstler in das Alter geistiger\nReife tritt und das Bedürfnis empfindet, aus sich selbst\nheraus Eigenes zu schaffen, dafs also nach dem Vorgang der\nAlten die Schule des Künstlers schon in früher Jugend be-\nginnen müsse; er betrachtete es als einen Grundfehler seiner\nZeit, dafs erst nach langer Schulbildung die Kunstschule be-\nginnt und die besten Jahre eigenen Schaffens im mühseligen\nRingen mit dem Technischen hingehen, ein Gedanke der\nheute ebenso aktuell wie zu Rumohrs Zeit ist.\nWie von seiner eigenen Zeit ist Rumohr auch späterhin\nnie hinreichend gewürdigt worden. Selbst noch Grimm hat\nwenig Verständnis für ihn gezeigt. Er nennt ihn einen Schüler\nGoethes, aber in allen Dingen der Kunst wenigstens mufs\ngegen diese Schülerschaft Protest erhoben werden. Hier über-\nsah Rumohr Goethe weit. Rumohr stand hoch über seiner\nZeit, Goethe trieb im Strom der herrschenden Richtungen und\nteilte die meisten Irrtümer der Epoche. Rumohr sagt von ihm,\n~seine historischen Kenntnisse und technischen Einsichten\nwaren weder sehr mannigfaltig, noch selbst zusammen-"}, {"page_pdf": 44, "page_imprimee": "296", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.44", "texte": "hängend, er gewann nie einen festen Standpunkt für die Kunst\nund gab sich oft den Einflüssen niedrig gestellter Kunst-\nfreunde hin. Und dieses Urteil hat die neuere Goethefor-\nschung über sein Verhältnis zur bildenden Kunst, wie sie in\nVolbehrs Buche niedergelegt ist, vollauf bestätigt.\nGrimm legt den Nachdruck des erziehenden Einflusses\nRumohrs einseitig auf seine kunsthistorischen Schriften.\n„Goethe und Rumohr, sagt er, empfanden, wie sehr den\nKünstlern und dem Publikum das Verhältnis zur Kunstge-\nschichte abgehe und suchten auszuhelfen“. Gewifs hat Rumohr\nseine kunstgeschichtlichen Studien nicht ohne erziehende\nNebenabsichten geschrieben, aber er wusste wohl, wie es um\ndie deutsche Kunst seiner Tage stand, dafs hier Alles von\nGrund aus neu zu machen war und dafs damit nicht viel\ngeschaffen war, wenn man mit „Kunstgeschichte aushalfcc.\nErst in unserer Zeit, wo die Kunst in Bahnen eingelenkt ist,\ndie Rumohrs Ideen entsprechen, kann er ganz verstanden und\ngewürdigt werden. Ein Erzieher seines Volkes zur Kunst,\neiner jener seltnen und grofsen Anreger auf vielen Gebieten, ein\nMann der ersten Gedanken, der Initiativen, eine treibende\nKraft, ein Pfadfinder gehört er durch diese Eigenschaften in die\nwertvollste und unentbehrlichste Kategorie Kulturschaffender\nGeister.\n\nMagnus von Wedderkop\n\nBESUCH AUF DER HALLIG\nJ. ALBERTS"}, {"page_pdf": 45, "page_imprimee": "297", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.45", "texte": "HAMBURGER\nPRIVATSAMMLUNGEN\n\nA MSINCK und Behrens, die Begründer der beiden gröfsten\nmodernen Gemäldesammlungen Hamburgs, sind tot.\nMit ihren Mitteln und mit ihrer Ausdauer sammelt nun nie-\nmand mehr.\nDie Behrens’sche Galerie ist durch die ihr gewidmete\nPrachtpublikation genügend bekannt geworden. Sie sei hier\nnur deshalb erwähnt, weil es bezeichnend ist, dafs\nihr Besitzer, der zu Anfang der sechziger Jahre mit dem\nSammeln der Meister von Fontainebleau sowie der deutschen\nGenremaler begann, 1870 seinen ersten Menzel, die wunder-\nbar schöne iUtneu-Synagoge, erwarb, 1 877 bis zu Corot vor-\ndrang, im Jahre 1894 sich auf durchaus neue Bahnen begab,\nindem er das erste Bild eines ganz Modernen, das Interieur\ndes Lübecker Kühl, erwarb, dazu Böcklins herrliche Diana\nvon Satyrn belauscht (aus dem Jahre 1877) und ein Bild des\nerst von der neueren Zeit wieder zu Ehren gebrachten Dela-\ncroix. Das Bild von Böcklin dürfte sich mit der Zeit immer\nmehr als das Hauptbild der Sammlung herausstellen.\nNoch gröfsere Kühnheit hat E. Amsinck bewiesen, der\nsich nicht gescheut hat, seiner gewählten Galerie, die wie\ndie Behrens’sche und die Konsul Weber’sche sich vornehm-\nlich aus Bildern von Meistern zusammensetzt, die um die\nMitte des Jahrhunderts blühten, eine Reihe ganz moderner\nErzeugnisse hinzuzufügen. So kann man dort von Degas ein\näufserst bezeichnendes kleines Pastell, eine Balletszene sehen.\nin der eine in Blau gekleidete Tänzerin ihre leichtbeschwingten\nPas ausführt, während vorn die Köpfe von zwei Bässen aus\ndem Orchester emporragen; von demselben Künstler ein fein\nempfundenes, weibliches Bildnis; von Whistler die Strafse\neiner kleinen englischen Stadt, abends bei dichtem Nebel,\ndurch den der Glanz der erleuchteten Fenster in äufserst reiz-\nvoller Weise durchschimmert; daneben eine kleine Marine in\nAquarell. Zwei bereits vor längerer Zeit verstorbene Künstler\nsind durchaus den Modernen beizuzählen, ja als die Väter\nder modernen Malerei zu bezeichnen: der Franzose Millet, von\ndem hier La balayeuse, eines jener grofsen Pastelle, die ihrer\nSchlichtheit und Frische wegen von Manchen noch den\nOelgemälden des Meisters vorgezogen werden, sowie ein\nunvollendetes Bildnis seiner Tochter zu sehen ist; und der\nEngländer Rossetti, der sowohl durch das in leuchtende\nFarben gemalte Brustbild einer blonden, üppigen jungen Frau,\nwie durch eine grofse Zeichnung in schwarzer und roter\nKreide von 1873 (eine Studie, wie es scheint, zu dem Engel\nrechts auf der Bestattung Beatrices) vorzüglich vertreten ist.\nDie Galerie Amsinck ist wohl jetzt die einzige Stelle in\nDeutschland, wo man einen Einblick in die Kunst dieser oft\ngenannten, doch fast von niemand aus persönlichem Augen-\nschein gekannten Meister erlangen kann. Zugleich kann dort\nmit Genugthuung festgestellt werden, dafs es jene beiden\ndeutschen Meister, die noch jüngst zur grofsen Verwunderung"}, {"page_pdf": 46, "page_imprimee": "298", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.46", "texte": "JAKOBIKIRCHHOF\nNACH EINER RADIERUNG\nARTUR ILLIES\n\ndes Publikums gegen einander ausgespielt worden sind: Böck-\nlin und Menzel, ruhig mit diesen fremden Künstlern auf-\nnehmen können. Böcklins im letzten Panheft wiedergegebene\nitalienische Landschaft gehört zu seinen am vollkommensten\nabgewogenen Schöpfungen; Menzels Bauerntheater von 1859\naber, das hier neben einer Reihe seiner feinsten Oelbilder und\nDeckfarbenmalereien hängt, ist durch die Lebendigkeit der\nCharakteristik und die Meisterschaft des Vortrags wohl über-\nhaupt die vollkommenste Schöpfung des Künstlers.\nVon anderen Gemäldesammlungen sei die des Freiherrn\nvon Westenholz (Böcklin, Meissonier u. s. w.), der Herren\nBerkefeld, Pini, Dr. Antoine-Feill, Dr. WolfFson, Wencke\n(auch Kunstgewerbliches), Jenisch u. a. erwähnt. Die alten\nVorbilder haben also anspornend eingewirkt. Die Art des\nSammelns aber hat sich während der letzten Jahrzehnte von\nGrund aus geändert. Früher handelte es sich dabei um eine\nModesache: wie man sich eine Bibliothek der besten Schrift-\nsteller anlegte, so legte man sich auch eine Galerie der besten\nMaler an, um zu zeigen, dafs man auf der Höhe des Ge-\nschmacks und der Bildung der Zeit stehe; nur musste es sich\ndabei um anerkannte Autoren und Künstler handeln, und der\nHauptreiz lag in dem Bestreben, nun auch innerhalb der\nGrenzen, die man sich gesteckt hatte wirklich das Beste\nzu erlangen. Die Meister, auf die man es absah, mufsten schon\neine Reihe ausgezeichneter Leistungen hervorgebracht haben,\ndamit man einen Ueberblick über ihre Thätigkeit gewinnen\nund danach seine Auswahl treffen könne. Andererseits galt\nes, nicht zu lange zu warten, damit sie nicht etwa in die\nunerschwinglichen Preise gerieten oder gar an Kraft verlören.\nEin mit solcher Umsicht ausgewähltes Werk war dann ein\nSchatz, an dem man sich voraussichtlich Zeit seines Lebens er-\nfreuen und den man seinen Nachkommen als einen an Gehalt\nund Wert unvergänglichen Besitz vermachen könnte, wenn\nman es nicht vorzöge, sich seiner zu günstiger Zeit wieder\nzu entäufsern, was jedoch in Hamburg nur als seltene\nAusnahme vorgekom-\nmen sein mag. Jeden-\nfalls pflegte man in\njener Zeit nicht damit\nzu rechnen, dafs sich\nin der nächsten Gene-\nration bereits die Be-\ngriffe von Grund aus\nändern könnten.\nJetzt dagegen ist das\nSammeln gewöhnlich\neine Thätigkeit, die\nin ausgesprochenem\nGegensatz zu dem herr-\nschenden Geschmack\nund zur Mode erfolgt,\nwobei der Sammler\ngar nicht danach fragt,\nob ein Meister bereits\ngeschätzt wird oder\nnicht, sondern nur\nerwägt, ob er wohl\nin Zukunft zur An-\nerkennung gelangen wird. Es handelt sich also dabei um\ndie Bethätigung eines ganz persönlichen Geschmacks; gerade\ndie verkannten Meister werden dem modernen Sammler die\nliebsten sein; nur so lange kauft er ihre Werke, als sie billig\nim Preise sind; fangen sie an, teuer zu werden, so wird er\nstutzig und frägt sich, ob am Ende die Kraft des Künstlers\nnachzulassen beginne, da die Gunst des Publikums sich ihm\nzu wende. Und nichts ärgert ihn so sehr, als wenn er den\nrichtigen Zeitpunkt verpafst hat und nun die Preise zahlen\nsoll, die ihm der Kunsthandel diktirt. Auch seine Bibliothek\nwird er nach dem gleichen Grundsatz des persönlichen Ge-\nschmacks zusammenstellen. Ueberantwortet sich aber einer\njetzt den Kunsthändlern denn auch die beginnen sich zu\nändern und fangen an, in „verkannten Meistern“ zu machen,\nda dabei immerhin etwas zu verdienen ist, wenn auch nicht\nso viel wie bei den „anerkannten“ so ist er einfach als\nein Sammler alten Schlages zu betrachten. Dafs das Sammeln\nin dieser neuen Art übrigens recht einträglich werden kann,\nhat kürzlich die Versteigerung der Sammlung Vever in Paris\ngezeigt, deren Erlös (in der Hauptsache für einige 130 Ge-\nmälde) fast eine Million Franken betragen hat, während die\neinzelnen Stücke ursprünglich nur wenig gekostet haben\nsollen. Eines freilich gehört unbedingt dazu, das früher\nallenfalls durch Klugheit ersetzt werden konnte: Geschmack,\nBlick und eine gewisse Kühnheit.\nEine Sammlung, die ganz nach diesem Grundsatz gebildet\nworden wäre, giebt es freilich in Hamburg eben so wenig\nwie sonst wo in Deutschland. Wohl aber berührt es äusserst\nsympathisch, wenn man sieht, wie ein jüngerer Hamburger\nKaufmann, der in seiner Bescheidenheit hier seinen Namen\nlieber wohl nicht genannt wissen möchte, sich bereits seit\neiniger Zeit mit dem besten Erfolge bemüht, die aufstrebenden\njungen Talente Hamburgs dadurch zu fördern, dafs er ge-\nlegentlich auch eins oder das andere von ihren Werken, so-\nbald es ihm wohl gelungen zu sein scheint, seiner gewählten\nkleinen Sammlung,\nderen Grundstock eine\nReihe der schönsten\nBilder von Herrmann\nKauffmann bilden, ein-\nzuverleiben trachtet.\nWer jetzt das Wirken\nvon Eitner, Illies,\nSiebelist, von Ehren\nund den Gleichstreben-\nden kennen lernen\nwill, mufs die behag-\nliche Behausung dieses\nHerrn aufsuchen. Eine\nsolche Sammlerthätig-\nkeit fällt freilich bereits\naus dem Gebiete der\nLiebhaberei heraus und\nist unter dem Gesichts-\npunkte der bewufsten,\nlokalen Kunstpflege zu\nbetrachten.\n\nW. v. Seidlitz"}, {"page_pdf": 47, "page_imprimee": "299", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.47", "texte": "DIE WANDTEPPICHE DER WEBSCHULE\nZU SCHERREBEK\nIN den ländlichen Bezirken der schleswig’schen Westküste\nblühte in früherer Zeit mancherlei häusliche Kunstarbeit.\nDie Männer beschäftigten sich an den langen Winterabenden\nmit der Anfertigung von hölzernem Gerät, das mit Kerb-\nschnittornamenten verziert und oft auch in lustigen Farben\nbemalt wurde. Die Frauen verstanden sich auf feine Leinen-\nstickerei und Spitzenklöppelm Am Whbstuhl fertigten sie\nnicht nur Stoffe für Männer- und Frauenkleidung, sondern\nauch Arbeiten, die mit der praktischen Verwendung deko-\nrative Zwecke verbanden: glatte und plüschartige Bezüge für\nStuhl- Bank- und und vor allem zweifarbige\nBeiderwand-Vorhänge mit geometrischen Mustern, Blumen-\nmotiven und figürlichen Darstellungen biblischen und mytho-\nlogischen Inhaltes. Fleute sind diese Bethätigungen eines alten\nHausfleifses in Schleswig-Holstein so gut wie ganz aus-\ngestorben.cc\nDie Anregung zu dem Versuch, diese Hand Weberei der\nalten Hauskunst in Schleswig wieder einzuführen, ging von\nDr. F. Deneken aus, dem ehemaligen Assistenten am Ham-\nburger Kunst- und Gewerbemuseum und jetzigen Direktor am\nKaiser Wilhelms-Museum in Krefeld. Im Verein mit Pastor\nJacobsen, der in Scherrebek, einem drei Meilen, nördlich\nvon Tondern gelegenen Kirchdorf, seit einer Reihe von\nJahren in uneigennützigster Weise die deutsche Sache gegen\ndänische Umtriebe zu fördern suchte, gründete er unter der\nForm einer Genossenschaft mit beschränkter Haftpflicht eine\nSchule für Kunstweberei. Das Unternehmen hat überall im\nLande lebhafte Aufnahme gefunden, und bei dem Interesse,\ndas man diesem Versuch auch außerhalb Schleswig-Hol-\nsteins entgegengebracht hat, steht zu hoffen, dafs das ange-\nstrebte Ziel in absehbarer Zeit erreicht werden wird. Die\nScherrebeker Webschule fufst nicht auf heimischen Tradi-\ntionen; sie hat aus Norwegen und Schweden alle diejenigen\nTechniken der Handweberei übernommen, die zur Zeit mit\nso grofsem Erfolg als beliebteste Frauenkunst im skandina-\nvischen Norden geübt werden.\n„Die von ständigen, geschulten Weberinnen der Anstalt\nnach künstlerischen Entwürfen ausgeführten Wandteppiche,\nKissenbezüge etc. sind in der uralten, primitiven norwegischen\n\nMELANCHOLIE\nALFRED MOHRBUTTER"}, {"page_pdf": 48, "page_imprimee": "300", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.48", "texte": "Wirk-Technik auf senk-\nrechtem Webstuhl gearbeitet.\nDiese mühsame und lang-\nwierige Technik, bei der\ndie Schufsfaden mit den\nFingern einzeln durch die\nKette gezogen werden, hat\nden Vorteil, dafs man nicht\nauf gebundene Muster be-\nschränkt ist, sondern nach\nArt der Gobelin weberei freie,\nbildmäfsige Vorwürfe dar-\nstellen kann. Von einem\nAbschattieren und Model-\nlieren der Motive mufs\nallerdings abgesehen werden.\nWenn dies ein Mangel ist,\nso wird er reichlich aufge-\nwogen dadurch, dafs die\nVJ—— -\neinheitlichen Farbflächen um so breiter und mit der vollen\nTiefe ihrer Töne zur Geltung kommen. Als Material wird\nlediglich mit Pflanzenfasern gefärbte Wolle verwendet.“\nDie künstlerischen Vorlagen für die Gewebe rühren von\nOtto Eckmann und Alfred Mohrbutter her. Beide\nerkannten dabei wohl, dafs sie, ganz abgesehen von den be-\nsonderen Anforderungen, die diese Technik an den Muster-\nzeichner stellt, vor allem auch der Eigenart der Landschaft\nRechnung tragen mufsten, in der diese Webereien gefertigt\nwerden sollten. Ihre Motive sind durchweg schlicht und\nfast naiv empfunden. Beim ersten Blicke allerdings fällt\neine gewisse Eckigkeit und Härte in den Linien auf\nund eine Schwere in den Farben Übergängen je mehr\nman sich aber mit dieser Kunst befreundet, um so in-\ntimer wirkt der von ihr\nausgehende Reiz, was denn\nauch anläfslich einer ersten\nAusstellung in Hamburg all-\ngemein anerkannt wurde,\nauf Seiten der Kritik wie\nauf - Seiten des Publikums.\nUnd da auch die Schleswig-\nholsteinsche Landes-Regie-\nrung den grofsen erzieh-\nlichen Wert dieses neu er-\nschlossenen Industriezweiges\nanerkennt und ihm sowohl\nmaterielle als moralische\nUnterstützung zu teil werden\nläfst, so ist nicht zu zweifeln,\ndafs das junge Unternehmen\nsich immer reicher und viel-\nseitiger ausgestalten und\nwie in einem kleinen Geleitblatt, dem diese Notizen ent-\nnommen., bemerkt ist dazu beitragen wird, die Farben-\nscheu, die noch immer die Ausstattung unserer Wohnräume\nbeherrscht, zu überwinden.\nWas bisher gefertigt wurde sind Taneelfriese, Kissen-\nbezüge und Wandteppiche.\nVielleicht wäre es im Interesse einer weiteren Ent-\nwickelung des Unternehmens zweckmafsig, bei den Teppich-\nvorlagen das landschaftliche Motiv nicht allzusehr zu\nbevorzugen, sondern auch neue ornamentale Muster zur\nGeltung zu bringen umsomehr, als man eine schöne\nLandschaft nur ungern mit Füfsen tritt und bei einem Auf-\nhängen der Teppiche an der Wand die Einfassungsfranzen\ndes oberen Randes etwas störend wirken.\n\nWINTER\nALFRED MOHRBUTTER\n\nABENDRÖTE\nALFRED MOHRBUTTER"}, {"page_pdf": 49, "page_imprimee": "n. p.", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.49", "texte": "AM FINKENWÄRDER-DEICH\nTHOMAS HERBST\nLICHTDRUCK NACH EINER STUDIE PAN II 4."}, {"page_pdf": 51, "page_imprimee": "301", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.51", "texte": "VOM DILETTANTISMUS\nI. SELBSTERZIEHUNG\nOR einem Jahrhundert bot die\nLitteratur den bevorzugten Stoff\nfür die Unterhaltung. Das hat auf-\ngehört. Heute spricht man über\nMusik 3 wenn auch nicht so aus-\nschliefslich wie früher, und es\nscheint die Reihe an die bildende\nKunst kommen zu sollen.\nAber noch ist es eigentlich nur\nein Vorgeplänkel. Die Unterhal-\ntung pflegt sich um Allgemeinheiten zu drehen, um Kunst\nan sich, um Richtung. Wer die meist im Brustton vor-\ngetragenen Aeufserungen vergleicht, wird mit Staunen wahr-\nnehmen, dafs fast Alle, ohne sich dessen bewufst zu sein,\nwörtlich dasselbe sagen. Wir sind nicht gewohnt, für un-\nsere Gedanken ein Ursprungszeugnis zu verlangen.\nWer es mit sich und der Welt ehrlich meint, sollte nie\nüber Kunst reden. Kunst gibt es in Wirklichkeit gar nicht.\nEs gibt nur Kunstwerke.\nFreilich ist es leicht, über Kunst zu reden, weil wir so viele\nfertige Phrasen darüber so oft gehört und gelesen haben, dafs\nsie in unserm Gedächtnis so fest haften wie Kletten im Haar\nund noch schwieriger daraus zu entfernen sind. Und so\nlange sie nicht herausgerissen sind, bleibt auch das Nach-\ndenken ein fruchtloses Kombiniren von Formeln.\nWenn einer von denen, die eben noch mit Emphase über\ndie Kunst, was sie soll, was sie mufs, was er von ihr ver-\nlangt, geeifert hat man wird in Deutschland leicht heftig,\nwenn man über Kunst redet: fragt die Franzosen, was dies\nSymptom bedeutet wenn einer von den Soll- und\nMussästhetikern, die über Kunst so weise reden können, vor\nein Kunstwerk geführt wird, dann pflegt er zu verstummen\noder Dinge zu sagen, die ihm die Schamröte in die Wangen\ntreiben würden, wenn er wüfste, was er sagte, denn er ist\nim Grunde nur ein Phonograph,\nlieber Kunst reden ist leicht, aber vor einem Kunstwerke\nvermag nur der ein nützliches Wort zu sagen, der die Leis-\ntung zu erkennen im Stande ist, und das ist sehr schwer, das\nkann nur der, der als Künstler nicht in der Routine, sondern\nim selbständigen Ringen mit der Erscheinung schafft, oder\nder als Kunstfreund durch langjähriges Studium der Kunst\nund der Natur sich in die Materie hineingefühlt hat. Denn\nalles kommt darauf an, ob der Beurteiler die Leistung, die\nQualität zu fühlen vermag. Was sich heute Kunstfreund\nnennt, sucht die Bethätigung des kritischen Vermögens bei\nsich und andern freilich meist ganz wo anders: im Fehler-\nsuchen, und er pflegt garnicht zu merken, dafs er sich damit\nim einzelnen Falle den Genufs verdirbt oder verderben läfst,\nin der Wiederholung die Genufsfähigkeit überhaupt unter-\nbindet. Geniefsen kann nur, wer sich mit ganzer Seele hin-\ngiebt.\nKeins der modernen Kulturvölker hat es so nötig wie\nwir Deutschen, dafs der einzelne an seine künstlerische Er-\nziehung Hand lege.\nDas Ziel dieser Erziehung ist die Fähigkeit, Kunst zu\ngeniefsen, oder, wie man früher sagte, Kunst zu verstehen.\nAls das schnellste und sicherste Mittel dürfen wir für\ndie bildende Kunst so gut wie für die Musik den ernsten\nDilettantismus betrachten.\nWohlverstanden den ernsten. Der oberflächliche, der\n\nL. Behlen."}, {"page_pdf": 52, "page_imprimee": "302", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.52", "texte": "sich bald zufrieden gibt, ist ein Hindernis und sollte er-\nbarmungslos ausgerottet werden.\nNeben dem Dilettantismus im engeren Sinne ist der\nsicherste Weg, Kunst fühlen zu lernen, die Thätigkeit des\nSammlers. Wir wollen darunter namentlich den verstehen,\nder sein Interesse dem Leben seiner eigenen Epoche zuwendet.\nWenn sich auch der Wert von Sammlungen alter Kunst im\nPrivatbesitz nicht hoch genug schätzen läfst, erst die innige\nBerührung mit der Produktion der Gegenwart schafft Sammler,\nwie wir sie zur Förderung unserer lebendigen Kunst augen-\nblicklich fast noch nötiger brauchen als Künstler.\nEine Scheidung zwischen Kunst und „Kunstgewerbe“\nerkennt unsere Generation nicht mehr an. Ein Bucheinband,\neine Stickerei kann ebensogut Kunst enthalten wie ein Bild.\nWer es mit seiner Selbsterziehung ernst nimmt, mag als\nausübender, als sammelnder, als bestellender Kunstliebhaber\nverfahren je nach Neigung und Vermögen: er wird sich und\nseinem Volk am besten dienen, wenn er sein Ziel hoch steckt\nund es mit unermüdlichem Bemühen zu erreichen sucht.\nDies ist die Stellung, die wir für den ernsten Dilettan-\ntismus in Anspruch nehmen.\nDie landläufigen Vorurteile werden uns nicht beirren.\nGewifs haben viele bedeutende Männer nicht ohne Recht sehr\nviel Herbes und Hartes über den Dilettantismus gesagt, und\nes läfst sich aus der Fülle der Schwächen und Thorheiten,\ndie ihm noch anhaften, ein Verdammungsurteil wohl be-\ngründen.\nAber den Bau dieser absprechenden Kritik wirft eine ein-\nzige Frage über den Haufen: glaubt irgend jemand, den\nDilettantismus aus der Welt schaffen zu können?\nUnd würde, wenn es möglich wäre, den starken Trieb\nzur Bethätigung durch das Raisonnement zu unterdrücken,\netwas damit gewonnen sein?\nIst dies nicht der Fall, so giebt es vernünftiger Weise\nnur die eine Möglichkeit, den Dilettantismus als vorhandene\nKraft anzuerkennen, ihn gesund und stark zu machen und\nden Platz zu suchen, wo er im wirtschaftlichen Leben der\nNation dem Gesammtwohle dient. *)\n*)\n*) Aus dem als Manuskript gedruckten Jahrbuch der Gesellschaft Hamburgischer Kunstfreunde. Die Illustrationen der\nAufsätze: „Vom Dilettantismus“, „Hamburg“, und „Die Kunst und die Massen“ rühren von Mitgliedern der Gesellschaft her, die\nBuchausstattung stammt aus dem Jahrbuch und ist ebenfalls von Dilettanten gezeichnet und geschnitten.\n\nAUS DEM ALTEN HAMBURG\nFRÄULEIN EBBA TESDORPF"}, {"page_pdf": 53, "page_imprimee": "303", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.53", "texte": "II. ZUR ORGANISATION DES DILETTANTISMUS\n\nN Hamburg hat sich vor drei Jahren der\nI Dilettantismus zu organisieren begonnen.\nObgleich seither nur eine kurze Spanne\nZeit verstrichen ist, läfst sich aus den Er-\ngebnissen der Arbeit des kleinen Kreises,\n' der die Führung übernommen hat, bereits\nerkennen, welchen Einflufs die Thätigkeit\ndes Dilettanten ausüben kann, wenn er seine Sache ernst\nnimmt und sich gemeinnützige Aufgaben stellt.\nVon zwei Gesellschaften geht die Arbeit aus, von der\nGesellschaft Hamburgischer Kunstfreunde, die die\nSammler, Kunstfreunde und die eigentlichen Dilettanten zu-\nsammenfafst, und von der Gesellschaft zur Förderung\nder Amateurphotographie. Der Begründung dieser Ge-\nsellschaften ging eine Zeit der Propaganda voraus, in der die\nneuen Ideen durch öffentliche Vorträge und mannigfache\nBesprechungen verbreitet wurden.\nIm Winter 1893—94 war die Bewegung soweit ge-\ndiehen, dafs die ersten grösseren Unternehmungen ausgeführt\nwerden konnten, eine internationale Ausstellung von Amateur-\nphotographien und eine lokale Ausstellung von Erzeugnissen\ndes Dilettantismus. In beiden Fällen stellte die Kommission\nfür die Verwaltung der Kunsthalle die Räume zur Verfügung,\neine Vergünstigung, die dem noch nicht näher eingeweihten\nPublikum ohne Weiteres klar zu machen geeignet war, dafs\nes sich um eine Angelegenheit von öffentlichem Interesse\nhandelte.\nBeide Ausstellungen waren nach denselben Grundsätzen\nangelegt. Es hätte nahe gelegen, nur eine Auswahl des\nAllerbesten vorzuführen. Aber damit wäre weder für das\nPublikum noch für die Dilettanten etwas Rechtes erreicht\nworden. Denn dafs einzelne Liebhaber es in der Photographie,\nim Zeichnen und in der Malerei zu tüchtigen Leistungen\ngebracht hatten, war ohnehin bekannt. Dagegen fehlte eine\nEinsicht in den Umfang und die Durchschnittsqualität der\ndilettantischen Produktion.\nSo sollten die Ausstellungen dazu dienen, an einem\nmöglichst umfangreichen Material den Thatsachenbestand\nklar zu legen. Wer beim Durchschreiten der übervollen\nRäume, in denen sich die Mittelmässigkeit breit und das Gute\nrar machte, nicht im Auge behielt, dafs es sich um eine\nvorläufige Heerschau handelte, durfte sich kopfschüttelnd\nfragen, was das Alles in den Räumen eines Museums zu\nthun habe.\nBeide Ausstellungen führten an einer überwältigenden\nFülle von Material den Beweis, dafs in der That der Dilet-\ntantismus in der jüngern Generation eine ganz ungeheure\nVerbreitung gefunden hatte. Und dafs eine Organisation der\nmeist resultatlos verpufften Kräfte vom volkswirtschaftlichen\nStandpunkt aus geboten sei, leuchtete nunmehr selbst denen\nein, die mit dem mitleidigen Lächeln des Zweiflers die\nAusstellungen betreten hatten.\nIm Anschlufs an die Kunsthalle haben die beiden Gesell-\nschaften sich auf Grund der gewonnenen Erfahrungen ihre\nAufgaben gesucht.\nHä\nDie Gesellschaft zur Förderung der Amateurphotographie\nstellte als ihr Ziel die Pflege des künstlerischen Elements in\nder Photographie hin. Unter der Zahl der Aussteller erwählte\nsie aus allen Kulturländern die hervorragendsten Vertreter des\nFaches zu korrespondierenden Mitgliedern und hat seither\nalljährlich in zwei Sälen der Kunsthalle kleine streng ge-\nwählte Ausstellungen des Allerbesten veranstaltet, was in der\nganzen Welt geleistet wird. Der Kongrefs, der während\nder ersten Ausstellung stattfand, beschlofs auf Vorschlag\nder Hamburger Gesellschaft die zweite internationale Aus-\n\nBERBERITZEN\nFRÄULEIN B. FERBER"}, {"page_pdf": 54, "page_imprimee": "304", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.54", "texte": "Stellung in Deutschland 1896 in Berlin abzuhalten. Die\nPhotographische Rundschau erwählte den Vorsitzenden der\nHamburger Gesellschaft zum Redakteur für den künst-\nlerischen Teil.\nEin Hauptaugenmerk wurde auf die künstlerische Ver-\ntiefung der Bildnisphotographie, auch der des Berufsphoto-\ngraphen gerichtet. Denn so lange Publikum und Photograph\nim Bildnis durch Pvetouche und gar durch den Photokorrektor\ndas Charakteristische umgehen oder unterdrücken, wird auch\nin der Bildnismalerei niemand die Wahrheit vertragen können.\nBei der Kinderphotographie hat der Amateur bereits Wandel\ngeschaffen. Das Kind wird von seiner Umgebung schärfer\nund besser, weil mit dem Herzen beobachtet, als der Er-\nwachsene. Der Amateur ist in der Lage, viele Versuche\nmachen zu können, um den Moment voller Unbefangenheit\nzu packen, und ist es ihm gelungen, so wird sein Erfolg bei\nden Angehörigen um so gröfser, je charakteristischer das\nBildnis ausgefallen, und Niemand denkt daran, Retouche\nvon ihm zu verlangen. Der Berufsphotograph befindet sich\ndem Kinde gegenüber in einer sehr viel schwierigeren Stellung.\nEs fühlt sich fremd in den sonderbaren, ungewohnten Räumen\ndes Ateliers, verliert seine lieblichste Eigenschaft, die Hingabe,\nund ein erfreuliches Ergebnis ist ein Glücksfall. Wenn die\nRetouche dann auch ein Engelsgesicht herstellt, das Herz der\nEltern ist doch nicht ganz zufrieden. Die Berufsphotographen,\nderen Kundschaft den höheren Ständen angehört, klagen\nbereits ganz ernsthaft, dafs das Kinderbildnis aus ihren Auf-\ngaben zu verschwinden beginnt.\nDass sich durch die Thätigkeit des Amateurs ein Um-\nschwung auch im Bildnis des Erwachsenen anbahnt, läfst\nsich ebenfalls beobachten. Es ist natürlich nicht daran zu\ndenken, dafs er etwa, wie beim Kinderbildnis, diesen Zweig\nan sich reifsen könnte. Aber in Hamburg haben die Aus-\nstellungen, die gerade von den hervorragendsten Berufs-\nphotographen eifrig besucht werden, allerlei neue Gedanken\nbereits angeregt. In Zukunft dürfte der Berufsphotograph\nzwei Kategorien machen, eine künstlerische, die auf die\nHerausarbeitung des Charakteristischen ausgeht und auf ver-\nschönernde und verallgemeinernde Retouche verzichtet, und\ndie herkömmliche, die damit in eine niedrigere Stellung ge-\ndrückt wird. Schon für das kommende Jahr hat die Gesell-\nschaft zur Förderung der Amateurphotographie eine Aus-\nstellung künstlerischer Bildnisaufnahmen von Berufsphoto-\ngraphen in Aussicht genommen.\nSomit sind in der kurzen Zeit ihrer Thätigkeit wichtige\nZiele erreicht. Die Hamburger Ausstellungen und die Aus-\nstellung in Berlin haben in der deutschen Amateurphoto-\ngraphie dem künstlerischen Prinzip zum Durchbruch ver-\nhelfen, sowol was die Anschauung anbetrifft wie in der\ntechnischen Behandlung. Vor 1894 herrschte in Deutschland\nfast unumschränkt das Albuminverfahren, seither sind die\nMittel der Platinotypie und seit kurzer Zeit die künstlerisch\nnoch unendlich ergiebigeren Pigmentdrucke allgemein auf-\ngenommen, die an Vornehmheit des Tons mit der Radierung\nwetteifern.\nBerufsphotographen haben formell anerkannt, dafs die\nZukunft auch in der Bildnisphotographie den künstlerischen\nGrundsätzen gehört, und die photographische Literatur hat\nauch in Deutschland seither sich bewufster als vor 1893 der\nPflege künstlerischer Anschauung zugewandt.\nAllgemein wird zugestanden, dafs die ganz unberechen-\nbaren Summen an Zeit und Geld, die in der Beschäftigung\nmit der Amateurphotographie aufgewandt werden, einen\nernsten wirtschaftlichen Verlust für unser Volk bedeuten,\nwenn sie nicht in den Dienst der künstlerischen Erziehung\ngestellt werden.\nWie für die Arbeit des Einzelnen oder der Vereine neue\nAufgaben gefunden sind, soll mit einem Hinweis auf die\nhistorische Wichtigkeit der Aufnahme alter Baudenkmäler\nder Hamburger Gesellschaft und des Braunschweiger Vereins\nund auf das mit eigenen Aufnahmen illustrierte Werk von\nDr. Linde über den Sachsenwald nur angedeutet werden.\nUmfassender noch waren die Absichten der Gesellschaft\nHamburgischer Kunstfreunde. Während die Amateur-\nphotographen sich auf den Standpunkt der Internationalität\nstellten und es sich angelegen sein liefsen, die Deutschen mit\nder hohen Entwicklung der Amateurphot:ographie in den\nübrigen Kulturländern vertraut zu machen, beschränkten sich\ndie Kunstfreunde mit voller Absicht im Princip auf Hamburg.\nZu ihren Ausstellungen werden nur Einheimische zugelassen,\nund alle ihre Bestrebungen gelten dem künstlerischen Leben\nder nächsten Heimat.\nAuch hier bildete die Veranstaltung von kleinen ge-\nwählten Jahresausstellungen das nächste Augenmerk. Diese\nAusstellungen umfassen alles, was der Liebhaber Artistisches\nhervorbringt auf dem Gebiet der Zeichnung, Malerei, Bild-\nhauerei und der dekorativen Künste. Ebenso, was er nach\n\nPLAKAT DER DILETTANTENAUSSTELLUNG\nFRÄULEIN MARY HERTZ"}, {"page_pdf": 55, "page_imprimee": "305", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.55", "texte": "eigenen Angaben vom Buchbinder, dem Goldschmied oder\nvon der Kunststickerin hersteilen läßt. Die Wirkung dieser\nAusstellungen macht sich bereits deutlich fühlbar, den\nDilettanten ist ein Ziel gesetzt, das Publikum bezeigt durch\neifrigen Besuch ein lebhaftes Interesse. Ueberraschend ist,\nwie sich auf allen Gebieten das Niveau gehoben hat.\nVon dem Einfluß der Ausstellungen auf die Arbeiten der\nmalenden und zeichnenden Dilettanten ist schwer eine Vor-\nstellung zu geben, er ist ganz außerordentlich grofs. Man hört\nin Deutschland vielfach die Behauptung, Dilettanten dürften\nnicht ausstellen. Warum nicht, hat mir niemand klar machen\nkönnen.\nIn den monatlichen Versammlungen werden die An-\ngelegenheiten der Gesellschaft, Fragen aus der künstlerischen\nBewegung und die Thätigkeit der Museen besprochen. Mit\nihren übrigen Unternehmungen hat die Gesellschaft einge-\nsetzt, wo sich für die Pflege der Kunst im Hause die besten\nAussichten boten.\nEine Vertiefung des Blumenkultus erschien als die nächst-\nliegende Aufgabe. Denn für die ästhetische Erziehung des\nAuges bildet die Blume den Ausgangspunkt.\nDie Verwendung der abgeschnittenen Blume in künst-\nlerischem Sinne ist gebunden an die Verfügung über prak-\ntische, einfache Vasen. Obgleich in der allerletzten Zeit\nunsere Industrie ein wenig mehr als früher dem Bedürfnis\nentgegenkommt, fehlt doch viel, dafs der Liebhaber die\nnötigen Blumengefäfse in der wünschenswerten Form,\nFarbe, Anzahl und Wohlfeilheit zur Hand hätte.\nEin Komitee von Damen suchte Abhilfe zu schaffen. Es\nwurde nach den an lebenden Pflanzen gewonnenen Mafsen\neine Anzahl von Typen gezeichnet für Veilchen, Rosen mit\nkurzen oder langen Stengeln, Narzissen, Iris, Dahlien, und\nbei gewöhnlichen Töpfern (zunächst mit einer Auswahl der\nvorhandenen Glasuren) in Auftrag gegeben.\nDas Ergebnis fiel so günstig aus, und der Bedarf der\nHamburger Familie erwies sich so bedeutend, dafs größere\nBestellungen gemacht werden mußten. Einigen hervorragen-\nden Blumenhändlern wurden die überaus brauchbaren Waren\ndann in Vertrieb gegeben. Der Preis wurde sehr niedrig ge-\nstellt, um allen Kreisen die Annehmlichkeit zu Gute kommen\nzu lassen; von dreißig Pfennig bis zu einer Mark durch-\nschnittlich.\nEin Versuch, den Handel mit wilden Blumen zu organi-\nsieren, ist auf den ersten Anhieb noch nicht gelungen, weil\nes an intelligenten Pflückern fehlte. Er soll jedoch wieder-\nholt werden. Bei den Gärtnern zeigt sich in letzter Zeit die\nNeigung, die alten Gartenblumen in Massen zu kultivieren\nund auf den Markt zu bringen. Es wird angestrebt, Monats-\nabonnements für diese Produkte einzurichten.\nErst wenn dem Bedürfnis nach einfachen, schönen prak-\ntischen und billigen Blumenvasen völlig genügt ist, soll der\nVersuch gemacht werden, die Herstellung einer kostbareren\naber immer praktischen Gebrauchsware anzuregen.\nDie Gesellschaft hat beschlossen, ihre Vasen den Schulen\nzu stiften, namentlich den Mädchenschulen.\nIm Anschluß an die Blumenvasen sollen in den nächsten\nJahren praktische, billige und schöne Hüllen für die irdenen\nBlumentöpfe hergestellt werden, nach denen ein Bedürfnis\noffenbar vorhanden ist. Es wird beabsichtigt, alle Materialien\nzu berücksichtigen, Steingut und Porzellan in einfachen Farben\n\nALTE HAMBURGER DIELE\nFRAU MARIE ZACHARIAS\n\nALTE HAMBURGER DIELE\nFRÄULEIN EBBA TESDORPF"}, {"page_pdf": 56, "page_imprimee": "306", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.56", "texte": "und Formen, Korbflechterei in Anlehnung an ältere heimische\nFormen und an die japanischen Vorbilder des Museums für\nKunst und Gewerbe, und hölzerne, in einfachen Farben an-\ngestrichene Gitterformen.\n❖\nEbenso glückliche Ergebnisse wurden mit der Pflege des\nBuches und des Bucheinbandes erzielt.\nWie bei den Vasen an die uralte Hamburger Vorliebe für\ndie Blume so wurde auch bei dem Buch von vorhandenen\nNeigungen und Gewohnheiten ausgegangen. Die Zahl der\naus Hamburg hervorgehenden Schriftsteller ist gering, trotz\ndes allgemeinen Interesses für die Litteratur aller modernen\nVölker. Wo bleiben die Talente, die doch jede Generation\ndes grofsen und eigenartigen Gemeinwesens als Rohmaterial\nhervorbringt? Ein Teil findet eine Beschäftigung seiner\nNeigungen und Kräfte in der Abfassung von Denkwürdig-\nkeiten für die engere Familie. Oft bleiben sie ungedruckt,\naber die Sitte, sie als Manuskript für die Mitglieder der meist\nsehr weit verzweigten Familien drucken zu lassen, ist all-\ngemein verbreitet. Es giebt Dutzende solcher Werke allein\naus diesem Jahrhundert, und in manchen Fällen erhebt sich\ndie Darstellung zu ernsthaft litterarischem Wert.\nBeim Druck dieser Familienlitteratur wurde bisher nur\nselten auf Typen, Anordnung und Papier Gewicht gelegt.\nUm für künftige Privatdrucke Vorbild und Anregung zu\ngeben, beschlofs die Gesellschaft, eine Reihe von Publikationen\nzu machen, die die Freude am Buch als Kunstwerk in der\nHamburger Familie wieder verbreiten sollten.\nDas Jahrbuch der Gesellschaft wuchs sich im zweiten\nJahrgange bereits zu einer Zeitschrift aus, die nach allen Rich-\ntungen den Boden zu untersuchen bestimmt ist, auf dem die\nBestrebungen eines ernsten Dilettantismus gedeihen können.\nDie gesamte Ausstattung an Kopfleisten, Vignetten und\nsonstigen Illustrationen wird von Dilettanten gezeichnet und\nin Holz geschnitten. Ebenso erscheint der Katalog der Aus-\nstellungen in reicher Buchornamentik, die von Mitgliedern\nder Gesellschaft hergestellt wird. Es wird dabei angestrebt,\ndie einheimische Flora, namentlich die kleinblütige, für die\nBuchausstattung zu benutzen. Auf die Verwendung des his-\ntorischen Buchornaments wurde von vornherein verzichtet.\nVon gröfserem Umfange ist die von der Gesellschaft\nherausgegebene Hamburgische Liebhaberbibliothek,\ndie jährlich in 4—6 Bänden erscheinen soll. Für den Inhalt\nsind die wichtigsten der Denkwürdigkeiten Hamburgischer\nFamilien, sowie die hervorragendsten Werke der eigentlich\nHamburgischen Litteratur in Aussicht genommen. Die Auf-\nlage ist nur klein, da die Bibliothek nicht in den Buchhandel\ngelangen und ihre Verbreitung sich auf Hamburg beschränken\nsoll. Erschienen oder in Vorbereitung sind u. A.; Paul Hertz,\nUnser Elternhaus; Berend Goos, Jugenderinnerungen; Ph. O.\nRunge, Pflanzenstudien; Lichtwark, Studien; Baron Merck,\nLondon und Paris 1851; O. Beneke, Die Familie Lorenz-\nMeyer; A. Köster, Hagedorns Gedichte; A. Metz, Brockes;\nEmma Dina Hertz geh. Beets, Urgrofseltern Beets, eine Aus-\nwahl Nachrichten von Reisenden über Hamburg. Ein Teil\nder Bände erscheint ohne weitere Ausstattung. Einige werden\nvon Mitgliedern der Gesellschaft mit Kopfleisten und Schlufs-\nstücken geschmückt, für andere ist die Beihilfe von Künstlern\nin Aussicht genommen. Den Druck besorgt die Senats-\ndruckerei, das Büttenpapier, das Anfangs aus Holland be-\nzogen werden mufste, wird jetzt ausschliefslich für die Publi-\nkationen der Gesellschaft in einer in Deutschland früher nicht\nproduzierten Qualität hergestellt.\nEs ist ein erfreuliches Ergebnis, dafs diese Liebhaber-\nbibliothek sich in kurzer Zeit eingebürgert hat. Der Einflufs,\nden auch der Inhalt mit der Zeit ausüben kann, braucht an\ndieser Stelle nicht betont zu werden.\nWichtig verspricht das Unternehmen auch für das Buch-\nbindergewerbe zu werden. Handelt es sich doch um einige\ntausend Bände jährlich, die auf einen guten Einband Anspruch\nmachen. Die Mitglieder der Gesellschaft gehen mit gutem\nBeispiel voran. Schon auf der letztjährigen Ausstellung er-\nschienen Einbände, deren Filete von den Besitzern entworfen\nwaren.\nDamit ist schon der erste Schritt auf ein Gebiet gethan,\ndas bei uns erst wenig angebaut ist, die Herstellung ganzer\nEinbände durch Dilettanten. Es giebt schon eine Anzahl von\nLiebhaber-Buchbindern. Aber im Allgemeinen haben sie sich\nkünstlerische Aufgaben noch nicht gestellt. Soll der deutsche\nBucheinband die fast ausschliesslich herrschende antiqua-\nrische Richtung verlassen, so ist dies der Weg.\nIm Anschlufs an diese Bemühungen, Buch und Bibliothek\nzu pflegen, hat die Gesellschaft das Exlibris und das Lese-\nzeichen in Holzschnitt und Lithographie von vornherein als\n\nHAUSTÜHR\nFRÄULEIN M. KORTMANN"}, {"page_pdf": 57, "page_imprimee": "307", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.57", "texte": "eins der Arbeitsgebiete ihrer Mitglieder in Angriff genommen.\nDas Jahrbruch enthält zahlreiche Beispiele.\nMit dem Holzschnitt haben sich einige Mitglieder sehr\nrasch vertraut gemacht. Es wurde dabei der sogenannte\nTonschnitt von vornherein ausgeschlossen, weil dessen Be-\nhandlung den Dilettanten zu weit führen, und weil dabei der\nsehr wichtige Zwang, die Zeichnung auf einfache Formen\nzu beschränken, Wegfällen würde.\n$\nMit Absicht sind für die gemeinsame Bethätigung der\nKräfte zunächst Unternehmungen in Angriff genommen, deren\nZiele allgemein verständlich waren und mit den verfügbaren\nMitteln erreichbar schienen.\nFinden die Bestrebungen ferner Anklang, so liegen noch\nviele andere Wege offen.\nMitgliedern der Gesellschaft, Frl. Ebba Tesdorpf und\nFrau Marie Zacharias, verdanken wir als Resultat jahrelanger\nMühen die genauesten Aufnahmen des untergegangenen alten\nHamburg. Fast jedes Haus könnte nach diesen Zeichnungen\nwieder aufgebaut werden. Es verdient hervorgehoben zu\nwerden, dafs die Hamburger Dilettanten sich weit eher und\nkonsequenter die Darstellung der malerischen Schönheit ihrer\nVaterstadt zur Aufgabe gemacht haben, als die Künstler.\nFür die lebende Kunst ist dies Material noch nicht aus-\ngenutzt. Der Hamburger Architekt hat seit einer Generation\nmünchnerisch, berlinisch, hannoverisch, englisch, italienisch\nund französisch gebaut, das Hamburgische aber mit Konse-\nquenz vermieden.\nDa sonst nirgend eine Möglichkeit vorhanden scheint,\nsoll im Jahrbuch der Gesellschaft auf Grund des unerschöpf-\nlichen Aufnahmematerials und weiterer Studien einmal die\nFrage aufgeworfen werden: welche besondern Züge trug die\nbürgerliche Architektur in Hamburg, und was wäre davon\nin unsern Tagen praktisch noch umbildungsfähig?\nGemeinsam haben beide Gesellschaften den Versuch ge-\nmacht, der Originalradierung und Lithographie in Hamburg\neine Stätte zu bereiten.\nDie ältere Generation der einheimischen Künstler hat seit\nJahrzehnten die Radierung und Lithographie aufgegeben. Es\nwurde nicht mehr gesammelt. Das lag in Hamburg nicht\nanders als überall.\nEs wäre kurzsichtig gewesen, die Künstler zur Wieder-\naufnahme der vergessenen Kunstformen zu ermuntern, wenn\nnicht zugleich daraufhingearbeitet wurde, die Sammelfreude,\ndie nie erlischt, der Kunst zuzuwenden, und der Produktion\ndadurch den Boden zu bereiten.\nDafs ein lebhaftes Bedürfnis auch heute zum Sammeln\ntreibt, beweist namentlich die Vorliebe für die sogenannten\nLiebigbilder, die aus einer Spielerei der Kinder eine Beschäftigung\nder Erwachsenen geworden ist. Man kennt die vom künst-\nlerischen Standpunkt meist schauderhaften Buntdrucke, die\nden Käufern von Liebigs Fleischextrakt seit einigen Jahr-\nzehnten als Prämie verabfolgt werden. Die bunten Bilderchen\nwerden jetzt mit grofsen Preisen bezahlt. Es gibt einen\nwohlorganisierten Handel in diesem Artikel, seltene Blätter\nerreichen die Preise von Originalradierungen, in Berlin gibt\nes zwei Vereine der Sammler von Liebigbildern und es er-\nscheinen illustrierte Fachblätter! Das Geld, das in diesen\nSpielereien angelegt wird, würde genügen, eine Blüte der\nOriginalradierung an allen Orten zu zeitigen. So befremdend\nes klingt, dafs einzelne Sammler tausende für diese Puschel\nausgeben, so erfreulich ist das Zeichen an sich: die Freude\nam Sammeln ist wieder da.\nSoll nun an einem Ort wie Hamburg zum Sammeln von\nKunstblättern angeregt werden, so müssen die ersten Blätter\nein sachliches Interesse haben. Bildnisse hamburgischer Per-\nsönlichkeiten, Motive aus dem heimischen Leben und der\nhamburger Landschaft, mit einem Wort künstlerische Ham-\nburgensien ergeben sich damit als Inhalt von selber. Auch\nhier wird an vorhandene Neigungen angeknüpft. Es gibt seit\nalter Zeit sehr viele leidenschaftliche Hamburgensiensammler.\n\nBUTENKAIEN IN HAMBURG\nFRÄULEIN EBBA TESDORPF"}, {"page_pdf": 58, "page_imprimee": "308", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.58", "texte": "Doch darf keinerlei Zwang ausgeübt werden. Nichts\nist für den Sammler unerträglicher als die Mappe der Radier-\nvereine. Schon ihr meist sehr grofses Format ist vom\nUebel. Sie schreckt den Liebhaber ab, der sie weder auf-\nbewahren kann, noch ihren Inhalt auseinanderreifsen mag,\nund sie verführt den Künstler, seine Kompositionen so grofs\nanzulegen, dafs sie nicht mehr aus der Hand besehen werden\nkönnen.\nEinzelblätter, unter deren Zahl man nach Belieben wählen\nkann und die der Künstler von selbst nur in wenig umfang-\nreichem Format halten wird, üben weit mehr Anziehungs-\nkraft und bahnen eine gesündere Art des Sammelns an. Für\nden Wandschmuck müssen Motive in gröfserem Format und\nin dekorativerer Technik besonders geschaffen werden.\nDann dürfen die Blätter auch nicht zu teuer werden.\nUnd dies ist der Punkt, an dem die fördernde Thätigkeit der\nGesellschaften mit Fug und Recht einsetzen kann. Sie wollen\ndie Platten erwerben und die Abdrücke ungefähr zum Selbst-\nkostenpreis abgeben, aber wie bei der Liebhaberbibliothek\nausschliefslich in Hamburg.\nDies waren die Grundsätze, nach denen die Gesellschaften\nzu verfahren beschlossen.\nDie Kommission für die Verwaltung der Kunsthalle ist\ndiesen Bestrebungen, nachdem die ersten Schritte gethan\nwaren, zu Hülfe gekommen, indem sie eine Kupferdr'uck-\npresse anschaffte und allen Künstlern zur freien Verfügung\nstellte.\nDer Erfolg ist überaus erfreulich. Eine gröfsere Anzahl\nvon Künstlern hat sich mit den aufgegebenen Reproduktions-\nmittein beschäftigt. Die Zahl der auf diesem Wege entstan-\ndenen Kunstblätter wächst von Monat zu Monat. Was dieses\nHeft von Hamburgischen Künstlern bringt, ist durch die neue\nAnregung entstanden. Besonders wichtig verspricht die Wie-\nderbelebung der Technik des künsterischen Buntdruckes zu\nwerden.\n❖\nMan ist im Inlande vielfach der Meinung, dafs diese Be-\nstrebungen der Hamburger Kunstfreunde als Nachahmung\nenglischer Vorbilder aufgenommen seien. Dies beruht jedoch\nauf einem Irrtum. Der englische Einflufs ist seit einer Ge-\nneration sehr zurückgegangen. Gegenwärtig dürfte er in Berlin\nweit kräftiger wirken als in Hamburg. —Wenn sich dennoch\nAehnlichkeiten zeigen, so geht dies aus der nahen Verwandt-\nschaft des Volksstammes und der Lebensbedingungen hervor.\nDie beiden Hamburger Gesellschaften sind nicht darauf\nausgegangen, in Nachahmung fremder Vorbilder künstlich\nneue Bedürfnisse zu wecken, sondern sie haben vorhandene\nKräfte zusammenzufassen und zu organisieren versucht. Darin\nfühlen sie die Berechtigung ihrer Existenz und ihres Wirkens.\nUnd wo immer sie neue Ziele aufgestellt haben, gehen sie\nvom Boden des Bestehenden aus. Das wird auch künftig so\nbleiben.\nIhr Augenmerk ist überall die Pflege der künstlerischen\nBildung durch Selbsterziehung.\nUm eine Vorstellung von ihren Bestrebungen und Lei-\nstungen zu geben, teilt der Pan eine Reihe ihrer Zeichnungen\nund Holzschnitte mit.\n\nAlfred Lichtwark"}, {"page_pdf": 59, "page_imprimee": "n. p.", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.59", "texte": "PFLANZENSTUDIEN MIT SCHEERE UND PAPIER (UM 1805)\nPH. O. RUNGE\nHERAUSGEGEBEN VON DER GESELLSCHAFT HAMBURGISCHER KUNSTFREUNDE ALS ERSTER BAND DER\nHAMBURGISCHEN LIEBHABERBIBLIOTHEK GESCHNITTEN VON FRAU PROFESSOR ZACHARIAS UND FRAU DR. ENGEL - REIMERS"}, {"page_pdf": 61, "page_imprimee": "309", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.61", "texte": "DIE KUNST UND DIE MASSEN\n\nCH weiss sehr wohl, dafs das eine heraus-\nfordernde Ueberschrift unddafs die Populari-\nsierung der Kunst augenblicklich sehr un-\npopulär ist, wenigstens in Künstlerkreisen.\nDie Menschheit bewegt sich noch immer im\nKinder-Wackelgang und sucht, von einer\nSeite auf die andere fallend, das Gleichge-\nwicht; was sie unternimmt, ist immer eine Reaktion gegen\ndas Vorhergehende. Es wird auch, nach zuverlässigen An-\nzeichen, noch ein Weilchen dauern, bis die Menschheit\nden Schwerpunkt ihrer Vernunft völlig in ihre Gewalt be-\nkommt und ruhigen Ganges dahinschreitet. Oder sind Aktion\nund Reaktion eben die abwechselnde Bewegung zweier Füfse?\nWenn man diesen Vergleich besser findet und der Meinung\nist, dafs beide Füfse uns vorwärts- und zurückbewegen\nkönnen, so will ich nichts dagegen haben.\nWährend in den grofsen Massen das demokratische\nPrinzip noch fortwährend neue Anhänger gewinnt, ist in den\nherrschenden Klassen und in den Kreisen der akademischen\nBildung, die ihre Macht zu verlieren fürchten, die autoritäre\nWeltanschauung beträchtlich erstarkt resp. auf’s neue lebendig\ngeworden. Es liegt auf der Hand, dafs in diesen Kreisen\ngleichzeitig der Eifer für die Popularisierung der Künste und\nWissenschaften, für Verbreitung von Volksbildung, für Volks-\naufklärung, oder wie man diese Bestrebungen sonst benennen\nmag, ebenso beträchtlich erkalten mufste5 wenn er nicht gar\nin Abneigung gegen dergleichen „kindsköpfische Illusionen“\numschlug. Wenn man gewisse dieser Versuche betrachtet,\nkann man sich allerdings nicht wundern, dafs sie scheitern\nund dafs der anfangs hochgemute Pionier sämtliche Volks-\naufklärungsrequisiten mit einer aristokratischen Verwünschung\nan die Wand schleudert. Wer einer soeben aus Kontor\nund Werkstatt, Fabrik und Wechselstube, Küche und Wasch-\nraum zusammengetrommelten Versammlung ohne weiteres\nmit Bildern von Eduard Munch, Dramen von Maeterlinck\nund Kompositionen von Richard Straufs vor die Brust springt,\ndarf sich für den Mifserfolg bei sich selbst bedanken. Aha,\nhöre ich rufen, er will, die Kunst soll Konzessionen an den\ngrofsen Haufen machen. Bitte, ich will genau das Gegenteil.\nWenn ein Künstler Konzessionen macht, hört er für mich\nauf, ein Künstler zu sein. Man hat mir oft genug vor-\ngeworfen, dafs ich leider zu wenig Kompromisse schlösse;\nich hoffe diesen Vorwurf auch in Zukunft zu verdienen.\nAber man soll doch bedenken, dafs es zweierlei ist, eine\nKunst zu üben und die Kunst, richtiger den Kunstgenufs, zu\npropagieren. Für ein Genie, mag es noch so naiv sein, liegt\ndoch eigentlich der Gedanke sehr nahe, dafs der Spiefsbürger\nnicht aus sich auch ein Genie machen kann, dafs er sich\nauch nicht von heute auf morgen umkrempen und mit\neinem Male den „Eulenspiegel“ von Rieh. Straufs gewaltig\nfinden kann, wenn er bis dahin sein gröfstes Vergnügen auf\ndem „Markt zu Richmond“ oder bei einer „Holzauktion“\ngefunden hat. Die psychologischen Dinge sind doch ebenso\nwenig Zauberkunststücke wie die physiologischen; es gibt\ndoch eine psychologische Entwickelung, und es gibt doch\nGesetze, nach denen sie verläuft. Sich über halsstarrige.\nwiderspenstige, dünkelhafte und anspruchsvolle Philister zu\nerbosen, hat man ja sicherlich ein gutes Recht, und man\nmag sie durch möglichst kraftvolle Injurien aufrütteln, wenn\nsie durchaus nicht aufwachen wollen. Aber ein Künstlergeist,\nscheint mir, zum mindesten ein Dichter, sollte ziemlich tief\nin andere Seelen sich hineinversetzen können; je genialer ein\nMensch, dünkt mich, desto lebhafter erkennt er auch, was\nihn von anderen Menschen ewig trennt, und dafs er in seinen\ngröfsten Augenblicken mehr oder weniger einsam dasteht.\nUnd zur Vornehmheit gehört es, dafs man auch in geistigen\nDingen gerecht ist und mit den Seelenkräften so wenig\nklimpert, wie mit den Dukaten. „Genieprotz“ ich kann\nmir nicht helfen aber das Wort kam mir von selbst auf\ndie Lippen, wenn ich Leute sah, die keinen Feder- oder\nPinselstrich thaten, ohne auf das Philisterpack zu schimpfen.\nIn der Regel haben diese Art Leute noch am wenigsten Ur-\nsache, sich zu entrüsten.\nDie Kunst sollte nur unter der Führung von wirklichen\nKünstlern oder doch von absolut unverdächtigen Kunst-\nkennern und -Freunden popularisiert werden, sonst ist man\nmit zwei, drei Schritten bei gewöhnlicher Unterhaltungs-\nsimpelei, Liedertafelei, Guckkasten und ernsthaft aufge-\nzogenem Tingeltangel angelangt. Der Grundsatz mufs un-\nerschütterlich festgehalten werden, dafs nur durch Kunst für\ndie Kunst erzogen wird und dafs man nicht, „um das Publi-\nkum erst einmal anzulocken“, ein bischen Julius WolfF und\nHeimburg treiben darf. Der Verlauf solcher Popularisations-\nversuche war bis jetzt in den meisten Fällen der, dafs man\nnach ein paar bitter-ernsten Anläufen verzweiflungsvoll zu\ndem „Rangdewuh inn Watergraben“ oder zu „Bräsig in’n\nKirschboom“ überging. Reuter ist ein recht wertvoller künst-\nlerischer Erziehungsfaktor, aber natürlich nur, wenn man\nihn in seiner dichterischen Ganzheit, mit allem Ernst seiner\nStimmung und Charakteristik gibt, nicht, wenn man ein\npaar „komische Stellen“ herauspfiückt für den lachtollen\nPöbel. Es gehört ein fester und kompletter Kunstmensch\ndazu, um solche Versuche unter Wahrung aller künstlerischen\nWürde durchzusetzen. Aber dieser Kunstmensch mufs\nnoch eines sein. Er mufs —es thut mir leid, aber ich kann\ndas fatale Wort hier nicht umgehen —er mufs ein Schul-\nmeister sein, ein Erzieher. Nicht ein Schulmeister, der die\nMenschen meistert, sondern der das Werk der Schule meistert,\nnicht einer, der pufft und stöfst, sondern der weckt, lockt\nund leitet, nicht einer, der allein der Wissende sein will,\nsondern der die anderen zu freien, selbständigen Wissenden\nmachen möchte. Ich habe manchen Redner gehört, der Geist,\nWissen und Empfindung nutzlos verschwendete, weil er\nkeine Ahnung von der Methode einer zweckmäfsigen Ge-\ndankenmitteilung hatte. Unser deutsches Publikum liebt ja\nsehr die Vorträge „über“ eine Sache. Es hört lieber einen\nVortrag „über“ den ganzen Hebbel, als dafs es selbst ein\nStück oder ein paar Gedichte von ihm liest. Nach einem\nsolchen Referat kann es in Zukunft ohne grofse Kosten in\nHaus und Gesellschaft theoretisieren, und das thut der\nDeutsche ja doch für sein Leben gern. Die Vereine zur\nPopularisierung der Kunst sollten natürlich im allgemeinen"}, {"page_pdf": 62, "page_imprimee": "310", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.62", "texte": "ihre Leute so oft wie möglich unmittelbar an die Quelle,\nan das Kunstwerk selbst, heranführen. Aber andererseits\nverdienen theoretische Vorträge an sich durchaus nicht die\nVerachtung, der sie gegenwärtig in Künstlerkreisen oft be-\ngegnen. Einen vollkommenen Kunstneuling vor ein Uhde-\nsches oder Klinger’sches oder auch Rafael’sches Bild stellen\nund ihn ganz sich selbst überlassen, ist eine keineswegs im-\nponierende Praxis. Wir kürzen ja auch auf anderen Kultur-\ngebieten unseren Bildungsgang dadurch ab, dafs wir uns die\nArbeit unserer Vorfahren und die Arbeit unserer Lehrer zu\nnutze machen. Man hat uns ja auch nicht in Wald und\nFeld oder in botanische und zoologische Gärten hinaus-\ngeschickt mit der grausamen Weisung: erwirb dir deine\nNaturgeschichte auf eigene Faust. Auch in der Kunst darf\nman sich das Erbe der Väter zu nutze machen, aber natürlich\nnur, indem man es erwirbt. Eine Stunde lang theoretische\nBemerkungen „über“ einen Dichter, „übercc einen Maler zum\nbesten geben und wären diese Urteile an sich noch so\ntreffend und feinsinnig ist das thörichste, was man be-\nginnen kann. Ein Popularisator soll wenigstens soweit Schul-\nmeister sein, dafs er das Erfordernis der Apperception i. e.\ndie unendlich einfache Thatsache kennt, dafs ein Mensch\nnur dann etwas Neues aufnehmen kann, wenn dieses Neue\nan Bekanntes anknüpft. Und ferner mufs ein Redner wissen,\ndafs alle wirkliche Aufklärung von der Anschauung ausgeht.\nWenn er also nicht bestimmt voraussetzen darf, dafs seine\nHörer den Dichter, den Komponisten, den Maler, den Bild-\nhauer wenigstens in einem beträchtlichen Bruchteil seiner\nWerke kennen, so mufs er in seinem Vortrage diese Voraus-\nsetzungen erst schaffen. Zuweilen kann man das durch recht\ngeschicktes Zitieren bewerkstelligen. Auch das Zitieren ist\neine Kunst. Aber Dramen, Romane, Bilder, Oratorien kann\nman nicht wenigstens nicht immer zitieren. Dann\ntritt an den Redner seine gröfste und schönste Aufgabe her-\nan: er mufs solche Werke nachschaffen. Er wird nicht ein\nsolcher Narr sein, dafs er meint, ein Kunstwerk auf diese\nWeise ersetzen zu können nichts wird er ausdrücklich\nweiter von sich weisen als das aber er wird ein Drama,\neine Tondichtung, ein Bildwerk bei prägnantester Kürze so\ncharakteristisch nach seiner künstlerischen Bedeutung rekapitu-\nlieren, nachkonstruieren, dafs der Hörer vom Geiste des\nKünstlers einen möglichst kräftigen Hauch verspürt. Ich\nhabe das anderswo so ausgedrückt, man müsse nicht über\nLenau, sondern man müsse Lenau sprechen. Je mehr künst-\nlerisches Empfinden und je mehr Sprachgewalt der Redner\nhat, desto besser wird es ihm gelingen. Nur Leute von ent-\nsprechenden Fähigkeiten sollten solche Vorträge halten; ein\nderartiger Vortrag macht aber auch zehn von der landläufigen\nSorte überflüssig. Was gegenwärtig alles als Redner und\nVorleser umherzieht, das ist ja leider mit artikulierten Lauten\nnicht auszusprechen.\nVon einer Grundlage der erwähnten Art aus wird dann\nein richtiger Popularisator die Hörer mehr zu den entsprechen-\nden Urteilen und Schlüssen hinleiten, als er sie ihnen fertig\nhingibt. Er wird namentlich auch das ausgezeichnet in-\nstruktive Mittel des Vergleichs an wenden. Wenn man ge-\neignete Kapitel aus Th. Fontane und aus Nataly v. Eschstruth,\nentsprechende Gedichte von Gustav Falke und von Johanna\nAmbrosius einander gegenüberstellt: dann geht unter Um-\nständen auch einer grofsherzoglichen Gouvernante ein Licht\nauf. Ein Redner, der solche Vorträge hält, wird die Genug-\nthuung haben, dafs die Leute nachher zu ihm kommen und\nsagen: „Morgen geh’ ich hin und hole mir das Buch“ oder\n„von morgen an lese ich meinen Heine noch einmalcc; solch\neiner wird die Hörer nicht überreden, sondern überzeugen,\ner wird sie nicht satt, sondern hungrig machen.\nAuch das gehört zu den Kunstgriffen einer geschickten\nästhetischen Erziehung, dafs man sorgfältig Bedacht nimmt\nauf eine stufenmäfsige Anordnung der gebotenen Kunst-\ngenüsse. Ein ganzes grofses Unternehmen kann darüber in\nseinen Anfängen zu Grunde gehen, dafs ich mit Gedichten\nvon Friedrich Nietzsche statt etwa mit solchen von Th.\nFontane, mit einem schwierigen Lied von Brahms statt mit\neiner leicht ansprechenden Ballade von Loewe beginne. Und\nmit Loewe und Th. Fontane anfangen, heifst doch wohl\nnicht unwürdige Konzessionen machen, heifst wohl nicht,\nein Opfer an künstlerischer Gesinnung bringen. Denselben\nBrahms, den ein unkultiviertes Publikum heute ablehnt, wird\nes nach vier, fünf Jahren vernünftiger künstlerischer Führung\nschon mit ganz anderen Ohren anhören. Es kommt nur\ndarauf an, dafs ein guter praeceptor artium die richtigen\nZwischenstufen zwischen einer Symphonie von Haydn und\neiner solchen von Brahms auffinde. Auch der Wunsch nach\nAbwechselung und das Verlangen, nicht durch gehäufte\nDarbietungen übermäfsig angespannt zu werden, haben ihre\ndurchaus normalen seelischen Voraussetzungen und damit\neine natürliche Berechtigung; wenn ein musikalischer Neu-\nling nicht den ganzen Tristan oder die ganze Hmoll- Messe\nvon Bach an einem Abend hören kann und mag, so läfst das\nnoch keineswegs mit Sicherheit auf unheilbares „Kafferntumcc\nschliefsen. Ich weifs wohl: es setzt ein paar grofse, hoch-\nwogende Gefühle, wenn man einem nichtsahnenden Publi-\nkum sogleich drei Stunden lang das Aeufserste in der Kunst\nVormacht und dem „blöden Haufen“ alsdann nach kon-\nstatiertem Mifserfolg mit genialem Zorn das ganze Porzellan\nvor die Füfse wirft; ich habe auch dergleichen gemacht.\nAber erstens erfordert das viel weniger Mühe und viel weniger\n„Genialität“ als eine stetige, still begeisterte, intelligente\nArbeit, und zweitens hat es nicht den geringsten Wert. Im\nGegenteil, das Publikum geht nach Hause und sagt: „Da\nlob’ ich mir den Trompeter von Säkkingen.“ Aufserdem:\nwenn man auch als Kunstkenner noch ein ehrlicher Mensch\nist, dann kann man sich mit Aufwendung von etwas Ge-\ndächtnis noch ganz wohl der Zeit erinnern, da man selbst\nnoch nicht ganz goethereif war.\nUnd wenn man all’ jene Bedingungen einer vernünftigen\nKunstpropaganda erfüllt hat, dann darf man sich natürlich\ntrotzdem nicht entfernt einbilden, nun aus jedem Holze einen\nMerkur schnitzen zu können. Bei solchen neuen Unter-\nnehmungen kommen sie ja zunächst in hellen Haufen ge-\nrannt; aber die Unberufenen kommen bald dahinter, dafs\nkeine Pfefferkuchen verteilt werden, und bleiben fort. Wo\nkeine Keime sind, da kann man natürlich nichts entwickeln,\naber es sind viel mehr Keime da, als man glaubt. Eigentlich\nsollte man sich ja nicht darüber wundern, dafs, wenn während\nder ganzen langen Kindheit und Jugend für die ästhetische\nErziehung nichts gethan wurde und ungefähr so viel\nwird in unseren Schulen gethan dafs es dann für die\nEntwickelung eines künstlerischen Sinnes zu spät ist. In\nHamburg haben wir jetzt begonnen, an eine ästhetische"}, {"page_pdf": 63, "page_imprimee": "311", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.63", "texte": "Erziehung nicht nur zu denken, sondern sie zu verwirklichen.\nSobald von einer Hamburger Propaganda für die Kunst\ndie Rede ist, stellt sich sofort der Name Lichtwark ein,\nein Name, der mit dem am Ende dieses Jahrhunderts erfolgten\nWiedererwachen des Kunstsinnes in Hamburg unlöslich ver-\nknüpft bleiben wird. Vor ihm gab es in Hamburg wohl ein\npaar Kunstkenner und ein paar ausgezeichnete Privatsamm-\nlungen; aber es gab kein Kunst leben bei uns: das hat er\ngeweckt. Er hat es sogar dahin gebracht, dafs unter den best-\nsituierten Bürgern Hamburgs man denke! ein heftiger\nStreit für und wider die neue Kunst entbrannte. Und obwohl\ndie Angreifer es zweifellos in erster Linie auf ihn abgesehen\nhatten, freute sich dessen glaub’ ich sicher zu sein niemand\nmehr als er, dafs endlich Bewegung in die Massen kam.\nDenn es liegt ihm wohl wie allen überlegenen Köpfen weit\nmehr daran, dafs die Geister in selbständige Bewegung ge-\nraten, als dafs sie seine Meinungen auf Treu und Glauben\nannehmen. Ich teile keineswegs immer seinen Standpunkt,\naber ich bewundere seine solide, stille Begeisterung, seine\nAusdauer und seine erzieherische, anregende Kraft.* Jetzt\nspricht man jede Woche einmal von der Kunsthalle und von\ndem Neuesten, das sie bietet; früher erinnerte man sich alle\npaar Jahre gelegentlich einmal, dafs Hamburg ja auch eine\nKunsthalle habe. Lichtwarks Vorträge sind bis auf den letz-\nten Platz besucht, und sie sind immer interessant und fördernd.\nDenn er geht immer von der Anschauung aus, spricht immer\nkonkret, verliert sich nicht in Allgemeinheiten, d. h. also, er\nspricht, wie nur Leute von reicher Bildung sprechen können.\nWie die Kunsthalle solchermafsen ein Sammelpunkt für\ndie Freunde der bildenden Kunst geworden ist, so ist es die\n18 91 gegründete „Litterarische Gesellschaft zu Hamburg“\nfür das litterarische Publikum geworden. Da ich der erste\nVorsitzende dieser Gesellschaft war, so könnte ich über\nGründung und Entwickelung mehr Interessantes erzählen,\nals der Raum mir gestattet. Natürlich hatten wir junge\nLeute sind ja darin so leichtfertig eine Reihe litterarischer\n„Autoritäten“ vor der Gründung gebührend zu befragen und\neinzuladen vergessen. Diese „Autoritäten“ hatten jahrzehnte-\nlang geschlafen und nichts für das litterarische Leben Ham-\nburgs gethan; nun fanden sie es natürlich respektwidrig, dafs\nandere, und noch dazu junge Leute, etwas gethan hatten.\nEiner machte mich darauf aufmerksam, dafs ja in Hamburg\nschon ein Schriftstellerverein bestehe, der eine Sterbekasse\nhabe und jährlich einmal zum Essen zusammenkomme; ein\nblaustrümpfelnder Gernegrofs war entsetzt, dafs es sich nicht\num ein Konventikelchen zur Beräucherung ihres rühm- und\nanregungsbedürftigen Persönchens, sondern um einen Verein\nfür „Crethi und Plethi“ handelte, und ein „Gelehrter“, der sich\nrecht und schlecht von Shakespeare nährte, um genau unter-\nsuchen zu können, ob Goethe oder Schiller der Gröfsere von\nbeiden sei, nannte uns in seinen Vorlesungen „moderne Flach-\nköpfe“, obwohl wir uns garnicht um ihn bekümmert hatten.\nDie Presse, mit einer einzigen, rühmlichen Ausnahme, schwieg\nuns nach Kräften tot; wir wollten ja das Neue, das Lebende\nzur Geltung bringen, und das kann man doch nicht zu Worte\nkommen lassen, wenn man so viel Platz für die Berichte der\nKegelbrüderschaften und für die Waschzettel der Theater\nund der Verleger braucht! Von den 7- oder 800, die uns\nbeim ersten Trommelschlag zuliefen, fielen nach einigen Tagen\noder Wochen nur 2- oder 300 wieder ab; die einen hatten\nsich die Sache viel „idealer“, die anderen viel „moderner“,\nnoch andere hatten sie sich amüsanter und wieder andere\nhatten natürlich garnichts gedacht und waren besonders ent-\ntäuscht. Wir hatten Draufgänger unter uns, die das „Phi-\nlisterpack“ sofort durch die verwegensten und überzeugtesten\nSexualitäten brüskieren wollten auch ein grofser Skandal\nkann ja gute Früchte zeitigen, ich leugne das nicht und\nwir hatten traute Menschenblümelein unter uns, die im\nNamen der Sitte und des Ideals protestierten gegen Vorträge\nüber Sudermann, über den Atheisten Vischer und dergleichen\nfinstere Dämonen. In den Anfängen solcher Vereinsbildungen\nmufs man die Kunst verstehen, an seinem Plane festzuhalten\nund sich durch Tratsch und Krittelei nicht beängstigen und\nnicht beirren zu lassen. Dank darf man selbstverständlich\nnicht erwarten, höchstens ab und zu eine kleine Verschwörung\nUnzufriedener, die den jeweiligen „Tyrannen“ oder die „herr-\nschende Clique“ ein bischen angeifert. All dergleichen hat\nuns nichts geschadet. Unser Plan aber war: Keine Korn-\npromisselei, keine unkünstlerische Schwächlichkeit gegen das\nBanausentum, aber Führung und Heranbildung des Publikums\nnach vernünftigen psychologischen Prinzipien. Keine akade-\nmische Langweiligkeit und keine blind rasende Richtungs-\nmeierei. Ob ein Dichter „alt“ oder „jung“, tot oder lebendig\nwar, galt uns ganz gleich: können mufste er etwas. An\nsolchen Toten wie Hebbel, Storni, Keller, Anzengruber, Otto\nLudwig u. a. konnten wir gerade besonders gut zeigen, was\nan einer Kunst lebendig ist und was tot. Den Grundsatz,\nnur Manuscripte und zwar von ihren Verfassern lesen zu\nlassen, hielten und halten wir für grundfalsch. Soviel be-\ndeutende Manuscripte werden nicht produziert, dafs man\nimmer genug hätte; aufserdem ist ein echtes Kunstwerk\nimmer „Manuscript“. Eine Versuchs- und Ermutigungsanstalt\nfür Anfänger und kleine Talente wollten wir nicht sein.\nDergleichen ist etwas für einen Litteratenzirkel von 10 oder\n20 Personen, aber nicht geeignet, das grofse Publikum mit\nkräftigen Armen heranzuziehen. Und das Lesen der Autoren ?\nMindestens 90 Proz. von ihnen lesen haarsträubend schlecht.\n„Der Autor mufs doch sein bester Interpret sein“, meint\nman. Das scheint ja sehr richtig; denn was er wollte,\nwird er gewöhnlich am besten wissen. Aber meint man\ndenn, dafs zum Interpretieren das Wollen genügt? Ja, wenn\nbei allen Leuten das ganze Ohr und alle Sprachwerkzeuge\ndem Nervenzentrum dienstbar wären. Hat man’s noch nicht\nerlebt, dafs Leute recht gut zu singen meinen, die keinen\nTon richtig nachzusingen vermögen? Und wenn nun gar\nder Autor keine Stimme hat, und kein Hochdeutsch spricht,\nund keine Ahnung hat, wie ein grofses Auditorium zu be-\nhandeln ist, wie viel oder wie wenig man in einer Stunde\nlesen kann etc. etc. Kurz: mit der konsequenten Befolgung\njenes Prinzips setzt man sich „Reinfällen“ aus, die garnicht\nwieder gut zu machen sind. Es gibt nichts Deprimierenderes\nfür Publikum und Autor als eine verunglückte Vorlesung.\nAnfangs versuchten wir es öfters mit Schauspielern. Herr\nHofrat Pollini verbot „seinen“ Künstlern die Mitwirkung\n(nicht einmal einen Toast wagten sie zu sprechen); Chery\nMaurice gab den Künstlern seiner Bühne ohne weiteres volle\nFreiheit dazu. Aber erstens können Schauspieler sehr schlecht\nüber sich bestimmen; in letzter Stunde sagten sie in den\nmeisten Fällen ab. Und dann sind die guten Vorleser und\nRezitatoren unter den Schauspielern noch seltener als die"}, {"page_pdf": 64, "page_imprimee": "312", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.64", "texte": "guten Konzertsänger unter den Opernsängern. Die meisten\nmachen aus einem lyrischen Gedicht von Meyer oder Storm\nein ganzes Drama, und das ist mehr als man verlangt. Man\nkann ein sehr guter Schauspieler und doch ein mittelmäfsiger\nRezitator sein. Die Kunst der Rezitation ist bis jetzt wenig\ngepflegt: doch scheint ihr Ansehen und ihre Verbreitung zu\nwachsen. Die Schulen stehen, wie allem Künstlerischen, so\nauch einer natürlich-schönen Rezitation noch trostlos fern.\nFür das Programm des einzelnen Abends war es uns\nGrundsatz, ein spielerisches, verwirrendes und ergebnisloses\nVielerlei zu vermeiden und nach möglichster Einheitlichkeit\nund Vertiefung des Eindrucks zu streben. Was ein Abend\nbrachte, das mufste in einem organischen Zusammenhänge\nstehen und etwas Abgerundetes, wenn auch keineswegs Ab-\ngeschlossenes sein. So arrangierten wir Dichterabende, einen\nFontane-Abend, einen Falke-Abend, einen Storm-Abend, einen\nHauptmann-Abend etc. etc., an denen über die Dichter und\nvon den Dichtern gehört wurde; der theoretische Vortrag\nund die Vorlesung griffen ineinander, so dass die Vorstellung\n„Fontane“ für die Hörer, wenn sie nach Hause gingen, einen\npositiven, charakteristischen Inhalt bekommen hatte. Die\nLeute mussten sich sagen: der Fontane, das ist ein anderer\nKerl als der Hauptmann, und der Hauptmann, das ist wieder\nein anderer als der Liliencron etc. etc. Auch wenn über\nallgemeine, besonders dringliche und fruchtbare Themata\ngesprochen wird, wie über Banausentum oder Familienblatt-\npoesie, wird durch reichliche Illustration ein möglichst\nganzer Eindruck angestrebt.\nUnd über aller ernsten Arbeit ja, das dürfen wir sagen,\ndafs wir gearbeitet haben! vernachlässigten wir das not-\nwendige Komplement nicht, das mit der ernsten Arbeit zu-\nsammen ein lebenswertes Leben ausmacht: die ungebundene\nFreude. Ja, lustig, litterarisch und unlitterarisch lustig sind\nwir auch gewesen, so herzlich und innerlich lustig, wie uns\nHamburger der Fremde gar nicht kennt, wie uns nur der\nkennt, der bei uns warm geworden ist.\nIch weifs nicht, ob ich alle Prinzipien unserer „Gesell-\nschaft“ aufgezählt habe; gern möglich, dafs mir einige sehr\nwichtige, aber verborgene, entgangen sind. Mir fällt noch\nein, dafs wir es den Leuten\nso billig wie möglich gemacht\nhaben, da dergleichen Institute,\nwenigstens in Hamburg, von\nden Beiträgen der mittelmässig\noder wenig, ja garnicht Be-\ngüterten bestehen müssen.\nUnd halt! noch eins\nwar uns Vorsatz. Wir wollten\nund wollen an unserm be-\nscheidenen Teile der tödlichen\nZentralisation der Kunst\nwehren. Wir sind nicht so ein-\nfältig, mit Berlin konkurrieren\nzu wollen; dafs eine halbe\nMillionenstadt etwas anderes\nist als eine Zweimillionenstadt,\ndie noch dazu Hauptstadt eines\ngrofsen Reiches ist, das ist uns\nohne Weiteres klar. Das ist ein\nUnterschied zum Schlimmen\nund zum Guten für beide Teile. Berlin hat der neuen Dichtung\nLuft geschaffen, hat Bresche für sie gelegt, hat ihr vermöge\nihrer Millionen zuerst ein Publikum gegeben. Der Ruhm\nwird unserer Reichshauptstadt bleiben müssen. Aber „die\nProvinz“ hat Deutschland Dichter gegeben, die Berlin ihm nicht\ngeben konnte noch kann. Ein Liliencron z. B. konnte so wenig\nauf Pariser wie auf Berliner Pflaster grofs werden. Wir\nwollen uns im Verein mit anderen Nicht-Berlinern freund-\nschaftlichst verwahren gegen die mit Hilfe der Presse von\nBerliner Kliquen und Verlagsfirmen betriebene Talent-, Genie-,\nRuhm- und Geldfabrikation. Als wir noch jung und un-\nschuldig waren, bissen wir gläubig auf alles an, was von\nBerlin aus als Talent und Genie propagiert wurde. Nach\ndiversen „Enttäuschungen“ ist man, glaub’ ich, anderswo\nso gut wie in Hamburg vorsichtig geworden. Wer meine\nstarken kosmopolitischen Neigungen einigermafsen kennt,\nder weifs zugleich, dafs Börsenspekulation, Polizeispionage\nund Massenmord mir annähernd so fern liegen wie Lokal-\npatriotismus. Ich weifs, wie wenig wir uns in mancher\nBeziehung auf unser Hamburg einbilden können. Nach\nbereits Gesagtem ist es z. B. begreiflich, dafs unser „besseres“\nTheaterpublikum auf einem tiefen, sehr tiefen Niveau steht\nund die moderne Dichtung selbst des erfolgreichen Haupt-\nmann auf unserer Bühne keine Stätte hat. Das und vieles\nandere, wie gesagt, wissen wir. Aber in unserm Verlangen\nnach eigener Prüfung wird uns das nicht wanken machen,\nund dieses Verlangen wird durch aufdringliche Reklame und\nsüffisante Bevormundung nur energischer werden. Das, denk’\nich, ist die schönste Hoffnung unseres deutschen Landes, dafs\newig in jedem seiner Gaue jene selbstbewufste Kraft zu finden\nsein wird, die sich willig dem Ganzen hingibt.\nNoch eines Unternehmens will ich zum Schlüsse gedenken:\ndes neugebildeten „Vereins hamburgischer Musikfreunde“.\nDieser vom Staate jährlich mit 25000 M. subventionierte\nVerein veranstaltet Symphoniekonzerte für ein Entree von\nfünfzig Pfennigen. Für diesen Preis kann man noch seine\nGarderobe ablegen und erhält man noch ein Programm. Die\nLeistungen des Orchesters und der Solisten sind ausgezeichnet;\nnur scheint dem Verein, wie ein Hamburger Musikreferent\nsehr richtig bemerkt, noch\nnicht ganz der pädagogische\nCharakter seiner Aufgabe klar\ngeworden zu sein. Im dritten\nKonzert dieser Art schon mit der\nWagnefschen Faustouverture,\nmit der Eroica und mit Rubin-\nstein sehen Liedern zu kommen,\nist entschieden verkehrt Aber\nder Andrang des Publikums ist\nganz enorm und sein Dank\nenthusiastisch. Wer es noch\nnicht glaubt, der kommt viel-\nleicht durch dergleichen Kon-\nzerte zu der Ueberzeugung,\ndass die Kunst, die souveräne,\nvom Kapitalismus und vom\nAkademismus befreite Kunst\ndie Erzieherin der Zukunft ist.\n\nOtto Ernst\n\nFACHWERKBAÜ\nHERR E. LORENZ MEYER"}, {"page_pdf": 65, "page_imprimee": "313", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.65", "texte": "HAMBURG\n\nDN allen deutschen Gressstädten ist keine\nnach ihrer Erscheinung und ihrem Wesen\nso unbekannt wie Hamburg. Die meisten\nVorstellungen, die man sich im Reich von\nder Stadt und ihren Bewohnern macht, sind\nschief oder falsch.\nHamburg ist kein Reiseziel, man pflegt es nur flüchtig auf\neiner Rundreise zu berühren. Denn von dem, was der gebil-\ndete deutsche Durchschnittsreisende zu suchen gewohnt ist,\nalte malerische oder romantische Architektur, Sammlungen\nalter Kunst und ein leichtes, anheimelndes öffentliches Leben\nder Gesellschaft, besitzt Hamburg nicht viel, und der Genufs\ndessen, was es zu bieten hat, erfordert Zeit, Ruhe und den\nWillen, sich zu vertiefen, Dinge, die nicht mit auf die Reise\nzu nehmen pflegt, wer eine moderne Stadt besucht.\nNirgends auch fällt es dem Reisenden so schwer, sich zu\norientieren und den Eindruck von markanten Linien eines fest-\numrissenen Charakterbildes mitzunehmen. Nur einzelne auf-\nfallende Züge, die unter sich nicht recht in Verbindung zu\nbringen sind, pflegen haften zu bleiben. Wie in Berlin, Dres-\nden oder München der Einheimische lebt und denkt, davon\nkann auch der Reisende eine Vorstellung gewinnen; wie der\nHamburger sein Dasein einrichtet, erfährt erst, wer es eine\nZeit lang geteilt hat.\nUnd während die Malerei und die Litteratur der letzten\nGeneration in dem Münchner und Berliner Leben reichen\nStoff zu gestalten fand und Menschen und Milieu im Lichte\nder Kunst anzuschauen unser ganzes Volk gewöhnt hat,\nwährend Tageszeitungen, illustrierte Blätter, Witzblätter,\nWochen- und Monatsschriften dort über alle Ereignisse und\nVorgänge berichten, gibt es nur erst die Anfänge einer Ham-\nburgischen Litteratur, hat die bildende Kunst die unerschöpf-\nlich reichen und vielseitigen Stoffe, die das mannigfaltige\nLeben und die wundervolle Hamburger Landschaft ihr bieten\nkönnten, noch so gut wie unberührt gelassen, und keine illu-\nstrierten Blätter, Wochen- oder Monatsschriften erscheinen in\nHamburg, die das Reich mit dem, was dort vorgeht, be-\nkannt machen könnten.\nI.\nAuch für Hamburg, die am spätesten entwickelte unter\nden drei übrig gebliebenen Hansastädten, gilt die Erfahrung,\ndafs sich aus dem Stadtplan Charakter und Gang der Ent-\nwickelung ablesen läfst.\nAus seiner heutigen Gestalt allein ist die Geschichte der\nStadt allerdings nicht deutbar. Denn es gibt keine deutsche\nStadt, vielleicht überhaupt keine, deren Strafsennetz und\nderen Wasseradern im Lauf der letzten Jahrhunderte so un-\ngeheure Veränderungen erfahren hätten.\nWie Lübeck und Bremen war Hamburg ursprünglich ein\nBischofssitz gewesen, in welchem die Bürgerschaft sehr früh\ndie Macht des welt-geistlichen Fürsten bei Seite gedrängt hatte.\nWährend aber im Stadtplan der beiden Schwesterstädte\ndie Spur der Bischofsperiode noch deutlich erkennbar geblieben\n\nFUHLENTWIETE\nFRAU MARIE ZACHARIAS"}, {"page_pdf": 66, "page_imprimee": "314", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.66", "texte": "ist, in Bremen mit Dom und Domplatz, in Lübeck mit der\nstillen bischöflichen Dominsel, die von den Wogen des bür-\ngerlichen Lebens noch heute nur von fern umspült wird, ist\nder ehrwürdige Dom in Hamburg dem Erdboden gleich ge-\nmacht, und nur die Domstrafse erinnert durch ihren Namen\nan die Bedeutung der Stätte, aus der ein kühner Traum ein-\nmal das Zentrum eines nordischen Rom hatte schaffen wollen.\nUnd während in Lübeck und Bremen Rathaus, Rathaus-\nmarkt und Bürgerkirche ihre ursprünglichen Plätze innehaben,\nwird die Regierung von Hamburg im eben vollendeten Rathaus\nan der vierten, wahrscheinlich sogar an der fünften Stelle tagen.\nWo sich das erste erhob, weifs Niemand zu sagen; auch die\nStätte des zweiten ist streitig; das dritte wurde vom Brand\nverwüstet, das vierte soll in diesem Jahre aufgegeben werden.\nNur die alte Bürgerkirche von St. Peter ragt wie einst auf\ndem höchsten Punkt der ältesten Stadt empor, aber als Neu-\nbau unseres Jahrhunderts. Von den mittelalterlichen Kirchen\nstehen nur noch zwei, alle Kapellen und Klöster sind ver-\nschwunden.\nUnübersehbar sind die Veränderungen der grofsen und\nkleinen Wasserläufe. Die Alster wurde zu einem Landsee\naufgestaut, der jetzt mitten in der Stadt liegt. Ein querdurch\ngelegter Damm trennte die Binnenalster ab, ein drittes Alster-\nbassin, das bis zum Brande von 1842 im Herzen der Stadt\nlag, die kleine Alster, ist auf ein Becken von geringem\nUmfang zusammengeschrumpft. Flufsschiffe ankerten, wo\njetzt die weite Fläche des Rathausmarktes sich dehnt; wo\nSenat und Bürgerschaft tagen, flössen Fleethe, die zahllosen\nKanäle, die als Abflüsse der Alster die Stadt durchziehen, hat\nmit zwei oder drei Ausnahmen die Hand des Menschen ge-\ngraben. Ebenso ist der Lauf des andern Nebenflusses der\nElbe, der durch Hamburg fliefst, der Bille, zu Wasserflächen\naufgestaut und in ein Netz von Kanälen verwandelt. Eine\nIndustriestadt hat sich dort gebildet, wo noch vor einer Gene-\nration an stillem Gewässer die Sommersitze aus dem\n18. Jahrhundert lagen.\nWie die Becken und Kanalsysteme der Alster und Bille\nkünstliche Gewässer sind, so ist auch der Arm des Elbstroms,\nder die Häfen bildet, von den Hamburgern durch kunstreiche\nWasserbauten an die Stadt herangeholt worden. Bis ins\nMittelalter lassen sich die Kämpfe des Ingenieurs, denen diplo-\nmatische und kriegerische Aktionen mit den Nachbarstaaten\nparallel gingen, zurückverfolgen.\nIm heutigen Hafengebiet sind die Umänderungen gewaltig\nund unübersehbar. Wo in meiner Jugend die stolzen Barock-\npaläste der Patrizier und die malerischen Wohnhäuser der\nArbeiter sich erhoben, strömt heute die Flut durch breite\nKanäle; elektrische Bahnen schiefsen dahin, wo damals noch\nSchiffe unter Bäumen am Quai lagen; Rinderherden grasten,\nwo jetzt in den seeartigen Becken der neuen Hafenanlagen die\nHandelsflotten liegen, und es kommt mehr als einmal vor,\ndafs sich seit einem Menschenalter an derselben Stelle die\ndritte Brücke über den Kanal spannt.\nMehr noch; der Elbstrom, über dessen unzulängliche Tiefe\nin früheren Jahrhunderten die Besitzer der Segelschiffe ge-\nringen Tiefgangs wiederholt Klage führten, trägt infolge un-\ngeheurer Regulierungsarbeiten heute die schwimmenden Städte\nder gröfsten transoceanischen Dampfer bis in die neuen Häfen,\neine Aufgabe, an deren Lösung unter den schwierigsten Be-\ndingungen Jahrhunderte gearbeitet haben, und weitere Ar-\nbeiten sind im Gange, die auf eine Vertiefung der Fahrrinne\nhinzielen und sie gegen die wechselvollen Einflüsse von Flut,\nStrom und Ostwind sichern sollen.\nSo ist der ursprüngliche Zustand des Erdbodens und der\nWasserläufe, so ist das Bild der historischen Entwickelung\ndes Stadtbildes verwischt. Es läfst sich nicht sagen, ob in\nHamburg das Wasser oder das »Land sich als das weniger\nstabile Element erwiesen hat.\n*\nDie alte Stadt innerhalb der Festungswälle des 17. Jahr-\nhunderts wurde in drei Etappen gebildet. Auf dem Hügel\nan der Alster, der den Uebergang der alten Heerstrafse von\nLauenburg nach Holstein beherrscht, lag, weit vom Elbstrom\nentfernt, die älteste Stadt. Im Alsterdelta zu ihren Füssen\nentstand selbständig im 13. Jahrhundert die Neustadt mit\neigenem Recht und eigener Verwaltung. Nach der Vereinigung\nder beiden Städte erhob sich das gemeinsame Rathaus vor der\nBrücke, die sie verband eine Anlage, die auch anderswo\nvorkommt, wenn zwei Stadtkerne verschmelzen. Die Be-\nfestigungen des dreifsigjährigen Krieges zogen den riesigen\nKomplex der Gärten vor dem Thor in das Weichbild, und\nnoch im 17. Jahrhundert wurden die Feldwege darin zu Strafsen.\nDas ist der Ursprung des Gängeviertels mit seinen schmalen\nGassen und seinen grofsen Gärten im Kern der unregel-\nmäfsigen Baublöcke.\nAus der Urzeit ist nur ein Strafsenzug in seinem alten\nVerlauf erhalten, die grofse Heerstrafse, die schon in vor-\ngeschichtlicher Zeit über die Furt der Alster führte. Man sieht\nihren Krümmungen heute noch an, wie sie einst sich der\nGestalt des Terrains anschmiegte.\nDie Natur des Bodens und die Bedürfnisse des Handels\nbestimmten schon im Mittelalter den Typus der städtischen\nBebauung. Es wurden nicht, wie in den holländischen Städten,\nKanäle von Strafsen eingefafst das Grachtensystem —,\nsondern es erhoben sich an den Ufern der „Fleethe“ die langen\nReihen der Speicher, deren Grundmauern tief unter das Wasser\nhinabreichen.\nMan wird in diesen Fleethen an Venedig erinnert. Aber\nes sind nicht die Paläste und Wohnhäuser, die ihre zierliche\noder grofsartige Architektur im Wasser spiegeln, sondern\ndie schlichten Nutzbauten der Speicher, deren einziger Reiz in\nden roten Ziegeldächern und den weifsgestrichenen Fenster-\nrahmen im roten Mauerwerk besteht.\nWer vom Fleeth durch den Speicher geht, gelangt nicht\ngleich auf die Strafse, sondern auf einen schmalen Hof und\nerreicht sie von dort erst durch das Wohnhaus. Dieser Komplex\nvon Wohnhaus und Speicher, die durch einen schmalen Flügel\nan der einen Seite des dazwischen liegenden Hofes verbunden\nsind und von der Fahrstrafse und dem Kanal begrenzt werden,\nbildet die typische Anlage eines alten Hamburgischen Kauf-\nmannshauses.\nErst im 17. Jahrhundert hat das holländische Vorbild der\nGrachtenanlage zu wirken begonnen, aber der Holländische\nBrook war fast das einzige Gebilde dieser Art.\nBei den grofsen Speicheranlagen im neuen Freihafengebiet\nist man zu dem praktischeren einheimischen Typus zurück-\ngekehrt, nur dafs jetzt bei dem Speicher das Wohnhaus fehlt."}, {"page_pdf": 67, "page_imprimee": "315", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.67", "texte": "Drei große Ereignisse haben seit fünfzig Jahren das Bild\nder alten Stadt vollständig umgestaltet: der große Brand von\n1842, der Zollanschluß und die neuen Hafenanlagen, die\ndas Seeschiff, den Flußkahn und die Eisenbahn am Quai zu-\nsammenführen.\nDer Brand vernichtete den Kern der Stadt. Beim Wieder-\naufbau wurde mit großem Raumgefühl ein neues Stadt-\nzentrum gebildet um die durch ein Wunder erhaltene Börse,\ndas neue Rathaus und die mit monumentalen Quais, wunder-\nvollen Wassertreppen den schönsten, die ich kenne und\nzierlichen Arkaden ausgestattete Kleine Alster.\nRathaus und Börse, durch Zwischenbauten verbunden,*\nbilden jetzt einen einzigen Baukomplex, das Herz der Stadt.\nDiese Vereinigung des Rathauses, das in Hamburg wesentlich\nnur den Sitz des Senats und der Bürgerschaft bildet, also der\nRegierungspalast ist, mit der Börse ist vielfach aufgefallen,\nauch wohl als unwürdig bemängelt worden, war aber Aus-\ndruck thatsächlicher Verhältnisse. Die Hamburgische Ver-\nfassung rechnet für die Verwaltung des Gemeinwesens mit\nder freiwilligen Teilnahme des Kaufmanns. Männer, die an\nder Börse jeden Mittag Zusammenkommen, um ihre Geschäfte\nzu verhandeln, gehören als Mitglieder der Bürgerschaft den\nsogenannten Deputationen an, die als Ministerien Finanz,\nBauwesen, Unterrichtswesen u. s. w. verwalten. Sollen sie\ndauernd in der Lage sein, den Sitzungen beizuwohnen, ge-\nbietet sich die möglichste Konzentration von Börse und Re-\ngierungspalast von selbst. Im Inlande darf man bei der Bc-\nurtheilung dieses eigenartigen Baukörpers nicht vergessen,\nwelche hohe und angesehene Stellung die Hamburger Börse\nseit Jahrhunderten im Gemeinwesen einnimmt.\nAuch äußerlich zwingt sich die Bedeutung dieses jüngsten\nStadtkerns, dessen eine Hälfte vor fünfzig Jahren eine Wasse-\nrfläche war, unmittelbar der Anschauung auf. Nahezu sämt-\nliche elektrische Strafsenbahnen führen überden Rathausmarkt,\neine Anlage, die keine andere Grofsstadt kennt.\nFür den Freihafen wurde der vornehmste und male-\nrischste Teil der alten Stadt niedergelegt, der bis vor dreifsig\nJahren im Winter von der Aristokratie bewohnt wurde. Was\nfür Veränderungen die ebenfalls im Freihafengebiet liegenden\nQuais und Bassins der neuen Hafenanlagen mit sich gebracht\nhaben, läfst sich am besten aus dem Vergleich der Pläne von\n1860 und 1896 ermessen.\nAus dieser Uebersicht ergibt sich, dafs bei der Anlage\nder Stadt Jahrhunderte hindurch ausschliefslich die For-\nderungen des praktischen Lebens mafsgebend gewesen sind.\nNirgend hat das künstlerische oder repräsentative Be-\ndürfnis des Fürsten einen öffentlichen Platz gestaltet, eine\nPerspektive durchgesetzt, einen Strafsenzug bestimmt. Und\nder Senat hat von je her vermieden, durch äußerliche Re-\npräsentation zu glänzen.\nDas Leben der Gesellschaft hat nur wenig Spuren im\nStadtbild hinterlassen, am ehesten noch in der Grofsen Allee\nin der Vorstadt St. Georg, die am Anfang des vergangenen\nJahrhunderts eine Art Korso war, und deren großräumige\nAnlage heute wie ein Rätsel erscheint.\nNach künstlerischen Erwägungen hat erst unser Jahr-\nhundert öffentliche Anlagen geschaffen. Zuerst in der langen\nReihe von später mannigfach dezimierten Parks, die\nauf den niedergelegten Festungswällen angelegt wurden,\ndann beim Aufbau des Stadtkerns nach dem großen Feuer von\n1842 und zuletzt bei der Umgestaltung der Ufer der Außen-\nalster und bei den Entwürfen für den neuen Bebauungsplan.\n11.\nEs mufs ein wertvoller Fleck Erde sein, auf dessen Um-\ngestaltung seit Jahrhunderten solch unberechenbare Summen\nvon Intelligenz, Arbeit und Geld, so viele diplomatische\nund kriegerische Kämpfe von den Bewohnern aufgewandt\nworden sind, und den sie im 17. Jahrhundert, als dergrofse\nKrieg ausgebrochen war, durch die stärksten damals denk-\nbaren und noch dazu auf ungünstigem Boden angelegten\nFestungswerke schützten, mit Wällen wie Hügelreihen, hinter\ndenen Türme verschwanden, und Stadtgräben gleich tiefen\nThälern.\nIm neuen Hafen liegt neben dem weiten Becken des\nSegelschiff hafens das Bassin für die langen Oberländer Kähne;\nHamburg ist der Ort, den die flachen Kähne aus Sachsen\nund Oesterreich vom Wellengang ungefährdet erreichen\nkönnen, und bis zu dem die Flutwelle die Seeschiffe herauf-\nträgt. Alle Anstrengung war seit Jahrhunderten darauf ge-\nrichtet, die Qualität des Hafens als Ort der Umladung vom\nSee- in’s Flufsschiff intakt zu erhalten und zu steigern. Dafs\nes bis heute trotz der wachsenden Ansprüche gelang, ist ein\nhalbes Wunder. Hätte eine einzige Generation die Kraft er-\nlahmen lassen, so wäre die Verbindung auf immer zerrissen.\nDies ist auch die wichtigste Ursache, dafs Konkurrenz-\nstädte am untern Elbstrom sich nicht entwickeln konnten\nund dafs Hamburg bisher noch nicht genötigt war, sich\nselbst eine Konkurrenzstadt zu gründen wie Bremen in Bremer-\nhafen. Hamburg ist einer der wenigen Häfen der kurzen\nozeanischen Küstenstrecke eines mächtigen Reiches, der zu-\ngleich als einer der Hafen Oesterreichs und sogar Russlands\nzu gelten hat.\nWenn man überblickt, was die Bürger im Lauf der Jahr-\nhunderte unternommen haben, um ihrer Stadt den Boden zu\nsichern, den sie zur Entwicklung nöthig hatte, so wäre man\nfast geneigt, einen Instinkt anzunehmen, der die Bedürfnisse\nder Zukunft voraus empfindet. Auf grofsen Gebietserwerb\nkonnte man nicht ausgehen, denn der Schutz hätte einen be-\ndeutenden Teil der Kraft absorbirt, und der Umfang die Be-\ngehrlichkeit der benachbarten Fürsten gereizt. Dafür wurde\num so energischer erkämpft und festgehalten, was für die\nAusdehnung und Sicherung des Handels nöthig erschien: das\nschon vor fünfhundert Jahren eroberte Kap der Elbe, wo\njetzt Cuxhaven zu einer neuen Hafenstadt ausgebaut wird,\ndie Elbinseln vor der Stadt, auf denen ein Teil des Freihafens"}, {"page_pdf": 68, "page_imprimee": "316", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.68", "texte": "liegt, und lange Strecken Uferlandes die Elbe, Alster und.\nBille hinauf. An der Altonaer Seite, wo das hohe Elbufer\nsich unmittelbar aus dem Strom erhebt, verzichtete man auf\nGebietserweiterung: und hier konnte ein Konkurrenzhamburg\nentstehen, seinem Ursprünge nach bezeichnender Weise nicht\n•eine Rivalin der Handelsstadt das ist sie innerhalb der durch\ndie Natur gegebenen Grenzen erst seit einem Menschenalter\ngeworden sondern eine Karte, die gegen den Hamburger\nGewerbestand ausgespielt wurde. Die flachen Elbinseln Altona\ngegenüber gehören weit den Strom hinab zu Hamburg.\nDas Geheimnis der Zähigkeit, mit der durch die Jahrhun-\nderte hindurch dieselben politischen Grundsätze verfochten\nund dieselben Ziele angestrebt wurden, dürfte in der Stellung\nund Organisation des Senats liegen. Seine Mitglieder werden\ndurch ein sehr kompliziertes Wahlsystem auf Lebenszeit ge-\nwählt, wodurch sich innerhalb des Körpers, der die Souve-\nrenität des Staates vertritt, eine feste Tradition in der Auf-\nfassung und Behandlung der wichtigsten Fragen bilden kann,\nund wodurch die Stellung des Senats und seiner einzelnen\nMitglieder nach innen und aussen ihren Charakter erhält.\n❖\nVor hundert Jahren war Deutschlands direkter Anteil am\nüberseeischen Handel sehr gering. Die Hamburger hatten\neben begonnen, direkte Verbindungen mit Nordamerika an-\nzuknüpfen, wo ihnen die politische Konstellation während\ndes Unabhängigkeitskrieges und nachher günstig gewesen war.\nHeute ist die Dampferflotte der Hamburger Rhederei so\ngrofs wie die von ganz Frankreich, und es scheint, als ob sie\nnoch in diesem Jahre darüber hinauswachsen würde.\nDas hat auf dem kleinen von Menschenhand tausendfach\numgemodelten Fleck Erde die Arbeit dreier Generationen der\nBewohner eines kleinen auf sich selbst gestellten Staatswesens\nvollbracht, ohne Subventionen eines grofsen Reichs, wie sie\nden französischen Rhedereien so reichlich zur Verfügung\nstanden.\nDafs diese Leistung nicht ohne den Hintergrund und\ndie Beihülfe, die der Arbeit der letzten Generation das Reich\nbot, vollbracht werden konnte, sieht ein Kind. Aber sie kam\nnicht nur Hamburg zu Gute, sondern ebenso sehr dem Reich.\nVon den einzelnen Thaten, aus denen sich das mächtige\nFazit ergibt, erfährt die Welt kaum oder nur vage. Die\nNamen der Männer, deren Gedanken und Werke die grofsen\nFortschritte bestimmen, kennt und nennt im Reich selten\nJemand. Dafs Energie, Talent und sogar Genie auch hinter\ndieser nationalen Grofsthat stecken, wird oft übersehen. Nur\nwenn eine neue Staffel erstiegen ist, meldet es vielleicht eine\nNotiz unter den vermischten Nachrichten als eine schwer zu\nkontrolirende Thatsache, etwa dafs der „Hamburger Handel\nnunmehr auch den von Liverpool“ überflügelt habe.\n❖\nWie die politische und ökonomische Geschichte Ham-\nburgs, so ist auch der Ausbau des Stadtbildes von einer einzigen\nMacht beherrscht, den Bedürfnissen des Handels. Und wie er\nLand und Wasser umgeformt hat, so dient ihm das Leben der\nstaatlichen Gemeinschaft und des Individuums. Der Hafen\nist der Herr der Stadt. Alle Bildungen im Stadtplan, die\nnicht von den Erfordernissen des Handels und der Industrie\nvorgeschrieben 3 waren dem Zufall und der Willkür über-\nlassen, kein Fürstenschlofs, kein Schlofsgarten, kein Wild-\npark bildete den Kern einer grofsräumigen Stadtanlage, und\nheute erst werden Anstrengungen gemacht, einen allgemeinen\nBebauungsplan durchzusetzen.\nDa ist es fast ein Wunder, dafs die Stadt so schön ge-\nblieben ist.\nSie verdankt es dem Naturgefühl des niedersächsischen\nStammes, der ihn bewohnt. Hamburg erscheint, vom Luft-\nballon aus gesehen, immer noch wie ein grofser Park mit\nHäusern darin. Es ist mit seinen Wasserflächen, Wiesen,\nParks und Gärten mitten im Strafsennetz so weitläufig ge-\nbaut, dafs es vor einigen Jahren mehr Strafsenlaternen brauchte\nals Berlin.\nDie Sehnsucht jedes Einzelnen seit Jahrhunderten ist Haus\nund Garten. Der Garten ist immer noch der einzige Luxus\ngrofsen Stils, den sich im Allgemeinen der Hamburger gönnt.\nEr hat seine Gärten noch immer in der eigentlichen Wohn-\nstadt in Pöseldorf und Harvestehude, auf der Uhlenhorst, in\nBorgfelde und Hamm.\nDie oberste Schicht hat an der Gewohnheit des Winter-\nhauses in der Stadt und des Sommerhauses in der nächsten\nUmgebung bis heute festgehalten. Es gibt ein Winter-\nhamburg und ein Sommerhamburg. Dieses erstreckt sich im\nweiten Bogen um den alten Kern. Wer am einen Ende der\nPeripherie des grofsen Halbkreises wohnt, hat im Sommer\nunter Umständen Stunden zu fahren, wenn er auf der andern\nzum Diner geladen ist.\nDie Vorliebe der Gesellschaft für das Einzelhaus gibt\ndem öffentlichen Leben den Charakter, man möchte fast\nsagen; sie löscht es aus. Haus und Garten haben die Tendenz,\ndie Familie wie den Einzelnen der Oeffentlichkeit zu ent-\nziehen. Nach Promenaden, Stadtpark oder Korso besteht\nkein Bedürfnis. Hamburg hat mitten in der Stadt zahllose\nkleinere und gröfsere Parks und Wiesenflächen, aber es fehlt\nein Park, in dem sich Alle begegnen. Die Equipagen gehören,\nwie man in Hamburg übertreibend zu sagen pflegt, der\nKategorie der Lastfuhrwerke an. Wer Aufwand damit treiben\nwollte, der fände keine Gelegenheit, ihn zu zeigen. An ihre\nStelle tritt bis zu einem gewissen Grade der Luxus der Segel-\nyacht und eines eleganten Ruderboots. Es ist für Hamburg\ncharakteristisch, dafs abendliche Zusammenkünfte der Gesell-\nschaft im Freien nur zu Wasser stattfinden, beim Wasserkorso\nvor dem Fährhaus auf der Uhlenhorst. Jeden Abend kommen\ndort in den Sommermonaten die Damen der umliegenden\nVillengelände in ihren zierlichen Böten zusammen, oft liegen\ndort hunderte von Fahrzeugen während die männliche Jugend,\ndie sich für die Regatta trainiert, in langen Ruderböten vorüber-\nschiefst oder es sich unter den weifsen Segeln der langsam vor\nden Baummassen der Ufer dahingleitenden Kutter bequem ge-\nmacht hat. Der Zoologische Garten wird von der Gesellschaft\nnur wenig, die populäre Vergnügungsstadt St. Pauli nie\nbesucht.\nAlles Leben spielt sich in Haus und Garten ab. Es gibt\nkein Kneipen- und Klubleben. Eine Ausnahme macht das\nsehr alte, sehr entwickelte und sehr volkstümliche Sports-\nleben auf den Spielplätzen, in den Ruder-, Yachtklubs und"}, {"page_pdf": 69, "page_imprimee": "317", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.69", "texte": "Rennklubs. Die Sportfeste bilden die Höhepunkte des sommer-\nlichen Lebens. Ein großartigeres Schauspiel von Volksleben\nin so unvergleichlichem Rahmen, wie die Regatten auf der\nAlster, dürfte der Kontinent kaum bieten.\nNur wenige Restaurants werden von der Gesellschaft und\nin Begleitung von Damen besucht. Selbst nach Schlufs der\nKonzerte und Theater pflegt Alles nach Haus zu streben. Im\nSommer und Winter sieht man nach neun auf dem Jungfern-\nstieg nur Fremde.\nDie weiten Entfernungen, die durch die weitläufige Bauart\nund die halbkreisförmige Gestalt des Stadtplans bedingt sind,\nund die unzulängliche Entwicklung der peripherischen Ver-\nbindungen bei ganz vorzüglichen radialen erschweren\njeden Verkehr.\nMit diesen Zuständen hängt es zusammen, dafs auf den\nStrafsen fast gar kein Luxus zu sehen ist. Nichts einfacheres\nals die Strafsentoilette der Damen. Die Hamburgerinnen\ntragen Uniform, heifst es in Berlin. Dafs kein Hof in Ham-\nburg die Leichtigkeit der Verkehrsformen entwickelt hat,\nspürt man im gesellschaftlichen Verkehr und in dem ab-\ngeschlossenen Wesen des Einzelnen, das von Fremden als Un-\nzugänglichkeit empfunden wird.\nDer Grofshandel beherrscht auch das Leben des Einzelnen\nund läfst ihn von dem Tage, wo er als halber Knabe den\nFufs in’s Komptor gesetzt hat, bis zu seinem Tode nicht los.\nEs ist nicht Sitte, sich vom Geschäft zurückzuziehen, so lange\ndie Kräfte reichen. Der Rentier ist ein unbekannter Begriff.\nAlles arbeitet. Nicht selten kommt es vor, dafs auf dem-\nselben Komptor drei Generationen derselben Familie thätig\nsind.\nAuch der Bildungsgang des Kaufmanns weicht durchaus\nab von dem, was man im übrigen Deutschland gewohnt ist.\nNicht Gymnasium und Realgymnasium, sondern in sehr\nvielen Fällen eine Privatschule giebt die Grundlagen. Der\n„Einjährige“ ist das auch im übrigen Deutschland verständ-\nliche Bildungsziel der Mehrheit. Die Schule wird früh ver-\nlassen, meist um das 16. Lebensjahr herum. Dann folgen\ndrei Jahre Lehrzeit jeder mufs von der Pike an dienen\ndas Dienstjahr und ein längerer Aufenthalt in England, Frank-\nreich und, je nach den Geschäftsverbindungen, in irgend einem\nüberseeischen Weltteil, meist mit einer Reise um die Welt\nverbunden.\nVon den umfassenden Kenntnissen eines Hanaseatischen\nGrofskaufmanns macht man sich im Inlande nur schwer\neinen Begriff. An Quantität des zu verarbeitenden und, was\nnicht zu vergessen, zu beurteilenden Stoffes, an Umfang und\nVielseitigkeit des Gebietes, das nicht nur gekannt, sondern\nbeherrscht sein muss, kommen ihm wenige Gelehrte gleich.\nDie Sitte, hinauszugehen, besteht nicht nur für die\nweniger bemittelte Klasse, die ihren Weg erst machen will,\nsondern sie ist ebenso verbindlich für die Söhne der wohl-\nhabenden und reichen Familien. Und man geht nicht nur\nauf eine kurze Orientierungsfahrt über den Ozean, sondern\nmeist auf Jahre. Das Lebensalter von 20—30 ist in einer\nHamburger Gesellschaft selten zu treffen. In vielen grofsen\nHäusern pflegt seit Generationen einer der Söhne durch ein\nJahrzehnt die Filiale an einem überseeischen Handelsplatz zu\nleiten. Der Hamburger Kaufmannsstand verdankt dieser Ge-\nwohnheit seine innige Vertrautheit mit den Bedürfnissen und\nZuständen aller überseeischen Länder der Welt. Dafs oft\nendlose Entbehrungen und sehr grofse Gefahren für Leib und\nLeben damit verknüpft sind, darf nicht übersehen werden.\nIn allen Familien lassen sich Opfer zählen, die das mörderische\nTropenklima gefordert hat, und wer zurückkehrt, hat oft\njahrelang mit den Leiden zu kämpfen, denen unsere Konstitu-\ntion in den heifsen Zonen ausgesetzt ist. Auf diesem Schlacht-\nfeld sind im letzten Jahrhundert zahllose Pioniere Deutschlands\naus Hamburger Familien gefallen, und dafs der kleine Frei-\nstaat an der Elbe den Handelsmächten des Auslands gegen-\nüber aus eigener Kraft sich hat behaupten können, das dankt\ner nicht in letzter Linie dieser sang- und klanglos dahin-\ngesunkenen Schar. Bestände die Sitte, die Namen der im\nökonomischen Kampfe Gebliebenen auf Gedächtnistafeln der\nNachwelt aufzubewahren, die Wände aller Kirchen der Stadt\nwürden nicht Platz genug bieten, sie unterzubringen.\nBis gegen das vierzigste Jahr pflegt das Geschäft den\nMann ausschliefslich in Anspruch zu nehmen. Wer dann\nnoch Lust und Kraft in sich fühlt, und das besondere Ver-\ntrauen seiner Mitbürger geniefst, tritt in die Staatsverwaltung\nund Regierung ein als Mann von gereifter Erfahrung. Auch\nhier dient er von unten auf. Wer das höchste Ziel anstrebt,\nden Sitz im Senat, lernt als Mitglied der Bürgerschaft und\neines der Ministerien (Baudeputation, Finanzdeputation) die\nVerwaltung des Staates praktisch kennen.\nDurch die Gemeinsamkeit der Interessen und die gemein-\nsame Tätigkeit in Verwaltung und Regierung ist der Juristen-\nstand mit dem des Kaufmanns enger als anderswo verbunden.\nUnd zwar sind es nicht die juristischen Beamten sondern die\nAnwälte, die den gröfsten Einfluss ausüben. Aus ihrer Mitte,\nnicht aus den Beamten, pflegen die juristischen Senatoren\nerwählt zu werden, und aus diesem Teil des Senats gehen\nfast ausnahmslos die regierenden Bürgermeister hervor.\nJuristen und Kaufleute haben auch in der Hamburger\nGesellschaft die Vorherrschaft. Seltener begegnet man darin\ndem Vertreter der Wissenschaft, noch seltener dem Künstler\nund fast nie dem Schriftsteller.\n&\nIn den letzten fünfzig Jahren hat sich das Leben des\nKaufmanns vollständig neu aufgebaut.\nBis gegen 1 840 war seine Thätigkeit intermittierend und\nliefs ihm viel Mufse zur Pflege geistiger Interessen. An den\nPosttagen steigerte sich die Thätigkeit. Im Uebrigen gab es\nRuhe. Der Kaufmann war Besitzer seiner Waren, er kaufte,\nlagerte und verkaufte.\nMit dem Aufkommen des Dampfschiffes, der Eisenbahn\nund des Telegraphen änderte sich die Lage von Grund aus.\nNeben dem Kaufherrn alten Stils erhob sich der neue Typus\ndes Spediteurs, der die Waren nicht mehr besizt. Nun\nwurde jeder Tag zum Posttag. Mit verhältnismäfsig ge-\nringen Mitteln mufste der Konkurrenz Englands und Frank-\nreichs begegnet werden, deren Kaufmannschaft unerschöpf-\nliche Hülfsquellen im Nationalvermögen zur Verfügung hatte.\nWas in Hamburg an Mitteln fehlte, mufste durch Mehrarbeit"}, {"page_pdf": 70, "page_imprimee": "318", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.70", "texte": "eingebracht werden. Auf diesem Weg und durch die vor-\nübergehende Auswanderung der besten Elemente wurde u. a. der\nHandel der spanischen Kolonien in Amerika für Deutschland\ngewonnen. Und weil daheim der Tag vom frühen Morgen\nbis in die Nacht manche arbeiteten bis nach zehn Uhr\ndem Geschäft gehörte, und drüben die Möglichkeit der Pflege\nkünstlerischer Interessen gering war, ging die Kraft und In-\ntelligenz dieser Generation der deutschen Kulturarbeit schein-\nbar verloren.\nEin äufseres Zeichen für den Wandel der Zeiten: Bis\ngegen 1860 war fast der gesamte durch Generationen ge-\npflegte und vermehrte Hamburgische Kunstbesitz an Bildern\nalter Meister unter den Hammer gekommen und in alle Winde\nverweht. Nach hunderten zählten die Auktionen.\nMan hat den Hamburgern dieser Generation vom Inlande\naus oft den Vorwurf materieller Gesinnung gemacht. Wie\nso vieles, das über Hamburg gesagt wurde, beruht auch dieses\nUrteil auf Unkenntnis oder Verkennen der Sachlage. Die\nbürgerliche Gesellschaft des Inlandes war und ist noch\num kein Haar idealistischer gesonnen, nur dafs ihr Materia-\nlismus andere Formen hat. Und wenn man überschaut, was\ndas Bürgertum Hamburgs im letzten Jahrhundert aus sich\nheraus für die Förderung des öffentlichen Wohls geleistet\nhat, so fragt sich sehr, ob es irgend eine deutsche Stadt gibt,\ndie auf den Vortritt Anspruch machen könnte.\n«\nWas in den übrigen deutschen Staaten für Kunst und\nWissenschaft geschehen ist, ging vom Fürsten aus, war ein\nAusbau von Grundlagen, die er gelegt hatte, oder geschah\nunter der Aegide der Organe des Staates, der die Erbschaft\ndes absoluten Fürstentums angetreten hatte.\nIn Hamburg hatten bis vor ganz kurzer Zeit die Organe\ndes Staates in Kulturdingen keine Initiative.\nFür den Staat trat der Bürger ein. Auf allen Gebieten\nwar der Hergang derselbe. Stellte sich irgendwo ein Be-\ndürfnis heraus oder liefs es sich voraussehen, so trat ein ein-\nflufsreicher Mann mit seinen Freunden zu einem festgefügten\nVerein oder zu einem loser verbundenen Komite zusammen,\nwarb um Mittel, gründete das Institut, organisierte die Ver-\nwaltung, führte sie so lange weiter, wie es mit Privatmitteln\nmöglich war, und übergab es dann dem Staat.\nDieser Weg mag seine Schattenseiten haben, aber man\nwird ihn nicht geringachtend behandeln dürfen. Wo könnten\nBeamte des Staates so frei und unakademisch die Form für\ndas Neue finden wie die unabhängigen, durch keine Rück-\nsichten gehinderten Bürger! Was verfehlt oder nicht recht\nlebensfähig war, ging spurlos zu Grunde und brauchte nicht,\nwie eine Gründung des Staates, Generationen hindurch künst-\nlich erhalten zu werden.\nDiese Form der Neubildung ist so typisch für Hamburg,\ndafs die wichtigste der vielen Gesellschaften, die sich ge-\nmeinnützige Aufgaben gestellt hatten, mehr als ein Jahrhun-\ndert lang Hamburg geradezu regiert hat. Es gab Zeiten, in\ndenen ihr Einfiufs thatsächlich weiter reichte als irgend ein\nOrgan des Staates.\nFreilich lebte sie im Grunde nur in einer umgewechselten\nDekoration: in ihrem Vorstande safsen dieselben Männer, die\nim Senat und in der Bürgerschaft durch die starren Formen\ndes Verfassungslebens am freieren Wirken behindert wurden.\nVon 1765, ihrem Gründungsjahre, bis gegen 1870 war\ndie Gesellschaft zur Forderung der Künste und\nnützlichen Gewerbe etwas wie ein freiwilliges Kultus-\nministerium, das zugleich die Funktionen eines Parlaments\nausübte. Bis 1859 boten ihre Versammlungen die einzige\nMöglichkeit, Hamburgische Angelegenheiten öffentlich zu\nbesprechen. Die Sitzungen der Erbgesessenen Bürgerschaft\nfanden unter dem Siegel des Amtsgeheimnisses statt, und es\nwurden nur ihre Beschlüsse veröffentlicht. Beim Wieder-\naufbau der Stadt überliefs der Staat der Gesellschaft den\nPlatz, an dem das Rathaus gestanden hatte, zur Errichtung\nihres Klubhauses, und bis zur Vollendung des neuen Rat-\nhauses tagt die Bürgerschaft in den Räumen des „Patriotischen\nHausescc.\nDies zeugt von dem unbegrenzten Ansehen und Vertrauen,\ndessen die Gesellschaft sich erfreute.\nVon den Behörden, denen in andern Staaten ihreThätig-\nkeit obliegt, unterscheidet sie sich durch ihre Organisation,\ndie nicht auf die Verwaltung, sondern auf die Initiative ge-\nstellt ist.\nWas die „Patriotische Gesellschaft“, wie der Volksmund\nsie in ehrender Kürze nennt, geleistet hat, läfst sich nicht\nleicht überblicken. Von ihr sind beinahe alle Unternehmungen\nzur Förderung der kulturellen und ökonomischen Wohlfahrt\nausgegangen. Sie gründete die gewerblichen Lehranstalten\nund leitete sie ein Jahrhundert hindurch, bis der Staat sie\nin die Gewerbeschule umwandelte, deren Organisation für\ndie Berliner Anstalten das Vorbild abgab; zu einer Zeit, wo\ndie neuen Gedanken sich langsamer verbreiteten und die\nmoderne Konkurrenz noch nicht erwacht war, machte sie\nalle Verbesserungen im Landbau, Gartenbau, in der Schifffahrt\nund Industrie bekannt, und wo immer sich ein Bedürfnis zeigte,\nerliefs sie Preisausschreiben für Lösungsvorschläge; sie hat\ndas Armenwesen reorganisiert, gründete die ersten Rettungs-\nanstalten für Schiffbrüchige, die allgemeine Versorgungs-\nanstalt, die Kreditkasse für den Grundbesitz, sorgte für die\nVerbesserung des Adrefsbuches, richtete öffentliche Bade-\nanstalten ein die ersten in Deutschland gründete das\nerste Seebad, die erste Korndampfmühle, entwarf die Pläne\nfür die Navigationsschule und die Sternwarte, erliefs am\nAnfang unseres Jahrhunderts ein Preisausschreiben für die\nKanalverbindung zwischen Elbe und Weser, gründete eine\nBibliothek, ein Leseinstitut, den Bildungsverein für Arbeiter\nund ist bei der Gründung des botanischen Gartens, der Kunst-\nhalle, des Museums für Kunst und Gewerbe beteiligt, wie\nsie auch das Ausstellungswesen in Hamburg begründet hat.\nGegen 1870 hatte der Staat fast alle ihre Institute über-\nnommen.\nDie lebende Generation kann sich nur schwer ein Bild\nvon ihrer umfassenden Thätigkeit machen und von dem an-\ngeregten Leben, das sie zur Zeit ihrer Blüte entfaltete. Wer\nheute den Organismus einer solchen Gesellschaft am leben-\ndigen Körper studieren will, mufs nach Lübeck gehen, wo\ndie Gemeinnützige Gesellschaft aus Privatmitteln noch fast\nalle von ihr ins Leben gerufenen Anstalten verwaltet, Neu-\ngründungen unternimmt, und zugleich den Mittelpunkt eines"}, {"page_pdf": 71, "page_imprimee": "319", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.71", "texte": "überaus regen geistigen Lebens bildet. Es wäre eine nützliche\nAufgabe für einen Nationalökonomen, die Wirksamkeit\ndieser Gesellschaften einmal in einer lebendigen Schilderung\ndarzustellen.\n❖\nDie Patriotische Gesellschaft stellt in Hamburg den\nhöchstentwickelten Typus der Vereinigung privater Kräfte für\ndie Förderung des öffentlichen Wohles dar. Neben ihr wirken\nzahlreiche Vereine und Gesellschaften für besondere Zwecke,\nund darüber hinaus bemüht sich der Gemeinsinn des Ein-\nzelnen, erkannten Bedürfnissen abzuhelfen. Zahllos ist die\nReihe der milden Stiftungen, die allen denkbaren Zwecken\ndienen und zum Teil in ferne Epochen zurückreichen. Es ist\nbezeichnend, dafs die Paläste der milden Stiftungen aller Art,\ndie hie und da ganzen Stadtvierteln den Charakter aufdrücken,\neins der Hauptgebiete der monumentalen Baukunst in Ham-\nburg ausmachen.\n111.\nWas in Hamburg für die Pflege der bildenden Kunst ge-\nschehen ist, geht in letzter Linie ebenfalls auf die Initiative\nvon Privatleuten zurück.\nFast ein Jahrhundert solcher Bestrebungen liegt nun hinter\nuns, von Generation zu Generation wurde das Begonnene\n'weitergeführt und Neues geschaffen, denn stetig thaten sich\nneue Ziele auf, deren logische Reihenfolge freilich erst heute\ndem rückschauenden Blick sinnfällig wird.\nIm ersten Jahrzehnt erschien dem Genius des Ph. O.\nRunge der Boden günstig für die Entwicklung der neuen\nKunst, die er Voraussagen konnte, weil er sie in sich trug.\nEr wollte keine Akademie gründen, sondern eine grofse\nWerkstatt, in der alle künstlerischen Aufgaben bis zu Tapeten\nund Nadelarbeiten ausgeführt werden sollten. Die Kriegs-\nzeiten und sein früher Tod\nAusführung.\nIm Jahre 1818 hatte sich die Stadt soweit erholt, dafs\nKunstfreunde zu gegenseitiger Anregung und Belehrung unter\nHarzens Aegide den ersten Kunstverein begründeten.\nVon 1822 an trat dieser Kunstverein in eine öffentliche\nWirksamkeit ein. Ausstellungen, Verlosungen und die Her-\nstellung von Vereinsblättern bildeten seine ersten Ziele.\nGegen 1840 wurde das Kupferstichkabinet, gegen 1850\ndie Gemäldegalerie gegründet. Kaum zehn Jahre später ge-\nschahen die ersten Schritte zum Bau eines öffentlichen Mu-\nseums, das die gesammelten Schätze aufnehmen sollte, und\nwieder zehn Jahre später, 186 p, wurde die Kunsthalle er-\nöffnet, zu deren Erbauung nun schon der Staat einen Beitrag\ngewährt hatte und deren Verwaltung er übernahm.\nDas war ein Ziel, dessen Erreichung den Begründern des\nKunstvereins, die doch zu alledem den Grund gelegt hatten,\nwie ein Märchen erschienen wäre.\nAls das neue Gebäude bezogen wurde, gründeten patrio-\ntische Männer den Verein von Kunstfreunden von 1870, eine\nFortsetzung des seit mehr als einem Jahrzehnt vorher thätigen\nPrivatvereins von Kunstfreunden, der es sich zur Aufgabe ge-\nstellt hat, die Mittel für die Stiftung hervorragender Gemälde\nund Skulpturen zum Geschenk an das Museum zu sammeln.\nErst fünfundzwanzig Jahre später wurde in Berlin ein ähn-\nlicher Verein zur Förderung der Ziele des Museums alter Kunst\ngegründet, und es gehörte dort die Autorität eines Mannes\nwie Bode dazu, dies Resultat zu erreichen.\nSo war in Flamburg von weitsichtigen Privatleuten das\nMuseum der Stadt begründet und entwickelt. Wie immer,\nwenn ein Ziel erreicht ist, trat eine Verlangsamung des Fort-\nschrittes ein. Aber diesmal nur für kurze Zeit. Was nach den\nzehnjährigen Etappen um 1870 zu erwarten gewesen wäre,\ntrat x 88 6 ein, die Reorganisation des neuen Instituts.\nEs wurde von der Verwaltung eng an den heimischen\nBoden angeschlossen. Eine Sammlung älterer FFamburgischer\nMeister wurde begründet und zu ansehnlicher Bedeutung\nentwickelt, eine Sammlung Flamburgischer Meister des\n\nHAFEN\nA. SIEBELIST"}, {"page_pdf": 72, "page_imprimee": "320", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.72", "texte": "19, Jahrhunderts, die jetzt mehr als 150 Bilder umfafst,\nerschlofs einen Blick in eine von der Kunstgeschichte bisher\ngänzlich vernachlässigte Provinz der deutschen Kunst; eine\ndritte Galerie, die Sammlung von Bildern aus Hamburg, eben-\nfalls zu stattlichem Umfang herangewachsen, umfafst die\nWerke hervorragender Künstler, die nach Hamburg eingeladen\nwaren, um Land und Leben zu malen.\nDiese Sammlung wurde 1889 von einem Komitee von\nKunstfreunden begründet, das nacheinander Max Liebermann,\nGotthard Kühl, Skarbina, Hans Herrmann, Leopold Graf\nv. Kalckreuth d. j., Hans Olde, Ludwig Dettmann, Momme\nNissen, Schönleber, Zügel u. a. sowie die Hamburgischen\nKünstler Thomas Herbst, Ascan Lutteroth, Carl Rodeck,\nValentin Ruths zum Studium Hamburgs und seiner Umgebung\neingeladen hat. Als höchstes Ziel hat sich dieses Komitee die\nPflege des monumentalen Bildnisses gestellt.\nDie Sammlung hat bereits in der kurzen Zeit ihrer Exi-\nstenz unverkennbare Wirkungen auf die ältere und die heran-\nwachsende Künstlergeneration Hamburgs ausgeübt und fängt\nauch an, in der Stimmung des Publikums, das bis dahin den\nMotiven aus der Heimat nicht denselben Geschmack abge-\nwinnen konnte wie der Romantik der deutschen Berge und\nder Sonne Italiens, einen Umschwung zu Gunsten der Heimat\nhervorgerufen.\nWas zuerst mit ungläubigem Lächeln angehört wurde,\nist die Ueberzeugung der Jugend geworden; dafs das Leben\ndes Volks und der Gesellschaft, dafs der Reichtum und die\nMannigfaltigkeit der Landschaft in Hamburg und seiner\nnächsten Umgebung, die Eigenart und malerische Kraft der\nLuft- und Lichtstimmungen, die abwechselnd den tonigen\nCharakter der Nordsee- und den koloristischen der Ostsee-\natmosphäre tragen, der Malerei das köstlichste Studienfeld\nbieten.\nSeit die Sammlung von Bildern aus Hamburg besteht,\nhat sich im Anschlufs daran eine Schule junger Künstler ent-\nwickelt, die entschlossen ist, den heimischen Boden nicht zu\nverlassen und ihre Kraft der Darstellung Hamburgs zu wid-\nmen. Damit ist ein Programm aufgenommen, das in den\ndreifsiger Jahren der neugegründete Kunstverein zuerst auf-\ngestellt hat: Hamburgs Wesen durch die Kunst auszudrücken.\nEs will scheinen, als ob sie für ihre Bestrebungen ein tieferes\nVerständnis finden als ihre Vorfahren. Die Oberschulbehörde\nhat ihnen eine Aktklasse eingerichtet, die Kunsthalle hat eine\nKupferdruckpresse für sie aufgestellt, um ihnen das Drucken\nihrer Radierungen zu ermöglichen, die Gesellschaft Hambur-\ngischer Kunstfreunde erwirbt ihre Platten und gibt die Ab-\ndrucke an Hamburgische Sammler ab, und es hat sich bereits\neine Gruppe von Sammlern gebildet, die ihre Bilder kauft.\nOhne diese Teilnahme würden ihre Bestrebungen in der Luft\nstehen. Dafs sie auch Opposition finden, ist natürlich. Aber\nder Widerstand macht gesund. Er wird sie eher zum Einsetzen\nihrer ganzen Kraft zwingen, als wenn alles auf Königs-\nwegen ginge, und wird sie vor Ueberhebung bewahren.\nAuch die Sammlung von modernen, namentlich franzö-\nsischen Plaketten und Medaillen, die von Freunden des Insti-\ntuts ausdrücklich als Anregung zur Reform des Hamburgischen\nMedaillenwesens gestiftet wurde, hat ähnliche Wirkung ge-\nhabt, denn der Staat hat beschlossen, seine Medaillen auf Grund-\nlage der neuen Ideen umzugestalten, und es sind in diesem\nSinne bereits eine Anzahl Medaillen hergestellt, die in ihrer\nArt zu den besten in Deutschland gehören, und für den\nneuen Zentralfriedhof scheint sich die Bronzeplaquette als\nneuer Typus des Gräberschmuckes einzubürgern.\nAehnliche Anregung dürfte die von Kunstfreunden be-\ngründete Sammlung von Bildwerken in Marmor und Bronze\nausüben.\nSoweit sind die modernen Kunstsammlungen durch die\nTheilnahme vieler einzelner Kunstfreunde, Vereine und Stif-\ntungen entwickelt. Die Sammlungen moderner Meister nimmt\nunter den deutschen Galerien eine der ersten und eine ganz\neigenartige Stellung ein. Die Aufgabe des Staates wird es\nnun sein, durch Erwerbung von Kunstwerken höchsten\nRanges dem Werk die Weihe zu geben.\nAuch das Museum für Kunst und Gewerbe ist aus der\nInitiative opferwilliger Bürger hervorgegangen.\nNachdem schon von den dreifsiger Jahren ab Mitglieder\ndes Kunstvereins, dem ja auch was nicht vergessen wer-\nden darf— Semper angehört hatte, in öffentlichen Vorträgen\nund dann nach dem grofsen Brande durch die künstlerische\nThat eine Wiederbelebung der dekorativen Künste auf der\nBasis des Studiums der heimischen Produktion älterer Epochen\nangestrebt hatten, waren um 1860 von der Patriotischen Ge-\nsellschaft verschiedene Anläufe gemacht, ein historisch-tech-\ntechnologisches Museum für das Gewerbe zu gründen. Aber\nerst als zu Ende der sechziger Jahre Justus Brinckmann auf-\ntrat, fanden die auseinandergehenden Wünsche die einigende\nHand. Das Museum für Kunst und Gewerbe wurde begründet\nzunächst als Privatunternehmen, wie in Hamburg her-\nkömmlich, und dann als Staatsinstitut, aber unter stetig sich\nsteigerndem Interesse opferwilliger Beihülfe der ganzen Be-\nvölkerung zu dem großartigen Institut ausgebildet, das in\nmehr als einer Beziehung vorbildlich geworden ist, und dessen\nAnsehen weit über Deutschlands Grenzen hinausgeht.\nVon allen Hamburgischen Museen ist dies das bekann-\nteste. Es läfst sich nicht abschätzen, was die Stadt ihm dankt.\nFür die japanische Kunst ist es das bedeutendste Museum des\nFestlandes, und in allen seinen zahlreichen Abtheilungen trägt\nes den Charakter einer sehr gewählten Privatsammlung. Das\nist das höchste Lob, das einem öffentlichen Museum gespendet\nwerden kann. - sein Name sagt hat es in allem das\nkünstlerische Element vorangestellt. Es konnte deshalb als\nerstes unter den deutschen Gewerbemuseum den Schritt zur\nErwerbung von Erzeugnissen der dekorativen Kunst unserer\nZeit machen, sowie sie begann, die Nachahmung des Alten\naufzugeben und neu zu schaffen im Anschlufs an die lebende\nhohe Kunst. Es war z.B. das erste Museum, das der neu ent-\nstandenen Plakatkunst Aufnahme gewährte.\nIm Zusammenhänge dieser Betrachtungen mufs hervor-\ngehoben werden, dafs es von der ersten Stunde an bedacht war,\ndie Reste heimischer Kunst zu sammeln, und dafs vergessene\nZweige der einheimischen, zeitweis hochentwickelten deko-\nrativen Künste durch das Museum für Kunst und Gewerbe\nerst wieder zu Ehren gebracht sind.\nSeit 1890 ist im künstlerischen Leben der Hamburger\nGesellschaft eine neue Wendung eingetreten.\nDie vorhergehenden Generationen hatten begründet und"}, {"page_pdf": 73, "page_imprimee": "321", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.73", "texte": "ausgebildet, was zur öffentlichen Kunstpflege gehört, und im\nPrivatbesitz hatten sich grofse Sammlungen von Gemälden\ngebildet, die zum Teil, wie die von Amsinck, Behrens und\nEd. Weber, zu den hervorragendsten in Deutschland gehören.\nVon etwa 1880 ab läfst sich in Hamburg wie überall\nein mächtiges Anwachsen des Dilettantismus beobachten. Als\nder Kunstverein in den zwanziger Jahren seine ersten Schritte\nthat, war der Dilettantismus noch eine anerkannte Macht.\nHarzen und Rumohr konnten der jüngeren Künstlergeneration\nin der Ausübung der Kunst noch die Wege weisen. Dilettanten\nstellten aut den ersten Kunstausstellungen neben den Künst-\nlern aus. E)ann trat, nachdem der Künstlerstand als solcher\nsich entwickelt hatte, eine schroffe Scheidung ein, die mit\ndem Zurückweichen des Dilettantismus endigte. Dafs es immer\nnoch einzelne Dilettanten gab, dafs Zeichnen und wohl auch\nMalen in der Erziehung einen Platz hatten, war mehr ein\nbelangloses Beiwerk.\nAm Anrang der neunziger Jahre begann sich der neu auf-\ngelebte Dilettantismus, der das Studium ernst nahm, zu orga-\nrasieren. Nachdem der Kunstverein und der Verein von Kunst-\nreunden den öffentlichen Betrieb der Kunstpflege begründet\nhatten, suchte der Dilettantismus nunmehr das künstlerische Be-\ndürfms des Individuums und des Hauses zu verfeinern. Welche\nMalsnahmen die beiden neuen Gesellschaften ergriffen, ist in\ndiesen Blättern an eigener Stelle dargelegt. Ihre Bestrebungen\nsind eine folgerichtige Weiterentwicklung der Absichten der\nvorhergehenden Geschlechter.\nNeben der Gesellschaft Hamburgischer Kunstfreunde und\nder Gesellschaft zur Förderung der Amateurphotographie wirkt\nsodann seit ißp6 die Vereinigung zur Pflege der künstle-\nrischen Bildung in der Schule. Es ist ein Kreis von Lehrern\nund Lehrerinnen, der sich ebenfalls im Anschlufs an die\nKunsthalle praktisch erreichbare Zwecke gesteckt hat.\nBildende Kunst, Literatur, Musik und das künstlerische Eie-\nment in der Gymnastik werden von den einzelnen Sektionen\nbearbeitet. Die Oberschulbehörde gewährt ihnen innerhalb\nder sachlich gebotenen Grenzen freien Spielraum,\nAuf dem Gebiet der bildenden Kunst wird eine Weiter-\nbildung des Zeichenunterrichts in künstlerischem Sinne an-\ngestrebt. Die zu Hamburg erscheinende Jugendschriftenwarte\nversucht dem Unwesen der künstlerisch und literarisch gleich-\ngültigen Spekulation auf dem Gebiet der Jugendschrift kri-\ntisch gegenüber zu treten. Eine grofse Ausstellung in der\nKunsthalle, von den Lehrern für den Deutschen Lehrertag\ni 8514 veranstaltet, führte an einem aufserordentlich umfang-\nreichen Material die historische Entwicklung der Jugendschrift\nund die gegenwärtigen Leistungen der Kulturvölker vor Augen,\nVerzeichnisse empfehlenswerter Jugendschriften werden zu\nWeihnachten den Eltern zugestellt. Die hervorragendsten\nKunstwerke in den öffentlichen Sammlungen werden mit den\nKindern betrachtet.\nIn den Volksschulen soll der Versuch gemacht werden.\nauf der Basis der Kunst etwas wie eine Schulgemeinde zu\ngründen. Die Kinder der obern Klassen und ihre Eltern wer-\nden zu Unterhaltungsabenden eingeladen, an denen Vorlesungen\naus den Werken älterer und neuerer Schriftsteller mit Quar-\ntettmusik und Chorgesang wechseln. Es wird Nachdruck\ndarauf gelegt, dafs bei sorgfältigster Auswahl des zum Vor-\ntrag Gelangenden der lehrhafte Anstrich vermieden wird,\nNach den ersten Versuchen zu urteilen, erscheint diese Ein-\nrichtung in hohem Grade entwickelungsfähig,\nDie Seele dieser Bestrebungen bilden die Lehrer an den\nVolksschulen, die überhaupt im geistigen Leben Hamburgs\neine Rolle spielen. Die Gründung der Literarischen Gesell-\nschaff ist von ihnen ausgegangen, einige der namhaftesten\nHamburgischen Schriftsteller gehören ihnen an oder stehen\nihrem Kreis nahe. Es wirft ein scharfes Licht auf die Isoli-\nrung der Hamburger Gesellschaft, dafs die Volksschullehrer\nden direkten Verkehr mit den hervorragenden Schriftstellern\ndes Inlandes vermitteln.\nIV.\nFafst man alle die günstigen Bedingungen zusammen, die\nin Hamburg für die Entwicklung einer einheimischen Kunst\nund Literatur vorhanden sind, die Wohlhabenheit, die nicht\nim Vorhandensein vieler grofser Vermögen im internationalen\nSinne, sondern in den auskömmlichen Verhältnissen breiter\nSchichten ausgesprochen ist, das tiefe Interesse an allem, was\nHamburgisch ist, die Fähigkeit der Initiative und der leiden-\nschaftlichen wenn auch äufserlich ruhigen Hingabe an gemein-\nnützige Unternehmungen dann nimmt es Wunder, dafs\ndieser Boden sich in unserm Jahrhundert für Kunst und\nWissenschaft scheinbar so wenig ergiebig gezeigt hat.\nEine Hamburgische Architektur gab es im i 8. Jahrhundert,\nals die Grofse Michaeliskirche gebaut wurde, das originelle\nBauwerk, dessen grofsartiger Innenraum heute mit Notwendig-\nkeit zur Festkirche des Staates geworden ist; gab es im Grunde\nnoch bis zum Anfang der vierziger Jahre, als Chateauneuf\nein Hamburger französischer Abkunft die palastartigen\nStadthäuser, die wundervollen Treppen der kleinen Alster,\nund in bewufster Anknüpfung an einheimische Baugedanken\nnicht Bauformen des iB. Jahrhunderts das Postgebäude\nerrichtet, als Bülau in demselben Sinne das Haus der Patrio-\ntischen Gesellschaft baute und für einzelne Privathäuser in freier\nBenutzung auf die Backsteinfassaden und Treppengiebel der\nalten Hansastädte zurückgrilf. Dann wurden diese Bestreb-\nungen unterdrückt. Da Hamburg keine Bauschule besafs,\nmufsten seine architektonischen Begabungen in Berlin, Han-\nnover, München, Stuttgart, Karlsruhe und Paris studieren, um\nin der Heimat anzuwenden, was sie gelernt hatten, und jede\nKraft schuf isoliert. So entstand die Buntscheckigkeit des\nArchitekturbildes der neuen Stadt, in dem sich alle Stile\nEuropas mischen, die englische Landhausgothik eingeschlossen.\nMan sieht es heute auf einen Blick, ob München, Hannover,\nParis oder Berlin die Parole ausgegeben hat. Es ist auch leicht,\nzu erkennen, dafs diese neue Architektur in Hamburg von"}, {"page_pdf": 74, "page_imprimee": "322", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.74", "texte": "Architekten stammt, die von keiner lebenskräftigen, selb-\nständigen einheimischen Skulptur und Malerei irgendwie\nbefruchtet worden sind.\nDenn auch der Malerei und Skulptur in Hamburg fehlten\nnicht die Talente, sondern der Boden der Heimat. Die Stadt\nbot den aufstrebenden Talenten keine Möglichkeit, zu Hause\nzu lernen, was an der Kunst lernbar ist. Auch sie waren\ngezwungen, sich auf die Akademien zu begeben.\nViele gingen dadurch der Vaterstadt für immer verloren.\nWer zurückkehrte, hatte mit widrigen äufseren Verhältnissen\nzu kämpfen, und nur sehr wenige fanden sich selbst wieder und\nentwickelten in der Stille ihre Begabung. Was sie im An-\nschlufs an den heimischen Boden geschaffen haben, überrascht\njetzt, wo die Kunsthalle es zu sammeln und zu Ehren zu\nbringen versucht, durch einen Grad von Gesundheit und\nSelbständigkeit, der der akademischen Kunst Deutschlands\nin unserm Jahrhundert nur ausnahmsweise eigen war. Am\nAnfang unseres Jahrhunderts entwickelte Ph. O. Runge ein\nProgramm der Kunst der neuen Zeit, dessen Grenzen noch\nimmer nicht ganz erfüllt sind. In den zwanziger Jahren\nentstand im Anschlufs an die Panoramenmalerei unabhängig\nvon jedem äufsern Einflufs eine moderne deutsche Landschafts-\nmalerei, deren weitere Entwicklung gestört wurde, als man\ndie jungen Träger der neuen Ideen mit Stipendien auf die\nAkademien sandte. Um die Mitte der dreifsiger Jahre malte\nErwin Speckter, von der Lehre unter Cornelius und dem\nStudienaufenthalt in Italien zurückgekehrt, das Interieur mit\ndem Mädchen von Fanoe, das auf lange Zeit hinaus das vor-\naussetzungsloseste deutsche Oelbild geblieben ist. Um die\nMitte der vierziger Jahre hatte Hermann Kauffmann, dem\nmifsliche Verhältnisse zu seinem Glück die Rückkehr zur\nAkademie unmöglich gemacht hatten, eine schlichte Gröfse\nund Einfachheit erreicht, die ihn zu einer ganz einzigen Er-\nscheinung in unserer Kunst machen, um dieselbe Zeit malte\nValentin Ruths als Autodidakt seine ersten köstlichen\nBilder aus dem Hafen, deren malerische Qualitäten sein\nspäterer Lehrer Schirmer nie gekannt hat, und im folgenden\nJahrzehnt entwickelte sich Steinfurth, von Düsseldorf zurück-\nkehrend, einsam schaffend, zu einem der besten deutschen\nBildnismaler.\nDafs auch die Kunstindustrie mit Ausnahme weniger\nZweige sich nicht zu selbständiger Blüte erheben konnte, wo\neine eigenartige Architektur, Malerei und Skulptur fehlten,\nbedarf keiner Ausführung.\n❖\nImmer weitere Kreise werden von dem Wunsche durch-\ndrungen, dafs die Hamburgische Architektur die Nachahmung\nfremder Vorbilder aufgeben und im Anschlufs an heimische\nGedanken für die eigenartigen Bedürfnisse den eigenen künst-\nlerischen Ausdruck finden möge; dafs die in den kommenden\nGenerationen heranreifenden künstlerischen Talente nicht\ngezwungen werden, den Boden der Heimat zu verlassen, son-\ndern dafs ihre Ausbildung unter dem Einflufs der heimatlichen\nLandschaft und des eigenen Volksstammes stattfinden möge,\ndamit sie im Stande seien, getragen von einer Bevölkerung,\ndie das Glück Kunst mitzuerheben fühlen lernt, eine kräftige\nLokalkunst zu schaffen, die einer eigenartigen dekorativen\nKunst zum Ausgangspunkt dient.\nHamburg ist absolut in der Lage, eine ansehnliche lokale\nProduktion tragen zu können.\nAehnliche Wünsche bewegen die Gemüter in Bezug auf\ndie literarischen Verhältnisse. In den Kreisen derer, die die\nEntwicklung in Hamburg beobachten, wird seit Jahren die\nGründung einer Wochen- oder Monatsschrift ventilirt, die\nvom Hamburgischen Standpunkt aus den Lauf der Welt-\nbegebenheiten verfolgt und der lokalen Produktion als Ge-\nfäß dient. Versuche sind bisher noch nicht gelungen, ob-\ngleich es an literarischen Kräften nicht fehlt und auf eine\ngrofse Anzahl von Abonnenten sicher zu rechnen ist.\nHamburg drückt sich noch nicht aus.\nDie Institute und Gesellschaften, die die Bewohner Ham-\nburgs als Organe ihrer kulturellen Bedürfnisse geschaffen haben,\ndie immer erneuten Bemühungen einzelner Kunstfreunde legen\nvon der grofsen Kraft des Bodens, Kultur zu tragen, entschei-\ndendes Zeugnis ab. Wir verstehen diese Zeichen als Glieder\neiner weit zurückreichenden Kette, wenn wir uns erinnern,\ndafs die Patriotische Gesellschaft um die Mitte des vergan-\ngenen Jahrhunderts gegründet wurde, dafs fast hundert Jahre\nvorher Bürger Hamburgs sich zusammengethan hatten, um\ndas erste Opernhaus modernen Stils in Europa zu bauen, das\nder deutschen Oper die erste Möglichkeit der freien Ent-\nfaltung bot und in der That die erste Blütenepoche dieser\nKunstgattung unter Reinhold Kaiser herbeiführte, und wenn\nwir uns vergegenwärtigen, welche Rolle das Hamburger Thea-\nter in der Entwicklung der deutschen Litteratur gespielt hat.\nAber es fehlte im geistigen Leben Hamburgs bis in die neu-\neste Zeit ein Faktor, den ein Geschlecht, das Neues gestalten\nmöchte, gering zu schätzen pflegt, der aber allein die Konti-\nnuität eines gesicherten Besitzstandes verbürgt, die Tradition.\nDie Geschichte der Kultur in Hamburg bietet dasselbe\nBild unendlicher Umgestaltungen und Neubildungen wie die\ndes Erdbodens und der Familien. Grofse Vermögen werden\nschnell aufgebaut und sinken, wenn die Kraft des Begründers\nzurückgetreten ist, ebenso schnell in Trümmer. Jeder Einzelne,\njede Generation hatte von vorn zu beginnen, war auf\nsich selber gestellt, und sorgte wesentlich nur für die un-\nmittelbar fühlbaren Bedürfnisse.\nDies notwendige Element der Tradition kann in der be-\nweglichen Masse der Individuen, die vorübergehen, nicht\nWurzel fassen, sie ist auf das dauernde Prinzip, den Staat,\nangewiesen, wenn die Kultur über eine ungünstige Epoche\nhinweggerettet werden soll.\nMan ist in Hamburg so sehr gewöhnt, die Pflege der\nKultur als eine Angelegenheit individueller Initiative anzu-\nsehen, dafs wohlmeinende Politiker ernstlich zweifeln, ob der\nStaat überhaupt die Aufgabe hat, pflegend und fördernd ein-\nzugreifen.\nAber so überraschend diese Auffassung in den Staaten mit\nehemals absoluter Fürstenherrschaft sein mag, wo nach alter\nGewohnheit vom Staat alles erwartet wird, so gesund ist sie\nim Grunde, und es wäre sehr bedauerlich, wenn das Gegenteil\neinmal in Hamburg Platz greifen würde.\nNur läfst sich der Standpunkt, dafs der Staat die Sorge\nfür die Kultur und die Initiative auf diesem Gebiet dem Pri-\nvatmann gänzlich überlassen sollte, auf die Dauer nicht be-\nhaupten, und seit der Mitte dieses Jahrhunderts hat sich in\nHamburg allmählich ein Umschwung vollzogen, der von\nFall zu Fall fortschreitend, dem Staat zunächst die Pflege der"}, {"page_pdf": 75, "page_imprimee": "323", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.75", "texte": "über die Möglichkeit der Unterhaltung aus Privatmitteln\nhinaus entwickelten Institute überantwortet und ihm schliefs-\nlich sogar die Initiative zur Weiterführung und Neugründung\nzur Pflicht gemacht hat.\nVor fünfzig Jahren pflegte der Staat nur eine höhere\nSchule, das Johanneum, Die waren auf das\nPrivatschulwesen angewiesen, die niedrigeren Schichten auf\neinige Stifts- und Volksschulen. Heute hat das Schulwesen\nein Uebergangsstadium beinahe überwunden. Das gesamte\nVolksschulwesen wurde in wenigen Jahrzehnten reorgani-\nsiert, eine gröfsere Anzahl\nhöherer Staatsschulen hat das\nPrivatschulwesen zurückge-\ndrängt, das nur noch in\nden höheren Mädchenschulen\nseine alte Stellung behauptet.\nZur selben Zeit hat der\nStaat die von ihm übernom-\nmenen wissenschaftlichen In-\nstitute umgestaltet, erweitert\nund durch Neugründungen\nvervollständigt, so dafs ihr\nSystem heute dem Apparat\neiner mittleren Universität\ngleichkommt, nur dafs es in\ndem musealen Teil und mit\nder Ausdehnung und Einrich-\ntung der Krankenhäuser weit\ndarüber hinausgreift.\nSeit einigen Jahren hat\ndie Oberschulbehörde ein\nöffentliches Vorlesungswesen\neingerichtet, dem das Publi-\nkum aller Stände das leb-\nhafteste Interesse entgegen-\nbringt. Das Verzeichnis der\nVorlesungen umfafst bereits\nalle Gebiete der Wissenschaft.\nDozenten sind die Direktoren\nder wissenschaftlichen In-\nstitute, Geistliche, Lehrer der\nhöheren Schulen und für\neinzelne Fächer Professoren\ndeutscher Hochschulen, Die\nTeilnahme, mit der gerade die\ngebildeten Klassen diese Ein-\nrichtung verfolgen, liefert den\nBeweis, dafs ein Bedürfnis, Anregung zu empfangen, lebhaft\ngefühlt wird.\nWie weit sich dies Institut entwickeln wird, steht noch\ndahin. Es hat bereits eine lebhafte Bewegung in Szene gesetzt,\nund die schon in früheren Zeiten wiederholt diskutierte Idee\neiner Hamburgischen Universität beschäftigt viele Köpfe.\nWenn darüber debattiert wird, pflegen die kulturellen und\npolitischen Gesichtspunkte, die dafür sprechen, in den Vorder-\ngrund gestellt zu werden, und man erinnert sich daran, dafs\nHamburg in dem jetzt in eine Reihe wissenschaftlicher Insti-\ntute aufgelösten Akademischen Gymnasium eine Anstalt be-\nsessen hat, die im 17. Jahrhundert Rang und Funktionen einer\nUniversität besafs.\nAlles deutet darauf hin, dafs die Thätigkeit des Staates\nauf allen diesen Gebieten in Zukunft noch weitere Aus-\ndehnung erfahren wird.\nNeubildungen fallen allerdings den Organen des Staates,\ndie nicht experimentieren dürfen, in Hamburg so schwer wie\nanderswo, aber es steht zu hoffen, dafs hier die alte Gewohn-\nheit der selbständigen Schöpferthätigkeit des Bürgers durch\nden prinzipiellen Umschwung in der Beteiligung des Staates\nnicht leiden wird,\n❖\nWie überall und jederzeit\nstehen auch in Hamburg zwei\nGenerationen einander mit\nauseinandergehenden An-\nschauungen und Wünschen\ngegenüber.\nDie ältere, die den Wohl-\nstand der Stadt heraufgeführt\nhat, sieht nicht ohne Be-\ndenken, dafs die jüngere diese\nmaterielle Grundlage zum\nAusgangspunkt der Entwick-\nlung einer eigenartigen natio-\nnalen Kultur Hamburgischer\nFärbung wählen will. Man\nhatte sich, nachdem die\ninternationale Konkurrenz die\nAnspannung aller Kräfte in\nAnspruch genommen hatte,\nan die Auffassung gewöhnt,\nHamburg ausschließlich als\nein Handelsorgan des Reiches\naufzufassen und zu übersehen,\nwas frühere Epochen in Ham-\nburg für die deutsche Kultur\ngeleistet haben.\nDie jüngere Generation\nwill sich damit nicht be-\ngnügen. Sie sieht in einer\nselbständigen Blüte der ein-\nheimischen Kunst und Wisse-\nnschaft nicht nur ein Moment\nvermehrten Wohlbehagens,\ndas sich auch zur Not ent-\nbehren liefse, sondern eine\npolitische Angelegenheit, von\nder das Ansehen des Staates und die Sympathie, die ihm von\nden andern Gliedern des Reiches entgegengebracht wird,\nwesentlich mit abhängt. Und in den Imponderabilien der\nWertschätzung und Sympathie im Reich hat sie hervorragende\npolitische Faktoren erkannt, auf deren Einflufs sie nicht zu\nverzichten gewillt ist.\nHamburg wird im Verzeichnis der deutschen Staaten an\nallerletzter Stelle aufgeführt, als wirtschaftliche Macht hat es\nseinen Platz gleich nach den Königreichen. Dafs es auch als\nPflegerin deutscher Bildung, Kunst und Wissenschaft den-\nselben Rang erlangen möge, den es in der Oekonomie der\nNation innehält, das ist der Wunsch und das Streben der\n,Jungencc in Hamburg.\n\nAlfred Lichtwark\n\nALTE HAMBURGER DIELE\nFRAU MARIE ZACHARIAS"}, {"page_pdf": 76, "page_imprimee": "324", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.76", "texte": "A. L.\nDas Burgthor in Lübeck, der wundervolle Abschlufs\neiner Strafse, deren sanfte Kurve nicht vom Zufall, sondern\nvon der Hand eines grofsen Künstlers geführt erscheint, das\nBurgthor in Lübeck, schwebte in Gefahr, dem Restaurator in\ndie Hände zu fallen. Lübeck hat bei allem Reichtum kein\nschöneres Architekturbild als diese Strafse, die zu diesem\nBau führt. Und dies Bild soll nun zerstört werden, weil der\ngotische Bau des Thorturms eine Haube trägt, die ein spä-\nteres Jahrhundert an die Stelle der ältesten Bekrönung gesetzt\nhat. Alte Abbildungen lassen zwar keinen Zweifel darüber,\nwie der Turm ungefähr aussah, als er noch dem ersten Zweck\ndiente. Der Entwurf für die Restauration nimmt auch ge-\nbührend Rücksicht darauf. Aber er ist weit davon entfernt,\nden ursprünglichen Zustand herzustellen. Einmal langen für\nein solches Unternehmen die Abbildungen nicht, und dann\nüberträgt der Entwurf die alte Holzkonstruktion in Stein,\nwobei ihr Volumen erheblich verringert werden musste.\nMan wird an einen Dorfkirchturm hannoverscher Observanz\nerinnert. Es ist schwer, sich vorzustellen, wie das wirken\nwird. Gesetzt, es beleidige nicht: gegen die vornehme, groß-\nartige Silhouette der Haube kommt es sicherlich nicht auf.\nUnd ist sie im Grunde nicht auch gotisch? Denn diese Form\nist nicht mit dem Renaissanceornament aus Italien gekommen,\nsondern eine Weiterentwicklung heimischer Baugedanken.\nAus der Silhouette Lübecks würde mit ihr ein eigenartiger\nAccent verschwinden. Dafs sie nicht der im engeren Sinne\ngotischen Epoche angehürt, schadet ihr doch nur in den Augen\nder fanatischen Puristen, die schon genug Unheil in unsern\nalten Städten angerichtet haben. Der künstlerischen Empfin-\ndung erscheint das Burgthor mit der Haube als ein Werk aus\neinem Gufs, in sich abgewogen und meisterhaft für den Platz\nberechnet. Wir wissen, wie der heutige Zustand wirkt:\ndie Wirkung der beabsichtigten Restauration ist noch Problem.\nMöge ein guter Stern das edle Bauwerk schützen.\n\nDAS BURGTHOR IN LÜBECK\nE. EITNER"}, {"page_pdf": 77, "page_imprimee": "n. p.", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.77", "texte": "MAIREGEN\nVALENTIN RUTHS\nLICHTDRUCK PAN II 4."}, {"page_pdf": 79, "page_imprimee": "325", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.79", "texte": "DIE BERLINER AKADEMIE\n\nM Maiheft des „Pan“ (11. Jahrgang,\nS* 45 48) hat der Unterzeichnete\neinen kurzen Aufsatz veröffentlicht unter\ndem Titel: ~Die Berliner Akademie,\nGedanken bei der Feier ihres 2C»ojäh-\nrigen Bestehens“. Darin kommt fol-\ngender Abschnitt vor:\n„Die Art, wie die Reorganisation (der Akademie)\n„nach Friedrichs Kabinetsschreiben vom 21.\n„Januar 1786, durch welches Heinitz zugleich zum\n„Kurator der Akademie ernannt wurde, und nach\n„verschiedenen rasch sich folgenden weiteren\n„Bestimmungen vorgesehen war, atmet recht\n„eigentlich den Geist des grofsen Königs: nicht für\n„ausschliefsliche Vorbildung von Malern und Bild-\nhauern bis zur Ausbildung derselben zu fertigen\n„Künstlern in ihrem Fach sollte die Akademie sorgen,\n„sondern als grofse allgemeine Schule im\n„Zeichnen und Modellieren sollte sie dienen, um\n„so vor Allem auch den Kunsthandwerkern zu Gute\n„zu kommen. Dagegen solle man ja nicht zu viel\n„Maler und Bildhauer erziehen, die dem Staat\n„schliefslich nichts nützen könnten. Bei der\n„Ausbildung sollte das Zeichnen nach dem Leben\n„und die Bekanntmachung mit allen nötigen\n„Hülfs mitteln in Obacht genommen werden, damit\n„jeder Einzelne vor Allem die Technik seines Faches\n„gründlich erlerne. Die regelmäfsigen Ausstellungen,\n„die gleichfalls schon vorgesehen waren, sollten neben\n„Gemälden und Skulpturen auch den Erzeugnissen des\n„Kunstgewerbes Platz bieten.“\nDer Direktor der akademischen Hochschule, Herr\nProfessor Anton von Werner, hat in einem Aufsatze\nüber „Aufgabe und Bedeutung der Kunstakademien“\nim Januarheft der „Deutschen Revue“ diese Sätze,\ndie er wörtlich wiederholt, wie die ganze „Reorgani-\nsation“ Friedrichs 11. als „Gebilde meiner lebhaften\nPhantasie“ bezeichnet; „eine Kabinetsordre Fried-\nrichs des Grofsen, sei es vom 21. Januar 1786 oder\nirgend einem anderen Datum, welche so schöne Sachen\nenthielte, wie sie Herr Geh. Rat Bode, wenn auch in\netwas freier Umschreibung zitiert, existiere überhaupt\ngar nicht.“\nEine Kabinetsordre Friedrichs 11. in Sachen der\nKunstakademie vom 21. Januar 1786 existiert in der\nThat. Nur habe ich darin geirrt, dafs ich diese\nOrdre, die an Direktor Rode gerichtet ist und die,\nwie ich behauptet, die Einleitung zu einer Reihe\nreorganisatorischer Mafsregeln der Akademie bildet,\nmit der vier Tage jüngeren Ordre vom 25. Januar,\nin der dem Staatsminister Frh. von Heinitz die Ober-\naufsicht über die Akademie erteilt und die Reorgani-\nsation damit wirklich in Angriff genommen wird, in\neine Ordre zusammengezogen habe* Dieses Ver-\nsehen gestehe ich zu; es ändert aber in den That-\nsachen nicht das Geringste, und ich halte daher\nsonst das oben Gesagte voll aufrecht. Zur Ab-\nwehr gegen die schwere Beschuldigung, Urkunden er-\nfunden und „meine eigenen Gedanken dem grofsen\nKönig untergeschoben“ zu haben, sehe ich mich\ngezwungen, für jeden der vorstehend von mir her-\nvorgehobenen und von Herrn A. von Werner als\nPhantasiegebilde bezeichneten Punkte die Belegstellen\n\n*\n* Veranlassung zu diesem Versehen war die Art, wie der\nAufsatz entstand; er wurde, wie Herr A. von Werner schon aus\neinem Briefe von mir mitgeteilt hat, auf der Reise in ein italienisches\nBad geschrieben und musste, um das Erscheinen des Heftes nicht\nüber Gebühr zu verzögern, in der Redaktion korrigiert werden."}, {"page_pdf": 80, "page_imprimee": "326", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.80", "texte": "aus der „Kabinetsordre vom 21. Januar 1786 und den\nverschiedenen rasch sich folgenden weiteren\nBestimmungen“ (diesen ganz entscheidenden Zusatz\nmeiner Angabe läfst Herr A. von Werner bei seiner\nErwiderung beständig aufser Acht!) hier namhaft zu\nmachen.\nHerr A. von Werner verlangt den Urtext des\nKabinetsschreibens vom 21. Januar 1786. Er findet\nsich unter den „Acta verschiedener Königl. Kabinets-\nordres in Angelegenheit der Akademie der Kunst“\n(Staatsarchiv. 111. Abth. No. 49). In dieser ganz aus\neigenstem Antrieb erlassenen Kabinetsordre an den\nAkademiedirektor Rode erinnert diesen der König,\ndafs er schon am 9. September des vergangenen\nJahres ihm. habe zu erkennen geben lassen, sich nach\neinem guten Maler an Stelle des verstorbenen\nMalers Dubuisson umzusehen, „und zwar nicht einen\nsolchen, der in Farbe gut mahlet, sondern vielmehr\neinen, der gut dessiniret. Da nun gegenwärtig annoch\nzwei Mahler-Tractamentes vacant sind, als das des\n(kurz vorher verstorbenen) Calow und des Dubuisson,\nso thun Höchstdieselben in Gefolge obgedachter Ordre\n(vom 9. Sept. 1785) dem Director Rode hiermit den\nAuftrag, sich danach zu bemühen, einen dergleichen\ngeschickten Mahler und Zeichner ausfindig zu machen,\nder recht habile ist, und bei dem die jungen Leute\nwas Rechts lernen können, und sodann davon An-\nzeige zu machen.“\nAls Rode darauf am folgenden Tage unbestimmt\nantwortet, ergeht an ihn schon Tags darauf, am\n23. Januar 1786, ein kürzeres, in den Hauptpunkten\nmit dem vom 21. Januar 1786 aber fast gleichlautendes\nKabinetsschreiben. Auf dieses suppliziert der Aka-\ndemiedirektor am 24. ausweichend und den Intentionen\nFriedrichs selbst entgegen, indem er vorschlägt, die\nfreigewordenen Pensionen zur Vermehrung des Ge-\nhalts der alten Lehrer zu verwenden. „Den König\nverdrofs dieses Zögern und Verschleppen“ so heifst\nes in Herrn A. von Werners Prachtwerk „Zur\nJubelfeier“ (1896) S. 33: „er liefs in einem Kabinets-\nschreiben vom 25. Januar 1786 den Direktor Rode\nwissen, dafs er den Minister von Heinitz beauftragt\nhabe, ,sich der Sache ein wenig anzunehmen und\nwegen Anstellung eines geschickten Mannes Vor-\nschläge zu machen4. Dieser 25. Januar 1786 ist\neiner der Haupt Wendepunkte in der Ge-\nschichte der Akademie; ca. neunzig Jahre\nvorher und nachher sind solche von gleicher\nBedeutung.“ Hier stellt also Herr A. von Werner\nselbst die Übertragung der Oberaufsicht über die\nAkademie an den Staatsminister Frh. von Heinitz\nmit der Begründung der Akademie durch König\nFriedrich I. und mit der Ernennung des Herrn A. von\nWerner zum Direktor der akademischen Hochschule\nauf eine Stufe. Diese „ereignisvolle Zeit,“ in der\ndurch die verschiedenen Kabinetsschreiben des grofsen\nKönigs an seinen Staatsminister, durch dessen Ver-\nhandlungen mit den Akademikern und Erlasse in\nwenigen Wochen eine „Reorganisation der Akademie\nvorgesehen“ war (wie ich mich ausdrückte), bezeichnet\ndie Jubiläumsschrift des Herrn A. von Werner an\nderselben Stelle sogar als „die Wiederherstellung\nder Akademie überhaupt.“ Und jetzt ist dem-\nselben Herrn diese Reorganisation ein „Phantasie-\ngebilde“!\nSo viel über die Reorganisation im Allgemeinen.\nSehen wir, mit welchem Recht Herr Anton von\nWerner die einzelnen von mir hervorgehobenen Ge-\nsichtspunkte der geplanten Reorganisation bestreitet.\nZunächst eine nebensächliche Frage. Ich hatte\ndie Ernennung des Staatsministers von Heinitz zum\n„Kurator“ der Akademie schon auf den 21. (richtiger\n25.) Januar 1786 gesetzt. Herr A. von Werner sagt\ndarauf, indem er auf eine Auskunft aus dem Staats-\narchiv sich bezieht, dafs Heinitz erst 4 Jahre später,\nmit dem Statut vom 26. Januar 1790, zum Kurator\n„ernannt“ worden sei. Da in diesem Schreiben des\nStaatsarchivs aber zum Nutzen des Herrn A. von\nWerner mitgeteilt wird, was jedem einigermafsen mit\nder Geschichte der Akademie Vertrauten aus der\nVeröffentlichung der „Berlinischen Nachrichten“ be-\nkannt ist, dafs nämlich Heinitz mit der Ordre vom\n25. Januar 1786 die Oberaufsicht über die Aka-\ndemie übertragen wurde, so ist zweifellos, dass ihm\ndamit eben die Befugnisse eines Kurators er-\nteilt wurden. Es ist daher nur ein Streit um Worte,\nwenn sich Herr A. von Werner an den äufseren Titel\nklammert. Aber auch darin, in der Angabe über die\nZeit der Verleihung des Titels, ist er im Unrecht;\ndenn da Minister von Heinitz sich selbst 1788 Kurator\nnennt und schon 1787 von seinen Beamten so genannt\nund 1788 im Tableau vom Personal „der Akademie“\nso bezeichnet wird, so kann er unmöglich erst 1790\nmit diesem Titel bedacht worden sein. In der That\nwird er denn auch in allen Publikationen über die\nAkademie, ganz wie in dem Prachtwerk „Zur"}, {"page_pdf": 81, "page_imprimee": "327", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.81", "texte": "Jubelfeier“ von A. von Werner selbst, schon vom\n25- Januar oder von Anfang Februar 1786 an\n„Kurator“ genannt.\nHerr A. von Werner nimmt ferner Anstofs daran,\ndafs ich in jenen Kabinetsschreiben, Denkschriften etc.\nzur Reform der Akademie „so schöne Sachen, wie die\nBestimmungen überzeichnen nach dem Leben\nund die Bekanntmachung mit allen Hilfsmitteln“\nentdeckt haben will. Nun, schon durch die Kabinets-\nordre an Heinitz vom 5. Februar 1786 bewilligt König\nFriedrich Geld für Modelle, „namentlich lebende\nModelle“. In der ersten Akademiesitzung unter\nHeinitz Leitung am 11. Februar wird auch über „die\nEinrichtung des Zeichnens nach dem Leben“, worüber\nnoch weitere Vorschläge „nach dem bei der Pariser\nAkademie zu ihrer Zeit eingeführten Modum“ mit-\ngeteilt werden sollen, beraten. In seinen Aufzeich-\nnungen für die Kommission zur Vorbereitung des\nneuen Statuts stellt der Freiherr von Heinitz voran,\n„dass den Künstlern durchs Leben - Zeichnen\nund durch die Lehrstunden alle Hilfsmittel zu ver-\nschaffen seien“; und sein Adlatus Mölter nennt in\nder Festrede am 5. Oktober 1787, in welcher dieser\ndie Erfolge der bisherigen Bemühungen des „thätigen\nKurators“ aufzählt, das Zeichnen nach dem Leben,\ndas jetzt an der Akademie frei gelehrt werde, „das\nganz unentbehrliche Hauptstudium.“\nHerr A. von Werner behauptet weiter, dass in\nden Kabinetsordres und anderen Bestimmungen Fried-\nrichs und seines Ministers von einer grofsen (von mir\nbehaupteten) allgemeinen Schule im Zeichnen\nund Modellieren an der Akademie, die vor allem\nauch den Kunsthandwerkern zugute kommen\nsolle, nicht das Geringste gesagt sei, dass auch\ndie Warnung vor Überproduktion mit Künst-\nlern darin gar nicht ausgesprochen sei, und\nleugnet, dafs die neu eingeführten Ausstellungen\nauch für Erzeugnisse des Kunstgewerbes\nPlatz bieten sollten. Ich lasse wieder die Urkunden\nsprechen.\nGleich die Kabinetsordre vom 21. Januar 1786\nhandelt über die Frage eines tüchtigen Lehrers\nim Zeichnen für die Akademie, und die weiteren\nVerhandlungen darüber führten, wie wir sahen, zu der\nUnterstellung der Akademie unter die Oberaufsicht\ndes Staatsministers von Heinitz. Friedrich erklärt un-\nwillig, dafs ein tüchtiger Dessinateur an der Akademie\nnicht zu finden sei, und als ihm Anfang Februar seitens\nder Akademie Proben der besten Schüler im Zeichnen\nvorgelegt wurden, verlangt er unzufrieden mit diesen\nLeistungen —, dafs nur junge Leute „von aufser-\nordentlichen Fähigkeiten und aufserordent-\nlicher Neigung“ zum Unterricht an der Aka-\ndemie angenommen werden sollten.*\nWas die Nutzbarmachung der Akademie für\ndas Kunsthandwerk anlangt, so legt der Minister\nvon Heinitz auf Grund der Ordre vom 25. Januar\nzweifellos nach eingehender Rücksprache mit dem\nKönig schon am 1. Februar 1786 eine längere Denk-\nschrift vor, worin er u. a. ausführt, „dafs die Akademie\nsehr nützlich werden könne, wenn man darauf sähe,\nnicht blofs Maler, Bildhauer und Kupferstecher anszu-\nbilden, sondern aufserdem auf bessern Unterricht\nsolcher Handwerker Bedacht zu nehmen, die bei\nihren Arbeiten Ordnung, Geschmack und Belehrung\nnötig hätten, dafs man ihnen gute Modelle von\nausländischer Erfindung gebe, alljährlich eine\nAusstellung von ihren Kunstsachen veran-\nstalte“ u. s. f. Schon am folgenden Tage bestätigt\nFriedrich der Grosse durch Kabinetsschreiben diese\nVorschläge seines Ministers. Die Frage der Aufnahme\nvon kunstgewerblichen Arbeiten in die Akademieaus-\nstellungen wird auch in Heinitz „Gedanken“ zur Re-\norganisation des Statuts betont, „um das Publikum\nauch mit anderen (als Gemälde etc.) guten und ge-\nschmackvollen Artefactis bekandt zu machen“.\nEin Blick in die Kataloge der ersten Ausstellungen\nder Akademie genügt, um zu sehen, dafs diese auch\nin der That mit ausgestellt wurden. Die Heran-\nziehung von Kunsthandwerkern zur Akademie wird\ndurch ihre Aufnahme als „akademische Künstler“ zur\nThatsache, und die Begründung der Zeichenschule für\ndie jungen Kunsthandwerker innerhalb der Akademie\nwird so oft und ausführlich in den Kabinetsordres\nund Akten der Akademie von 1786 und 1787\n\n*\n* Welches Gewicht König Friedrich auf gute Zeichnung\nlegt, spricht eine nicht veröffentlichte Resolution vom 8. Mai 1780\nan einen jungen Maler Taubert in so prägnanter Weise aus, dass\nich sie hier folgen lasse: Le dessin du jeune Taubert annonce\ndans sa requete du 5 parait trop precoce au Roi. Pour se\nperfectionner dans la peinture, il est d’une necessitee absolue\nde savoir bien dessin£r. la premiere et principale\nqualite d’un habile peintre, sans laquelle Ton ne saurait jamais\nse flatter de faire des progres dans cet art; et c’est pourquoi\nSa Majeste veut aussi encourager le jeune Taubert de redoubler\nses efforts pour acquerir cette perfection ä Berlin, avant que de\npenser ä son voyage en Italic."}, {"page_pdf": 82, "page_imprimee": "328", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.82", "texte": "erwähnt, dafs Herr A. von Werner wohl nur im Eifer\ndes Gefechts auch dies mit abgeleugnet hat.\nWie sehr das Handwerk bei der Reform\nder Akademie betont wurde, dies ist in der be-\nkannten Rede des Kurators bei der Aufnahme des\nMinisters Herzberg 1788 so bestimmt ausgesprochen,\ndafs ich füglich dafür auf die Publikationen über die\nAkademie verweisen kann. Weniger bekannt sind die\noben schon erwähnten „Eigenen Gedanken“ Heinitz,\ndie zur Norm für die Kommission bei der Aus-\narbeitung des neuen Statuts (publiciert erst am\n26. Januar 1790) aufgesetzt wurden. Hier heifst es: „die\nAbsicht der Akademie mufs sein, 1) den Künstlern durchs\nLeben-Zeichnen und durch die Lehrstunden alle Hilfs-\nmittel, soviel möglich ohnentgeltlich zu schaffen, nicht\naber zu viel Maler oder Bildhauer anzuziehen,\ndie dem Staate zuletzt nichts nützen können;\nwohl aber Kupferstecher, Mahler und Modelleure bei\nden PorzellanFabriquen sowie auchDessinateure\nfür Fabriquen zu bilden“, hauptsächlich aber\ndie Handwerksschule so einzuleiten, „damit ein jeder\nin seinem Fach mit dem Regelmäfsigen und\nEinfachen darin bekannt werde“.\nIch habe also in jenen vom Direktor der Aka-\ndemie als „Gebilde meiner lebhaften Phantasie“ be-\nzeichneten Sätzen nur nachgeschrieben, was Friedrich\nder Grofse angeordnet, und was der Staatsminister\nFrhr. v. Heinitz auf die Ordres und nach den In-\ntentionen seines Königs hier und an andern Stellen\nausgeführt hat. Mit Herrn Anton von Werner brauche\nich daher nicht weiter mehr abzurechnen. Um aber\ndieser mir aufgezwungenen Polemik einen lebendigen\nAbschlufs zu geben, mögen hier zum Schlufs die denk-\nwürdigen, in den Akten verlorenen Worte des Frh.\nvon Heinitz einen Platz finden, die, vor hundert\nJahren niedergeschrieben, noch heute ihre volle Giltig-\nkeit haben. In einem Denkschreiben an König\nFriedrich Wilhelm 11. vom 20. Dez. 1797 spricht sich\nder grofse, in der Schule Friedrichs gebildete Staats-\nmann, als dessen Schüler sich Freiherr vom Stein\ndankbar bekennt, über seine bisherige Thätigkeit\nals Kurator der Akademie in folgender Weise aus.\nSein Absehen bei seiner Thätigkeit sei im allgemeinen\ngewesen, „nicht sowohl lauter eigentliche\nKünstler (als Mahler etc.) durch die Aka-\ndemie anzuziehen (weil deren zu grofse\nZahl dem Staat, der sie nicht alle beschäftigen\nund ernähren kann, im Grunde mehr schäd-\nlich als nützlich ist), sondern die Akademie\nhauptsächlich zur Pflegemutter und Beförderin\ndes guten Geschmackes in allen Branchen\nder Nationalindustrie, die in ihren Fabricatis\ndurch Anwendung regelmässiger Zeichnungen einer\nVerschönung und Vervollkommnung fähig ist, zu\nmachen, um dadurch der Nationalindustrie eine neue\nSchwungkraft zu geben: damit ihre Produkte und\ngeschmackvollen Arbeiten jeder Art, den auswärtigen\nnicht ferner nachstehen, und solchergestalt das\nInteresse der Kunst mit dem ungleich wich-\ntigem des Staatsinteresses zu verbinden.“\nIn seinen einzelnen Vorschlägen wünscht der Minister\n„die nähere Verbindung der an die Kunst sich\nanschliefsenden Handwerker, um sie zu unter-\nstützen, theils aber auch um sie von dem\nschädlichen, die Industrie darniederdrücken-\nden Handwerkszwang zu befreien.“\n\nW. Bode."}, {"page_pdf": 83, "page_imprimee": "n. p.", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.83", "texte": "WALTER CRANE\nWilliam Rothenstein\nORIGINALLITHOGRAPHIE PAN II 4."}, {"page_pdf": 85, "page_imprimee": "329", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.85", "texte": "ENGLISCHE KUNST IM HAUSE\n\nZwei tief im englischen Charakter wurzelnde Eigen-\nschaften haben die neue Bewegung in der Kunst hervor-\ngerufen: die Liebe zum Hause und die Liebe zur Natur.\n❖\nDer Franzose3 der zum erstenmal nach England\nkommt, bewundert als etwas Fremdes die intime Ent-\nwicklung des englischen homelife, die Liebe des Eng-\nländers zu Haus und Herd und Familie. Wir Deutschen\nsehen darin ein Zeichen der Verwandtschaft, eine\nWiederholung dessen, was wir im eigenen Volks-\ncharakter kennen und lieben; und doch müssen auch\nwir einen Unterschied wahrnehmen. Der Drang nach\nSelbständigkeit, nach Unabhängigkeit, der den Eng-\nländern als Volk und als Individuen innewohnt, findet\nin dem Verlangen nach dem eignen Hause einen Aus-\ndruck. Lieber klein, aber eigen; lieber nur zwei Fenster\nFront, aber ein Stückchen Erde, wo Niemand sonst\nmitzureden hat, wo man eigner Herr ist. Das kleine\nHaus ist infolgedessen vorherrschend, im Gegensatz zu\nunseren Mietshäusern, die nicht nur in unseren Arbeiter-\nvierteln stehen, sondern mit geringen Ausnahmen die\nRegel in allen, auch den kleineren Städten bilden.\nMan darf sich nicht von dem ersten Eindruck, den die\ngrofsen Englischen Industriecentren bieten, täuschen\nlassen, von den gewaltigen Gebäuden der City und der\nGeschäftsgegenden. Das englische Leben spielt sich in\nden Vorstädten ab, in den kleinen Landstädten, auf\ndem Lande. Ueber ganz England hin sind diese ein-\nfachen Landhäuser und cottages zu Tausenden zerstreut,\numgeben von kleinen Gärten; wieder in Reih und Glied\naufgestellt, je mehr sie sich den Verkehrs- und Industrie-\ncentren nähern, schliefslich eng an einander geprefst,\nwo der teure Boden den Luxus eines Gartens nicht\nmehr gestattet; aber immer ein Ding für sich, selbständig\nund bestimmt, nur einem Willen zu dienen. Wo der\nWille, sein eigenes Stück Erde, sein eigenes Heim un-\nabhängig und für sich allein zu haben, so lebendig ist,\nda mufs auch der Wille, dieses Heim wohnlich zu\ngestalten, besonders energisch ausgeprägt sein.\n❖\nEs ist ein oft wiederholtes Wort, dals England\ndas Land der Industrie und der Kohlen ist; es ist auch\ndas Land der intimen Landschaft. Aus dem Dunst und\nQualm seiner fürchterlichen Industriecentren ist der\nEngländer hinausgeflohen auf das Land mit seinen\ngrünen Wiesen und grünen Hügeln. Dort hat er seine\nLandhäuser hingesetzt, neben eine alte Eichengruppe,\nan das.fließende Wasser, an den Abhang eines buschigen\nHügels. Und er hat alles gethan, um die Natur,\ndie in dem feuchten warmen Klima so mühelos an\n\nTOWNSEND\nHARRISON\nTAPETE\nfür den pan gezeichnet"}, {"page_pdf": 86, "page_imprimee": "330", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.86", "texte": "ihrem eigenen Schmuck arbeitet, in ihrer ganzen Frische zu\nerhalten und mit ihr seine Menschenwerke in eine möglichst\ninnige Verbindung zu bringen. Man mufs diese kleinen\nLandhäuser sehen, bis an das Dach berankt, von Bäumen\nüberschattet, wie sie verwachsen sind mit der Natur; diese\nkleinen, einfachen Landkirchen in ihrem dichten Epheu-\nschmuck, wie sie heimisch und vertraut wirken, wie\nFreunde, mit denen man täglich Verkehr pflegt. Diese Liebe\nzur Natur hat in England die ersten Landschaftsmaler ent-\nstehen lassen, die seit den Tagen der Holländer selbständig,\nmit eigenen Augen in die Welt gesehen haben. Turner, Con-\nstable, Cox, de Wint haben der Nation das, was sie von ihr\nempfangen, hundertfältig wiedergegeben, indem sie un-\nverstanden zuerst den Blick, das Verständnis und damit\ndie Liebe zur umgebenden Natur erweiterten und vertieften.\n$\nDer Weg, den eine neue Bewegung in der Kunst in Eng-\nland gehen mufste, war vorgezeichnet. In der Liebe zur\nNatur mufste sie wurzeln. Die Liebe zum eigenen Heim\nwürde sie nutzbar machen. Dafs diese Bewegung eine Be-\ndeutung gewonnen hat, die England auf dem Gebiet der\nkünstlerischen Ausgestaltung des Hauses die Führerrolle unter\nden Kulturstaaten zugewiesen hat, war der Begabung und\nder Energie einiger weniger Männer zu danken.\n$\nRuskin mufs hier zuerst genannt werden, als der grofse\nLehrmeister der Nation, der mit hinreifsender Beredsamkeit,\nmit meisterhafter Sprache, wie sie die Begeisterung eingiebt,\nsein Glaubensbekenntnis verkündete, dafs die Natur und nur\ndie Natur Lehrmeisterin sein dürfe der Kunst. Man mufs die\nempfindungstiefen Worte lesen, die ein Sonnenuntergang,\neine Morgenbeleuchtung, das einfache Blatt eines Baumes ihm\neingeben, um zu fühlen, in welch innigem Verhältnis er zur\nNatur stand und wie er es verstand auch anderen die Augen\nzu öffnen und ihnen immer neue Schätze und Schönheiten\nin ihrer Umgebung zu enthüllen. Nicht nach anderen Zeiten\nund Kulturen soll die Kunst hinschauen; aus der Natur soll\nsie sich entwickeln als lebendiger Ausdruck eigener An-\nschauung; ein neues Leben neben dem Leben. Wo er einen\nKünstler fand, der sich losgemacht hatte von Schablone und\nUeberlieferung, den er frei eintreten sah für das, was er eigen\ngesehen und erlebt, da ist er mit der ganzen Wucht seiner\nPersönlichkeit für ihn eingetreten und hat ihn gegen eine\nWelt von Vorurteilen verteidigt. So hat er den Boden be-\nreitet für neue Werte und ist nicht müde geworden, zu sagen,\ndafs die Kunst nicht stehen bleibt vor einem Bilde, vor einer\nSkulptur, vor einem Gebäude; dafs wahre Kunst etwas Or-\nganisches ist, das ganze Leben umfafst und ihm in allen seinen\nBeziehungen ein künstlerisches Gepräge giebt.\nWilliam Morris war sein gröfster Schüler. Er war einer\njener seltenen Männer, denen die Bestimmtheit und Wucht\nihrer eigenen Ueberzeugung die Macht giebt, Führer und\nWegweiser zu sein. Durch die suggestive Gewalt seiner\ngeschlossenen Persönlichkeit übte er einen bestimmenden Ein-\nflufs auf seine Umgebung. Er war der geborene Organisator,\nder seinen Willen dem Willen seiner Mitmenschen auf-\nstempelte und diesen in die gegebene Richtung warf. Die\nArbeit, die dieser Mann geleistet hat, ist erstaunlich. Er\nerscheint als ein wiedererstandener Mensch der Renais-\nsance, dem alles, was er mit starker Hand anfafste, wie ein\nSpiel von Händen ging. Die Bedeutung, die er als Dichter\nerlangt hat, die enorme Thätigkeit, die er als sozialistischer\nRedner und Schriftsteller entfaltet hat, kann hier nur bei-\nläufig erwähnt werden. Immerhin ist seine sozialistische\nDenkweise auch für die Würdigung seiner künstlerischen\nPersönlichkeit von Wichtigkeit. Sein Sozialismus entsprang\nnicht dem Neid und Hafs; er war rein idealer Art, aus\nseiner Liebe zum Nächsten geboren und aus dem brennenden\nVerlangen, dafs jedem seiner Mitmenschen ein würdiges Da-\nsein ermöglicht werde. Hier liegt der bestimmende Zug seines\nCharakters. Die Unzufriedenheit, die er in den Arbeiterkreisen\num sich greifen sah, führte er nicht allein auf die materielle\nLage der armen Bevölkerung zurück. Die unglückliche Um-\ngebung, in der diese Tausende aufwachsen und leben, erschien\nihm als das gröfsere Uebel: die engen, dunklen Strafsen, die\nkahlen Wohnungen, der Qualm und Dunst jahraus jahrein;\nnichts Heiteres, keine wirkliche Erholung, keine frohe, gesunde\nNatur. Und die Erniedrigung des Mannes zur Maschine\nempörte ihn. Ein Mann, der ein Leben lang nichts anderes\nzu thun hat, als einen Flaschenzug in Bewegung zu setzen,\nder Jahr für Jahr denselben Maschinenteil anfertigt, ohne je\nein greifbares Resultat seiner Arbeit vor Augen zu haben,\nkann nicht anders, als zuletzt Ekel empfinden gegen die Arbeit,\ner mufs sich auf bäumen gegen diese Verneinung des Menschen\nin ihm. Die Aufgabe der Kunst sah er darin, jedem einzelnen\nunter den Menschen die Daseinsbedingungen zu verschönern;\nden ersten Schritt zur Verwirklichung dieser Aufgabe fand\ner in der Wiederbelebung des Handwerks und im Kampf\ngegen die Industrie, Die Kunst sollte nicht blofs Luxus für\ndie bevorzugten Klassen sein, sondern das ganze Leben durch-\ndringen der Künstler sollte ein Führer der Nation werden.\nIn den dekorativen Künsten erblickte er das Band, durch das\ndie verschiedenen Formen der Kunst zusammengehalten wer-\nden. Ist dieses Band zu schwach, so ist der Verfall der\ngesamten Kunst die notwendige Folge. Die Einzelkünste,\ndenen das organische Leben fehlt, werden zum Spielzeug der\nReichen. Einfachheit der Formen und des Ornaments mufs\nerster Grundsatz sein, um die künstlerischen Gedanken wirk-\nlich zum Gemeingut Aller zu machen. Dabei sollte alles,\nwas zum Leben unentbehrlich ist, die Necessaries of life, in\nerster Linie berücksichtigt werden; jeder Gegenstand in sich\nvollendet, selbstverständlich, wie ein Baum, wie ein Gras;\neine Freude für den, der daran arbeitet und eine Freude für\nden, der ihn besitzt. Seine Künstlernatur hat ihn verleitet,\nden klaren und nüchternen Blick in die menschliche Natur\nzuweilen zu verlieren und seine Ziele so hoch zu stecken,\ndafs sie für immer unerreichbar bleiben werden. Die Ver-\nneinung der Industrie und die Durchdringung eines Volkes\nin allen seinen Teilen mit künstlerischem Wollen und Em-\npfinden sind Träume eines Dichters. Er teilt diesen Idealismus\nmit allen Aposteln einer neuen Lehre, deren Herz so voll ist\nvon dem, was sie zu verkünden haben, dafs sie keine Hinder-\nnisse mehr vor sich sehen. Das ist ihre Schwäche und ihre\nStärke. Morris konnte sein Ziel nicht erreichen; er ist sogar\nselbst seiner Lehre nicht immer treu geblieben. An seiner"}, {"page_pdf": 87, "page_imprimee": "331", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.87", "texte": "Gröfse aber kann das nichts ändern. Seinem Einfiufs, seiner\nstarken Persönlichkeit ist die mächtige Kunstbewegung, die\nEngland in den letzten 40 Jahren erlebt hat, vornehmlich zu\ndanken, und in der Kulturgeschichte wird ihm stets eine der\nersten Stellen eingeräumt werden müssen.\n❖\nSchon im Jahre i 848 hatten\nsich jene jungen Künstler zu-\nsammengefunden, die ihren ge-\nmeinsamen Boden fanden in\ndem Wunsche, aller tagesüb-\nlichen Schablone zum Trotz nur\ndie ehrliche eigene Empfindung\nund Anschauung wiederzugeben,\ndie auf diesem Boden sich ver-\nwandt fühlten mit jenen em-\npfindungsreinen Florentinischen\nKünstlern der Frührenaissance\nund die zum Zeichen dessen sich\nden leider nicht glücklichen\nNamen Praeraphaeliten bei-\nlegten, unter dem sie weltbe-\nkannt geworden sind. Die kleine\nGemeinde zählte auch William\nMorris und Edward Burne Jones\nzu ihren nächsten Freunden;\nhier fand Morris die Männer,\ndie er brauchte. Unter seiner\nFührung vereinigten sich die\nMaler Ford Madox Brown,\nDante Gabriel Rossetti, Edward\nBurne Jones und der Architekt\nPhilipp Webb mit einigen an-\nderen Gesinnungsgenossen zu\ndem Zweck: ihre freie Zeit der\nZeichnung und Anfertigung von\nGebrauchsgegenständen zu wid-\nmen, die, bei künstlerischer Voll-\nendung, zugleich Jedermann zu-\ngänglich sein sollten. Man mufs\nsich zurückversetzen in die da-\nmalige Zeit, mit ihrer Kluft\nzwischen Künstler und Fland-\nwerker, wo nahezu jeder Maler\ndie Zumutung, einen Stuhl zu\nzeichnen, mit Entrüstung von\nsich gewiesen hätte, um ein Bild\nzu gewinnen von der Bedeutung\ndieses Schrittes. Seitdem haben diese Männer, neben denen\nbald als emer der bedeutendsten Walter Grane in den Vorder-\ngrund trat, unausgesetzt an der Erreichung ihres Zieles\ngearbeitet; jeder nach seinen Kräften und seiner besonderen\nBegabung. Die Thätigkeit von Rossetti und Brown trat auf\ndiesem Gebiete mehr in den Hintergrund. Burne Jones hat\nsich im besonderen um die Wiederbelebung der Glasmalerei\nver ient gemacht. Seine besten Fenster von Edinburgh,\nOxford, Salisbury können getrost neben die Schätze der\nKirchen in Nürnbeig und Chartres gestellt werden. Grane\nhat der Entwicklung der Tapete, des Stoffes und der Buch-\nIllustration seine besondere Aufmerksamkeit zugewandt. Der\nLöwenanteil der Arbeit fiel Morris zu. Das B!nd aber, das\ndiese Künstler verbindet und das ihre Werke aus dem gleichen\nGeiste geboren erschdnen läfstj ist ihre urspriingiidieggesunde\nNaturanschauung. Sie alle waren von einer glühenden Be-\ngeisterung erfüllt für die Meisterwerke, die ihnen in der\nNatUr auf Schritt und Tritt begegnetcn. Unmittelbar haben\nsie aus den Vorbildern, die sich\nihnen boten, geschöpft; nie\nhaben sie ein neues Ornament,\neine neue Form gezeichnet, ohne\nsich vorher Rat geholt zu haben\nvon dem Aufbau einer Pflanze,\nvon der Struktur eines Baumes,\nvon dem organischen Leben, das\nsie umgab. Mehr vielleicht, als\nin irgend einer anderen vorauf-\ngegangenen Kunstepoche läfst\nsich in ihrem gesamten Werk\ndie strenge Anlehnung an die in\nder Natur gegebenen Motive er-\nkennen; die Natur wird in ihren\nHänden zum Ornament, aber\nohne dafs die Stilisierung den\norganischen Aufbau je vermissen\nliefse. So vermeidet ihre Kunst\ndie Formel, die Schablone, und\nerscheint immer wieder frisch\nund ursprünglich. Der Zweck\ndes Gegenstandes bildete selbst-\nredend den ersten Ausgangs-\npunkt; daneben wandten sie dem\nMaterial ihre besondere Auf-\nmerksamkeit zu. Sie studierten\ndie Struktur des Holzes, die ver-\nschiedenen Zusammensetzungen\nder Metalle. Sie wufsten, dafs\njeder Stoff seine eigene Sprache\nspreche, und sie sahen ihre Auf-\ngabe darin, dieser Sprache den\ngeeignetsten Ausdruck zu geben.\nIn Merton Abbey, der von Morris\nerrichteten Werkstätte, fanden\ndiese Gedanken ihre Verwirk-\nlichung. Hier, fern von dem\nGetriebe der Grofsstadt, an den\nUfern der Wandle, inmitten\neiner lieblichen Landschaft, fand\ner auch Gelegenheit, die Be-\ndmgungen zu verwirklichen, die er für den Arbeiter herbei-\nsehnte. Er wufste Jeden an die richtige Stelle zu stellen,\nseiner Neigung und Begabung entsprechend, und er hielt\ndamit die Liebe zur Arbeit wach, die ihm als eines der ersten\nZiele jeder Arbeiter-Politik erschien.\nDie Resultate der gemeinsamen Arbeit wurden dann aus-\ngestellt; diese Ausstellungen gewannen unter Morris’ Leitung\neine immer gröfsere Ausdehnung und öffneten späterhin ihre\nThüren Jedem, der etwas Neues und Selbständiges auf dem\nGebiete des home art zu sagen hatte. Die letzte Ausstellung\n\nSIGURD UND BRÜNHILDE\nJ. H. CHAMBERLAIN\nKARTON FÜR THÜRVORHANG"}, {"page_pdf": 88, "page_imprimee": "332", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.88", "texte": "vom Herbst 18 9 6 gab ein\ngutes Bild des gegenwärtigen\nStandes der Entwickelung.\nBei vollster Anerkennung\nihres Werkes und des be-\nstimmenden Einflusses, den\ndiese Männer auf die Kunstent-\nwicklung ihres Lands gehabt\nhaben, darf man nicht über-\nsehen, dafs ihr Einflufs eine\nsolche durchgreifende Bedeu-\ntung nicht hätte erlangen\nkönnen, hätten sie nicht den\nBoden so vortrefflich vorbereitet\ngefunden. Das Verdienst dafür\ngebührt den Kunstschulen.\nDer leitende Gedanke für\ndie Errichtung von Kunstschulen war zunächst rein wirt-\nschaftlicher Natur. Die im Jahre 1836 eingesetzte Parla-\nmentskommission, die den Plan zur Errichtung einer Kunst-\nschule zu beraten hatte, stellte in ihrem Bericht fest, dafs,\ninfolge des tiefen Stands des Zeichen-Unterrichts in England,\nbei dem gänzlichen Mangel geeigneter Schulen, in allen\nenglischen Fabriken französische uud deutsche Zeichner be-\nschäftigt würden; dafs zudem jährlich ungeheure Summen\nnach Frankreich, nach Bayern und Preufsen gingen, zum\nAnkauf neuer Muster und Vorlagen. Die Engländer waren\nwirtschaftlich genug, um zu sehen, welche Einbufse das\nNationalvermögen dadurch erlitt; und schon im folgenden.\nJahre wurde eine Zeichenschule in Somerset House in\nLondon errichtet mit dem ausgesprochenen Zweck, der\nIndustrie zu Hülfe zu kommen und den Fabrikanten und\nihren Beamten Gelegenheit zu geben, sich mit dem für ihr\nGewerbe so notwendigen Zeichnen nach künstlerischen Grund-\nsätzen vertraut zu machen. Nach weiteren zwei Jahren wurden\nähnliche Schulen in Birmingham, Manchester, Glasgow und\nYork errichtet. Obwohl von Anfang an betont wurde, dafs\nnicht das Kopieren überlieferter Kunstformeln, sondern die\nselbständige Anordnung das zu erreichende Ziel sei, wobei\nNatur als Lehrmeisterin dienen solle, blieben anfänglich die\nErfolge doch hinter den Erwartungen zurück, bis im Jahre\n1857 die Heberführung der Londoner Schule nach dem neuen\nGebäude in South Kensington erfolgte. Hier wurde sie der\nLeitung des genialen Begründers und Direktors des South\nKensington Museum unterstellt. Der Einflufs des Sir Henry\nCole machte sich schon in wenigen Jahren geltend; nicht\nnur in London, auch auf allen Schulen über ganz England\nhin, die mit der Londoner Centrale in Verbindung stehen.\nSchon im Jahre 1860 war die Zahl der in englischen Fabriken\nbeschäftigten französischen Zeichner auf die Hälfte gesunken;\nwenige Jahre weiter und Frankreich war vollkommen aus\ndem Felde geschlagen. Bemerkenswert ist die Stimme eines\nFranzosen. Ein Bericht des Ministers Rouher an Napoleon 111.\nüber den Stand der englischen Industrie und den ungeheuren\nFortschritt, den die Ausstellung von 1862 gegen das Jahr\n1851 zeigte, führt diesen schnellen Aufschwung allein auf\nden Einflufs der Zeichenschulen zurück.\nAus der inneren Einrichtung dieser Schulen ist hervor-\nzuheben, dafs das Bestreben vorherrscht, die Schüler sobald\nund so viel als möglich nach dem Leben zeichnen zu lassen.\nDaneben ist von gröfster Bedeutung, dafs laufende Aufgaben\ngestellt werden zur Anfertigung von Zeichnungen für Ge-\nbrauchsgegenstände. Ein Stuhl, eine Bank, ein Leuchter\nbilden den Gegenstand der Aufgabe; jede strenge Anlehnung\nan überlieferte Ornamente wird zurückgewiesen; die Preise,\ndie für die besten Entwürfe ausgesetzt sind, werden aus-\nschliefslich den selbständigen Arbeiten zuerkannt; wobei\nleitender Grundsatz bleibt, dafs in erster Linie der Gebrauchs-\nwert, in zweiter Linie die Ornamentierung entscheidet. Auf\ndiesem Wege gewöhnen sich die Schüler an selbständiges\nDenken, und das, was sie gelernt, erscheint ihnen nicht im\nLicht einer toten Wissenschaft, sondern als in lebendiger\nBeziehung stehend zum täglichen Leben und seinen Bedürf-\nnissen. Die zur Zeit umfangreichste dieser Schulen in\nBirmingham hat neuerdings begonnen, den Zeichnungen\nauch die Ausführung folgen zu lassen. Besonders auf dem\nGebiete des gehämmerten Metalls, in der Anfertigung von\nLeuchtern, Becken, Terrinen, auch in der Email-Arbeit sind\ndabei sehr günstige Erfolge erzielt worden.\nMehr als der vierte Teil der Lernenden sind Dilettanten,\ndie diese Schulen nicht besuchen als Vorbereitung zum Lebens-\nberuf, sondern als Gelegenheit, sich in der Schärfung des\nAuges, in der Entwicklung des künstlerischen Geschmackes\nfortzubilden. Die Vorzüge dieser, übrigens auf wirtschaftlichen\nGründen beruhenden, Einrichtung sind einleuchtend. Neben\nden schaffenden Kräften werden die geniefsenden erzogen.\nDiese, beinahe ausnahmslos Damen, tragen den verfeinerten,\nkünstlerischen Geschmack, den sie diesen Schulen danken,\nin ihr Heim und wissen damit in weiteren Kreisen das Ver-\nständnis für das künstlerische Schaffen zu erweitern.\nDie Zahl der Schulen ist heute nahezu 200. Man kann\nsich aus dieser Zahl ein Bild machen, welchen Einflufs die\n\nWANDLUCHTER\nSchule in Birmingham\n\nGETRIEBENES BECKEN\nSCHULE IN BIRMINGHAM"}, {"page_pdf": 89, "page_imprimee": "n. p.", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.89", "texte": "THE \"PEACOCK-GARDEN\" DECORATION\nWALTER CRANE\nTAPETENVOKLAGE NETZÄTZUNG PAN II 4."}, {"page_pdf": 91, "page_imprimee": "333", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.91", "texte": "Tausende, die daraus hervorgegangen sind, über ganz England\nhin gehabt haben. Was sie gelernt, haben sie in das prak-\ntische Leben hineingetragen; durch sie ist der Boden bereitet\nworden, als die grofsen Träger der neuen Ideen auftraten und\ndem Fortgang der Kunstentwicklung die Richtung gaben.\nDaneben haben sich in den letzten Jahren in den bedeuten-\nderen Städten, voran wieder in Birmingham und London,\nKunst-Handwerker-Gilden gebildet, die sich unmittelbar\nmit den von Morris angestrebten Zielen begegnen und das\nverwirklichen, was in diesen Zielen gesund und erreichbar\nwar. Die fortschreitende technische Vervollkommnung der\nMaschine bringt die Gefahr mit sich, dafs die Handarbeit\nschliefslich nahezu vollkommen verdrängt wird; und dafs der\nArbeiter zum Diener der Maschine herabsinkt. Diese Massen-\narbeit, so notwendig und unentbehrlich sie auf vielen Gebieten\nist, wirkt vom künstlerischen Gesichtspunkte aus verflachend.\nDer Reiz, den jeder Handarbeit die Liebe und Sorgfalt des\nSchöpfers verleiht, ist durch keine mechanische Arbeit zu er-\nsetzen. Morris hatte die Gefahr, die der Kunst durch den\nVerfall des Handwerks droht, richtig erkannt. Durch diese\nGilden, deren Entstehung grofsenteils auf seinen Einflufs\nzurückzuführen ist, wird der drohenden Gefahr ein wirksamer\nRiegel vorgeschoben. Die Leiter der Gilden in Birmingham\nund London, Clavering und Ashbee haben dafür gesorgt, dafs\ndie in ihren Werkstätten gefertigten Gegenstände heute eine\nder ersten Stellen einnehmen. Man darf hoffen, dafs die ernste\nund gewissenhafte Arbeit, die hier geleistet wird, einer Ver-\nflachung Vorbeugen wird, wie sie besonders heute seitens der\nIndustrie droht, die durch die massenhafte Ausnutzung und\nNachahmung der gegebenen neuen künstlerischen Gedanken\nsonst leicht einen schnellen Verfall der Bewegung herbeiführen\nkönnte.\nUeberblickt man den heutigen Stand des englischen Kunst-\nhand werks, so fällt zunächst auf die ungleichmäfsige Ent-\nwicklung auf den verschiedenen Gebieten. Dem Ornament ist\nneuerdings wieder die meiste Sorgfalt zugewandt worden; der\neigentliche Gebrauchsgegenstand, insbesondere das Möbel, ist\ndagegen etwas mehr in den Hintergrund geschoben worden,\nentgegen den ursprünglichen Absichten der Führer. Dabei\nmufs indessen zugegeben werden, dafs nach der Beseitigung\ndes überlieferten Ornaments und nach der Vereinfachung und\nAnpassung des Möbels zu seinem Zweck, viel Neues auf\ndiesem Gebiete nicht zu sagen ist. Der hier abgebildete Stuhl,\ndessen Lehne in der Zeichnung unbequem für den Rücken\nerscheinen mag, ist in Wahrheit in der sanften Biegung seiner\nRippen dem Körper vollkommen angepafst und bietet einen\ndenkbar angenehmen Sitz.Für die einfachen Gebrauchsmöbel,für\nden Schreibtisch, den Wandschrank ist das Streben nach guten\nVerhältnissen und nach möglichst sachgemäfser, vorteilhafter\nVerwendung des Materials vorherrschend. Die gröfste Auf-\nmerksamkeit wird der Tapete und dem Möbelstoff zugewendet.\nNeben Morris ist hier, wie erwähnt, besonders Grane führend\ngewesen. Beim Anblick seiner ornamentalen Zeichnungen\nhat man das Gefühl, als könne sich dieser Mann nie veraus-\ngaben. Die Fülle von Anregungen, die er täglich von neuem\naus der Natur nimmt, ist erstaunlich und es zeigt sich, dafs\nseine Ideenwelt reich genug ist, um auch Anderen wieder als\nAnregung und Ausgangspunkt zu dienen. Dabei läfst sich\nindessen nicht ver-\nkennen, dafs er beson-\nders in neuester Zeit\nder Hauptbedingung\nnicht gerecht wird,\nseinen Werken eine all-\ngemeine Verwendbar-\nkeit zu sichern. Diese\nTapeten und Stoffe\nsind viel zu reich, um\nanders, als in Prunk-\ns'älen möglich zu sein.\nEine seiner Pfauenta-\npeten z. B. wäre weder\nmit den Verhältnissen,\nnoch mit der Ein-\nrichtung eines Wohn-\nzimmers in Einklang\nzu bringen. Im wirk-\nsamen Gegensatz dazu\ngiebt Vo ys ey der ein-\nfarbigen oder nur dis-\nkret ornamentierten\nTapete den Vorzug.\nDen Hauptnachdruck\nlegt er auf die Aus-\n\nPAMENSCHREIBTISCH\nC. J. VOYSEY\nFÜR DEN PAN GEZEICHNET\n\nLEHNSTUHL\nWICKHAM JARVIS\nFÜR DEN PAN GEZEICHNET"}, {"page_pdf": 92, "page_imprimee": "334", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.92", "texte": "bildung eines den Abschlufs nach der Decke zu bildenden\nFrieses. Er findet so Gelegenheit, seiner reichen ornamen-\ntalen Begabung vollen Ausdruck zu geben, ohne doch durch\nzu starke Betonung des Ornaments in der Tapete selbst dem\neigentlichen Wandschmuck, dem Bilde, Eintrag zu thun.\nEr undHarrisonTownsend habender p6er Artsand Grafts\nExhibition den Stempel aufgedrückt. Ohne das Organische\nin ihren der Natur entnommenen Vorbildern zu verlassen,\nhaben sie in ihrem Werk dem Stil eine strengere Betonung,\neine weitergehende Ausbildung gegeben; sie sind darin über\nMorris und Grane hinausgegangen. Das zu diesem Aufsatz\ngezeichnete Titelblatt von Townsend giebt in etwas ver-\nänderter Form eine seiner Tapeten für eine Halle in Düssel-\ndorf wieder. Das Ornament hebt sich in leichtem Relief von\nder Grundlage ab. Das einfarbige lichte Grün giebt einen\nwirksamen Gegensatz zu dem in amerikanischem Nufsbaum-\nholz geschnitzten Kaminüberbau, der eine der bedeutenden\nSehenswürdigkeiten der Ausstellung bildete und der dem\ndeutschen Besucher besonders nahe gerückt war durch seine\nBestimmung für Deutschland und den auf dem oberen Fries\ngeschnitzten Spruch: Eignes Heim und eignen Herd, halte\nüber alles wert.\nIn den Säulenkapitälen tritt zum erstenmal eine unmittel-\nbare Verwertung der neuen Ideen für die Architektur zu Tage,\nund es ist zu hoffen, dafs die Entwicklung der Aufsenarchi-\ntektur, die bisher noch wenig berührt worden ist von der\nneuen Bewegung, durch Townsend ebenfalls einen wirksamen\nAnstofs erhalten wird. Es ist merkwürdig genug, dafs die\nEntwicklung des englischen Hauses von innen nach aufsen\ngegangen ist, dafs sie bei der Lampe und bei der Tapete an-\nfing und erst in letzter Linie die Aufsenseite des Hauses um-\nfafste. In der Gestaltung der Innenräume allerdings ist das\nBestmögliche erreicht worden, die Anordnung ist überall\nzweckmäfsig und behaglich. Die Aufsenarchitektur dagegen\nhat sich meist mit der Negation überlieferter Stile begnügt.\nNur durch ihre vollkommene Anspruchslosigkeit und Einfach-\nheit liefs sie erkennen, dafs hier der Raum geschaffen wurde\nfür neue Ideen. Dabei wurde der Wiederbelebung der Farbe\nwieder mehr Aufmerksamkeit zugewandt. Man erinnerte\nsich der Wirkung des einfachen grünen Ladens im hollän-\ndischen und niederdeutschen Hause, der mit der weifsen Wand\nund dem roten Dach ein so freundliches und einladendes\nBild gewährt. Ein Holzvorbau in grün, oder braun gab der\nThür, als dem wichtigsten Teil der Wand, eine stärkere Be-\ntonung. Ein Fries von grünen Kacheln wurde als Uebergang\nvon der Wand zum Dach angebracht; so in dem gefälligen\nThurm des abgebildeten Landhauses. Im Allgemeinen aber\nbeschränkten sich diese Versuche auf das kleine Landhaus.\nIn den Monumentalbauten können die Architekten ihr reiches\nWissen ebensowenig vergessen, als bei uns. Der erste be-\ndeutende Versuch, auch auf diesem Wege selbständig vor-\nzugehen, ist ebenfalls von Harrison Townsend unternommen\nworden in seinem Entwurf zu einer Bildergalerie in White-\nchapel. Die beiden starken Seitentürme dienen zur Aufnahme\nder Aufzüge; die Säle für die Bilder finden in dem Mittelbau\nPlatz. Die Anordnung ist zweckentsprechend und die Front-\nentwicklung zeigt ein selbständiges Vorgehen. Einen wirk-\nsamen Schmuck wird der unter dem Dach sich hinziehende\nMosaikfries bilden, dessen Ausführung Grane übernommen\nhat. Es bleibt zu hoffen, dafs der Plan zur Ausführung kommt.\nDas hier von Townsend gezeichnete Kapitäl ist dem er-\nwähnten Herdüberbau entnommen; es ist bezeichnend für das\nZusammenarbeiten der Künstler, dafs die gesamte Schnitz-\narbeit von einem Mitglied der Royal Academy, dem Bild-\nhauer Frampton, ausgeführt worden ist.\nWie billig, bilden die Beleuchtungskörper, besonders unter\nden für das elektrische Licht veränderten Bedingungen, einen\nGegenstand besonderer Beachtung; und wenn auch in dieser\nBeziehung Amerika führend ist, so sind doch die Lampen\nund Wandleuchter, die aus der Werkstätte der Gilde in\nBirmingham und aus der Fabrik von Benson hervorgegangen\nsind, durchaus selbständig und zweckentsprechend. Der\nsorgfältigen Bearbeitung des Materials wird dabei besondere\nAufmerksamkeit zugewendet und die Vorzüge der Hand-\narbeit gegen die Maschinenarbeit springen hier besonders in\ndie Augen. Vornehmlich die Londoner Gilde hat die Be-\narbeitung der Gebrauchsgegenstände in Metall, der Terrine,\nder Bowle, der Kanne, zu ihrer Aufgabe gemacht. Die ver-\n\nSCHMUCKFASSUNG SCHULE IN BIRMINGHAM für den pan GEZEICHNET\n\nHARRISON TOWNSEND KAPITÄL IN HOLZ GESCHNITTEN FÜR DEN PAN GEZEICHNET"}, {"page_pdf": 93, "page_imprimee": "335", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.93", "texte": "schiedenen Legierungen, die einfache Silhouette und der\nS tempel liebevoller Handarbeit geben jedem dieser Gegenstände\neinen individuellen Reiz.\nHand in Hand damit geht der Versuch, dem Schmuck\nder Fassung von Edelsteinen und von Emaillen neue und\nindividuelle Formen zu geben. Das Gebiet der Gebrauchs-\ngegenstände wird damit verlassen, aber nirgends scheint eine\ngründliche Reform mehr geboten. Eine massenhafte Zu-\nsammenhäufung von Steinen und Perlen hat die Sorge für\ndie Fassung fast vollkommen beiseite geschoben. Die Berliner\nGewerbeausstellung von 1896, die einen Begriff geben konnte\nvon der Bedeutung und Ausdehnung des Berliner Juwelen-\nhandels, hat eine ungeheure Menge und einen grofsen Wert\nvon Schmuck aufgehäuft, der beinahe zu leugnen schien,\ndafs es eine Kunst auf diesem Gebiete je gegeben. In mehr\noder weniger konventionellen Zeichnungen wird Stein neben\nStein gesetzt; die Fassung spielt keine Rolle; sie ist zum Diener\ndes Steins erniedrigt; sie hat neben ihm keine Bedeutung\nmehr. Diese Steine schreien ihren Geldwert in die Welt hin-\naus und es ist nicht ungewöhnlich geworden, das Einkommen\neines Mannes nach dem Schmuck seiner Frau zu bewerten.\nDie englischen Juwelierläden bieten denselben Anblick. Nach-\ngerade aber hat man angefangen sich zu sagen, dafs die Bedeu-\ntung des Schmuckes doch wohl tiefer liege, als nur von\ndem Reichtum seines Trägers Kunde zu geben. Man hat der\nFassung wieder zu ihrem Recht verholfen und hat die farbige\nWirkung des Metalls zum Metall und zum Stein untersucht.\nEine einfache runde Platte aus handgehämmertem, matten\nSilber als Träger einer Perle giebt durch die Anspruchs-\nlosigkeit und durch den intimen Reiz der Farbe eine bessere\nBrosche, als die meisten Juwelierläden zeigen können. Eine\nlein stilisierte, sich wiederholende Ranke in Platindraht als\nTräger einzel gestellter Opale würde ein reizvolles Halsband\ngeben; mattes Gold wird am Besten als Gegensatz zu dem\ntiefen Blau des Saphirs gewählt werden. Noch ist der Schritt,\nden die englische Goldschmiedekunst gemacht hat, kein\ngrofser; ein Fehler wiederholt sich oft: die Steine sind meist\nzu hoch gefafst, stehen zu weit von der Grundfläche ab und\nwerden notwendig unwillkommne Haken für Tücher und\nMäntel bilden. Aber ein Anfang ist da und er wird gewifs\nweiter führen.\nEine besondere Erwähnung verdienen die Fitzroy-Bilder.\nDer Name ist zufällig und hat mit der Natur der Sache nichts\nzu thun. Den Ausgangspunkt bildete der Wunsch, den kahlen\nWänden der Hospitäler und Schulen einen freundlichen An-\nblick zu geben und auch dem kleinen Manne die Anschaffung\neines künstlerischen Wandschmuckes zu ermöglichen; eine\nder besten Früchte der von Morris ausgegangenen Ideen.\nWalter Grane und Heywood Summer thaten sich mit einigen\nGesinnungsgenossen zusammen und lieferten die Zeichnungen,\ndie möglichst gemeinverständliche Gegenstände in einfachster\nForm behandeln, Scenen aus dem Leben des Landmanns,\ndes Arbeiters, bekannte Vorgänge aus der Bibel gaben den\nStoff. Die Einfachheit der Farben erlaubt ein billiges Ver-\nvielfältigungsverfahren. Die Verbreitung der Bilder über die\nenglischen Schulen hin ist bedeutend; in Berlin sind sie durch\ngelegentliche Ausstellungen bei Amsler und Ruthardt bekannt\ngeworden. Einer jungen Künstlerin hat das allen unseren\nKindern so geläufige Lied: Die Hussiten zogen vor Naumburg\neinen dankbaren Stoff geliefert, den sich die deutsche Kunst\n\nHARRISON TOWNSEND AUS DEM ENTWURF ZUR BILDERGALERIE IN WHITECHAPEL FÜR DEN PAN GEZEICHNET"}, {"page_pdf": 94, "page_imprimee": "336", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.94", "texte": "für unsere Kinder nicht entgehen lassen sollte. Man ver-\ngegenwärtige sich den kahlen., abstofsenden Eindruck, den\ndie nackten Wände der Schulzimmer auf uns alle gemacht\nhaben, wie wir uns da fremd und fern vom Elternhause ge-\nfühlt haben; und man denke sich an die Stelle der kalten\nWände eine Reihe einfacher Bilder, die in gemeinverständ-\nlicher Sprache dem Kinde das, was es draufsen täglich sieht,\nnäher rücken, die ihm die einfachen Lieder, die es zu Hause\nlernt, lebendig machen, oder die Erzählungen der Mutter aus\nder biblischen Geschichte wieder ins Gedächtnis rufen. Es\nwird sich nicht mehr fremd fühlen; es wird einen Teil seines\nElternhauses in der Schulstube wiederfinden. Unser reiches\nVolkslied bietet so viele Anregungen. Künstler wie Thoma\nund Steinhausen sollten unseren Kindern ähnliche Geschenke\nmachen.\nEine Aufzählung der Einzelheiten und Erschöpfung der\nverschiedenen Gebiete, die für die Kunst nutzbar gemacht\nworden sind, würde ohne die lebendige Anschauung ermüdend\nwirken. Es kam hier nur darauf an, den Geist zu zeichnen,\naus dem eine solche Bewegung geboren werden kann. Wir\nwollen England gut Glück wünschen auf den Weg und zu\ndem Wettlauf, zu dem es durch das mit elementarer Kraft\nvorgehende Amerika gezwungen wird. Und wir unsererseits\nwollen suchen, unsere eigenen, neuen Wege zu finden.\nEckmann, Hofmann, Köpping, Obrist haben die\nFührung übernommen. Möchte sich auch die starke Hand\nfinden, die die verstreuten Kräfte vereint und zur Macht\nerhebt.\n\nFrhr. E. von Bodenhausen"}, {"page_pdf": 95, "page_imprimee": "n. p.", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.95", "texte": "Titelseiten zu sur perecpuslle of Gales\nWilliam Morris\nWolzschnitz von Burne Jones"}, {"page_pdf": 96, "page_imprimee": "n. p.", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.96", "texte": "TITELSEITEN ZU ROSSETTI\nWILLIAM MORRIS"}, {"page_pdf": 97, "page_imprimee": "337", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.97", "texte": "DAS ENGLISCHE BUCH\n\nINE sachgemäfse, künstlerische Aus-\nstattung des Buches ist im Allgemeinen\nin Deutschland so wenig ausgebildet, dafs\nes gut sein wird, sich zunächst zu fragen,\nwas man vom Buch verlangen soll.\nDas Papier weich und fest; nicht zu\nfweich, um nicht auf der Rückseite den\nEindruck der Type zu zeigen. Eine\nglänzende, glatte Oberfläche ist unangenehm für Auge und\nHand; der Druck erscheint kalt und frostig; die Glanzlichter\nstören beim Lesen. Ein mattes, am besten etwas rauhes Papier\nvon gelblichem Weifs ist für das Auge am wohlthuendsten.\nFür die Type gilt als erster Grundsatz, dafs sie gut leserlich,\nist und dem Ange auf die Dauer nicht weh thut. Die latei-\nnische Type, die auch im deutschen Druck immer weitere\nVerbreitung findet, verdient aus diesem Grunde wegen ihrer\ngrösseren Einfachheit den Vorzug. Sache des individuellen\nGeschmackes wird es sein, dem einzelnen Buchstaben mehr\noder weniger Abwechslung zu geben, was angesichts der\ngleichgültigen und charakterlosen Type, die vorherrscht, be-\nsonders wünschenswert erscheint. Der Drucker sollte\nvor allem neben sorgfältiger Liniierung auf einen regelmäfsi-\ngen Abstand zwischen den einzelnen Buchstaben und den ein-\nzelnen Wörtern sehen. Besonders in letzterer Beziehung wird\nviel gefehlt. Dabei sollten diese Abstände nicht zu grofs\nsein, um die Seite nicht fleckig erscheinen zu lassen. Beson-\ndere Aufmerksamkeit ist darauf zu verwenden, dafs der\nSatzspiegel stets in gleicher Höhe beginnt und auf beiden\nSeiten des aufgeschlagencn Buches gleichmäfsig breite Innen-\nund Aufsenränder freiläfst. Ein Zusammenrücken des Satz-\nspiegels nach der Mitte, so dafs der äufsere Rand etwas breiter\nwird, giebt der Doppelseite ein geschlosseneres Aussehen.\nDer Einband hat den Zweck, die Blätter des Buches zu-\nsammenzuhalten und vor Schmutz und Beschädigung zu be-\nwahren. Er wird daher aus festem Rücken und Deckel\nbestehen müssen. Da von dem Rücken, als von dem Träger\ndes Buches, besondere Haltbarkeit verlangt wird, so läfst sich\nauch bei einfacherem Deckel ein Lederrücken rechtfertigen.\nImmerhin erinnert diese Zwiegestalt, die wir mit Halbfranz\nzu bezeichnen pflegen, recht stark an die Häuser mit prunk-\nvoller Front und ärmlichem Hof. Jedenfalls sollte man die\nVerbindung von Leder und Papier vermeiden. Am besten\nwird es immer sein, nur ein Material in Anwendung zu\nbringen; also entweder Leder oder Leinwand; die Füllung\ndes Deckels natürlich aus steifer Pappe. Den steifen Deckel\nsollte man nur aufgeben für den Pergamentband; und man\nsollte andererseits Pergament nur verwenden ohne Einlage; der\nReiz des Materials liegt in der elastischen Nachgiebigkeit bei\n\nFRIES\nC. J. H. VOYSEY\nFÜR DEN PAN GEZEICHNET"}, {"page_pdf": 98, "page_imprimee": "338", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.98", "texte": "aller Festigkeit. Für die Beschriftung des Bandes gilt vor\nallen Dingen wieder die Regel, dafs die Schrift klar leserlich\nist. Golddruck in einer einfachen, lateinischen Type wird\nmeist die besten Dienste thun. In England sieht man neuer-\ndings zuweilen eine Beschriftung des Rückens, die folgender-\nmafsen aussieht:\nSP E N\nSERS\nFAIR\nI E QJLI\nEENE\nDas mag originell sein; sicherlich ist es sinnlos. Ist der Rücken\nzu schmal, so nehme man eine kleinere Type. Eine Beschrif-\ntung des Deckels, die nicht einen wesentlichen Bestandteil\ndes Ornaments bildet, ist nur für solche Bücher angezeigt, die\nihrer Natur nach bestimmt sind, auf dem Tisch zu liegen.\nFür die Ornamentierung des Bandes lassen sich naturgemäfs\nkeine Regeln aufstellen; hier mufs der Künstler sprechen.\nNur wird darauf hingewiesen werden können, dafs der\nDeckel nicht die Bestimmung hat, eine bildliche Darstellung\ndes Buch-Inhalts zu geben. Und man wird es ferner gern sehen,\nwenn das Ornament in einer fühlbaren Beziehung zum Inhalt\nsteht; wenn z. B. Gottfried Kellers Novellen nicht denselben\nSchmuck tragen, wie ein Kochbuch. Der Binder hat\ndarauf zu achten, dafs seine Bücher gut aufschlagen, dafs es\nnicht wiederholter Kraftanstrengungen bedarf, um ein frisch\ngebundenes Buch zu lesen. Wie man ein Buch aufschlägt,\nso soll es liegen bleiben; wer ein Buch erst vor dem Gebrauch\nauf krachen mufs, sollte es zunächst seinem Buchbinder\nzurücksenden.\nDie praktischen Engländer lieben es nicht, ihre Bücher\nin zerfetztem Zustand zu sehen; und da sie viel lesen, besonders\nwenn sie unterwegs, in der Bahn, im Omnibus sind, daher\nihre Bücher sehr anstrengen, so haben sie nach einem dauer-\nhaften und billigen Einband suchen müssen. So ist der\nLeinenband entstanden, ohne den kein englisches Buch heute\nin die OefFentlichkeit kommt und der dem englischen Buch-\nladen sein charakteristisches Gepräge giebt. Die Vorzüge\ndieses Einbandes sind einleuchtend. Für die meisten Bücher,\ndie ein-, zweimal gelesen werden, um dann auf dem Bücher-\nregal ihren Platz zu finden, genügt der leichte Leinenband\nvollkommen; und er bewahrt das Buch vor dem zerzausten\nAnblick, den die in Deutschland und Frankreich veröffent-\nlichten Bücher nach wenigen Tagen des Gebrauchs gewähren.\nAndrerseits fällt der Preis des billigen Deckels so wenig\nins Gewicht, dafs der Bücherliebhaber, der seine eigenen\nindividuellen Einbände vorzieht, kein Bedenken tragen wird,\nden einfachen Band durch einen kostbareren zu ersetzen. Der\nUmstand, dafs die Bücher nicht aufgeschnitten in den Flandel\nkommen, weist schon auf den beabsichtigten provisorischen\nCharakter des Leinenbandes hin.\nMan sollte glauben, dafs eine Bewegung zu Gunsten einer\nkünstlerischen Ausgestaltung des Buches diesen so verbreite-\nten Leinenband zum Ausgangspunkt habe nehmen müssen;\nthatsächlich hat die Entwicklung einen anderen Weg ein-\ngeschlagen und ist erst auf Umwegen wieder beim Leinenband\nangelangt. Wieder war William Morris die treibende Kraft.\nMorris hielt eine Reform der Buchausstattung von Grund\naus für notwendig; und er ging auf die Anfangsgründe der\nBuchdruckerkunst zurück. In den frühesten Drucken, deren\nTypen sich unmittelbar an den in den Manuscripten ange-\nwandten Schrift-Charakter anschliefsen, sah er seine Vorbilder.\nDie Gutenbergsche Bibel gab ihm die Anregung zu seinen\ngotischen Buchstaben; eine andere Type entwickelte er aus\nden gegen Ende des 15. Jahrhunderts von Nicolas Jenson in\nVenedig hergestellten Drucken, die ihm stets als vollendete\nBeispiele des Buchdrucks vorgeschwebt haben. Die heutigen\nTypen erklärte er ausnahmslos für zu lang; wodurch ihre\nLeserlichkeit leide. Er zeichnete seine Buchstaben in ein\nQuadrat, um ihre Klarheit damit zu erhöhen. Die Anfertigung\neines weichen, dabei widerstandsfähigen Papiers aus unge-\nbleichten Leinenlumpen überwachte er selbst. Der Einband\nist stets gleichmäfsig aus Pergament mit seidenen Bändern;\noder aus blauer Pappe mit lichterem Leinenrücken. Bei dem\nDruck verwandte er die peinlichste Sorgfalt auf den gleich-\nmäfsigen Abstand der Buchstaben und Wörter; und er er-\nreichte damit soweit er seine lateinische Type anwandte\ndafs bei gröfster Deutlichkeit des Druckes der Satzspiegel\nnie fleckig wirkt, vielmehr als einheitliche graue Fläche er-\nscheint. Die reichen Initialen und ornamentalen Rahmen zu\nden Titel- und Anfangsseiten hat er sämtlich selbst gezeichnet,\nzum Teil selbst in Holz geschnitten. Diese Anfangsseiten\numfassen meistens auf der linken Seite des aufgeschlagenen\nBuches in reichem Rahmen den Titel; auf der rechten in ent-\nsprechendem Rahmen den Beginn des Druckes in Kapital-\nBuchstaben. Trotz der künstlerischen Wirkung des Ganzen\nsind diese Anfangsseiten als gänzlich verfehlt zu bezeichnen;\ndie Schrift ist so stark ornamentiert, dafs sie kaum zu ent-\nziffern ist. Und das ist nicht der einzige Einwand gegen seine\nBücher. Seine gotische Type, die er allerdings nur selten\nanwendet, ist schlechterdings unleserlich; man versuche es\nmit einer halben Seite seiner Chaucer-Ausgabe; nach ganz\nkurzer Zeit tanzen und schwirren die Buchstaben, dafs man\n\nAUBREY\nBEARDSLEY\nBUCHDECKEL"}, {"page_pdf": 99, "page_imprimee": "339", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.99", "texte": "die Zeile nicht Festhalten kann. Die Besitzer betrachten sie\ndenn auch als ein Bilderbuch; als ein prachtvolles Bilderbuch\nallerdings, da die von Burne Jones dazu gefertigten Holz-\nschnitte zu seinen besten Werken gehören. Morris ist ferner\nin der Ausstattung des Buchs seinem Princip: dem Volk, der\nMehrzahl, die Kunst wiederzugeben, vollkommen untreu ge-\nworden. Die Ausstattung der Bücher, die peinliche, mühe-\nvolle Arbeit, die darauf verwendet ist, rechtfertigen gewifs\nden hohen Preis. Aber wie klein ist die Zahl derer, die 50 M.\nfür einen Band anlegen können. Nur in Park Lane wird man\ndie Männer finden, die mit treuherzigen Mienen die relative\nBilligkeit der Chaucer-Ausgabe rühmen, deren Preis sich auf\n400 M. beläuft.\nTrotzdem wird ihm die Geschichte der künstlerischen\nEntwicklung des Englischen Buchs eine erste Stelle einräumen\nmüssen. Weil er es war, der die Ausstattung des Buches\nwieder zu einer Wissenschaft und einer Kunst erhoben hat;\nweil er selbst, bei manchen Verstöfsen gegen den praktischen\nGebrauch, Bücher von hoher künstlerischer Vollendung; ee-\n\\ rc i 00\nscharren und weil er damit eine wirksame und erfolgreiche\nAnregung gegeben.\n❖\nNeben ihm ist Cobden Sanderson zu nennen, der sich be-\nsonders um den Einband verdient gemacht hat. Neben einer\nernsten und gründlichen Förderung des technischen Bindens\nhat er besonders auf die Entwickelung des Ornaments für\nden Einband seine Aufmerksamkeit gerichtet. Seine Bände\nsind ausnahmslos in Leder gearbeitet; zur Ornamentierung\nverwendet er nur eine kleine Anzahl gerader und ge-\nschwungener Linien von verschiedener Länge, durch deren\nveränderte Zusammensetzung er sehr reizvolle Erfolge erzielt.\nAuch seine Bände sind indessen nur Liebhabern zugäng-\nlich, Sein Einwand, dafs Niemand mehr als zwei oder\ndrei Bücher zu besitzen brauche, diese demgemäfs kostbar\nausstatten könne, ist für das praktische Leben nicht zu\nbrauchen.\nUnter den Künstlern, die sich mit der Bild-Ausstattung\ndes Buches beschäftigen, gebührt Walter Grane die erste Stelle,\nIn seinen zahlreichen Holzschnitten zu den sechs Bänden von\nSpensers Fairie Queene hat er einen neuen Beweis seiner un-\nerschöpflichen Phantasie gegeben. Ihm dankt auch die Aus-\nstattung des Kinderbuches seine heutige Höhe. Die zahl-\nreichen Zeichnungen und Rahmen, die er dafür geschaffen,\nsind dem Verständnis und der Ideenwelt der Kinder angepafst\nund zeigen dabei eine so hohe künstlerische Vollendung, dafs\nsie gewifs sind, das Kind durch sein Leben zu geleiten und\ndem Mann, bei verfeinertem Verständnis für den künstlerischen\nWert, denselben Genufs zu verschaffen, den sie dem Kind\ngaben. Von Aubrey Beardsley rühren einige Bucheinbände\nund Illustrationen her, die zu den besten neuen Erzeugnissen\ngehören. Meist aber verleitet ihn seine abenteuerliche Phan-\ntasie zu solchen Schrullenhaftigkeiten, daß man versucht ist,\nihn nicht mehr ganz ernst zu nehmen. Diese Schrullen werden\nunerträglich, wenn sie nachgeahmt werden und zur Manier\nausarten; Jung-England huldigt diesem abenteuerlichen Ein-\ntagsgeschmack in bedenklicher Weise.\n❖\nDie gegebenen Anregungen haben immer weitere Kreise\ngezogen, und Verleger, Drucker und Binder gehen auf dem\neinmal betretenen Wege schnell voran. Schon sind die\nDruckereien, die sich mit der Herstellung typographisch\nvollendeter Drucke abgeben, so zahlreich geworden, dafs eine\nAufzählung der Namen ermüden würde. Erwähnung verdient\nnur, dafs die Gilden von London und Birmingham unter\nihren Leitern Ashbee und Clavering auch hierin bemerkens-\nwerte Erfolge erzielt haben. Eine kleine Quart - Monatszeit-\nschrift, die zwei Jahre lang von Clavering herausgegeben\nwurde, „Questcc, kann als Muster typographischer Aus-\nstattung bezeichnet werden.\nUnter den Verlegern nehmen William Heinemann und\nJohn Lane die erste Stelle ein. Bei guter Auswahl des Papiers\nund sorgfältigem Druck der klaren Type haben sie insbe-\nsondere der künstlerischen Ausgestaltung des Leinenbandes\nihre Aufmerksamkeit zugewandt. Das war der entscheidende\nSchritt, der die Kunst im Buche auf die notwendige breite\nBasis stellt. John Lane hat Aubrey Beardsley zu diesem Zweck\nheranzuziehen gewußt; in neuerer Zeit wird er von Patten\nWilson unterstützt. Heinemann ist es gelungen, Whistler\nfür dieses Gebiet zu interessieren und der Deckel, den dieser\nfür die Neu-Ausgabe von Byrons Werken gezeichnet hat,\ngehört zu den einfachsten und zugleich vollendetsten, die\ngeschaffen worden sind. Durch den niedrigen Preis der Bücher,\nder zwischen zwei und sieben Schilling sich bewegt, haben\nsie diesen eine weite Verbreitung gesichert; sie sind als die\neigentlichen Arbeiter im Morris’schen Sinne anzusehen.\n$\nDie von Bing in Paris im Sommer 1896 veranstaltete\nBuch-Ausstellung hat gezeigt, daß Deutschland eines der\nwenigen Länder ist, in dem von einer Kunst in der Buch-\nAusstattung noch keine Rede ist. Einige Einbanddecken von\n\nLAURENCE HOUSMAN BUCHDECKEL"}, {"page_pdf": 100, "page_imprimee": "340", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.100", "texte": "Eckmann und Heine machten eine rühmliche Ausnahme.\nAn dem Vorhandensein der geeigneten künstlerischen Kräfte\nist nicht zu zweifeln. Es fehlt also wieder nur an denen,\ndie diese Kräfte nutzbar zu machen wissen. Die Bedingungen\nsind durchaus günstig in Deutschland. Die Technik des\nDrucks, wie er in den führenden, grofsen Druckereien gehand-\nhabt wird, ist vollendet. Die Cliches werden in Deutschland\nnahezu für die ganze Welt gearbeitet. Ein einziger Verleger\nmit abgeklärtem künstlerischen Geschmacke, der die vorhan-\ndenen Faktoren zu nutzen und den künstlerischen Kräften die\ngeeignete Bethätigung zu verschaffen wüfste, könnte in\nwenigen Jahren den Geschmack auf diesem Gebiet reformieren\nund uns den so fehlenden Charakter des deutschen Buches\ngeben. Es bleibt zu hoffen, dafs sich dieser Mann findet.\n\nFrhr. E. von Bodenhausen\n\nZEICHNUNG\nFÜR KINDERBUCH\nWALTER CRANE"}, {"page_pdf": 101, "page_imprimee": "n. p.", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.101", "texte": "KÜSTENLANDSCHAFT\nPENNELL\nORIGINALLITHOGRAPHIE PAN II 4."}, {"page_pdf": 103, "page_imprimee": "341", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.103", "texte": "ZEITGENOESSISCHE ENGLISCHE NOVELLISTEN\n\nEI jedem Volke ist es eine oft beobachtete\n1 Thatsache, dafs auf eine Zeit ungewöhn-\nj lieber poetischer Gröfse eine Zeit der\nReaktion folgt, die wie ein Ausruhen\nerscheint und in der nur Werke ge-\n| schaffen werden, die sich kaum mit\ndenen der vorausgegangenen Epoche\n•/vergleichen lassen.\nDas Zeitalter Pope’s, welches auf\ndas Shakespeares, Spencers und Miltons folgte, ist ein Be-\nweis dafür, und es könnte mitunter scheinen, als ob sich\ndie englische Litteratur selbst heute noch nicht ganz von dem\nRückschlag erholt hätte, der auf den Tod von Keats im\nJahr 1821 folgte.\nWohl sind in Tennyson und Browning Poeten erstanden,\ndie es verdienen, ihren berühmten Vorgängern an die Seite\ngestellt zu werden; aber es waren Stimmen in der Wüste,\nund sie haben nur dazu beigetragen, die sonstige Stille noch\nfühlbarer zu machen. Allerdings hat auch der allgemeine\nGeschmack in Bezug auf Litteratur seit Beginn dieses Jahr-\nhunderts eine grofse Wandlung erlitten. Man wendet sich\nan die Dichtkunst nicht mehr als an eine Vermittlerin von\nLebensanschauungen und der Dichter selbst spricht nicht\nmehr in hohen Liedern und Gesängen sondern bedient\nsich der novellistischen Erzählung. Unsere Zeit ist eine Zeit\ndes Ueberganges mit halb vergessenem Ausgangspunkt und\nvöllig dunklem Endziel. Geistige Rastlosigkeit, soziale Un-\nzufriedenheit, politische Wirrnisse sind die hauptsächlichsten\nWorte, mit denen die Welt von heute sich selbst zu\ncharakterisieren pflegt. Und man sollte meinen, dafs in einer\nderart mit Ideen gesättigten Zeit auch die Poesie gedeihen\nund Dichter in Fülle vorhanden sein müfsten. In Wirklich-\nkeit aber verhält es sich anders. Die Felder stehen wohl in\nFrucht, der Schnitter aber sind nur wenige. Der letzte grofse\nDichter starb in Tennyson, und sein Nachfolger ist noch nicht\nerstanden. Und so kommt es, dafs wir uns zu den Novellisten\nwenden müssen, um die „Kritik des Lebens“ zu finden, die nach\nMatthew Arnold’s Dictum den Hauptinhalt der Dichtung\nabgibt, und die Auffassung des Lebens, welche der heute\ndenkende Mensch von seinen litterarischen Zeitgenossen zu\nerwarten scheint. Aber auf die Frage, ob die Erzählung heut-\nzutage diese Aufgabe in der That erfüllt, mufs eine vor-\nsichtige Antwort gegeben werden.\nVon den fünf bedeutendsten englischen Novellisten:\nMeredith, Hardy, Stevenson, Kipling und Barrie bejaht sie\nder eine, während die anderen den Roman nicht als Dich-\ngelten lassen, falls er nicht philosophisch ausgereift\nist. Diese Ausnahme bildet Meredith, und doch geben die\nanderen, wenn auch unbewufst und nur halb angedeutet,\ndie gleichen Gefühle und Stimmungen, so dass dies gewisser-\nmafsen als eine ungewollte Kritik gegen sie gelten kann.\nVon den fünf erwähnten Novellisten vertritt jeder eine\nbestimmte Richtung: Meredith die des psychologisch-ana-\nlytischen Romans, Stevenson die des romantischen, während\nHardy hauptsächlich Schilderer des englischen Landlebens ist,\nKipling und Barrie dagegen die anerkannt besten Meister der\nkurzen Erzählung. Der erstere nimmt seine Stoffe aus dem\nLeben der verschiedensten Klassen der verschiedensten Länder,\nder letztere aus dem Volksleben ganz bestimmter Distrikte\nSchottlands.\nStevenson ist der grösste in Bezug auf künstlerische Ge-\nstaltungskraft, Meredith der bedeutendste nach der Seite des\nIntellekts; ihm also gebührt der Ehrenplatz unter den zeit-\ngenössischen Novellisten Englands. Er steht jedoch der ganzen\nmodernen litterarischen Bewegung so fern, dafs er wie in\nolympischer Höhe über seinen Zeitgenossen zu thronen scheint.\nMan weifs verhältnismäfsig wenig von Meredith’s Leben,\nals ob er nicht liebe, es in die Oeffentlichkeit gezerrt zu sehen.\n1828 geboren, wurde er einige Zeit in der Knabenanstalt\nder Brüdergemeinde zu Neuwied a. Rh. erzogen und später\n\nFLÖTENDER FAUN\nBRUCE PORTER"}, {"page_pdf": 104, "page_imprimee": "342", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.104", "texte": "für das Studium der Rechte bestimmt. Gar bald aber flüchtete\ner voll Widerwillen gegen den Aktenstaub nach Italien, wo\ner sich der Litteratur widmete. Die erste Frucht seiner Ar-\nbeiten war ein Band Gedichte (1851), der die allgemeine\nAufmerksamkeit auf ihn zog, und seitdem liefs er mit ziem-\nlicher Regelmäfsigkeit immer neue Werke folgen.\nIm Jahre 1856 erschien cThe shaving of Shapgat’, eine\ngrofsartige Parodie auf die cArabian Nights Entertainment’,\nund im nächsten Jahre cFarina, a Legend of Cologne’, zwei\nJahre später die beste Novelle seiner Jugendjahre cThe Ordeal\nof Richard Feverel’, heute noch eines seiner beliebtesten Werke.\nEr schildert darin in vortrefflichster Weise die mifsglückte\nErziehung, mit der ein excentrischer Baronet seinen einzigen\nSohn zu einem Muster vollkommenster Männlichkeit heran-\nzubilden versucht. Das Buch enthält eine Fülle an Witz und\nSchönheit und einige der besten Charakterzeichnungen, die\ndem Autor jemals gelangen. Es verdankt seine Beliebtheit\nnicht nur dem allgemein menschlichen Moment, sondern\nauch dem Umstand, dafs sein Stil dem Leser weniger Schwierig-\nkeiten bietet, als irgend ein anderes Werk Merediths. Von\nseinen späteren Werken seien erwähnt: cThe Egoist’ (sein\nMeisterwerk, 1879), The Tragic Comedians, a study in a\nwell known Story (Lassalle und Helene von Donniges, 1880)\nund cPoems and Lyrics of the Joy of Life’ (1883), cßallads\nand Poems of Tragic Life’ (1887) und c A Reading of Life’\n(1888).\nMeredith’s Leben ist nichts weniger als leicht gewesen.\nEr wandte sich der Litteratur zu in vollem Glauben, dazu\nberufen zu sein; aber er hatte lange unter der Mifsachtung\nund Verkennung des Publikums zu leiden, bis es ihm gelang,\nInteresse und Verständnis an seinem Schaffen zu erwecken.\nJetzt erst in seinem Alter findet er die verdiente Anerkennung,\nund die langen Jahre seines Harrens tragen endlich Frucht.\nDie Kritik ist auf seiner Seite und begrüfst jedes seiner Werke\nmit Hochachtung, und obgleich diese wohl niemals für die\ngrofse Masse sein werden, so steht doch fest, dafs die Zahl\ndenkender Männer und Frauen, die an ihnen Geschmack\nfindet, von Jahr zu Jahr wächst, und dafs sein Stil und seine\nKunstprinzipien einen unleugbaren Einflufs auf die Jüngeren\nseiner Zeitgenossen aus üben.\nSeine Theorieen sind sehr streng. Der Roman hat ein\nhöheres Ziel, als den geneigten Leser nach einer Mahlzeit\nin Schlummer zu wiegen, und mufs einen Gedankeninhalt\nhaben, um auch zum Denken anzuregen. Vor allem soll der\nNovellist von jeder Künstelei lassen, der Welt voll ins Gesicht\nsehen und Menschen von Fleisch und Blut geben, keine Holz-\npuppen, die nur nach seiner Pfeife tanzen. Er verlangt, dass\neine bestimmte Lebensauffassung zum Ausdruck komme,\nHand in Hand mit philosophischer Durchbildung. Alles\nForderungen, die uns zu Ausgang des Jahrhunderts längst\nschon als völlig selbstverständlich erscheinen.\nIn seinen Werken fällt vor allen Dingen der Humor auf.\nEr selbst sagt darüber:\n“ Comedy is a game played to throw reflections upon\nsocial life and it deais with human nature in the drawing-\nroom of civilized men and women where we have no\ndust of the struggling outer world, no mire, no violent\ncrashes to make the correctness of the representation\nconvincing.’’\n“ Comedy it is who proposes the correcting of pre-\ntentiousness, of Inflation, of dulness and of the vestiges\nof rawness and grossness tobe found among us.”\nFerner:\n“In Comedy is the singulär scene of charity issuing\nof disdain under the stroke of honourable laughter, an\nAriel released by Prosperos wand from the fetters of the\ndamned witch Sycorax.” Laughter, then, is the medicine\nwherewith he would purge mankind of its sickly or evil\nhumours, of which Sentimentality is the least and Egoism\nthe greatest. cPersecute affectation that honest emotion\nmay thrive’.\nDer Autor selbst bleibt bei ihm ganz im Hintergrund.\nEr bringt seine Personen in gewisse Beziehungen zu einander\nund läfst sie sich ihr Schicksal daraus schaffen. Das Wie\naber ist so fein, dafs der Leser seine ganze Intelligenz auf-\nbieten mufs, um es zu fassen. Seine Darstellung von Heuchelei\nund Egoismus weckt jenes stille innere Lachen, das der beste\nLohn an die komische Muse bleibt. Die seelische Entwickelung\nzu zeigen ist Meredith’s vornehmstes Bestreben, um die äufsere\nWelt kümmert er sich nur insofern, als sie diese Entwicke-\nlung verzögert oder beschleunigt. Er wertet viele alte Worte\nzu neuen Bedeutungen um. Er folgt den feinsten Schwingungen\nder Seele und des Gefühls, und ein sicherer Instinkt lässt\nihn immer den richtigen Ausdruck finden. Plötzlich aber\nbeginnt er derart in Metaphern zu schwelgen dafs der\nUnbefangene völlig verwirrt wird. Sein ganzes Denken ist\nübervoll an Ideen, Phantasieen und Bildern, die er nieder-\nschreibt, mitunter ohne ihre Beziehungen nnd Zusammen-\nhänge klar zu legen. Hieraus erwuchs ihm der Vorwurf, dafs\nsein Stil dunkel sei. Dieser Vorwurf ist in mancher Hin-\nsicht wohl berechtigt ; dennoch aber entzückt das Studium\nseiner Werke immer aufs Neue.\nEs ist sehr schwer, Meredith’s Steilung innerhalb der\nheutigen litterarischen Bewegung zu bestimmen. Er beein-\nflufst seine Zeitgenossen, steht ihnen dabei jedoch, wie schon\nerwähnt, so fern, dafs er seinerseits nicht das Geringste von\nihnen zurückerhält.\nAuf seinem eigensten Gebiet, auf dem der menschlichen\nSeele, ist er ein unerbittlicher Realist, dem sich keine Falte\nverschliefst und der stets die Wahrheit sagt. Aber gerade\ninfolge dieser seiner psychologisierenden Neigung kümmert\ner sich um die Aeufserlichkeiten des Lebens wenig und um\ndie Alltäglichkeiten des Daseins überhaupt nicht und damit\nhängt auch die Vorliebe zusammen, seine Personen einen\nhohen Rang bekleiden zu lassen, so dafs sie stets Zeit\nund Mufse haben. Nichts liegt ihm dabei aber ferner,\nals die problematische Novelle, und er hat weit weniger\nInteresse für die Ansichten und Meinungen der Menschen,\nals für ihre Empfindungen und für ihr Verhalten anderen\ngegenüber. Zwei Momente jedoch sind in seinen Werken\nbesonders deutlich ausgeprägt; ein unzerstörbarer Optimis-\nmus und ein ritterliches Eintreten für die Frau wider die\nTyrannei des Mannes.\nEr besitzt um das Gesagte kurz zusammenzufassen\nwie alle grofsen Novellisten eine naive Freude am Leben, die\nMacht zum Lachen zu reizen und zu Thränen zu rühren,\nWitz und Phantasie, überzeugende Darstellungskraft, aufser-\ndem aber eine geklärte Lebensauffassung sowie Glauben an\nden reinigenden Wert der Satire, und weifs, dafs die Kunst\ndes Novellenschreibens die ganze Kraft eines Autors erfordert."}, {"page_pdf": 105, "page_imprimee": "343", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.105", "texte": "11.\nEin Blick auf die andern zu Eingang erwähnten Schrift-\nsteller zeigt die zwei an Umfang bedeutendsten Richtungen der\nzeitgenössischen englischen Dichtung: die der Rückkehr zum\nRoman und die des Emporblühens der sogenannten 'Literature\nof Locality. Während jene auf den verstorbenen Robert\nLouis Stevenson zurückgeht, beginnt diese gleichfalls mit\neinem Schotten: J. M, Barrie. Der erstere sei hier zunächst\nerwähnt, nicht nur wegen der wesentlichen Verdienste seiner\nWerke, sondern auch wegen des grofsen Einflusses, den er\nauf seine Zeitgenossen ausübte.\nStevenson wurde in Edinburg im Jahre 1854 als Sohn\nwohlhabender Eltern geboren und absolvierte in üblicher\nWeise die Universität seiner Vaterstadt. Er sollte wie sein\nVater Ingenieur werden, erzwang sich aber schliefslich die\nErlaubnis, für das Scots Bar Vorträge zu halten. Jedoch blieb es\num seine Römische-Rechts-Wissenschaft allezeit zweifelhaft\nbestellt. Er trat in sein Mannesalter zu einer Epoche, da das Ge-\nbiet der romantischen Novelle so gut wie brach lag. Die grofsen\nNovellisten der mittleren Victorianischen Zeit waren auf der\nHöhe ihrer Popularität, und niemand hatte Interesse an\nRomantik, bis Stevenson sie einführte. Er war schon acht\nJahre literarisch thätig gewesen, als er nach einigen sehr an-\nziehenden Essays das köstliche Buch 'Travels with a Donkey in\nthe Cevennes’ schrieb, das ihm warme Anerkennung erwarb,\nwenn auch vielleicht mehr von Seiten der Kritik als von\nSeiten des grofsen Publikums. Seine Zeit kam, als er infolge\neines Auftrags seine Erzählung 'Treasure Island’ in einer\nJugendzeitschrift veröffentlichte. Aber erst ihr Erscheinen in\nBuchform rief bei Kritik und Publikum allgemeinen En-\nthusiasmus hervor. Er verlieh darin durch seinen eigenartigen\nStil der romantischen Novelle eine für seine Zeit völlig neue\nund bedeutende Prägung. Noch berühmter jedoch wurde\nsein Name durch einen zwölf Jahre später folgenden psycho-\nlogisch-analytischen Roman: cDr. Jekyll & Mr. Hyde.’ Er\nbehandelt die Geschichte eines Mannes, der sich in ein Wesen\nanderer Natur zu verwandeln versteht. Im gewöhnlichen\nLeben ein geachteter Arzt, ist er nach seiner Umwandlung\nVerbrecher und Mörder, während gleichzeitig jedoch seine\nIndividualität und sein Erinnerungsvermögen unbeeinflufst\nbleiben. Die Darstellung dieses Gemütszustandes ist ganz\nausgezeichnet. In seinen späteren Büchern kehrt Stevenson\nzum eigentlichen Roman zurück, und die hochbedeutsamen\nNovellen 'Kidnapped’ und cThe Master of Ballantrae’ be-\nweisen aufs neue sein grofses Können.\nEs scheint vor allem die unmittelbare Naturfrische zu\nsein, sein naives Entzücken an der äufseren Form der Dinge,\nwas an seinen Dichtungen fesselt. Ihm endlich ging einmal\nHandlung über Reflexion, ihm endlich war einmal das Leben\na pageant not a pilgrimage und adventure the salt of existence.\nFür die Jugend war dies, da es ihrem eigenen Empfinden ent-\nsprach, ohne weiteres das Richtige; die Erwachsenen aber\nentzückte er damit, da er ihnen die eigene Jugendzeit zurück-\nzauberte und sie die politischen Aergernisse und die schlechten\nZeiten vergessen liefs. Den kritischen Leser dagegen zwang\nseine Erzählungskunst, die Charakterschilderung und die un-\nvergleichliche Feinheit des Stiles zu einer ebenso unwillkür-\nlichen wie einmütigen Bewunderung. Und diesem seinem\nStile verdankt Stevenson in der That seine Stellung in der eng-\nlischen Litteratur, so sonderbar gemischt er auch ist, wie\nz. B. in: cThe sundry contemplation of his travels.’\nIn einem reizenden Kapitel erzählt er darin, wie er, während\ndie Eltern ihn seiner unverbesserlichen Faulheit wegen schalten,\nsich im Geheimen bemühte, es allen berühmten Prosadichtern\nseiner Zeit nachzuthun. Zuerst versuchte er Bunyan zu\nkopieren, später dann wieder die Schreibweise de Quincy’s\noder Scott’s oder Sir Thomas Browne’s, und obwohl er sich\nendlich von diesen Nachahmungen frei gemacht und einen\neigenen Stil bildete, verrät dieser doch deutlich überall seinen\nUrsprung. Er meidet die konventionellen Phrasen wie die\nPest, und mag ein Gedanke noch so alltäglich sein, der Aus-\ndruck, den er dafür findet, bewahrt ihn davor, banal zu\nwerden. Aber nicht nur sein dichterisches Können ist hier\nam vollendetsten, auch sein liebenswürdiger Charakter ge-\nlangt hier zum reinsten Ausdruck, so dafs der Litteratur-\nfreund immer wieder auf diese Essays als auf seine besten\nWerke zurückgreift, zumal auch die romantische Erzählung\neigentlich kaum seines Talentes würdig war und obgleich\ner in seinem posthumen Fragment cWeir of Hermiston’ eine\ngrofsartige tragische Kraft entfaltet. Sie enthalten nicht nur\nseine liebenswürdige und gütige Lebensauffassung, seine An-\nschauungen über Kunst, seine bewunderungswürdigen kriti-\nschen Bemerkungen, sondern zeugen auch von seiner un-\nauslöschlichen Liebe für Schottland und schottische Dinge.\nMan lernt aus jeder seiner Sympathien und Antipathien, man\nhört ihn mit überlegener Milde über Leben und Menschheit\nmoralisieren, teilt seinen Enthusiasmus und glaubt den Plaude-\nreien eines Freundes im Zwielicht zu lauschen. In der ge-\nwöhnlichen Sprechweise dürfte diese Plauderei trivial genug\nklingen, aber in seine goldenen Worte gekleidet erfreut sie\ndas Herz wie Sonnenschein.\nTrotz dem Allem findet aber auch der historische Roman\nzur Zeit grofsen Anklang, und eine Anzahl beliebter Schrift-\nsteller wie Conan-Doyle, Stanley-Weyman oder S. R.\nCrockett, obgleich ihre Werke nicht von grofser literarischer\nWichtigkeit sind, verdanken ihm ihre Popularität.\nDie Richtung, dießarrie vertritt, verliert immer mehr an\nEinflufs, obgleich sie zur Zeit noch die meisten Anhänger\nzählt. Barrie selbst, der mit jedem neuen Werk mehr an Be-\ndeutung gewinnt, hat sich, obwohl er mit ihr grofs wurde,\nbereits von ihr getrennt.\nSeine erste litterarische Arbeit war eine Sammlung von\nSkizzen über das Leben der schottischen Geistlichen, die er\nfür cThe British Weekly’, eine religiöse Zeitung, geschrieben\nhatte und die sofort die Aufmerksamkeit auf ihn lenkte. Im\nJahre 1888 folgte dann cAuld Licht-Idylls’, ein Band be-\nwunderungswürdiger, kurzer Erzählungen des schlichten\nschottischen Lebens, und wiederum war es ein grofser Erfolg,\ndenn es gelang ihm, damit einen neuen typischen Charakter\nzu schaffen, und zwar den des schottischen Arbeiters der\nniedersten Klasse, mit dem Dialekt eines bestimmten schotti-\nschen Distrikts, und zugleich auch eine neue Erzählungs-\nart, originell durch ihre Kleinmalerei. Die Geschichten\nsind mit aufserordentlichem Geschick geschrieben, teils\nhumoristisch, teils pathetisch, doch immer von unverkenn-\nbarer Genialität. 1889 folgte c The Window in Thrums’,\ndas in derselben Gegend spielt, dieselben Charaktere schildert,\nund einen ähnlichen Erfolg errang. Nun begann die übliche\nHochflut der Nachahmungen und einige Zeit regnete es"}, {"page_pdf": 106, "page_imprimee": "344", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.106", "texte": "förmlich kurze Dialekt-Erzählungen und besonders schotti-\nschen Inhalts. Diese Bewegung verpflanzte sich nach England,\nund Quiller Couch wurde (unter dem Pseudonym für\nCornwall, was Barric für Forfarshire war. Und nun\nplötzlich erinnerte man sich auch, dafs ein anderer Schrift-\nsteller, Hardy, schon seit Jahren sich dem Studium einer ein-\nzelnen Grafschaft gewidmet hatte. Gegenwärtig freilich ist\nder Sinn für Idyllen schon wieder im Schwinden begriffen, wie\nauch Barrie selbst schon wieder auf anderem Gebiete thätig\nist. Seine zweite umfangreichere Novelle (the little Mi-\nnister, vom Jahre ißpi, errang keinen Erfolg) erscheint\naugenblicklich in einer amerikanischen Zeitschrift und zeigt\ndie merkwürdigsten Spuren von Meredith’s Einfluss. Der\nStil, die Art der Charakterschilderung, die dramatische\nSpannung, die ganze Stimmung erinnert deutlich an den\nälteren Schriftsteller. Das unterscheidende Merkmal besteht\nnur im schottischen Dialekt und in der Schilderung schlichter\nMenschen.\nHardy hat in stofflicher Hinsicht viel Aehnlichkeit mit\nBarrie, hat aber die herkömmliche Form des Romans bei-\nbehalten. Es sind bäuerliche Typen, die er zeichnet, mit\nunverfälschtem Dialekt, aber von Kleinmalerei keine Spur.\nEr ist so überreich an Handlung, dafs er sich nicht darum\nkümmert, seine Charaktere künstlerisch zu vertiefen.\nTrotz diesen Gegensätzen muss er doch in Bezug auf\nintellektuelles Können Meredith gleichgestellt werden. Beide\nhaben ihre Lebensauffassung, aber während Meredith Opti-\nmist, ist Hardy Pessimist. Der eine hat ein Auge für geistige,\nder andere für sinnliche Schönheit, und während Hardy für\nHumor kaum ein Verständnis hat, überrascht Meredith durch\nsprühende Redewendungen und\ngeistvoll hingeworfene Para-\ndoxa. Hardy ist der Objek-\ntivere und der Realist, der die\nTragödie des Lebens tief em-\npfindet und sich namentlich in\nseinen letzten Werken gegen\ndie widerliche Ungerechtigkeit\ndes Daseins auflehnt, am deut-\nlichsten in ‘Tess of the d’Uber-\nvilles’, welcher iBpi erschien.\nWer die blofse Stimmung\neines Buches und seine Milieu-\nschilderung, vom Inhalt völlig\nabgesehen, überhaupt gelten\nläfst, mufs dies für ein Meister-\nwerk erklären. Die Heldin\nist ein Landmädchen, das in\nseiner Jugend verführt und\nspäter an einen Mann verheiratet\nwird, der ihre Vergangenheit\nnicht kennt. Er verlässt sie,\nals er die Wahrheit erfährt.\nSie trifft dann ihren Verführer\nwieder und unterliegt ihm auf’s\nNeue, während ihr Gatte,\nseine Härte bereuend, zurück-\nkehrt. Als sie sieht, dafs dieser\nsie noch immer liebt, erfafst\nsie ein solcher Hafs gegen ihren\nVerführer, dafs sie zur Mörderin wird. Das Buch hat Fehler,\ndie selbst der begeistertste Bewunderer zugeben mufs, aber\nseine Schönheiten entschädigen für alle Schattenseiten. Die\nSinnlichkeit, die darin zum Ausdruck kommt, die Kraft der\nNaturschilderungen, die leise Unterströmung einer Trauer\nüber die Trübseligkeit des Lebens und über die Hilflosigkeit\ndes Menschen seinem Geschick gegenüber, sind die Momente,\ndie seinen Erfolg begründet haben.\n$\nRudyard Kipling, den wir noch nennen müssen, ist der\nerwähnenswerteste der jüngeren englischen Schriftsteller. Er\nlebte viele Jahre in Indien, ist da weit und mit offenen Augen\numhergereist und kann wiedergeben, was er sieht. Obwohl\nkaum erst dreifsig Jahre, hat er doch schon eine reiche An-\nzahl von Werken geschaffen, wie namentlich: Mulvany,\nOrtheris und Learoyd, die Helden von Soldiers Three.\nEr ist Meister in der Kunst kurzer Erzählungen aus dem\nanglo-indischen Leben und erweist sich in cßarrack-Room\nBallads’, in dem das Soldatenleben behandelt wird, auch als\nwirklicher Dichter.\nAls Novellist ist er am bedeutendsten in cThe Drums of\nthe Fore and Aft’, cThe man who would be king’ und cThe\nDisturber of Traffic’. Das erste schildert mit beinahe drama-\ntischer Spannung, wie die Trommler, alle fast noch Knaben,\ndas vor den Afghanen fliehende Regiment mit dem Lied der\n„Britischen Grenadierecc zu Kampf und Sieg zurücktrommeln,\ndas eigene Leben in die Schanze schlagend. Die zweite Ge-\nschichte handelt von einem\nMann., der in einem unbekann-\nten Gebirgsgebiet Indiens von\nden Eingeborenen als gött-\nliches Wesen verehrt und zum\nKönig gemacht wird. cThe\nDisturber of Traffic’ schildert\neinen Leuchtturmwärter, der\ndurch den steten Anblick der\num den Leuchtturm rauschen-\nden Wasserwirbel dem Wahn-\nsinn verfällt.\n$\nAus dem Gesagten ergibt\nsich, dafs die Zahl hervor-\nragender Dichter früher wohl\neine gröfsere war, dafs aber\nauch das gegenwärtige Eng-\nland namentlich in Meredith,\nHardy und Stevenson literar-\nische Gröfsen besitzt, die wohl\nverdienen, ihren Vorgängern\nebenbürtig genannt zu werden.\n\nArchibald Charteris"}, {"page_pdf": 107, "page_imprimee": "n. p.", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.107", "texte": "TITELSEITEN ZU FRINGILLA\nWILLIAM BRADLEY"}, {"page_pdf": 109, "page_imprimee": "345", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.109", "texte": "AMERIKA NISCHE CHAPBOOKS\n\nSeit etwa drei Jahren erscheinen in den gröfseren Städten\nNord-Amerikas billige Halbmonatsschriften kleinen Formates,\nin denen junge Schriftsteller und Künstler einen neuen Ton\nanzuschlagen sich bemühen. Von dieser Bewegung Kenntnis\nzu nehmen verlohnt sich schon deshalb, weil die amerikanische\nSpielart der Modernität zur allgemeinen Naturgeschichte\n„Neuester“ und „Jüngster“ eine eigenartige Ergänzung bildet.\nMan könnte diese Taschen-Magazine ihrer Tendenz nach\nals cperiodicals of protest’ bezeichnen wie sich das eine\nvon ihnen cThe Philistine’ selbst benennt denn die besten\nunter ihnen werden von dem ernsthaften Wunsche geleitet,\nder gedankenlosen vulgären Sensationslust durch Kritik und\nselbständige künstlerische Beiträge entgegenzuwirken.\nDas cChap-Book’ eröffnete den Reigen der „Kobold-\nLitteratur“ im Mai 1894. Zwei junge Harvard-graduates\nHerbert S. Stone und H. J. Kimball waren die Herausgeber,\ndenen sich Bliss Carman, ein moderner amerikanischer Ro-\nmantiker, als Redakteur zugesellte, bis Stone und Kimball im\nAugust 1894 von Boston nach Chicago übersiedelten. Seit\nApril 1896 ist Mr. Stone, welcher der Zeitschrift eine etwas\nveränderte Richtung gegeben hat und deren Umfang und den\nPreis auf das Doppelte erhöhte (10 Cents die Nummer oder\n2 Dollar jährlich), der alleinige Leiter.\nDas e Chap-Book’ markierte bei seinem Erscheinen äufser-\nlich das billige Volksbuch der guten alten Zeit, wie es der\nfahrende englische Kaufmann den biederen Leuten auf dem\nLande als neueste Lektüre mitbrachte*). Indessen will diese\nNaivität des Auftretens nicht recht zu dem Inhalt des Chap-\nBook von Chicago passen; von derber Hausmannskost ist wenig\nzu finden: man rechnet im Gegenteil auf Feinschmecker, die\ndie besten Küchen von Paris und London gewohnt sind, und\nso lange Kaviar noch nicht als selbstverständlicher Bestand-\nteil amerikanischer Volksernährung gilt, wird man den Inhalt\ndes Chap-Book nur zum geringsten Teil als volkstümlich be-\nzeichnen können. Das Chap-Book will sogar nur in be-\ngrenztem Sinne amerikanisch sein, da sein Hauptaugenmerk\ndarauf gerichtet ist, seinen Leserkreis mit dem Modernsten\nin Kosmopolis in Berührung zu bringen.\nEine Reihe bekannter englischer und französischer Schrift-\nsteller von neuer deutscher Kunst weifs das Chap-Book noch\nnicht viel geben feinsinnige Analysen oder dichterische\nBeiträge. Anatole France z. B. referiert über Paul Verlaine,\nund neben den poetischen Schöpfungen der Jungen Amerikas\nKenneth Grahame, Gilbert Parker, Bliss Carman finden wir\nDichtungen von R. L. Stevenson, Henry James und W. Sharp,\nder auch gelegentlich die Schriftsteller der ccßelgischen Re-\nnaissance” bespricht.\nDas ganze Pantheon fin de siede wird kritisch durch-\nleuchtet: Trilby, die buntschillernde Eintagsfliege, Beardsley,\nWilde neben Maeterlinck, R. L. Stevenson und Ibsen.\nWährend die typographische Ausstattung sehr geschmack-\nvoll ist, sind die künstlerischen Beiträge, soweit sie von\nAmerikanern herrühren, abgesehen von den Anzeigeplakaten\nBradley’s, der schwächste Teil; von ausländischen Künstlern\nträgt Valloton Porträts von Zola und Mallarme bei.\nDie Gefahr, ein weichlich anempfindendes Taschenmagazin\nder literarischen Mode zu werden, vermeidet das Chap-Book\ndadurch, dass es gelegentlich den Modernen das Wort zu scharfer\nSelbstkritik gibt: so eifern Hamilton W. Mable (one word\nmore) und Norman Hapgood (the intellectual Parvenü)\n\n*)•\n*) Vgl. John Ashton’s Essai über Chap-Books im Ch. B. 111."}, {"page_pdf": 110, "page_imprimee": "346", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.110", "texte": "schonungslos und treffend gegen decadenten Manierismus.\nEin anderes starkes Gegengewicht gegen gesuchte Mo-\ndernität gibt das echt amerikanische Kunstwerk der cshort\nstory’, von denen eine Reihe von Frauen geschrieben ist.\nMan gewinnt dabei den Eindruck, dafs die amerikanische\nFrau, welche durch das scharfe Tempo des Milieus davor\nbewahrt wird, seelische Feinfühligkeit in breite Sentimen-\ntalität ausfliessen zu lassen, für die Erfassung und Wieder-\ngabe des psychologischen Augenblicksbildes besondere Be-\ngabung besitzt.\nSo zum Beispiel geben Katherine Bates, Alice Brown,\nund Maria Louise Pool solche Bilder aus dem Kleinleben\nin der Stadt und auf dem Lande, die dem europäischen\nLeser durch, die künstlerisch abgewogene Mischung von\nErnst und Heiterkeit, verbunden mit scharfem Blick für das\nEinzelne und Wirkliche, eine besonders anziehende Gattung\nder Erzählungslitteratur erschliefsen.\nDas cChap-Book’ führt jetzt den Untertitel: c A miscellany\nand Review of Beiles Lettres’; es hat die leichtsinnigen\nManieren des Bohemien abgestreift und ersetzt, was es dabei\nan anspruchsloser Grazie verloren hat, durch ernsthafte Be-\ndeutsamkeit als nervöses kritisches Organ, das die Sensationen\ndes Augenblicks einerseits lebhaft empfindet und andrerseits\ndie Fähigkeit zur Analyse und Kritik derselben von sich und\nseinen Lesern verlangt.\nNachdem das Chap-Book Mode geworden war, schossen\ndie kleinen Zeitschriften wie Pilze aus dem Boden, meistens,\nwie diese, sehr bunt, aber ungeniefsbar. Sie sind, wenn man\nvon einzelnen, wie z. B. cThe Philistine’, absieht, nur affektierte\nNachahmung des Chap-Books*).\nNur eines dieser Magazine kann auf selbständige Bedeu-\ntung Anspruch erheben, cThe Lark’ (Die Lerche). Sie erschien\ngerade ein Jahr später als das Chap-Book (Mai 1895) im\nVerlage von W. Doxey in San Francisco.\nDie Begründer und Leiter sind zwei junge kalifornische\nKünstler, Gelett Burgess und Bruce Porter, die sich beide als\nechte Humoristen in dem Gefühl zusammenfanden , dafs die\nkleinlichen Interessen des Augenblicks selbst im goldsuchenden\nKalifornien nicht das Recht haben, die menschliche Seele in\ndumpfem Bann zu halten.\nGelett Burgess birgt unter der Maske des pointierten\nSpötters und Karikaturisten die natürliche Empfänglichkeit\neines Studenten auf Ferien, der bald „ Stumpfsinnsliedercc zum\nBesten gibt, oder mit „Vivette“, seiner zierlichen Muse aus\ndem Quartier latin, im amüsanten Zwiegespräche künstlerische\nThaten plant, bald auch, wenn der Himmel bewölkt ist, für\ndie kleinen Freuden und Leiden des Menschenherzens zärt-\nlichen poetischen Ausdruck findet.\nVon Gelett Burgess’ originellen Karikaturen, die uns zu-\nnächst freilich seltsam berühren, geben die c Elliptical Wheels’\neine Probe; von ihm stammt auch das Titelblatt zur ersten\nNummer und die kleine Vignette, in der sich Schnellzug,\nTelegraphenstangen und Rauchwolken zu einem launigen\nOrnament zusammenfügen.\nVon der ernsten Seite gibt er sich in den Gedichten\ncWhy not, my soul’ und ‘Christmas in Town’.\nWhy not, my soul.\nWhy not, my Soull—why not fare forth and fly\nFree as thy dreams were free !—with them to vie:\nThere thou wert hold—thou knew'st not doubt nor fear,\nThy will was there thy deed—ah, why not here ?\nThou need'st hut faith to carry thee on high!\nA thousand things that others dare not try,\nA thousand hopes thy heart doth prophesy,\nThou knowest the Master Word, Oh speak it clear!\nWhy not, my soul?\nLei not this world of little things deny;\nBreak thy frail bonds and in those dreams rely.\nTrust to the counsels of that other sphere;\nLet that night1s vision in the day appear.\nWalk forth upon the water,—wing the sky!\nWhy not, my soul?\nChristmas in Town.\nThis is the magic month of all the year\nHolding the children’s golden prescious Day\nOf which, with eager eyes, we hear them say\n(fln three weeks,—two weeks,—one week ’t will be here!”\nThe sparkling Windows of the shops appear\nIn fascinating wonder-bright array;\nWith holly and with greens the streets are gay;\nThe bustling town begins its Christmas cheer,\nNow secret plots are whispered in the hall,\nMysterious parcels to the door are hrought,\nAnd busy hands are half-done gifts concealing\nThe Eve is here; with lighted tree and all!\nAnd Santa Claus, with merry marvels fraught,\nBefore the dawn, across the roofs comes stealing.\nEin vorzügliches Stück seines echten und amerikanischen\nHumors ist die Eisenbahnhumoreske:\ncThe Pitfalls of Mysticism.’\nMonotony, C. P. R. R.,—a Station and two small\nwooden buildingsj a blank waste of prairie, a line of\ntrack, straight to the level horizon, a cloudless sky. The\nOgden Express, (East-bound) is waiting upon a siding. A\ndistant whistle, a faint hum, a vibrant roar,—a pounding.\n\n*)\n) deskriptiven Teil der Flora nicht zu vernach-\nlässigen, führe ich einige Titel an;\nBoston: Miss Blue Stocking; Paragraphs; The Truth in Boston;\nThe Black Cat; The Shadow.\nCincinnati: The New Bohemian; The Blue Book.\nNew-York: Chips; The Philistine; Whims.\nKansas: The Lotus. Fast alle in Octavformat."}, {"page_pdf": 111, "page_imprimee": "347", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.111", "texte": "TITELBLATT\nGELETT BURGESS\n\nELLIPTICAL WHEELS\nGELETT BURGESS\n\nrattling rush of noises, and the West-bound Chicago\nLimited throws itself alongside the Station, panting and\nthrobbing. The air-brakes settle back with a long hiss, the\nescape-valve roars hoarsely, a cloud of vapour rising like\nthe Genie emerging from the Bottle, while the locomotive\ndrinks eagerly from the tank. Dusty travellers crawl from\nthe coaches, and pace stifHy up and down the board walk,\nin the sunshine.\nA young man with golf cap and cigarette, walks\nleisurely down the alley between the trains, and seats\nhimself upon the steps of a Vestibüle of the Ogden Express.\nDirectly opposite him is the platform of the last Pullman\nof the Chicago Limited. Through the door of this coach,\nenters to him, a young woman,—a lady, by every proof\nof face, dress and bearing. She holds in one hand a note-\nbook and Stands by the iron rail of the platform after\nglancing frankly at the young man. After a mimite she\nspeaks,—always in a low, dreamy, almost impersonal tone\nand manner. He is keenly sensitive, yet obviously restrained,\nas if uncertain of the niceties of his replies.\nShe: Are you,—what is called conventional ?\nHe: I beg your pardon,—are you speaking to me?\nShe: To you—yes, in a way. To the individual You,\nnot to the personal You, though. Do you know what\nI mean?\nHe: Why, yes, I think so;—yet if I do know what\nyou mean, there is no need of asking such a question,\nis there?\nShe: That ’s very true. Still, it was such an effort to\nspeak at all. You might so easily have misunderstood me.\nHe: You can trust me,—we are of the same caste, I\nassure you,—and there are some things that even a man\nknows by Intuition.\nShe: You think so? Then you think we can say what\nwe really think, without disguise, in these three minutes?\nThe porter said we were to stay here only three minutes.\nHe: But why for only three minutes?\nShe: Ah, that ’s the mystery of it all! Why is it? Yet\nif it were for longer, I would never dare speak to you at\nall. But it has seemed so stränge to me,—these flying\nglimpses of people;—like images seen in a flash-light\npicture, and then fading away into nothing. I could nt\nstand it. It seemed as if I must speak to some one, and\nsay something real, and then be swept apart. What does\nit all mean? Do you think we have ever met before?\nHe: Why, yes,—l know it.\nShe: You feel it too? Oh, I wonder when! Perhaps\nthousands of years ago;—who knows?\nHe: But we shall meet again, shan’t we?\nShe: Ah, yes,—perhaps;—thousands of years hence,\nmay be. I wish I could feel sure of it!\nHe: I feel sure of it.\nShe: Do you? I wonder how we shall know each\nother! If I could only give you some word to know me\nby! Some message for you to keep! I feel as if you were\non some passing star, and I trying to speak to you, before"}, {"page_pdf": 112, "page_imprimee": "348", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.112", "texte": "you were swept into space again. It ’s all like a dream!\nI wonder if you understand why I am talking to you\nlike this!\nHe: I think I understand you better than you under-\nstand me.\nShe: Why? But there is the bell, and I shall never\nknow—tili the next time. Good-bye! See, your train is\nmoving, you must hurry! Good-bye! Oh, oh! get on\nyour train, please! Oh, you will be left! Why don’t you\ngo? You must go!—There, the train has gone! What\ndo you mean? You must n’t follow me, you will spoil\neverything. Oh, why did I begin this! What are you\ngoing to do?\nHe: lam going to Ogden. I hope you will for-\ngive me!\nShe: But you were on the other train!\nHe: For three minutes only.\nI have been in this car, four\nseats behind you, ever since we\nleft Chicago!\nBruce Porter, als europäisch\ngeschulter trefflicher Maler in\ngrossem dekorativen Stil bekannt,\noffenbart auch in seiner ethischen\nund dichterischen Anschauung\neine grossangelegte idealistische\nNatur, die gegen das gemeine und\nunwahre Banausentum eine tief\nironische Abneigung hat.\nBesser, als eine Umschreibung es\nvermag, charakterisieren ihn seine\nSachen selbst, wie z. B. nach-\nfolgender Prolog zur Lark:\nccHark! hark! The Lark at\nheaven’s gate sings!”\nA new note—some of the\njoy of the morning —set here\nfor the refreshment of our souls\nin the heat of mid-day.\nWith no more serious in-\ntention than tobe gay—to\nsing a song, to teil a story;—\nand when this is no longer to\nour liking, when the spring\ncalls, or the road invites,—\nthen this little house of pleasure\nwill dose its doors; and if you have cared for our singing,\nand would have more of it, thenyou must follow us a-field.\nFor, after all, there ’s your place and ours—there you\nmay hear the birds callin g, and see trees blowing, and\nknow the great content of the earth. Meantime, shut in\nthe town, we shall blow our nickel pipe, to make you\nbelieve it is a reed, and that you dance, garlanded, to its\npiping.“\nVon seinen Zeichnungen ist der (erheblich verkleinerte)\n~ flötende Fauncc reproduziert.\nAls illustrierende Gehilfen geben der Lark Willis Polk,\nErnest Peixotto und Florence Lundborg Beiträge. Peixotto\nvariierte in sinnreicher Weise das Thema der Lerche, die auf\ndem Titelblatt der Zeitschrift nach verschiedenen Citaten be-\nkannter Dichter dargestellt wird, und von ihm stammt auch\nder witzige Einfall des cßetour de l’impressioniste’.\nDie äufsere Ausstattung der\nLark ist gesucht einfach; das\nPapier ist gelb und so dünn, dafs\nes nur einseitig bedruckt werden\nkann. Aber trotz dieser scheinbar\ngesuchten Naivität und auch trotz\nder grofsen litterarischen Vorbil-\ndung, die die Lark voraussetzt,\nist eine echte künstlerische Unbe-\nfangenheit vorhanden. Mögen uns\nBurgess’ Späfse auch manchmal\nzugespitzt und fremdartig Vor-\nkommen, ein starker Humor, der\ndem Leben wirklich überlegen ist,\nkämpft einen frischen, fröhlichen\nKampf gegen die fin de siede Pose\nselbstgefälliger Müdigkeit; wir\nschulden, denke ich, den tapfern\nStreitern im fernen Westen für\nihren altmodischen Idealismus\neinen freundlichen Zuruf.\nWenn es der eigentliche Sinn\nund die beinahe ethisch zu\nnennende Aufgabe eines ameri-\nkanischen Chap-Books ist, die un-\nbefangene künstlerische Auffassung\ndes Lebens dem humorlosen, has-\ntigen Tagesgetriebe entgegenzu-\nstellen, dann ist die cLark’ unter\nden vorhandenen Zeitschriften\ndieser Art die beste.\n\nA. Warburg"}, {"page_pdf": 113, "page_imprimee": "n. p.", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.113", "texte": "SELBSTPORTRÄT\nW. STRANG\nORIGINALRADIERUNG PAN II 4."}, {"page_pdf": 115, "page_imprimee": "349", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.115", "texte": "Inhalts-Verzeichnis\nPAN Zweiter Jahrgang Viertes Heft\nDichtungen Seite\nKlaus Groth\nSpruch 269\nGuftav Falke\nDas göttliche Sdoweigm 270\nZw&i\nHans Bethge\nMeerbild 272\nHermann Heiberg\nWas der Tod erzählt 273\nOtto Ernft\nIm Gartm 276\nOtto Erich Hartlebm\nElegie 277\nMax Beyer\nParabel 278\nHans Bmzmann\nDie Hochzeit yu Kana 280\nEduard von der Hellm\nSeime 281\nKarl von der Heydt\nDas Abmdmahl 285\nWilhelm Holzamer\nFlammm 286\nHans Müller-Brauel\nEine Novembererinnerung 287\nKarl Bulcke\nKleine Legmde 290\nCarl Mönckeberg\nScherzo 291\nAuf/ät^e\nMagnus von Wedderkop\nKarl Friedrich von Rumohr 292\nW von Seidlitz\nHamburger Privatfammlungm 297\nDie Wandteppiche\nder Webfchule zu Scherrebek 299\nAlfred Lichtwark\nVom Dilettantismus 301\nOtto Ernß\nDie Kunß und die Maßen 309\nAlfred Lichtwark\nHamburg 313\nWilhelm Bode\nBerliner Akademie 325\n❖\nFrhr. E. von Bodmhaufm\nEnglifche Kunß im Haufe 329\nSeite\nFrhr. E. von Bodenhaufm\nDas mglifche Budo 337\nArchibald Charteris\nZeitgenöfßfche mglifche Novelliftm .... 341\nA. Warhurg\nAmerikanifche Chap-Books 345\nKunßbdlagen\nvor Seite\nHcms Olde\nKlaus Groth (Originalradierung) .... 269\nArtur lUies\nMondaufgcmg ( . . 281\nJ. Alberis\nBlühmde Hallig (Netzätzung) 291\nThomas Herbß\nAm Finkmwärder-Deich (Lidotdruck) . . 301\nPh. O. Runge\nFßanzmfludien mit Scheere und Papier\n(Holzfchnitte) 309\nVälmtin Ruths\nMairegm (Lidotdruck) 325\nEngland - Amerika.\nWilliam Roihmftdn\nWalter Creme (Origmallithographie) ... 329\nWalter Creme\nThe Peacock-Gardm, Tapete (Netzätzung) . 333\nWilliam Morris\nTitelfeitm-Zeichnungen (Strichätzung) . . . 337\nPmnell\nKüftmlemdfdoaft (Originallithographie) . . 341\nW Bradley\nTitelfeitm- Zeichnung (Strichätzung) . . . 345\nW Strang\nSelbftportrait (Originalradierung) .... 349\nAbbüdmgm im Text\nbeite\nJ. Alberts\nBefudo auf der Hallig 296\nOtto Eckmann\nWebereivorlage 350\nInitialm 292, 325\nE. Eitner\nRahmm 271\nDas Burgthor in Lübedi 324\nJulius von Ehrm\nMondfdoein 291"}, {"page_pdf": 116, "page_imprimee": "350", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.116", "texte": "Seite\nArtur lüies\nBootfteüe 269\nSchlußftück 272\nOrchidee 273\nSommer 278\nJakobikirchhof (nach einer Radierung) . . 298\nP. Kayf er\nDorfftraße 280\nLandfee 284\nGotthard Kühl\nAlte Straße in Lübeck 287\nFrit\\ Mackenfen-Worpswede\nStudie 289\nAlfred Mohrbuiter\nWebereivorlagen: Melancholie 299\nWinter 300\nAbendröte 300\nLeo Prochownik\nSchlußftück 275\nValentin Ruths\nThauwetter 276\nA. Siebelift\nAm Elbdeich 286\nSchifferboote 297\nHafen 319\nH. Vogeler-Worpswede\nDornröschen 277\nJ. Wohlers\nBär 328\nMitglieder der Gefellfchaft Hamhurgifcher Kunftfreunde\n(Dilettanten).\nFrau L. Bohlen\nDiftel 301\nDiftelkopf 308\nFrau Dr. Engel-Reimers\nZierleifte 321\nTafel (Runge)\nFräulein E. Ferber\nBerberitzen 303\nFräulein Mary Hertz\nPlakat der Düettantenausftellung .... 304\nZierleifte 315\nFräulein M. Kortmann\nHausthür 306\nHerr Lorenz F Mayer\nFachwerkbau in Bergedorf 312\nSeite\nFräulein Ebba Tesdorpf\nAus dem alten Hamburg 302\nAlte Hamburger Diele 305\nButenkaien in Hamburg 307\nFrau Marie Zacharias\nAlte Hamburger Diele 305, 323\nFuhlentwiete 313\nTafel (Runge)\nEngland.\nAubrey Beardsley\nBuchdeckel ~.338\nJ. H. Chamberlain\nSigurd und Brünbüd, Thürvorhang . . . 331\nWalter Creme\nZeichnung für Kinderbuch 340\nLaurence Housmcm\nBuchdeckel 339\nWickham Jarvis\nLehnftuhl 333\nHarrifon Townfend\nTapete 329\nKapital 334\nAus dem Entwurf zur Bildergalerie in\nWhitechapel 335\nLandhaus 336\nC. J. Vbyfey\nDamenfchreibtifch 333\nFries 337\nSehlde von Birmingham: Wandleuchter und ge-\ntriebenes Becken . . • 334\nBeleuchtungskörper 334\nAmerika.\nBruce Portei'\nFlötender Faun 341\nPhiliftine, the\nTitelblatt 344\nChap-Book\nTitelblätter 345\nGeleit Burgeß\nTitelblatt %u The Lark 347\nEUiptical Wheels 347\nVignette 346\nP&ix-Otto\nLe retour de ITmpreffionifte 348\nDiefem Heft liegt hei eine Anzeige der Neuen Bremer Sonntagshefte, her am ge geben von Müller-Brauel,\nfowie das Ausfielhmgsprogramm der Königl. Hof- Kmifihcmdlung Ernß Arnold im Dresden.\n\nWEBEREIVORLAGE\nOTTO ECKMANN"}, {"page_pdf": 117, "page_imprimee": "351", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.117", "texte": "DIE KÜNSTLER- UND DIE VORZUGSAUSGABE ENTHALTEN:\nAUSSER DEN AUCH IN DRUCKEN DER ALLGEMEINEN AUSGABE BEIGE-\nHEFTETEN ORIGINALEN (OLDE, ILLIES, PENNELL, ROTHENSTEIN, STRANG)\nUND AUSSER DEN REPRODUKTIONEN (NACH ALBERTS, HERBST, RUNGE,\nRUTHS, CRANE, MORRIS, BRADLEY\nALS BEILAGE FÜR DIE MAPPEN IN LOSEN FOLIOBLÄTTERN DIE ERSTEN\nDRUCKE VON;\nHANS OLDE, KLAUS GROTH, ORIGINALRADIERUNG\nARTUR ILLIES, MONDAUFGANG, ORIGINAL-FARBENÄTZUNG\nWILLIAM ROTHENSTEIN, WALTER CRANE, ORIGINALLITHOGRAPHIE\nPENNELL, KÜSTENLANDSCHAFT, ORIGINALLITHOGRAPHIE\nW. STRANG, SELBSTPORTRÄT, ORIGINALRADIERUNG\nSOWIE ALS SONDERBEILAGE;\nS. WENBAN, LANDSCHAFT, ORIGINALRADIERUNG\nDRUCKVERMERK:"}, {"page_pdf": 118, "page_imprimee": "352", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.118", "texte": "DRUCKVERMERK: ZWEITER JAHRGANG, VIERTES HEFT:\nES WURDEN GEDRUCKT VON DIESEM HEFT: SIEBENUNDDREISSIG NUME-\nRIERTE EXEMPLARE AUF KAISERLICHEM JAPAN FÜR DIE KÜNSTLER-\nAUSGABE, FÜNFUNDSIEBENZIG NUMERIERTE EXEMPLARE AUF KUPFER-\nDRUCK FÜR DIE VORZUGSAUSGABE, EINTAUSENDDREIHUNDERT EXEM-\nPLARE AUF KUPFERDRUCK FÜR DIE ALLGEMEINE AUSGABE\nDIE ORIGINALRADIERUNG VON HANS OLDE WURDE GEDRUCKT BEI\nO. FELSING IN BERLIN\nDIE ORIGINALRADIERUNGEN VON W. STRANG UND S. WENBAN BEI L.\nANGERER IN BERLIN\nDIE ORIGINALLITHOGRAPHIEN VON PENNELL UND VON ROTHENSTEIN\nBEI THOMAS WAV IN LONDON\nDIE ORIGINAL-FARBENÄTZUNG VON ARTUR ILLIES VOM KÜNSTLER\nSELBST Bä®BK&BK&BäsaB»»BKaB»&BKB:SKaSJi&Sä®BKa«S®e»aBKSBK»SKasS®aK&BKS®K&SKaBS®\nDIE LICHTDRUCKE NACH WERKEN VON HERBST UND RUTHS BEI A.\nFRISCH IN BERLIN\nDIE NETZÄTZUNGEN NACH ALBERTS UND WALTER CRANE WURDEN\nHERGESTELLT BEI G. BÜXENSTEIN UND CO. IN BERLIN, DIE STRICH-\nÄTZUNGEN NACH W. MORRIS UND BRADLEY BEI A. FRISCH EBENDA\nUND GEDRUCKT IN DER OFFIZIN W. DRUGULIN IN LEIPZIG\nDIE AUTOTYPIEN UND ZINKOS DER ABBILDUNGEN IM TEXT BEI G.\nBÜXENSTEIN & CO., A. FRISCH UND MEISENBACH RIFFARTH & CO. IN\nBERLIN\nDIE JAPANPAPIERE DER KÜNSTLERAUSGABE UND DER VORZUGS-\nDRUCKE LIEFERTE R. WAGNER IN BERLIN, DAS KUPFERDRUCKPAPIER\nE. OBST & CO., STRASSBURG-BERLIN.\nDIE AUFLAGE SELBST SOWIE DER UMSCHLAG WURDE HERGESTELLT\nIN DER OFFIZIN W. DRUGULIN IN LEIPZIG, GEBUNDEN IN DER BUCH-\nBINDEREI-AKTIENGESELLSCHAFT VORMALS G. FRITZSCHE IN LEIPZIG\nUND WIRD AUSGEGEBEN BEI F. FONTANE & CO. IN BERLIN\nIM AUFTRAG DER GENOSSENSCHAFT PAN\nDIE REDAKTION: BERLIN W. 35. KURFÜRSTENSTRASSE 44\nDR. CÄSAR FLAISCHLEN\nAM FÜNFZEHNTEN APRIL EINTAUSENDACHTHUNDERTSIEBENUND-\nNEUNZIG"}, {"page_pdf": 120, "page_imprimee": "354", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabe189704-01.1.120", "texte": "‘ x • ~ ■\nvcm i*. ummim m sssme\n■ ■\"'/ •■’\n■ ■ -' -"}]}